Donnerstag, 9. April 2015

Nichts zu trinken im Haus


..außer Kaffee - und mir ist trotzdem übel, als hätte ich letzte Nacht durchgefeiert. Als Junior letztes Jahr im August seinen neuen Job antrat, zuckte ich bei jedem anschließenden Anruf von ihm immer erst mal zusammen "Oh Gott... Jetzt ruft er an und sagt, er ist wieder raus."
Es ist nicht so, dass ich nicht an ihn glaube. Ganz im Gegenteil. Trotzdem habe ich jedes Telefonat gewappnet entgegengenommen und mir überlegt, was ich sage, wie ich es sage, um ihn dann aufzufangen.
Gut neun Monate sind seither vergangen.
Er entwickelte sich immer weiter, fand sich rein in den Job - und sein Ehrgeiz zerfraß ihn fast. Der Druck, der enorme Zeitdruck, unter den die Leute dort gestellt sind und werden, der zerfraß ihn fast. Er schlief zu wenig, aß zu wenig, rauchte zuviel. Die enorme Anspannung wird zumeist an der Konsole kompensiert. Außenstehende sagen: "Ich kann ihn verstehen." Oft zittern ihm die Hände und mir ist klar, das macht der Mix aus allem. Mir ist nur nicht klar, wie man es schafft, ihn auf anderes zu lenken.
Noch vor einem Jahr sagte er zu mir: "Du weißt, ich lass mich nicht unterkriegen, ich beiß mich durch, ich steh immer wieder auf."
Darauf vertraue ich, darauf möchte ich vertrauen dürfen, darauf muss ich vertrauen können.
Denn es gibt auch ganz andere Dinge, die er mir irgendwann vor drei Jahren anvertraute - und die machen mir bis heute Angst. Angst um ihn, diese feinsinnige Seele. Dass ich an ihn glaube, hat wohl nicht wirklich Gewicht für ihn: "Ich bin ja auch dein Kind, ist ja klar, dass du an mich glaubst."
Als er gestern Abend anrief, bin ich zum wohl ersten Mal ans Telefon gegangen ohne einen Gedanken, ohne auch nur irgendeine Beklommenheit.
Und erst, als er nichts weiter sagte außer "Hallo" und er auf meine Frage "Ist alles okay bei dir?" auch nicht antwortete, offenbar auf seinen Tränen rumbiss, da begriff ich.
"Sie haben gesagt, ich soll den Computer runterfahren, alles abgeben und ich kann gehen."
"Warum das?"
"Weil ich die Zielzeit nicht erreiche. Pro Call einschließlich Dokumentieren lag ich bei etwa 6 Minuten im Durchschnitt und war da schon stolz auf mich. Die Zielzeit lag ja anfangs auch bei 5.50 Minuten. Aber mittlerweile liegt die Zielzeit bei 4.50 Minuten. Und sie meinten, sie sehen nicht, dass ich das in den letzten drei Wochen der Probezeit noch schaffen kann."
"Dafür lagst du doch aber bei der Auftragseinholung auf Platz zwei von allen? Daran verdienen sie doch? Zählt das denn gar nicht?"
"Anscheinend nicht. Siehst ja."
Ich war nicht vorbereitet. Ich hatte mir nichts zurechtgelegt. In meinem Bauch war nur ein großes schwarzes Loch allein bei dem Gedanken daran, wie er sich jetzt fühlte. Der dritte Jobverlust innerhalb eines Jahres, immer kurz vor Ende der Probezeit. Ist das Zufall, ist das Methode? Weiß ich nicht alles, erzählt er nicht alles?
Von Fremden wird er als zurückhaltend, aber sehr höflich und freundlich beschrieben. Als ehrgeizig, aber auch als zerstreut. Und vor allem als unsicher. Als sehr genau und gewissenhaft - und wohl auch deshalb als zu langsam. Wobei ich mich frage... Wie langsam ist zu langsam?

