Sonntag, 28. Februar 2010

Ich Sehe Was, Das Du Nicht Siehst

Also das Wichtigste gleich mal zuerst: Ich bin vollständig rehabilitiert.
Heißt: Ab dem morgigen Tag hat die Welt mich wieder, vor allem die Arbeitswelt - von früh bis spät. Ob sie das erträgt, weiß ich nicht. Ob ich das ertrage, weiß ich erst recht nicht ;-)
Ich weiß nur, dass das vergangene Jahr mich extrem viel Kraft gekostet hat, in so ziemlich jeder Hinsicht. Und ich bin froh, dass ich 2009 hinter mir lassen konnte. Dass ich irrsinnig viel Lebensfreude in jedem Zentimeter von mir von dem Moment an verspürte, kaum dass die ersten Sonnenstrahlen einen Hauch von Frühling mit sich brachten. Nein, ich bin keiner, der mit der Masse meckert und sagt: "Schluss mit Winter, genug davon." Dennoch genieße ich es sehr, morgens in mein Wägelchen zu steigen und nichts freikratzen zu müssen, nicht in die eiskalten Hände hauchen zu müssen, keine Angst haben zu müssen, von der vereisten Straße zu rutschen. Ja, gehört auch alles zum Winter, trotzdem bin ich froh. So wie ich auch froh war, als ich nach einigen Stunden Fahrt heut Abend in mein kleines süßen Zuhause kehrte und sah, dass die Tulpen noch längst nicht verblüht waren.




Und so öffnete ich Türen und Fenster, ließ milde Abendluft in mein Heim, drehte die Musik auf, entpackte Taschen und Tüten, sang und tanzte durch die Räume und lebte eine Freude, die mir in den letzten Wochen und Monaten ziemlich abgegangen war.


