Mittwoch, 20. Mai 2015

Don't feed the fear

Momentan lese ich beinah zeitgleich auf verschiedenen Blogs ein (großes) Thema: Angst.
Über manche Ängste schmunzeln wir, solange diese noch nicht in Phobien ausgeartet sind. Die Angst vor Höhe, vor Spinnen, vor Ratten und Mäusen und so weiter und so weiter.
Über wiederum andere Ängste sprechen wir zuweilen nicht, weil wir uns nicht selber immer wieder an etwas erinnern möchten, das wir entweder gut verarbeitet oder meinetwegen auch gut verdrängt haben. (Ich glaube zum Beispiel, dass ich bis heute hin ganz gut verarbeitet habe, vor neun Jahren einen schweren Verkehrsunfall dank meiner defekten Lenkung verursacht zu haben: Ich kann inzwischen wieder angstfrei Auto fahren, inzwischen nicht selten auch ziemlich rasant, na ja, was so ne kleine Kiste halt hergibt. Angst kommt nur dann wieder hoch, wenns stürmt oder rutscht, aber das ist, denke ich, normal.)
Neun Jahre Verarbeitung also, um damit klarzukommen.
Neun Jahre Verarbeitung haben aber nicht ausgereicht, um ganz andere, aber auch mit diesem Unfall verbundene Traumata zu überwinden. Es fühlt sich ähnlich an wie mit der Angst vor dem Auto fahren: Ich denke nicht darüber nach, aber es genügt ein einziges Wort, ein einziges Tun oder Nicht-Tun, um diese Arschloch-Dämonen wieder hochkommen zu lassen.
Im Zaubermann'schen Blog startet (hoffentlich) dazu gerade eine Kommentier"diskussion" (hm ja, ich zitiere den Blog ziemlich oft grad, kann ich aber auch nix für, ist halt so) - und just sein Eingangspost mit den ersten beiden Kommentaren dazu brachte mich dazu, endlich mal rauszulassen, was mich seit wenigen Tagen belastet.
Meistens wissen wir ja, was uns ängstigt, was uns Bauchschmerzen bereitet - und ich persönlich neige seit einigen Jahren dazu, mich solchen Situationen, Begegnungen etc. zu entziehen, mich ihnen nicht (mehr) zu stellen. Ja ich weiß, man soll sich seinen Ängsten stellen, aber nicht immer hilft das auch. Ich hab nämlich zum Beispiel immer noch Angst vor Höhe, vor Spinnen und auch vor Mäusen oder Ratten, sofern die sich in die Wohnung oder so wagen. Als Kind war ich da wesentlich schmerzbefreiter, habe mit dem Nachbarskind eine Ratte gefangen und die auf meinem Arm spazieren lassen, bis das Mistvieh mir in den Daumenballen biss. Ich bin zwar nicht phobisch, aber die Angst ist da, jeden Tag neu, jede Begegnung lang neu. Man wird mich also nie niemals im Untergrund auf ein Date mit einer Kanalratte finden. Spinnen werden bis heute vom Mann vor die Tür gesetzt. Der kann sie in die Hand nehmen und raustragen, das könnte ich nicht mal dann, wenn man mir tausend Euro dafür bietet.
Aber können wir tatsächlich lernen, uns auf Angstsituationen vorzubereiten?
Können wir uns seelisch und moralisch auf etwas einstellen, das uns dann letztlich nicht doch eiskalt und urplötzlich und damit in gewisser Hinsicht auch unvorbereitet erwischt?
Können wir uns... ja wie sag ichs... darauf trainieren, wie wir dann damit umgehen? Uns verhalten?
Und wenn - ändert das dann was an der Angstsituation?
Ändert das dann was daran, wie wir uns fühlen?
Kann ich, will ich mich zum Beispiel darauf vorbereiten, belogen zu werden - egal von wem? Oder wenigstens zurechtgebogene "Wahrheiten" serviert zu bekommen - und am Ende selber dran schuld zu sein, weil "du hast ja nicht gefragt"? Türenknallen hinnehmen zu müssen, weil woanders womöglich Argumente ausgegangen sind? Sich selber zu fragen, wie viel man hinterfragen will, weil man nicht weiß, ob man selbst die Antwort verschmerzen kann? Oder ob dann die Antwort überhaupt ehrlich wäre? Lieber nichts fragen - diesem ausweichen, und dafür am großen Loch in der Brust krepieren?
Ein Partner, ein Freund, eine Freundin, ein Kind - niemand muss transparent für den anderen sein. Ich selbst möchte das so auch nicht sein. Es gibt niemanden, der restlos alles von mir weiß - und das muss auch nicht so sein. Auch ich will nicht restlos alles wissen; das wäre eine Last mitunter, die ich gar nicht tragen kann und auch nicht will.
Aber es gibt Situationen... die mir nach allem Erlebten immer noch Angst und Schmerz bereiten. Denen ich entweder ausweiche, sofern das geht. Oder von denen ich mir Transparenz wünsche, damit eben diese Angst nicht weiter und nicht unnötig genährt wird. Ich erlebe diese Situation nicht zum ersten Mal, ich kann ihr nur bedingt ausweichen, aber konnte ich mich darauf auch vorbereiten? Nicht wirklich. Seitdem schlafe ich schlecht und taumle wie betäubt durch den Tag. Möchte schreien, mich befreien - und bleibe dennoch ganz ruhig und still, wie gelähmt. Jedenfalls äußerlich.

