Donnerstag, 1. Mai 2014

Around My Head

  


Vor zwei Tagen hörte ich auf dem Heimweg diesen Song im Radio. Vor Jahren habe ich ihn zum ersten Mal gehört - und phasenweise höre ich ihn bis heute rauf und runter, und bis heute überkommt mich sofort Gänsehaut. Spontan erinnere ich mich an jenen Abend, als ich diesen Song leise jemandem ins Ohr gesungen habe und dieser sagte, er glaubte, er hätte schon alles gesehen im Leben und nun könne man ihn doch immer noch überraschen..

Chasing cars aorund my head.. Ja so fühl ich mich auch immer noch, wenn auch momentan völlig anders als in diesem Song gemeint. 
Gestern Morgen haben wir New Blue vom Autohof geholt, und es ist dann irgendwie doch was anderes, wenn man den Schaden nur von Handyfotos kennt - oder livehaftig davor steht. Vergessen war auch die Auseinandersetzung mit dem Autohof vom Montag, der mir partout keine Rechnung für die Versicherung schreiben wollte.
"Kommen Sie doch einfach her, bezahlen das Geld, dann bekommen Sie Ihre Rechnung", hatte er so süffisant entspannt und stur mehrfach wiederholt, egal wie oft ich sagte, dass die Versicherung die Rechnung wünscht, um die Kostenübernahme erklären zu können. Nach seiner vierten oder fünften stoischen Wiederholung setzte irgendwas in mir aus und dann wurde ich laut. Nicht laut im Sinne von schreien, aber laut im Sinne eines lauten energischen "Jetzt reichts mir aber, jetzt lernen Sie mich kennen!" Offenbar musste das gezogen haben, denn entnervt fragte er schließlich nach der Fax-Nummer und nach 30 min hatte ich keine Rechnung, aber die Bestätigung, dass ich mein Auto in jedem Fall Mittwoch holen könne und die Rechnung direkt an die Versicherung geht. Es geschehen wohl doch noch Zeichen und Wunder.
Das war Mittwochmorgen vergessen. Na ja fast, denn als er mir einen Zettel hinschob, mit dem ich bestätigen sollte, dass man mir das Fahrzeug ohne weitere Mängel durch das Abschleppen übergeben hätte, wollte ich dies doch wenigstens erst besichtigt haben.
"Unterstellen Sie uns jetzt etwa noch, dass wir einen zusätzlichen Schaden verursacht haben?"
In sein Grinsen hätte ich reinhauen mögen, aber ich stand einfach nur da und schaute ihn ziemlich ruhig an.
"Wissen Sie was, ich unterstelle Ihnen überhaupt nichts. Ich würde mich nur gern vorher überzeugen, bevor ich etwas unterschreibe. Wenn Sie wüssten, wie viel ich persönlich schon durch habe, würden Sies vielleicht verstehen."
Also zeigte man mir New Blue und da wurden mir schon die Knie weich und mich überkamen zum ersten Mal echte Zweifel, ob das noch reparabel werden konnte zu einem vertretbaren Preis oder das hier nicht doch zu einem wirtschaftlichen Totalschaden geführt hatte. 
Erste Prognosen aus der Werkstatt gestern Abend jedenfalls... weisen darauf hin. Aber so schnell gebe ich noch nicht auf.... Bis zur letzten Bestandsaufnahme will ich alles schriftlich, dann bekommt das mein Schrauber von nebenan und erst wenn der sagt, dass New Blue den Heldentod gestorben ist, dann... lasse ich ihn los.