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Also bitte versteht mich nicht falsch: Auch aus gegebenem Anlass muss ich hier unbedingt anmerken, dass es mich zuletzt oftmals in die Knie gezwungen haben mochte, jedoch niemals, wirklich niemals habe ich mit dem Gedanken gespielt aufzugeben. Mich selbst aufzugeben. Für den einen oder anderen mochte ich so geklungen haben. Für den einen oder anderen mochte ich auch nicht mehr die Helma gewesen sein, die sie im Grunde kannten. Und vielleicht bin ich es auch gar nicht mehr. Vielleicht bin ich heut ein anderer Mensch. Ich stelle mir hier gar nicht die Frage, ob besser oder schlechter - nur anders. Früher zum Beispiel war ich wesentlich impulsiver, ich hab einfach drauflos gelebt, gelacht, geredet, wie es mir gerade in den Sinn gekommen war - und ohne darüber nachzudenken, wie ich auf die Menschen gewirkt haben mochte. Klar, dass hat nicht nur Missverständnisse mit sich gebracht. Ebenso musste ich die Erfahrung machen, dass es zuweilen auch Verletzungen mit sich bringen kann, auch wenn es niemals meine Absicht gewesen war.
Wie ist es heute? Heute neige ich dazu, meine Empfindungen und Gedanken in mir selbst und mit mir selbst zu verarbeiten. Ich erlebe die Menschen und die Welt um mich herum, lasse sie oft auf mich wirken, oft ohne zu fragen oder etwas zu sagen. Zumindest brauche ich heute mitunter eine ganze Weile, ehe ich meine Gedanken zum Ausdruck bringen kann. Ich nehme es an, als ein Geschenk oder nicht, doch was mich immer berührt, ist das Dazwischen...
Das, was zwischen den Zeilen steht.
Das, was in den Gesten steckt.
Das, was unausgesprochen im Raum hängenbleibt.
Das, was ich sehe und Du nicht.
Mit all diesen Eindrücken, Gedanken und Empfindungen vergrabe ich mich in meiner Musik, schwinge mich auf meine Rollschuhe, male, schreibe - oder dekoriere meine Wohnung neu. Und wenn ich gar nicht mehr weiter weiß, dann laufe ich zu einem Menschen, dem ich alles sagen kann, wo ich meinen Kopf auf seine Beine legen und weinen kann, ohne mich auch nur für irgendetwas schämen zu müssen, ganz gleich, ob es recht oder unrecht war, das ich tat.
Inzwischen habe ich gelernt, dass es nicht immer etwas zu sagen, nicht immer etwas zu tun gibt. Ich habe gelernt, dass manches die Zeit mit sich bringt - oder auch nicht. Und dass es entscheidend ist, dass man immer jemanden bei sich, mit sich, um sich weiß, zu dem man eben gehen kann. Das ist mit nichts zu bezahlen. Ich weiß noch, in früheren Zeiten... Da hatte ich ein Einkommen, ein Auskommen, eine - wie man so sagt - gut situierte Familie (zumindest nach außen). Oder - wie man auch sagt - ein goldener Käfig. Als ich diesem Käfig entflohen war, fand ich mich beinah ganz allein wieder. Mein erster Geburtstag in "Freiheit", auf den ich mit mir selber anstieß. Mein erstes Weihnachten in "Freiheit", auf das ich mit soviel Rotwein anstieß, bis es nicht mehr schmerzte.
Dennoch... Wie heißt es doch so schön: "Der Schmerz ist es, der dich lehrt, wer du wirklich bist."
Heut bin ich ein Mensch, der gern allein ist, der aber nicht allein leben, sein Leben nicht allein verbringen möchte.
Heut bin ich ein Mensch, der mitunter allein, aber nicht einsam ist - weil es Menschen gibt, die an den guten Dingen in mir graben wie die Schatzjäger - und die sich nicht nur mit mir freuen, wenn es mir gut geht, sondern auch mit mir weinen, wenn es mir nicht gut geht.
Heut bin ich ein Mensch, der sich mehr und mehr von Vergangenem löst und auf das Neue freut.
Heut bin ich ein Mensch, der noch immer gern Dinge vor sich her schiebt, bis es beinah pressiert; der - wenn überhaupt - erst beim dritten Mal Klingeln ans Telefon geht; der Gewohnheiten gern mal zu ungeschriebenen Gesetzen umfunktioniert, wenn es ihm passt; der beinah täglich seine Überzeugungen ändern kann, nicht aber die Dinge, an die er wirklich ehrlich glaubt; der auch zum tausendsten Mal seine Schere sucht, weil er nicht weiß, wo er sie zuletzt hingetan hatte; der so gut mit Improvisationen leben kann, bis es ihm erscheint, als sei es niemals anders gewesen - und der aber noch immer tolerant genug ist, Euch allen genau das auch zuzugestehen und so ziemlich jede Lebensform zu akzeptieren und zu tolerieren - solange es niemanden verletzt.
Ob das nun gut ist oder schlecht, genauso wie früher oder doch anders... Wie gesagt, ich finde entscheidend, dass man immer jemanden mit sich weiß, auf den man sich verlassen kann.
Ich pack mir jetzt erst mal ein paar Gelee-Bonbons aus. Das ist die so ziemlich einzige Konstante, die ich mir aus dem früheren Leben bewahrt habe ;-)


Sonntag, 21. Februar 2010

Die Einen Geh'n Zum Karneval...


