Donnerstag, 1. Oktober 2015

Mit der warmen Hand

Heute, in meiner ersten Schaffenspause, las ich ein wenig in meinen Lieblingsblogs herum und stieß dabei auf diesen hier, der mich nachdenklich machte. Der mich an die Worte meiner Mutter erinnerte: "Ich gebe das, was ich habe, lieber mit der warmen Hand, als dass es hinterher Streit drum gibt. Oma hat auch immer gesagt: Es muss nur so viel da sein, dass ihr mich ordentlich unter die Erde bringt, dann gibt es auch keinen Zank."

Für mich gehören Streitereien um Geld, ob zu Lebzeiten oder danach, zu den widerwärtigsten, die es zwischen Menschen geben kann. Vor ein paar Jahren noch habe ich immer gesagt: "Ich habe erst gar keins, damit gibts auch keinen Streit." Was sich in der Realität aber eben anders zeigt.
Als 1994 meine Schwiegermutter starb, hatte der Schwiegervater auch Angst vor dem, was nun kommen könnte. Dass die Kinder sich hinstellen und ihren Pflichtteil fordern an der soeben erworbenen Eigentumswohnung, die es noch lange abzuzahlen galt. Ich fand das ganz erschütternd, dass er diese Befürchtungen überhaupt hegte - letztlich zeigt ja aber die Realität, dass solche Ängste leider Gottes nachvollziehbar waren und sind.
Überhaupt finde ich es bestürzend, dass Eltern sich in ihrem Leben Geld zusammensparen, davon eine Wohnung, ein Haus oder was auch immer kaufen - und sobald einer stirbt, haben die Kinder ein Anrecht auf einen Pflichtteil dessen, was dem Verstorbenen gehörte. Ich kanns nicht nachvollziehen! Was haben denn die Kinder in ihrem Leben je dazu beigetragen, was die Eltern sich ansparten und dadurch erwarben? Warum ist es nicht so geregelt, dass man diesen Anspruch erst dann erwirbt, wenn beide Eltern nicht mehr da sind? Und wenn bis dahin nix mehr übrig ist, ja dann ist halt nix mehr übrig! Wenns der Zurückgebliebene verprasste, ist das doch auch sein gutes Recht, weil er doch Zeit seines Lebens sparte und zurücklegte, nicht die Kinder?

OK, das gilt für den Otto Normalbürger. Es mag etwas anderes sein, wenn ein Elternteil von Haus aus wohlhabend war, der andere "dazukam" bzw. "einheiratete". Doch für diesen Fall kann man doch auch vorsorgen? Dass man im Fall seines Todes verfügt, wer was bekommen soll? Weil man vielleicht den Partner kennt und weiß: Bevor der alles sinnlos verprasst, gebe ich den Kindern noch dies und jenes?
Es gibt ja auch zerrüttete Familien, bei denen die Kinder diejenigen sind, die sich so gar nicht um die Eltern kümmern, aber angerannt kommen und die Hand aufhalten, sobald es Geld geben könnte. Das habe ich ganz live in meinem Umfeld, und es erschreckt und entsetzt mich immer wieder, wie habgierig Menschen sein können.
Mich schockiert immer wieder, welches "Gesicht" Menschen zeigen, sobald es um Geld geht. Wobei ich der Meinung bin, dass Geld den Charakter nicht verändert, aber sehr wohl zeigt, was tatsächlich in einem drin steckt. Wer man wirklich war und ist.
Momentan ist bei mir verfügt, dass das Geld, das ich hinterlasse, meinen Söhnen zukommt - und momentan traue ich ihnen durchaus zu, dass es zwischen ihnen keinen Streit darum geben wird. Jeder zu gleichen Teilen das, was bleibt. Und ich kann nur hoffen und wünschen, dass sie ihr Leben mit Frauen teilen werden, die kein bislang verstecktes Gesicht zum Vorschein bringen. Die kein böses Blut entfachen und die Brüder entzweien.

