Mittwoch, 18. Februar 2015

Der Herr von nebenan

Wenn ich eines in den letzten Wochen immer wieder gehört oder gelesen habe, dann war es diese Antwort auf die vielfältigsten Fragen "Weil ich/ er/ sie es kann."
Der Herr von nebenan hat sich vergangene Nacht die Mühe gemacht, meine Frage auf "Wofür interessiert sich ein Mann deines Alters?" (ich vermute so 40/ 42) recht ausgiebig zu antworten und eigentlich könnte man seinen Post in einem Satz zusammenfassen: "Er holt jetzt nach, was er meint, versäumt zu haben - weil er's eben kann."
Das wiederum erinnerte mich an mein eigenes Leben: Mit 19 geheiratet, mit 20 das erste Kind bekommen, mit 30 die Erkenntnis teelöffelweise erlangt, dass das Leben womöglich doch mehr kann als mir permanent ans Bein zu pinkeln, mit 33 endlich den Mut zum Schritt und Schnitt.
Was wollte ich dann? Etwas nachholen, das ich bis dahin nicht gelebt hatte?
Eine Jägerin der verlorenen Jahre (in recht einseitiger Hinsicht), um hier den Zaubermann zu zitieren?
Ich denke nicht. Ich hatte nie den Hang danach, wild durch alle möglichen Betten zu toben, nur weil ich es konnte. Eine Freundin und ich sind viel ausgegangen, aber meist gemeinsam auch wieder heimgegangen. Wir haben den Moment gelebt, wir haben ihn genossen so wie es war - und es war, losgelöst von allem anderen, eine geile Zeit. Eine Zeit, die ich gerne auch als unbeschwerter bezeichnen würde, läge auf dieser Zeit nicht eben auch die Phase der Trennung vom Ex-Mann, die andere als Rosenkrieg bezeichnen (wobei es hier wohl mehr Krieg als Rosen gab, um es mal so auszudrücken) und auch die Trennung von dem anderen Mann,  die völlige Neuorientierung nach dem Verlust des Jobs und der Wohnung. Ein völliger Neubeginn von innen und außen und heute kann ich sagen: Damals wusste ich überhaupt nicht, was ich wollte, aber ich wusste zumindest, was ich unbedingt nicht wollte.
Natürlich ist es mir unglaublich schwer gefallen, mich auf die eigenen Beine zu stellen, die Eltern hunderte Kilometer weit weg, die Brüder hunderte Kilometer weit weg (wobei insbesondere der Jüngere und seine Frau eine echte Stütze für mich waren, sowohl als auch, und dafür bin ich bis heute sehr, sehr dankbar), nachts wach zu liegen, nicht zu wissen, wohin die Reise geht und wie überhaupt alles werden würde. Der Mann einer Freundin sagte damals zu ihr: "Um Helma musst du dir keine Gedanken machen, das ist eine Powerfrau, die schafft das." Ich selbst habe mich so nie gesehen, damals. Nie im Leben. Ein einziges Mal, damals, als mein Ex mich auch körperlich angegriffen hatte, da habe ich in meiner Wohnung am Fenster gestanden, die Stirn an das Glas gelehnt, den Blick auf die Straße gerichtet, und ich dachte: "Wenn du dich jetzt einfach nur fallen lässt, rausfallen lässt, dann ist endlich alles vorbei, dann kann dir niemand mehr was." Doch angekommen an diesem Punkt meldete sich mein Widerspruchsgeist: "Nö! Dann hätten sie ja gewonnen. Dann wäre ja alles bis hierher umsonst gewesen. NÖ!" Ich bin nie wieder an diesen Punkt gekommen und das war auch gut so.
Ich glaubte außerdem, dass mit Mitte 30 alle Eulen verflogen seien, alle seien in ihren Partnerschaften und machten ihr happy Ding. Ach Gott, wie naiv...
Wenn man mich heute fragt und wenn ich heute wählen könnte: Ich möchte nicht noch mal 20 sein. Man weiß einfach zu wenig über sich selbst. Wenn ich es mal bildlich ausdrücken darf: Man läuft mit Windmühlen in der Hand den Schmetterlingen hinterher. Das ist schön für dieses Alter, weil es durch eine gewisse Unbeschwertheit geprägt ist. Aber möchte ich heute noch mit Windmühlen und so weiter? Nein! Ich würde unheimlich gern noch mal 33 sein. Noch einmal diese Jahre kosten, ohne diese Belastung, die Bedrohung, die Bedrückung, frei von all dem... Doch gerade frage ich mich: Warum will ich eigentlich dazu noch mal 33 sein? Warum kann ich nicht auch jetzt genau diese Jahre kosten, die ich aktuell erlebe? Die Kinder groß, selbständig (mehr oder weniger ;)) und ich teile mein Leben mit dem Mann, den ich wollte und wir beide genießen uns und das, was wir haben. Am Tag und in der Nacht. Und ich denke, ich kann das so entspannt sagen und auch so empfinden, weil ich in keiner Phase meines Lebens das Gefühl hatte, etwas versäumt oder verpasst zu haben. Und weil man auch jenseits der 40 nicht aufhört zu leben, zu fühlen, zu entdecken, offen zu sein, aufmerksam zu sein, interessiert zu sein.
Ich bin angekommen. Genuss passiert für mich nicht nur zwischen den Laken, sondern auch außerhalb. Auch dann, wenn die Themen nicht nur Sex & Rock'n Roll betreffen. Und mir ist es egal, ob ich einem Gleichaltrigen zu alt, einem Jüngeren wahlweise zu alt oder reifeprüfungsmäßig interessant erscheine oder ob mein Partner 55 oder 60 sein muss, nur damit ich für ihn jung genug bin: Für mich persönlich ist das nicht wichtig, für mich ist nur wichtig, was die Menschen denken und fühlen, an denen mein Herz hängt. Und an wen ich mein Herz hänge, entscheide ich nach meinen ureigensten Prinzipien und Vorlieben. Dieser Mensch muss was haben, das mich einfängt. Was nutzt mir eine schöne Fassade, wenns dahinter hohl ist?

