Donnerstag, 26. September 2013

Erwachsen sein ist gar nicht schwer

...erwachsen werden wohl umso mehr.
Jede/r, der pubertäre Kinder hat, weiß, dass diese Phase gern anstrengend ist - für alle Beteiligten. Auch für den/ die Pubertierende/n selbst. Junior I hat uns da echt verwöhnt, Junior II war da schon ne andere Hausnummer, aber immer noch weit entfernt von so Horrorgeschichten, die bis hin zum Jugendamt oder (ganz neuzeitlich) bis hin zu "Die strengsten Eltern der Welt" reichen. Besagte Sendung habe ich übrigens niemals angeschaut, mir reichten schon die entsprechenden Werbeblöcke.

Quelle: http://newsage.de/wp-content/uploads_newsage_888/erwachsen-werden01.jpg
Junior II jedenfalls dürfte - sechs Wochen vor seinem 18. Geburtstag - aus dieser Pubertätsphase rausgewachsen sein. Was ihn derzeit quält, empfinde ich momentan als... Findungsphase? Selbstfindungsphase? Als er mir gestern schrieb, er müsse mal mit mir reden und ich antwortete: "Ich komme später, aber ich bin da!", ging mir alles mögliche durch den Kopf. Aber was er mir dann am Abend "präsentierte", verschlug mir dann doch ein wenig die Sprache. Ich hielt mich völlig zurück mit Kommentaren, Anmerkungen oder gar Ratschlägen: Ich ließ ihn einfach nur reden. Als ich nur ein einziges Mal zwischenwarf: "Ich mach dir erst mal schnell was zu essen, es ist schon spät", da schaute er mich an: "Kommst du dann bitte gleich wieder?"
Es war genau dieser eine Satz, der mir nachhaltig verdeutlichte, wie sehr er mich in diesem Moment brauchte - und ich wiederum war so so so heilfroh, dass ich eben auch in genau diesem Moment für ihn da war und mir nicht irgendwelche anderen Dinge oder Termine dazwischengegrätscht waren, was ich später vielleicht irgendwann bereut hätte.
Dass die so junge Beziehung zur Freundin nach kurzer Zeit bereits wieder gescheitert war, mag wohl an beiden Beteiligten gelegen haben, lässt ihn aber immer noch grübeln und nicht in der Verfassung sein, einen Haken an diese Geschichte zu setzen.
"Kennst du das Gefühl, wenn dir jemand was sagt und du hörst das, aber du verstehst überhaupt nicht, was dir der andere sagt?" fragte er mich und ich nickte ernst: "Ja, das kenne ich."
"So geht es mir gerade", fügte er hinzu und zog die Schultern hoch. "Vor allem in der Schule. Wenn ich aufgerufen werde, muss ich immer sagen: Wie war noch mal die Frage? und dann komm ich mir so bescheuert vor, als wäre ich der letzte Loser, der von nix ne Ahnung hat."
Er hadert mit sich.
Er hadert mit der Wahl seiner Ausbildung.
Er hadert irgendwie gerade... mit allem.
Kindheit, Schule und nun der Beginn in das Erwachsenenalter bedeuten einen Wechsel, eine Umstellung für ihn, die ihn schon jetzt, vier Wochen nach Beginn der Ausbildung, in eine (Sinn?) Krise stürzen.
Er sieht keine Perspektiven und er sieht sich auch nicht mehr als Erzieher, der sein Leben lang sich nur um kleine fremde Kinder kümmert.
"Der Grundstein, den du jetzt mit der Ausbildung legst", wandte ich nur an dieser Stelle behutsam ein, "ermöglicht dir, dass du anschließend alles Mögliche machen kannst: Du musst nicht im Kindergarten arbeiten. Du kannst auch in Richtung Streetworker gehen, Sozialarbeiter, was immer du möchtest. Du musst dich jetzt nicht für irgendetwas entscheiden oder festlegen. Du hast noch Zeit. Lass dir noch ein wenig Zeit."
Er saß da, die Hände lagen im Schoß, ich saß neben ihm - und irgendwann legte er einfach nur seinen Kopf in meinen Schoß und schlief ein, nachdem er gesagt hatte: "Es tut echt gut, sich alles mal von der Seele zu reden." Noch eine ganze Weile, nachdem er eingeschlafen war, blieb ich so sitzen, strich ihm durch die Haare und war unheimlich froh, dass er den Weg zu mir gefunden hatte, den Weg des Redens - und nicht den Weg zu irgendwelchen Substanzen, die das Leben eben nur vermeintlich leichter machen, aber anschließend die Probleme um ein Vielfaches potenzieren.

Kommentare:

Karmalotte Hirnquark hat gesagt…

Ich musste mir gerade ein paar Tränen verdrücken.
Er kann stolz auf so eine tolle Mutter sein. Ich wünschte, ich hätte mir damals auch alles von der Seele reden können und meine Eltern hätten mein Gefühlsleben so erfasst und ach, überhaupt bemerkt. Schön. Und er wird seinen Weg gehen und finden. Bei so einer Mama an seiner Seite...

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

..Ehrlich gesagt, haben mich gestern unterdrückte Tränen gequält, als ich ihn so sah, ihm so zuhörte und letztlich... "nur zusehen" konnte.
Aber es berührt mich auch sehr, was Du mir hier schreibst. Danke dafür.

Clara Himmelhoch hat gesagt…

Es liest sich sehr gut - ihr seid offenbar ein gutes Gespann!

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Ja Clara, das sind wir drei, und wenn ich noch ein einziges Mal höre, wie der Vater über seine Söhne herzieht und sie schlecht macht, hau ich ihm gnadenlos eine rein.