Montag, 23. November 2015

..und dann waren wir mittendrin

Am Wochenende mochte ich noch nicht darüber schreiben. Stattdessen habe ich nach ewig langer Zeit das Malzeug ausgepackt und festgestellt: Ich muss und ich möchte wieder öfter malen. Es hat gut getan, die Gedanken zu beruhigen. (Und ich möchte das Malzeug nicht anschließend immer wieder wegräumen müssen. Irgendwie... behindert mich das in meiner Kreativität. Doch, wirklich.)

Am Samstag sind wir in die Innenstadt gefahren. Mit der U-Bahn, wie immer.
Ich habe mich inzwischen daran gewöhnt. Umso eher dann, wenn ich oder wir zu Zeiten fahren, an denen die U-Bahnen nicht gar so voll sind. Diese Menge von Menschen, die aneinanderdrängen, aneinander vorbeidrängen und man so eng steht, dass man wahlweise die Nasen- oder Ohrenhaare des anderen begutachten kann, gerne auch begleitet von allen möglichen Gerüchen - das ist nicht meins. Aber die U-Bahn genießt ihren unschlagbaren Vorteil, innerhalb weniger Minuten an einem ganz anderen Punkt in der großen Stadt zu sein.
Die Angst vor einem Anschlag, einem Attentat, vor dem gewaltsamen Ende des Lebens -  ich hatte sie verdrängt. Erfolgreich verdrängt.
Bis wir ausstiegen.
Bis wir all die schwarz gekleideten jungen Männer sahen, teilweise vermummt, teilweise mit Tüchern vor dem Gesicht.
Bis wir Schreie hörten, Schreie von Männern, so laut und durcheinander, dass kein Wort zu verstehen ist.
Mir hat das Herz bis zum Hals geklopft.
Richtung Rolltreppe, hochfahren, raus wollen.
Die Rolltreppe endlos lang, ausgerechnet jetzt und hier. Warum sind wir nicht woanders ausgestiegen?
"Rennt! Rennt!! RENNT!!!" höre ich Männer schreien - und während mir das Herz derart klopft, als wolle es aus der Brust springen, werden gleichzeitig die Knie butterweich, verkrampfen sich meine Finger in die Jacke des Liebsten, flüstere ich flehend seinen Namen.
"Bleib ganz ruhig", sagt dieser - und er tut nicht nur so ruhig, er steht tatsächlich ruhig. Wie der Fels in meiner Brandung.
Der Krach tobt in meinen Ohren, ob gleich Schüsse fallen werden? Etwas explodiert?
Die Schwarzgekleideten kommen gerannt, zur Rolltreppe, sie rennen die Rolltreppe hoch, an uns vorbei, oder fahren mit uns hoch. Ich versuche die Gesichter zu sehen, ihre Mimik zu erkennen: Was wollen sie?
"Ist garantiert wieder irgendwo Fußball", sagt der Mann. "Du musst da ganz ruhig bleiben. Panik hilft dir nicht."
"Panik? Ich habe Angst! Ich will hier weg! Hast du denn keine Angst?"
"Nein. Ich analysiere erst, was das sein könnte."
Aha.
Analysieren.
Toll.
Wenn mir alles um die Ohren fliegt, ist keine Zeit mehr dazu, sich in Sicherheit zu bringen. Aber wenigstens habe ich analysiert und erkannt, dass es das jetzt war!
Die Schwarzgekleideten laufen an uns vorbei, im Schnitt sind sie alle nicht älter als meine Söhne.
"Lauft weiter, wir teilen uns auf, wir treffen uns dann da und dort", rufen sie einander zu. Und einer unmittelbar neben mir sagt zum anderen: "SO macht Fußball doch Spaß!"
Es ist der Moment, wo ich kurz davor bin, mich zu vergessen. SO macht Fußball SPASS?
Noch eine Stunde danach zittern mir die Hände, sind die Beine immer noch wie Butter. Aber ich weiß, der Mann hat recht: Panik ist das letzte, was man in so einem Moment gebrauchen kann.
Später, auf dem Rückweg nach Hause, lesen wir es am U-Bahn-Ticker: "Aufgrund eines Fußballspiels kommt es zu Verzögerungen auf den Linien...."
"Keiner von ihnen trug einen Schal oder irgendwas, woran man sie erkennt, die Fans", sagte ich.
"Das waren auch keine Fans", antwortete der Mann, "das waren nur die, die sich prügeln wollen."
Junge Männer wie meine Söhne.
Keiner meiner Söhne käme auch nur im Ansatz auf die Idee, zu Fußballspielen zu fahren, um sich dort zu prügeln. Was geht bei solchen Menschen schief? Wann und warum? In der Kindheit? Im Elternhaus? Mit den falschen Freunden? Prügeln als Ausdruck von was? Von was in diesen Zeiten?
Heute Nachmittag werde ich wieder U-Bahn fahren, wenn ich zum Chirurgen muss.
Am Samstag war ich wirklich froh, nicht allein gewesen zu sein in jenem Moment. Heute bin ich allein. Angst habe ich inzwischen wieder verdrängt -  das Malen hat mir geholfen. Aber ein mulmiges Gefühl... bleibt.

