Montag, 30. September 2013

Und plötzlich war es still



Gestern vor sechs Jahren ist ein Mensch verunglückt, den ich nur ein halbes Jahr kannte - und an dem ich trotz dieser kurzen Zeit bis heute hänge. In Gedanken,  mit Empfindungen - einfach als Mensch. Unsere Mutter Teresa ohne Brüste, so habe ich ihn mal bezeichnet.
Vielleicht habe ich auch schon mal von ihm geschrieben, vielleicht habe ich auch schon mal erzählt, wie das damals passierte, der silberne BMW auf der Autobahn, der Regen wie aus Kannen, das Aquaplaning und er, der das Steuer verriss und aus seinem Dachfenster geschleudert wurde. Es gibt Dinge, die kann man einfach nicht zuende denken.
Wie heute weiß ich noch, wie unmöglich es mir war, die Nachricht noch am selben Tag zu bekommen, sie zu erfassen, sie zu begreifen und zu verstehen. Wie ich das ganze Wochenende lang lag und mir die Augen ausweinte. Man, wir hatten doch gerade erst am Abend zuvor um das letzte Stück Schokokuchen gebalgt?
Zwei Jahre lag sein Foto in meiner Schublade im Büro, ich sollte es rahmen lassen, aber ich konnte es nicht. Nicht rahmen lassen und erst recht nicht aufstellen.
Vor Jahren bekam ich mal eine Karte geschenkt "Das Wichtigste im Leben sind die Spuren, die wir hinterlassen, die wir gehen" - und damals hätte ich nie gedacht, dass das auch auf zwischenmenschliche Beziehungen zutrifft, die so gar nichts mit einer Liebesbeziehung zu tun haben oder hatten.
Friederike hat es mich gelehrt, eine andere Freundin hatte es mich gelehrt, zu der ich schon so lange keinen Kontakt mehr habe und mich bis heute frage, an welchem Punkt es begonnen hatte, in die falsche Richtung zu laufen. (Liebe Aurélie, Du hast mich mal gefragt, ob ich Türen schließen kann, einfach so, und es dann auch vergessen kann. Nein, ich kanns nicht. Nicht, wenn ich das Gefühl hab, dass irgendetwas fehlt. Dann kann ich nicht abschließen und es auch nicht hinter mir lassen.) Und eben dieser Kollege hat es mich gelehrt.

In der Samstagausgabe des hiesigen Tageblatts stand die Anzeige seiner Freundin. Acht Jahre lang waren sie ein Paar, und sie damals wie heute von seiner Familie nicht akzeptiert. Jedes Jahr erscheint ihre Anzeige, jedes Jahr zeigt sie der Welt, wie viel er ihr bedeutet hat und was er für sie war. Und dass sie sich das auch nicht nehmen lassen möchte, so wie sie auch nicht zulassen möchte, dass man ihr die Art zu trauern nehmen und vorschreiben möchte.
Heute standen wir vor seinem Grab, mit dem Korb Blumen im Arm, und es ist so unvorstellbar, dass da in die Erde eingegraben ein Mensch liegt, mit dem du... irgendwie... gerade noch herumgealbert hast. Unvorstellbar auch für mich, dass selbst in diesen schmerzhaften Stunden des Abschieds damals vor 6 Jahren die Familie es nicht vermocht hat, auch nur einen einzigen versöhnlichen Schritt auf die Freundin zuzugehen. Gut, dass er es nicht erleben kann. Gut, dass er es nicht sehen kann. Er hat sich das gewünscht, solange er atmete.
Sie haben es ihm alle verwehrt, über den Tod hinaus.
Irgendwie schmerzt so ein Gedanke doppelt.
Ich möchte so nicht von dieser Welt gehen müssen. Wenn die Zeit für mich kommen soll, dann möchte ich... vorher jedem gesagt haben, dass er/ sie mir viel bedeutet. Dann wünsche ich mir, dass nur das Positive zurückbleibt. Ich wünsche mir, dass man dann gern an mich zurückdenkt und dass die Menschen, die mir alles bedeuten, an einem Tisch sitzen und die Tasse Kaffee auf mich erheben.
Aber das alles hat ja hoffentlich noch wahnsinnig viel Zeit.

Kommentare:

Clara Himmelhoch hat gesagt…

So, ähnlich oder schlimmer habe ich es 1996 erlebt, als mein Freund gegangen ist. Zu Lebzeiten waren seine erwachsenen Kinder eigentlich recht vernünftig, doch kaum war er tot, wurde ich wie die Erzfeindin behandelt. In der Wohnung waren überwiegend meine Sachen - aber es wurde ein neues Schloss eingebaut und das Mal, als ich alles ausräumen wollte, stand die Tochter da, als wenn ich silberne Löffel klauen wollte. - Menschen können untereinander sehr weh tun, und das hat sich bis heute nicht geändert.
Diesen Tod von jetzt auf gleich finde ich schrecklich, weil man nichts mehr regeln kann, sich mit niemandem mehr versöhnen.

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Ja Clara... Menschen können einander unglaublich weh tun, und ich kann Menschen nicht ertragen, die sich genau den Punkt suchen, wo sie einem anderen am meisten weh tun können.
In solchen Momenten könnte auch ich misanthropische Züge entwickeln, denn ändern... ändern können wir die Menschen nicht.
Der Tod von jetzt auf gleich ist auch.. dass man sich nicht verabschieden kann. Man kann es einfach nicht mehr.