Mittwoch, 12. Juni 2013

Bitte melde Dich

Eine Sendung mit so einem Titel gabs wohl schon vor etlichen Jahren, mehr oder weniger unmittelbar nach der Wende. Heute las ich irgendwas davon - und irgendwie... war jener Gedanke sofort wieder da, ganz nah. Der Gedanke, der mich schon seit Jahren beschäftigt, der immer wiederkehrt, der nicht ruhen will und irgendwie auch keine Ruhe gibt...
Die Geschichte meiner "Herkunft". Kann sein, ich hab es schon mal erzählt. 
Scherzhafterweise sag ich ja immer, ich sei zu 25 % Französin, zu 25 % Holländerin - und zu 50 % Deutsche. Ziemlich multikulti - und wenn ich mich auch nicht vergleichen will mit Menschen, die nach dem Bruder, der Schwester, dem Mann, der Frau oder auch den Eltern sind, so ist doch immer noch... dieses Gefühl in mir... Einem Fieber gleich, das brennt. Vielleicht auch, weil es die Geschichte an sich ist, die mich so... beschäftigt? Erst kürzlich sprach ich wieder mit jemandem darüber - und musste währenddessen feststellen, wie sehr es mich innerlich aufwühlte, so dass mir die Hände zitterten und irgendwann der ganze Körper.

Irgendwann um 1940 war meine Oma eine sehr junge, schöne Frau. Sehr lebenslustig, sehr lebensfroh. Ein wunderschönes Lachen.
Im sogenannten Munsterlager lernt sie einen Franzosen kennen. Genauer gesagt: einen französischen Kriegsgefangenen - und sie verlieben sich ineinander.
Darauf stand mindestens Konzentrationslager - oder auch der Tod. Ich kann verstehen, dass die Familie in Angst & Schrecken lebte, dass niemand wissen durfte, dass sie schwanger wurde von diesem Kriegsgefangenen; dass es sein Sohn war, der gesund zur Welt kam.
Inzwischen wissen wir: Der Franzose wusste es auch nicht. Nichts von der Schwangerschaft, nichts von seinem Sohn.
Und trotzdem kam er wieder - nach drei Jahren und kaum dass der Krieg zuende war. Er kam wieder, um sie zu finden.
Meine Oma war damals nicht zu Hause, nur ihr Vater und ihr Kind.
Und ihr Vater sagte an der Tür zu dem Franzosen: "Komm nie wieder, komm einfach nie wieder, du stürzt uns alle nur ins Unglück."
Ich kann ihn verstehen, ich kann seine Angst verstehen - und die Angst der Familie. Zu viel Schlimmes hatten sie gesehen und erlebt, zu tief saß das Entsetzen.
Der Franzose offenbar auch. Er ging und kam nie wieder.
Als ich noch ein Kind war, hat mir meine Oma nur erzählt, dass der Vater meines Vaters im Krieg gefallen sei. Eine Aussage, mit der auch mein Vater selbst aufgewachsen war, bis er irgendwann erfuhr: "Der Mann meiner Mutter ist ja gar nicht mein Vater."
Seitdem ich die Wahrheit kenne, rechne ich jedes Jahr, wie alt sein wirklicher Vater heute sein müsste und ob er noch leben könnte? Pierre Paul Orsini. Den Namen habe ich hundertfach gegoogelt, mich durch die Geschichte vom Munsterlager gelesen, immer auf der Suche nach etwas, das ich erkenne...
"Ich kann dir nichts über ihn sagen", hatte die Schwester meiner Oma zu meinem Vater gesagt, "ich habe es Marta auf dem Totenbett versprochen. Ich kann dir nur sagen, dass er haargenauso aussah wie dein Ältester heute."
Und so suchte ich, nach diesem Gesicht, nach diesen Augen, nach diesem Mund.
Es ist wie ein Fieber in mir, das sich nicht bekämpfen lässt. Ein Fieber, das oft abklingt und dennoch nie wirklich ganz vergeht. Ich muss es einfach wissen: Wer ist Pierre Paul Orsini? Lebt er noch? Gibt es ihn noch? Wie sieht er heute aus? Was würde er sagen oder denken, wüsste er, dass meine Oma nie niemals erfahren hatte, dass er noch mal wiedergekommen war? Was würde er sagen oder denken, wenn er meinem Vater begegnen würde - seinem eigenen Sohn?
Ich kann nicht aufhören, daran zu denken.
Ich kann nicht aufhören, jedes Jahr neu zu rechnen.
Ich kann nicht aufhören, nach etwas zu suchen, das zu ihm führt.
Mein Vater... Er hat immer wissen wollen, wer sein wirklicher Vater ist. Was für ein Mensch er war. Oder ist? Doch die Suche hat er nicht begonnen.
"Ich weiß nicht, was ich zerstöre, wenn ich ihm gegenüber steh", hat er erklärt - und seinen Abschluss darin gefunden.
Jedoch mich... lässt diese Geschichte bis heute nicht los. Dass der Franzose meine Oma so sehr geliebt haben muss, dass er nach 3 ganzen Jahren und dem Wahnsinn des Krieges zurückkehrte.
Ich würde so gern wissen wollen, was seine Augen sagen, sein Mund, wenn man ihm gegenüber stehen und ein Foto meiner Oma auf den Tisch legen könnte, ihm sagen, dass sie ihn nie vergessen konnte..
Oder ob man auch uns nur noch ein Foto auf den Tisch würde legen können?
Wie vieles im Leben ist unerfüllt (geblieben), weil man nicht zur rechten Zeit am richtigen Ort war - und sei es auch nur für einen einzigen kleinen Augenblick?
Es lässt mich einfach nicht los...

