Sonntag, 6. Oktober 2013

Von der Rolle

Na ja, eigentlich müsste der Titel lauten "Auf der Rolle". Schon vor einiger Zeit hatten die gelben Seiten sich so eine Pilates- oder Fitness-Rolle eingekauft und sich fröhlich und munter etwaigen Muskelkater aus Rücken und Beinen gerollt.
"Diese Rolle sorgt dafür, dass kleinste Verspannungen und Verklebungen der Muskulatur gelöst werden", pries er mir das Wunderwerk der Sporttechnik an - und nachdem mich gestern Abend trotz frischem Ingwer (hilft sonst immer irgendwie) und ein paar Dehnübungen ein neuer heftiger Schmerzschub überrollte, der auch heut Vormittag immer noch nicht weichen wollte, ließ ich mich dazu überreden, ein paar Übungen auf dieser Rolle zu vollbringen.
Ayayayayaaayyy - DAS tat weh!
"Da, wo es am meisten weh tut, sitzen die Verspannungen und Verklebungen", erklärten die gelben Seiten ungerührt und fügten hinzu: "Wenn du es aushalten kannst, rolle besonders an diesen Stellen."
Also klebts irgendwo an den Beckenknochen, der Nierengegend und den Schultern. Zwar schmerzt auch das linke Bein, aber beim Rollen tat nix weh - also sinds vermutlich "von anderswoher ausstrahlende Schmerzen"? Dass Rückenschmerzen bis ins Knie ausstrahlen (können), hat man ja irgendwo immer mal gelesen. Also nix Ungewöhnliches, oder?
Nach dem Rollen schlief ich dann erst mal ein gepflegtes halbes Stündchen, schön ermattet und entspannt und nach dem Erwachen dachte ich: HUI, dat wirkt. Das wiederum ist jetzt auch ein halbes Stündchen her und leider müsste ich jetzt wieder auf die Rolle. Das artet ja richtig in Arbeit aus!
Aber OK, das ist mir immer alle Male noch lieber als irgendwelche Schmerzpillen schlucken, die sowieso nicht helfen, dafür aber dafür wahlweise mein Hirn vernebeln, meinen Magen kaputt machen und/ oder die Konfektionsgröße ausdehnen.  Nee, da rolle ich doch lieber bis zum jüngsten Tag. Und werde mich morgen mal bei Amazon umsehen, ob die sowas noch in klein für mein bescheidenes kleines Zuhause haben.
"Du musst das immer machen, wenn es weh tut", meinten die gelben Seiten. Nun dann. Bin ich mal gespannt, was mein Arbeitgeber dazu sagt.
"Wieso gehst du nicht ans Telefon?"
"Ich bin grad auf der Rolle!"
Na ja oder so.
In der Schmerzklinik vor paar Jahren hieß es mal: "Schmerz, der länger als 6 Monate andauert, manifestiert sich. Will man den bekämpfen, muss man das Schmerzgedächtnis löschen. Oder lernen, damit zu leben." Eine andere Ärztin meinte dort: "Schmerzgedächtnis, ja, das ist bekannt. Es ist aber noch niemals gelungen, ein Schmerzgedächtnis zu löschen. In der Medizin gibt es dafür kein einziges Beispiel."
Also hilft dann doch nur lernen, damit umzugehen? Hätte mir das damals, nach der verschleppten Angina, jemand gesagt, dass das von nun an so bleiben würde, wäre ich vermutlich verzweifelt. So aber hoffte ich jeden Tag, doch noch Mittel und Wege finden zu können, um den Schmerz auszutreiben. Die Osteopathie konnte mir nicht helfen, die Akupunktur auch nicht. Die Schulmedizin sowieso nicht "Austherapiert!" stands nach einigen Untersuchungen und Anwendungen in meiner Akte, und ab dann wird man nur noch herumgereicht oder bekommt einen Stempel in der Akte, der gewöhnlich nicht sichtbar ist "Arzthopper" oder "Alles Einbildung" oder "Chronifizierungsstadium 3, nichts mehr zu machen" oder "Warten Sie 10 Jahre, dann wirds entweder gut oder begleitet Sie bis an Ihr Lebensende" und solche erfrischenden Sachen. Die empathiefreien Ärzte (leider in der Überzahl) werfen dir das gnadenlos an den Kopp, die ehrlichen Ärzte gestehen: "Ich weiß nicht, was ich für Sie noch tun kann. Informieren Sie sich, belesen Sie sich. Wenn Sie etwas finden, kommen Sie wieder."
Letzteres ist nicht hilfreich, aber ehrlich.
Ich hab mich sogar mal zu einer christlichen Gruppe laden lassen. Handauflegen und Gebete an Jesu - ja, soweit war ich schon. Ich persönlich bin ja tausendprozentig davon überzeugt, dass es viel mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die sich nicht logisch erklären lassen - aber an Jesu und Gott glauben... Höchstwahrscheinlich liegt darin mein Frevel, und deswegen ging der Kelch des Genesens in dieser Runde an mir vorbei. Das ist inzwischen gute drei Jahre her, vielleicht auch vier, also Geduld im Warten habe ich da sicherlich bewiesen.
Und lernen, mit Schmerz zu leben...
"Du darfst nicht daran denken, dass es weh tut, dann tuts auch nicht weh", sagen die gelben Seiten immer. Aber... Tu ich das? Denke ich immer dran? 
Oder denke ich gar nicht so drüber nach wie er glaubt? Vergesse ich eher schon? Wohl so gut, dass ich manchmal dabei die Trigger vergessen. Auf Holzbänken hocke, obwohl das Auslöser Nr. 1 ist. Auf der linken Körperseite schlafe, wenn ich mich ankuscheln will. Ankle Boots (im Herbst) oder Pumps (im Sommer) anziehe, wenn ich durch die City oder so schlendere, weil dann das Bein einfach schöner aussieht. Die Dinger im Büro zu tragen stört nicht, weil ich die meiste Zeit sitze oder auch mal die Schuhe auszieh und barfuss lauf (wenn die meisten Kollegen außer Haus sind). Und dann vergess ich den Trigger und denke: "Ach na geht doch!" und zieh die Mörderschuhe dann auch in die City an, wo ich mindestens 1 - 2 Stunden beinah ununterbrochen herumstelze. Nur um das dann eben später zu bereuen.
Aber verdammt... Ich will doch leben, genießen, Sachen machen, die schön sind und Spaß machen und nicht später bereuen, weil ich dann wieder 3 - 4 Tage brauch, den schlimmsten Schmerzschub zu überwinden.

