Freitag, 3. Mai 2013

Schmerztagebuch

Ich werde das recht oft gefragt, oder immer wieder und manchmal, wenn Freund Schmerz sich wieder bemerkbar macht, erinnere ich mich auch wieder daran, also fasse ich mal eben kurz meine Schmerzgeschichte zusammen.. (Na ja.. kurz.. Was heißt schon kurz.. Es gibt Sachen, die ich gestern gemacht oder gesagt hab und von denen ich heute nix mehr weiß, und es gibt Sachen, die liegen Jahre zurück und die weiß ich heute noch auf Tag und Uhrzeit genau..)

Jedenfalls. Dass ich chronischer Schmerzpatient bin, wissen einige von Euch. Und wie war das nun genau?
Im Dezember 2004 gings mir ziemlich bescheiden. Psychisch und physisch. Ich war, auf deutsch gesagt, am Arsch, in so ziemlich jeder Hinsicht, allein, verlassen, na ja, wie das eben manchmal so ist. Eine körperliche Schwäche machte sich breit, von der nicht nur mein damaliger Arzt sagte, sondern auch ich selber überzeugt war: Schlaf dich mal paar Tage aus, dann ist Weihnachten und dann ist alles wieder gut. Zunächst sah auch alles danach aus, als wärs damit erledigt.
Anfang Februar 2005 fuhr ich nach Berlin. Kleiner Spontantrip. Mit Berlin hab ichs irgendwie, weess och nich. Jedenfalls kam ich in der Hauptstadt an - und mir gings hundeelend. Grippe oder sowas. Anfangs dachte ich noch: Ach watt solls, beiß die Zähnchen zusammen! Doch innerhalb eines Tages wurde es so schlimm, dass ich kaum noch vom Stuhl aufstehen konnte. Also mit dem nächsten Zug nach Hause und ins Bett legen. Drei Tage zogen ins Land, dann stand ich wieder aufrecht, nur um den nächsten Schlag in den Magen zu bekommen: Meine Oma starb. Ich weiß sogar noch, welches Lied ich in diesem Moment hörte, als ich das am Telefon erfuhr. "I'll see it through" von Texas. Bis heute habe ich dieses Lied nicht mehr angehört. Jedenfalls setzte ich mich ins Auto und fuhr ein paar hundert Kilometer. Ich wollte dabei sein, wenn wir sie ein letztes Mal verabschiedeten. Am Morgen der Beerdigung stand ich auf - und mein ganzer Körper schmerzte. Beidseits waren alle Gelenke äußerst schmerzhaft geschwollen, Finger, Ellenbogen, Knie, Sprunggelenke. Die Schwellung ging noch am selben Tag zurück - mit dem Schmerz lebe ich bis heute, und bis heute hält er sich ausschließlich in der linken Körperhälfte auf, vom Kopf bis zu den Zehen.
Anfangs vermutetes Gelenkrheuma bestätigte sich nicht, die vierwöchige Antibiotikatherapie brachte keine Linderung und das Blutbild eine Erklärung: Eine durchgemachte Streptokokkeninfektion, auf deutsch: eine Angina ca. 6 Wochen vor der Gelenkschwellung. Zurückgerechnet war das also Dezember 2004, diese extreme körperliche Schwäche, die wir auf psychische Erschöpfung geschoben hatten. Manch einer vermutete auch, vielleicht sei das Ding in meinem Kopf, das sich um wenige Zentimeter vergrößert hätte, schuld daran sei - aber da gibts bis heute sehr weit geteilte Meinungen, und jede ist sich hundertprozentig sicher ;) Erlebt habe ich bis heute unglaublich viele Diagnosen, Meinungen, ABwertungen (ja auch das und ich kotze heute noch dabei), viele Untersuchungen und Versuche - und an dieser Stelle möchte ich unbedingt einen ehrlichen, herzlichen Dank an meine Neurologin aussprechen, die mich ein paar Jahre lang begleitet und betreut hat, die ehrlich gesagt hat: "Ich weiß einfach nicht mehr weiter" und offen war für alles, was ich irgendwo las oder hörte und versuchen wollte; die mich trotz allem immer ernst nahm und mich noch heute, wenn wir uns auf der Straße begegnet, fragt, wie es mir heute geht - und sich offenbar ehrlich freut, dass es immer besser geworden ist.
Als Schmerzpatient neigt man ja dazu, eine bestimmte Schonhaltung einzunehmen; Körperteile zu entlasten, die einem sowieso schon weh tun. Oft hab ich gehört, wie falsch das sei und ich mir nur noch mehr schaden würde. Vom Verstand her begriff ich das schon. Aber wenn du tags nicht sitzen, stehen, laufen kannst und nachts keinen Schlaf findest, weil du nicht weißt, wie du liegen sollst und es in den Knochen pocht, als würden tausend kleine Männchen mit ihren Hämmerchen auf deinen Nervenbahnen herumklopfen und sich dieses verstärkt, sobald du dich auch nur bewegst, dann ist es... schwierig, gegen den Verstand anzukämpfen; dann will man einfach nur noch in Ruhe gelassen werden, man will Ruhe finden, Ruhe.. Ruhe.. Ruhe.. Bis ich nach knapp vier Jahren zur Reha fuhr. Das Beste, was mir passieren konnte. Die Schmerzklinik, in der ich ein Jahr zuvor kam, ist mir bis heute ein Graus: Letztlich wird man dort nur mit Medikamenten vollgestopft und mit der Aussage abgespeist: "Finde dich damit ab und lebe damit." Sowas Ähnliches erlebte ich auch mit dem Medizinischen Dienst der Krankenkasse, die mir bescheinigten: "Das wird nichts mehr. Sie müssen Rente beantragen." Da war ich gerade 40 Jahre alt! Hallo? Da wollte ich immer noch die Welt aus den Angeln heben! Ein bisschen mehr als Rente mit 40 erwartete ich schon noch von meinem Leben. Ich begehrte auf. Ich stand auf. Ich drückte das Kreuz durch. Hob den Kopf. Ja und dann kam die Reha. Tabletten bot man mir dort keine an - damit wurden sie schon meine Freunde. Sie erstellten mir ein Sportkonzept. Und das ist es, was ich bis heute durchziehe und was mir als einziges auch bis heute hilft: Sport. Kein Kraftsport in dem Sinne. Es geht nicht allein darum, Muskulatur aufzubauen. Sondern die äußerst verspannte, inzwischen steinhart gewordene Muskulatur zu entkrampfen und mich so wieder aufzubauen, dass die Muskulatur mein Skelett "mitträgt" und nicht mehr nur an den Muskelenden, nämlich an den Gelenken zerrt. Wie sagte doch die Physiotherapeutin zu mir? "Die Beweglichkeit der Schädelplatten, die man als Baby hat, wird weniger, muss aber ein Stück weit erhalten bleiben. Bei Ihnen jedoch bewegt sich absolut gar nichts. Ich habe in meiner ganzen Laufbahn noch nie einen so harten Schädel erlebt."
Seele ausmüllen.
Meinen inneren Frieden mit mir selber schließen und machen.
Entspannungsübungen.
Massagen.
SPORT.
Das sind meine Mittel. Ich bin auch heute nicht schmerzfrei. Aber manchmal nehme ich ihn gar nicht mehr wahr. Dann erinnere ich mich wieder daran, wie es war, ohne Schmerzen zu sein und zu leben.
In einem muss ich den empathiefreien Ärzten, die mir mitunter begegnet waren, wohl recht geben: Ich muss damit leben und ich muss damit zurechtkommen. Wahrscheinlich wird es immer so sein, bis ich irgendwann anno dunnemals die Augen schließ. Aber inzwischen bin ich wieder ein Mensch geworden und fühl mich auch so. Inzwischen kann ich wieder sitzen (nur harte Stuhle muss ich meiden), stehen, laufen (auch wenn aus mir keine Rennschnecke mehr wird), ich kann vor allem wieder schlafen und spüre nach jedem Tiefschlaf, wie elementar das einfach ist - ich kann wieder LEBEN, ATMEN, GENIESSEN.
In Kliniken und auch so sind mir oft Schmerzpatienten begegnet, die immer wieder neue Medikamente ausprobieren, sich durch die Tage hangeln und eine Schmerzklinik nach der anderen besuchen. Nein, ich schere sie nicht über einen Kamm und maße mir auch nicht an zu sagen: "Probiert es doch mal anders." Ich weiß, dass meine To-Do-List nicht verallgemeinert werden kann. Aber ich weiß inzwischen, dass man selber sehr viel mehr tun kann als einfach nur irgendwann wahllos Pillen in sich reinzustopfen, bis einem irgendwann davon auch noch Eselsohren wachsen. Oder ein drittes Bein. Oder ein.. äh.. viertes ;)


