Freitag, 19. Februar 2016

Ken's Gedankenbrei


Ich mag seine Posts, weil sie meine allermeisten Gedanken und Empfindungen widerspiegeln. Weil sie manchmal - trotz aller Realität - mehr Hoffnung als Angst machen.
Seit rund ein - zwei Wochen schlafe ich wieder besser, wälze mich nicht ruhlos und geplagt von wirren Träumen herum, schlafe nicht erst nach Mitternacht ein und erwache gegen drei oder vier Uhr und liege dann wach, bis der Wecker klingelt.
Aufgefallen ist mir, dass ich jedoch wesentlich intensiver träume, seitdem ich besser schlafe. Zumeist in Farbe, was sonst eher selten ist. Und ganz oft schlage ich die Augen auf und habe einen Musiktitel im Ohr, von dem ich keine Ahnung hab, wie er da reinkommt. Heute Morgen war es ein Titel, den ich inzwischen vergaß, aber den ich zwar kenne, aber nicht hören mag. Weils nicht meine Mucke ist.
Und ich träumte, ich wäre in der Innenstadt L's unterwegs, würde mich mit Hunderten von Menschen verschiedener Herkunft in eine Kapelle oder was auch immer drängen, weil auf einmal Männer mit Maschinenpistolen durch die Straßen liefen. Männer, von denen es hieß, sie würden "nur" zerstören, nicht töten. Und ich sehe mich noch immer da hocken auf diesen Treppen innerhalb dieser Kapelle, voller Angst vor dem, was wohl geschehen möge - und mit dem Gedanken: "Scheiße scheiße scheiße - jetzt ist es doch bis zu uns gekommen."
Heute Morgen las ich in den Nachrichten, dass in Europa "etwas" geplant sei. Paris habe das gezeigt. Es werde etwas passieren, man wisse nur nicht, wann, man wisse nicht, wo.
Meine Freundin schrieb mir, dass sie uns morgen gerne besuchen käme, sie würde aber mit dem Auto kommen, weil sie Angst habe, in die Bahn zu steigen.
Und ich? Was macht das mit mir?
Ich habe Angst. Ja, die habe ich. Betrachte manchmal Menschen und frage mich: "Wer bist du, was denkst du, wofür stehst du?"
Aber ich will doch keine Angst haben müssen. Ich will nicht, dass sie mich beherrscht und mein Denken, Fühlen verändert. Ich will nicht, dass sie mich hemmt. Angst ist auch ein gesundes Empfinden, habe ich unlängst gelesen. Weil es uns auch bewahrt, dumm und leichtsinnig zu handeln.
Und bis wohin ist dieses Maß gesund?
Wir haben unsere Indienreise verschieben müssen, nur verschieben - denn die konkrete Planung steht und die Tickets sind gebucht. Gestern Abend fragte mich Herr Blau, wie es mir damit gehen würde? Während er die Befürchtung hegt, dass unsere Erwartungen, Vorstellungen und Vorliegen aneinander vorbeigehen, sagte ich, dass ich völlig unvoreingenommen an alles heranginge, es auf mich zukommen ließe - und mich auch darauf freute, einen Teil eines Landes zu erkunden, das so ganz anders ist als unseres. Dass ich aber vor einem Angst hätte: vor dem Flug.
"Musst du nicht", sagte er, "die meisten Menschen sterben im Auto, nicht im Flugzeug."
Vielleicht.
Aber die Welt ist so verrückt geworden.
Was, wenn unser Flieger abgeschossen wird? So wie die russische Maschine mit mehr als 200 Menschen an Bord?
"Auch davor musst du keine Angst haben. Wir sind viel höher."
Aber ich habe Angst. Angst ist nicht rational. Nicht immer begründet, nicht immer abwendbar.
Dann frage ich mich: Was fühlen die Menschen, die von überallher zu uns kommen? Was haben sie gesehen, was haben sie erleben müssen?
Gestern Abend sah ich eine Reportage über Frauen und Kinder in Afrika. Über "Ärzte ohne Grenzen", über Dörfer, in denen kleine "Auffangstationen" errichtet wurden. Stationen, die Frauen und Kinder mit Medikamenten, Essen, Trinken versorgen. Ihnen einen Halt versuchen zu geben.
Ich sehe das und ich schäme mich so in Grund und Boden, weil Europa mit schuld ist an auch diesem Leid. Weil wir glauben, dass wir Gutes bewirken, wenn wir für fünf Euro im Monat die Patenschaft für ein afrikanisches Kind übernehmen. Weil wir damit unser Gewissen beruhigen, aber die Wurzel allen Übels weiter gedeihen lassen.
Gleichwohl: So sehr mich die Posts und auch der aktuelle von Ken ansprechen - es bleibt für mich immer wieder die eine Frage offen: WAS konkret kann ICH tun? ICH - von der ich weiß, dass meine Stimme so gar kein Gewicht hat, keine Kraft; dass sie nichts bewegt.

