Montag, 29. September 2014

Körperwelten

So.
Dieses Ticket ist jetzt gekauft und in ein paar Tagen will ich mir das Ganze nun mal in echt und aus der Nähe anschauen.
Die gelben Seiten haben sich standhaft geweigert - und gehen demonstrativ an diesem Tag schwimmen. Ihm ist das alles zu morbid und düster und dass mich solche Dinge interessieren, ist ihm auch nach Jahren des mich Kennens sehr suspekt.

Irgendwann vor paar Jahren sah ich mal ein TV-Porträt über diesen Gunther von Hagen, sah zu, wie er konservierte, modellierte - und eben ausstellte.
Normalerweise bin ich selbst ja die, die schreiend wegrennt (wenn ich denn noch kann und nicht schon vorher in selige Ohnmacht gefallen bin), sobald jemand auch nur ein OP-Besteck in die Hand nimmt. Niemals im Leben also könnte ich Chirurgin, sonstige Ärztin und auch keine Tierärztin werden: Ich helfe ja gern, wirklich, aber es gibt Dinge, die sind einfach nicht für mich gemacht.

Doch was man in dieser Ausstellung zu sehen bekommt, ist ja frei von Blut und Gerüchen und so - ich glaub schon, dass ich das hinkrieg. Wenn nicht - ein Kotzbeutelchen kann ich mir ja vorsorglich mit einpacken - und die Begleitung warne ich rechtzeitig, mich aufzufangen, wenn ich umfallen sollte. Nicht dass ich noch in so ein Exponat falle, das wäre ja dann glatt Leichenfledderei!

Ich werde auch davon berichten, wenn ich mich - entweder vom Schock oder von den Eindrücken - erholt habe. Weiß auch gar nicht, ob man da drinnen fotografieren darf?

Sonntag, 28. September 2014

Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor

...und dabei ist es gerade mal eine Woche her, seit ich mein Zuhause-mit-den-Jungs verließ. Kaum ist diese Woche um, hab ich grad mal bisschen Luft geholt durch die immer noch verstopfte Nase und den zu engen Hals, bin ich wieder hier - und sage: "Na bitte, geht doch."
Küche tipptopp, Bad auch fast so - und großzügig sehe ich darüber hinweg, dass das Leergut in der Küche rumsteht (Entgelt ausreichend für ein Mittagessen) und von den herumliegenden Handtüchern im Bad drei gleich ungesehen in die Wäsche durften.
Doch ansonsten - ich kann mich wirklich nicht beklagen und will auch gar nicht den Einwand hören "Wat willste, warst doch nur ne Woche weg". Denn ich weiß, die Jugend schafft Chaos in nur zwei Tagen.
Doch nix mit Chaos: Abgesehen davon, dass sie gestern vergaßen einzukaufen, brachte ich mir ergo das Käffchen von der Tanke mit, lümmelte ich mit den Jungs auf meinem einstigen Sofa, schnackten wir, bis wir müde wurden, dann bereitete mir Junior II mein Abendessen und gemeinschaftlich stehen sie nun in der Küche und brutzeln sich ihr eigenes Essen, während Muttern hier liegt, bloggt (Jey!!! Der Lappi funktioniert -isch bin begeistert! Endlich mal was, das auch mal funktioniert in den Händen der Jugend!) und nebenbei den Promis beim Shoppen zusieht.
Doch.
So lässt sichs leben für mich.
Ausgesprochen sogar, denn das, was mir seit einer Woche an der Gesundheit zerrt, hat immer noch nicht meinen Körper verlassen. Hartnäckig hat sich da irgendwas festgebissen und will nicht weichen, aber die Reise hierher ließ sich nicht umgehen: Die Gehaltszahlungen stehen an und es ist spät genug, wenn ich das noch über die Bühne, nein, die Bank bringen will, bevor der neue Monat anbricht. Theoretisch hätte ich ja auch schon Mittwoch oder spätestens Donnerstag fahren können, um die Gehälter rechtzeitig zu überweisen - aber ehrlich, dann wäre ich aufgrund der körperlichen Verfassung vermutlich nicht heil hier angekommen.
Immerhin habens mir so manche Autofahrer nicht einfach gemacht heute, das war Stress pur, immer aufmerksam zu bleiben und quasi vorauszusehen, dass die Dame in ihrem kleinen roten Citroen vor mir die Spur wechselt und mir sozusagen vor die Füße fährt - ohne Blinker wohlgemerkt und ohne jegliche Vorwarnung. Oder der Typ in seinem scheiß Transporter, der vor mir auf die Klötzer tritt - genauso ohne Vorwarnung und das nur, weil er mal eben glotzen wollte, warum da so ne Familie mit ihrer Kutsche auf dem Standstreifen die Warnblinker anstellen musste. Jedenfalls wusste ich da wieder, warum ich so ungern hinter Autos herfahre, die mir die Sicht nach vorn versperren, die von Hundert auf Null abbremsen, nur damit sie auch ja nix verpassen - und mich dann noch wie die Kuh Elsa anschauen, weil meine Reifen nicht nur ordentlich Schmackes auf dem Asphalt zurückgelassen haben, sondern sich auch meine Hand verselbständigte und partout nicht von meiner Stirn wegwollte. Man ey!
Eins versuchte ich mir jedenfalls immer wieder zu sagen: "Ruhig Blut! Ruuuhiggg Bluut! Dir kann eigentlich nix passieren!" Denn wer sich noch erinnert: Das Auto, das ich aktuell mein eigen nenne, ist Kategorie Zwei, also die Kategorie, die unfallfrei fährt, bis sie auseinanderfällt, während Kategorie Eins.. Egal, lassen wir das.
Heute Abend gehts mir gut, das ist die Hauptsache.
Diese Woche erwies sich überhaupt als eine super erfolgreiche Woche: Junior darf weitermachen, sehr gern sogar, wenn er möchte; das Finanzamt hat mir Einkommenssteuer erstattet (Wobei ich eins nicht verstehe: Ich dachte immer, Schuldgeld wird zu 100 % anerkannt? Sie schrieben allerdings nur was von 30 %, und der Betrag daneben sprach auch für sich. Dasselbe mit den Hausmeisterkosten. Muss ich in Ruhe noch mal prüfen.) Ja und dann war ich doch am Donnerstag noch in der Stadt mit den gelben Seiten.
Warum, das möchte ich gern in einem Extra-Post verarbeiten.
Was aber so gar nicht geplant war und was mich zur Frage verleiten ließ "Ja is denn heut scho' Weihnachten?" war nicht die begonnene Weihnachtsdeko in den Läden - sondern der Mantel, den wir bei einem spontanen Bummel und einer spontanen Aktion "Wooaarr, ist der schön, aber örks, stinkteuer!" - "Ach probier doch einfach mal an. Bloß mal gucken, wies aussieht" - und dann hat es ihm so gut gefallen, dass er mir den gekauft hat. Einfach so. Ich habe immer noch nicht Geburtstag (Ihr erinnert Euch? Die Rosen?), Weihnachten ist eben auch noch nicht - und trotzdem hat er mir diesen Mantel gekauft.
Ich war echt ganz aus dem Häuschen vor Freude - sooooo teuer und dann einfach mal eben so?
"Du rackerst schon dein ganzes Leben für andere", sagten die gelben Seiten, "wird Zeit, dass du dich auch mal verwöhnst und dir was gönnst."
"Na ja, aber ich hab ihn ja nicht gekauft, das warst ja du. Ich hätte gar nicht so viel Geld dafür ausgeben können."
"Na dann hab ich dich jetzt eben verwöhnt."
Fast würde ich ja jetzt sagen wollen "S kommt eben doch am Ende immer alles zurück im Leben" - aber rechtzeitig fielen mir noch die nicht guten Dinge im Leben ein, die ich getan und entschieden hatte..
Ich bleib also besser einfach still - und freu mich trotzdem immer noch wie Bolle.
So.
An die Mädels unter uns: Ich kann Euch das gute Stück ja mal zeigen, wenn ich wieder zu Hause bin. Mitgenommen habe ich ihn nämlich nicht. Wenn ich ihn zum ersten Mal ausführe, dann möchte ich das auch gemeinsam mit den gelben Seiten machen. TUI, das hat er sich verdient, der Mann :)

Dienstag, 23. September 2014

Schlaf wird sowieso überbewertet

...findet der Mann und ordert kurz nach Mitternacht sein neues iPhone 6. Und wer ist schuld? Ich. Weil er meinetwegen nicht schlafen konnte, sagte er. Und herumgesurft hat und dabei auf irgend so eine Seite stieß, wo man die neuen iPhones ordern konnte. Die, die bestellt und nicht abgeholt wurden.
Heute Abend, nach einem frühzeitigen Feierabend, hat er es sich dafür abgeholt.
Und nun spielt er. (Er sagt ja synchronisieren dazu und so, aber pfffff, mit Schlagworten beeindruckt man mich nicht.)
Irgendwo in einem Supermarkt las ich vor Jahren mal auf einem Schild "Wenn Papa pupst, die Kinder lachen, dann kann man billig Freude machen."
Nun - Freude hat der Mann heut Abend auch, aber billig kann man das Ei nun wirklich nicht nennen. Das Telefon wurde immer kleiner und immer teurer, jetzt wirds wieder größer und immer noch teurer. Ob das nun auch immer gleich alles sein muss? Ich wiege da bedächtig mein schmerzendes Haupt und tatsächlich fielen mir da zunächst noch ein paar andere Knöpfe ein, an denen die gelben Seiten spielen könnten. 'S würde nicht mal was kosten!

