Donnerstag, 23. Januar 2014

Liebe mich dann, wenn ich es am wenigsten verdient habe

...weil ich es dann am meisten brauch.



Als sich das letzte Jahr verabschiedete und das neue begann, als ich schier unerschütterliche Ruhe aus den letzten Dezembertagen mit in das neue Jahr brachte, als ich dann noch den ersten Schritt in Richtung eines neuen Lebens wagte - da fühlte ich mich mit einem Mal so... leicht. Fast so ein wenig unbeschwert wie... ja wie vor etlichen Jahren. Ich hatte das Gefühl, es würde nun alles in die richtige Richtung gehen, Ängste würden sich lösen, Zweifel würden sich lösen - und Wege würden gangbar werden.

Es gibt Phasen, da fühle ich mich stark. Unbezwingbar. Unabhängig. Frei. Phasen, in denen ich völlig in mir selbst ruh und törichterweise glaube, nichts könnte mich je mehr aus dieser Mitte hebeln.
Manchmal erschreckt mich, wie wenig es braucht, um mich genau da wieder herauszuschubsen.
Dann gibt es Phasen, da zerfleische ich mich an mir selbst. Da zweifle ich an mir, an meinem Tun, an meinem Denken. Ich fühle mich doppelt so breit und doppelt so klein.
Es gibt Tage, da fühle ich mich so unglaublich reich - tief in mir.
Und es gibt Tage, da fühle ich mich unsagbar arm - tief in mir. Als gäbe es nichts an mir, um mich, nichts an Schönem und Guten, das entweder in mir liegt oder das ich je verdient hätte.
So lange ich denken kann, kämpfe ich mit mir selbst, zerreiße ich mich in tausend Stücke, nur um mich immer wieder unermüdlich neu zusammenzusetzen. Und ich habe überhaupt keine Vorstellung davon, was eines Tages aus all diesen tausend Teilchen wird. Ich fühle mich neu und bin doch immer wieder dieselbe, die ich schon vor Jahren war. Tief in mir drin.

Und doch habe ich mich verändert. Manchmal sehne ich mich nach dem alten Ich: sanft, weich, leise.
Manchmal habe ich Freude an meinem neuen Ich, das genauso auch laut und stachlig sein kann. Ich kann heute Ja und auch Nein sagen, denken, fühlen - und ich kann mich abgrenzen bis so weit, wohin ich mich völlig zurückziehe..
Friederike hat mir gesagt (oder vorgeworfen?), dass sie spürt, wenn es mir nicht gutgeht, doch dass sie nicht versteht, dass ich eine Mauer um mich herum errichte, mich zurückziehe und genau damit die Menschen verletze, die mir nah sind. Sie glaubt, ich verstehe sie nicht, ich würde nicht verstehen, warum sie dieses oder jenes tut oder tat, sie glaubt, ich verberge mich und gebe mich als das, was ich nicht bin. Für sie stand ich auf einem Podest, für sie war ich jemand, den sie bewunderte. Bis sie begriff, dass ich gar nicht auf diesen Podest gehöre.
Es hat mir nicht geschmeichelt, dass sie mich so sah. Es hat mich erschreckt. Vielleicht ist es einer meiner großen Fehler, dass ich nie darüber nachdenke, wie das, was ich bin und was ich tu, auf einen anderen Menschen wirkt. Ich hatte immer nur einen Wunsch: Für das geliebt werden, das ich bin. Nur für das. Nicht mehr und nicht weniger. Na ja, was heißt schon, geliebt... Vielleicht war es auch mehr dieses "...gewollt werden".
Die gelben Seiten wünschten, ich wäre wieder wie vor Jahren.
Aber das kann ich nicht... Vor Jahren habe ich nur Schmerz erfahren. Weil ich es den Menschen leicht gemacht habe, mich zu verletzen. Sie entschieden für sich und für mich gleich mit, und es hat einfach niemand danach gefragt, wie ich mich fühle. Nicht mal ich selbst habe mich das gefragt. Ich selbst habe mich viel zu wenig anerkannt, mich zu klein, zu wertlos gefühlt.