Vor vier Tagen war ich auf dem Amt. In der Tasche meine neuen Passbilder, den Brief von Schnecke-XY, die recht unhöflich am Telefon vernehmen ließ, sie könne jetzt auch nicht sagen, wie da weiter zu verfahren sei und dass es auch nicht sein könne, dass im Brief nichts weiter drin stände außer dem Fakt, dass die Passbilder eben zurückgewiesen wurden.
Und nun saß ich da.
Inmitten von Menschen aus aller Herren Länder. Alle möglichen Sprachen, Farben und Mentalitäten. Frauen mit Kleinkindern und Babies, die ein mehrstimmiges Konzert gaben. Aufgeregt diskutierende Menschen, gestikulierende Menschen; Menschen, die still und müde auf ihrem Sitzplatz geduldig das Klicken der Wartenummern abwarteten.
Und ich?
Ich saß zwischen all jenen, ganz entspannt, wundervoll entspannt; ich las in meinem Buch und versank darin. Kaufte mir zwischendurch einen Kaffee, der auf einer Art Teewagen neben Tee, Wasser, Süßigkeiten oder Brezeln angeboten wurde. Saß, las und kicherte ab und an vor mich hin.
Über Passagen wie diese hier zum Beispiel:

"Die gargelige Speiseröhre: Als Erstes fällt ins Auge: Die Speiseröhre kann nicht zielen. Statt den kürzesten Weg zu nehmen und direkt oben auf die Mitte des Magens zuzusteuern, erreicht sie ihn an seiner rechten Seite. Ein genialer Schachzug. [...] Beim Lachen oder Husten steigt der Druck [im Bauch, Anm. Ziggenheimer] gar um ein Vielfaches. Weil der Bauch von unten auf den Magen drückt, wäre es schlecht, wenn die Speiseröhre genau am oberen Ende andocken würde. Seitlich versetzt bekommt sie nur einen Bruchteil des Druckes ab. Wenn wir uns jetzt nach dem Essen bewegen, müssen wir so nicht bei jedem Schritt aufstoßen. Bei einem starken Lachanfall verdanken wir dem cleveren Winkel und seinen Verschlussmechanismen, dass höchstens hier und da mal ein Freuden-Pups mitlacht - Lach-Kotzen ist dagegen kaum bekannt."
Übrigens, nein, ich betreibe kein Medizinstudium, sondern lese ein Buch über den Charme des Darms, das ich zu Weihnachten geschenkt bekam und das auf sehr humorvolle Art & Weise alle möglichen Zusammenspiele unseres einzigartigen Körpers beschreibt.
Und so saß ich da inmitten all dieser fremden, fremdartigen, fremdländischen Menschen - und habe mir nicht die Frage gestellt, was sie hier wollen, wie lange sie bleiben und wohin sie gehen.
Sie waren da, so wie ich, und irgendwie war es das Normalste auf der Welt.
Warum sollen sie nicht hier sein, wenn sie hier lernen, arbeiten, leben wollen?
Und als ich nach Hause fuhr, fragte ich mich, warum das nicht überall so sein kann. Warum wir Menschen nicht einfach miteinander sein können, ohne uns zu berauben, zu bestehlen, zu beherrschen und zu ermorden. Warum wir nicht respektieren können, woran wir glauben, ohne uns zu verletzen und uns unterwerfen zu sollen. Warum wir Menschen den Menschen nicht respektieren.
Warum die Gier größer ist als die Menschlichkeit.