Ich will ins Kino gehen ohne Reue, so wie gestern Abend zum Beispiel. Danach waren wir noch was trinken, und nach dem ersten Glas Aperol mit Sekt und so glaubte ich, es ginge gleich besser. Also noch ein Gläschen hinterher, aber das war dann entweder doch gleich wieder zuviel des Guten oder aber die Bank trotz Sitzkissen zu hart für mich.

Und der Kinofilm selbst übrigens... "Da geht noch was" - so hieß der Film, und wenn Ihr mich fragt: Am überzeugendsten war für mich der Henry Hübchen. Die Geschichte hier und da irgendwie ganz schön klischeelastig und stellenweise auch ein bisschen zu sehr auf Tränendrüse komponiert - aber die Skizzierung des Vaters in diesem Film, das hat der wirklich richtig toll gemacht. Sehr glaubwürdig und... sehr menschlich. Ich kann mir gut vorstellen, dass die meisten Kinobesucher eher einen Film erwarteten, der sie unterhielt, von dem sie aber nicht glaubten, dass dieser Film überwiegend leise, zarte Töne anspielte. Einzig die Prügelei auf dem Marktplatz, die passte da irgendwie so gar nicht rein und empfand ich auch als ziemlich überzogen. Aber na ja, Kino halt...



Ich verzieh mich jetzt mal in die Küche und schau mal, was ich da für einen Film drehen kann. Riecht nach Pancakes, der Streifen ;)


Kommentare:

Clara Himmelhoch hat gesagt…

Helma, ich glaube, mit dem Glauben machst du nichts falsch. Solche Walfahrtsorte wie Lourdes und andere sind total überlaufen von Leuten, die geheilt werden wollen - und ich denke, die Quote liegt unter o,o1 Prozent - und diese ganz wenigen schaffen es mit Autosuggestion oder so. - Ich würde irre werden mit Dauerschmerzen.

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Clara, glaub mir mal, ich befürchte auch manchmal, langsam irre zu werden.
Aktuell hab ich in einem anderen Blog eine Nachricht von einer jungen Frau bekommen, die "etwas ausprobieren" möchte. Mit mir. An mir.
Ich will das zulassen und mich darauf einlassen. Weil ich eben wirklich glaube, dass es da zwischen Himmel und Erde noch so vieles gibt.
Doch davon erzähle ich später mal...