Sonntag, 13. Oktober 2013

Verkrochen und wiedergekommen



Seit ich allein lebe und meine Söhne älter und erwachsen wurden, damit immer öfter abends nicht daheim sind oder auch sonst öfter ihr eigenes Ding machen, gewöhnte ich mich an das Alleinsein. Inzwischen genieße ich es sogar: Ich muss nicht reden, wenn ich nicht will. Ich muss nichts putzen, wenn ich nicht will. Ich kann Musik hören, die mir gefällt. Ich kann in der Badewanne liegen, wann ich will. Ich kann mir sogar einen ganzen Samstagnachmittag lang Shopping Queen reinziehen und nebenbei was backen, bügeln oder einfach nur die Beine ausstrecken, zwischendurch einschlafen...
Früher konnte ich das alles nicht, und das lag nicht nur daran, dass die Söhne klein waren. Es lag überhaupt an den Lebensumständen. Und wenn Du merkst, dass Du immer kleiner, vielleicht frustrierter, enttäuschter, leerer wirst, dann kannst Du nur selber etwas daran ändern. Niemand, wirklich niemand anderes ist für Dich und Dein ganz persönliches Glück verantwortlich, sondern Du. Du ganz allein.
Wie war das eigentlich bei mir vor 10 Jahren? Ich war an einem Punkt angekommen, wo ich genau wusste: SO sollte mein Leben nicht mehr weitergehen, nicht auf diese Art. Ich hatte zwei Möglichkeiten: Entweder gebe ich klein bei und krieche zurück in ein Leben, das mich zerbricht - oder ich wage den Neuanfang.
Scheiße, hatte ich DA Angst vor! Andererseits wusste ich auch von Anfang an: Zurück will ich nie niemals mehr. Also weitergehen.
Ich erinner mich noch an die erste eigene Wohnung, die ich besichtigt hatte - mit 33 Jahren! Es war ein Tag im Februar, es war scheißkalt, aber sonnig, und die Wohnung ein Zwei-Zimmer-Büdchen mit Kochnische und ohne Badewanne. Aber sie war günstig und sie bedeutete für mich: Neu anfangen, neu atmen.
In dieser Wohnung, in meinem Zimmer hatte ich zuerst nur das Klappsofa einer Freundin und meine Musikanlage. Und ein großes Bild, das an der Wand lehnte. Mehr nicht - und ich fand sie trotzdem wahnsinnig schön.
Und ich erinner mich noch an mein innerliches Gezeter während der Besichtigung: "Kann ich das? Darf ich das? Soll ich das?" und als der Vermieter mich anschaute und fragte: "Und?", da wurde mir schlagartig klar: "Spring jetzt. JETZT! Sonst schaffst du es nie", und ich reichte ihm die Hand: "Ich würde sie echt gerne nehmen."
Mein Großer hat mich ein ganzes Jahr lang "mit dem Arsch" nicht angeguckt und, wenn er überhaupt mit mir sprach, all seine Ablehnung spüren lassen.
Mein Kleiner hat oft geweint und gefragt, warum wir nicht wieder zurückgehen.
Ich hatte einen neuen Job, eine neue Wohnung, ein neues Leben - ein bisschen viel Veränderung auf einmal, aber ich glaub schon, dass ich sagen kann: Ich habs ganz gut hinbekommen.
Was in den folgenden Jahren alles noch passierte, mag ich hier und überhaupt so nicht aufschreiben. Ich hab da so meine eigene Verarbeitungsmethode gefunden. Glaube ich. Hoffe ich. Und es hat so, so viele Nächte gegeben, in denen ich mich in den Schlaf heulte oder die Kissen zerbiss. Aber nie, niemals habe ich auch nur einen einzigen Moment an dieser Entscheidung gezweifelt. Im Gegenteil, mir war immer bewusst: Egal, wie schwierig es gerade auch ist, es ist das Beste, das mir passieren konnte.
Früher konnte man in meinem Gesicht lesen wie in einem offenen Buch, auch habe ich meine Gefühlsregungen immer offen nach außen getragen.
Irgendwann im Lauf der Jahre habe ich mir angewöhnt, das, was mich bedrückt, belastet, mit mir selbst auszumachen, immer weniger darüber zu sprechen und umso mehr Situationen und Menschen auszuweichen, die mir entweder nicht guttun oder die mich an etwas erinnern, das ich in meiner ganz privaten virtuellen Kiste verpackt habe. Eine stabile Holzkiste mit mindestens 7 Schlössern aus gutem Stahl. Manchmal dachte ich, das sei Verdrängung und nicht Verarbeitung. Und es heißt ja auch, dass man etwas erst dann verarbeitet hat, wenn man selber irgendwann keine Lust mehr hat, über etwas zu reden. Andererseits lernte ich vor vier Jahren in einer Reha, dass auch das Verarbeitung ist: Wenn die 7 Schlösser sich öffnen und die Kiste etwas herauslässt, muss man wissen, wie man es wieder zurück legt und die Schlösser wieder verschließt.
Weil es Wunden gibt, die irgendwie nie verheilen, aber sie sollen mich eben auch nicht bestimmen.
Ich möchte mein Leben genießen, weil ich es liebe zu leben. Weil es jeden Tag immer irgendetwas gibt, das einen freut oder den Tag schön macht. Ich bin so froh und dankbar für das, was ich erreicht habe und für die einen und anderen Menschen, die ich in den letzten zehn Jahren kennen lernen konnte.