Kommentare:

Clara Himmelhoch hat gesagt…

Gestern habe ich eine Sendung gesehen, wo ein sympathischer 18jähriger erzählt, dass er durch anonyme Samenspende entstanden ist und bei zwei Müttern aufgewachsen ist. ER meinte, bei ihm sei das Bedürfnis, seinen biologischen Vater zu kennen, bisher noch nicht aufgekommen.
Bei dir wäre es ja der Großvater und ich kann dieses "kennen wollen" schon verstehen - mir ging es immer mit meinem Vater so, der ja aber nachweislich tot war.
******* Ansonsten kann ich deine Überschrift momentan auch auf eine andere Situation beziehen. -
Einen lieben Gruß schicke ich dir!

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Clara, zum einen ist es für mich das Ergründen meiner Wurzeln: Wo genau komm ich her und zu wem gehör ich, wer gehört zu mir?
Zum anderen aber.. ist es für mich persönlich auch diese Geschichte, die dahinter steht.
Was wäre gewesen, wäre meine Oma an besagtem Tag zu Hause gewesen?
Wie wäre ihr künftiges Leben verlaufen? An meinem Opa hab ich sehr gehangen, auch wenn ich ja immer wusste, dass es eigentlich nicht der richtige Opa ist - aber als Kind ist einem das doch egal.
Meine Oma und er aber... Heute, nachdem ich so ein wenig von der wahren Geschichte weiß, frage ich mich auch: Hat sie sich meinem Opa gegenüber so verhalten, weil sie enttäuscht war von ihrem Leben? Enttäuscht von der Liebe?
So viele Fragen, die ich niemandem stellen kann, denn alle sind sie bereits vor vielen Jahren verstorben..

Clara Himmelhoch hat gesagt…

Das mit den "Wurzeln ergründen" kann ich verstehen, denn es ging mir ja schon mit meinem Vater so. Ich war bei seinem Tod 8 Monate - meine Mutter hat mir ein sehr verklärtes Bild vermittelt und sein Sohn (mein Halbbruder) war weg aus der DDR, als ich 4 Jahre war. Ich sah ihn zum ersten Mal nach der Wende - auch Telefonkontakt gab es keinen, da er es aus dienstlichen Gründen nicht durfte und wir es kaum konnten.
Von meinem einen Opa erfuhr ich auch nur Bruchstücke, vom anderen gar nichts.
Und mein Bruder konnte so viel zur Klärung auch nicht beitragen, denn er war beim Tod seines Vaters 12 Jahre jung und vorher durch einen erbitterten Scheidungskrieg seiner Eltern gegangen.