Mittwoch, 16. Dezember 2015

Nähe und Distanz



Danke Nono, für diesen Einstieg zum Nähe-und-Distanz-Verhalten.

Er erinnerte mich an eines dieser unmöglichen Rollenspiele, in denen immer zwei Patienten, verbunden durch ein imaginäres Gummiband, ihr Nähe-Distanz-Verhalten austesten sollten. Mein Gegenüber eine bis dahin völlig unbekannte Frau. Nicht unsympathisch, aber fremd. Fremden gegenüber verhalte ich mich schon von Haus aus sehr zurückhaltend. "Nordisch unterkühlt", hat es ein Kollege einst bezeichnet. Mit ihrem Wunsch, mir räumlich näherzukommen, verletzte sie meine selbstgezogene Grenze. Mit meinem Bestreben, sie möglichst noch weiter von mir fernzuhalten, verletzte ich ihr Bedürfnis nach Nähe.
"Das ist genau das, worunter ich immer gelitten habe", sagte sie im Anschluss. "Ich will die Nähe, aber man lässt sie nicht zu. Ich wurde immer abgewiesen." Sie tat mir leid, aber ich konnte für sie nichts tun. Es war auch nicht meine verdammte Aufgabe.

Es erinnerte mich an einen Nachmittag im Gymnastikraum, in dem zwei Patienten einander zugeteilt wurden. Einer legt sich auf die Matte, der andere streicht über die Arme, die Hände. Und was weiß ich. Ein absolutes No-Go für mich. Von Fremden lasse ich mich nicht anfassen und schon gar nicht so. Sodom und Gomorrha auf Krankenschein - hallo? Gehts noch?
Ich bin aufgestanden: "Tut mir leid, das geht für mich nicht."
"Und wenn ich die Rolle einnehme?" bot die Therapeutin an. Nein, auch dann nicht.
Sollten sie doch in ihren blöden Bericht schreiben, was sie wollten.

Er erinnerte mich daran, warum ich am liebsten mit dem Auto unterwegs bin: Ein Raum ganz allein für mich.
Er erinnerte mich an meine Aversion gegen die U-Bahn: Es gibt kaum ein Verkehrsmittel mit so vielen Menschen auf engem und engstem Raum. Die dir unaufgefordert den Streit mit dem Freund, der Freundin erzählen, weil du dich dem ungeniert lauten Telefonieren nicht entziehen kannst.
Die dir ungefragt ihre Parfüm- oder sonstigen Körpergerüche quer durchs Hirn schicken und selbiges zu vernebeln drohen. Die dir entschuldigend die Hand auf das Bein, den Rücken, manchmal auch den Hintern legen, weil sie einfach gerade nicht woanders hinkönnen: Hallo Sardinenbüchse!
Es erinnerte mich daran, wie erleichternd ich es finde, wenn ich ein Abteil betrete, in dem ich mich spontan für einen freien Viererplatz entscheiden kann. Interessanterweise wählen Menschen einen freien Platz in der Regel nicht neben jemandem, solange sie noch eine Bank für sich ganz allein finden.
Es erinnerte mich an den Mann, dem ich mich vor einigen Tagen in der U-Bahn gegenübersetzte. Er trug Badelatschen ohne Socken, die den Blick auf dicke, wächsern scheinende, gelbe Zehennägel und dunkelrote Füße freigaben. Er trug einen grauen Anzug und sein langes, graues Haar war zu einem sehr sorgfältigen Zopf gewunden. Er saß vornübergeneigt, schaute niemanden an, schaute nur zu Boden.
An diesem Tag fiel mir zum ersten Mal auf, dass ich trotz Auswahl hier freiwillig einen Platz gewählt hatte, mit dem ich einem Menschen allein durch seine Körperhaltung erlaubte, meinen Distanzbereich zu überschreiten. Obschon er auf den ersten Blick merkwürdig anmutete. Sonderbar. Und ich stellte fest, dass er ganz wunderbar und unaufdringlich nach irgendetwas duftete. Und während er auf den Boden starrte, kramte er aus seinem Jackett eine Salbe, setzte sich einen Klecks zwischen Daumen und Zeigefinger - und diesen hielt er so, ohne ihn zu verreiben, bis er noch vor mir ausstieg.


Nähe und Distanz.
Ich erinnere mich, wie ich selbst immer nach Nähe, nach Zuwendung gesucht habe. Von Menschen, an denen mein Herz hing. Es konnte gar nicht nah genug sein.
Nur... Je näher dir jemand kommt, desto größer ist der Riss, wenn derjenige wieder geht.
Nähe zulassen bedeutet für mich, mich verwundbar zu machen.
Mich zu öffnen bedeutet für mich, mich verletzbar zu machen.
Heute achte ich bewusster darauf, wem ich mich öffne. Wessen Nähe ich zulasse. Vertraue meinem Instinkt. Meinem Bauchgefühl. Es schützt nicht vor Schmerz, aber es bereitet vor. Ist es der Wunsch nach Kontrolle? Vielleicht. Ich weiß nicht. Wer lässt sich schon freiwillig immer wieder in den Magen treten?
Manchmal... braucht es keine Worte, keine Gesten, kein Tun. Manchmal... so wie bei dem Mann in der U-Bahn... da spürt man einfach, dass... keine Gefahr droht. Dass hier kein zu-nah-kommen entstehen würde. Keine Grenzverletzung. Kein Schmerz. Und dann kann ich es. Mich annähern. Vorsichtig.
Wir Menschen sind schon komisch.

