Montag, 2. Dezember 2013

Das Mädchen, das in Flammen steht

Über diesen Kommentar zu meinem letzten Post habe ich mich irgendwie total gefreut. Letztlich sind es immer die "kleinen" Dinge, die mir neuen Mut machen. Ist ja nicht so, dass ich mich unterkriegen lassen würde. Ist aber dennoch so, dass mir das alles momentan nicht so leicht fällt und dass dieser Dauerschub beginnt, mich irgendwie mürbe zu machen. Vollidiot.
Und weil sich jetzt ein neuer Doktor für meine Historie interessiert, habe ich mal den Ordner "Schmerz" erlaubterweise mit ins Büro genommen und alle Befunde, die ich habe, kopiert.

Angefangen von 2005 bis 2009 - neuere Dokumente habe ich dazu leider keine. Hab ich aber auch nie abgefordert, denn zu Beginn 2010 habe ich ärztekapituliert und darauf vertraut, dass ich es aus eigener Kraft schaffen kann - und vor allem ohne dieses Pillengedöns, von dem ich heute noch zehn  Extra-Kilo mehr mit mir rumtragen darf. Es ist auch egal, wie viel oder wenig ich esse und wie viel oder wenig Sport ich mach - das Waageergebnis ist seit 3 Jahren exakt dasselbe. Eher mehr als weniger. OK, ausufernd ist es sicherlich nicht - das Foto hier ist von heute; aber 10 Kilo sind 10 Kilo mehr, die mein Knochengerüst tragen können muss, und man darf ja auch nicht vergessen, dass man von oben nach unten fotografiert ohnehin zarter aussieht als es die Wirklichkeit ist.
Meine letzte Waage ist ja den einsamen Containertod gestorben - aber die neue zeigt dasselbe Ergebnis, also muss ich es wohl glauben.
Egal.
Das ist nicht mein heutiges Thema. Also das Gewicht.
Ich habe nun also die Befunde kopiert und dabei mal reingelesen, was die so die ersten Jahre über mich geschrieben haben. Dass ich wesentlich jünger aussehen würde und einen sehr wachen, allseits interessierten Eindruck mache - null Anhaltspunkt für Depressionen und erst recht keinen Anhaltspunkt für einen suizidalen Hang. Dass ich mich vorsichtig und leicht ängstlich bewege und so "normale" Sachen halt, die man als Schmerzpatient wohl macht. Auch dann, wenn sie prinzipiell falsch sind. Menschlich, aber trotzdem falsch.
Aufgefallen ist mir dabei ein Bericht aus dem Jahr 2008 - mein erster Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik: Die zu Beginn der Schmerzerkrankung festgestellte und auch nach Laborwerten bestätigte durchgemachte Angina (und leider unbehandelte, danke noch mal, du Sackgesicht von Allgemeinarzt, der mich abgespeist hatte mit den Worten: "Ach wissen Sie, Sie sind einfach nur überarbeitet, legen Sie sich ins Bett, dann ist Weihnachtsurlaub und dann ist alles wieder gut.") In diesem Bericht stand dokumentiert, dass ich mich zu Beginn der Behandlung gewehrt hätte dagegen, dass mein Schmerz auch rein psychischer Natur sein könne und ich mich erst zum Ende der "Behandlung" hin für diese Thematik geöffnet hätte.
Wieso ist mir dieser Satz eigentlich nicht früher aufgefallen? Wäre es nicht so weit von mir zu Hause weg, müsste man glatt hinfahren und der Tussi den Wisch um die Ohren hauen. Is mein Ernst! Zum Zeitpunkt lebte ich bereits 4 Jahre in enger Verbundenheit mit Freund Schmerz und hatte damit ausreichend Zeit, mir über verschiedenste Ursachen, Gründe, Haltungen, Taktiken, Verhalten meine Gedanken zu machen. Und niemals hab ich gesagt, meine Biografie habe ja so gaaar keinen Einfluss auf meine Schmerzerkrankung. Ich hatte zu dem Zeitpunkt genug Scheiß durch und dass all das sich nicht unbedingt förderlich auf getrennte Wege zwischen mir und Freund Schmerz auswirkte, war selbst mir klar. Wogegen ich mich jedoch immer gewehrt habe, war dieses "in die Schublade stecken". Die unbehandelte Angina galt als austherapiert, weil ich acht Wochen zu spät drei Wochen lang Antibiotika nehmen durfte - aber keine Sau hat