Kommentare:

Ken Kempe hat gesagt…

Hallo liebe Helma,
Was geht bei solchen Menschen schief? Wann und warum? In der Kindheit? Im Elternhaus? Mit den falschen Freunden? Prügeln als Ausdruck von was? Von was in diesen Zeiten?

alles geht schief. Die Welt ist aus den Fugen geraten. Überall Krieg, Terror, Ausbeutung, Hass und Leid. Die Medien mitten drin. Eine Nachrichtenflut ergießt sich von allen Seiten ungefiltert auf uns und die Aufklärung und Bildung unserer Kinder bleiben langsam auf der Strecke. Viele Kinder und Jugendliche, gerade aus dem unteren Teil der Gesellschaft spüren das schmerzhaft am eigenen Leib. Man lernt früh, dass Empathie, Mitgefühl und Toleranz eine Schwäche ist.

Las ich früher Bücher wie Orwell's "1984" oder Burgess' "Clockwork Orange" dachte ich: "Gottseidank sind das Distopien, in solch einer Zeit würde ich nicht leben wollen", stelle ich fest: Die Autoren haben sich das damals noch weit weniger schlimm ausgemalt, als sich der Status Quo in der Gegenwart darstellt. Fürwahr, schlimme Zeiten und ich habe leider die Befürchtung, dass wir gerade erst am Anfang stehen :-(

Frl.K. hat gesagt…

Ganz ruhig. Heute Nachmittag findet kein Fußballspiel statt. ;)

Und was diese Typen angeht, verstehe ich nicht, was in so einem Kopf vorgeht. Bin froh und dankbar, dass der Junior seine Aktivitäten auf(!) den Sportplatz verlagert, indem er Sport betreibt. Allerdings habe ich am WE eine interessante Doku über den allgemeinen Sport- u. Fitnesswahn angeschaut und da sagte so ein Sportprof. sinngemäß, dass die Sportarten heute immer extremer werden müssen, weil der Mensch sich bald nur noch in geschlossenen Räumen aufhält, das Leben komplett durchorganisiert ist, man sich immer "im Griff haben muss" (schön, erfolgreich, perfekte Fassade)und selbst ein beim Sport aufgeschlagenes Knie ein Weg ist, um sich mal wieder zu spüren. Hm... möglicherweise ist das auch eine Art... äh... um sich mal wieder "zu spüren"? Und Frust abzulassen? Mehr Aufregung in dieses durchreglementierte Leben zu bringen? Was auch immer es ist... ich kann's nicht nachvollziehen. :/ Was ich noch weniger nachvollziehen kann, ist diese App, bei der man sich angeblich mal eben für eine Prügelei verabreden kann. Hab den Namen vergessen, war aber an Tinder angelehnt. Ich hoffe, das war ein Joke und die Berichterstattung so ein verspäteter 1.April-Scherz.

waage0310 hat gesagt…

Aha..der Katastrophenpabst und über-Soziologe Kempe hat das Wort zum Sonntag gesprochen...lach

Halt mal den Ball flach...

Es war Derby in München auf der Fußballamateur-Ebene...falls Dir das was sagt

Und wie das bei Derby`s so ist, meint der geistig etwas einfach veranlagte Teil der Fans..man müßte die Rivalität mal körperlich zur Sprache bringen...