Kommentare:

Anna hat gesagt…

Tja, drum überlege, von wem du eine Antwort erbittest. Du fragst ja auch keinen Schönheitschirurgen, "ob das so geht oder ob man da mal was machen sollte", oder? ;)

Und nein, ich möchte auch nicht noch mal 20 sein. Mag sein, dass damals einiges ein bisschen knackiger war. Dafür weiß ich heute wesentlich besser, was ich will und was eben nicht. Und ich weiß auch, dass ich nicht auf der Welt bin, um es irgendwem recht zu machen oder mich auf Teufel komm raus zu verbiegen, um irgendjemanden davon zu überzeugen, dass ich (noch oder trotzdem) gut bin. Mit dieser Einstellung im Hinterkopf lebt es sich sehr viel befreiender und das strahlt man wohl auch aus. Der Mann (46) sagte neulich zu diesem Thema, dass (entspannte und in sich ruhende!) Frauen in den Vierzigern im besten Alter sind, weil sie für jüngere und ältere Männer gleichermaßen attraktiv sind. Und ich finde, dass er da verdammt richtig liegt. ;))

Zauberhaften Mittwoch wünsche ich dir. ;)

Anna hat gesagt…

Grrr. sorry, ich habe "attraktiv" vergessen. Also "entspannt, in sich ruhend und attraktiv", er ist ja nicht der Dalai Lama... ;D

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

*smile!!* Ich habe ihn gefragt, weil mich die Antwort darauf interessiert. Natürlich ist mir bewusst, dass seine Antwort nicht stellvertretend für jeden Mann seines Alters gilt - jeder ist ja sein eigenes Individuum. Seine Antwort hat mich überwiegend nicht überrascht, aber ich schätze es sehr, dass er so ehrlich geantwortet hat! Ich mag es, andere Denk- und Sichtweisen zu betrachten, ohne dass sie deshalb auf mich auch zwingend Einfluss haben müssen. Sie öffnen mich für ihre Sichtweise, ob ich sie annehme, übernehme oder für mich auch ablehne, obliegt dann mir.
Es ist das, was das Leben für mich so spannend und interessant macht: dass wir alle unsere eigenen... "Farben" haben.

Und da sehe und empfinde ich es haargenauso wie Du: Ich muss und ich will mich jemandem nicht "einreden". Das habe ich nicht nötig.

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Ach herrje - danke für den Lacher!!!!! :D

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

P.S. Auch Dir einen zauberhaften Mittwoch :) Ich muss jetzt erst mal was arbeiten, sonst wundert sich der Chef nachher, warums keine Ergebnisse gibt.

Zaubermann hat gesagt…

Und ich schätze es sehr, dass Ehrlichkeit bei Dir geschätzt wird - ich könnte nicht wirklich sagen, dass das etwas ist, was ich als "das ist doch die Regel" wahrnehme :-).