Freude habe ich übrigens heut Abend auch.
Am Donnerstag wird entschieden, ob Junior im Job übernommen wird - nach vier Wochen von der Zeitarbeitsfirma zum Kunden. Er arbeitet in so nem Callcenter, die sich mit Reklamationen für Kühlschränke und so befassen.
Und jetzt üben sie - die gelben Seiten und er und ich sitze hier und lache in mich hinein: So ein Gespräch aus dem Stegreif zu führen, also ich könnte das ja nicht. Aber die gelben Seiten spielen den genervten Hausmann derart gekonnt, dass ich so einen echten Kunden richtiggehend vor mir sehen kann: Dicker Bauch, Unterhemd, Jogginghosen, Schlappen an den Füßen  und dünnes, fettiges gesträhntes Haar von rechts nach links über die Halbglatze geschoben.
Doch, ich habe wirklich Spaß beim Zuhören! Und der ist echt preiswert - wir haben schließlich Flat.

Theorie und Praxis

Heute Morgen, nachdem ich mich noch vor den gelben Seiten aus dem Bett gequält hatte und die Dusche als reinste Prügelattacke empfand (wenn Knochen & Haut dank des aktuellen Infekts schon schmerzen, ist jede Berührung, und sei es die von Wassertropfen, eine Qual. Echt jetzt mal.), fand ich zur Begrüßung auf meinem Frühstücksteller dies hier:


Theoretisch MUSS eine so liebevolle Geste einfach ausreichen, um in just diesem Augenblick wieder gesund zu sein.
Nun ja, soweit die Theorie.
Die Praxis sieht so aus, dass ich mich dank Paracetamol überhaupt grad so aufrecht halten kann, jedoch Essen und selbst Trinken zur Tortur werden - nicht nur, weil ichs anschließend eh wieder verabschieden würde, sondern weils vor allem höllisch weh tut, dass ich mich regelmäßig unters Rotlicht hänge, Zinktabletten fürs Immunsystem schlucke und mit Honig den Hals balsamiere.
Außerdem sieht die Praxis so aus, dass die gelben Seiten und ich momentan getrennt schlafen. Nein, er hat keine Angst, sich anzustecken - er besitzt immerhin ein stabiles Immunsystem.
Dafür sind seine Ohren umso empfindlicher und dank einer geschlossenen Nase und eines dicken, entzündeten Halses schlafe ich vermutlich aktuell nicht eben... äh... geräuscharm. Sagt er jedenfalls.
Ich finde ja, dafür, dass er sonst manchmal prüft, ob ich tatsächlich noch atme oder mich eventuell bereits auf die andere Seite geschlafen habe, kann es sooooo schlimm doch eigentlich auch wieder nicht sein. Ich weiß, er neigt da zu Übertreibungen, denn bei den heimlich aufgenommenen Sprachaufnahmen, nur um zu beweisen, dass ich nicht immer so geräuscharm schlafen würde, musste ich mich richtig arg konzentrieren, um überhaupt irgendetwas zu hören. Und ich verbitte mir an dieser Stelle irgendeine freche Bemerkung über nun auch noch nachlassende Funktionalitäten meines Gehörganges. Ich finde, ich bin eh schon gestraft genug, momentan. Theoretisch, jedenfalls.

Montag, 22. September 2014

Die große Völkerwanderung

Seit Samstagabend 21 Uhr bin ich wieder zu Hause. Die gelben Seiten hatten alles so schön vorbereitet, sogar rote Rosen gekauft! Rote Rosen! Für mich! Und dabei habe ich nicht mal Geburtstag?!
Ich muss jedoch zugeben, so recht klappte das mit den Freudentänzen nicht: Ich war müde, ich war gestresst von den letzten 3 Tagen und den 2 x 430 Kilometern in einem kleinen weißen Hobel, der nicht unbedingt mehr als 130 kmh verträgt. Außerdem hatte ich die letzten drei Nächte kaum geschlafen: Bei aller Umräumerei vor meinem Auszug hatte ich nicht wirklich bedacht, dass ja auch ich etwas Ordentliches zum Schlafen brauch, wenn ich bei meinen Jungs bin.
Was ich hatte und wovon ich glaubte, dass es schon irgendwie gehen würde, war ein leicht überdimensionaler Sitzsack, den man auch zum Schlafen nutzen konnte. Na ja, vermutlich nur, wenn man auch rund 200 Euro für so ein Teil ausgibt. Ich Sparfuchs hatte den irgendwann mal über Groupon gekauft für läppische 60 Euro - allerdings ist auch die Qualität entsprechend.
Es war hart.
Es war ausgedünnt.
Ich schlief quasi auf dem Fußboden.
Und dann das Office: Ich hatte mich tatsächlich schon daran gewöhnt, wie ruhig und entspannt es im Home Office ist, und meine Kollegen bescheinigten mir: "Du siehst richtig schön entspannt aus!"
So fühlte ich mich auch, so fühlte ich mich aber nicht mehr Samstagabend.
An dieser Stelle dank ich Euch auch für all Eure Kommentare, die ich lediglich über Handy freigeschalten und eben deshalb nicht weiter kommentiert habe (ist mir einfach zu mühselig); den einen Post schrieb ich in den einzigen freien Minuten im Office, aber die waren eben auch rar. Sehr rar. Und ja; Natürlich ist das alles eine Frage der Erziehung bzw. eben der Punkt des Nichterzogenhabens. Zuviel selbst erledigt, zu wenig von den Jungs gefordert. Wobei: Es ist ja nicht so, dass sie es nicht können. Es ist nur eben so, dass ihre Prioritäten woanders liegen. Na ja, vielleicht das auch nicht ganz, denn ihr Unwohlsein mit den Zuständen daheim gaben sie schon zu, so wie auch ihre Erkenntnis, dass es eben nicht reicht, wenn man hinter sich die Tür schließt: Davon bringen sich Küche & Badezimmer nicht in Ordnung.
Es war nicht mal so, dass ich irgendwie getobt oder gemeckert hätte, ich war eher erschüttert, dass sie und was sie für Dinge "eben so hingenommen hatten, bis einer kommt und sagt, wies geht".
Als ich Samstag gegen 16 Uhr das Haus verließ, war alles tiptop, der Kühlschrank kühlte wieder ordentlich und war auch wieder gut gefüllt, alles schnurrte und strahlte Behaglichkeit aus: "Gnade euch Gott, ich finde das anders vor - ich bin am Sonntag wieder da!"
Gestern Nachmittag dann kündigte sich schon an, was heute komplett zum Ausbruch kam: Ich bin wieder die alleinige Herrscherin des Badezimmers, ich throne wahlweise von oben oder von unten, diesmal nett von fieberhaftem Getue begleitet, der Kopf schmerzt, der Hals schmerzt, die Nase läuft und wenn ich in den Spiegel schau, dann muss ich auch keine Angst vor aufdringlichen Postboten haben: In dieser Verfassung bin ich einfach nur ein Bild des Grauens.
Wobei die Postboten hier eher das Gegenteil sind von dem, wie ich das schon mal kennen lernen durfte: Die machen sich gar nicht erst die Mühe zu klingeln oder gar die Treppen hochzusteigen. Wobei sie hier sogar den Lift nutzen könnten! Machen die auch nicht. Die klingeln überall, lassen sich von irgendwem die Tür öffnen und schmeißen Pakete ins Haus, Tür zu, das wars.
Ist den gelben Seiten auch schon passiert und vergangene Woche mir.
Die gelben Seiten hatten wenigstens das Glück, dass sein Paket immer noch da war, als er abends heimkam. Meins ist weg. Spurlos verschwunden. Auf Nachfrage beim Händler bzw. dessen Transporthandels wurde mir mitgeteilt, Nachbarin XY hätte es angenommen. Die aber sagt: "Stimmt nicht - habe ich nicht." Händler sagt: "Es gibt aber eine Unterschrift!" und liest mir etwas vor, das ich noch nie gehört habe und das auch nicht im entferntesten an den Namen der Nachbarin erinnert.
"Wir klären das und Sie bekommen innerhalb einer Woche Bescheid", will die Dame vom Callcenter mich abwürgen (und ich bekomme so eine Ahnung, wie es wohl Junior I in seinem aktuellen Job gehen muss - die drängen auch auf Zeit, Zeit, Zeit - keine Telefonate über 5 Minuten, Kundenbeschwerden abwürgen etc.), aber ich drängle mich noch mal ran: "Ja und wenn das Paket verschwunden bleibt, bekomm ich die Lieferung dann noch mal neu zugesandt oder bleibts bei der Erstattung?"
"Sie bekommen bescheid!" ist die gute Dame sichtlich genervt und eben in Gedanken an den Job meines Sohnes gebe ich mich geschlagen: "OK, ich warte, dann wünsch ich noch einen schönen Tag."
Und nun ist wieder ein Tag rum, ein Montag, ich hab bereits 7 Stunden auf der Arbeitsuhr, von denen ich nur 6 müsste; die meiste Arbeit ist erledigt, den Rest mach ich morgen - heut kann ich nix mehr reißen, dafür mich aber noch ein wenig gesundpflegen und das letzte Protokoll ist fast fertig geschrieben.
"Die haben da ein altes Dorf aus der Zeit der großen Völkerwanderung ausgegraben", informierte Chef zum aktuellen Vorhaben, und fragt nach: "Weißt du denn eigentlich, wann die große Völkerwanderung war?"
"1989", antworte ich ermattet, ernte seinen Lacher und hänge das Telefon ein.
Closed today.

Donnerstag, 18. September 2014

Ich schloss die Augen und dachte, es kann nicht schlimmer kommen.