...die and'ren geh'n ins Hospital.Hatte ich mir nach gut zwanzig Jahren vorgenommen, mich herrlich schräg und verrückt angezogen mal wieder ins närrische Treiben zu stürzen, Faschingsluft zu atmen und wunderbar ausgelassen zu sein, so fand ich mich statt dessen eines schönen Abends in der Notaufnahme eines Klinikums wieder, stundenlang liegend auf einer Unterlage, mit der man mich bequem über diverse Gänge zwischen den Abteilungen "Urologie" und "Innere" hin und her schob, ehe man sich einigen konnte, wohin ich denn nun gehörte. Zwischendurch lag ich auch mal irgendwo auf einem Gang, wie bestellt und nicht abgeholt. Offen gesagt, mich selbst kümmerte das inzwischen herzlich wenig, befand ich mich doch auf dem Weg zwischen Himmel und Erde, zwischen Fiebertraum und Wirklichkeit, schlief ich auch mal mit angezogenen Beinen auf eben dieser Unterlage ein, ehe mich eine Krankenschwester wie zufällig fand und in das nächste Untersuchungszimmer schob und sich mal der eine, mal der andere Arzt mit dem Ultraschallkopf Einblicke in meinen Körper verschaffte, mir Blut genommen oder Substanzen injiziert wurden, ehe man sich entschloss, der Einfachheit halber doch mal einen ständigen Zugang zu legen.Für diesen Zugang war ich spätestens dann echt dankbar, nachdem der Assistenzarzt seine Untersuchungen an mir bestimmt zum vierten Mal schlagartig unterbrach, fluchtartig das Zimmer zum nächsten Notfall verließ und statt seiner eine Schwester mit gezückter Spritze erschien: "So, jetzt gebe ich Ihnen mal ein bisschen CDA!"Was auch immer CDA sein mochte (sofern ich es richtig verstanden hatte in meinem ganz persönlichen Nirvana) - der Assistenzarzt kehrte noch rechtzeitig zurück, um zu erklären, dass jene Spritze zur Patientin im Nebenzimmer gehörte ;-)Ich weiß noch, den ersten Tag, den ich mich wieder auf meinen Beinen bewegen konnte, orientierte ich mich in diesem Krankenhaus nur mit zurückgelegtem Kopf: Etwas anderes als die Deckenmalereien hatte ich ja bis dato noch nicht kennen gelernt ;-)Die unangenehmen und unschönen Details, wie man sich ansonsten noch Einblicke in das Innere eines Menschen verschaffen kann, erspare ich Euch an dieser Stelle ;-) Wichtig ist ja ohnehin, dass ich inzwischen die Klinik verlassen konnte mit einem halbwegs wiederhergestellten Gesundheitszustand, dass ich auch wieder auf meinen Beinen stehen und gehen kann und in hoffentlich alsbaldiger Zeit auch sonst alles wieder so ist wie es vorher war. Als lustig empfand ich dennoch jenen Abend, als die Nachtschwester zu mir ans Bett trat und mir nach einem Blick auf die Spritze in ihrer Hand schlagartig die Vorzüge einer adipösen Bauchdecke bewusst wurden. Trotzdem tat sie weh - aber was dann passierte, war einfach nur genial: "Jau Helma, du kannst fliegen! Los, ab offs Fensterbrett und hoch die Arme, mach die Flatter!" Mir war so leicht und goldig zumute, dass ich das am liebsten auch getan hätte, einzig die Infusionskabel hielten mich zurück und auch der Gedanke, dass es im Gegensatz zu meinem Bett draußen eisig kalt war.
"Was für ein Teufelszeug", erklärte ich begeistert der Frühmorgenschwester, "sagen Sie, war das ein Mittel zur Verjüngung? Soll ich mich wieder wie vierzehn fühlen? Schauen Sie sich mal mein Gesicht an - so viele Pusteln hatte ich aber da nicht mal in der Pubertät!"
Geantwortet hat sie nicht, sich aber auf dem Absatz rumgedreht und mir ob der heftigen allergischen Reaktion auf das Medikament den nächsten Klinikarzt an den Hals geschickt ;-)
Und wenn ich heute so meine Arme beschaue, dann bin ich froh, dass keine Sommerzeit ist, wo ich mit Sicherheit Gefahr gelaufen wäre, an der Straßenbahnhaltestelle als Drogenjunkie aufgegriffen zu werden.