sich je Gedanken darüber gemacht, dass eine unbehandelte Angina Verheerendes anrichten kann. Auch dann, wenn es nicht das Herz betrifft. Ich wusste das auch nicht, aber ich kann mich wenigstens damit herausreden, dass ich Laie bin und für sowas Leute fragte, die sich eigentlich damit auskennen sollten. Und dass nicht alle Spuren labortechnisch oder durchleuchtungsmäßig nachweisbar sind, habe ich zum ersten Mal vor vier Jahren von meiner Schmerzärztin gehört. Immer öfter hatte ich mir jemanden gewünscht, der mich ganzheitlich betrachtet. Der mich nicht depressiv einstuft, nur weil ich nicht sambatanzend Einzug halte in eine Klinik, aus der ich acht Wochen lang nicht wieder herauskommen würde. Der mir nicht "ungenügende Compliance" bescheinigt, nur weil sie sich ihre Scheißpillen sonstwohin stecken durften. Der nicht einen Emo-Zombie aus mir macht, dessen Haare wirr und stumpf und dessen Augen ausdruckslos geworden sind.
Und wenn ich das alles so sage, dann meine ich damit nicht, dass ich so tun will, als seien mein ganzes Leben ein Wunderland und jede Problematik ein Fliegenschiss gewesen. Ich bleibe jedoch dabei, dass das Suhlen in bestimmten Ereignissen mich nicht weiterbringt. Ich bin noch heute überzeugt davon, dass ein gewisser Pragmatismus gepaart mit Empathie wesentlich mehr Erfolg bringen könnte. Ich kenne persönlich Leute, die sich allein auf die Kraft der Pillen verlassen und gar nicht erst versuchen, es anders anzugehen. Sie können ja leider nicht, heißt es dann oft. Doch, man kann. Ich hab auch Angst davor gehabt, Sport zu machen. Weil es einfach weh tat. Bis ich in einer Reha endlich begriff: Ich machte einfach nur den falschen Sport. Ich tat mir nichts Gutes damit. Dort lernte ich den richtigen, den ich bis heute betreibe: Dehnungen, Stretching und sanfter Muskelaufbau. Pilates ist mein ganz persönliches Zauberwort. Damit ging es mir immer besser. Auch wenn es mir aktuell nicht hilft - ich gebe nicht auf.
Und dann kamen heute diese Worte, die des Kommentars im letzten Post. Das Mädchen, das in Flammen steht. Wegen dem roten Kleid. Wegen der Lebenskraft, die ich damit zum Ausdruck brächte.
Mir selber ist das überhaupt nicht bewusst gewesen. Kein Stück. Aber irgendwie... hat sie total recht. Glaub ich. Auch wenn ich mich grad kraftlos fühle, wenn ich tagsüber nicht weiß, wie ich sitzen und nachts nicht weiß, wie ich liegen soll, wenn mir beim Schreiben die linke Hand schmerzt - trotzdem lodern diese Flammen in mir...
Als ich mich heut im Spiegel betrachtete, musste ich unwillkürlich schmunzeln. Schon am Freitag und auch heute war ich komplett in Schwarz gekleidet. Es hat für mich gar keinen tieferen Sinn - es hatte sich mit dem Griff in den Kleiderschrank einfach so ergeben. Eine Kollegin hatte mich vorsichtig gefragt, ob alles in Ordnung sei, mit der Mum und so. "Ja wieso?" hatte ich sie erstaunt gefragt und sie deutete auf mein Outfit: "Na ja, weil du.. so in schwarz und so.." Da musste ich lachen.
Vielleicht hat das ja auch was zu sagen, das Rot wie das Schwarz und so auch der Umstand, dass ich heute Abend endlich meinen Kleiderschrank entrümpelt und geordnet habe. Und dass meine Garderobe einen deutlichen Hang zu Farbenfrohem zeigt. Zumindest die, die im Schrank übriggeblieben ist.
Ich brenne. Ich blühe. Ich leuchte.
Und im nächsten Jahr wird alles wieder besser. Es war ein anstrengendes Jahr. Aber das ist eben auch fast vorbei. Glücklicherweise. Und in diesem Jahr - ich schwörs - gönne ich mir zum Abschluss wieder meine ganz persönliche Glücksrakete. Nur eine. Die muss reichen - und die wird auch reichen.

Kommentare:

NadineNicole hat gesagt…

Du weisst gar nicht, wie sehr ich dich versteh. Auch ich kann wieder nicht einschlafen, wegen der blöden Schmerzen...

