Mittwoch, 31. Juli 2013

Herrscher auf verschiedenen Planeten

Bildquelle: http://www.clack.ch/images/uploads/2011q3/fraumann.jpg
Manchmal habe ich so ein Bild vor Augen; manchmal denke ich solche Worte wie in der Überschrift. Die gelben Seiten und ich... Rund zehn Jahre leben wir "allein", jeder für sich, immer noch, auch seitdem wir ein Paar sind. Und ich muss sagen: Doch... Man gewöhnt sich daran. Daran, den Tag zu bestimmen, Abläufe zu bestimmen. Man entwickelt Vorlieben und Abneigungen. Ich schlaf gern aus, er steht lieber früh auf. Ich liege halbe Nächte wach, lese, schreibe, höre Musik - er geht dann lieber gleich zu Bett.
Überhaupt auch, aber das erwähnte ich ja schon mal, bin ich auch zehn Jahre nach dem Ende meiner Ehe immer noch dabei, mich zu "schälen", mich so lange zu "häuten", bis eines Tages mein wahres Ich hervorkommt. (Und ich bin mir momentan nicht sicher, ob ich mich dann nicht selber vor mir erschrecke :)) Meine kratzige Stimme aus Hessen beobachtet diesen Vorgang auch schon eine Weile und schlug sich letztens begeistert Pfeifchen rauchend auf die Knie: "Ja mach mal weiter so, du bist dann fertig mit dir, wenn du im Altersheim bist!" (Pah. Jeder weiß doch, dass unsereiner aus dem Norden für gewöhnlich etwas länger braucht :))
Jedenfalls habe ich entdeckt, dass auch ich durchaus zickig sein kann. Ich dachte ja nie, dass ich so sein könnte, aber... ach ja doch.
Und das einzige, was heutzutage bei mir schnell gehen kann, ist der Aufstieg auf die Palme. In Nullkommanix sitze ich oben im Wipfel und wettere, was das Zeug hält.
Gabs bei mir, meine ich, noch vor wenigen Jahren so nicht.
Insofern kann ich nachvollziehen, dass die gelben Seiten zuweilen irritiert schauen oder fragen: "Könnte ich vielleicht bitte die Helma von früher zurückhaben?"
Nein. Kann er leider nicht.
Vor rund 15 Jahren bescheinigte mir ein Kollege: "Am Anfang warst du ein Mäuschen. Jetzt wirst du eine Frau, die weiß, was sie will. Ich würde sagen, deine Kinder haben dir gut getan."
Vermutlich war das der Anfang: Streit mit Behörden, Schulen, Kinderärzten, Vollidioten von Kinderärzten nach jahrelangen Fehldiagnosen und ergo Fehlbehandlungen und so weiter und so fort.
Überhaupt - und jede/r Alleinerziehende weiß das - die Erziehung von Kindern bzw. die Behauptung als Mama oder Papa lässt einen auch reifen. Grad in der Pubertät. Machtkämpfe vom Feinsten. Wenn da die Jugend Frust ablässt und mit den Türen knallt, wenn sie sich im Vokabular vergreifen oder mit ihren Hörnern durch die Wand wollen - ja spätestens dann lernt man, auf den Tisch zu klopfen. Wobei ich mir immer diesen Spruch verkniffen habe "Solange du die Füße unter meinen Tisch..." - denn den hab ich selber immer gehasst.
Ja und in den letzten Tagen, Wochen, vielleicht auch Monaten häufen sich Diskussionen mit den gelben Seiten, wo er doch immer mal fragt: "Was ist nur los, dass nichts mehr so ist wie früher? Was ist anders?"
Ich glaube... ich. Ich bin anders. Früher war ich oft einfach nur still und ruhig, habe mich eingepasst und angepasst. In Zeiten der Ehe, damit Situationen nicht völlig eskalierten. Und in den Zeiten danach, weil ich es einfach nicht anders gewohnt war. Zwar habe ich mein Mäntelchen nicht nach dem Wind gehangen, aber ich habe auch nicht immer alles ausgesprochen, das ich dachte.
Heute sage ich immer öfter, wie ich denke, wie ich die Dinge empfinde und lasse mich auch nicht mehr so einfach in eine Situation pressen, die mir nicht gefällt oder die mir nicht guttut. Ich muss mich nicht auf Krampf mit Leuten verstehen, die mir Magenschmerzen verursachen. Sicherlich muss ich das nicht jedem zwingend ins Gesicht sagen - aber ich kann, je nachdem, um wen es geht, den Umgang meiden oder mich, soweit möglich, einfach nur heraus- bzw. zurückhalten.
Ich kann mich auch Situationen entziehen, die mir nicht guttun oder mit denen ich irgendwie ein Problem hab. Ich kann mich zurückziehen auch da, wo ich früher unbedingt alles ansprechen, bereden, klären, bereinigen musste. Dann kann ich was essen und wahlweise die Musik dazu anstellen.
Ein Leben nach meinen Prinzipien... oder doch nicht?
"Muss denn alles immer nur nach dir gehen?" fragten mich die gelben Seiten vor ein paar Tagen.
Nein - das muss es und das soll es nicht. Und so empfinde ich es auch nicht. Wenn ich mein Leben betrachte, sehe ich einen Haufen Kompromisse und Zugeständnisse, die ich eingehe.
Aber eben nicht mehr um jeden Preis und auch nicht mehr nur des Friedens willen.
Das Zusammenleben wird eines Tages.. sicherlich lustig und herausfordernd.. Zwei Herrscher auf dann nur noch einem Planeten..
Gestern Abend las ich übrigens in einer Zeitschrift ein Interview mit Diane Keaton. Ich mag diese Frau total, weil sie so wahnsinnig natürlich wirkt, so ohne Botox, Lifting und z. B. barfuss an der Tankstelle - und das in Hollywood. Sie sagte sinngemäß, dass ihre Chancen, mit 40 Jahren noch heiraten zu können, gleich Null gingen, dass sie sich das mit 50 noch wünschte und jetzt, mit 67, interessieren sie Liebe und Leidenschaft nicht mehr. Stattdessen hat sie zwei Kinder adoptiert, interessiert sich für Immobilien und Architektur, neben der Schauspielerei natürlich. Sie hat sich ihr Leben eingerichtet und sich unabhängig gemacht.
Und es gefällt mir sehr.
Mit den gelben Seiten will ich leben. Und nur mit ihm. Danach - das ist mir klar geworden - kommt nichts anderes mehr. Entweder mit ihm oder allein. Sicherlich mit ein bisschen Chi-Chi und so, weil, das Leben endet ja dann nicht, aber dann nur noch ein Planet mit einer Herrscherin ;) Der Gedanke gefällt mir gut. Richtig gut.