Das war schon immer so..egal in welcher Stadt und egal zu welcher Zeit..seit über 100 Jahren...

Da muß man nicht die böse Gesellschaft verantwortlich machen

Man muß diese pupertären Rituale nicht gut finden..es aber auch nicht übermäßig dramatisieren...

mal schön locker bleiben

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Hallo Ken, ja, ich hege dieselbe Befürchtung - und doch habe ich immer noch Hoffnung, dass es eben nicht der Anfang von noch viel Schlimmerem. Dass man sich besinnt. Dass Empathie, Mitgefühl und Toleranz eben nicht als Schwäche betrachtet und empfunden werden - sondern etwas sehr Wertvolles für den Schutz und Erhalt von etwas anderem sehr Wertvollen und vor allem Einzigen: dem Leben. Einem Miteinander. Dass die Menschen jetzt erst recht, auch mit Paris, erwachen und aufstehen, um in die richtige Richtung zu gehen. Ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll, ohne allzu blauäugig dazustehen...

Liebes Frl. K., nein, heute is nix mit Fußball. Und ich sage mir auch immer wieder: Ich will keine Angst haben (müssen), ich will mich nicht noch bekloppter machen lassen..
Sich zur Prügelei zu verabreden... Dafür finde ich keine Worte. Nicht einmal einen Ausdruck dafür, dass es tatsächlich Menschen gab, die so etwas nicht nur "erfunden" haben, sondern auch noch andere damit erreichen.
Zu meiner Schulzeit herrschte ein Spruch vor: "Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin."

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Habe ich Dir eigentlich schon gesagt, dass ich Dich vermisse, Waage?
Und ja, das, was Du beschreibst, hat mir am Samstag auch der Liebste gesagt. Dass er das schon öfter erlebte, seit er hier wohnt. Doch insbesondere unter dem aktuellen politischen Einfluss - und auch angesichts der Tatsache, dass diese Leute schon rein optisch so gar nichts mit Fußballanhängern zu tun hatten - hat der Vorfall von Samstag ganz andere Ängste hervorgerufen. Nicht die Angst, allein in einem Pulk aus Fußballirren zu stehen.
Und das Schlimme ist ja, dass diese Angst auch nicht vom Tisch zu wischen ist.
Die Frage, die sich mir da stellt, ist: Samstag wegen Derby - und morgen wegen? Woher weiß ich, wann es "pubertäre, minderbemittelte Schläger" sind und wann andere?
Denn das die Welt immer mehr aus den Fugen gerät, das empfinde auch ich so, schon seit längerem. Auf Belgien wird aktuell geschimpft wegen Nachlässigkeiten, Versäumnissen, Augen-zuhalten etc. Aber ist das bei uns anders? Hauptsache aber, wir haben Kohle dran verdient :(

~ Clara Pippilotta ~ hat gesagt…

Liebe Helma, ich hätte da auch Angst bekommen. Wie Du schon schreibst, gerade durch die Terroranschläge ist man eh vorsichtiger und auch ängstlicher und dann laufen ein paar vermummte Idioten und brüllen "rennt" durch die Gegend - was bitte soll man denn dann da denken? Ich neige auch dazu, gewisse Dinge erstmal zu beobachten und zu analysieren, allerdings schützt mich das nicht vor Angst :)

Ich stimme auf ganzer Länge Frl. K. zu - ich glaube auch, dass in dieser durchorganisierten und perfekten Welt der Mensch auch automatisch Möglichkeiten sucht, sich selbst wieder mehr zu spüren. Dass da leider auch solche Aktionen zu gehören - ja, das ist ja nicht neu. Dass die Idioten das aber gerade jetzt machen, in dieser Zeit, wo der Terror allgegenwärtig ist, das macht mich wütend. Leider denken solche Leute auch nicht über sowas nach, ob sie andere ängstigen - die brauchen den Krawall um sich besser zu fühlen.

Ich jedenfalls versuche mich nicht verrückt zu machen und denke, dass man sowieso vorher nie wissen kann, wie ernst eine Situation wirklich ist. Vielleicht gehört da auch ein bisschen Vertrauen in sich selbst dazu, dass man in gewissen Situationen wohl auch instinktiv richtig reagieren wird. Andererseits gehört wohl auch die Akzeptanz dazu, dass derzeit immer alles mögliche passieren oder nicht passieren kann.

