Sonntag, 11. Januar 2015

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?

...das war Frau Ziggenheimer auf ihrem weißen Pferd und ohne Kind.
Wer auch immer mich da erhört hatte, Schnee gabs tatsächlich keinen, auf der Fahrt nach L zwar fiesen Schneeregen auf halber Strecke, auf der Fahrt zurück nach M war alles trocken und so - dafür hat es gestürmt ohne Ende. Tatsächlich die ganze Fahrt lang, ganze vierhundertfünfzig Kilometer Anspannung pur. Gedankenloserweise hatte ich mir unterwegs noch einen Kaffee geholt, aber wie trinkt man den, wenn man besser beide Hände am Lenkrad halten sollte?
Und mein Fazit: Ich bin dann doch lieber bei Sturm unterwegs als bei Schnee und Eis.
Und gut angekommen bin ich dann auch, das ist es ja, was letztlich zählt.
Nun hab ich erst mal wieder Ruhe, komme vor allem in den Genuss dessen, dass hier nicht mehr alles nur an mir hängt. Manchmal wird mir hier das Frühstück und das Mittag serviert und ich muss nicht mal was dazu tun. Das finde ich cool! Bin ich in L, habe ich nicht nur einen schier unendlich langen Arbeitstag, dann wartet außerdem noch genug Arbeit auf mich zu Hause bei der Jugend. Abgesehen von den üblichen Aktionen des Wäsche machens und Essen zubereitens und so hatte dieses Mal vor allem eines Priorität: Papiere ordnen. 
Junior I war bereits zum zweiten Mal von der GEZ angeschrieben worden und Fakt ist: Um die Zahlungspflicht herum wird er nicht kommen (und ich glaube auch nicht, dass die jemals abgeschafft werden wird. Sie wird nur eines Tages anders heißen.) - und je länger er wartet (bzw. einfach die Post ignoriert), desto teurer wirds für ihn werden. 
Überhaupt hatten sie wer-weiß-wie-lange nicht mal den Briefkasten geöffnet. Gefühlte zwanzig Briefe waren für Junior I, drei oder vier Werbebriefe für mich - und eine Weihnachtskarte auch für mich von einer Freundin, der ich sträflicherweise noch nicht mal gesagt habe, wo ich seit August zu finden bin. Was konkret bedeutet: Ich habe ihr noch nicht geschrieben, nicht mal zu Weihnachten. Baahh, ich schäme mich! Morgen rufe ich sie erst mal an.
Was mich übrigens echt erleichtert hat: Die Bestätigungen der Versicherungsrücknahmen sind schriftlich eingegangen. Junior hatte den Widerruf ja zurückgenommen, doch als der Vater davon erfuhr und Juniors Freund offenbar nachdrücklich ans Herz gelegt hatte: "Finger weg von der Familie oder du kriegst echte Probleme mit mir", hatte dieser - ich nehme mal an, des Friedens willen, immerhin ist seine Mutter mit meinem Ex zusammen - das Entsprechende veranlasst. Jetzt besitzt Junior nur noch die Privathaftpflicht, die ich ihm vermittelt hatte und die trotz gleicher Leistung nur die Hälfte kostet, und die Unfallversicherung. Wobei dann noch zwei oder drei Briefe einer Bank auftauchten. "P. meinte, ich soll das machen, da könnte ich alles online machen und muss nicht mehr wegen jedem auf die Bank." - "Aber Online-Banking kannst du doch bei jeder Bank beantragen, auch bei deiner?" - "Ja, aber bei der hier soll alles kostenlos sein." - "Wo steht das?" - "Das hat P. gesagt." - "Hast du Unterlagen dazu?" - "Äh..." Junge, Junge. "Wenn man wissen will, ob etwas kostengünstiger ist oder nicht, muss man Preise und Leistungen vergleichen können. Dazu musst du doch erst mal wissen, was von allen Seiten geboten wird, und dann suchst du dir raus, was zu dir passt. Bloß weil P. sagt, du sollst das nehmen, weil du keine Kontoführung bezahlst, ist es deswegen nicht alles kostenlos." 
Aber ok: Wichtiger war für mich, dass diese blöden Versicherungen vom Tisch sind. Und dass er sich vor dem nächsten Abschluss hoffentlich erst mal mit anderen berät, wenns schon nicht die Eltern sein sollen. Selbständig sein wollen ist doch gut und richtig. Aber sich einen Rat von anderen holen, ist nichts Unselbständiges, finde ich.

