Mittwoch, 9. Oktober 2013

Anekdoten

Eigentlich wollte ich diesem Post die Überschrift "Stilblüten" verleihen. Doch dann, nach kurzem Sinnieren eröffnete sich mir, dass es sich bei den folgenden Anekdoten aus meinem  Alltag einer Schmerzpatientin nicht um Stilblüten handelte, sondern um haargenau so gemeinte Aussagen. Mir fallen nur noch ein paar ein und ich weiß, dass andere Patienten da noch wesentlich "besser" dran sind und waren. Aber ok.

"Na wenn die nichts bei dir finden, dann liegt es vielleicht auch an dir? Könnte es sein, dass du ein bisschen hypochondrisch bist?"
Klar. Deswegen kann ich in Schubphasen auch keine Tasse halten, nachts nicht liegen, nicht schlafen, tagsüber nicht sitzen, stehen, laufen.
Das war vor ein paar Jahren, inzwischen bin ich.. äh.. rehabilitiert.

Ankunft in der Schmerzklinik, fünf Wochen vor Weihnachten und wo du weißt: Hier kommst du frühestens im Januar wieder raus. Aufnahmeuntersuchung. Kein Blick in die Akte, nur auf mich und meine Reflexe im Knie.
"Ich verschreibe Ihnen Antidepressiva. Davon nehmen Sie früh und abends jeweils 1 Tablette. Das ist die Anfangsdosis." Verwirrung meinerseits. "Antidepressiva? Und wofür?" Stirnrunzeln ihrerseits: "Na gucken Sie sich doch mal an, wie Sie aussehen." OK!
In meiner Akte stand übrigens: 38jährige Patientin, modisch gekleidet, jünger wirkend - und daneben eine Reihe von Diagnosen; keine davon beinhaltete Depressionen.
In der nächsten Klinik tanze ich La Bamba bei der Aufnahme. Nur mal so prophylaktisch.

Ärztezentrum L., Neurologe, vermutlich seit 5 Jahren mit Diplom, aber keins für Empathie.
Zehn Minuten Untersuchung und Reflexprobe am Knie. (Was hatten die eigentlich alle mit meinem Knie? So besonders ist das auch nicht?)
"Neurologisch ist alles in Ordnung. Ich finde nichts."
"Was heißt das für mich?"
Schulterzucken seinerseits: "Ich finde nichts, also ist da auch nichts. Sie bilden sich den Schmerz nur ein."
Verblüffung meinerseits. "Und wenn ich mir das nicht einbilde, muss ich damit leben?"
"Ja. Was sonst?"

Neurologin in G., eigentlich ganz passabel.
"Ich vermute einen Mangel oder einen Überschuss eines der beiden Enzyme im Gehirn."
"Kann man das nicht testen und herausfinden?"
"Ja das geht. Aber erst, wenn Sie tot sind."
Ich dachte erst, das ist ein Witz. Aber sie meinte es tatsächlich so: Immerhin kann ich den Forschungszwecken dienen und damit meinen persönlichen Beitrag leisten. Auch wenns mir persönlich nicht hilft - C'est la vie! Prinzipiell verständlich und irgendwie auch okay. Nur nicht für mich in dieser Situation.

Wenn man solche und ähnliche und auch derbere Aussagen zu hören bekommt, dann... ist vielleicht auch nachvollziehbar, dass ich nicht mehr glauben kann, dass ich überhaupt noch mal ernst genommen werde.
Nicht alle Menschen glauben nur das, was sie sehen.
Aber offenbar sind alle die, die davon überzeugt sind, Ärzte geworden.


Kommentare:

Clara Himmelhoch hat gesagt…

Helma, ich in meiner so aufreizend direkten Art hätte weder "Stilblüten" noch "Anekdoten" darüber geschrieben, sondern "Medizinische Unverschämtheiten".

Anonym hat gesagt…

Das sehe ich auch so, aber das ist der normale Umgang mit Patienten in Deutschland. Jeder Arzt sieht nur das was er sehen will, und vor allem was er gelernt hat, über den Tellerrand ist nicht drin, der Mensch als Ganzes ist da fürchterlich egal.
Das führt am Ende dazu das man selbst nicht mehr sicher ist wer oder was man eigentlich ist oder was einem nun fehlt oder nicht. Als hätte man nicht schon genug Sorgen.