Kommentare:

Clara Himmelhoch hat gesagt…

Helma, ich bin dir nicht untreu geworden - aber es ging nicht früher. Du weißt ja, wenn frau keine richtigen Beschwerden hat, jammert sie über die anderen - den Husten.
Das liest sich alles nicht so, dass man es auch haben möchte. Ich bin ja wenigstens nur am Kopf gestraft und meist ohne richtige Schmerzen, meist nur Einschränkungen - aber ich bin ja auch dem Jenseits schon viele Jahre näher als du.
Schön, dass du einen gangbaren Weg gefunden hast.
'Wenn ich dir in Berlin zu schnell renne, musst du mich bremsen.

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

...ich weiß, was Du die letzten Tage getan hast ;) und dass da keine Zeit zum Schreiben blieb ;)
Ich kann auch erst seit heut Abend wieder online gehen - blödes Netzteil, hatte sich ausgeklinkt, hatte den Kanal voll, wollte nicht mehr... Na ja. Bloß gut, wenn man einen Elektronikfachmarkt in der Nähe hat, der nicht mal allzu teuer war - und ich dann ohnehin noch erfuhr, dass ich den Preis fürs Netzteil auch noch wiederbekomm -> Firmenrechner sei Dank :)
Keine Angst, ich kann schon normal laufen und so, humpeln oder lahmarschig gehen is nich. Nur rennen oder flitzen oder sowas liegt mir auf Dauer nicht, aber das hat vermutlich andere Gründe *grins*
Und nein.. Haben möchte man nix von alledem. Als meine Mutter vor 3 Jahren am Telefon zu mir meinte, wie fühle sich der Schmerz denn an, und ich sagte: "Wie Zahnschmerzen im linken Körper", da sagte sie: "Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das ist, wenn man IMMER Schmerzen hat." Ich hab geantwortet: "Das kann man sich auch nicht vorstellen, wenn mans nicht selber erlebt" und dann hab ich angefangen zu heulen, weil ich mir selber leid tat. Na ja, solche Anflüge sind inzwischen überwunden, es geht mir ja echt besser und ich bin echt immer nur froh, dass ich mich darin nicht von Schmerzpillen oder sowas abhängig gemacht hab.
Und hey, wer hier dem Jenseits näher is, kannste nie wissen. Klingt zwar abgedroschen, aber... Ich versuche echt, jeden Tag zu genießen, weil man nie sicher sein kann, dass noch ein neuer kommt. Anything is possible, ohne dass ich das pessimistisch oder negativ meinen würde :)