Mittwoch, 24. Juni 2015

Guten Tag, mein Name ist Hashimoto, was kann ich für Sie tun?

Nichts, Sie verdammtes Arschloch. Sie haben genug angerichtet.
Die vergangenen Tage einschließlich heute Vormittag würde ich gern aus meinem Kopf streichen. Es ist so vieles auf mich eingeprasselt an Vorwürfen, sicherlich gut gemeinten Ratschlägen und auch Forderungen, dass ich gestern Abend in mein Bett kroch, mir den ganzen Abend lang nur noch kotzübel war und schier der Kopf zu platzen drohte. Ich habe mir die Kopfhörer aufgezogen, Klaviermusik gehört und so lange geweint, bis ich leer und mein ohnehin schon dickes Auge fast komplett zugeschwollen war. Es war zuviel.
Ungeachtet dessen habe ich meinem Sohn die mir zugeschickten Kontaktdaten des Spezialisten weitergeleitet mit den Worten: "Bitte mach einen Termin, dringend." Dass er diesen auch wirklich gleich gestern noch vereinbarte, hat mich dann doch überrascht. Offenbar aber sind selbst ihm die Veränderungen an ihm und in ihm suspekt - oder mittlerweile so nachhaltig, dass er selber weiß: Ich muss was tun.
Und dieser Termin war gleich heute.
Nach den ersten Untersuchungen sagte der Arzt, dass die Diagnose vorläufig, aber doch recht sicher sei: Hashimoto-Thyreoiditis.
Die endgültigen Ergebnisse liefern die Laborwerte, und die gibt es am 13. Juli. Entweder wird ihn sein Vater begleiten ("Mutsch, du weißt doch, der macht das nur, wenn er das mit was anderem verbinden kann." - "Fragen kostet ja nichts, du bist doch sein Sohn; sag mir aber bitte bescheid.") oder ich werde einen Tag eher als geplant nach L fahren und ihn zu diesem Termin begleiten. Da hat eine Kollegin schon recht: Er hört, was gesagt wird, aber er erfasst es aktuell nicht - und er speichert es somit auch nicht. Und er selbst sagt: "Es wäre schön, wenn einer von euch dabei ist."
Also werde ich dafür sorgen, dass einer von uns auch bei ihm ist.
Wirklich gut getan haben mir aber heute auch die Worte jener Kollegin: "Du warst jahrelang für mich da, jetzt bin ich für dich da." Was bedeutet, dass Sohnemann keine Sonderbehandlung erfährt - das soll er auch nicht. Was aber bedeutet, dass sie ihn in der Firma stützen wird. Dass sie zum Beispiel darauf achtet, dass er vor der ersten Zigarette frühstückt. Dass er tagsüber kleine Dinge zu sich nimmt. Dass er das nicht auslässt, nur weil er glaubt, er dürfe dieses und jenes nicht oder er bringe sich damit in Misskredit vor Chef und Kollegen.
"Und jetzt wisch dir die Tränen aus den Augen."
"Ich heule nicht mehr. Ich zitter nur noch so wie Sohnemann grad."
Interessanterweise ist auch mein Auge fast wieder gut.

Kommentare:

Goldi hat gesagt…

Auch wenn es kein wirklicher Trost ist, aber hei, das sind doch eigentlich fast schon gute Nachrichten. Es ist eine Diagnose mit der man super gut leben kann, die nicht gefährlich ist und die, wenn man sich an die Tabletteneinnahme gewöhnt hat (und das macht man ganz schnell, denn wenn man sie vergisst kommt das blöde zittern wieder) auch absolut keine Einschränkungen mit sich bringt. Ja, ohne wäre besser, aber schlimmer geht immer. Das er Dich dabei haben möchte und den Gang nicht alleine macht finde ich schön und zeugt von Vertrauen.