Heute kann man in meinem Gesicht nicht mehr lesen wie in einem offenen Buch.
Wenn es mir nicht gut geht, zieh ich mich zurück, um mich selber wieder aufzurichten und selber wieder den Rücken gerade zu machen.
Dann möchte ich, dass man mir zuhört, wenn ich etwas sage - einfach nur zuhört, ohne dass ich eine Antwort wünsche.
Dann möchte ich, dass Raum und Zeit auch für meine Empfindungen ist - und nicht, dass man mir sagt, dass ich mich "da in etwas reingesteigert" hätte.
Ich möchte einfach nur... ernst genommen werden. Einfach nur das....

Ich bin nicht autark, aber auch nicht mehr so gesellig wie früher, dass ich stundenlang mit vielen Menschen zusammen sein kann oder möchte. Ich brauche das Gefühl, jederzeit gehen zu können, ohne damit den Gastgeber zu verletzen. Ich brauche meine Ruheinseln im Alltag, damit ich gestärkt wiederkommen kann.
Ich mag es sehr, meine dicken Wollsocken anzuhaben, ein großes Shirt, mir einen Tee zuzubereiten und währenddessen hinaus auf die Straße zu schauen, wo der Wind die gelben Blätter vor sich herweht.
Ich mag auch gern in irgendeinem Cafe sitzen, mitten unter Menschen, die ich nicht kenne; dort möchte ich meinen heißen Kakao trinken und ein Buch lesen. Inmitten von Menschen und doch mit mir allein.
Noch immer möchte ich lieber in einer großen Stadt leben als auf dem Land, wo einer den anderen ganz genau kennt..
Ich mag es, wenn es warm ist zu Hause, in der Luft der zarte Duft von Gebackenem liegt und ich mir eine DVD anschauen oder etwas lesen kann.

Insofern glaube ich, dass ich in den letzten Jahren doch etwas ganz Wichtiges gelernt habe: Ich bin mir selber genug. Ich fühle mich wohl mit mir selbst. Niemand ist dafür verantwortlich, dass es mir gut geht und ich mich glücklich fühle. Niemand außer mir selbst. Und das gilt auch dann, wenn nicht alles gut ist. Auch dann, wenn es mir nicht gut geht. Heute weiß ich: Ich steh immer wieder auf. Ich bin nicht zerbrochen und auch nicht gebrochen. Ich kenne meine Grenzen, aber auch meine Möglichkeiten. Ich hab gelernt, in den Schuhen zu gehen, die mir auch passen, denn alles andere funktioniert nicht.
Und ich bin wirklich froh und dankbar für die Menschen, die das mit mir teilen können und wollen. Ich hadere nicht über die, die gegangen sind. Alles im Leben hat seinen Platz und seine Berechtigung, und ich denke, ich habe von jedem etwas lernen können. Entscheidend für mich ist, wo ich heute bin - und mit wem.

Kommentare:

Clara Himmelhoch hat gesagt…

Hast du mit beiden Jungen in der 2-Zimmer-Wohnung gewohnt oder nur mit dem Kleinen und der Große war beim Vater?

ladybright hat gesagt…

Ich war 32 als ich meine erste eigene Wohnung bezog. :)

Und die Geschichte mit der Gefühls-Kiste erinnerte mich an eine Szene aus den Desperate Housewives letztens. Bree wurde gefragt, wie sie es schaffe, immer so beherrscht zu sein. Sie antwortete, daß sie die Emotionen, die sie in dem Augenblick habe, in eine Kiste packe und diese Kiste erst dann wieder öffne, wenn sie allein sei um sich ihre Emotionen anzusehen.