Mein Schwiegervater und ich haben uns nie wirklich verstanden. Er hat mir immer unterstellt, ich würde meinen Mann betrügen. Lange Jahre schon, sehr lange, bevor ich mich wirklich im letzten gemeinsamen Jahr auf jemanden anderen einließ und irgendwann die Entscheidung traf: Egal wie es weitergeht - aber mit dem Ehemann auf keinen Fall mehr.
Und mein Schwiegervater befand immer, dass ich zu wenig für ihn tat. "Da habe ich nun eine Tochter und eine Schwiegertochter, und keine kümmert sich um mich." Ein Mann Mitte Fünfzig, invalid geschrieben aufgrund eines Herzleidens, aber körperlich rüstig und fit und optisch immer wie jemand, der gerade aus der Karibik zurückgekehrt war. Ein Mann Mitte Fünfzig mit einem Hund in einer Einraumwohnung - und dem wollte noch der Haushalt geführt werden. Fenster putzen, Wäsche waschen und bügeln und sowas. Der den ganzen lieben langen Tag Zeit dafür hatte. Während jeder einzelne Tag bei mir um 3.30 Uhr begann, um dem eigenen Mann das Frühstück zuzubereiten, die Kinder zu versorgen und mit ihnen "unter dem Arm" aus dem Haus zu stürzen, um sie im Hort und Kindergarten abzugeben, damit man Punkt 6.30 Uhr im Büro stand. Wo einen der Chef erwartete, den Blick demonstrativ auf die Uhr und die Augen nach oben verdrehend, weil ich es eben erst um 6.35 Uhr ins Büro geschafft hatte. Bei Gleitarbeitszeit, übrigens.
Abends zwischen 17 und 18 Uhr nach Hause hetzen, einkaufen, Abendessen zubereiten, die Kinder versorgen, den Haushalt versorgen - und keinen kümmert es, wie du das machst und schaffst und ob du irgendwann vielleicht doch auf dem Zahnfleisch kriechst. Keine Anerkennung für das, was du jeden Tag leistest, alles selbstverständlich "weil das alle anderen Frauen auch schaffen, sogar noch besser als du", dafür immer Streit, wenn irgendwas nicht den Vorstellungen entsprach.
Sohn II und seine Cousine sind gleichaltrig, sie besuchten beide denselben Kindergarten. Der Opa hat nur die Enkeltochter abgeholt, den Enkel ließ er stehen: "Deine Mutter kommt ja auch bald."
Und zu meinem Ex sagte er: "Na klar könnte ich den Jungen auch mit abholen, aber dann würde ich deiner Frau ja einen Gefallen damit tun, und ich will ihr aber keinen Gefallen tun."
Ob er sich dabei jemals gefragt hat, wie der Kleine sich dabei gefühlt hatte, wenn der Opa nur die eine mitnahm und ihn nicht?
Doch was es auch immer für Auseinandersetzungen gab - mir war immer wichtig, dass mein Ex sich letztlich mit dem Vater vertrug: "Es ist am Ende immer noch dein Vater. Wenn irgendwann etwas passiert und ihr seid im Streit auseinander gegangen, wirst du es dir vielleicht nie verzeihen?"
"Mir egal. Mein Vater ist mir echt egal."
"Ich kann mir nicht vorstellen, dass er dir wirklich egal ist. Er ist doch immer noch dein Vater."
Und so ist er auf ihn zugegangen, zuletzt im November 2002. Sie haben sich versöhnt, wieder miteinander gesprochen und ein Bier getrunken. Und ein paar Tage später ging der Vater abends zu Bett und stand morgens nicht mehr auf. Das war für uns alle ein Schock, auch für mich, auch wenn ich selbst nie ein Band zu diesem Menschen hatte. Trotzdem ging das doch nicht, dass der einfach so starb? Selten zwar, aber hin und wieder, gerade beim Lesen des Posts von Tikerscherk, denke ich an diese Zeit - und bin immer noch sehr froh, dass die beiden sich versöhnten, bevor die letzte Möglichkeit dazu vertan war.
Mir ist bewusst, dass das nicht auf jede Lebenssituation und zu jedem Menschen passt. Mir ist auch bewusst, dass ein konsequenter Schnitt manchmal für beide Seiten das Beste ist.
Das Leben zeigt aber auch immer wieder, dass Menschen sich da entzweien, wo es einfach nur an der Kommunikation mangelt. Dass Menschen sich stur zurückziehen und auch den Schritt auf sie zu nicht annehmen wollen. Manchmal bleibt unverständlich, warum Familien auseinanderbrechen und es einfach nicht möglich ist, sich auszusprechen. Warum Vorbehalte allen anderen, aber nicht dem Betroffenen selbst mitgeteilt werden. In der eigenen Familie habe ich oft vermittelt - aber man kann nicht vermitteln, wenn nur eine Seite sich willens zeigt und die andere stur auf einem Standpunkt beharrt, für den es keine Argumente gibt, nur die Aussage "Nö, ich will aber nicht." Muss man dann auch akzeptieren, so schade es auch ist.