Es ist so schön in Wort und Schrift zu lesen, wie sehr Du angekommen bist, und zwar auch noch DA, wo Du wolltest! Bewahre Dir dieses Geschenk - denn auch dies ist "nicht die Regel".♥

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Ich danke Dir. Ich hoffe, ich kann es mir bewahren - und wenn nicht... Dann wird es einen neuen Weg geben. Einen anderen. Es heißt doch "Vorbei ist etwas erst, wenn man es selbst aufgegeben hat." Und solange ich MICH nicht aufgebe... Und das werde ich nicht. Niemals. Du hattest irgendwo mal die Frage aufgeworfen, wozu das Formen, das Lernen, das Erfahren gut sein soll, wenn es einem doch die Unbeschwertheit nimmt? Ich glaube, dass das ein Teil der Antwort ist: weil wir mit dem Geformten, dem Gelernten und dem Erfahrenen dennoch die Chance haben, bei uns anzukommen, in uns zu ruhen. Du begreifst, WO Du bist und DASS Du dort bist - und Du beginnst genau das zu genießen.. Unendlich zu genießen. Woher willst Du um das Glücksgefühl wissen, hoch oben auf dem Gipfel zu stehen, dort stehen zu können und die Augen zu schließen, die Arme auszubreiten, den Wind in den Haaren, die Sonne auf der Haut - wenn Du zuvor nicht unten warst? Das kannst Du nicht wissen, wenn Du nicht auch schon ganz unten warst. Ist das der Preis der Unbeschwertheit? Ich bin noch nicht sicher. Ich bin außerdem noch nicht sicher, ob man nicht eines Tages zu ihr zurückfinden kann..

Bohli hat gesagt…

Du beschreibst mit deinen Worten eine ganze besondere Situation. An einem Punkt zu stehen, sich umzuschauen und zufrieden zu lächeln. Klar geht es immer besser und vielleicht auch immer etwas anders. Ich für mich behaupte aber das ein kleines wenig "Zufriedenheit" auch nicht immer schädlich sein muss. Eine Situation einfach zu genießen und nicht gleich die nächste Station anzuvisieren ist vielleicht auch eine Kunst die mit dem Alter kommt. Und ob Genuss immer gleich Sex sein muss, oder eben auch ein toller Sonnenuntergang mit jemandem dem man liebt ? Das soll jeder selbst entscheiden.

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Lieber Bohli, aber genau das ist es ja, was ich meine: Zufriedenheit mit dem Moment, mit dem, was man (bisher) erreicht hat, Glücksgefühle für das, was man hat - und nein, damit meine ich nicht nur Sex? Ich schrieb ja: Genuss passiert nicht nur zwischen den Laken, sondern auch außerhalb - und so stelle ich mir das auch vor.
Grad zweifle ich an mir, ob ich mich so missverständlich ausgedrückt hatte?? Denn dass Genuss nur im Sex zu finden sei und man immer nur nach mehr strebe - das ist nicht DAS, was mich glücklich macht - und das ist auch nicht meine Auffassung vom Leben. Ganz im Gegenteil.

Anna hat gesagt…

*flüster* Der Bohi rangiert derzeit in der Liste meiner Lieblingskommentatoren ganz weit oben. (Musste mal gesagt werden). ;)

@Helma: Nein, du hast dich (für mich) nicht missverständlich ausgedrückt. ;) Idealerweise ist das ganze Leben ein Genuss und das beginnt morgens beim ersten Sonnenstrahl und endet von mir aus zwischen den Laken. ;) Die Kunst besteht doch darin, dass man überhaupt fähig ist, bewusst zu genießen und das benötigt Zeit oder die Hingabe an den Moment. Wer immer schon nach dem nächsten Kick schielt oder permanent Vergleiche anstellt, dürfte schwerlich (was auch immer) genießen können. Was ich persönlich nicht immer ganz leicht finde, ist das Wandeln auf diesem schmalen Grat zwischen Zufriedenheit und dem Anpeilen neuer Ziele. Wenn ich was erreichen will, ist im Sinne der "weg von"-Motivation eine latente Unzufriedenheit hilfreich, während ein Zuviel an Zufriedenheit lähmend wirkt. Aber das Ausbalancieren verschiedener Befindlichkeiten gehört halt dazu und manchmal klappt es und dann wieder nicht. ;)

[Ich fasele gerade wirres Zeug, oder? *g* Da kannst du es umso mehr genießen, wenn ich sonst wieder eher der stille Mitleser bin. ;))]

