Montag, 25. Februar 2013

Begegnungen mit einer unheimlichen Art

Nein, ich habe kein Ufo gesehen.
Nein, in meinem Zimmer stand kein grünes waberndes Männchen.
Vor meiner Tür stand schlicht und ergreifend... der Postbote. Nix Ungewöhnliches im Grunde. Dennoch...
Vor ein paar Tagen kam er schon einmal und brachte - wie üblich - die Post. OK, ein Päckchen. Denn noch immer bin ich krank geschrieben, noch immer heilt der Magen nicht, also schlafe ich viel, ertränke den Magen in Pfefferminztee - oder surfe durch die Weltgeschichte und kaufe ein. Und das Resultat bringt dann eben der Postmann.
Nun sprach er mich an. Okay, ich seh scheiße aus, okay, ich seh krank aus - man sieht es mir halt an. Logisch, wenn ich schon seit Wochen nicht mehr den 10-Minuten-Stopp in Mallorca gebucht habe und von Sonnenlicht selbst in diesem Winter ja auch kaum die Rede sein kann. Und ehrlich gesagt, ich fand auch nichts Schlimmes dran, mich in ein unverbindliches, belangloses Gespräch verwickeln zu lassen über die böse Schulmedizin und die Wundermittel der Homöopathie. Wobei ich ja wirklich der Homöopathie zugeneigt bin - keine Frage.
Also stand er Samstag Mittag vor der Tür und brachte ein Fläschchen Globulis vorbei. Die ich jedoch dankend ablehnte: Ich meine, ein mir völlig fremder Mensch bringt mir irgendwelche Medis mit, von denen kein Schwein weiß, was da wirklich drin ist? Und dann stell ich auch noch fest, dass das Mittel seit Juli 2012 abgelaufen ist? Das Medikament habe ich mir gemerkt und mal in der Apotheke nachgefragt. Okay, sie bestätigte mir: Bei dieser Art Mittel ist das Haltbarkeitsdatum tatsächlich kein schwerwiegendes Kriterium im Sinne von "Nach Verfallsdatum nicht mehr zu verwenden". Es besitzt keine Nebenwirkungen und das Schlimmste, so die Apothekerin, was passieren könnte, ist lediglich, dass es eben nichts mehr bringt.
So weit, so gut. Zum Postboten jedenfalls hatte ich gesagt: "Nehmen Sie das bitte wieder mit, ich möchte das nicht" und der sagte: "Okay, ich versteh zwar Ihre Bedenken, aber ich versteh trotzdem nicht, warum Sie es nicht wenigstens versuchen."
"Wenn ich etwas brauche, gehe ich zum Arzt oder in die Apotheke", antwortete ich.
So weit, immer noch gut. Was mich jedoch nachhaltig irritierte, war, dass er mir völlig aus dem Zusammenhang erzählte, er habe eine Reportage über Kannibalen gesehen und dass diese der Meinung seien, Menschenfleisch sei total schmackhaft - und Kinderarme eine Delikatesse. Mir drehte sich der Magen um.
"Hören Sie auf damit", hatte ich gesagt - und mich verabschiedet.
Und geglaubt, das hätte sich erledigt.
Bis gestern am späten Nachmittag. Ich hatte mich gerade in die Küche gestellt, um das Abendessen vorzubereiten, als es an der Tür klingelte. Zum Sonntag konnten das nur Freunde meiner Söhne sein. Und da die in ihrem Zimmer die Playstation behackten, ging ich an die Wechselsprechanlage.
"Hier ist der Herr R."
"Bitte wer?"
"Hermes!"
Ah ja. Der Postbote. Was wollte der zum Sonntag? Ich fühlte mich irgendwie überrumpelt und eines dachte ich nur: Hinauf lasse ich ihn nicht, ich geh runter. Eine Sekunde lang dachte ich noch: "Den Jungs bescheid geben...", aber dann verwarf ich das, indem ich mir sagte: "Nun werd mal nicht paranoid, Mädel, oder wechsel deine Tabletten!" Draußen stand er und grinste mich an: "Ich bin heute extra mal mit meinem privaten Auto gekommen" und zeigte auf einen dunkelblauen schnittigen Wagen und fügte hinzu: "Ich hab heut nur ein paar Briefe abzugeben und wollte fragen, ob Sie nicht Lust hätten, mitzukommen? Bisschen durch M. fahren?"