Und das nächste Problem, ohne vernünftige Diagnose bis Du nichts, da bekommst Du auch von anderen kein Verständnis. Du brauchst so eine Art Etiket um von anderen ernst genommen zu werden, hast Du keins bist Du eben Psycho. Das ist das Problem mit der Gesellschaft.
Lass Dich nicht beirren, ich bin sicher Du bist ok so wie Du bist.
Vielleicht suchst Du Dir für gewisse Fälle ein nettes Etiket aus und denkst Dir Deinen Teil.

Grüße Anna

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Clara, irgendwo in einer Zeitschrift las ich mal den Spruch: "Lache über die Dinge, dann hältst du sie besser aus."
Den Satz hab ich mir ausgeschnitten und aufgehoben.
Er geht nicht immer - aber oft genug. Ich bin ja grundlegend eher ein fröhlicher Mensch; vielleicht nicht so unbeschwert, aber immer noch fröhlich, und mein Galgenhumor hat mir schon oft über die eine oder andere Klippe geholfen.

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Anna (Anna? DIE Anna? :))
Ja, als Schmerzpatient ohne somatische Erklärung hat man den Stempel weg und wird auch nicht mehr ernst genommen. Mir ist das eben so oft passiert, dass ich zuerst an mir selber zweifelte, mein ganzes Leben hinterfragte, dann die Arztmethoden und dann resignierte ich und dachte: Jetzt besucht mich im Mondschein, ich helfe mir selbst.
Stellte meine Ernährung um (weniger Süßes, mehr frisches Obst und Gemüse (frischer Ingwer lindert auch ganz gut, nur nicht in den Akutphasen)), richtete meinen Sport mehr auf Dehnungsübungen aus und alles wurde besser - auch ohne Pillen. Und ich dachte: So ist es auch ok, so kann ich damit leben.
Doch diese Schmerz"schübe" kommen immer wieder und dieses Mal eben so richtig arg :( Normalerweise beruhigt sich das nach 2 - 3 Tagen wieder, diesmal hats vor 11 Tagen begonnen und und am Montag hab ich einen Termin beim Hausarzt.

ladybright hat gesagt…

NOCH derbere Sprüche? Man mag sich das kaum vorstellen! :(

Ich lass mal ein paar Fürsorge-Gedanken da: ((((@))))

;)

Hast du evtl. mal an Reiki gedacht?

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Lady, doch, das ging noch derber, aber ich kann auch ganz gut verdrängen und vergessen. Im Ernst.
Wenn ich mich immer nur mit allem Negativen belasten würde, könnte ich es wirklich sein lassen, denn dann hätte ich keine Freude mehr am Leben.
Und so weit lass ichs nicht kommen.
Ich hatte mal eine Reiki-Behandlung, das war ein Geschenkgutschein. Der Schmerz war nicht weniger, aber ich bin für den Rest des Tages durch die Welt gelaufen, als hätte ich bestimmte Sachen geraucht. DAS war echt genial. Hier zu Hause hab ich leider noch keine (gute) Adresse gefunden und leider scheiterts derzeit auch an den anfallenden Kosten :( Mit Ausbildungsbeginn von Junior II is ne neue Kostenlawine auf mich zugerollt, die ich alleine abfangen muss. Der Vater kann ja nicht und will ja nicht, weil sonst das Geld nicht reicht, um zweimal im Jahr in den Urlaub zu fliegen. Und das Bafög Amt liest und schweigt - bis dato. Aber ich hab ja noch Hoffnung, dass vielleicht bisschen was kommt :) Die Hoffnung stirbt schließlich immer zuletzt, spätestens mit mir :)

Nono hat gesagt…

Da habe ich auch einen netten Beitrag zu dem Thema. Bringe einen Freund in die Notaufnahme (über den Umweg Schmerzambulanz) von dort in die Neurologie. 3 Bandscheiben - letzte OP komplett daneben. Der Mann kann nicht ohne Hilfe (Rollator) stehen, hat mittlerweile die Kontrolle über seine Blase verloren. Der Neurologe schaut auf seine Krankenblatt und oben sind uralte Psycho-Diagnosen aus seiner Teeny-Zeit.

Der Arzt spricht : "Hier steht was von Borderline - Das ist nur psychosomatisch, sie sind hier falsch".

Ihr bildet Euch das alles nur ein !!!

An seiner Stelle wäre ich abgerastet, aber er war echt am Ende.

Drücke Dir die Daumen, dass es bald wieder besser wird. Den Humor hast Du nicht verloren ;)

LG