Anna hat gesagt…

An dich in deinem Flammenkleid habe ich neulich gedacht, als ich die H&M-Werbung sah. Tolles Kleid! ;)

Und auch ein Kleid, zu dem niemand greifen würde, der sich aufgegeben hat und in Depressionen versinkt. Das ist eine Kampfansage: Schau her, Freund Schmerz... hier geht's lang. Das Kleid und die damit verbundenen Assoziationen sind das Ziel. ;)

Bisschen Angst macht mir das, was du geschrieben hast. Dieses Durchleuchtetwerden. Irgendwie fühlt sich das so an, als würde man... hm... dem Patienten - also dir- ein wenig "Mitschuld" geben wollen. So nach dem Motto: Irgendwas musst du doch gemacht haben, dass es gerade dich erwischt - also sag uns endlich, wo DEIN Anteil an dem Problem ist. Ich habe keine Ahnung, wie schlimm es sein muss, mit Dauerschmerzen zu leben und kann es mir wohl auch nur ansatzweise vorstellen. Aber alleine die Vorstellung, in diese Ärztemaschinerie geworfen zu werden, ist Horror genug. Wie bitte soll man da nicht gelegentlich in ein Stimmungstief sinken?

@Schwarz: *grummel* Warum hat diese wunderbare Farbe so einen schlechten Ruf? Schwarz ist nicht nur traurig und depressiv, sondern auch Schutz. Weil man so nämlich ein wenig auf Distanz geht und seine Ruhe hat. Finde ich sehr wichtig, wenn man kaum genug Kraft für sich selbst hat. ;)

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Anna, ich glaube, Du hast es wirklich gut auf den Punkt gebracht:
In all den Jahren, nach dem ersten "normalen" Untersuchungsgang zu Beginn der Schmerzen wurde mir bescheinigt: Ja, die Angina gabs, aber gegen die haben Sie ja dann was bekommen und alles andere ist psychisch. Minimiere deinen Stress, ordne dein Leben, gewöhne dich an den Schmerz und lerne damit zu leben - und wenn das alles nicht funktioniert, liegt das ganz allein an Dir. An Deinem Unvermögen.
Genau das ist die Kernaussage, die mich dazu brachte, nach vier Jahren mit dem ganzen Scheiß aufzuhören und selber nach Lösungen zu suchen. Ich bin weiter zur Schmerztherapie gegangen und auch zur Verhaltenstherapie, weil mir eben auch bewusst war: Körper und Seele bilden eine untrennbare Einheit.
Ungeachtet dessen ist es aber auch so: Wird es draußen kälter, wird der Schmerz schlimmer. Esse ich Schweinefleisch oder Schokolade, wird es schlimmer. Der Rheumaarzt sagt: "Das ist normal, wenn man Rheuma hat, das kann monatelang andauern."
Also vermute ich mal, bis zum Frühling? Im Frühjahr/ Sommer ist es immer besser - vielleicht ziehe ich irgendwann doch noch auf die Bahamas.
Was ich sagen will: Natürlich fängt man auch an, bei sich selbst zu suchen: Wie lebe ich, wie funktioniere ich - wer bin ich überhaupt? Mit vielem habe ich dadurch inzwischen meinen inneren Frieden geschlossen und lebe heute schon entschlossener und unabhängiger (fragt mal die gequälten gelben Seiten ;)) - aber die Schmerzschübe kehren ungehindert wieder. Für diese schlimmen Phasen wünsche ich mir einfach nur ein Gegenmittel - und nicht die Unterstellung, dass ich mir das einbilde und auch sonst alles nur an mir liegt.

Und schwarz... Ich mag Schwarz! Jennifer Rush hat mal gesagt "Schwarz macht schlank und sieht geil aus!" - und sie hat recht :)
Doch was Du ansonsten mit dieser Farbe assoziierst, trifft aktuell auf mich tausendprozentig zu. Mit oder ohne Schmerz.

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Nadine, mir hat früher übrigens immer Amitriptylin geholfen. War niedrig dosiert und hatte kaum Nebenwirkungen - aber ich konnte besser schlafen.

ladybright hat gesagt…

Oh, da ist schön, daß ich die richtigen Worte gefunden habe, das auszudrücken, was ich meinte. :)

Und ja, es ist so. Liest man deine Posts oder kommt man dir ganz real näher, so spürt man dieses Blühen und Brennen förmlich. Selbst, wenn du ganz entspannt und ruhig dasitzt, es funkelt aus deinen Augen und spielt um deine Mundwinkel. :)

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Wow... Jetzt hab ich wirklich echte Gänsehaut!
Danke :*