..und ich öffnete die Augen und sah: Es kam schlimmer.
Mädels... Danke für Eure lieben Kommentare, aber ich bin.. k.o. Stehend k.o.
Über fünf Stunden Autobahn hinter mir, drei Staus inklusive, die sich glücklicherweise recht bald wieder auflösten, zwei Stunden Office und dann kam ich abends heim... In die Höhle meiner Löwen.
Hach ja.
Sie klangen so entspannt in den letzten vier Wochen, die ich sie nicht gesehen hatte.
"Alles ist gut, es läuft", hieß es immer.
Ja.
Es lief.
Aus dem Kühlschrank zum Beispiel. Den süßlichen Geruch in der Küche vermochte ich zunächst gar nicht einzuordnen. Ich sah nur: Chaos. Eine IKEA-Tasche voller Leergut. "Jungs... Ihr sagt immer, Euer Geld ist alle, aber allein in diesem Sack steckt der Gegenwert eines halben Einkaufs", frotzelte ich noch.
Auf dem Küchentisch: Bergeweise Bücher (Junior II seine Kinderbücher, die er nicht entsorgen will, für die er aber auch keinen Platz findet), dazwischen ungeöffnete Post, leere Einkaufstüten, die Bastmatte, die eigentlich als Bodenzier dient... Das Rollo runtergerissen und zur Seite gestellt.
"Wieso habt ihr das Rollo runtergenommen?"
"Das ließ sich nicht mehr hochziehen."
"Aha... Und statt einfach nur mal zu gucken, ob sich die Schnüre verheddert haben, holt ihr gleich das ganze Rollo runter?"
Wenn sich außerdem große schwarze Flecken an der Decke als fettgefressene Obstfliegen entpuppen, die die Ausmaße von Puk, der Stubenfliege angenommen haben, dann kann ich mir ungefähr vorstellen, wie lange (und wie gut) sie sich von nicht runtergebrachtem Müll ernährt haben müssen.
Die waren echt so träge, dass man sie fast von der Decke hätte sammeln können.
"Und wieso liegt hier überall der Reis auf dem Boden?"
"Ach ja, stimmt, das wollten wir dir auch noch sagen: Der Staubsauger ist kaputt."
Hochgezogene Augenbraue meinerseits.
Glaubte ich nicht.
Den Staubsauger hatte ich erst vor wenigen Wochen gekauft.
Ein Blick genügte.
"Jungs! Der ist nicht kaputt - der ist randvoll! Der! Kann! Nicht! Mehr!"
Erst dann öffnete ich den Kühlschrank und in just diesem Augenblick wurde mir klar: Das hätte ich besser bleiben lassen: Daher also der eigentümlich süßliche Geruch. Alles im Kühlschrank war verdorben. Alles. Wie konnte das passieren?
"Der ist vielleicht auch kaputt?"
Mir standen die Haare zu Berge.
"Jungs! Der ist NICHT kaputt - der steht auf Null! NULL! Nix! Nada! Niente!"
Ich weiß ja, wie leicht sich das Rädchen verstellt, wenn man paar Sachen reinräumt. Ist mir mindestens hundertmal in den Jahren passiert. Aber ich stells genauso oft zurück auf Stufe 3.
Da jedenfalls dachte ich noch: 'S kann jetzt nix Schlimmeres mehr kommen.
Und dann betrat ich mein Heiligtum - mein Badezimmer.
Da hätte ich weinen mögen.

Wir haben bis 22.45 Uhr alles geputzt und auf Vordermann gebracht.
Junior I meinte hin und wieder: "Mutsch, wolln wirs nicht erst mal gut sein lassen? Ist doch jetzt okay so wies ist."
"Nee sorry, das tut mir leid - aber SO kann ich das hier nicht aushalten! So kann ich mich nicht hier herlegen und schlafen!"
Die Waschmaschine drehte bis 1 Uhr ihre unermüdlichen Runden (sorry, Nachbarn, aber das ging nicht anders; denn wenn sich zum süßlichen Geruch aus der Küche noch der Geruch von nassen Stinkesocken aus der Wäschekiste mischt ("Mum, dafür kann ich nichts, ich bin voll in den Gewitterguss gekommen!" - "Ja und warum wascht Ihr solche Sachen dann nicht gleich? Ist doch noch genug andere Schmutzwäsche zu waschen, damit sich die Ladung lohnt!") - dann ist einfach Ende im Gelände.
"Ich frag mich echt, wo du noch diesen Elan hernimmst, nach DER langen Fahrt und der Arbeit und dann noch hier", meinte Junior I und ich knurrte: "Und ich frage mich, wann ihr diesen Elan entwickelt, wenigstens Ordnung zu HALTEN!"
Ich konnte mich auch nicht zurückhalten, anzumerken: "Meine Fresse, so habe ich euch einfach nicht erzogen! Wie könnt ihr euch wohlfühlen in so einem Saustall?"
Kurz vor Zwölf fiel ich todmüde ins Bett, nachdem ich in die Badewanne und auf den Herd noch ein Teelicht gestellt hatte. Ein Teelicht mit Duft!

"Na? Hast du gestern noch gebügelt?" begrüßte mich grinsend Kollegin No. 1 und ich antwortete müde, schlapp und energiefrei: "Nä. Das habe ich dann nicht mehr geschafft."
Heute gehen wir erst mal einkaufen, die Jugend und ich.
Und eins muss man ihnen lassen: Ihre Zimmer waren in Ordnung. Im Großen & Ganzen. Aber sie hatten ja auch beide einen Tag frei und sie wussten: Die Mutter kommt angerauscht.
Egal.
Ihre Zimmer waren soweit ok.
Das nenne ich... immerhin einen Anfang.

Mittwoch, 17. September 2014

Auf Reisen

Bildquelle: http://compeed.trnd.com/uploads/2010/06/Compeed-auf-Reisen.jpg

So. Auf gehts - in die zweite Heimat.
Ich freu mich sehr auf meine Söhne, nach vier Wochen Abstinenz immerhin, und glaube ich ihrem Tonfall des gestrigen Abends, so freuen sie sich auch.
Ich kann mir beinah denken, wieso: Da wird ein überquellender Korb Bügelwäsche stehen. Da wird benutztes Geschirr rumstehen. Da werden zahllose leere Flaschen rumstehen. Da wird überall staubgesaugt werden müssen.
Ich hoffe, sie haben aufgeräumt!
Jedenfalls ich habe Feile und Nagellack im Gepäck und sehe ihnen gerne dabei zu - so vom Sofa aus.
Und Blasenpflaster.. Ja, hab ich auch dabei. Die neuen Pumps sehen klasse aus - aber nach der gestrigen Sause außerhalb muss ich konstatieren: Zum Laufen sind sie scheiße.


Dienstag, 16. September 2014

Szenen einer Partnerschaft

22.30 Uhr
Er: "Kommst du endlich zu Bett? Ist doch schon spät."
Sie: "Ja, gleich."
22.40 Uhr
Er: "Wooaaarr, bist du kalt!"
Sie - kichernd: "Jaa, isch 'abe Froschtschänkel!"

7.30 Uhr, er in der Küche, sie im Badezimmer.
7.31 Uhr - Knall, Klirren, 7.31589 Uhr unmissverständlich: "SCHEISSE!"
7.38 Uhr: Sie mit in der Küche, kurzer Lagecheck: Vorratsglas für Kaffee in tausend Teilen, der darin frisch eingefüllte (ein niegelnagelneues Pfund!!! waaahhh!!! Da blutet das Herz der Kaffeedame, aber der stumme Schrei geht tief nach innen, bis ins Mark, über die Lippen dringt kein einziger Laut) Kaffee im hübschen Potpourri mit Scherben wird aufgesaugt. Jetzt ist es besser, überhaupt gar nichts zu sagen, nur die stumme Dienerin zu mimen, die etwaig notwendiges Equipment zur Beseitigung des Schadens dem Manne zur Hand reicht.
7.45 Uhr: Sie öffnet das letzte Pfund frischen Kaffee.
7.45 Uhr: Er: "Für mich nicht! Ich bin schon aufgeputscht genug!"
7.50 Uhr: Kurze Verabschiedungszeremonie, er reißt die Tür auf - Kommode im Weg: "Orrr man!"
7.53 Uhr: Sie lümmelt auf dem Sofa, die Beine entspannt auf dem Tischchen abgelegt, in der Hand eine Tasse schöner heißer aromatischer Kaffee.

to be continued

Montag, 15. September 2014

Das ist Kunst, die kommt von Können




..mir doch egal, ob das einfache Grundschritte des Charleston sind oder sein sollen.
Ich finde diesen jungen Mann genial - und bekomme spontan Lust, genauso durch das Zimmer zu springen. 
Mir doch egal, dass ich überhaupt nicht tanzen kann.
Für mich ist das Lebensfreude pur!
Die gelben Seiten gingen just demonstrativ zu Bett. Auch OK: Mehr Beinfreiheit ;)

Ich bin eine Komischkeit

Liebe Frau Goldi, weil Du doch fragtest... Und auch das.. äh.. ist eines meiner verschütteten Talente - und jetzt muss ich wirklich echt lachen, weil ich DEIN Gesicht sehen möchte!! Vermutlich hast Du jetzt was ganz anderes erwartet, gedacht - na wie auch immer :)

Dennoch ging mir der Post-Titel heute so durch den Kopf...
Heroisch ertrug ich mit der Beharrlichkeit eines Terriers das stundenlange Gebrüll des Babys von links und das Gekläffe des Hundes von rechts - und weder das eine noch das andere gehört zu mir! Weiß man doch schließlich, dass man Brüllen und Kläffen weitaus geduldiger ertragen kann, wenn es das Eigene ist. Na jedenfalls bei mir war das immer so. Wobei ich nie einen Hund besaß, seit ich von meiner Insel weggegangen bin. Warum? Ich kann Tiere in der Wohnung nicht ertragen, ich halte das für Quälerei, so. Immerhin spricht für meine These, dass Wellensittich, Fische und auch Hamster es bei mir nie auf mehr als 14 Tage Lebenszeit brachten. Wirklich, sie sind ganz von allein in das Reich des großen Manitu eingeschritten.
Ja und Katzen... Doch, Katzen liebe ich wirklich. Aber ich habs bei meinem Bruder gesehen: Haare, überall Haare, sauber fressen können die auch nicht und Katzenkacke ist auch nicht gerade das, was ich riechen möchte, wenn ich mein Heiligtum Badezimmer betrete.

Nun denn.
Ich kann was aushalten.
So bisschen was. Auch wenns nicht zu mir gehört.


...aber nicht lange!

Könnte auch ne Strategie werden!