Das Malen hilft mir auch immer sehr weiter. Ich glaube, dass das eine gute Möglichkeit ist, auch um Ängste abzubauen.

Ich drücke Dir die Daumen für heute Nachmittag und wünsche Dir gute Besserung!

Anonym hat gesagt…

"Keiner von meinen Söhnen käme auf die Idee...", das denken die Eltern dieser jungen Männer größtenteils auch!!!!!!

Goldi hat gesagt…

Einer der Gründe, warum ich die Bahn meide und am Wochenende auch die Innenstadt.

Weihnachtsmarkt unter der Woche direkt wenn geöffnet wird. Schön in Ruhe bummeln, bevor die Massen kommen.

Die Jungs die sich schlagen gibt es schon immer. Was schief gelaufen ist? Ich weiß es nicht, aber mir sind die, die sich zum Kloppen treffen und unbeteiligte außen vor lassen, lieber als die, die am Wochenende aus den umliegenden Orten kommen und wahlweise "Schwule klatschen" oder wild drauf rumprügeln. Ich ging mit vieren von "wir gehen kloppen" zur Schule, zuhause waren sie die braven Jungs, in der Schule die wirklich guten Kumpel aber wenn man "auf der falschen Seite" stand, wollte ich ihnen auch nicht begegnen. Alle vier sind heute liebevolle Väter, erfolgreiche Geschäftsmänner und alle haben sie irgendwann ihren "Meister" gefunden.

Mich selber haben sie lange Zeit begleitet, wenn ich abends unterwegs war, was hier jetzt zu weit führen würde, aber ich hätte bzw. habe und würde heute noch für jeden der vier sofort die Hand ins Feuer legen und ich bin sicher ich würde sie mir auch heute nicht verbrennen.

Was sie bewegt hat, sich zu kloppen weiß ich bis heute nicht, was ich allerdings weiß ist, dass sie sich immer schützen vor Unbeteiligte gestellt haben.

Ja das sind sicher Ausnahmen gewesen und mit den "Aktiven" von heute nicht zu vergleichen, aber ich finde es zu kurz gedacht mit "was ist da im Elternhaus schief gelaufen", "Verrohung" usw.

Es gab schon immer Gewalt, es wird so lange es Menschen gibt Gewalt geben und es wird immer Eltern geben die ihr bestes geben und für die, die Welt zusammen bricht, weil sie erfahren müssen, dass ihr Kind Dinge macht, die sie ihm sicher nicht vorgelebt oder mit auf den Weg gegeben haben.

Früher schlug man rein mit den Fäusten, hörte auf, wenn jemand auf dem Boden lag, dann kamen Messer und Schlagringe dazu, heute sind es Schlaghandschuhe, Schusswaffen und wenn jemand auf dem Boden liegt, wird nach getreten um auch sicher zu sein, dass es sitzt...Nein ich befürworte es nicht, nur ich sehe es nicht als neu. Aber vielleicht habe ich auch einfach schon zu viel gesehen.

Was hat denn der Metzger, äh ich meine Chirurg gesagt? Darfst Du schlafen? Ich durfte heute und kann jetzt M. J. verstehen, Propofol i. V. ist toll :-D

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

@Anonym: Ja, da hast Du sicherlich recht. Jedoch bin ich mir bei meinen Jungs schon sicher, auch weil ich weiß, mit wem sie befreundet sind. Was so los war, wenn sie unterwegs waren. Nicht immer alles toll - aber bislang immer ohne Gewalt.

