Dienstag, 12. November 2013

Das Kind bekommt einen Namen

..und nennt sich rheumatoide Arthritis. Was genau das zunächst bedeutet, weiß ich noch nicht und ist mir grad auch ziemlich egal: Die Ärztin war wirklich sehr nett, hat sich viel Zeit genommen, mich lange untersucht und sich viermal, glaube ich, entschuldigt, weil ich anschließend vor Schmerz gekrümmt im Stuhl hing wie eine windschiefe Pappel und wirklich Mühe hatte, nicht loszuheulen.
Das Blut wird jetzt noch mal auf Borreliose getestet - aber daran glaube ich eher nicht. Zwar hing mir mal eine freche Zecke an der Hüfte, aber der Schmerz war schon vorher da.
Ausgeschlossen werden soll noch eine Autoimmunerkrankung, alle Ergebnisse gibt es in etwa drei Wochen. Bis dahin gibt es neue, andere Schmerztabletten.
Als ich das Ärztehaus verließ, musste ich mich wirklich zusammenreißen, um aufrecht zum Auto zurückzugehen. Und als der Chef anrief, um zu fragen, ob ich "durch" sei und noch mal ins Büro kommen könne, da klang mir meine eigene Stimme selber fremd, als ich sagte: "Ja na klar, dauert etwa eine halbe Stunde, dann bin ich da." Er fragte noch, wies war - und diese Anteilnahme glaube ich ihm sogar. In seiner eigenen Familie kennt er genug Leid mit dem herzkranken Sohnemann, der einen Hirntumor hat; eigenes Leid mit seinem Lymphom und was nicht noch alles. Dagegen sind meine Probleme wirklich winzig klein. Nur eben schmerzhaft... So schmerzhaft, dass ich mitten im klaren kühlen Satz die Fassung verlor und wie ein Kind zu weinen begann "Ich! halte! es! einfach! nicht! mehr! aus!" Er war ganz erschrocken - so wie ich, aber meine ganze schöne Fassade brach zusammen wie ein Kartenhaus und übrig blieb nur ein kläglicher heulender Rest. Wochenlang habe ich mich zusammengerissen und nur mir selber gezeigt, wie weh der aktuelle Schub mir tut.
"Fahr um Himmels willen nach Hause", sagte er, "das meine ich ernst. Wir können das alles auch morgen machen."
Ich habe mich für den Zusammenbruch entschuldigt, aber davon wollte er nichts wissen: "Na wenigstens lässt du mal alles raus. Kann ja auch nicht gesund sein, alles immer runterzuspielen."
Nun, das habe ich wohl von meiner Mum. Die erzählte ja am Wochenende auch wieder jedem, es ginge ihr echt besser - und jeder war erschrocken, wie schmal sie geworden ist und wie ausgezehrt sie aussieht. Und der Papa nahm mich zur Seite "Glaub ihr kein Wort!"
In seinen 70. Geburtstag haben wir trotzdem ordentlich reingefeiert - von Samstag zu Sonntag.

Brüder und Schwester unter sich :)

"Einen Toast bitte!" -  "Ist das nicht was zu essen?" - "Ach Helma..."

Am Ende aber... was hilft es dir auch, anderen Leuten zu sagen oder zu zeigen, wie schlecht es dir mitunter geht? Was soll es dir helfen, dir bringen außer mitleidige Blicke oder möglicherweise auch Rückzug der anderen, weil die sich unsicher im Umgang mit dir fühlen?
Und warum muss ich leidend und krank aussehen, nur weil ich mich so fühle? Seh ich überhaupt nicht ein. Das würde mich ja selber demotivieren. In einer Klinik hatte mich mal eine Patientin angemotzt mit den Worten: "Was willst du eigentlich hier, du bist doch gar nicht krank, so wie du aussiehst. Mach Platz für die, die es wirklich nötig haben."
Klar. Ich kann ja auch den ganzen Tag flennen und mich gehenlassen, mich nachlässig anziehen und mir das Haar nicht mehr kämmen. Und dann? Gehts den anderen dann besser? Ich denke nicht. Und mir hilft das auch nicht.
Wobei es Zeiten gab... Wenn ich heute so Fotos aus den letzten Jahren betrachte, sehe ich schon den Unterschied. Wie müde ich auf vielen Bildern aussehe. Vor allem in den letzten Jahren. Inzwischen wirds langsam wieder. Von einer Million Bilder bleiben inzwischen wenigstens zehn brauchbare über ;)

Heut Nachmittag bin ich dann nach Hause gefahren, habe die neue Schmerztablette probiert und mich ins Bett gelegt. Habe geschlafen wie tot. Jetzt bin ich wach und der Schmerz ist immer noch da. Aber ich kann wieder besser damit umgehen. Business as usual.

Kommentare:

Clara Himmelhoch hat gesagt…

Es hört sich an, als wenn du das von deiner Mutter geerbt hast.
Ich kann es dir wirklich nicht nachempfinden, wie es ist, fast immer mit Schmerzen zu leben und keine Mittel schlucken zu können, die dagegen helfen.
Alles Gute wünsche ich dir!