Und so kehrte Yeti Helma eines Tages wieder nach Hause, zurück in eine menschenleere, kalte Wohnung ohne Blumen zur Begrüßung, dafür aber mit einem gut geleerten Kühlschrank, in dem die hinterlassenen Reste fröhlich vor sich hingammelten, und auch sonst mit einigem zu tun, um es halbwegs wieder heimelig zu bekommen. Anschließend gönnte ich mir ein Bad und entfernte jeglichen Haarwuchs, der in der Klinikzeit munter vor sich hingewuchert war. Immerhin hatte ich einen Freund in der Nachbarschaft gebeten, mir so einen Einwegrasierer in der Klinik vorbeizubringen, woraufhin er mich entgeistert fragte: "Sach ma, hast du keine anderen Sorgen?" und ich antwortete: "Nur weil ich mich scheiße fühle, muss ich ja nicht auch so aussehen und ich hab leider meine Pinzette nicht dabei." Mir diesen Rasierer zu bringen hat er leider bis heute nicht geschafft - aber nun bin ich ja wieder daheim und somit in Besitz von Pinzette, Epilierer & Co. ;-) Und nach einigen sehr unschönen Telefonaten und Anrufen, die Erkrankungen zuweilen mit sich bringen können, sperrte ich meine Wohnungstür ab, verbarrikadierte mich an diesem wundervoll milden Wochenende in meiner Wohnung, verließ sie nur einmal, um etwas Futter heranzuschaffen und verkroch mich ansonsten, um meine Wunden zu lecken, brav meine Medikamente zu nehmen und ansonsten neue Lichtungen in den Wald zu schlagen, der sich ungetüm und scheinbar undurchdringlich vor mir aufgetan hatte. Aber eben nur... scheinbar... Manchmal können wir Dinge und Entscheidungen ewig lang vor uns herschieben und dann genügt ein einziger Moment, um uns auf die Beine zu bringen. Nun, vielleicht sollte ich doch die Lesung "Aufschieberitis" besuchen und mir dort das letzte Handwerkszeug in die Hand legen lassen, das mir noch fehlte, um endlich aktiv zu werden. Die Erinnerung dazu jedenfalls lag in meinem Postkasten und entsorgt habe ich sie noch nicht. Vielleicht aber... sollte ich einfach auch endlich mal mit der Theorie aufhören und in die Praxis übergehen. Mit oder ohne Lesung, schließlich weiß ich doch, was ich will. Und was vor allem nicht!
Denn eins ist mir klar geworden: Werde ich nicht aktiv, trage ich das ganze Jahr die Narrenkappe - ob nun Fasching oder nicht. Und was es mit diesem "aktiv werden" genau auf sich hat, erzähle ich Euch... zu gegebener Zeit ;-)
Jetzt lege ich mich erst mal schlafen, das macht nämlich auch gesund.

Eure Helma

Dienstag, 9. Februar 2010

Globale Eiszeit

Also mich wundert ja echt, dass in diesem Winter noch niemand diesen Begriff geprägt hat: "Globale Eiszeit". In weiten Teilen Deutschland schneits, in den meisten anderen Teilen haben wir knackige Eiseskälte und durch festgefrorene Schneereste arschglatte Wege.
Hört man sich so um: Beinah ein jeder hat die Nase voll von Peterchen Frost.
Grad muss ich beim Schreiben ein bisschen lachen, weil mir einfällt, dass man es uns Deutschen vermutlich wirklich niemals recht machen kann: Haben wir Sommer, ist es zu heiß; haben wir Winter, ist es zu kalt und wenn wir all das eine kurze Weile ertragen haben, beginnen wir zu jammern und uns nach dem zu sehnen, das wir gerade nicht haben ;-)
Also wenn Ihr mich fragt: Auch ich hab das meiste meiner Winterausstattung aus dem Schrank geworfen und gegen die farbenfrohe Frühlingskollektion eingetauscht. Jetzt ruht es da und wartet nur darauf, tagtäglich aus dem Schrank genommen zu werden.
Ich kann ja aber noch nicht!
Und jedesmal, kurz bevor auch ich in das allgemeine Jammern einstimme, besinne ich mich darauf, dass wir ja gerade mal Februar haben, es also durchaus zeitgemäß und rechtens ist, morgens in ein ausgekühltes Auto zu steigen, wo Dir fast die Finger am Lenkrad festkleben, wo es erst so langsam warm wird auf dem Sitz, wenn Du nach 30 km Fahrt das Büro bereits erreicht hast, Dir nach ein paar Metern Fußweg die knackige Kälte durch sämtliche Lagen Deines Zwiebellooks kriecht und Du nach eben diesen wenigen Schritten derart verfrorene Wangen herumträgst, dass Du spielend als "The Next Tomato-Top-Model" durchgehen könntest.
Und was tun wir in solchen Situationen? Genau. Dasselbe wie in den meisten anderen Situationen auch: das Beste aus allem machen.
Treffen uns abends mit Freunden bei einem Glas heißen Tee, entblättern unter einer Schicht Winterklamotten die ersten zaghaften Frühlingsfarben.
Kaufen einen Arm voll Tulpen.
Beginnen schon jetzt mit dem Frühjahrsputz, damit dann, wenn es soweit ist, genug Zeit zum Genießen statt Putzen bleibt.
Malen die Wände in der Wohnung kunterbunt - gegen all die Tristesse und Trübseligkeit der kahlen grauen Umwelt.
Fahren in ein Wellnesswochenende und nehmen uns Zeit nur für uns selbst. Oder gehen einfach mal wieder in die Sauna.
Und ehe Du Dich versiehst, sind vier Wochen um und der Frühling ist da.
Und wenn nicht... Dann gibts nen Plan B! Und für die Medien einen neuen Grund zur Massenhysterie :-)

