Donnerstag, 14. Mai 2015

Homecoming



Letzte Nacht schlief ich schlecht.
Der Abend hatte ein sanftes Gewitter gebracht, die Fenster blieben geöffnet, es war streichelzart mild und der Mann lag neben mir, atmete ruhig im Schlaf - also eigentlich alles Zutaten, die ich liebe, die ich so mag.
Trotzdem schlief ich schlecht.
Ich war müde, ich war überarbeitet, der Tag voller to do's, die nicht warten konnten und zugleich sehr hohe Aufmerksamkeit beanspruchten.
Zahlenreihen, die waagerecht und senkrecht passen mussten. Seitenweise Zahlenreihen.
Protokolle. Einladungen. Der Tisch voller Papier, das immer noch nicht abgearbeitet ist.
"Bist du gut wieder nach Hause gekommen?"
"Ja. Keine Stau's, Gott sei Dank. Ich war so müde. Und bisschen unaufmerksam. Bloß gut, dass die Autobahnen stellenweise echt leer waren."
"Du bist verrückt, wirklich. Warum bist du nicht ganz entspannt am Mittwoch heimgefahren?"
"Weil ich dann mindestens einen halben Tag verliere und die Arbeit nicht schaffe."
"Na und? Wenn dir was passiert, bleibt die Arbeit ganz liegen, dann hat keiner was gekonnt."
Stimmt alles.
Ich bin ehrlich: Es zog mich nach Hause. Doch, auch der Berg an Arbeit war ein Grund. Es zog mich hierher, wo es still ist. Ruhig. Friedlich.
Und außerdem liebe ich es, an so wunderbaren Sommerabenden über die Straßen zu düsen. Die Musik aufzudrehen. Mitzusingen oder den Gedanken nachzuhängen. Ich mag den Gedanken, wie es wäre, jetzt auf dem Weg nach Irgendwohin zu sein. Da, wo man mit nackten Beinen im See steht, wo das Kleid im Wind flattert, wo man sich ein Eis kauft und die Sonne auf die nackten Schultern brennt. Für sowas reichen mir ein, zwei Tage. Ein, zwei Tage, wo ich die Last des Alltags ausblenden kann und möchte, wo ich alles hinter mir lassen kann, den Kopf freibekomme.

Letzte Nacht bin ich immer wieder erwacht, fragte mich, ob die Zahlenlisten stimmten, die ich gestern Abend noch per E-Mail versendet hatte. Was, wenn nicht? Zwei Tage zu spät gesendet und dann vielleicht falsch. Ich war versucht aufzustehen, den Laptop anzuschalten, noch mal alles durchzusehen. Zum gefühlten hundertsten Male.
Lass es gut sein, habe ich mir dann gesagt, selbst wenn es so ist, kannst du es nicht mehr ändern.
Heute Morgen, noch vor dem Frühstück, habe ich ihn dann doch angeschalten und alles kontrolliert. Keinen Fehler gefunden. Aber festgestellt, dass ich Ergänzungen hätte schreiben können. Eine Art Legende. Schreiben können oder schreiben müssen? Am Endergebnis hätte das eh nix geändert, die Vergabeverhandlungen stehen bevor, die Einladungen sind versendet und akzeptiert.
"Sehr gute Arbeit, danke", schrieb mir nur eine Stunde später der Chef, und ich war unglaublich erleichtert. Endlich weicht der Druck in der Brust und aus dem Kopf, entspannt sich mein Körper.

