Freitag, 24. Januar 2014

Dort hinten am Horizont, da geht die Sonne auf





"Niemand hat gesagt, das Leben ist leicht..."
Wenn wir auf die Welt kommen, sind wir völlig unschuldig, unbedarft und alles, was uns interessiert, sind die elementaren Bedürfnisse von Essen, Trinken, Schlafen.
Irgendwann wollen wir die Welt entdecken - doch dazu müssen wir erst einmal das Laufen lernen. Das Hinsetzen, Krabbeln, Aufstehen - Laufen. Wir holen uns Beulen und blaue Flecke, aber nichts könnte uns je daran hindern, mit dem Weiterlaufen aufzuhören. 
Wir laufen weiter und immer weiter, wir entdecken uns und die Welt, wir entdecken jemanden neben uns, verlieben uns, trennen uns, begegnen neu oder anderen und sammeln... Erfahrungen.
Manchmal frage ich mich, warum uns ausgerechnet die Erfahrungen daran hindern, weiterzugehen.
Manchmal frage ich mich, warum wir diese Erfahrungen nicht einfach nur annehmen und dafür benutzen, einen anderen Weg als bisher zu gehen? Meinetwegen auch einen Umweg?
Als ich mich das erste Mal richtig verliebte, war ich 15, ging in die 9. Klasse - und der Junge ging in die Schule nebenan. Ich erinner mich noch an den ersten (und einzigen) Kuss vor meiner Haustür. Scheiße, war ich aufgeregt. Und dann stand ich vor dem Badezimmerspiegel und schaute in mein Gesicht, erhitzt, glücklich - und immer noch aufgeregt. 
Es scheiterte mit uns wenige Wochen danach, weil ich einfach zu schüchtern war. Die erste große Liebe - und die scheitert an der eigenen Schüchternheit, dem Unwissen und der Tatsache, dass ich mir von jeder Freundin reinquatschen ließ, anstatt auf mein eigenes Bauchgefühl zu hören. Ja, ich hatte damals schon eins ;)
Beim nächsten Mal, das schwor ich mir damals, mach ich alles anders. 
Na ja, sagen wir mal so: Es hat erst beim übernächsten Mal geklappt. Aber es war eben so und wenn ich auch gelitten habe, nachts nicht schlief und in die Kissen heulte, so habe ich trotzdem nicht die Hoffnung verloren, nicht das Vertrauen darauf, dass irgendwann alles gut würde.
OK, ich war jung, da fehlt noch jegliche Lebenserfahrung. Wie aber kommt es, dass uns diese Lebenserfahrung eher kaputtmacht als dass sie uns fördert? Ich meine, wir entwickeln uns ja alle - aber wie ist das mit der richtigen Richtung? 
Warum macht uns die Summe unserer Erlebnisse eher... kaputt als stark? 