Kommentare:

~Anna W.~ hat gesagt…

Was das Häuten betrifft: Ich frage mich, ob man damit je wirklich fertig ist. ;)

Ich lese gerade dieses Buch, eine autobiografische Gesichte. Die Autorin ist ein Mensch, der sich permanent selbst erforscht, an sich arbeitet und nicht nur diesbezügliche Seminare etc. gibt, sondern auch schon einige Bücher zu diesen Themen geschrieben hat. Sehr lesenswerte Bücher übrigens, auch wenn sie grob wohl in die Eso-Frauen-Ecke einsortiert werden könnten.

Egal: Eigentlich dachte ich, dass so eine Frau den Häutungsprozess gewissermaßen vollendet hat. Aber Pustekuchen. In ihrem neuen Roman wird das eindrucksvoll widerlegt und es geht mehr denn je um Sinnsuche und Häutungsprozess(e). Da bleibt kein Stein auf dem anderen.

Das erschreckt mich. Ich suche und häute mich ja auch... seit 20 Jahren *g* ... aber ich ging davon aus, dass das irgendwann mal ein Ende hat. Wobei... wer sich nicht mehr verändert, ist wohl schon tot - wenigstens innerlich. *seufz*

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Weißt Du, genau diese Gedanken sind mir auch schon gekommen: dass man eigentlich nie so wirklich fertig wird?
Und sind wir dennoch eines Tages jene alten Menschen, deren Runzeln und Falten das Gesicht so interessant machen, und haben wir diese funkelnden Augen, die das gelebte wunderbare Leben zeigen?
Ich wünsch es mir sehr!

Hans hat gesagt…

Genau das ist es was das Älter werden so spannend macht und noch eines, das ist nichts für Weicheier!
Dir noch viel Spaß!

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Ja, Hans, Du triffst es genau: Es ist gerade das Älterwerden, vor dem sich zwar so viele fürchten - aber das auch so spannend ist.
Wenn man jung ist, denkt man, im Alter ist alles vorbei - und dabei gehts jeden Tag neu los :)