Kommentare:

Ken Kempe hat gesagt…

Liebe Helma,
ich denke, auch Deine Stimme zählt. Die Wahrheit manifestiert sich immer im gesprochenen/geschriebenen Wort. Auch die Bibel ist ein Schriftstück. Ein Sammelsurium verschiedener Erzählungen, die immer und immer wieder gesprochen eine Religion haben entstehen lassen. Wenn wir uns mit Menschen verbal auseinandersetzen, unsere Rhetorik anwenden, argumentativ debattieren, kann man die Menschen an etwas glauben lassen. Das wir die Welt nicht im großen verändern ist klar, dass wir in den Mühlen der Weltpolitik gefangen sind, auch. Aber das kommentarlos und unreflektiert hinnehmen - niemals. Am Ende zählt das gesprochene Wort. Und selbst, wenn durch Deine Worte auch nur ein einziger Mensch zum Nachdenken angeregt wird, wenn nur ein Mensch etwas mehr Empathie zeigt, hast Du doch schon die Welt verbessert.

Ich danke Dir ebenso für Deine kurzweiligen Geschichten, sie erden mich, holen mich runter und erinnern mich daran, dass neben all dem weltweiten geopolitischen Wahnsinn auch jeder einzelne sein Kreuz zu tragen hat; dass das Leben jedes Einzelnen immer Geschichten zum Lachen, Weinen, Bangen und Freuen bereit hält. Das hält mich auch davon ab, wahnsinnig zu werden.
Lasst uns alle immer wieder miteinander reden, die Sichtweise des anderen hören und empfinden. Deswegen haben wir diese Fähigkeiten von Mutter Natur bekommen.

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Hm, ja, vielleicht ist es wirklich die Summe der einzelnen Stimmen? Ich wünschte das, ich hoffe das, nur manchmal.... Aber vielleicht sollte ich mich in solch Zweifel-Momenten an Nanas Post erinnern? An das Licht aller Glühwürmchen?
http://vibesbild.de/severn-cullis-suzuki-at-rio-summit-1992/

Danke für Deine Worte. Es ist schon so, dass ich manchmal überlege und zweifle, ob ich tatsächlich über die eine oder andere Banalität schreiben sollte. Aber dann wieder sage ich mir: Es ist ja so - wenn wir uns nur noch auf das richten, was an Wahnsinn in der Welt passiert, dann werden wir alle verrückt. Dann werden wir alle wahnsinnig - und die Hoffnung stirbt. Will ich das? Nein verdammt, ich will nicht, dass Hoffnung stirbt. Ich will nicht, dass der Wunsch so vieler Menschen nach friedlichem Miteinander stirbt - und ich wünsche und hoffe immer noch auf die Kraft derer, die sich darin zusammenfinden. Die Menschen haben das doch schon mehr als einmal bewiesen, dass es geht.
Ist es heute tatsächlich das mediale Gedöns, das uns so lethargisch, phlegmatisch macht? Das kanns doch nicht sein, oder?
Gestern Abend noch überlegte ich, ob ich mein FB Konto wieder reanimieren sollte. Einfach mal gucken, wer noch so da ist. Wer mich aus seinem illustren Freundeskreis geworfen hat.
Heute morgen, nach dem Lesen der Nachrichten, verwarf ich diesen Gedanken wieder. Ich kann mir vorstellen, was dort immer noch abgeht - und ich möchte mich in diesen negativen Sog einfach nicht ziehen lassen. Und auch die Nachrichten heute Morgen: Ich verschließe mich davor nicht, kann man sicher auch nicht. Aber zumindest hinterfrage ich, wer das und ob das wohl wirklich recherchiert wurde - oder eben nicht doch eher einer gewissen Stimmungsmache dient.
Und ja - unbedingt sollten wir NICHT damit aufhören, einander zuzuhören!! Miteinander zu sprechen. Austauschen. Damit sind doch auch schon Barrieren runtergerissen worden!

Ken Kempe hat gesagt…

Das mediale Gedöns spielt definitiv eine tragende Rolle. Wenn man von 40 Bombenangriffen in den Nachrichten hört, schaltet man bei der 41. Meldung ab. Man ist übersättigt und seit der Macht der bewegten Bilder und den heutigen Manipulationsmöglichkeiten wird es immer schwieriger, herauszufinden, was Wahrheit ist und was Fiktion.