Ich drücke Dich und Du bist eine wirklich tolle Mutter :-*

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Ja Goldi, auch ich empfinde es trotz Diagnose positiv: Es wird etwas getan, damit es ihm besser geht, er sich wieder besser fühlt und wenn dazu eine kleine Pille am Tag notwendig ist, dann ist es eben so. Es wird gut werden für ihn und das ist das einzige, was zählt.
Danke Goldi :*

ganga hat gesagt…

Was für ein Glück, dass der junge Mann bei dem Arzt war und ihr endlich wißt in welche Richtung sein Zustnd geht.
Deine Arbeitskollegin ist auch super.
So schlimm das jetzt auch alles ist, es sind auch wieder gute Nachrichten. Nicht mehr so im nebulösen Raum. Und wer weiß wie lange der JUnge noch durchgehalten hätte!!!
Alles alles Liebe und Gute,
ganga

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Barbara, ich danke Dir. Und ja, ich bin auch sehr erleichtert. Jetzt geht es nach vorn.

Monstrarot hat gesagt…

Hast Post. :)

Anonym hat gesagt…

Liebe Helma,
guuut, dass die Verunsicherung jetzt einen Namen hat (den ich übrigens auch "ertrage")/ allerdings in der Unterfunktion).
Er muss zwar regelmäßig (und vielleicht ein Leben lang) ein Medikament nehmen (bitte 2h!! nach Eiunnahme keinen Kaffee/Milch etc., sonst hebt sich die Wirkung auf!-das wird immer wieder missachtet), aber es lässt sich leicht händeln, wenn man konsequent bleibt..
Du bist eine tolle Mutter!
Ich wünsche euch, dass ihr bald wieder zur Ruhe kommen könnt- innerlich und äußerlich.
Alles Liebe und Gute!

Helga Nase hat gesagt…

Wichtig ist vor allem, dass es entdeckt wurde, jetzt kann etwas dagegen unternommen werden. Alles Gute für den Großen!

Lascincoies hat gesagt…

Hach Helma, das wird schon wieder! Ich habe vor mittlerweile 4 Jahren die gleiche Nachricht erhalten und kaum beginnt man die winzigen Tabletten zu nehmen, wird alles merklich besser! Und kaum läuft der Stoffwechsel wieder normal, machen auch ausgelassene Mahlzeiten nichts aus. Der ist im null Komma nix fit und munter!

Lascincoies hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Ich danke Euch wirklich sehr. Hier finde ich eher Aufbauendes, auch wenn mir natürlich bewusst ist, dass die wenigsten mich oder uns (persönlich) kennen.
Wie ich schon sagte: Jetzt eine Diagnose zu haben, macht es für uns alle einfacher. Natürlich ist gesund immer das Optimum, dennoch empfinde ich die Diagnose als positiv. Weil sie eben Besserung vor allem für den Jungen bedeuten. Und letztlich der Weg für ihn geebnet wird, sich wirklich beweisen zu können und auch mal Erfolgserlebnisse zu haben.
Vor allem hat mich einerseits natürlich die Sorge belastet, diese Unwissenheit. Und andererseits die mittlerweile täglichen Vorwürfe, warum ich so weit weggezogen bin und einen so unfertigen Menschen zurückgelassen habe. Warum ich nicht mehr in L präsent bin - oder auch mal eine Zeitlang durchgängig. Zurückziehen sowieso am besten. Da muss ich doch echt dran schlucken. Als hätte ich all die Jahre nur Trallala fabriziert, mich um nix gekümmert und würde mich jetzt drauf ausruhen, dass andere sich kümmern.. Als würde ich nur an mich denken. Solche Vorwürfe kenn ich ja schon. Und jeden Tag kommt Neues.
Jeder, der davon weiß, sagt: "Wir kriegen das hin, wir warten die Therapie ab." Die natürlich erst mit dem 13. Juli beginnt, mit der Auswertung. Andererseits wird mir trotzdem jeden Tag mehrfach gesagt, wie unzumutbar alles ist. Wie schlimm, wie dramatisch und dass ich was tun soll. Dass es so nicht geht. Weil dies, weil das, weil jenes.
Mir platzt der Kopf.