Montag, 8. Februar 2010

Verdammt Lang' Her

...ist der Moment, an dem mein Großer auf die Welt kam. Um genau zu sein: Am heutigen Vormittag vor zwanzig Jahren war er endlich da, nach eineinhalb Tagen Wehen, und ich weiß noch, was mein allererster Gedanke war, als man mir das kleine Bündel Mensch in den Arm legte: Gott, der sieht ja aus wie mein Papa, nur in Miniatur :-)
Und was haben wir nicht alles mit ihm erlebt.
Ein nachtaktives Schreikind, das mit sieben Monaten die Kraft seiner nächtlichen Schreiattacken entdeckte und erst ein paar Tage vor seinem dritten Geburtstag schlagartig damit wieder aufhörte. Fragt mal meine damaligen Nachbarn, selbst die aus dem Haus gegenüber - die können Euch Lieder singen aus dieser Zeit - und das sind mit Sicherheit keine gute-Nacht-Lieder.
Ein Kleinkind, das Bugs Bunny abgöttisch liebte und mit knapp drei Jahren sämtliche Typen von Autos bereits an kleinen Details erkannte.
Ein Kind, das mit einer Komplettausstattung an Schal, Mütze & Co. von Hansa Rostock begeistert aus den Ferien von Oma und Opa wiederkehrte und dessen Briefe voll waren von neuesten Fußballergebnissen und -ereignissen, mit denen Mutter und Vater nun so gar nichts anzufangen wussten ;-)
Ein Schulkind, das schneller dachte als es sprechen konnte, das in der Feinmotorik völlig ungeschickt war, aber wunderschön zeichnen konnte. Von dem man uns sieben Jahre lang in dem Glauben ließ, es leide an Epilepsie, bis durch einen Zufall die Wahrheit ans Tageslicht kehrte, so wie wir der Psychologin den Rücken kehrten, die mit ihrem unübersehbaren Interesse für ondulierte gebleichte Locken, Perlenketten und Neckermann-Kataloge allen Ernstes vorschlug: "OK, keine Epilepsie, aber in die Sprachheilschule könnten Sie ihn doch wenigstens schicken."
Ein Teenie, der uns mit seinem fotografischen Gedächtnis begeisterte und bis heute ein Sozialverhalten entwickelte, von dem sich so einige ein Scheibchen abschneiden könnten.
Auf dieses Kind, das inzwischen längst kein Kind mehr ist, das gelassen auf mich herunterschaut, wenn ich mal wieder nervös werde; das mit aller Lässigkeit einen ganzen Wocheneinkauf auf Händen balanciert; das gerne eine Freundin hätte, sich aber nicht die Bohne für Dinge interessiert, die heute so angesagt sind; das noch mit dreizehn Jahren in die Klamotten des sechs Jahre jüngeren Bruders steigt, weil es glaubt, dass mitten im Februar Zeit für kurze Hosen ist ;-); das lieber auf sein erstes Mal verzichtet als es "nur so" und mit "irgendwem" zu tun - auf dieses und mit diesem goldigen Kind im Manne habe ich heute beim Italiener mit einem Kräutertee angestoßen, weil das Auspieseln jeglichen teuren Prickelwassers derart schmerzhaft ist, dass es das Wohlgefühl beim Hinuntergießen selbigen in die durstige Kehle nicht einmal annähernd kompensieren könnte.