Gerade deswegen finde ich es wichtig, dass man im Kleinen anfängt. Zuerst um sich selbst kümmern, die Familie, die Freunde, die Nachbarn. Eigenverantwortung. Das beste Beispiel ist immer: Ein Baum stürzt in das Dach des Nachbarn. Früher fanden sich alle Nachbarn zusammen, zersägten den Baum und reparierten das Haus. Heute zahlt es die Versicherung. Die meisten sind bis unter die Zähne versichert, genießen abgeschieden ihre vier Wände, während die tote Nachbarin völlig unbemerkt zwei Wochen in der Wohnung nebenan verwest.

Wenn man sich untereinander hilft, gegenseitige Anteilnahme leistet, entsteht eine Gemeinschaft, die uns stärker macht. Der Mensch ist nun mal ein Herdentier, im Guten wie im Schlechten. Die Gemeinschaft hat sicherlich viele schlimme Dinge hervorgebracht, aber Gott sei Dank auch unendlich viele schöne, herzerwärmende, zu Tränen rührende Dinge. Habe heute irgendwo ein schönes Zitat gelesen: "Schaue nicht angstvoll zurück auf das, was du verlierst, sondern richte deinen Blick hoffnungsvoll auf das, was entsteht."

Je mehr Leuten wichtiger ist, was das eigene Karma aussagt, als die Meinung von anderen, um so besser wird es für die gesamte Menscheit.

Goldi hat gesagt…

Deine Gedanken kann ich so gut nachvollziehen.
Angst macht mir allerdings mehr das, was so laut "wir sind das Volk" schreit und Gewalt verherrlicht. Menschen mit anderen Prägungen, anderen Werten, egal woher gehören nicht dazu und doch habe ich mich, in den letzten Wochen dabei ertappt, dass die Medien auch bei mir gewirkt haben.

Ich gehe nicht mehr unbedacht durch "meine" Stadt, wo ich vorher aus ganz anderem Grund schon Menschenansammlungen gemieden habe, scanne ich wer kommt da auf mich zu, ist diese Gruppe mit Vorsicht zu genießen und im selben Moment trete ich mir für diesen Gedanken selber in den Hintern und sage mir, dass wenn was passieren soll, es passieren wird.

Dich, Ken und einige andere lese ich regelmäßig und bin immer wieder froh, das viele sich Gedanken machen und soweit ihnen möglich, entsprechend in ihrem kleinen Feld handeln.

Helma, Du hast schon viel bewegt, wo? Weißt Du das wirklich nicht? Schau mal genau hin, bist Du nicht die Mutter von diesen zwei zauberhaften Jungen, wovon einer gerade die ersten Schritte in die Richtung macht, das er eben genau für die demokratischen Werte auch beruflich einstehen will? Das ist so viel mehr, als nichts und Du hast dazu einen großen Teil beigetragen :-* - Nur so am Rand

Clara Himmelhoch hat gesagt…

Danke, liebe Helma, das hast du so wunderbar geschrieben, bei jedem Satz kann ich mit dem Kopf nicken.Deutschland besteht - was für ein Glück - nicht nur aus dieser komischen Partei mit ihren Führungsfrauen, die rücksichtslos auf alles schießen wollen, was sich Deutschland nähert.
Ich wünsche dir schöne Träume, keine, die dich ängstigen.
Lieben Gruß von Clara HH

Nana vom See hat gesagt…

Liebe Helma, wie Du weißt treibt mich das Thema ebenfalls um. Die Frage nach dem "warum" und "wozu". Es ist nun einmal, wie es ist. Auch die Angst ist eine leider reale Begleitung geworden.

Vom Herzallerliebsten erhielt ich zum Geburtstag Karten für "Apassionata". Kennst Du sicherlich. Wir bekamen einen Tag vorher eine Mail. Wir mögen zwei Stunden vorher eintreffen. Terrorwarnung. Entsprechend umfassend war der Securityaufwand. Zumindest stand dort ein Haufen bedrohlich blickender Polizisten. Ich hätte indes einen Schlagbohrer reinschmuggeln können. ...^^Dann fand ich mich in der Vorstellung wieder. Überall verschüchtert wirkende Menschen. Ähnlich wie ich musterten sie verstohlen ihr Umfeld. Und dann fiel mir mein alter Herr ein, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen, oder ihm zumindest, wenn er denn gekommen, um eine-n zu holen, ins Gesicht zu lachen.