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Clara, vielen lieben Dank, ehrlich. Und ja.. die erbliche Komponente.. Ich lebe seit 9 Jahren damit, jeden Tag, jede Nacht, es ist nur nicht immer so schlimm wie in den Phasen eines Schubes.
Was bei meiner Mum los ist.. weiß noch keiner so genau. Sie erlebt das seit Januar, aber doch schon viel krasser noch als ich. Keine Ahnung, was bei uns los ist - aber ich hoffe, man kommt den Dingen endlich auf den Grund. Vielleicht heilt die Erkenntnis nicht. Aber es würde schon reichen, wenn die Erkenntnis lindert.

DerSilberneLöffel hat gesagt…

Dafür hast Du einen Blog. Hier sind Leute, die mit Dir fühlen und mitlesen. Glaube mir, das hilft. Und wenn es erst mal geschrieben steht, dann ist das, als wäre es gesagt.

Schreibt einer, der weiß, das es so ist.

LG Holger

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Ja Holger, genauso ist das: Dafür habe ich einen Blog.
Man kann es lesen oder auch nicht - aber ich habe es rausgelassen...
Und ja, das hilft mir sehr. Vor allem, wenn ich erkenne, dass es auch gelesen wird. Also... wirklich gelesen..

Anna hat gesagt…

Holger sagt's. Genau dafür hast du dieses Blog. Wer mitlesen und mitfühlen möchte, der tut es. Und die anderen klicken weg. So einfach ist das.

Und ganz ehrlich: Nicht darüber reden und sich selbst vormachen, dass alles gar nicht so schlimm ist und anderen vorspielen, dass man ach so tough ist, ist NIE eine Lösung. Egal worum es geht. Ich habe das (in einem anderen Zusammenhang) jahrzehntelang gemacht. Also von klein auf... wobei ich nur an Jahren und innerer Größe gewachsen bin. ;) Na wie auch immer, ich sagte es neulich schon: Du kannst die anderen belügen, vielleicht sogar dich selbst - aber nicht deine Seele. Also versuch es gar nicht erst, sondern such Mittel und Wege, um das rauszulassen, was raus muss. Schreiben (Blog od. Tagebuch oder Briefe, die du nie abschickst), ein Kissen zusammenboxen oder heulen. Heulen ist immer gut und ebenfalls immer gut für den Verlust einer oder mehrerer Tränen ist Ally McBeal. So auch am Montag... *seufz*

*Fühl dich mal virtuell gedrückt*

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Anna, ich nehm die virtuelle Umarmung an - die tut nämlich nicht weh :)
Ally hab ich am Montag auch wieder geguckt - ich kannte die Folge zwar schon, ist ja aber wurscht.
Und heulen ist wirklich befreiend, ich habs gestern wieder gemerkt. Wenn ich alleine bin und mich unbeobachtet fühle, kann ich richtig Rotz und Wasser flennen wie ein Kind. Zwar schmerzt immer noch alles, aber irgendwie.. kann ich momentan wieder besser damit umgehen.
Ich weiß gar nicht, ob ich dazu neige, anderen oder mir selbst was vorzumachen. Vielleicht ist es auch die Prägung aus der Kindheit, als es immer hieß "Es wird nicht gejammert und es wird nicht gebettelt." Rauher, harter Norden ;) Ich denke halt eben nur: Es bringt niemandem was und hilft auch niemandem, wenn ich mich gehenlasse - außer dass mir irgendwann gar keiner mehr zuhört, weils keiner mehr hören mag. Jeder hat ja mit seinem eigenen Leben genug zu tun.
Und nur, wenn mein Fass überläuft, dann lass ichs raus...

Alles schon mal dagewesen hat gesagt…

Liebe Helma,
ich hoffe, dass mit der Namensfindung auch endlich eine Therapie für dich kommt, die dir das Leben leichter macht. Ansonsten ist es zwar schön zu wissen, aber hilft dir nicht wirklich weiter. Ich drücke dir die Daumen. Mag mir gar nicht vorstellen wir das ist, wenn man IMMER mit Schmerzen leben muss. Halt durch!!
LG Susann

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Susann, ich denke hinsichtlich der Namensgebung eher positiv: Man versucht nicht mehr, mir irgendwas einzureden und man versucht auch nicht mehr, mir Mittelchen einzufüllen, die einfach nicht die richtigen sind und - sofern überhaupt eine Wirkung eintritt - diese nur an meiner Konfektionsgröße arbeiten.
Jedenfalls für die Akutphasen, denn ein Dauerzustand soll der Medikamentenwahn auf jeden Fall auch weiterhin NICHT werden. Da bin ich stur wie Ochs'.

Kirschbluete hat gesagt…

Nein, bloß weil man sich krank fühlt, muss man nicht krank aussehen. Aber man darf. Und ich denke beides sollte seinen Platz haben dürfen. Je nachdem wonach einem gerade ist.
Schmerzen können ganz schön zermürben.
Mir ging es immer so, dass ich mich in "Schlumpiklamotten" und ungepflegt noch kränker fühlte und mich so richtig in meinem Elend suhlen konnte. Zurecht gemacht und gut aussehend gab mir mein Aussehen wieder Kraft, ich fühlte mich stark und das Leid war ein bißchen besser zu ertragen :-)

Ich wünsche Dir sehr, dass sich bald ein wirksames Mittel zur Linderung Deiner Beschwerden findet.