Kommentare:

Conny hat gesagt…

Hallo Helma,
da sprichst Du ein für mich sehr aktuelles Thema an :-/
Mein Problem sind die Ängste, die urplötzlich auftauchen und die haben weniger mit Höhe, fliegen oder Spinnen zu tun, sondern mit mangelndem Selbstwertgefühl und Versagensangst zu tun.
Da kann ich noch hundert Beratungsbücher lesen oder zum Therapeuten rennen, auf diese Ängste kann ich mich nicht vorbereiten.
Bei mir kommen dann immer die Tränen und in Gesellschaft ist mir das unangenehm. Es sei denn, es ist jemand, dem ich sehr vertraue (gibt's aber nicht viele). Ich versuche dann, den Raum zu verlassen, an die Luft zu gehen und die Angst quasi wegzuatmen.
Ist allerdings sehr erschöpfend und kraftraubend und dazu kommt dann der Ärger über mich selbst und die doofe Angst.
Ich konnte die Tage z. B. einen vermeintlich unangenehmen Anruf mich betreffend nicht tätigen. Ging einfach nicht. Ich hab's dann gelassen und eine E-Mail geschrieben. Meine Antwort habe ich auch so bekommen, aber für mich war das eine Katastrophe.
Worüber die meisten gar nicht nachdenken müssen, wurde hier zur unlösbaren Herausforderung :-/
Das einzige, was ich machen kann, ist, es immer wieder zu versuchen, dann verlieren solche Dinge vielleicht ihren Schrecken.
Komischerweise klappt das meistens problemlos, wenn es nicht mich persönlich betrifft.

Lieben Gruß
Conny

Goldi hat gesagt…

Man kann unterschiedlichste Ängste und Erfahrungen be- und damit auch verarbeiten. Wenn es so belastend ist, dass man nicht mehr wirklich schläft, schlecht träumt und anderes Verhalten an den Tag legt, um ja diesen Situationen/ Worten nicht zu begegnen, dann finde ich, dass es sehr weit eingreift. Wenn man sich damit abfinden will, kann man das, ansonsten hilft, gerade wenn es sich um Ängste handelt die durch einen Vorfall entstanden sind, ein guter Verhaltenstherapeut der sich auf Traumatherapie und im besten Fall EMDR-Therapie spezialisiert hat.

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Conny, wenn es mich nicht persönlich betrifft, bekomme auch ich gewisse Angstmomente in den Griff.
Schwierig jedoch wird es, wenn es mich persönlich betrifft, wenn ich in meinen "Grundfesten" erschüttert werde. Die, die eigentlich unerschütterlich sein sollen; die, die eigentlich das Urvertrauen ausmachen.
Ich habe keins mehr, kein Urvertrauen mehr. Vor kurzem habe ich mich gefragt, ob es überhaupt noch einen Menschen gibt, dem ich vertraue. Nicht mal das kann ich momentan beantworten.