Mir ist immer noch übel, sehr. Der Liebste hat mir Frühstück hingestellt, aber ich kann nichts essen, ich bekomme nichts runter. Nur Kaffee.
Einfach nur... Kaffee.
Den Jungen kann ich nicht erreichen seit unserem Telefonat, aber ich will ihn auch nicht mit Anrufen belasten. Ich weiß auch so, wie er sich gerade fühlt, da muss er mir in whatsapp nicht antworten, dass grad nichts geht.
"Was ist mit Alternativen?" hat der Liebste mich gefragt. Vor gut einem dreiviertel Jahr hatte Junior eine Bewerbung in einer Klinik abgegeben - diese sollte er vor etwa vier Wochen noch mal erneuern. Gehört hat er seither nichts mehr davon. Nachfragen ging nur außerhalb seiner irren Arbeitszeiten - und da war das Handy des anderen ausgeschalten. Weitere Bewerbungen? Nein, hat er nicht verschickt. Er fühlte sich recht wohl in dem, was er da tat - und er wollte sich beweisen. Es sich beweisen - und allen anderen.
"Ich weiß, ich muss jetzt zum Amt. Ob ich überhaupt wieder Anspruch hab oder nicht, ist mir scheißegal. Ich will gar kein Geld von denen. Ist mir alles... überhaupt grad egal."
Eigentlich glaube ich nicht, dass er sich aufgibt.
Un-Eigentlich... habe ich trotzdem Angst.
"Wir finden eine Lösung", habe ich ihm gestern Abend über whatsapp geschrieben, "hab Vertrauen."
Nach über drei Stunden hat er es gelesen. Geantwortet bis jetzt nicht. Aber das muss er auch nicht.

Kommentare:

Anna hat gesagt…

Oh Schei**e. Das tut mir so leid. Für den Junior. Für dich. Es ist so schwer, das miterleben zu müssen und nichts tun zu können. Darauf bereitet einen keiner vor, wenn die Kinder noch klein sind und es ist die Hölle...

Und ihr findet einen Weg. Ich denk an euch und drücke alle Daumen.

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Danke, Anna. Vielleicht würde ich mich besser fühlen, wenn ich was von ihm hören würde. Ich will aber eben auch nicht bohren. Ich habe ein paar Leute angerufen, gestern. Leute, die Leute kennen. Und ich hoffe, dass meine Zuversicht aus der Ferne "reicht", um ihm ein Stück Selbstvertrauen zu erhalten, zurückzugeben. Dagegen ist man ja irgendwie machtlos: wenn ein Mensch nicht (mehr) an sich selber glaubt.

Zigeunerblut hat gesagt…

Oh, ich habe sehr mitgelitten beim Lesen deiner Zeilen.
Wenn die Jungs es auch nicht sagen können (wollen)...irgendwo im Hinterkopf haben sie die Gewissheit abgespeichtert, dass Mama an sie glaubt. Es gibt ihnen Kraft.

Ich drück die Daumen, dass es bald irgendwo für ihn weitergeht.
Er WILL ja, das ist sehr viel wert!

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Oh ja, er will, er will so sehr! Es geht mir nicht wirklich in den Kopf, dass diese Dinge nicht zählen. Was machen ein oder zwei Durchschnittsminuten über dem Soll aus, wenn er dafür mehr Aufträge als die meisten anderen reinbringt? Kompensiert sich das nicht? Zählt nicht, was unterm Strich rauskommt? Oder ist das... unterm Strich immer noch zu wenig?
Mir drehts im Kopf.

Goldi hat gesagt…

So ein Sch...dre.. - Es tut mir so leid, diese Durschnittsminutensch.. kenne ich von den Umfragen, die ich früher telefonisch nebenher für eins der großen Institute gemacht habe.

Die argumentieren nicht mit er bringt mehr Aufträge, sondern mit würde er die Zeiten einhalten würde er noch mehr Aufträge generieren...

Es ist überall der gleiche Wahnsinn und mir graut es schon jetzt bei diesen Gedanken vor der Zeit, wenn ich wieder in den Arbeitsmarkt kann obwohl ich so gerne wieder arbeiten mag.