Mich lehrt mein wundervoller, alter Herr, wenn der Zeitpunkt gekommen ist, dann ist er eben da und unvermeidbar. Bis dahin kann man nur das Beste aus dem Ganzen machen. Ab März werde ich ein Wohnheim mit Notaufnahme leiten. 200 Menschen sind dort untergebracht. Hohe Fluktuation. Es gehe recht gewalttätig zu, teilte man mir mit, auch, dass viel Security vor Ort sei. Ich würde lügen, würde ich behaupten, ich hätte KEINE Angst. Aber die darf uns nicht davon abhalten, wir selber zu sein. Auch, wenn es in den jetzigen Zeiten oftmals schwer ist, sich daran zu erinnern.

Und, ja, ich habe auch ganz grässliche Träume. Erschreckend reale Träume. Unlängst träumte mir, hier den alten Feldweg kämen polternde Lastwagen entlang gefahren... mit bewaffneten, johlenden Weißt-schon-wer. Und mich packte ähnlich wie Dich in Deinem Traum eisige Angst... "Jetzt ist es doch wahr geworden". Ich denke, dass diese Ängste leider in keiner Weise irreal sind, dass ihre Berechtigung von den Medien runtergespielt wird. Aber wir müssen da durch.. nur so können wir all diesen Irrsinn entwaffnen, indem wir weiterhin "Licht verteilen". Weißt schon,... Stichwort: Glühwürmchen Geschwader ;-)

PS: Ich habe Dir heute übrigens einen Beitrag gewidmet!
PMS: Tryptophan hilft mir zu besserem Schaf..

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Lieber Ken, ich hatte bislang noch keine Zeit, Eure Kommentare zu lesen, geschweige denn, sie zu beantworten. Ich hab sie nur über Handy freigeschalten, weil ich weiß, dass ich das kann bei Euch :)
Zu Deinen Worten: Mediales Gedöns meint bei mir nicht nur die Vielzahl der Meldungen an sich. Es ist auch das Spiel mit der Angst, das Schüren von Ängsten, Zweifeln, Vorbehalten und auch Vorurteilen. Ich glaube, dass die Medien nie zuvor so viel Macht hatten wie in den letzten 10 - 15 Jahren. Es wird unglaublich viel verbreitet, von dem man sich immer öfter fragen muss: "Wie gut ist das recherchiert - wurde das überhaupt recherchiert?" Ja, ich denke hierbei an den Auftritt von Dunja Hayali vom Morgenmagazin, den ich nicht gesehen, aber über den ich gelesen habe. Über ihren Appell für den Journalismus. Für die Journalisten. Ich stelle sie nicht alle in Frage, auch nicht alle Medien. Aber ich beginne immer öfter zu hinterfragen bzw. mich auch zu entziehen. Ich will mich nicht instrumentalisieren lassen, aber ich empfinde die Berichterstattung oftmals eben auch nicht mehr als Berichterstattung.
Was Du ansonsten beschreibst: Ja, das empfinde ich genauso. Und ich vermisse es!! Ich vermisse dieses Miteinander, Füreinander. Die Fürsorge und die Nachsicht. Immer mehr wird nur noch für sich selbst gelebt und gedacht und gehandelt - und es wird immer öfter um sich geschlagen, verbal oder körperlich. Natürlich hats auch das immer gegeben - aber in DEM Ausmaß? Oder handelt es sich auch hier eher um ein medial transportiertes Empfinden?