Ich schaute ihn an, als sei er nicht ganz bei Trost.
"Bitte was?"
"Nur so für zwanzig Minuten, wir sind ja auch gleich wieder da."
"Schluss jetzt, nein danke, natürlich nicht, gehen Sie bitte."
"Okay. Aber... Wir können uns doch ruhig duzen", sagte er und streckte mir die Hand hin. "Ich bin der Ulli."
Und dann sagte er ganz deutlich: "Dann tschüss... H-EL-MA."
Ich hab mich rumgedreht und bin fast in das Haus geflohen.
Was zum Teufel ist in diesen Menschen gefahren??? WAS WOLLTE DER VON MIR???
Irgendwie sackte mir die Summe all dessen, was er erzählt hatte, in die Sinne. Der Kannibalismus. Das Auto vor der Tür. Die Einladung zum Mitfahren. Ein Fläschchen unbekannten Inhalts.
Es hat mich geschüttelt. Es hat mich angewidert. Und ich sah mich fein säuberlich zertrennt in irgendeiner Kühltruhe liegen. Mir war kalt, mir war übel - und ich fühlte mich überfordert mit der Situation.
Bin ich nun paranoid?
"Wie kannst du sowas nur machen?" hielten mir die gelben Seiten meines Vertrauens vor. "Wie kannst du mit einem wildfremden Menschen über deine Gesundheit reden? Und dann auch noch mit dem Postboten?"
Was hatte ich denn aber wirklich getan? Nichts! Ich habe dem weder meine Krankengeschichte erzählt noch sonst irgendwas. Er hatte sich lediglich gewundert, dass ich neuerdings immer da war, wenn er Post brachte. Und ich hatte mit auf einen kleinen Plausch an der Tür eingelassen und lediglich erwähnt, dass ich ein Magengeschwür kuriere. Klar, das geht niemanden was an. Aber war das jetzt wirklich was Schlimmes? Was Unverzeihliches? Was Leichtsinniges?
Dennoch hat der Typ es geschafft, dass ich bis zum letzten Tag meiner Krankschreibung nicht mehr an die Tür gehen werde, solange ich allein zu Hause bin. Dass nur noch meine Söhne die Tür öffnen werden - oder aber man soll mir einen Abholzettel in den Briefkasten werfen, ich hols mir lieber in der Filiale ab.
Warum ich das hier aufschreibe? Vielleicht als Warnung für die eine oder andere? Vielleicht auch als Verdeutlichung an mich selbst: Sei nicht immer so zutraulich!? Wobei... Das bin ich ja eigentlich gar nicht mehr. Nicht wirklich. Also nicht mehr so wie noch vor ein paar Jahren. Und muss man heutzutage wirklich immer mit allem und dem Schlimmsten rechnen?? Muss man?? Just am selben Abend noch sah ich in den Nachrichten den Bettler in Amerika, der von einer jungen Frau Geld bekam - und die dabei ihren superteuren Verlobungsring verlor. Und nachdem sie ihn einige Tage später wiedertrifft und fragt, sagt er: "Hier ist er, ich habe ihn für Sie aufbewahrt." Macht sowas denn nicht auch Mut?? Dass nicht alle Menschen so schlecht und verdorben sind, auch dann nicht, wenn sie an ihrem Existenzminimum kratzen?
Aus Dankbarkeit hat sie ein Spendenkonto für ihn eröffnet und bereits über 100.000,00 Dollar (oder Euro?) für ihn eingenommen. Noch vier Wochen läuft das, dann bekommt er das ganze Geld. Und der Bettler? Er versteht den ganzen Hype nicht.
"Ich habe doch nichts Besonderes gemacht", sagte er. "Ich habe nur etwas zurückgegeben, das mir nicht gehört."
Ja, diese Nachricht hat mir irgendwie gut getan.
Trotzdem. Ich bin froh, wenn ich wieder arbeiten bin. Nur vermutlich habe ich jetzt jeden Abend Angst, im Dunkeln nach Hause zu kommen und werde mich wohl immer zehnmal umschauen, ob da wer ist :(