Und so verabschiedet sich für heute eine müde, sich ausgelaugt und kränklich fühlende, in die Jahre gekommene Helma, die aber mächtig stolz ist auf das, was sie da in den zwanzig Jahren so hinbekommen hat. Und den Zweiten... kriegen wir auch noch so hin ;-)

Freitag, 5. Februar 2010

Höhenrausch

...heißt eines der Bücher meiner Lieblingsautorin Ildiko von Kürthy. Lieber Niels Holgersson, leider habe ich damit Deine Buchempfehlung knapp verpasst (der Titel war ähnlich, aber eben anders - und ich habe ihn noch immer vergessen).
Auch muss ich sagen, dass "Höhenrausch" ein bisschen den Esprit von "Herzsprung" vermissen lässt (soweit ich das nach den ersten siebzig Seiten vermelden kann).
Fakt jedoch ist: Nach so einem beschissenen Tag wie gestern, einem nur minder beschissenen Tag wie heute hellt sich die Stimmung in der Tat um einiges auf, wenn die emanzipierte, gleichberechtigte Frau von heute entspannt im heißen, duftigen Badewasser liegt, eines der Bücher besagter Autorin zur Hand nimmt und in der Zwischenzeit ihre Kinder in den Supermarkt schickt, damit das Abendessen gesichert ist.
TUI - das habe ich mir verdient. So.

Der Blitz Schlägt Immer Dreimal Ein

Zumindest kenne ich diesen Spruch so seit meinen Kindertagen.
Aber wie die meisten von Euch wissen, sind genau diese Kindertage seit ewigen Zeiten her, inzwischen hat sich so ziemlich alles revolutioniert - die Gleichberechtigung der Frau (sie konnte den stinkenden Kohleherd gegen einen mit umweltfreundlichem Ceranfeld tauschen, spart Zeit, in der sie dann entweder baden, lesen oder putzen kann - und kein Geld - weil, sie könnte in der Zeit ja auch shoppen gehen), das Wasser kommt warm "aus der Wand", die Wäsche muss nicht mehr auf dem Brett geschrubbt werden, Frau von heute fährt außerdem in nem schicken Mini statt auf nem rostigen Fahrrad und die Wohnung gleicht einem Hightech-Shop, wo für mindestens einen Handgriff mindestens zwei elektrische oder elektronische Hilfsmittel zur Verfügung stehen.
Das bedeutet nun aber - nach der langen Einleitung - ebenso, dass sich auch... der Titel meines heutigen Eintrags revolutioniert hat. Und während zu damaligen Zeiten der Blitz eben dreimal einschlug, so geschieht das mitunter heute fünfmal oder sechsmal - und ehe Du richtig Luft geholt hast, kracht es gleich noch einmal hernieder.
So siehts aus.
Und wie sieht das ganz konkret im Alltag aus?