Quelle Bild: http://www.ja-pics.net/images/full/83/3331b03f4bd.jpg
Ich hatte so viele Fragen und viel zu wenig Antworten. Und ich hatte viel Zeit in den letzten zwölf Jahren. Viel Zeit, um über mich selbst nachzudenken, um Antworten zu finden. Und daran habe ich mich gewöhnt: daran, dass einfach niemand da war, der mir die Fragen beantwortete. Dass niemand da war, der mich in die Arme nahm und mich heulen ließ - stark genug, mich auszuhalten.
Wenn ich also heute Situationen erfahre, die mir nicht guttun, die mir wehtun, dann verschließe ich mich sofort.. Igel mich ein, will nicht reden, nicht schreiben, will niemanden sehen und auch niemanden bei mir haben. Ich weiß nicht mehr, wie das ist, um Hilfe zu bitten. Ich habe keine Übung mehr darin, loszugehen und um Antworten zu bitten. Ich kämpfe dann mit mir selbst, versuche einen Weg zu finden, für mich. Einen Weg, den ich gehen kann und der möglichst niemandem wehtut, aber der auch nicht mehr mir wehtut.
Friederike sagt, sie hat mich erkannt. Mich und meine Furcht, mich und meinen ewigen Kampf um Liebe.
Die gelben Seiten sagen, sie kennen mich in- und auswendig.
Das würde mich überraschen - denn nicht mal ich kenne mich und es gibt so Situationen, in denen ich mich selbst auch nicht wiedererkenn... Es gibt Situationen, völlig banale alltägliche Geschichten wie diese, dass sie sich wieder aus meinem Blog löschte und ich sie aus meiner Blogroll nehmen sollte. Ich habe das wirklich verstanden - auch wenn ich es differenzierter sehe als sie. Ich weiß jedoch nicht, warum solche Nichtigkeiten etwas in mir auslösen, etwas wieder erwecken, von dem ich glaubte, ich hätte es längst überwunden. Alte Wunden, die einfach nicht heilen. Alte Wunden des Verlassenwerdens gerade dann, als ich es am wenigsten brauchte.. Damals, als ich von meinem Zuhause fortging. Damals, als ich aus meinem zweiten Zuhause fortging und zugleich zurückgelassen wurde. Damals, als ich den schweren Verkehrsunfall erlebte und zurückgelassen wurde. Alte Geschichten. Lass Vergangenes endlich ruhen und lass verdammt endlich los. Wie oft sage ich mir das. Wie oft schreibe ich es mir hinter die Stirn. Wie oft glaube ich, ich hätte es geschafft und könnte mich endlich vorbehaltlos auf das Heute, Jetzt und Hier konzentrieren. Ich lebe nicht im Gestern und komm doch nicht von manch Vergangenem weg. Es prägt mich bis heute.
"Ich kann nicht mehr so sein wie vor zehn Jahren", habe ich zu den gelben Seiten gesagt, "aber macht mich das jetzt zu einem weniger liebenswerten Menschen?" Ich wollte eine wirkliche Antwort auf diese Frage und ich habe sie bekommen.
Auch Friederike hätte ich gestern Abend gern gefragt, ob es mich menschlich jetzt weniger... "wertvoll" macht, dass ich mich selber von ihrem Podest demontiert habe. Ich hab sie nicht gefragt. Ich kenne ihre Antwort auch so.


Kommentare:

Anna hat gesagt…

So viele Parallelen zwischen uns, du kleiner Igel. So viele... ;)

Was die wichtigsten Fragen angeht, die kann dir, so denke ich, eh niemand beantworten. Das schafft man nur selbst. Vielleicht. Wobei ich mich Frage, ob manches nicht ewig ein Rätsel bleibt. Und auf dieses "lass die Vergangenheit los", reagiere ich schwer allergisch. Sie lozulassen ist nicht möglich, sie ist ein Teil von uns der uns zu dem gemacht hat, was wir heute sind. Das abzustreiten wäre ja so, als würdest du den Fluss mit bloßen Händen aufhalten oder gar umleiten wollen. Das heißt aber nicht, dass man gedanklich immer in der Vergangenheit kreisen soll. Ich finde jedoch, dass einem die Vergangenheit sehr gut erklärt, warum man in der Gegenwart so ist und nicht anders. Auch wenn ich sie nicht unbedingt mag, meine Vergangenheit, so hat sie doch Respekt verdient.

Und das mit dem Sockel.... blöd. Tut mir aufrichtig leid, dass du auf einen Sockel gestellt wurdest. Das kann ja nicht ewig funktionieren... :(

Clara Himmelhoch hat gesagt…

Einen Satz habe ich mir kopiert: "Alte Wunden des Verlassenwerdens gerade dann, als ich es am wenigsten brauchte." - So ähnlich empfinde ich es momentan oder schon seit ein paar Monaten auch mit einer zweiten Freundin.
Das Leben ist so und wir müssen immer wieder auf unsere Art damit fertig werden!

Alles schon mal dagewesen hat gesagt…

Liebe Helma,
es sind doch wieder die Erwartungen, mie man nicht erfüllt, die eigentlich niemand haben sollte. Warum ist nur immer alles so kompliziert.
LG Susann

lautleise hat gesagt…

So ist das auch bei mir.
Manchmal ist es leise, manchmal ist es laut.
Ich hoffe, daß Dich dieses schöne Video ein wenig tröstet. Sonst laß Dich ganz einfach, aber sehr vorsichtig in den Arm nehmen. Eher sehr leise...

LG - Wolf

Maike/ eule hat gesagt…

Wer meint, dass er Menschen auf einen Sockel stellen muss, vergisst, dass sie dort sehr einsam sind und sie niemand in den Arm nimmt... In diesem Sinne, fühle Dich in den Arm genommen.

Liebe Grüße Maike/ eule