Heute Morgen saß ich - wie immer pünktlich dank Home Office - Punkt 8 Uhr an meinem Arbeitsplatz, neben mir der erste Muntermacherkaffee und ein paar Minuten später schon der erste (ich nenne es: Kontroll-) Anruf vom Chef (wollen wir wetten, dass der nur testen will, ob ich auch wirklich acht Uhr am Platz bin? Meist beginnt er nämlich mit "Ich hab dir mal paar Mails weitergeleitet!"): "Die Mädels im Büro sagen, ich hätte heute dicke Augen!"
"Äh... Sorry, aber... du klingst auch so."
Begeistertes Lachen auf beiden Seiten.
Eine gute Stunde später kein Lachen mehr, sondern ernstes Stirnerunzeln: "Sag mal, hat Herr XY für die heutige Besprechung abgesagt und wenn ja, mit welcher Begründung?"
Kurzes Blättern im Outlook: "Herr XY war gar nicht eingeladen."
"Wieso DAS denn nicht? Der muss doch zu jeder Anlaufbesprechung! Wer hat diese Einladung geschrieben?"
"Na ich! Nein - wir! Du hast mir diktiert, ich hab sie geschrieben und versendet."
"So ein Quatsch! Ich niemals! Ich hätte Herrn XY nie vergessen, weil, den brauchen wir unbedingt!"
Ich vernahm ein kurzes Schlürfen am Kaffeebecher.
"Ich ruf den an, ich meld mich gleich noch mal!"
Inzwischen blätterte ich in meinem Blog... huch, nein, im BloCK. Und da stand es, schwarz auf weiß - und in Steno. Wie ich das für gewöhnlich immer mache, wenn er anruft und sagt, ich solle dies und das erledigen. In Steno gehts einfach am schnellsten. Und Herr XY stand definitiv nicht dabei.
"Kann ich dir zeigen am Mittwoch", verteidigte ich mich der erneuten Schuldzuweisung, ich hätte Herrn XY schlichtweg vergessen einzuladen.
"Ja genau! Weil ich ja auch so gut Steno lesen kann!"
Kurzes Stutzen meinerseits, dann breites Grinsen, das er ja glücklicherweise nicht sehen kann: Na genau, so einfach machen wir das in Zukunft. Ich stenografiere fleißig und rede mir dann jegliche Schuld vom Leibe. Hä hä. "Das wäre ja auch ein Business Case", würden die gelben Seiten jetzt sagen. Ich könnte quasi immer alles einfach behaupten, das Gegenteil lässt sich ja nicht beweisen :)
Weiß ja letztlich auch jede/r, der stenografieren kann: Diese Kurzschrift besteht aus Grundwörtern, aus fertigen Abkürzungen (Buchstaben sowieso) und wie man was für sich selbst abkürzt bzw. schreibt, entscheidet jede/r für sich selbst. Was bedeutet, dass man in der Regel ein fremdes Stenogramm nicht lesen kann. Nicht mal der, der die Kurzschrift beherrscht. Wobei es ja auch da noch Abstufungen gibt. Ich habe noch gelernt "180 Silben/ min", aber es gibt Kurzschriften, die noch wesentlich mehr Silben beinhalten, sprich: andere Wortabkürzungen beinhalten, die wiederum ich nicht kenne.
In diesem Falle jedoch, und das musste er dann einsehen, lag der Frevel eindeutig beim Chef: Er hatte beim Diktat vergessen, Herrn XY mit aufzuführen.
Und seit etwa dreißig Minuten hängt ein gelbes Memo an meinem Bildschirm: Anlaufbesprechung - IMMER Herrn XY und/ oder Herrn Z (nein, nicht den Zaubermann ;)) einladen!
Und Fakt ist auch: Ich bin in der Tat eine viel zu ehrliche Haut, als dass ich nicht zugestehen könnte, dass ein Fehler exakt nur bei mir lag.

Samstag, 13. September 2014

Wie weggepustet

...habe ich mich gestern gefühlt. Genau genommen spürte ich das schon vor zwei Tagen, aber als ich gestern Morgen aufstand, wusste ich: "Oh, das wird wohl nicht mein Tag."
Im Lauf des Tages entwickelte sich das so rasant, dass ich eigentlich meinen Arbeitsplatz im Badezimmer hätte einrichten können, um in kleinen Arbeitspausen die Toilette beidseits zu.. äh.. "küssen". Als am Abend die gelben Seiten aus dem Büro heimkehrten, lag ich schon zusammengerollt auf dem Sofa, nicht miep, nicht mäpp, und allein der Gedanke an Essen oder auch nur was Trinken erzeugte neuen Brechreiz.
"Du musst aber was trinken!"
"Nein, ich kann nicht."
"Du musst trotzdem."
"Ich kann trotzdem nicht."
Altes Hausmittel meiner Hausärztin vor zwanzig Jahren: "Wenn gar nichts mehr drin bleibt, dann Wasser abkochen und eine Prise Salz reinstreuen. Erst wenn das nicht hilft, dann ab in die Klinik."
Die gelben Seiten setzten eher auf Omas Hausmittel: Hühnerbrühe mit Ei.
Die blieb wider Erwarten nicht nur drin, die brachten mich auch dazu, dass ich anschließend in fast komatösen Schlaf fiel und erst nach 4 Stunden wieder erwachte. Da war es 21 Uhr, der Abend noch jung und ich war wieder halbwegs fit.
Entwickelte keine Ekelempfindungen mehr, als die gelben Seiten das Mittagsmenü für das Wochenende planten: "Wollen wir uns mal eine Pizza selber machen? Kannst du sowas?"

An dieser Stelle musste ich lachen, weil mir dazu die Story mit meinem besten Freund wieder einfiel: Es ist etwa 9 Jahre her, da hatten der Freund und ich die Idee - wir backen mal ne Pizza selbst; ich kaufe alle Zutaten dazu ein und er bringt den Rotwein mit. Gegen 19 Uhr war er dann auch da (er ist echt immer pünktlich, keine Ahnung, wie der das macht), wir begannen mit Gemüse schneiden, Teig zubereiten und und und. Nun hatten wir uns ja auch eine Ewigkeit von ein paar Wochen nicht gesehen und nicht gehört, entsprechend viele Neuigkeiten mussten ausgetauscht werden - und wer viel erzählt, klar, bekommt ne trockene Kehle. Also mit Rotwein anstoßen, weitererzählen, weiterschnipseln, wieder anstoßen....
Das Blech habe ich noch halbwegs unfallfrei in den Backofen bekommen, inzwischen war die zweite Flasche geöffnet und als die Pizza um 22.30 Uhr aus dem Ofen kam, waren wir sturzbetrunken und der Hunger war passé. Ich bin kichernd zu Bett gewankt, er ist vergnüglich nach Hause geschwankt.
Die Pizza habe ich dann am nächsten Tag in der Firma verteilt.

Und ich bin echt heilfroh, dass ich heute Mittag weder betrunken noch magen-darm-geplagt zu Werke ging: Ich gönne den gelben Seiten ja alles Schöne, ja ehrlich, aber die Pizza... hätte ich nur ungern ihm allein überlassen ;)


Wir wollen das übrigens ganz bald wiederholen. Geht so einfach, so fix - und schmeckt tausendmal leckerer als dieses Fertiggedöns. Und drin geblieben ist sie auch. Bauchschmerzen verursachte sie auch keine. Für das Restwehwehchen werde  ich mir heut Abend noch was in der Stadt einkaufen.
Paar schöne Herbst-Basics zum Beispiel, bei meinem Lieblingsausstatter. Online war leider alles schon vergriffen.