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Goldi, die letzten Nachrichten über Clausnitz - ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. In solchen Momenten schäme ich mich, eine Deutsche zu sein - und im Grunde ist es schon egal geworden, ob aus Ost oder West. Wie ich darüber im Einzelnen denke, muss ich da sicherlich nicht ausführen. Die Leute, die da "Wir sind das Volk" schreien, sind dann am Ende auch die, die der Petry den Weg nach oben ebnen - und ja, DAS macht auch mir Magenschmerzen. Ich weiß nicht, ob die Amerikaner tatsächlich so dämlich sind, den Trump zum Boss ihres Landes zu machen - aber ich hoffe bei uns, dass die Mehrheit klug genug ist und bleibt, Petry und Co. keine tatsächliche, reale Stimmgewalt zu geben.
Dennoch: Wir suchen derzeit ja immer noch nach einer Wohnung, erst gestern wieder eine Besichtigung nach der anderen. Und ich frage mich immer öfter: Wohin wäre es besser zu ziehen? Vielleicht doch eher aus der Stadt raus? Aus dem vielleicht "Brennpunkt" raus? Bis heute verstummen die Theorien um 9/11 nicht, die beweisen wollen, dass Bush & Co. die Anschläge vielleicht nicht wissend in Kauf, aber auch nichts für eine Verhinderung getan haben. Über 3.000 tote Menschen als "Kollateralschaden", weil man die Legitimation für den Irak-Krieg haben wollte? Ist so etwas auch bei uns denkbar? Bin ich jetzt auch schon bekloppt, paranoid und völlig meschugge geworden? Hat man bei mir erreicht, was man bei den Leuten erreichen wollte? Ich interessiere mich, ich hinterfrage, aber ich spüre oft auch meine Grenze. Dass ich gar nicht "alles" wissen will, weil ich dann überhaupt nicht mehr schlafen, nicht mehr zur Ruhe und auch nichts mehr genießen kann. Aber ich will mich nicht kaputtmachen (lassen), ich will nicht aufhören zu glauben, zu hoffen, zu träumen auch.
Heute Nachmittag waren Herr Blau und ich in der Sonne spazieren, ich habe mir unterwegs einen Kaffee gekauft und zu ihm gesagt: "Ich möchte dieses Leben nicht missen. Ich möchte dieses Gefühl von Freiheit, Sicherheit nicht missen müssen, dass wir auf die Straße gehen können, wann immer wir wollen, dass wir uns einen Kaffee kaufen und in der Sonne schlendern können. Dass uns dabei keine Bomben auf den Kopf fallen oder mir jemand in den Kopf schießt. Aber eigentlich.. wissen wir ja gar nicht, ob nicht schon neben uns jemand steht mit einem Gürtel um den Bauch." Auch Herr Blau hegt ähnliche Gedanken - doch er will sich damit nicht befassen, er will sich auch nicht verrückt machen (lassen). Wie Du sagt er: "Wenn es soweit kommt, dann können wir es auch nicht ändern."
Vor einer Woche bin ich nachmittags allein noch mal in die Innenstadt gefahren. Ich hatte vergessen, ein Rezept einzulösen und das Medikament war aufgebraucht. Natürlich hatte ich von der Sicherheitskonferenz gelesen - aber um die Mittagszeit war noch alles gut. Und als ich nachmittags aus der U-Bahn kam, geriet ich mitten in eine Demo. Ich in einem Kessel aus Demonstranten, rings um diese Absperrzäune und dahinter überall Polizei. Mir hat das Herz wie wild geklopft! Ich habe trotzdem mein Medikament abgeholt - aber ich habe zugesehen, dass ich weg von dort und in eine andere U-Bahn steigen konnte, die mich zurück nach Hause brachte. Die ganze Zeit über hatte ich ein so merkwürdig intensives Gefühl: Gleich fliegt dir irgendwas an oder in den Kopf.
Das ist doch völlig irrsinnig :( Und ehrlich gesagt, das macht mir momentan mehr Angst als diese Partei mit ihren Anhängern.

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Clara, dass eine "öffentliche" Frau in ihrer Position eine solche Äußerung macht, zu deren Umsetzung sie durchaus bereit war, wenn sie nur genug Gehör gefunden hätte, dafür finde ich keine Worte. Ich weiß nicht, ob man jetzt froh sein soll, dass der "Gegensturm" groß genug war, dass sie unmittelbar danach "zurückrudern" musste. Wie ich hier schon schrieb: Ich hoffe ja, dass die Ami's nicht so dämlich sind, den Trump an ihre Spitze zu setzen. Aber ich hoffe auch von unseren Menschen, dass wir nicht so dämlich sind, eine Partei wie diese auch nur den Zipfel einer Macht zu geben.
Und meine Träume... Es ist jeden Tag anders..

