Sonntag, 27. November 2016

Anspruch und Wirklichkeit

Ich hatte nicht nur nie einen Plan. Ich hatte auch nie eine wirkliche Vorstellung von dem, was es bedeuten würde: Kinder haben. Familie haben. Einen eigenen Haushalt haben.
Damals, glaube ich, wollte ich einfach nur weg und völlig neu beginnen. Damals meint 1988 und ich war neunzehn Jahre alt.
Weder hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt gelernt, wie man einen Haushalt führt, wie man kocht und backt noch wie das überhaupt so funktioniert mit dem Leben und dem Lieben.

Zu Beginn der Ehe und damit dem ersten eigenen Hausstand bekam ich ein Kochbuch geschenkt und Rezepte zugesteckt. Dieses Learning by Doing, man kennt das.
Als ich mein erstes Kind bekam, habe ich mir weder im Vorfeld ein Buch über Schwangerschaft und so gekauft und mich auch nicht allumfänglich über dieses körpereigene Mysterium informiert - und später, als der Junge auf der Welt war, auch kein Buch über Erziehung oder dergleichen erworben.
Im Grunde habe ich mich nie wirklich darum gekümmert, was man wie tun sollte oder auch nicht - ich hab einfach immer alles auf mich zukommen lassen und das gemacht, von dem ich meinte, dass es für genau diesen Moment das Richtige wäre.

Sicherlich kannte ich die Indien-Fotos von Herrn Blau's früheren Reisen - aber was mich dort wirklich erwarten würde... Ich wollte es nicht wissen! Mir war es viel wichtiger, völlig unbelastet, völlig unvoreingenommen in diese fremde Welt einzutauchen.

Gestern Abend haben wir im Lokal gesessen, meine Freundin, Herr Blau und ich.
Sie und Herr Blau haben im Vorfeld gegoogelt, was das für ein Lokal sein würde.
Nur ich nicht - warum auch? Sie besaß den Gutschein, wir hätten ohnehin zunächst nichts anderes tun können, als es uns erst einmal anzuschauen.
Sie hatte schon Bauchschmerzen, bevor der Abend überhaupt da war, sie entschuldigte sich bereits zwei Tage zuvor für die Wahl dieses Lokals.
Herr Blau hatte bereits einen Plan B in der Tasche respektive eine Alternativunternehmung für sich geplant.
Und während beide mit ihren eigenen Bauchschmerzen auf dem Weg in der S-Bahn saßen, schaute ich sie an: "Hört auf jetzt. Ihr werdet sehen, das Lokal ist viel schöner als ihr denkt und es wird ein schöner Abend werden."
Und sie schaute mich an: "Ich hätte so gerne deinen Optimismus."
Vielleicht ist das gewählte Lokal keines, das wir wieder besuchen würden.
Vielleicht ist das gewählte Lokal auch keines, das wir unbedingt weiterempfehlen würden.
Aber es war ein gutes Lokal, es war ein gutes Essen - und es war ein fröhliches Zusammensein.
Bis hin zu den ernsteren Themen.
Bis hin zu der Frage, ob man als Mama vom Kind genervt sein darf; ob man so denken und so fühlen, ob man das dann überhaupt auch sagen darf.
"Ich bin gerade so genervt. Und dann tut es mir wieder leid, weil es so ungerecht ist."
"Warum denkst du, dass es nicht okay ist, auch mal genervt zu sein?"
"Weil sie nichts dafür kann."
"Warum findest du es falsch zu sagen: Lass mir mal zehn Minuten für mich, ich kann gerade nicht zuhören, mitmachen, ich brauch mal eine Pause?"
"Weil ich sowieso schon viel zu wenig Zeit habe."