Bohli hat gesagt…

Liebe Helma, auch wenn es dir und deinem Junior nicht hilft - ja das ist leider Methode. Es gibt Branchen die sich alleine dadurch finanzieren. Die mit der Generation "Prekär" ihre Umsätze und Gewinne machen. Ich kenne Leute die waren bis zu 8 Jahren in solchen Etappen unterwegs. Das ist möderisch und leider ab einem gewissen Alter nicht mehr ertragbar. Gib ihm halt, sei einfach für ihn da. Wünsche euch Glück beim weitersuchen.

Goldi hat gesagt…

Zu früh abgedrückt.

Der Junior ist im kaufm. oder? Gibt es da nicht in Großbloggerhausen den ein oder anderen der sich mal umhören könnte???Es sind doch so viele, teils sehr erfolgreiche Menschen von überall vertreten....

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Goldi, wir hatten immer Vorbehalte gegenüber Callcentern, wohl auch aus genau diesen Gründen. Andererseits sagte er sich (und das fand ich auch gut so): Selber ausprobiert habe ich es noch nicht und es ist immer noch besser als zu Hause zu sitzen.
Er war in der Reklamationsabteilung für alle möglichen technischen Küchengeräte, musste den Leuten entweder sagen, wo das Problem liegt - oder Aufträge auslösen für die Monteure. Letzteres wurde von der Firma gefordert, dass die Agenten die Leute dazu bringen, Aufträge auszulösen, damit man daran verdiente. Damit kam der Junge nicht so wirklich klar: Er vertrat die Auffassung, dass ein Gerät, das noch ganz neu war, auch auf Kosten des Verkäufers instandzusetzen sei.
Junior ist anderen Menschen gegenüber sehr zuvorkommend, das heißt, er versucht immer, für jeden das Beste rauszuholen. Ihm tat das leid, wenn er - seinen Worten nach - den Leuten das Geld aus der Tasche ziehen sollte dafür, dass da jemand vor Ort hinkam. Insofern hatte er ohnehin immer vor, da wieder wegzugehen - aber auch aufgrund der Arbeitszeiten und dann noch der tägliche Druck dazu, da ging irgendwann nichts mehr.
Heute Mittag habe ich mit ihm telefonieren können. Er war gerade dabei, sein Zimmer in Ordnung zu bringen. Da habe ich doch sehr aufgeatmet - aus bestimmten Gründen eben. Wir haben zwei Stellenausschreibungen besprochen und zwei Bewerbungen verabschiedet, zu einer kam zumindest schon mal ne Info, dass man ihn kontaktieren würde, wenn er in die engere Auswahl käme.
Was ich auch nicht wusste: Er hatte die ganze Zeit über Kontakt zur Zeitarbeitsfirma gehalten, die ihn zur letzten Firma vermittelt hatte. Die haben sich immer gefreut und gesagt, er wäre einer der ganz wenigen, die auch mal Feedback geben. Schon letztes Jahr im Juli beim Vorstellungsgespräch fühlte er sich bei denen wohl auch richtig gut.
Die ruft er heute auch noch an, bringt sich in Erinnerung. "Nur Callcenter mach ich nicht mehr", hat er gesagt.
Er ist ausgebildeter Elektroniker für Betriebstechnik, aber darin hat er nie gearbeitet, das lag ihm auch nicht. Also ließ er sich anschließend (bis Sommer 2013) zum medizinischen Dokumentationsassistenten ausbilden. Da gibts auch unheimlich viele Stellenangebote, doch die enden sehr oft im Callcenter.

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Lieber Bohli, doch, irgendwie hilft es: Es nimmt ihm das Gefühl, dass der Vater recht haben könnte, wenn der sagt, dass der Junge nix kann und nix taugt und es sowieso nie zu was bringen wird.
Natürlich haben nicht immer nur die anderen schuld, er weiß auch, wo seine Defizite liegen. Doch dreimal innerhalb eines Jahres kurz vor Ende der Probezeit entlassen zu werden, da fragt man sich eben dann doch, liegts wirklich nur an mir, steckt da System dahinter - ich hab den Kanal voll...