Bohli hat gesagt…

Kopf hoch Helma. Besser eine Diagnose als rumstochern und hetzen. Wünsche euch viel Erfolg und ihr schafft das, da bin ich mir ziemlich sicher *umärmel*

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Danke Bohli. Was mich momentan bedrückt: Wenn man Ursache, Wirkung und Lösungsweg kennt - und das tun sie - warum kann man dann nicht wenigstens die zu erwartende Heilung/ Besserung nicht abwarten? Am liebsten würde ich Sohn bitten, sich krankschreiben zu lassen. Um ihn aus der Schusslinie zu nehmen, bis es ihm besser geht. Denn dieser Moment ist ja absehbar. Aber er ist so voller Ehrgeiz... Er will unbedingt - und wenn ich mit ihm über die KS rede, wird er noch mehr an sich zweifeln. Wie rum auch immer, es ist Pipi Kaka.

Bohli hat gesagt…

Auch wenn das richtig schwer fällt Helma, du kannst ihm nur einen Tipp geben. Er muss diese Entscheidung und diesen Weg gehen. Wenn er deine Hilfe will wirst du da sein. Ihn zu etwas zwingen was er nicht einsieht wird ihn unter Umständen von dir entfernen. Sei da und vertrau deiner Kollegin das Sie nach ihm schaut.

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Ich weiß Bohli. Ich wünschte nur, ich müsste mir nicht jeden Tag immer wieder Vorwürfe anhören. Wenigstens weiß Sohnemann nichts davon.

amorsolalex hat gesagt…

Gott sei Dank, eine Diagnose, mit der sich leben lernen lässt.
Ich bin entsetzt, was du dir alles an Vorwürfen anhören musstest und das sofort, wenn bei deinen Söhnen etwas nicht rund läuft, es dir angelastet wird, ohne zu hinterfragen. Unfassbar!!

Unfertiger Mensch? Wer verzapft so einen Unsinn?! Wir sind alle unser ganzes Leben lang unfertige Menschen. Und nach allem, was ich hier lese, sind deine Söhne tolle Menschen, die trotz pubertärem Chaos und Vergesslichkeit Verantwortungsgefühl haben, im Falle deines Großen sogar mehr als gut für ihn ist. Du bist häufig in L, in meinen Augen in ausreichendem Maße. Klar wirst du ihnen fehlen, du bist ihre Mutter, noch immer kommen sie zuerst zu dir und suchen Schutz bei dir und das wird bei eurem guten Verhältnis sicher ein Leben lang so bleiben, daß du ihnen eine wichtige und liebe Vertrauensperson bist. Sei stolz darauf und lass dich nicht verunsichern, du hast dir nichts vorzuwerfen!

Du hast genauso ein Recht auf ein eigenes Leben und eigene Lebensentscheidungen, wie sie und wie jeder andere auch. Und deine Söhne haben dich darin bestärkt, SIE manchen dir keine Vorwürfe. Im Gegenteil, ich glaube die Verbundenheit zwischen euch ist durch deinen Umzug nur noch gewachsen.

Ich drücke für deinen Großen die Daumen, daß es ihm schnell wieder besser geht und dich einfach mal so. ;)