Liebe Goldi, danke für Deine Antwort. Bin heut Abend zu müde und nur noch über Handy online, ich würd gern morgen antworten.
Nur eins: Der Chirurg hat heut geröntgt und eine ambulante OP abgelehnt. O-Ton: "Natürlich müssen Sie dabei schlafen, das geht hier gar nicht anders." Post kommt morgen - mit Bild :)

Frl.K. hat gesagt…

@Goldi: Recht hast du. In mehrfacher Hinsicht. ;)

Natürlich ist es besser, sich bewusst auf eine Prügelei zu treffen, anstatt Unbeteiligte reinzuziehen. So weit habe ich in dem Moment gar nicht gedacht. Und stimmt, Gewalt gab's auch schon immer, wie der Blick in Geschichtsbücher und Historienschmöker (lese ich total gerne, wenn die nur nicht so brutal wären...) zeigt. Irritiert mich erstaunlicherweise trotzdem immer wieder, dass der Mensch noch kein "Stubentiger" ist, obwohl wir uns so viel Mühe geben, ihn dazu zu machen... ;)

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Goldi, nun versuche ich noch mal eine Antwort: Natürlich weiß jeder von den Leuten, die nicht des Fußballspiels wegen dort hinfahren (oder wohin auch immer). Dass ich am Samstag so... schockiert war, hing zuallererst eben auch mit den jüngsten Verbrechen in Paris zusammen. Ich hatte schon beim Aussteigen aus der U-Bahn gar nicht den Eindruck, dass es sich überhaupt um ein Fußballspiel handelte. Die waren alle einfach nur schwarz angezogen und teilweise vermummt, insgesamt vielleicht 30 - 35 Leute auf einem Haufen, wo mit mal das Gebrüll losging. Doch da habe ich mir noch nicht mal was bei gedacht. Wir gingen einfach zur Rolltreppe. Angst bekam ich erst, als die Schreie lauter wurden und dann jemand brüllte: "Rennt! Rennt!!! RENNT!!!" und dann diese Schwarzgekleideten zu uns zur Rolltreppe gerannt kamen. Man sah ja nichts, man hörte es nur.
Der Mann meinte, er habe das schon öfter so gesehen - doch für mich war das neu. Was mich also von Dir unterscheidet: Ich habe, was das betrifft, nicht viel gesehen im Leben - und bin auch froh darüber. Ich hasse und ich verabscheue Gewalt!
"Wir gehen kloppen" - warum, Goldi?? Warum und wofür?? Warum Gewalt? Weils das immer schon gab? Weils das auch in 1000 Jahren noch geben wird? Sohnemann II ist ein Heißsporn wie sein Vater, wenn man ihn provoziert, geht er draufzu. Aber sich zum Prügeln treffen?
Ja, auch für mich würde eine Welt zusammenbrechen, wenn eines Tages Leute vor meiner Tür stehen und sagen: "Ihr Sohn hat!" Natürlich würde es das. Und natürlich hoffe ich wie alle Eltern, dass ich meinen Söhnen meine Auffassung von Leben, Lieben, Miteinander, Fürsorge und Empathie mitgeben konnte, wenigstens einen Teil dessen. Und will mir nicht im Gegenzug die Frage stellen (müssen), ob ich eine der Mütter bin, die schuld dran sind, dass die Kerle von heute keine "echten" Kerle mehr sind, weil sie nicht alles mitgemacht haben im Leben.
Ich wills gar nicht verstehen - auch dann nicht, wenn sie eigentlich gute Kumpels waren und aus ihnen später fürsorgliche Väter wurden. Das heißt nicht, dass ich sie als Mensch "verurteile". Aber ihr Tun, Goldi.
Und was ich wie Ken empfinde: Es nimmt mehr und mehr zu. Die Bereitschaft zur Gewalt. Die Mittel zur Gewalt. Zwischenmenschliches verliert an Wert und Bedeutung.
Oder empfinde ich es nur so, weil viel öfter über Gewalt, Verbrechen etc. berichtet wird - möglichst noch mit eindrucksvollen Bildern?? Ich war irgendwas um die 17, 18 Jahre, als ich unmittelbar daneben stand, wie einem mit der Faust ins Gesicht geschlagen wurde. Das Geräusch vergesse ich bis heute nicht.
Sicherlich: Neu ist das alles nicht. Aber es schockiert mich immer wieder neu. Ich will es auch gar nicht gewohnt sein, mich nicht an sowas gewöhnen. Ja, da schwebe ich auf ner illusionären Wolke, ist mir schon klar. Aber wo will man denn anfangen, "dagegen zu leben"?