  1. Menschen kündigen Dir die Freundschaft (dagegen bist Du machtlos, aber egal, wie weh es tut, Du nimmst es hin, weil manche Wege vielleicht eben einfach auch zuende sind).
  2. Neckigkeiten im Job schlagen eines Tages in handfeste Streitigkeiten um (es fehlte nur noch eine Handbreit Schlamm zum Catchen).
  3. Angestellte mit Bürokratenstatus erteilen Dir einen Sperrvermerk, weil die Anlage C zum Schreiben B des Bürokraten A noch fehlt - aber sagen Dir nix davon (Du merkst es nur, wenn der Lohn für harte Arbeitstage ausbleibt) - sie sind so überarbeitet, dass drei wohlgenährte Damen in einem Raum an jeweils einem gut ausgestatteten PC-Arbeitsplatz sitzen, neben sich eine halb geleerte Tasse Kaffee und sonst nix - gar nix - aber klimpern wie wild auf ihrer Tastatur herum, so dass Du genau weißt: Die Beschäftigung heißt "Internetsurfing" oder "Solitaire".
  4. Beim Einstieg in Dein Auto brummt es Dich derart laut an, dass Dir schlagartig klar wird: JETZT ist der nächste Besuch in der Werkstatt fällig - macht ja nix, der letzte ist ja erst drei Monate her.
  5. Beim Eintritt in Deine Wohnung brummt Dich noch lauter Dein pubertierendes Kind an, weil Du gewagt hast, seine angeregte Chat-Kommunikation mit der Liebsten zu unterbrechen, nur um so unnötige Dinge zu erfragen wie den Blick in das Hausaufgabenheft und auf etwaig gelöste Hausaufgaben. Doch schon beim Blick in das Hausaufgabenheft bist Du wie vom Donner gerührt: Drei Einträge in zwei Tagen - und zwei Einträge davon wegen flegelhaftem (möchte-gern-obercool, sagt Mutter Helma dazu) Benehmen Schülern und Lehrern gegenüber, wegen Null-Bock-Stimmung und leider Gottes auch entsprechenden Benotungen. Als es dann noch wagt zu fragen, wieso es nicht beim Freund übernachten darf, bricht ein Donnerwetter über das Haus Ziggenheimer herein - eins, von dem Du selber weißt: Es war lange, lange fällig. Doch wenn das Kind dann äußert: "Bin ich froh, wenn ich wieder beim Vater bin!" oder "Vielleicht sollte ich doch lieber beim Vater wohnen!" dann ist das ein Gefühl wie mindestens drei Blitzeinschläge auf einmal.
  6. Dich erreicht ein Anruf einer Lehrerin Deines Kindes - und Du erfährst so nebenbei noch ein paar Dinge aus der Rubrik "Was Sie über Ihr Kind noch nicht wussten, aber vielleicht wissen sollten."
  7. In der Nacht überfällt Dich Freund Schmerz so derart, dass Du weder schlafen noch atmen kannst und irgendwann vor lauter Selbstmitleid zu heulen anfängst, weil Du Dich alleine fühlst mit allem und einfach nicht weißt, wie Du alles und jederzeit bewältigen sollst.
Ja... Sieben Dinge - und alle sieben Dinge auf einen Schlag, sprich: an einem Tag. Irgendjemand sagte mir: "Dein Schmerz macht dich dünnhäutig und anfällig für Dinge, die du gar nicht nötig hast, so an dich heranzulassen." Hmm. Also ich weiß nicht. Wenn ich alle sieben Punkte so betrachte - bin ich dann eher nicht nur optisch ein Dickhäuter?
Denn Fakt ist eins: Wie es sich anfühlt, schmerzfrei zu sein, habe ich beinah vergessen.
Und wie sich Tage anfühlen, die einfach mal ruhig und seicht verlaufen... das weiß ich auch schon nicht mehr.
Aber habe ich mich deshalb jemals unterkriegen lassen?
Oder überhaupt jemandem von Euch gezeigt, wie es mir wirklich geht?
Näää, nämlich nicht - weil niemandem damit geholfen wäre - auch mir nicht. Und auch DAS kostet verdammt viel Energie.
Nun ja, oder ich bin ein klarer Fall für die psychologische Streckbank. Auskotzen auf Rezept.
Aber vielleicht... sollte ich ja einfach nur ein bisschen schlafen. Zwei Stunden in der Nacht sind definitiv zu wenig. Mit ein bisschen mehr Schlaf hätte ich mich heute Morgen jedenfalls nicht im Bad versteckt und geheult, nachdem ich den Anschiss der Obrigkeit mit aufs WC genommen hatte.
Sondern einfach mal gezeigt, was ne Harke ist, anstatt mich hier zum Hampelmann der Nation machen zu lassen.
Vermutlich aber... liegt das Problem darin, dass es sich bei meiner Harke eher... um eine dreizinkige Mini-Gartenkralle handelt.
Gut. Jetzt hab ich mich bei Euch ausgekotzt (bis zum nächsten Streckbank-Termin vergehen noch vier Wochen), trinke einen Kaffee mit viel Milch darauf und spüle - so gut es geht - den letzten Rest des Trübsals mit hinunter. Schließlich steht das Wochenende vor der Tür. Na also.