Es ist Feiertag. Freier Tag. Ruhetag. Und ich bin endlich zu Hause. Von innen und außen.
Ich sollte mal wieder einen richtigen Urlaub machen. Nicht nur hier und da immer mal ein paar Tage. Nein, mal so richtigen Urlaub. Zwei, drei Wochen irgendwohin, weit weg, natürlich am liebsten ans Meer. Ich träume so lange davon. So sehr träume ich davon - und tue es doch nicht.
Der Liebste will unbedingt nach Indien, gemeinsam mit mir. Indien.. Ein fernes, weites Land, es reizt mich, aber ich habe auch sehr Respekt davor. Vor dem stundenlangen Flug, vor der unglaublichen Hitze - und vor den bevorstehenden Eindrücken. Indien, denke ich beklommen, bedeutet Stress in der Seele für mich. Sehen, verarbeiten, Hitze ertragen.
Was würde ich stattdessen wollen? Ich weiß nicht... Eine Südseeinsel vielleicht? Irgendwas, wo ein Strohhäuschen am Strand steht? Wo man tagsüber am Strand entlanglaufen kann, barfuß, aus einer Kokosnuss trinkt und abends der feine Sand aus den Haaren rieselt. Wo nix passiert. Wo es keinen Fernseher gibt. Kein Handy. Nichts. Ich weiß gar nicht, ob ich das selber aushalten könnte. Vermutlich hätte ich nach einer Woche spätestens genug. Aber für den Moment... bin ich sehr verliebt in diese Vorstellung.

Kommentare:

Goldi hat gesagt…

Wir wollten nächstes Jahr hier hin https://goo.gl/maps/JEvzI allerdings ist uns ja nun der Blonde dazwischen gekommen und mit dem sind nur noch Reisen im Auto möglich...
Nimm Urlaub, schnapp den Kerl und fliegt, ihr könnt es und sonst kommt irgendwann der Zeitpunkt an dem ein "hätten wir doch..." schmerzt.

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Ja... Vor diesem Schmerz hat insbesondere der Liebste Angst. Er war schon zweimal in Indien, beide Male mit dem Wunsch, gemeinsam mit mir zu entdecken.. Vor drei Jahren hatten wir dann den Urlaub geplant, drei Wochen im Februar. Und es dann doch nicht gemacht aus persönlichen Gründen des Liebsten bzw seiner Familie..
In drei Wochen fahren wir an den Gardasee. Nur eine Woche - aber ich freu mich echt sehr darauf.

Anonym hat gesagt…

Liebe Helma,
die Träume an die Zeit zu Zweit sind doch immer die schönsten. Und wenn man die Träume dann noch realisieren kann, ist es doch schön. Ob es jetzt am Gardasee oder im fernen Indien ist, ist doch egal. Solang man Träume hat... ist doch alles gut. Ich glaub, wenn wir irgendwann mal nicht mehr davon träumen, dann sollen wir uns Sorgen machen.
LG Niggelo, die auch heute Abend geträumt hat ;-)

Nicola Hinz hat gesagt…

Oooh, auf meiner Wunschliste steht ja auch schon so lange Delhi. Ich bin überzeugt, dass es verdammt anstrengend werden, aber dass man sicher auch unglaublich viel über sich lernen wird. Na, mal sehen, wer von uns beiden die Reise eher antritt. ; )
Liebe Grüße
Nicola

~ Clara Pippilotta ~ hat gesagt…

Liebe Helma, ich sag nur - ab in Urlaub mit Dir/euch! Indien klingt toll, ich selbst hätte derzeit Bedenken dahin zu fliegen, aber wenn Dein Mann sich auskennt - warum nicht?

Bei mir stehen im Sommer 4 Wochen an, die ich an der Nord- oder Ostsee verbringen werde. Ich sag Dir, selbst wenn ich ja die ganze Zeit zuhause bin, aber das ist einfach nicht dasselbe, wie wenn man wegfährt und Abstand vom Alltag nimmt.

Vielleicht fehlt Dir das einfach auch - Abstand vom Alltag nehmen.

Und mach Dir nicht immer soviel Druck, Du willst - so liest es sich - immer alles richtig machen und gibst dabei 150 % und das schlaucht einen schon gewaltig. Man muss auch loslassen können, sonst geht man irgendwann in den Erwartungen und Forderungen an sich selbst und von anderen unter.

Sei lieb gegrüsst,
Clara