Ich kenne das auch, es kann mir noch so schlecht gehen, niemand wird das sehen oder bemerken, wenn ich es nicht will.

Ein einziges Mal während der Trennung, in einem besonders schlimmen Moment, als alles zu zerbrechen schien und ich keinen Boden mehr unter den Füßen fühlte, schoss mir der Gedanke durch den Kopf "Ich will mein Leben zurück."

Aber mir war im selben Moment klar, daß das was ich hatte, doch gar nicht MEIN Leben war und der Weg in mein Leben nicht zurück führte, sondern nur vorwärts. Und egal, wie schlimm die Momente danach noch waren, ich habe niemals mehr gejammert, mir niemals und vor niemandem Schwäche erlaubt - außer ganz allein mit meiner Kiste.

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Clara, der Große wollte damals beim Vater bleiben. Erst Jahre später erfuhr ich, dass er das eigentlich doch nicht wollte... Er war immer bei mir und heute wohnt er quasi bei uns. Mehr als zwei Zimmer habe ich aber nie bewohnt - weil ich es nicht bezahlen konnte. Ich hatte zwar immer einen Job, aber nie ausreichend verdient gehabt, dass es für alle reicht. Unterhalt für den Kleinen oder irgendetwas in der Art hab ich nie bekommen: "Wenn du das versuchst, ist das dein letzter Tag, denn dann hab ich nichts zu verlieren" - diese Worte hab ich nicht nur einmal gehört. Und ich weiß, wozu er fähig ist und ab wann sein Denken aussetzt. Dafür hat er aber jahrelang die Hand aufgehalten, um den Unterhalt für den Großen zu kassieren. Bis zu dessen 1. Ausbildung. Dann hat ja der Junge in einer WG gewohnt und selbst verdient.
Liebe Lady, nein, jammern wird man mich auch nicht hören. Sicherlich mache ich mir ab und an Luft, wenns ganz brachial wird, doch wenn überhaupt, dann "kotze" ich mich im Blog aus (das aber auch nur mit "Ladehemmung", leider weiß ich nicht, wie man hier Posts schützen kann) - oder nachts in mein Kissen.
Etwas anderes hat in meinem ganzen Leben noch nicht funktioniert. Außer mit meiner "Brotbüchsenfee", eine Freundin von mir, aber ich seh sie einfach zu selten, mir fehlt einfach die Zeit. Sie hat mal einen ganz schwachen Moment bei mir erlebt - und nichts weiter getan, als mir über den Rücken zu streicheln und mir wortlos zuzuhören. Best you can do. Da kam wenigstens mal alles raus und sie konnte das aushalten. Das ist aber auch schon ein paar Jahre her.

Clara Himmelhoch hat gesagt…

Liebe Helma, danke für deine Antwort. - Bei mir hat das selbst verdiente Geld auch nur in besten Zeiten gereicht, bei Arbeitslosigkeit, Hartz-IV und jetzt Rente nicht, da hat meine Mutter kräftig zugeschustert.
Ich will dich ja nicht weglotsen, aber wegen all solcher Schwierigkeiten bin ich quasi von blogger weg und hin zu wordpress, da sind geschützte oder ganz private Posts überhaupt keine Schwierigkeit.
Drück dich!

ladybright hat gesagt…

Stimmt, wordpress erlaubt sogar für jeden Post ein anderes Passwort, wenn man das wollte. Eine hohe Sicherheit ist damit jedenfalls gewährleistet. Und man könnte so sogar verschiedenen Personen(kreisen) verschiedenes zugänglich machen oder Dinge ausschließlich für sich selbst "runterschreiben".

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Dieses Schützen muss es bei blogger auch geben, ich habs mal im Blog der Juliane gesehen. Ich glaub, man kann sie anschreiben, das mach ich vielleicht mal.
Denn noch einen Blog eröffnen... Ich hab ja schon drei - dann verzettel auch ich mich :)

Clara Himmelhoch hat gesagt…

Du kannst wohl bei Blogger insgesamt nur geladene Gäste zulassen, aber das ist ja nicht, was wir meinen.
Ich meinte nicht unbedingt, dass du einen vierten eröffnen sollst, sondern einen gegen einen WP-Blog tauschen. Aber natürlich musst du das nicht, es war nur so ein Gedanke. - Ich bin jedenfalls mit WP weitaus zufriedener als mit Blogspot und ich kenne auch einige Überläufer ;-)