Kommentare:

Isabella J. hat gesagt…

Oh Gott, was ist das denn für einer?? :O Und dann auch noch der Postbote. o.o
Danke für den Post und die Erkenntnis vorsichtiger mit Fremden zu sein. (:

Isabella

lady_bright hat gesagt…

Gruselig..
Kommt der schon lange zu euch, oder ist der neu? Wenn sich das wiederholt, oder sogar schlimmer wird, kannst du auch ohne schlechtes Gewissen seinen Arbeitgeber darauf hinweisen und sogar darum bitten, von einem anderen Kollegen beliefert zu werden.
Ansonsten: Hut ab für deine Reaktion und dein deutliches Nein zu alldem. Ich hätte wahrscheinlich nur rumgestottert, das Fläschchen genommen und weggeworfen.

Ich würde auch erstmal eine Weile nicht mehr öffen, wenn die Post kommt. Wahrscheinlich wird er dann aufgeben.

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

...Ich hoffe, dass der aufgibt :( Der kommt eigentlich schon seit zwei, drei Jahren zu uns, aber ich hab den nur selten gesehen, weil ich ja für gewöhnlich in der Arbeit bin.
Das mit dem Arbeitgeber haben mir die "gelben Seiten meines Vertrauens" ("Lenny") auch schon gesagt. Ich hoffe echt, dass ich mich zu diesem Schritt nicht gezwungen sehen muss, der soll mich einfach nur in Ruhe lassen.

Tobias Muster hat gesagt…
Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.
Anonym hat gesagt…

gruselige Geschichte, Conni ...

Einen Hinweis auf den doch etwas zu umfangreichen "Kundenservice" würde ich auf jeden Fall an Hermes abschicken ...

Ist halt immer auch die Gefahr eines Internet-Tagebuchs ... Kann halt jeder lesen, auch einige, die der Inhalt eigentlich nichts angeht. Immerhin schreibst Du über Deine Gefühlslage usw.

Es ging ja auch schon im Post vom Finanzamt oder Ähnliches ... da könnte sich jemand wunderbar ein Profil von Dir zusammenbasteln.

Daher ist Deine Vorsicht mehr als angebracht und vielleicht ist Facebook da doch die bessere Plattform, weil es dort nur die lesen, die es etwas angeht.

Ich bin auch sehr vorsichtig geworden ... Das hat nichts mit Paranoia zu tun ...

Clara Himmelhoch hat gesagt…

Ist wirklich schon ein wenig eigenartig - aber leider sind wir durch die vielen Medienberichte über die unguten Sachen im Leben so verängstigt, dass wir einen übereifrigen Helfer, der sich vielleicht ein wenig in dich verknallt hat, gleich für einen Kannibalen halten. Dennoch ist der Hinweis auf diese Sendung schon bedenklich - in sein Auto wäre ich auch nicht eingestiegen. - Hoffentlich entwickelt der sich nicht zum Stalker, der dich vor allem Übel in der Welt beschützen will, selbst aber das größte Übel ist.

Toi, toi, toi!

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Clara, Deinen ersten Gedanken hatte auch ich. Dass es ja letztlich auch die Menge der Meldungen ist, die man in den Medien so hört.
Andererseits... Woher weiß man, wann man Angst entwickeln muss oder nicht? Oder wenigstens Vorsicht?
Ich hoffe auch sehr, dass es jetzt bei dem bleibt wie es ist - und dass nichts mehr kommt :(

Jan Lubjuhn hat gesagt…

Liebe Helma, das nächste mal rufste mich an und ich komme ganz schnell und beschütze dich !!!! Aber das ist ja echt schon Psych.....