Ich frage mich... Ist es entscheidend, wie viel Zeit wir miteinander verbringen? Oder ist es nicht eher entscheidend, wie wir sie miteinander verbringen? Warum glauben wir, dass wir immer positiv, zuversichtlich, höflich, rücksichtsvoll, verständnisvoll und freundlich sein müssen - und warum glauben wir, dass wir uns die negativen Gefühle nicht erlauben dürfen, auch wenn es um die Menschen geht, die wir am meisten lieben?
Weil uns zu oft gesagt wird, wie wir sein dürfen und wie nicht?
Weil uns zu oft in Werbespots oder Foren gezeigt wird, wie eine Mama zu sein hat? Wie gut sie alles jongliert und dabei stets gut drauf ist oder sich maximal eine Haarsträhne aus der Stirn pustet, wenn keiner hinschaut? Weil mit dem richtigen Joghurt, der Milchschnitte oder dem guten Mixdrink für einen intakten Darm auch Mum's World wieder ausbalanciert ist? Und es Tena Lady gibt, falls Du Dir doch irgendwann mal in die Hosen machst? Weil wir alle unsere Schwächen haben - und es aber zu peinlich ist, darüber zu sprechen, es zuzugeben?
So wie kaum eine Mama zugibt, dass sie vom Schreien ihres süßen Babys restlos genervt ist; dass sie wochenlang nicht aus den Schlabberklamotten rauskommt, solange sie nicht muss; dass sie mit Bastel- und Handarbeitskursen nichts anfangen kann, weil sie viel lieber mal wieder abends ausgehen und die Blicke auf sich ruhen lassen möchte; dass sie eben gerade jetzt nicht tanzen, Plätzchen backen oder mit dem Kind aufs Klo gehen möchte, nur weil das Kind nur mit der Mama ("Papa, du nicht!") machen will - einfach nur, weil gerade die Stimmung nicht passt.
Es gibt sie ja immer noch, die anderen Momente, in denen wir geduldig zuhören, die Gutenachtgeschichte zum zwölfunddrölfzigsten Male vorlesen, die ewigen "Und warum?"-Fragen beantworten, aufgeschlagene Knie verarzten und bei Streitereien trösten, mit ihnen lachen, staunen, träumen.
Ich glaube, das Wichtigste für ein Kind ist, dass es sich geliebt fühlt und dass es darauf vertrauen kann, dass Mama da ist, dass Papa da ist - oder einer von beiden.
Zeit miteinander finde auch ich unglaublich wichtig - aber genau wichtig empfinde ich auch Zeit für sich selbst. In denen wir etwas nur für uns tun. Was können wir schon geben, wenn wir selber leer sind?
Ich persönlich glaube, dass man unbeschwerter leben kann, wenn man nicht alles verplant, Erwartungen aufbaut und damit einen Hang zum Perfektionismus entwickelt, der einen eher starr und unflexibel macht, weil das Leben am Ende... sowieso meist anders kommt als gedacht - und dann steht man da und hadert mit sich und allem und zerfrisst sich in dem unermüdlichen Ehrgeiz..
Mir persönlich ist es immer noch völlig wurscht, wie es andere machen, ob man einen Plan haben muss, ob man weniger träumen und mehr leben muss, ob alles in einen Rahmen passen oder man auch mal aus diesem fallen darf.
"Ich wünschte, ich hätte deinen Optimismus", sagt sie.
"Ich wünschte, ich hätte deine Gelassenheit", sagt er.
Ich wünschte, ich hätte ihre Disziplin.
Ich wünschte, ich hätte seinen Ehrgeiz.
Am Ende aber... sind wir immer nur wir selbst - und ich finde, dass man sich ja durchaus auch ergänzen kann. Wenn wir alle planlos wären, wäre es vermutlich das Ende der Welt.
Aber wenn wir alle nur noch planen und perfektionieren, dann... wäre es vermutlich das Ende der verträumten Seele. Und das wäre für mich persönlich... eben auch nichts.

Not my Copyright - aber ich weiß leider die Quelle nicht :)

Kommentare:

JULiANE hat gesagt…

<3

Frau Vau hat gesagt…

Genau so... danke!

Schneeweiß Nachtschwarz hat gesagt…

Klasse!!

Anna hat gesagt…

So wahr!

Modewerkstatt Heike Tschänsch hat gesagt…

Hallo Helma,
das hast du schön geschrieben und damit sprichst du bestimmt vielen aus der Seele.
Natürlich kommt man nicht drum herum, das eine oder andere zu planen, aber viele machen sich das Leben unnütz schwer, in dem sie alles akribisch planen und schier in einen `Kontrollwahn´ verfallen.
Ich lasse das Leben gerne auf mich zukommen und mag Menschen, die auch mal aus dem `Rahmen fallen´.
Alles Gute wünscht dir
Heike

Nila hat gesagt…

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Du sprichst mir aus der Seele.
Habe bei deinem Artikel immer wieder beipflichtend genickt.
LIebe Grüße und noch eine schöne Woche
Nila