Und Junior II? Seit eineinhalb Jahren ist er in der Ausbildung zum Sozialassistenten (die abschließende Erzieherausbildung ist wohl nun endgültig vom Tisch, schade, sehr schade, finde ich immer noch) und hat trotz 8 Lernfeldern und einem Wahlfach bis heute zwar in jedem Fach mitgeschrieben, jedoch nicht ein einziges Blatt davon abgeheftet. Was nichts anderes bedeutet als eine Kommode voller loser Blätter, wild durcheinander - und in einem halben Jahr steht die Abschlussprüfung an. Ich habe ihn schon oft gefragt, wie er sich denn eigentlich darauf vorbereiten will, wenn er so gar keine Ordnung, gar kein System hat? Also haben wir uns gemeinschaftlich Freitag nach der Arbeit rangesetzt. Wir saßen bis nachts 1 Uhr und am Samstagmorgen, den ich eigentlich entspannt mit ihnen frühstücken und mich dann in Ruhe auf den Weg nach M machen wollte, saßen wir auch noch mal gute eineinhalb Stunden, bis wenigstens halbwegs Ordnung in seinen Papieren war. Am 16. beginnt der Einstellungstest bei der Polizei und aus seinem Vorhaben, morgens zu joggen und anschließend vernünftig zu frühstücken (Müsli und frisch gepressten Orangensaft und Tee), bevors dann in die Schule geht, ist natürlich nichts geworden. "Eins versteh ich nicht", habe ich gesagt, "du willst das soooo sehr, und trotzdem tust du nichts wirklich dafür?" - "Ich hab mich ja vorbereitet." - "Wie denn? Nur weil du paar Onlinetests gemacht hast?" - "Die hab ich alle bestanden." - "Das ist toll, aber glaubst du, dass das alles ist?" - "Nein. Deswegen bin ich auch nicht sicher, ob ich das schaffen werde." - "Und warum tust du dann nicht noch mehr? Gibst alles?" Schulterzucken. Ob er es zwar wirklich will, aber eher doch noch auf der Suche ist? Nach sich, nach seinem Platz, nach dem Punkt, wo er wirklich hin will? "Was willst du denn machen, wenn es nicht klappt? Was ist die Alternative?" - "Keine Ahnung. Vielleicht geh ich ein Jahr zum Bund und bereite mich da noch mal auf die Polizei vor. Ich hatte auch geschaut wegen Fachabi in Richtung Sport, aber das gibts da leider nicht. Ich müsste ein normales Abi nachholen und könnte dann Sport studieren." Abi nachholen würde bedeuten, dass er kein Bafög mehr bekäme. Er wäre weiter auf mich angewiesen und müsste spätestens dann arbeiten gehen. Schlimm fände ich das nicht, aber es würde etwa sechs weitere Jahre dauern, ehe er "fertig" wäre und eigenes Geld verdienen könnte. Dann ist er 25, das wäre ja auch noch ok. Aber was ist, wenn mir mal was passiert, bevor er soweit ist? Wer hilft ihm, wer unterstützt ihn? Fragen über Fragen, die ich nicht alle momentan beantworten kann. Aber vielleicht warten wir ja auch erst mal den 16. Januar ab. Und den 17. und den 18., so Gott will. Der 3. Tag des Tests ist nämlich die ärztliche Kontrolle und spätestens hier spielt es keine Rolle mehr, wie gut er sich vorbereitet hat: Hier braucht er nur noch Glück - und das wünsche ich ihm von Herzen.

Jetzt schau ich noch ein bisschen dem Schneetreiben zu (jawohl, Schneetreiben: Gestern 14 Grad und Sonne mit Sturm, heute 4 Grad und abwechselnd Sonne mit Schneesturm. Da MUSS man ja bekloppt werden im Kopp) und mach mir zur Abwechslung erst mal einen schönen lecker Kaffee. Hatte lange schließlich keinen. Vier Stunden können manchmal schon... eine Ewigkeit sein. Prost.