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Sonnenstrahl! Da sagst Du was: Ich war gerade mal für paar Minuten draußen vor der Tür (OK, ich gestehe: Mir war die Milch ausgegangen und ohne die krieg ich nicht den kleinsten Schluck Kaffee runter ;)) - Wahnsinn, was DAS heut für ein Wetter ist??? Letztens schrieb ich grad irgendwo, dass ich mir gerade neue Sandalen gekauft hatte (das ist mit ca. 80 Euro das teuerste Paar Sommerschuhe, die ich mir leistete - aber ich wollte solche schon sooooo lange, dass ich jetzt einfach JA zu diesem Schuh sagte: ;) http://www.gisy-schuhe.de/Ralph-Lauren-Zehentrenner-fuer-Damen-487375-Schwarz.html?utm_source=google&utm_medium=shopping&utm_campaign=Ralph-Lauren&utm_content=487375-Ralph-Lauren-Zehentrenner-fuer-Damen-487375-Schwarz&gclid=CN-LsoWW7sMCFY_MtAodIXUAmQ - allerdings in cognak-braun; dunkelbraun war in meiner Größe leider aus und schwarz wollte ich nicht) - und dass ich eben diese Sandalen angesichts der Prognose, dass es nächste Woche wieder Schnee geben soll, wohl tief in die Schrankecke schieben kann: Aber was ich heute draußen schmeckte und fühlte... Wahnsinn, wirklich. Da KANN der Frühling eigentlich gar nicht mehr weit sein.

Wirres Zeug? Nein! Ich verstehe sehr gut, was Du sagen willst und dass ist es auch, was mir manchmal zu denken gibt: Dass die Zufriedenheit mich lähmt und mich daran hindert, an meinen Zielen zu arbeiten bzw. Ziele zu kreieren. Ich will neugierig bleiben. Interessiert für alles Mögliche. Zufrieden ja. Stillstand nein. Und das ist manchmal echt wirklich eine Gratwanderung.

Anna hat gesagt…

Schuhe! Oh wie schön! Lass uns gemeinsam das blöde Granulat wegfegen. *g* War neulich bei Zalan*do und mir steht der Sinn nach sauberen, frühlingsfrischen Wegen. Was taugen neue Sachen, wenn du sie nicht ausführen kannst? Das macht so einen unzufriedenen Zug um den Mund. ;))

Hab einen sonnigen Restnachmittag! :)

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Ich trage meine Frühlingssachen bereits - jeden Nachmittag in meinem Home Office *kreisch* Weil: Falten um den Mund sehen doch scheiße aus :)

Danke, das wünsche ich Dir auch!! Liege heute entspannt auf dem Sofa, lasse mir von der Seite die Sonne auf den Bauch scheinen und habe den Laptop auf den Beinen: So kann Home Office auch aussehen :) Ich hoffe nur, meine Kollegen lesen das hier niemals! :D

Bohli hat gesagt…

Moment ich muss mir erst noch die rote Farbe aus dem Gesicht wischen. @Anna mache mir meinen Ruf nicht kaputt, zum Schluss werde ich noch als Frauenversteher abgestempelt. Und das wo ich doch so ein Macho bin ;-)

@Helma. Nein du hast dich genau richtig ausgedrückt und ich habe es auch so verstanden. Mach dir keinen Kopf alles gut so. Du hast nämlich genau beschrieben das es nicht Sex sein muss. Noch was zu den Schuhen - gibt es da nicht ein Foto, du im Roten Kleid mit ähnlichem Schuhwerk ?? Ich weiß Schuhe kann Frau nicht genug haben, wollte nur wissen ob ich die nicht schon gesehen habe.

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Nein, bei mir mit Sicherheit nicht - das war die andere ;) Auf dem Foto mit dem roten Kleid bin ich barfuß. Es gibt ein Foto irgendwo von mir im Büro, wo man nur die Füße sieht, ich glaub, vom letzten Sommer. Da hatte ich so ähnliche an, in weiß. Ich hab sie übrigens bei FB im Titelbild, wir beide, Du und ich, verfolgen da eine Bloggerin ;) Die sitzen jedoch recht locker und passen farblich auch nicht zu allem. Frauen... Watt willste dazu sagen! Die haben nur 14 Euro gekostet und eigentlich... bei dem bisschen Material... ;)

allemeineleidenschaften hat gesagt…

Rrrrrrichtichhhh!!!
Gut gesagt, Helma. Bin wieder deiner Meinung, wie so oft.