Liebe Goldi, nein, ich will und ich kann mich damit nicht abfinden. Nicht in diesem speziellen Fall. Verhaltenstherapie... Ich war dort. Letztlich wollte ich lernen, wie ich damit umgehe, wenn ich wieder in Situationen gerate, die mich aus dem Gleichgewicht bringen. Die mich zweifeln lassen, an mir und überhaupt. Mir wurde gesagt, ich müsse eines Tages "verzeihen und loslassen", sonst würde es zu belastend und zerstörend. Ich glaub schon, dass ich mich da ganz gut geschlagen habe. Aber das bedingt eben auch die Mitarbeit des anderen. Zumindest hier in diesem Punkt. Konkreter mag ich hier nicht werden, höchstens woanders ;)

Goldi hat gesagt…

Ohje, ich hab nicht umsonst "guten" Verhaltenstherapeut mit Traumatherapie Spezialisierung und möglichst EMDR zertifiziert geschrieben...

"Dann hören Sie doch einfach auf über die Probleme nachzudenken..." war mal ein Spruch den ich zu hören bekam. Auch ganz "nett" im Wartezimmer einer Therapiepraxis, ein Patient sitzt mit seinem Hund da und wartet auf seinen Therapeuten, eine andere Patientin wartet ebenfalls, eine Therapeutin der Praxis kommt am Wartezimmer vorbei, begrüßt den Hund, eine andere Kollegin kommt dazu und die Erste sagt zur Zweiten "ach am liebsten wäre mir, mein Patientenstamm würde nur aus Hunden bestehen, die reden nicht so viel!" - Schaut die wartende Patientin an, "Frau XY wir können dann jetzt anfangen". Ich hab das live erlebt und frage mich noch immer, wieso diese Patientin mit der gegangen ist, ich hätte mich umgedreht und wäre gegangen.

Therapeuten sind halt auch nur Menschen, manchen fehlt Empathie und vieles andere mehr.

Um zu lernen wie einen zukünftige Situationen nicht mehr aus dem Gleichgewicht bringen, muss man manchmal an die Wurzel, das kann man aber nur, wenn man dazu bereit ist und wenn man das richtige gegenüber hat, das zur Not auch mal was anstuppst was man ja für absolut unwichtig hält ;)

greebo hat gesagt…

Ich habe mittlerweile bei mir den Eindruck, dass ich schon in der Erwartungshaltung bin, dass ich gekränkt, verlassen, belogen (setze wahlweise ein anderes negatives Wort ein) werde.
Irgendwann ist in den vergangenen Jahren dieses Urvertrauen in das "alles wird gut" "niemand will mir wirklich was .." abhanden gekommen. Persönliche Begegnungen sind von Zurückhaltung geprägt, vom Abwarten und nicht vom fröhlichen unbeschwerten Lossabbeln - außer bei den Menschen, die man "schon immer kennt".

Nicht die Angst fürchte ich sondern den Verlust meines Grundvertrauens.

Bohli hat gesagt…

Ich finde es gut das wir manche Ängste einfach haben. Ist es doch vielleicht ein Schutz vor etwas das wir nicht wollen, zu dem wir uns nicht zwingen lassen.....wer weiß das schon ?

Goldi hat gesagt…

Bohli, ich denke es ist ein großer Unterschied zwischen begründeter Angst, die beispielsweise vor gefährlichen Situationen schützt oder unbegründeter Angst, die keinen eigentliche schützende Ursache hat und das Alltagsleben einschränkt.

Stell Dir vor, Du entwickelst von jetzt auf gleich eine panische Angstreaktion vor weißen Wänden (abstrakt aber es gibt ja nichts was es nicht gibt), wie willst Du Dich dann noch in der Außenwelt bewegen? Und vor was schützt diese Angst?

Conny: Diese Theorie "man muss sich der Angst nur oft genug stellen" kann in bestimmten Fällen sicher helfen, aber in manchen verschlimmert es und geht nach hinten los.

Helma: ich hatte gestern mal wieder Wortfindungsstörungen, Meideverhalten, das ist es was Du in bestimmten Situationen lebst. Manchmal sinnvoll...Ein kluger Kopf sagte mal, dass das Meideverhalten zu bestimmten Zeiten seine Berechtigung hat, weil die Psyche noch nicht so weit ist, dass sie sich den Tatsachen stellen kann. Man müsse nur aufpassen, dass aus dem Meideverhalten kein Verhaltensmuster entsteht und falls das schon geschehen ist, kann man dieses durch ein neues Verhaltensmuster ablösen. Problem ist nur, dass einmal gelernte Verhaltensmuster nur deaktiviert werden können aber nicht gelöscht und wenn die neuen Verhaltensmuster nicht richtig gefestigt sind können die alten wieder durchknallen...


Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Goldi, ja, es ist nicht so einfach, den richtigen Therapeuten zu treffen. Wobei ich dennoch sagen muss, dass jene damals, die aus der Verhaltenstherapie, mich doch ein ganzes Stück weitergebracht hatte. Sie hat mir u. a. das Wesen meiner Beziehung verdeutlicht (konkret: aufgemalt) und mich dazu gebracht, an MIR zu arbeiten. Ohne dass sie sagen musste: Machen Sie so und so. Auch hat sie mir einen Großteil meiner damals doch sehr drückenden Last "genommen", indem sie einfach nur Wege aufzeigte. Lösungswege. Ob ich sie gehen würde oder wie ich sie gehen würde, das hat sie mir nicht gesagt, aber mich dabei begleitet. Ich hab nur einmal erlebt, dass sie regelrecht Panik bekam: als ich in eine andere Stadt fahren musste, um dort etwas zu Protokoll geben zu müssen, das mit einem Hausbrand zu tun hatte. Mir gings nicht gut damit, und sie bot an, mit mir zu kommen. Wollte ich aber nicht. Ich musste ihr versprechen, sie anschließend anzurufen und als ich später als geplant wieder zu Hause ankam, rief sie mich an, um sicherzugehen, dass es mir gut ging.
Doch... Ich kann sagen, dass ich mit dieser wirklich Glück hatte. Auch wenn andere Dinge eher weniger gut optimal liefen. Bei ihr fühlte ich mich verstanden und hatte zu keiner Zeit das Gefühl, dass sie mich in irgendeine Schublade drängen wollte. Wie oft stand in meinen Unterlagen "(fragliche) Depression" und sie sagte nur: "So'n Quatsch. Depression! Wissen die Leute nicht mehr, was eine Depression ist? Sie haben das nicht. Aber Sie sind sehr verängstigt und unsicher. Und noch n ganz anderen Rucksack. Sie sind stark, Sie wissen das nur noch nicht." Das war vor 7 Jahren. Ich habe schon lange keinen Kontakt mehr zu ihr, aber manchmal denk ich: Fahr doch einfach mal wieder hin, einfach so ;) Für manche Therapeuten, die NICHT wünschten, sie hätten lieber einen Hund bei sich sitzen (ich kann es immer noch nicht fassen, ganz ehrlich), ist es bestimmt auch schön, wenn sie vor allem auch die Erfolge ihrer Arbeit sehen, spüren könnten.
Und ja, genau das ist es bei mir: Vermeidungsverhalten. Ob körperlich (wegen Schmerz) oder mental (wegen anderem Schmerz bzw. aus Angst). Ich denke schon, dass sich das ab einem gewissen Punkt verselbständigt hatte, dass es zu (m)einem Verhaltensmuster wurde. Auch hier war die Verhaltenstherapie ein wichtiger Prozess für mich. An sich bin ich kein "Schisser" im herkömmlichen Sinne. Außer im Dunkeln ;) Ich besitze die "natürlichen" Ängste, die einen sicher auch vor Gefahrensituationen schützen (sollen). Aber eben auch diffuse Ängste, die sich nicht greifen, nicht bestimmen lassen, vor denen ich mich nicht schützen kann, weil sie eher dem Bauchgefühl entspringen. Jedoch aus vorherigen Erfahrungen heraus.

Liebe Greebo, diese Grundhaltung "ich erwarte ohnehin das Negative für mich" habe ich (hoffentlich) weitestgehend abgelegt in den letzten Jahren. Für mich persönlich resultierten sie aus dem mangelnden Selbstwert, der mangelnden Liebe zu mir selbst, so platt das auch klingen mag. Heute bin ich, was das betrifft, wesentlich gefestigter und bewusster. Erwartungshaltung an sich versuche ich nicht zuzulassen, auch deshalb, um nicht enttäuscht zu werden. Eher versuche ich das Leben und die Dinge zu nehmen, wie es kommt, das Beste daraus machen. Wie mal jemand zu mir sagte "Lös dich von dem (= Menschen), das dir nicht guttut." Und wie auch jemand zu dir sagte: "Umgib dich mit mehr Sonnenmenschen in deinem Leben. Du hast da gerade viel zu viel negative Energie um dich herum." Das war vor einigen Jahren.
Was Begegnungen betrifft, da verhalte ich mich bis heute auch sehr zurückhaltend: Erst mal schauen, erspüren, wer der/ die andere ist.