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Amorsolalex, gestern Nachmittag, nach einem Telefonat, habe ich einen solchen Weinkrampf bekommen, dass ich dachte: Ey scheiße, reiß dich zusammen, bricht jetzt hier mein Nervenkostüm zusammen oder was?
Aber es war wirklich zuviel, und bei all dem bin ich dennoch auch froh, dass Sohnemann von all dem nichts weiß. Ihn würde das noch viel mehr belasten.
Ja, der Hauptvorwurf besteht darin, dass ich so weit weg bin und mir nicht genug Zeit nehme, sondern gleich wieder nach M zurückfahre, sobald mein Einsatz beendet ist.
Klar sagt Sohn: "Ich weiß auch nicht, was grad mit mir los ist" und "Wenn meine Mutsch da ist, ist das nicht so." Klar ist es dann nicht so. Fakt aber ist auch: Bin ich da, habe ich eher eine Statistenrolle: Ich sorge für Ordnung im Haus, für regelmäßige Mahlzeiten. Ich höre den Söhnen zu, wenn sie was erzählen oder fragen, helfe bei Bewerbungen oder Behördenunterlagen - und das wars dann auch. Ist es wirklich so ein Egoismus zu sagen: Freitags nach der Arbeit fahr ich zurück nach M, weil auch ich ein Wochenende zum Abschalten brauch? Natürlich weiß ich, dass Sohn momentan mehr Unterstützung braucht, aber sieht Unterstützung so aus, ihn wie einen 12jährigen zu behandeln? Für ihn kochen, waschen, backen, bügeln und dafür sorgen, dass er morgens aus dem Bett kommt nach seinen ruhlosen Nächten? Mehr könnte ich momentan eh nicht für ihn tun, denn die Medikation beginnt erst ab 13.07. - und wenn das Umfeld das alles weiß, warum wird ihm dann diese Zeit nicht gegeben? Ich will ihn nicht wie einen 12jährigen behandeln, weil er keine 12 mehr ist, und ich will ihm auch nicht vermitteln, dass nur alles dann läuft, wenn ich da bin. Er weiß auch dann, wenn ich hier in M bin, dass ich für ihn da bin.
Gestern habe ich nach dem Weinkrampf meine Freundin gefragt, warum man ihm die Zeit nicht lässt. Mir ist völlig bewusst, dass die Schilddrüsenfehlfunktion allein nicht die Ursache ist, aber mir ist bewusst, dass sie einen großen Teil zur momentanen Verfassung beiträgt. Wenn der Schlaf fehlt, fehlt die Erholung. Dann fehlen auf Dauer die Konzentration und die Energie. Mal abgesehen davon, dass inzwischen der ganze Körper zittert und er ständig bemüht ist, das zu verbergen. Von allen Angestellten gibt es einige mit chronischen Erkrankungen - und alle sind in Dauerbehandlung. Alle außer momentan mein Sohn. Und bei jedem, der chronisch erkrankte, ging eine Zeit der physischen und psychischen Beeinträchtigung voraus. Da hat sich keiner hingestellt und gesagt: "Was n das für n Schlunz?", sondern gute Besserung gewünscht und für den Betroffenen gehofft.
Meine Freundin schrieb mir daraufhin: "Menschen mit Empathie würden ihm die Zeit geben."
Mir ist bewusst, dass in der heutigen Zeit nur noch Leistung, Aktionen etc. zählen, und dass Menschen mit Beeinträchtigungen gleich welcher Art nur wenig Raum haben oder bekommen - oder auch gar keinen. Aber auch wenn das hundertmal die Realität ist, dann schockiert es mich dennoch immer wieder. Genauso wie mich schockiert, wenn Menschen vergessen, woher sie selbst erst kommen mussten.
Nein, meine Söhne machen mir gar keine Vorwürfe und ja, unser Band ist auch enger geworden, weil vor allem auch ich durch die räumliche und berufliche Konstellation ruhiger und entspannter geworden bin. Natürlich sind meine Kinder das Wichtigste für mich. Und ich werde auch alles das tun, was für sie notwendig ist. Aber mich selbst möchte ich dabei auch nicht aufgeben. Und angesichts der steten Vorwürfen und Erwartungen ist es aber das, was momentan von mir erwartet wird.

ganga hat gesagt…

Ach Helma,
da kann ich dir nur alles Gute und viel Kraft wünschen, diese Zeit durchzustehen. Es ist halt für andere Menschen sehr einfach, dir die Schuld zu geben. Und sie können nebenbei auch schön eigene Aggressionen damit abbauen.
Würden sie sich wirklich für den anderen Menschen interessieren wären sie, wie du sagst empathisch. Mitfühlend, Rücksicht nehmend in dem Wissen, das er gesundheitlich ziemlich angeschlagen ist. Eigentlich sage ich eh das gleiche was du vorhin geschrieben hast.
Und auch wenn du in L geblieben wärst und ihn versorgen würdest, wäre das keine Lösung auf Dauer. Wie du sagst, er ist alt genug und er ist doch ein super junger Mann. Und du bist ja immer für ihn da. Da musst du ihm nicht die Wäsche waschen und das Bett herrichten. Auch wenn das öfters so schön wäre. Jetzt erinnere ich mich gerade an einige deiner Besuche, als es wie Hölle in der Wohnung aussah und du zusammengeräumt hast. Lach. Die Jungen schaffen das schon. Die sind doch spitze und du bist immer und wirklich immer für sie da.
Ich wünsche dir ein dickes Fell, vielleicht hast du einen zu Hause und das legst du dir mal so zum Schutz um.
Herzliche Grüße
ganga