Donnerstag, 11. September 2014

Die Kraft der Sinne

Als sie erwacht, ist es immer noch Nacht. Hat sie gerade geträumt oder warum ist sie erwacht? Und überhaupt, woher kommt dieses Knistern? Sie liegt still in ihrem Bett, rührt sich nicht, lauscht nur. Dieses Knistern. Wie Folienpapier, das zusammen geknüllt wird. Wer um Himmels willen knüllt mitten in der Nacht Folie zusammen? Und überhaupt… Wie kommt dieser Jemand eigentlich in ihr Haus?
Ist da jemand? möchte sie fragen, doch nicht nur ihr Körper ist erstarrt, ebenso auch ihre Stimme. Kein Laut kommt über ihre Lippen. Dann hört sie das Pfeifen. Eine leise Melodie – oder ist es das Radio in der Küche? Wie kommt es, dass mitten in der Nacht ihr Radio zu spielen beginnt? Sie befreit sich von ihrer Decke, steht langsam und sehr zögerlich auf. In ihr ist alles voller Angst. Sie ist allein in diesem Haus. Wenn sie Filme gesehen hat, in denen die Frauen losgingen, obschon das Grauen aus jeder Ecke zu schauen schien, hatte sie immer den Kopf geschüttelt und gesagt: “Kein Mensch geht drauf zu, wenn er Angst hat. Er rennt weg und versteckt sich. Oder stellt sich tot.” Doch jetzt und hier geht sie los. Und sie fühlt sich umso mehr allein, weil sie die Frage, wer ihr jetzt zur Seite stehen könne, nicht zu beantworten weiß.
Licht macht sie keins, sie befürchtet, damit erst auf sich aufmerksam zu machen. Vielleicht weiß man ja gar nicht, dass sie da ist? Sie tappt auf nackten Füßen durch ihr Schlafzimmer, durch ihr Wohnzimmer, betritt den dunklen Korridor. Die Musik ist deutlicher geworden, ja, sie kommt aus der Küche. Und ebenso deutlich ist zu hören, dass jemand zu dieser Melodie pfeift. Leise und sorglos. So als sei es das Natürlichste der Welt, nachts in fremde Häuser einzusteigen und die Musik anzustellen und dabei, so hat es den Anschein, alle möglichen Dinge in Folie einzuwickeln und in Kartons zu packen.
Warum nur, fragt sie sich beklommen, wieso lässt du abends auch immer die Tür zur Terrasse offen stehen? Das muss doch solche Leute anlocken!
Sie schaut vorsichtig in die Küche hinein. Was sind das für Möbel? fragt sie sich verwundert. Wieso nehmen sie mir meine schönen Möbel weg und stellen mir so einen alten Kram dafür rein? Wieso stellen sie mir überhaupt andere Möbel rein? Alte Möbel, wie sie sie noch aus den Zeiten kennt, als sie mit ihrem Ehemann zusammen gelebt hat. Alte Möbel, deren Stil sie immer hasste und sich dennoch nicht durchzusetzen vermochte, dass man etwas schuf, das beiden gefiel. Mit zitternden Händen greift sie zu ihrem Telefon, doch sie kann die Zahlen nicht finden, sie kann die Tasten nicht tippen. Was ist nur los, um Himmels Willen, was ist hier eigentlich los? Endlich kann sie den Polizei-Notruf bedienen, doch am anderen Ende erklingt nur eine Bandansage. „Tut uns leid, dass Sie außerhalb der Sprechzeiten anrufen. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.“ Ist die ganze Welt verrückt geworden? Oder… oder nur sie selbst? Seit wann gibt es auf einer Polizeistation eine Bandansage?
Ich bin allein, sagt sie sich und weicht langsam und lautlos zurück, ich bin hier allein in diesem gottverdammten Haus mit irgendeinem wildfremden Menschen und ich hoffe nur, dass dieser Mensch nicht rausfindet, dass ich hier bin. Sie findet zurück in ihr Bett, sie verkriecht sich darin, wickelt die Decke um ihren Körper und sinkt tief in das Kissen hinein.
Das Pfeifen aus der Küche hat aufgehört. Ob er fertig ist und das Haus jetzt verlässt? Ohne sie zu entdecken und ohne ihr etwas anzutun?
Sie schreckt auf, als sie den Schatten vor ihrem Fenster sieht. Ganz starr und still ist sie, wagt keine Regung und als dieser Schatten sich von ihrem Fenster fortbewegt, fällt ihr Blick auf seine Schuhe. Das ist doch… Das sind doch… Sie erkennt diese Schuhe. Die Jeans, die Schuhe des Mannes, mit dem sie nur noch auf dem Papier verheiratet ist. Sollte er… sollte er wirklich in ihr Haus eingedrungen sein? Oder jemanden damit beauftragt haben? So wie er ihr immer gedroht hatte: „Ich hab Geld gespart, ich muss nur jemanden dafür bezahlen, ich muss es nicht mal selber machen. Froh wirst du jedenfalls nicht mehr, das verspreche ich dir!“ Der Schatten bewegt sich weiter fort, irgendwann hört sie das Quietschen des Hoftores. Sie atmet leise auf. Er ist fort. Die Gefahr ist vorüber. Zumindest glaubt sie das, bis sie sieht, wie sich langsam die Schlafzimmertür öffnet. Erneut erstarrt sie vor Angst, sie liegt völlig bewegungslos auch in der Hoffnung, man möge sie nicht entdecken. Großer Gott, was soll sie nur tun? Sie wagt kaum zu atmen, sie sieht, wie sich ein Mann durch das Zimmer bewegt, auf das Fenster zu, wie er dort stehen bleibt und hinausschaut in die Nacht. Als er sich umwendet und auf ihr Bett zukommt, hofft sie bis zuletzt, dass er sie nicht finden möge. Doch er hockt sich vor ihr Bett, natürlich weiß er, dass sie da ist. Er sagt nichts, er rührt sie auch nicht an, doch sie spürt diesen süßen, klebrigen Duft, den er ihr in das Gesicht zu fächeln scheint. Ebenso spürt sie, wie dieser Duft ihren Körper lähmt, ihre Gedanken lähmt und sie weiß, wenn sie jetzt nicht reagiert, wird er ihr etwas Schreckliches antun. In dem Moment, als er nach ihr greifen will, schreit sie laut, durchbricht diesen Bann, diesen lähmenden süßen Geruch – sie hebt den Arm und zerschlägt damit genau diesen Moment.
Alles ist vorbei. Der Mann ist fort. Der Geruch ist fort. Die Musik, das Pfeifen – nichts ist mehr zu hören. Sie fühlt ihren Herzschlag bis in den Hals hinauf, in ihren Schläfen pocht es. Mit zitternden Händen macht sie Licht. Da ist niemand. Hier ist niemand. Mit ebenso zitternden Beinen steht sie auf, macht in jedem Zimmer Licht, nimmt ihr Telefon in die Hand, geht weiter in die Küche. Alles ist wie immer, nichts ist gestohlen, nichts ist ausgetauscht. Sie berührt ihre Möbel, so als müsse sie sich vergewissern, dass alles wirklich so ist, wie sie es auch sieht. Die Tür zur Terrasse ist fest verschlossen, auch die Haustür ist wie immer von innen versperrt. Überall löscht sie wieder das Licht, nur nicht in ihrem Schlafzimmer. Bis zum Morgen liegt sie so, in der Angst, wieder einzuschlafen und so die Kontrolle über ihre Gedanken zu verlieren, in der Angst, dem ausgeliefert zu sein, das in ihrem Unterbewusstsein schlummerte.
Sie nimmt nur wahr, wie der Regen auf das blecherne Fensterbrett schlägt. Und es klingt wie… wenn Folie knistert.

Das ist einer der eindringlichsten Alpträume, die ich je in meinem Leben hatte. Ich weiß noch genau, wann das war: Im Juli 2004, in der Nacht von Freitag auf Samstag. Am darauffolgenden Montag erfuhr ich, dass an genau diesem Freitag meinem Ex-Mann mein Scheidungsantrag zugestellt worden war. Die Scheidung, die er nicht wollte, um keinen Preis... Ich habe mir auf Anraten eines Freundes damals schon diesen Traum auf ein Stück Papier und ihn vor zwei Jahren in einem anderen Zusammenhang in einen damaligen Blog geschrieben. 
Was mir vor allem Angst bereitete: Ich glaubte damals, diesen Traum live und wahrhaftig zu sehen, zu erleben, ich glaubte, ich sei wach und nicht im Traum. Es war, wie wenn du die Augen geöffnet hast und vor deinen Augen läuft dieser Film ab, nur dass dieser real wäre... 

Mittwoch, 10. September 2014

Zurück zu mir

  

Ich weiß nicht, wie lange ich diesen Song schon kenne. Etliche Jahre. Und ich liebe ihn immer noch. Ich liebe seinen Text...

was it love
i think it was 
but i'm far from sure
i'd never felt like waybefore 
was it love?

just friends
am i a fool to be asking for
a fool to wish that we could be more
than friends...


Wilde Zeiten...
...und der Kommentar von Felina hat mir heut eins bewusst gemacht: Ich glaub, ich bin grad dabei, wieder zurück zu mir selbst zu finden. Zu meiner Unbeschwertheit. Fröhlichkeit. So wie ich mal war.. So wollt ich wieder sein. Und die Müdigkeit aus meinen Augen waschen...
Ich freu mich irgendwie. Ziemlich sehr sogar. 

Doch jetzt bin ich müde, müde nach nur einem Glas Weißwein. Ich glaub, ich leg mich jetzt schlafen. Und nehm all meine Gedanken und so mit in den Schlaf, mal sehen, was die Sinne heut Nacht wieder draus machen. Ich bin gespannt :)

Es hat schon Nachteile...

...so ein Home Office: Pos. 4 meines ich-muss-mal-zwischendurch-was-einkaufen-Memos muss ich mir nämlich ab sofort selber kaufen und bekomme dies nicht mehr gratis mit der Büromaterialbestellung ins Haus geliefert!



Nichtsdestotrotz stehen die Vorteile eindeutig im Vordergrund:

1. Ich werde nicht mehr permanent telefonbelästigt.
2. Ich werde nicht mehr permanent von allen Seiten befragt, gerufen.
3. Ergibt sich aus erstens: Ich kann endlich mal in Ruhe meine Arbeit machen.
4. Wenn es Anschiss hagelt, bin ich in gebührendem Sicherheitsabstand, zur Not einfach auch grad nicht mehr erreichbar.
5. (müsste eigentlich an 1. Stelle stehen :)): Ich kann bis halb acht schlafen und bin mit einem Schritt im Büro - in meinem Wohlfühloutfit.
6. Der Feierabend ist nun endlich auch wirklich ein Feierabend:
    Ich bin innerhalb von Sekunden zu Hause, innerhalb von 5 Minuten bei einem lecker Käffchen und einem Buch. Keks dazu natürlich nicht vergessen.

Merkwürdige Träume seit dem Umzug halten an (bei den gelben Seiten interessanterweise auch!), aber sie verlieren an ihrer Eindringlichkeit: Letzte Nacht träumte ich vom Aufstand der Schlümpfe. Tatsache, kein Scheiß. Musste heute Morgen selber lachen und den Kopf schütteln.
Kennt Ihr noch diese kleinen Gummifiguren von früher? Heut Nacht war in meinem Kopf die reinste Invasion dieser Gummidinger zugange - herrlich! Und nein, an dieser Stelle belasse ich es rein beim Traum und versuche gar nicht erst, das zu deuten.

Und nun? Mache ich mich gemütlich wieder an meine Arbeit. Kaffee ist schließlich fertig. Der dritte.

Dienstag, 9. September 2014

Gerade wiedergefunden....


video



...vor fünf Jahren barfuss mit den gelben Seiten am Meer.. Sieht aus wie Herbst - aber es war Juni..
...und gerade bin ich wieder dort... Ich muss nur die Augen schließen.

Zeitreise in Bildern...