Ist es falsch, ab und an den Wunsch zu haben, ganz allein zu sein, mit sich allein zu sein, seine Gedanken zu sortieren, sich selbst zu hinterfragen und vielleicht auch... sich selbst neu zu sortieren? Ist es falsch, auch manchmal dann allein sein zu wollen, wenn es einem nicht so gut geht? Ist es wirklich so, dass man sich in eine Scheinwelt zurückzieht, nur weil man für einen Moment um sein eigenes Universum kreist?
Ich kreise öfter um mich, weil ich mich selber auch verstehen will. Meine Muster, meine Mechanismen, die Ursache meiner Ängste und die Mittel dagegen.
Ist das alles immer gleich auch was Negatives? Ich frage niemanden Bestimmten, ich frage mich selbst das.
Es gibt Tage, da nehme ich einfach nur hin, genieße oder genieße nicht. 
Es gibt Tage, da nehme ich auf und denke viel nach. 
Manchmal zieht mich das runter, manchmal wirft es mich ganz nach oben.
Manchmal höre ich ein Lied und tanze total ausgelassen danach.
Manchmal höre ich ein Lied und mir kommen die Tränen.
Manchmal fühle ich mich völlig mittig und dann genügt ein einziges Wort, eine einzige Erinnerung, die mich umwirft. Wenn ich das ausspreche, glaubt derjenige, er sei daran schuld. Ich kapiere das nicht! 
Anna, Du hast völlig recht, wenn Du sagst, dass die Vergangenheit zu uns gehört. In einer Reha-Klinik habe ich mal gefragt, wie das geht mit dem Verarbeiten, und die Therapeutin meinte, man müsse sich eine Kiste vorstellen, in die man all die Erinnerungen verschließt. Die Kunst besteht darin, die Kiste wieder schließen zu können, wann immer oder wodurch auch immer sie sich öffnet. Wie das funktioniert, konnte sie mir nicht sagen bzw. meinte sie, das würde zu lange dauern und sei nicht Bestandteil der Reha. 
Also versuch ich es auf meine Weise. Ich bin es gewohnt, und wenn ich sage "Ich habe mich daran gewöhnt, allein meine Antworten zu finden oder mich allein in die Arme zu nehmen", dann beklage ich mich doch nicht darüber, sondern ich stelle nur etwas fest oder spreche Erkanntes aus. 
Es gibt Menschen, die singen Lieder über das, was sie bewegt.
Es gibt Menschen, die malen Bilder von dem, das in ihnen ist.
Es gibt Menschen, die drücken mit Tanzen aus, wie sie fühlen.
Ich kann nicht singen oder tanzen. OK, nach zwei Gläsern Wein vielleicht. Doch sonst... Mein Ventil ist das Schreiben. Ich brauche dieses Medium, um mir vieles selber auch bewusst zu machen.
Und es macht mich müde, das immer und immer wieder rechtfertigen zu müssen. Oder immer wieder hören zu müssen: "Du schreibst viel zu persönlich." Finde ich übrigens nicht. 



Es gibt Tage, da möchte ich mir Blumen ins Haar stecken, die neuen Chucks zum schwarzen Chiffonkleid anziehen.

Es gibt Tage, da sind die Haare wild durcheinander, da fühle ich mich in der Lederjacke und den Boots am wohlsten.

Es gibt Tage, da würde ich am liebsten überhaupt nicht mehr aus meinen Wohlfühljogginghosen heraussteigen.

Es gibt Tage, da trage ich große Ohrringe oder lange bunte Ketten und meine geliebten zerrissenen Jeans.

Das ist mein Wohlfühl-Ich.
Das ist mein entspanntes Ich.

Eins, das sich unbekümmert gibt und öffnet.





Es gibt Tage, da stecke ich mir das Haar streng zusammen, wähle nur die Perlenohrringe.

Es gibt Tage, da liebe ich Pumps und solche Sandaletten.

Es gibt Tage, da liebe ich mich ganz schlicht im kleinen Schwarzen und das einzige Kleinod an mir ist mein Lieblingsparfüm und der rotweißgoldene Ring an meinem rechten Ringfinger.

Das ist mein verschlossenes Ich.
Mein Ich, das sich schützen will - vor was auch immer.

Wer Dir nicht nah genug ist, kann Dir auch nicht weh tun.
Nur bei denen, die in Deiner Seele wohnen, da bin ich immer noch ängstlich.

"...Niemand hat gesagt, das Leben ist leicht, alles geht vorüber [...] 
dort hinten am Horizont - 
da geht die Sonne auf!"


Kommentare:

NadineNicole hat gesagt…

Hallo Helma,
das hast du schön geschrieben. Auch ich gehe so mit meinen Sorgen und Problemen um. Und das du zu persönlich schreibst, finde ich auch nicht!

Alex hat gesagt…

Zu persönlich? Ich finde es ist sehr mutig, so persönlich zu schreiben. Du hast auch noch ein Foto von dir eingestellt (ein sehr gutes und schönes, wie ich finde). Du schreibst dadurch "öffentlich", versteckst sich nicht, stehst zu dem, was du schreibst.
Der Leser macht sich ein Bild von dir. Ich handhabe das ähnlich in meinem Blog. Das ist authentisch. Ich mag authentisch. Das ist so menschlich. Es erinnert einen daran, dass wir menschlich sind. Sterblich und fehlbar.
Du bist mutig, ganz klar.
Es wird aber Menschen in deinem Umfeld geben, die dich lieben und Angst davor haben, dass du dich durch dein persönliches Geschreibsel angreifbar machst. Verwechsle Sorge nicht mit Kritik.

