Donnerstag, 29. Dezember 2011

Mängelexemplar

Diesen Roman von Sarah Kuttner habe ich vor einiger Zeit von einer Freundin in die Hand gedrückt bekommen. Wenn ich ehrlich sein soll, hatte ich bei dieser mir mehr oder weniger bekannten Viva-oder-so-Moderatorin zunächst den Buchtitel "Feuchtgebiete" im Sinne und obschon ich jenes Buch nicht kenne (abgesehen von einigen Leseproben unter http://www.brigitte.de/liebe/sex-flirten/feuchtgebiete-leseprobe-566936/), fühlte ich mich leicht zwiespältig mit "Mängelexemplar". Bis ich irgendwann doch einmal hineinblätterte und feststellte: Sarah Kuttner ist ja Sarah Kuttner und gar nicht Charlotte Roche. Ich meine, ich bin bestimmt nicht prüde oder irgendetwas in dieser Art, aber ich bin dennoch der Meinung, dass nicht ALLES haarklein und haargenau beschrieben werden muss. Ich finde einfach, es gibt Dinge, die sollten im Verborgenen bleiben. So wie man auch alleine auf die Toilette geht und der Partner dir nicht dabei zusieht, wie du gerade ins Becken pieselst oder einen Pickel auf Nase oder Stirn entfernst. Bei mir zum Beispiel wird auch in dreißig Jahren kein Wasserglas mit den Dritten auf dem Nachttisch stehen. Ich meine, wenn ich morgens erwache, will ich ja auch nicht auf falsche Zähne im trüben Wasser gucken und anschließend krampfhaft versuchen, mich zu erinnern, wie der Liebste vor dreißig Jahren aussah, nur damit überhaupt so etwas wie Sex zustande kommt.
Anyway.
Der Weihnachtsurlaub hatte begonnen und trotz der mir selber auferlegten Abstinenz von Internet, Handy & Co. hat es ein paar Tage gedauert, ehe ich auch wirklich in Kopf und Seele ein wenig zur Ruhe fand. Heimgekommen zu den Eltern, sind wir stattdessen kreuz und quer über die Insel gelaufen, an der Küste entlanggewandert, selbst im Regen, und endlich ist der Alltag von mir abgefallen, der Kummer, die Sorgen der letzten Wochen, die Anspannungen, die Anstrengungen - und habe ich endlich auch nicht nur die Zeit, sondern auch die Muße gefunden, dieses Buch von der Kuttner in die Hand zu nehmen und sogar auch zu lesen.
Was soll ich sagen... Anfangs glaubte ich ja noch, es handele sich um einen Roman der Sorte Kürthy, bei denen du vergnüglich Seite um Seite wendest und in der immer wieder gleichartig beschriebenenen Normalo-Frau mit wenig Busen und viel Arsch und wenig Glück in der Liebe (bis zum HappyEnd am Ende des Buches) auch immer wieder dich selbst erkennst.
"Mängelexemplar" jedoch... ist kein Buch des Vergnüglichen. Dem Einband zufolge wird hier "mit bodenloser Leichtigkeit, selbstironisch und überschwänglich von der Verlorenheit erzählt, die manches Leben heute aushalten muss". Irgendwie stimmt das, aber irgendwie stimmt dieses Buch auch nachdenklich und schubst kleine Kugeln in meinem Kopf an, die anfangen zu schwingen, zu berühren und dabei Klänge zu erzeugen, die abwechselnd Melancholie, Traurigkeit, aber zugleich auch Sehnsucht und Zuversicht in mir wecken. Ich habe dieses Buch mit einer gewissen Faszination gelesen, die es mir zuweilen kaum möglich machte, mich davon zu lösen, um zu essen, zu trinken oder an den Küstenrand zu steigen: Ich wollte einfach wissen, wie die Geschichte ausgeht; ich wollte einfach wissen, wie es der Protagonistin gelingt, aus ihrem Käfig aus Angstattacken und Depression heraus- und zurück ins Leben zu finden. Beim Lesen entwickelte ich auch ein wenig den Verdacht, ob die Kuttner hier nicht auch ein Stück weit von sich selber schrieb. Wie sonst kann man so gut beschreiben, was in einem Menschen vorgeht, der unter Panikattacken und Depressionen leidet, der nachts nicht schlafen und tagsüber nicht zur Ruhe finden kann und lieber in einer miesen Beziehung hängt als ganz allein zu sein?
Das Buch beschäftigte mich noch, als ich es längst ausgelesen und aus der Hand gelegt hatte. Ein wirklich sehr gutes Buch, fand ich.
"...Ich bin ein Hauptgewinn!"
"...Du bist kein Hauptgewinn. Du bist ein Mängelexemplar. Ein zauberhaftes und liebenswertes Mängelexemplar, und wenn da draußen jemand ist, der das sehen kann, dann ist er ein Hauptgewinn..."
Ich glaube, dass man dieses Buch nicht in jeder Phase seines Lebens lesen kann - oder muss. Ich glaube aber, dass man diesem Buch durchaus einen guten Platz in seinem Regal zuweisen kann.
Auch in diesem Buch wird die Frage gestellt, ob wir heut mehr unter Luxusproblemen denn wirklichen Problemen leiden und wir heutzutage zu wenig robust, zu wenig resilient geworden sind.
Die immer wiederkehrende Frage, ob und warum wir dazu neigen, zu wenig zu schätzen, was wir haben und wie gut es uns eigentlich geht.
Diese Frage kehrte auch dieser Tage wieder zurück, als durch Funk und Fernsehen bekannt wurde, dass am Kreidefelsen eine Mutter mit ihrer Tochter durch einen Felsrutsch verschüttet worden waren, die Mutter schwerverletzt geborgen wurde und dem Rettungsleiter die Stimme zitterte mit den Worten: "Es ist mit weiteren Felsabstürzen zu rechnen und wir haben uns aus Sicherheitsgründen entscheiden müssen, die Suche nach dem Kind abzubrechen, auch mit dem Wissen, dass man hier ein junges Leben aufgibt." Dreißig Menschen vom Rettungsdienst. Dreißig Leben gegen eines.
Wie erträgt man als Mutter oder Vater den Gedanken, dass das Kind noch irgendwo unter dem Schüttgut liegt, nicht gefunden, nicht geborgen werden kann - und der Rettungsdienst entscheiden muss: Wir können erst im Januar weitersuchen?
Ich würde wahnsinnig - das weiß ich, auch wenn ich ebenso weiß, dass das weder nutzt noch hilft. 
Einmal mehr wird mir bewusst, wie kostbar unser Leben ist, wie sehr wir uns genießen sollten - auch wenn es zuweilen noch so wehtut, dieses Leben, auch wenn es zuweilen noch so schwer ist, atmen zu können - aber genießen, was wir haben.
Ich weiß, ich wiederhole mich damit. Manchmal aber... kann man manches nicht oft genug sagen. Bis wir begreifen. Bevor alles vorbei ist.

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