Gestern Abend fand ich raus, dass ich meine externe Festplatte ja doch mitgebracht hatte in all dem Umzugswahn Ende August. Brauchte nur ein neues Kabel, irgendwie hatte der Stecker doch ein wenig gelitten. Aber nu ja, wenn die gelben Seiten mit einem besonders gut versorgt sind, dann sind es... Kabel!
Ja und dann tauchte ich ein... in die Vielzahl der Bilder, die ich so lange nicht mehr betrachtet hatte. Amüsierte mich köstlich an der einen, schaute wehmütig oder nachdenklich an anderen Stellen...
So vieles, das wieder auftaucht. So viele Erinnerungen. Manche gehen unendlich weit zurück, so weit, dass ich mich in meinem Gitterbett stehen sehe, in einem dunklen Zimmer mit dem Blick auf die Glastür, durch die das Licht fällt - und ich strecke die Arme aus, weine und rufe...
Meine Mum hat mir bestätigt, dass es damals so war, sie bestätigte mir die Zimmereinrichtung und dass ich Angst im Dunkeln hatte - schon damals, und ich war noch keine zwei Jahre alt. 
Sie hat sich sehr gewundert, dass ich das noch weiß. Wie genau ich das noch weiß. 
Anderes wiederum bleibt verborgen. Monate, Jahre überall dazwischen, die es in meinem Bewusstsein nicht mehr gibt. 

Im Kindergarten, den es nicht mehr gibt. Da war ich fünf, glaube ich.

Einschulung...
in eines der Gebäude, das eben auch nicht mehr steht :)

Da war ich 12... Sehe nicht nur brav aus, war das da auch noch. Doch, wirklich,
auch wenn Miss T. mir das nicht glauben will :)
Und wir lebten da noch in dem Haus, das es heute auch nicht mehr gibt.

Klassenfahrt. Ich denke, ich war 14.
Ich denke, es war NICHT die Abschlussfahrt der 10, NICHT die Fahrt,
auf der meine Lehrerin mir eröffnete:
"Ihnen kann ichs ja sagen: Sie hatten in der Matheprüfung eine Zwei.
Aber eine Zwei bekommen Sie von mir nicht.
Eine Zwei würde bedeuten, dass Sie gut waren in Mathe.
Aber Sie waren nie gut!"

Ob wohl die Unterkunft noch steht? Wer weiß das schon.
Helma und ihre verbrannte Erde ;)

Sonntag, 7. September 2014

Die dunkle Vergangenheit

...ist Vergangenheit.
Ich bin ja ein Chamäleon und passe mich meiner Umgebung... äh... den Gegebenheiten an - und ich dachte, wo es doch jetzt Herbst geworden ist...
Ach und überhaupt hatte ich mal wieder Lust auf etwas anderes.
Wobei ich - zugegebenermaßen - nicht mehr soooo spontan bin wie vielleicht noch vor paar Jahren.
Ich meine, von platinblond bis blauschwarz war so einiges dabei - und jetzt bin ich halt bei Aufheller für Dunkelbraun gelandet, der, wie ich finde, einen schönen warmen.. äh.. Herbstton hervorgebracht hat.
Und mir gefällts.


Man sagt ja, wenn eine Frau ihre Haarfarbe ändert, dann ändert sie auch ihr Leben. Nun, in dem Falle war die Änderung des Lebens schneller als die Haarfarbe.
Ob das möglicherweise dennoch ein Zeichen ist, nicht nur für andere, auch für mich selbst, dass ich etwas loslassen möchte? Eine Zeit, die gut war, die schön war, die lehrreich und entsprechend schmerzvoll war?
Die Träume, die mich des Nachts begleiten, seitdem ich hier lebe, sind ziemlich beängstigend und bedrückend. Letzte Nacht erst träumte ich wieder, ich sei irgendwo am Meer (da will ich ja auch eines Tages wieder leben!!), jedoch die Wellen waren derart hoch und gefährlich, wie es bei einem Tsunami sein würde. Das Interessante dabei war... Ich erlebte diesen Wellengang nicht "live" im Traum, ich erlebte ihn so, dass ich in einem Raum saß und mich unterhielt, mit Chinesen, Japanern oder irgend sowas, und sie erzählten mir von diesem Wellengang, den ich dann vor mir sah und von dem es mich trotz der Erzählung vor Angst schüttelte...
Und was auch wieder in den Traum geriet: die Tür, deren Blatt zu kurz war, so dass sie etwa fünf Zentimeter vor dem Boden endete.. Dahinter ein Mensch, der nicht zu sehen war - jedoch im Licht des Treppenhauses seine Schuhe: schwarze Schuhe mit grober Sohle - wie bei Springerstiefeln. Hatte ich doch erst grad! Und diese Person telefonierte hinter der Tür und jemand sagte: "Keine Angst, das ist nur der Monteur." Ich bin erwacht und mir klopfte das Herz. Warum, kann ich nicht sagen - es war einfach so. Und ich musste an den Postboten denken, der unlängst hier war und ein Paket für die gelben Seiten abgab. Und ich musste daran denken, ob ich in Zukunft nicht besser erst schauen würde, bevor ich die Tür öffnete?
Lange schlief ich danach nicht wieder ein, und es war schon gegen halb zehn, als die gelben Seiten mich wachrüttelten: "Ich hab Huuunnger!"

"Vielleicht verarbeitest du ja gerade was", sagten die gelben Seiten am Nachmittag, als wir durch die Straßen liefen, die Hände locker ineinander verhakt, "wer weiß, was das ist. Jetzt kommt halt alles raus, und dann hast du endlich deine Ruhe."
Ja, vielleicht ist das so. Ich wüsste nur zu gern, was das ist?
Ich kann nur sagen, dass ich Panik bekomme in zu kleinen Räumen, dass ich Panik bekomme, wenn die Luft schlecht und abgestanden ist, dass ich Panik bekomme, wenn man mich gegen meinen Willen festhält und nicht loslässt, und sei es nur aus Spaß; dass ich auch Panik bekomme, wenn ich durch Mund und Nase nicht atmen kann, und sei es nur für Millisekunden...
Und dann denke ich wieder an jene wunderbare Frau, die mir einst anbot, mich einer Hypnosesitzung zu unterziehen. Noch immer streiten in mir die Gefühle des Für und Wider. Einerseits habe ich Angst davor, mich so völlig.. auszuliefern. Andererseits habe ich ebenso Angst vor dem, was ich dann sehen könnte.
Was, wenn mich mein eigenes Ich vor etwas schützen will? Ob man nicht manchmal doch besser daran tut, nicht alles zu wecken, das in einem schlummert?

Für den Moment jedenfalls.. fühle ich mich wunderbar. Vor mir steht ein zweites, halb geleertes Glas Rosé-Wein, die Tür zur Terrasse steht weit offen und lässt herrlich milde Spätsommerabendluft hinein, ich höre Musik, die mich dazu bringt, barfuss durch alle Räume zu tanzen, völlig selbstvergessen....

...ich genieße es.
...ich genieße den Augenblick.
...ich genieße, dass Junior mir vor ein wenigen Minuten schrieb, dass er jetzt in einer Beziehung sei, dass es ihnen gut ginge und ihm sein Selbstzubereitetes besser schmecke als gedacht.
Mehr muss nicht und mehr brauch ich grad nicht.

Donnerstag, 4. September 2014

Mein Nein ist ein Nein

  

Mein Nein ist kein Vielleicht, kein mal-sehen-vielleicht-bekommst-du-mich-ja-noch-überzeugt, kein ich-überlegs-mir-vielleicht-nochmal.
Denke ich etwa zwanzig Jahre zurück - wer war ich da? Schüchtern, sanft, ängstlich vielleicht, und ich war nur dann ein lautes, übermütiges Mädchen, wenn ich mich wohl und sicher fühlte. 
Und ich fühlte mich sicher, wenn ich jemanden an meiner Seite wusste, dem ich im Fall eines Falles Entscheidungen überlassen konnte. An dessen Seite immer alles gut würde, weil ich hatte ja ihn
Wenn ich um etwas gebeten wurde, sagte ich Ja.
Nicht allein aus der Haltung heraus: Ich muss Ja sagen, damit man mich mag. Ich muss Ja sagen, damit man mich wahrnimmt.
Ich habe Ja gesagt, weil es mir unglaublich schwer fiel, ein Nein zu produzieren, das Ablehnung einer Bitte des anderen gegenüber bedeutete. Weil ein Nein in meinen Augen die Verletzung anderer Wünsche darstellte. Weil ein Nein in meinen Augen die unnötige Enttäuschung anderer hervorrufen könnte, die allein deshalb unsinnig schien, weil mir das Ja so leicht fiel und ich wesentlich belastbarer war als es den Anschein haben mochte.

Vor gut sechs Jahren habe ich mich einem empfohlenen Neurologen vorgestellt. Er sollte mir helfen in meinem Kampf gegen den Schmerz in meinem Körper. Und er stellte mir Fragen, mit denen ich nicht wirklich etwas anfangen konnte.
"Wer führt Ihren Haushalt?" - "Na ich natürlich."
"Wäsche? Essen kochen?" - "Na ich natürlich?"
"Wer kümmert sich um Rechnungen, Versicherungen, das Haushaltsgeld?" - "Na ich?"
"Schaffen Sie es, jeden Morgen pünktlich zur Arbeit zu kommen?" - "Selbstverständlich! Ich muss doch?"
"Sie sind vollzeit beschäftigt - warum?" - "Na weil ich es muss? Unser Haushaltsgeld ist nur mein Einkommen."
"Sie machen viele Überstunden - warum?" - "Na weil ich es muss? Die Arbeit, die liegenbleibt, macht kein anderer."
Ich habe all seine Fragen nicht verstanden, weil ich selbst mir diese nie gestellt hatte: Wer sonst, wenn nicht ich, sollte sich um mein Leben, um das Leben meiner Kinder und um deren Entwicklung kümmern - wenn nicht ich?
Ich habe vor allem aber nicht verstanden, dass ich selbst zu diesem Zeitpunkt völlig übermüdet war, erschöpft - und bis zum letzten Zentimeter ausgezehrt. Ich konnte nicht mehr, der Quell meiner Energie war längst aufgebraucht. Und ich realisierte immer noch nicht, dass ICH es war, die sich selbst aussaugte. 
Es ist so einfach zu sagen: Er/ Sie ist schuld, sie entziehen mir die Energie - doch das ist zu einfach.
Und es ist nicht richtig.
Weil ICH diejenige war, die ein Nein nicht formulieren konnte. Die nicht verstand, sich abzugrenzen. 