Ich war dann erst mittags im Büro, checkte in der Mittagspause meine E-Mails und hatte gleich vier Angebote einer Einraumwohnung jeweils in der Innenstadt ergattert - und auch noch von einer Wohnungsbaugenossenschaft. Das schützt nicht nur vor Preiswucher, das signalisierte auch um bis zu 150 Euro weniger Miete pro Monat. Nach dem Telefonat mit der wirklich sehr netten Dame dieser Gesellschaft musste ich lachen und weinen zugleich. Diese Wechselbäder der Gefühle glichen dem Kalt-Warm-Duschen eines jeden Morgens. 
Und weil ich bis 17.30 Uhr nicht alle Arbeit mehr erledigen konnte, der Chef aber dringend noch einen Ordner abgearbeitet haben musste, nahm ich diesen mit nach Hause, fuhr mit dem Dienstwagen zum Einkauf, bereitete Abendessen für die Jugend und saß dann bis halb ein Uhr morgens, stellte die Listen fertig und hatte versprochen: Ich lege es am Donnerstag auf meinen Schreibtisch und Chef, der um die Ecke wohnt, kann sichs bei Gelegenheit holen. Feiertag hin oder her. 
Seit sechs Uhr bin ich wach, mich quälen immer noch Durchfall und die Magenschmerzen, mir fehlt noch immer einfach etwas, an das ich mich lehnen kann und mit diesem Gedankenkreisel, dieser Gefühlsachterbahn fuhr ich los... Auf die Autobahn.. auf die nächste Autobahn.. und sah mit einem Mal vor mir etwas fliegen. Und Autos bremsen. Dass das ein Mensch war, der da geflogen war, registrierte ich erst, als er unmittelbar vor mir auf der Straße lag. Ein Motorradfahrer. Ich war so geschockt, mein Hirn reagierte wesentlich langsamer als meine Augen. Andere Motorradfahrer beugten sich über ihn, schoben das Visier hoch, brachten ihn in die stabile Seitenlage. Die Polizei wurde gerufen, der Krankenwagen - und ich sah immer nur die Augen des völlig reglosen Motorradfahrers - weit aufgerissen und starr gerichtet auf etwas, das wohl nur er sah....

Als erstes habe ich zitternd und heulend  noch mal meinen Junior angerufen und ihm gesagt: "Blechschaden hin oder her, ist alles ärgerlich. Das Wichtigste aber, und das muss ich dir einfach noch mal unbedingt sagen, ist, dass dir nichts passiert ist. Bitte versprich mir, dass du in Zukunft mehr auf dich achten wirst. Bitte versprich es mir."

Und dann fuhr ich wieder nach Hause und kuschelte ich mich zu Junior II ins Bett, der noch immer friedlich schlief. Trotz 19 Grad und Sonne habe ich dicke Socken an den Füßen und eine dicke Strickjacke um mich geschlungen. Mir ist kalt. Mich frierts. Ich höre Musik. Immer nur diesen einen Song - auch weil es mein Lieblingssong für alle Zeiten bleiben wird. Und in meinem Kopf brennt ein Zitat von Henry Miller:
"Leben ist das, was uns zustößt, während wir uns gerade etwas ganz anderes vorgenommen haben." 
Und während ich an die Frau aus der Reportage von letzter Nacht denke, die nach 1,5 Jahren Leben mit dem Schmerz aufgab und sich das Leben nahm, denke ich, dass ich eben nicht daran denke, aufzugeben. 
Ich habe gesehen, dass zwischen meinen Glückskleeblättern eine erste Blüte sprießt. Ich nehme das als ein gutes Omen.

Kommentare:

lady_bright hat gesagt…

Mir schnürt es jedes Mal den Hals zu, wenn ich daran denke, daß mein Junior bei Erreichter Volljährigkeit als Erstes den Motorradführerschein machen wollen wird..
Ich kann deinen Wunsch nach "Etwas, an das man sich kuscheln kann" so gut verstehen. Man möchte in solchen Momenten noch mal Kind sein, sich in den Arm nehmen lassen, sich die Tränen abwischen und sagen lassen, daß alles gut wird.

trinicad hat gesagt…

Das vermiss ich auch am meisten, dieses Gefühl von Geborgenheit, von sicherem Hafen, egal was passiert, da ist immer jemand der dich auffängt. Dann wird man erwachsen, kümmert sich um die Eltern und merkt, dass man sich dieses Gefühl von nun an wohl selbst geben muss.