Anonym hat gesagt…

Hallo

zum Trost falls es einer ist, müssen Sie selbst entscheiden: Ich kenne diverse "Alte" Kämpfer denen es in Callcentern auch so ergangen ist. Deren Argument war,, nach der Probezeit kriegt keiner meiner direkten Vorgesetzten mehr Provision für meine Aufträge sondern man hätte dem Arbeitnehmer alles direkt auszahlen müssen... Der Grund lag immer im Vergütungssystem des Callcenters. Meine Bekannten meiden Callcenter seitdem.

Clara Himmelhoch hat gesagt…

Ach Helma, er tut mir so leid. Die Jugend heute steckt in einem wahnsinnigen Dilemma - ich glaube, du und ich und auch meine Tochter noch - wir hatten es einfacher. Der Sohn war schon in der neuen Zeit auf Jobsuche.
Ich wünsche ihm von Herzen alles Gute! Und Kraft! Und Nerven!

Anonym hat gesagt…

Man was ein Mist... Aber wir sehen doch, dass er wirklich arbeiten will... da gibt es doch einige, die bekommen ihren Allerwertesten gar nicht hoch und liegen den ganzen Tag vor der Glotze...und lassen sich bedienen. So einer ist er doch nicht! ;-)
Meine Tochter hat diese Jobsucherei jetzt auch vor sich. Wir haben noch Zeit bis zum September. Ich hoffe so sehr, dass alles klappt.
Schönen Tag Niggelo

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe/r Anonym, die Callcenter haben sicherlich nicht umsonst ihren schlechten Ruf, auch wenn es bei denen, wo Junior angestellt war, um Reklamationen ging, nicht ums Verkaufen. Letztlich wurde das Personal dennoch darauf "geeicht", Aufträge auszulösen (und nicht die Leute dahingehend zu beraten, wie sie technische Probleme evtl. auch selbst beheben können), weil man daran eben verdiente. Damit kam der Junge von Anfang an nicht klar. Er sagte mal: "Wenn ich drei Wochen vorher ne Waschmaschine gekauft habe und stelle fest, da ist was undicht oder kaputt oder irgendwas, dann erwarte ich doch, dass das kostenfrei instandgesetzt wird, weil der Fehler dann gar nicht bei mir oder am Teileverschleiß gelegen haben kann."
Wenn jedoch ein Kundenauftrag ausgelöst wird, wo der Monteur kommt, kostet das erst mal diesen Pauschalpreis für die Anreise zuzüglich evtl. Bauteile.
Es ist gut denkbar, dass dafür auch so Art "Zielprämien" bezahlt werden, die es nach der Probezeit für den Callcenter-Agenten geben müsste.
Ich hoffe und wünsche meinem Sohn, dass er von solchen Jobs wegkommen und auch mal was "Richtiges" machen kann. Damit die letzte Ausbildung nicht umsonst war.

Liebe Clara H., ja, wir hattens da einfacher.
Bei all dem Stress und Druck war er trotzdem froh, dass er auf eigenen Beinen stand, sein eigenes Geld verdiente, von niemandem abhängig war und trotz des schmalen Verdienstes doch eine ganze Menge Geld sparen konnte.
Es wird einen neuen Weg geben. Wenn nicht hier lang, dann da lang. Doch so einen Weg dreimal in 12 Monaten neu beginnen zu müssen... Da können einem schon Zweifel an sich selbst hochkommen.

Liebe Niggelo, ja, das denke ich ja eben auch: Er will unbedingt, er hat so hohe Ansprüche an sich - und ich dachte auch eher immer, dass gerade die Callcenter froh sind, wenn sie Leute haben, die das auch machen wollen. Ich nahm an, dass der Bedarf höher ist als es Personal gibt.
Offensichtlich aber ist es doch andersrum.