Zum ersten Mal ist mir ein Nein gelungen, als die gelben Seiten mich vor wenigen Jahren einer Dame näherbringen wollten, die in mir - aus Gründen - lediglich Gefühle der Ablehnung hervorrief. Diese Gründe konnte ich sehr konkret formulieren, und ich erinnere mich auch noch sehr wohl an meine Worte, die keinerlei Diskussionsspielraum ließen: "Ich werde mich nicht zu etwas zwingen, nur damit du dich besser fühlst."
Dabei ist es bis heute geblieben, wir haben nie wieder darüber gesprochen, doch diesem Tag folgten immer mehr Tage, an denen ich immer öfter und ebenso klar formulierte "Nein."
Die Gründe sind so verschiedentlich wie die Wünsche.
"Hast du heute Zeit für mich?" - "Es tut mir leid, ich komm heut später aus dem Büro und hab daheim noch zu tun, heute passt es einfach nicht."
Lernen, sich abzugrenzen.
Verstehen lernen, dass man sich nicht selbst permanent überholen darf. 
Begreifen lernen, dass ein Nein keine Ablehnung der Person ist, sondern lediglich der Aktion. 
Mit diesen ersten, sicherlich auch zaghaften Schritten habe ich gelernt, vor allem mich selbst zu respektieren. Dass es auch gesunden Egoismus gibt: Wenn etwas nicht geht, dann geht es nicht - es muss nicht alles geh-bar gemacht werden und schon gar nicht über meine eigenen Grenzen hinaus. Zumindest nicht permanent. 
Es gab Zeiten, in denen ich mich so verschlossen und zurückgezogen habe, dass ich nur noch für meine Familie erreichbar war. 
Sich selbst ausloten. In die eigene Mitte pendeln. Rücksicht nehmen auch auf sich selbst. 
Natürlich habe ich phasenweise auch zu sehr an mich gedacht. Das Gleichgewicht nicht gefunden, zu sehr nach links, zu sehr nach rechts, nur um schrittweise wieder in die eigene Mitte zurückzufinden, zu mir selbst. 

"Lange Zeit brauchtest du jemanden, der dich führt; jetzt immer mehr jemanden, der dich begleitet, bedingungslos liebt und Positives herausfordert. Du hast dich verändert, sehr angenehm, weil stark und selbstbewusst, das wird so bleiben, weil du es aktiv vorangetrieben hast."

Diese Worte schrieb mir vor zwei Tagen meine Freundin - und irgendwie bekam ich ihre Nachrichten zur rechten Zeit. Das Herauslassen von Emotionen, Gedanken, Zweifeln, Ängsten - und dann ist alles heraus und verliert sein Gewicht, das manchmal bis zum Erdrücken auf mir lastet, und dann steht mir da ein Mensch gegenüber, der trotz allem bedingungslos an mich glaubt. Auch wenn ich nicht immer das Richtige sage oder tu. 
Ich kann nicht immer das Richtige tun, ich bin ein Mensch.
Ich bin definitiv nicht jemand, der allen gefällt, der von allen gemocht wird, aber das ist für mich auch nicht wichtig. Entscheidend für mich ist, dass ich von den Menschen geliebt und gemocht werde, an denen mein eigenes Gefühl hängt. Ja, ich fühle mich heute unabhängiger, freier, losgelöster und mir sagt heute niemand mehr, wie ich mich fühlen soll, ob zum Beispiel mein Schmerz in seinen schlimmsten Phasen zu Recht das Level 8 oder 9 auf der Skala von 1 bis 10 beträgt oder doch eher einer 4 entspricht. 
Ich lasse mir auch nicht sagen, ob ich mich zu Recht himmelhochjauchzend oder doch zu Tode betrübt fühlen darf - ich fühle mich so, und dann wünschte ich, man nimmt mich einfach nur in den Arm, anstatt darüber mit mir zu diskutieren, ob ich die eine oder andere Situation nicht selber zu verantworten habe. 
Ich kann genauso ungerecht und selbstgerecht sein wie vermutlich jeder andere auch, heute kann ich aber auch klar formulieren: "Ich bin heut richtig scheiße drauf, lasst mich doch einfach nur in Ruhe."
Ich vergesse Dinge, die für andere wichtig sind, und ich beklage es, wenn man mich vergisst. 
Nein, der Mittelpunkt ist für mich nicht gemacht - aber ich möchte beachtet werden.
Manchmal tu ich mir selbst unendlich leid, dann will ich mich verkriechen, Schokolade essen und am liebsten Filme wie "Bridget Jones" schauen. Ich will kommen und gehen können, wie mein Ich es auch verträgt.

Ja ist Ja.
Nein ist Nein.
Und das eine ist so gut wie das andere.

Mittwoch, 3. September 2014

Regen im Paradies

Nun. Es regnet.
Und wenn ich an die Frage denke, wie es mir hier geht, wie es mir mit dem Umzug geht und überhaupt, dann... denke ich für den Moment dasselbe "Es regnet".
Natürlich war mir mit der Entscheidung "Wir ziehen zusammen" durchaus bewusst, dass wir beide Persönlichkeiten sind, die es gewohnt sind, im Leben ihre Entscheidungen zu treffen. Die ihr Leben nach ihren Vorstellungen einrichteten und... lebten.
Vor ein paar Tagen sagte ich, dass ich mich mit dem Bewusstsein, jetzt hier nicht mehr zu Besuch zu sein, sondern eben... angekommen zu sein, irgendwie fremder fühlen würde als zuvor als Gast. Und ich glaube, ich weiß auch, warum das so ist: Es atmet nichts nach mir.
Weder wenn ich zur Tür hineinkomme.
Weder wenn ich das Badezimmer betrete.
Weder wenn ich mich nachts in die Kissen kuschle.
Da ist irgendwie nichts von mir.
Nicht mein Bett. Nicht meine Bettwäsche. Nicht mein Geruch, auch jetzt nicht, wo ich bereits ein paar Nächte hier geschlafen habe.
Ich sitze im Zimmer an meinem Schreibtisch, schaue mich um: Ich bin es, die mir hier fehlt.
Ich betrete die Küche, bereite mir einen Kaffee und backe ein Brötchen auf: Ich bin es immer noch, die mir hier fehlt.
Ein schmales Regal mit meinen Lieblingstassen in der Küche, meine Antikkommode mit Fotos von meinen Jungen und einige Bücher im Regal - das sind die einzigen Zeugen dessen, dass auch ich jetzt hier lebe.
Es ist irgendwie viel mehr er als ich - und er reagiert auf "Ich hab die Schale woanders hingestellt" genauso dünnhäutig wie vermutlich ich es tun würde, wäre er zu mir gezogen.
Vielleicht wäre es anders, würden wir gemeinsam in ein neues Heim gezogen sein, würden wir gemeinsam daran werkeln und basteln und uns die Dinge bauen, wie es uns gefällt.
Doch so ist es - aus Gründen - noch nicht, und ginge es jetzt nur nach mir, würde ich mich auch noch eine ganze Weile mit der jetzigen Situation arrangieren wollen. Oder müssen.
Gestern Abend ging mir auch so durch den Kopf, ob jene gewisse Dünnhäutigkeit grad bei Kleinigkeiten auch daher käme, dass sich bereits jetzt, etwa 10 Tage nach meinem Einzug, eine Nähe und eine (räumliche) Enge eingestellt hat, die unzufrieden macht. Dieses Beharren auf "du kommst erst Sonntag zurück" - "nein, ich sagte Samstag" -"nein Sonntag" - "leg mir doch nichts in den Mund, das ich nicht gesagt habe" - "nun, ein Versuch wars wert" hat mich selbst nicht besser fühlen lassen.
Doch anstatt dies anzusprechen, offen und direkt, wie ich es eigentlich immer tu, zog ich mich zurück. Räumlich und innerlich. Unfähig, etwas sagen zu können, auch unfähig, etwas sagen zu wollen.
Im Grunde nämlich ist es eigentlich... ganz einfach.
"Ich wollte nur, dass du auch Zeit für deine Kinder hast, wenn du heimfährst", sagte er heute Morgen.
Klingt gut - aber ist das auch wirklich die Wahrheit?
Zweifel. Alte Zweifel, alte Narben - alles alter Scheiß, den ich längst abgeworfen wissen wollte.

Wenn man in der Mitte seines Lebens beschließt, zusammenzuziehen, sich ein gemeinsames Leben zu erschaffen, dann ist das anders wie damals, als wir zwanzig Jahre alt waren.
Mir war das bewusst. Ihm auch, denke ich. Wir hatten beide gehörig Respekt davor.
Bereuen? Nein natürlich bereue ich nicht.
Ich fühl mich nur etwas verloren... hier. Und weiß, es braucht noch ein wenig Zeit.
Bevor ich wegging, befürchtete ich vor allem, dass meine Söhne und insbesondere der Jüngere mit der räumlichen Trennung nicht so gut umgehen könnte. Er hängt sehr an mir, das war immer so. Und nun ist es so, dass ich nur von ihnen höre, wenn sie nachfragen "Wie war das noch mal mit der Waschmaschine?" oder so wie gestern Abend, als Junior II mitteilte, er habe endlich ein Mädchen gefunden, mit der er sich auch wirklich eine echte Beziehung vorstellen könne.
Sie teilen sich die Hausarbeit, kochen gemeinsam oder einer für den anderen (auch wenn ich davon ausgehe, dass es jeden zweiten Abend Döner & Pizza gibt ;)) und gehen gemeinsam einkaufen. Es klingt wirklich richtig gut, finde ich. So von außen betrachtet.
"Und sonst? Wie geht es euch sonst?" fragte ich zum Abschied und er sagte ganz entspannt: "Sonst ist alles gut. Wirklich."
Die haben dort Sonne, übrigens.