Sicherlich habe ich nicht jeden Tag vor Augen, dass ich Auseinandersetzungen nicht führen sollte oder sie zumindest beilegen sollte, sobald der andere das Haus verlässt, weil man ja nie weiß und so. Ich spreche Dinge an, wenn sie mich belasten, bedrücken, quälen, auch wenn sich nicht immer sofort eine Lösung ergibt und es manchmal auch bedeutet, mit klopfendem Herzen im Bett zu liegen und nicht in den Schlaf zu finden.
Mein Vater hat mich sehr lange Zeit seine Ablehnung spüren lassen, als er erfuhr, dass ich im letzten Jahr meiner Ehe einen anderen Mann geliebt habe. Genau genommen zehn Jahre lang. Für ihn war unverzeihlich, dass ich mich überhaupt auf sowas eingelassen hatte. Ich habe seine Meinung akzeptiert, auch seine Aussage "Erzähl mir nichts darüber, ich will nichts davon wissen."  "Das ist OK, Papa, aber dann verurteile mich doch auch nicht."
Erst in den letzten zwei Jahren gehen wir wieder entspannter miteinander um. Er wird 72 in diesem Jahr. Meine Mum ist vor zwei Jahren schwer erkrankt und wie es aussieht, hat sie sich noch immer nicht wirklich davon erholt. Seit Jahren pendle ich über vierhundert Kilometer hin und her - erst der Liebe wegen, jetzt des Jobs und der Kinder wegen. Nur selten noch denke ich an den schweren Unfall vor 9 Jahren mit der defekten Lenkung, aber fahre immer noch lieber mit Bus oder Bahn, sobald das Wetter schlecht wird: Ob er auch manchmal denkt, dass man sich besser miteinander versöhnen sollte, bevor es eben nicht mehr geht?

Kommentare:

Frl. K. hat gesagt…

Gib jemandem Geld und/oder Macht und es zeigt sich, wie derjenige wirklich tickt.

Mangelnde Kommunikation mag sicher ein Grund sein, um sich zu entzweien. Aber meiner (bisher schon oft gemachten) Erfahrung nach, entzweit man sich auch sehr schnell und nachhaltig dort, wo man den anderen nicht als eigenständige Person mit eigenen Willen akzeptiert. Sprich: Du handelst so, wie es mir nicht gefällt? Dann habe ich dich nicht mehr lieb. Na gut. Dann soll es so sein.

Ich unterschreibe das auch absolut, dass man sich versöhnen sollte, solange es noch nicht zu spät ist. Aber es kommt darauf an, wie hoch der Preis dafür ist. Versöhnen, nur um hinterher nicht sagen zu müssen, "ach hätte ich doch", halte ich nach meinem derzeitigen Erkenntnisstand (für mich!) für nicht hilfreich und nicht denkbar. Nichts desto trotz rate ich normalerweise jedem(man beachte den Einzelfall!), der mir am Herzen liegt, meinem Beispiel nicht zu folgen, weil Toleranz, Verständnis und dieses Liebesding ja die bessere Alternative sind. ;)

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebes Frl. K., ich sehe das völlig genauso: keine Versöhnung um der Versöhnung willen zu jedem Preis. Das wäre auch keine ehrliche Versöhnung, keine, die man selber aufrichtig mittragen würde.
Ja, mangelnde Akzeptanz ist oft ein Grund - aber oft habe ich es erlebt, dass man einfach nur mal verstehen muss, warum der andere so und nicht anders handelt. Das will nicht jeder, viele erwarten einfach, dass man ihren Vorstellungen entspricht. Dann - natürlich - hilft auch keine Kommunikation.
Toleranz, Verständnis und Liebesding - das ist ja die eine Seite. Aber - mit Bezug auf meine E-Mail an Dich - gibt es eben auch bei mir Situationen, vor denen ich mich einfach nur noch schützen möchte. Auch wenn mir der Mensch noch so viel bedeutet. Ich kann seine Handlungsweise nachvollziehen, verstehen und respektieren - aber solange ich weiß, dass sich grundlegend nichts (ver)ändern würde und mir immer nur wieder neuer Schmerz zugefügt würde, solange würde ich auch keinen Schritt mehr auf den Menschen zu machen. Auch wenn ich mir noch so oft ins Bewusstsein rufe, dass es mir unendlich leid tun würde, wenn es irgendwann zu spät dafür ist. Nicht jede Situation ist immer dafür gemacht, sie aufzulösen, aber gerade nach dem Post von Tikerscherk heute geht mir einmal mehr durch den Kopf, dass man genauer reflektieren sollte, ob der gordische Knoten nicht doch lösbar gewesen wäre. Und was es mit einem macht, wenn man die Chance dazu nicht mehr hat.