Kommentare:

Clara Himmelhoch hat gesagt…

Hallo Helma, vielleicht bin ich durch die langen Jahre in Berlin "abgebrühter", da es bei Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel nicht anders geht, als Leute dicht neben sich zu haben. Gibt es freie Plätze, dann ist immer ein Eckplatz meiner.
S- und U-Bahnen mögen sehr praktisch sein, aber "menschlich" sind sie nicht.
Doch mich ständig durch den Berliner Stau zu quälen, das war leider auch nicht meins. Irgendwie habe ich mich immer in Gedanken abgeschottet.
Mit Gruß von mir

Goldi hat gesagt…

Deine Worte könnten größtenteils von mir sein *umärmel*

S-Bahn fahren, Weihnachtsmarkt, volle Geschäfte oder Großveranstaltungen alle haben eins gemeinsam, ich meide sie.

Berührungen von Fremden sind ein sehr heikles Thema, selbst Menschen die ich mag und die mich "überraschend" berühren empfinde ich als übergriffig.

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Clara, ja: Selbst mir als Person mit klaustrophobischen Neigungen ist eine U-Bahn immer noch lieber als der Innenstadtverkehr von M. Das muss man sich echt nicht freiwillig geben, zumal die gerne drängeln, obschon sie selber oft kaum ausm Arsch kommen. Dazu die Parkplatzprobleme. Nee: Da sind Bus und Bahn schon die eindeutig angenehmere Wahl - trotz allem. Nach einem Jahr in M benötige ich das Auto inzwischen nur noch, wenn ich nach L muss oder um den Wochenendeinkauf nach Hause zu chauffieren :)

Liebe Goldi, Großveranstaltungen verursachen mir irgendwie Übelkeit, ich bin deshalb nicht so der Konzertfreak, jedenfalls findet man mich nicht im Pulk in der Mitte. Eher am Rande und beobachtend :) Hier in L gibt es in jedem Sommer Tage der Philharmonie: In einem Park wird dazu extra eine kleine Bühne aufgebaut mit etlichen Sitzplätzen. Viel schöner aber fand ich immer, außerhalb dieses aufgebauten und durch Zäune mit Sichtschutz gesicherten Bereiches auf der Wiese zu liegen, in den Abendhimmel zu schauen und die Musik zu genießen. DAS finde ich geil :)
Weihnachtsmärkte haben für mich keinen wirklichen Reiz, solange sie auf einem bestimmten Platz angestammt sind. Mit einer Freundin war ich mal in Berlin, da führte der "Weihnachtsmarkt" eher immer an der Straße lang - das war viel cooler. Sicherlich kein typischer Weihnachtsmarkt, aber man hatte deutlich mehr Luft zum Atmen und Platz genug, der anderen den Senf auf den Mantel zu schummeln.
Volle Geschäfte... Es kommt drauf an: Bin ich allein unterwegs, habe ich immer die Ohren zugestöpselt und höre Musik. Auf diese Weise schotte ich mich ab. Das mache ich überhaupt oft und gern.
Manchmal denke ich, ich habe autistische Züge :)

Bohli hat gesagt…

Es scheint vielleicht komisch, ich denke aber das wir Menschen genau durch diese Unterschiede eben Menschen sind. Jedes dieser Gefühle macht uns einzigartig und verbindet uns mit Menschen mit denen wir genau dieses Gefühl teilen. Sei es solche Situationen in der U-Bahn oder eben anders wo. Wünsche dir viel Spaß beim Auto fahren und Grüße aus dem voll besetzen IC ;-)

Nono hat gesagt…

Und ich habe ja schon alles dazu gesagt :)

Ist aber gut, zu wissen, dass man damit nicht allein ist.

Liebe Grüße (ich lasse das Knuddeln jetzt mal weg)

Nicola Hinz hat gesagt…

Find ich auch gar nicht merkwürdig, ich finde das alles total nachvollziehbar. Ich habe bis heute ein ganz entschiedenes Problem mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Ohne Auto wäre ich verloren. Und im Flugzeug sitze ich immer am Gang, um wenigstens von da nicht auch noch Energien aufgedrängt zu bekommen. Und ja, aus der tuchfühligen Therapieübung wäre ich auch abgehauen. Ich beschwere mich obendrein regelmäßig bei Leuten, die mir in der Schlange zu nah auf die Pelle rücken. Das passiert mir übrigens immer öfter - als ob vielen Leuten ihr Gefühl für angebrachte Distanz langsam verlustig geht.

Liebe Grüße
Nicola