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Nana, mein alter Herr sagt Ähnliches. Auch Herr Blau sagt das. Und ich selber versuche mir das auch immer wieder zu sagen. Um mich selber nicht zu behindern. Um mich selber nicht kaputtzumachen.
Noch vor zwei, drei Tagen überlegte ich, mein FB-Konto zu reanimieren, entschied mich dann aber dagegen. Genauso aber muss ich auch besser darauf achten, welche Online-Gazetten ich lese, welche Nachrichten.
Gerade erst las ich in einem Blog "Ja, ich habe auch Angst, aber ich will trotzdem ein bisschen glücklich sein." Ich glaube, das beschreibt am besten, was mich gerade umtreibt.
Herr Blau besitzt 6 oder 8 Staffeln von "Two and a half men". Manche Abende verbringen wir damit, eine Folge nach der anderen zu gucken. Nichts anderes. Keine Nachrichten schauen und auch keine lesen. Und ehrlich? In diesen "Pausen" atme ich wieder richtig auf. Und fahre trotz allem weiter U-Bahn. Gehe trotzdem weiter unter Menschen. Besuche Lokale, so wie gestern. Denke dann nicht an Paris. Aber im Nachhhinein. Ja, wenn es uns trifft, trifft es uns. Nur... Ich will nicht, dass es uns trifft, verdammt. Das Leben ist doch im Grunde was ganz Einzigartiges, was Wunderbares. Warum nur besinnt der Mensch sich nicht darauf??

Und: Deinen Beitrag zu mir habe ich gelesen - na klar hat er mich überrascht und auch echt sehr verlegen gemacht, aber ich danke Dir auch hier noch mal dafür :)

Nana vom See hat gesagt…

Liebe Helma,

ich habe einst ein halbes Jahr in Neuseeland gelebt. Kein Fernsehen. Und es war eine großartige Zeit. Auch heutzutage schaue ich - im Gegensatz zum Vibesbold - ungern TV, allerdings konsultiere ich beinahe manisch Nachrichtenmagazine. Und klar lenke ich damit meine Aufmerksamkeit,... aber möglicherweise weil ich "logische Antworten" auf den Irrsinn suche. Finde ich aber nicht.

Warum Menschen so widerlich, so destruktiv sind? Keine Ahnung. Ich habe allerdings im kleinsten, privaten Rahmen erlebt, dass Menschen mit Hass und Wut und Neid "anders umgehen". Da wird eben lieber dem vermeindlichen Neid-Erzeuger ein Messer in den Rücken gerammt, als dass die Zeit und Energie genutzt wird, an sich selber zu arbeiten. Damit wären wir schon einen Siebenmeilenstiefel weiter von Terror entfernt... Dahinter steckt... Wut? Angst? Ich glaube schon. Amerika hat den Süd-Osten in seiner Gier nach Öl und Rohstoffen übelst traktiert. Kohl, Deutschland hat dabei stets assistierend mitgewirkt. Und die Merkel ist ja fast schon bis zum Anschlag in Obamas Rosette entschwunden. Da dürfen wir uns nicht wundern... Mitgefangen. Mitgehangen. Die durch skrupellose Übergriffe (in meinen Augen: Völkerabschlachten) produzierte Wut kriegen wir jetzt ab. Wir fänden "Syrer" ja auch nicht zwingend schnuckelig, wenn sie uns über Jahrzehnte Familie, Haus und Hof nähmen... Trotzdem erklärt es nicht das Phänomen - in meinen Augen - sein Leben weg zu werfen... für eine martialische Religion. Ich verstehe es ALLES nicht. Ich weiß nur, dass im strukturierten Missbrauch gezielt dissozierende Persönlichkeiten geschaffen werden, die, wenn es von Profis durchgeführt wird, wie Marionetten, auch als Tötungs-Maschinen manipulierbar sind.

Ich glaube, der Mensch wird keinen Frieden finden, solange es den Menschen gibt. Wieder mal irrsinnig schlau *hüstel* formuliert. Und ansonsten können wir uns nur unsere Nischen basteln...unsere kleinen Inseln, in der Hoffnung, die finden sich als begehtbares Festland wieder.

Jo, mein Beitrag... weil ich Dich innerlich und äußerlich stimmig und hübsch finde? Ja, nun, das ist nun so. Ich wollte Dich nicht verlegen machen, eigentlich missbrauchte ich Dein jugendliches Aussehen, um meine Position zu Äußerlichkeiten darzustellen. Mir geht es nämlich mächtig auf den Senkel, wenn ich auf Äußerliches reduziert werde. Schreibe ich halt das nächstes mal: Helma, Du hast soo ein schönes Herz. ;-)