Frl. K. hat gesagt…

Wahre Worte. Kann ich nur unterschreiben. Und mich fragen, ob ich denn eigentlich anderen gegenüber die Toleranz und das Verständnis an den Tag lege, welche ich mir für mich selbst wünschen würde. Die Antwort behalte ich mal für mich, aber dein Post hat mich zum Nachdenken gebracht. Danke dafür. ;)

~ Clara Pippilotta ~ hat gesagt…

Liebe Helma, ich sehe das ähnlich wie Du es auch in Deiner Antwort an Frl. K. formuliert hast - ich glaube, dass man durchaus den alten Kram vergeben und damit auch loslassen kann. Wenn der andere aber keine Einsicht zeigt und sich nicht verändert hat, dann würde ich trotzdem keinen Schritt auf diesen Menschen zugehen wollen. Aktuell geht es mir so mit meiner Schwester und je mehr ich über meinen Neffen erfahre, desto klarer ist mir, dass es mir ehrlich leid für sie tut, dass sie aus ihrer Spirale nicht rausfindet, aber ich würde mich da nicht mehr reinziehen lassen wollen.

Letztendlich glaube ich, dass man unglaublich vieles durch eine aufrichtige Kommunikation auch klären kann und es würde mir wirklich weh tun, wenn ich nur aus Sturheit an meinem Groll festhalten würde und es irgendwann zu spät wäre. Deshalb habe ich mich mit dem Bruder zumindest auch wieder versöhnt, wo auch immer der Weg nun hingehen mag, aber so verschieden kann es im Leben laufen. Ich sag immer, verzeihen und loslassen kann nur jeder für sich allein, aber aufeinanderzugehen müssen beide wollen und das geht für mich nur, wenn der andere sein Päckchen an Einsicht mitbringt.

Liebe Grüsse
Clara

die Highlaenderin hat gesagt…

Hallo Helma,
Ja, die liebe Familie und das Erben... wir machen gerade das ganze Drama durch. Es dauert jetzt schon seit April 2014. Das tollste ist, wenn noch plötzlich ein Testament auftaucht, von dem niemand etwas wusste. Dann weiss man erst, was die Familie (in diesem Fall meine Schwiegermutter) von einem gehalten hat!

LG Niggelo

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Clara, früher habe ich mich mit Haut und Haaren vereinnahmen lassen - und ordentlich Federn dabei gelassen. Es ist die Summe der Erfahrungen, die mich heute anders agieren lässt. Wie hatte mal eine Freundin zu mir gesagt? "Wann schützt du dich endlich?" und es war ein echt langer Weg zu begreifen, was konkret sie meint und wie das geht.
Insofern: Nein, auch ich lasse mich heute nicht mehr in alles reinziehen.

Liebe Niggelo, man weiß es nicht: Vielleicht hats die Schwiegermutter ganz am Anfang geschrieben - und ihre Meinung, aber nicht das Testament später geändert? Es vergessen ja auch Menschen, dass sie überhaupt ein Testament aufgesetzt hatten bzw. was sie reingeschrieben haben.
Bei meinem Schwiegervater wusste ich immer, woran ich bin, von Anfang an. Dann ist es auch leichter, damit umzugehen, glaube ich. Es gibt halt kein böses Erwachen.
Wenn meine Eltern mal nicht mehr sind, interessiert mich gar nicht, was sie hinterlassen. Mir wird vor allem unendlich weh tun, dass sie nicht mehr da sind. Und dass ich Fotos und Erinnerungsstücke behalten kann. Ihre Hausschuhe. Ihre Lieblingstassen. Sowas :(