Sonntag, 6. September 2015

99 Luftballons

 Eigentlich hätten wir diese heute steigen lassen müssen - für jedes Jahr in diesem Leben einen Ballon. Haben wir nicht. Dennoch war der Opa völlig gerührt darüber, dass sie alle da waren - die Kinder, die Enkel - und die ersten Urenkel. Am Anfang hat er nur geweint mit jedem neuen Gast, der da kam, um ihm zu gratulieren. Den er nach dem Namen fragte und wie alt er sei.
Seinen Sohn hat er nicht erkannt, auch nicht mehr gewusst, dass dieser schon siebzig ganze Jahre alt ist. Nicht alle seiner Töchter hat er erkannt, ganz zu schweigen von den Enkeln, den Urenkeln. Und geweint hat er und darum gebeten, dass er nicht vergessen wird.
Nach dem ersten Sekt das Lösen der Anspannung, der Verwirrung, der Angst "Was muss ich denn jetzt hier eigentlich machen?" "Kuchen essen, Opa." Mit ganz viel Schlagsahne, auch ohne Kuchen. Das Schleckermäulchen.
Der Rückblick auf sein langes, erfülltes Leben ist so nicht mehr möglich, so viele Jahre sind ihm entfallen.  Dafür im Gedächtnis noch Kinderreime, die er immer wieder rezitiert, bei denen er lacht - glücklich wie ein Kind.
Fünf oder sechs Versuche, bis alle auf ein Foto passen.
"Ich finde das schön!" sagt er und lächelt.
Lieber Opa... Ich war sehr froh, sehr dankbar und sehr gerührt, dass ich heute dabei sein konnte, sehr berührt von Deinem sachten Kuss, dass ich Deine Hände halten konnte, die Haut inzwischen so dünn wie Papier.
Wenn wir nächstes Jahr noch einmal um diese Zeit zusammen sein können, dann, das versprech ich Dir, dann machen wir das mit den Luftballons. Dann mit einhundert Stück.

Kommentare:

Clara Himmelhoch hat gesagt…

Liebe Helma, mich bewegen beim Lesen viele Gedanken der Erinnerung an meine Mutter. Sie starb, als sie 98 Jahre und 6 Monate war - also ein ähnliches Alter. Und auch ein ähnliches nicht-mehr-erkennen, wer wer ist. Wie anders war das noch bei ihrem 90. Geburtstag - da stand sie mehr oder weniger noch voll im Leben, war noch nicht im Pflegeheim.
Ich finde nach wie vor und immer wieder, das Alter nicht immer nur ein Geschenk ist.
Lieben Gruß zu dir

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Clara, ich bin da ähnlich gemischt gefühlt. Doch wenn ich sehe, wie sehr er immer noch die Musik liebt und wie glücklih er dann ist, mitdirigiert, dann... Freu ivh mich doch immer wieder. Auch wenn mir bewusst ist, dass es nicht das ist, was seinen Alltag ausmacht. Gleichwohl geht es ihm wohl immer noch besser als so msnch anderem. Und er will immer noch da sein!! Im meiner Familie ist niemand bisher so alt geworden. Alle starben eher - und manche beteten, endlich gehen zu dürfen..

Anonym hat gesagt…

Liebe Helma,
als meine Oma damals 90 wurde, haben wir auch ein großes Fest für sie gemacht. Sie wurde gefeiert, sie hat mit ihren Enkeln getanzt...Sie war fit wie ein Turnschuh, nur dass sie nicht mehr gut hörte. Es war einfach schön. Und dann noch keine 6 Monate später, fiel sie hin, brach sich den Oberschenkel und musste zum ersten mal in ihrem Leben ins Krankenhaus. Dann ging alles ganz schnell. Von einem Tag auf den anderen hieß es, dass sie nun dement sei. Bis dahin hatte sie immer noch alleine gewohnt, sich um alles selbst gekümmert. Nach ein paar Wochen ist sie dann friedlich eingeschlafen. Das war alles sehr seltsam!
lg Niggelo

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Niggelo, auch mir ist mal aufgefallen, dass ältere Menschen stürzen, sich diesen Oberschenkelhalsknochen brechen - und dann sterben. So war es auch bei meiner Oma, an der ich so gehangen habe. Nur war diese damals noch keine 70 :(

Clara Himmelhoch hat gesagt…

Hallo Niggelo,
das ist (leider) gar nicht seltsam mit der ganz plötzlich auftretenden Demenz nach einer OP mit langer Narkose. Meine Mutter war bis 95 noch ziemlich fit, mit 97 hat sie sich neben die Toilette gesetzt und einen komplizierten Bruch geholt. - Nach der OP war sie fast nicht wiederzuerkennen. Zuerst dachte ich, es wäre das sogenannte "Durchgangssyndrom" und würde wieder verschwinden, doch leider ist es geblieben. Sie hat zusehends abgebaut und ist ca. 10 Monate nach der OP gestorben. - Das Narkosemittel stellt im Gehirn von alten Leuten meist nichts Gutes an.

waage0310 hat gesagt…

Sehr einfühlsam geschrieben...hat mich sehr berührt

JULiANE hat gesagt…

So schön geschrieben!
Stelle mir gerade vor, wie es sich wohl anfühlt, wenn mein Sohn irgendwann sagt: "Mama, kommste zu meiner Geburtstagfeier? Ich werde 70!"
:-)))))

Clara: bin grad etwas geschockt bzgl. nicht endendes Durchgangssyndrom. Same here at the moment :-(

PSS Schweiz hat gesagt…

So liebevoll und mit Wärme geschrieben!
Christoph

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Ihr Lieben, ich danke Euch wirklich für Eure Kommentare. Ich mag den Opa sehr - und dabei ist es nicht mal mein eigener.
Juliane, wenn mein Sohn das zu mir sagen wird eines Tages, bin ich 90 oder 95 - das wäre schon geil, wenn ich dann noch da bin und auch noch entscheiden kann, ob ich hinkomme oder nicht ;)
Ich hoffe und ich wünsche Euch wirklich alles, alles Gute!! Es gibt auch ältere Semester, die das durchstehen!!