Kommentare:

Clara Himmelhoch hat gesagt…

Helma, vor Jahren habe ich das mit meinem damals um die 20 alten Sohn so ähnlich wie du gemacht und ich bin aller 2 Wochen (er wohnte in Berlin) zu ihm gefahren und habe alles gemacht, was zu machen war.
Doch das habe ich nach ca. 3 Monaten eingestellt.
Viele Jahre später gestand er mal, dass er es gar nicht für nötig erachtet hat, selbst was zu machen, da er ja wusste, ich komme.
Ob deine Jungen ähnlich denken?
Wenn ich dich lese, was du über sie schreibst, würde ich sie mir im Pubertätsalter vorstellen. In ihrem Alter waren zu unseren Zeiten manche schon Mütter, oder auch schon Väter.

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Clara, ich bin ja auch schon mit 20 das erste Mal Mama geworden, ich war aber, das muss ich fairerweise hinzufügen, damals mindestens genauso unselbständig wie meine Jungs es heute sind: Ob sich Dinge in den Generationen wiederholen, weil man es oftmals so handhabt wie man es auch von zu Hause aus kennt? Ich selbst musste als Kind vor allem immer mein Zimmer in Ordnung halten, ich musste mittags immer abwaschen oder abtrocknen - aber wirkliche Pflichten... hatte ich so gesehen nicht. Ich musste nie in den Ferien arbeiten oder so.
Die ersten Wochen, wenn ich jetzt meine Söhne besuche, war ich schockiert, wie sie und vor allem dass sie so wohnen. Das war bei weitem nicht das, was ich ihnen vorgelebt hatte, und ich selber fühlte mich dort auch nicht wohl. Oft wird mir gesagt, ich soll in einer Pension schlafen und die Jungs ihr Ding machen lassen. Nur... dann würde ich sie ja nicht wirklich sehen.. Ich wäre da, in ihrer Nähe und wir würden trotzdem nichts voneinander haben. Samstag Morgen, als ich Frühstück bereitete, schön mit Kaffee, Tee, Rührei und frischem Toast, da genoss Junior das total (der Große musste leider arbeiten) und DAS ist es, was ich liebe: ihnen zuzusehen, wie sie sich wohlfühlen. Und ich selber möchte mich ja auch wohlfühlen... Ich bin da echt im Zwiespalt, jedesmal.
Die Jungs haben für sich geregelt: Der Ältere ist fürs Essen kochen und einkaufen zuständig, der Jüngere für die Ordnung zu Hause. Da konnte ich mir ein Grinsen nicht verkneifen: "Und wann habt ihr das beschlossen? Vor fünf Minuten?"

Monstrarot hat gesagt…

Hallo liebe Frau im roten Kleid ☺️ würde Junior 2 im Falle des Abitur nachholens nicht noch Schülerbafög zustehen? Ich meine das wird noch bis zum 25 Lebensjahr gezahlt wenn ich mich nicht irre, oder bekommt er das gerade? Wenn ja würde er es bei einer "weiterbringenden anschließenden " Ausbildung wie zum Bsp Fachabitur weiter bekommen. Zumindest war es bei meinem Jungen so, hatte die Ausbildung zum gestaltungstechnischen Assistenten abgeschlossen und dann noch ein Fachabitur danach angefangen und weiter Schülerbafög bekommen. Ganz liebe Grüße, Kathi

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Kathi, ja, für diese aktuelle Ausbildung bekommt er Schülerbafög, den Rest von mir. Würde er jetzt die Erzieherausbildung anschließen, bekäme er weiterhin Bafög.
Wenn er jetzt jedoch die Richtung ändert, also wenn er ein "normales" Abi nachholt, um anschließend studieren zu können, wäre diese Abi-Zeit nicht baföggestützt. Zumindest ist das unser aktueller Wissensstand.
Er wollte ja jetzt entweder zur Polizei oder in Richtung Sport, aber für beides gibt es kein Fachabi. Für beides käme nur das normale Abi in Frage und anschließend ein Studium.
Ich hab schon Fusseln am Mund, weil ich ihm nahelegte: Geh doch mal zur Berufsberatung im Amt, da könnten sie dir vielleicht mögliche Berufswege aufzeigen und dich eventuell auch gleich über Fördermöglichkeiten aufklären.
Das hat er bis heute nicht gemacht.... Und das verstärkt so bisschen mein Gefühl, dass er noch recht unschlüssig ist in dem, was er überhaupt will.