Liebes Frl. K., eine Zeitlang las ich die Bücher von Ken Follet. "Die Säulen der Erde" war das erste Buch von ihm, das ich las. Und es war mir einfach zu brutal. Sicherlich realistisch, mir aber zu brutal. "Die Pfeiler der Macht" hingegen waren glücklicherweise anders, eher auf Zwischenmenschliches bezogen.
Ich mag diese Bücher nicht mehr und ich mag auch solche Filme nicht. Ich sage nur "Die Passion Christie". Da hat sich jemand ausgetobt, sage ich. Um Authentizität gings da mit Sicherheit nicht. (Oder denke ich das, weil berichtet und gezeigt wurde, dass der Macher des Films im wahren Leben seine Frau krankenhausreif geprügelt hat?)

Frl.K. hat gesagt…

@Helma: Meinst, dass die Bücher realistisch sind? Okay, bis zu einem gewissen Grad vielleicht, aber sonst... nun ja... wenn das die Realität gewesen wäre, dann wären wir bestimmt schon längst ausgestorben. Weil die Männer gar nicht dazu gekommen wären, irgendwas aufzubauen, da sie ja fast alle vollauf damit beschäftigt waren, die Frauen ständig zu knechten und zu vergewa*ltigen - dieses Gefühl vermitteln mir zumindest Autoren wie Follet (gruselig, ich mag ihn nicht) oder das Iny Lorentz-Gespann. ;)

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Na zumindest dachte ich immer, dass sie eine gewisse Grausamkeit und Brutalität jener Zeit widerspiegeln sollen.
Was das betrifft, ist eben Follets Buch "Die Pfeiler der Macht" anders, in meiner Erinnerung war es frei von diesen Dingen. Bezog sich mehr auf die Geschichte zwischen dem Protagonisten und seiner Liebsten.

ellasblickwinkel hat gesagt…

Hab keine Angst liebe Helma. Ganz normaler Fußball-Spieltag in deutschen/europäischen Innenstädten. Und in dem Fall sehr harmlos und gesittet. Es mögen unter ihnen welche zu finden sein, die aus "miesen" Elternhäusern stammen und durch schlimme Kindheitserlebnisse/Situationen zu Hause geprägt worden sind. Aber zu 90% handelt es sich um gelangweilten, verwöhnten Mittelstands- und Oberschicht-Bratzen, die es schick finden rund um den Fußball den Harten und Coolen raushängen zu lassen oder eine Ausflucht aus dem "Goldenen Käfig" brauchen. Im normalen Alltag kehren sie brav wieder zum Studieren an die Uni oder als Büro-/Bankkaufmann, Jurist, Controller, ITler und Co. hinter den Schreibtisch zurück. Optisch nicht als Fußballfan erkennbar und somit keinem Verein zuordenbar sein, gehört zu "ihrem Spiel".

Und hab keine Angst vor der Narkose. Alles wird gut! Immer! Fühl dich gedrückt, Ella

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Ella, ich danke Dir sehr! Ich weiß auch nicht, was im Moment mit mir los ist - bin ich durchs Home Office zu viel alleine? Ja vermutlich. Und nehme so vermutlich noch weniger am Leben teil, abgesehen von den Abenden, die der Mann & ich in der Stadt unterwegs sind.
Und "pflege" so die einen oder anderen Ängste.
Und ich dachte an meine Söhne: Was wäre, wenn? Den Vater kann man leider voll vergessen, und dort, wo sie leben, haben sie sonst niemanden. Aber man kann sich eben auch reinsteigern - und das will ich eben auch nicht. "Drüber sprechen" hilft ja meist - und das tu ich hier :)
Als ich gestern zum Chirurgen fuhr, war ich je ca. 30 min mit der U-Bahn unterwegs - es hat mir auch nichts ausgemacht. Im Gegenteil, alles war wie immer, ich fühlte mich auch wieder sicherer und dachte vor allem eher auch nur an den Termin als an den Samstag z. B.
Dem Nahverkehrsticker zufolge hätte ich auch einen Teil der Strecke mit dem Bus fahren können, weil die dann entschieden kürzer war. Zeitlich jedoch hats grad mal 2 min ausgemacht - und mit der U-Bahn war es einfacher: Einsteigen, umsteigen, aussteigen - fertig. Angst haben, ja, aber mich davon beherrschen lassen will ich eben auch nicht.