Dienstag, 2. September 2014

Der Ton macht die Musik

...während der VPN sich quält, mich eine Datei aufrufen zu lassen, die knapp 100 MB groß ist. "Dieses Programm reagiert nicht mehr. Möchten Sie es schließen?" Ja möchte ich. Dann versuche ich es eben später noch mal und genehmige mir neben einem lecker Käffchen einen Blogpost.
Gestern las ich mal wieder in diesem herzerfrischenden Blog von Frau Lavendula mit ihren Kindern diesen Post http://fraulavendula.wordpress.com/2014/09/01/no-comment/ und während ich dieses Mal dort nicht kommentierte, kam ich nicht umhin, mir seither meine eigenen Gedanken um die Thematik des Bloggens und Kommentierens zu machen.

Wenn man mal die Emotionen völlig beiseite lassen würde, wenn man mal nur beide "Aussagen" nehmen würde, sowohl die im Blog als solches (in dem Frau Lavendula mitunter von ihren Kindern schreibt, insbesondere vom Umgang mit ihrem "Fürsten") als auch den Kommentar von Anonymous Smith, dann haben vermutlich beide Seiten auf ihre Weise recht.
Andererseits... Warum der eine einen Blog im Internet schreibt, während der andere daheim ins stille Büchlein mit nem Schloss davor kritzelt, ist ja nun jedermanns eigene Entscheidung und Beweggrund. Ich habe Spaß am Schreiben, ich liebe es und es ist mein Ventil, und natürlich hab ich auch Freude daran, dass es Leser gibt, die das überhaupt lesen mögen, was ich da so von mir gebe. Anfangs habe ich gar nicht auf Kommentare reagiert und irgendwann festgestellt, dass sich mit dem Kommentieren oftmals lustige, nachdenkliche oder auch anregende Dialoge ergeben, die das "schnöde" Bloggen an sich um ein Vielfaches schöner und irgendwie auch wertvoller machen.
In einem anderen Blog, der sich inhaltlich von diesem hier komplett unterschied und den ich aus Gründen vor längerer Zeit schloss, waren mitunter Kommentare enthalten, wo mir schon so manches Mal die Luft wegblieb. Bis meine kratzige Stimme aus Hessen meinte: "Ist doch gut so, muss ja nicht jeder alles gut finden, was du machst oder schreibst, und am Ende ist es doch die Kritik, die dich weiterbringt."
Das veranlasste mich damals zum gründlichen Überdenken meiner Selbst, meiner Art, mich zu geben, ich selbst zu sein. Bis wohin ist man denn noch man selber und ab wann inszeniert man sich? Inszeniert man sich überhaupt, wenn man eine Seite von sich öffentlich macht bzw. zeigt - und andere Seiten nicht? Will ich als Gut-Mensch verstanden werden, dem mit jedem Kommentar die Backen gesalbt werden sollen?
Nein - darum gehts mir nicht.
Ich zeige so viel von mir, wie ich selber vertreten kann, vor mir selbst und auch vor den Menschen, über die ich hier schreibe. Meine Söhne kennen meinen Blog, sie lesen ihn aber nicht regelmäßig. Sie haben kein Problem damit, dass und was ich über sie schreibe. Und die sonstigen Menschen, die gelben Seiten, die Freundinnen - über die schreibe ich (für mein Empfinden) verwaschen genug, als dass ein Fremder niemals wüsste, wer hier wer ist und wer der oder die im Realen ist.
Mit meiner Entscheidung, ein oder mehrere Fotos von mir zu zeigen, habe ich bewusst entschieden, nicht mehr so anonym zu sein wie ich es möglicherweise bis dahin war.
"Du machst dich angreifbar", sagten die gelben Seiten oft, doch ich selbst empfinde das nicht so dramatisch. Warum auch? Ich schreibe über mich. Über mein Leben, und das einzige, das in diesem Blog nicht stimmt, ist der Name. Wer also meinen realen Namen kennt und nach diesem googelt, wird nicht zu diesem Blog kommen. Und selbst wenn, meine Güte, ich schreib doch nichts Dramatisches, Verbotenes oder auch nur ansatzweise über etwas, das man mir eines Tages vorhalten könnte. Vermutlich bin ich eher die langweiligere Variante einer Bloggerin, weil hier "nicht wirklich die Post abgeht" und ich Euch auch nicht darüber informiere, wann wie oft ich wo und wie Sex habe. Zum Beispiel. Oder weil ich nicht jeden Tag mein Outfit vorstelle. Ach übrigens, ich hab ja noch mein Kleiderkreisel-Profil: Eigentlich könnte ich da jetzt die Hälfte meines Schrankes verkaufen! Dem Home Office sei Dank könnte ich theoretisch jeden Tag im Schlabberlook vor dem Bildschirm sitzen - und keinen interessierts! (Praktisch siehts übrigens auch genauso aus.)

Und Ihr Leser... Na klar freu ich mich über jeden Leser mehr, Tatsache, da hüpft mein kleines Bloggerherz. Und auch dann, wenn ich lese "1 auf Moderation wartender Kommentar" - doch, da huppt es immer noch in meiner Brust.
Hier ist es mir bis jetzt noch nicht passiert, dass jemand mich niedermetzelte, den Holzhammer auspackte und mir gewaltig eins um die Ohren gab. Habe ich also bis dato Glück gehabt oder war mein Blog tatsächlich zu langweilig, um solche Kommentatoren auf den Plan zu rufen?
Andererseits, auch angesichts der Kommentare zu Inhalten in anderen Blogs, frage ich mich doch immer wieder: Woher nimmt sich ein Kommentator das Recht heraus zu sagen "Was du schreibst, ist langweilig, interessiert kein Schwein, woanders sterben Kinder und du beklagst dich, weil dein Kind den Abwasch nicht erledigt hat." Oder gar, wie bei Frau Lavendula, zu sagen: "[...] Bei Ihnen ist alles immer ganz schrecklich. Ich frage mich, was?! Sorry, aber das ist das normale Leben. Was wäre denn, wenn eines Ihrer Kinder krank wird oder gar stirbt?! Oder ihr Mann. DAS wäre schlimm. [...] Sie haben sich doch für dieses Leben entschieden [...]"

Wir alle haben uns für unser Leben entschieden, die meisten von uns reden darüber, immer mehr Menschen bloggen darüber. Weil Schreiben ein Ventil sein kann. Weil Schreiben Spaß machen kann. Weil man Alltagsgeschichten mit einem Augenzwinkern "erzählen" kann, ohne dass ich deshalb beklage, wie ich lebe. Ich hab es mir ja so ausgesucht - verdammt, ich weiß das selber, und warum darf ich dann nicht davon erzählen, ohne dass ich dafür sinnbildlich geohrfeigt werde? Wie ich mit meinen Söhnen lebte oder jetzt mit den gelben Seiten - all das habe ich mir so ausgesucht, all das habe ich selber so mitgestaltet und ich will halt drüber reden! Ach nee, schreiben. Weil wir etwas loswerden möchten, andere Menschen teilhaben lassen möchten - und nicht zu selten auch staunen und es erleichternd finden können, dass und wie sehr sich unsere Geschichten im Grunde ähneln - und dass sich alles im Leben wiederholt.
Ist dann also nur ein Kommentar ein ehrlicher, hilfreicher Kommentar, der aus dem tiefsten Inneren eines Holzhammers kommt? Bringt mich also nur weiter, wenn man mir ordentlich eins hinter die Ohren oder in die Kniekehlen gibt - und alles andere nur dazu dient, mir Honig ums Maul zu schmieren, was ja im Endeffekt ohnehin nichts Ehrliches wäre? Ist ein respektvoller, mitfühlender Umgangston also kein förderlicher, konstruktiver Umgang? Will ich mich also selber nur als Gut-Menschen produzieren, der sich selber ach so toll findet und sich täglich in der allgemeinen Bewunderung sonnt? Der nicht zulassen kann, dass andere Leser anders denken?
Nein, verdammt!
Kritik ist durchaus erlaubt und meistens auch gewünscht, solange sie fair bleibt. Wobei ich mir zuweilen schon bei dem einen oder anderen wünschte, die Antenne sei feinsinnig genug zu erkennen, wann man vielleicht doch einfach nur mal die Klappe hält. (Das ist übrigens aufs reale Leben bezogen, nicht auf den Blog.)


Denn mir ist bei all dem wichtig, was mir von Kindheit an schon meine Mum beibrachte: "Der Ton macht die Musik!" Und - um hier auch ein entsprechendes Statement aus dem Link von Frau Lavendula anzuwenden: Wenn ich jemandem mit meinem Blog  die Tür zu meinem Leben öffne, und sei es auch nur einen Spaltbreit, dann erwarte ich einfach, dass man freundlich oder wenigstens höflich "Hallo" sagt und mir nicht stattdessen in den Hausflur kackt. Sorry - aber das ist meine ganz persönliche, ehrliche, konstruktive Meinung, das ist meine persönliche Auffassung vom Umgang miteinander. Und letztlich - auch das betone ich immer wieder: Ich muss und ich will gar nicht jedem gefallen, aus diesem Alter bin ich raus. Niemand ist gezwungen, hier zu lesen oder gar zu kommentieren, und ich bin durchaus in der Lage zu respektieren, dass der Geschmack - Gott sei Dank - verschiedentlich ist. Wer nicht mag, was ich hier tu - da bitte, rechts oben ist das rote Kreuz (nein, doch nicht der DRK, Herrgottnochmal!), und das geht ganz einfach, ohne jemandem schnell noch ins Gesicht zu spucken. Ich finde solche Leute widerlich und habe auch nicht ansatzweise ein ganz klein wenig Mitleid damit, dass deren eigenes Leben vermutlich so belanglos, langweilig oder einfach auch frustrierend ist, sie vermutlich wochenlang keinen Sex oder wenigstens was Anständiges zu essen hatten und dass sie sich ergo nur dann besser fühlen, wenn sie sich eben in den Hausflur eines anderen erleichtert haben.