Ich für meinen Teil habe festgestellt: Persönlich ist gut, tut gut und: es trennt im Freundes- und Bekanntenkreis die Spreu vom Weizen. Es kann nicht jeder mit mutigen Menschen umgehen. Die Welt ist voller Angsthasen, die sich nicht einmal selbst eingestehen, dass sie eine Kiste mit Erfahrungen und Traumatas durchs Leben schleppen.

Schönes Wochenende ;-)

(Gibt's was Schöneres, was Befreienderes, als weinend vorm PC zu hocken und seine Seele zu entrümpeln? Wohl kaum.)

Alles schon mal dagewesen hat gesagt…

Liebe Helma, ich finde du hast ein sehr klares Bild von dir. Wie du dich beschreibst, wie man deinen Gefühlszutand an deiner Kleidung ablesen kann. Viele tun es und wissen nicht warum. Und du hast den Mut das hier zu beschreiben. Es ist sehr persönlich und auch authentisch.
Ich wünsche dir, dass du immer das Bedürfnis hast, deine zerrissene Jeans und die bunten Ketten zu tragen ohne Angst verletzt zu werden.
LG Susann

DerSilberneLöffel hat gesagt…

Du nimmst Dir die Zeit, dich zu reflektieren. Du erkennst Dich und kannst nur so an Dir arbeiten. Und wer braucht nicht auch ab und zu ein paar Augenblicke nur für sich?

Mir sind Menschen suspekt, die immer gute Laune haben. Da frage ich mich oft, was diese zu verstecken haben. Nicht alle Tage sind gleich und auch unsere Gefühlswelt ändert sich ständig. Diese zu verstecken oder immer nur darauf zu hören, was andere sagen, ist falsch. Und wenn es Dir hilft, hier darüber zu schreiben, dann schreib darüber. Das zeigt auch, dass Du stark bist und ehrlich.

LG. Holger

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe NadineNicole und Susann - danke :)
Liebe Alex, Dein Kommentar hats mir irgendwie angetan. Er macht mir bewusst, wonach ich selber schau und worauf ich achte: auf Authentizität. Natürlich breiten wir alle nicht unsere ganze Gefühlspalette im world wide web aus und dass es eher die Sorge ist, die da jemanden um mich treibt, ist mir ebenso bewusst.
Ich kann jedoch auch nicht hier "anders" sein, nicht anders schreiben als so, wie es mir im Blut liegt, im Sinn. Ich öffne mich und halte mich zugleich dennoch - natürlich - ein Stück weit verborgen.
Als ich in Single-Zeiten auf Datingplattformen unterwegs war, las ich viel zu oft, dass ein Mann sich eine starke (mutige) Frau wünscht - doch die Realität zeigte immer wieder: Die meisten wissen gar nicht, was sie da sagen, denn sie können gar nicht damit umgehen. Ich bin vielleicht nicht sooo tough, weil ich vor zu vielem Angst hab - aber ich bin auch nicht schwach. Und ich glaub schon, dass ich das auch von mir behaupten darf. Auch dann, wenn gewisse Entwicklungen und (Lern-) Prozesse bei mir länger dauern.
Doch der Blick auf mein Leben führt mir auch vor: Es ist längst nicht mehr alles so wie es mal war, und das ist in vielem auch gut so.
Auch Dir ein schönes Wochenende :)

Lieber Holger, ich persönlich glaube ja: Wer den ganzen Tag lustig und unbeschwert sein kann, der kommt abends heim und er streift das Lachen ab wie die Schuhe, die er den Tag über getragen hat: Er kann nicht mehr, die Maske fällt und hervor kommt das wirkliche Ich, das er nicht den anderen und oftmals auch nicht sich selber zeigt. Ist ja irgendwie auch ein Schutzmechanismus. Manchmal geht mir das auch so: Im Büro, mit meinen Kollegen, da bin ich meist abgelenkt, da werden Gedanken und Empfindungen weggelenkt - und wenn ich abends nach Hause komm, die Musik anstelle und das Essen zubereite, dann komm ich zur Ruhe und die Gedanken kommen zurück.
Ich bin nicht immer so gedankenvoll und auch nicht immer tiefgründig. Im Grunde sind wir uns doch alle gleich, wir machen nur das Verschiedene daraus...

c17h19no3 hat gesagt…

<3