Sonntag, 20. November 2016

Head Full Of Dreams



Ich ging noch in den Kindergarten, als man über mich sagte, ich hätte eine sehr ausgeprägte Phantasie. All die Dinge, die Sehnsucht, Liebe, einfach Gutes versprachen oder zu versprechen schienen, zogen mich magisch an.
"Bist du sicher, dass du das Kind deiner Eltern bist? Du bist ganz anders als deine Familie."
In den ersten Jahren habe ich viel allein zu Hause gesessen, gemalt, gelesen, geschrieben, irgendwas, irgendwelche ausgedachten Geschichten. Ich hatte auch nicht viele Freundinnen. Nie mehrere gleichzeitig. Manchmal auch gar keine Freundin.

Das erste Mal verliebt habe ich mich mit fünfzehn.
Den ersten richtigen Freund hatte ich mit sechzehn.
Geheiratet habe ich mit neunzehn und meinen ersten Sohn mit zwanzig bekommen.
Irgendwie war das ganze Leben, das ganze Lieben gar nicht so wie ich mir das erträumt hatte.
Zuviel Zwang, zuviel Pflicht.
Zu wenig Freiraum. Zu wenig Freiheit. Zu wenig ich.
Zu wenig Raum für das Träumen, für die Sehnsucht.
"Das, was du willst, gibt es nur im Film."

Irgendwann stellte ich fest, dass ich viel zu lange nicht mehr gemalt, nicht mehr geschrieben habe.
Zeit verloren, aufgegeben.
Was mir immer blieb, war die Musik.



Zu Weihnachten 2001 bekam ich eine CD geschenkt.
Von diesem Moment an begann ich Musik zu sammeln.
Musik, die meine Träume erwachen ließ.
Musik, die meine Träume immer deutlicher werden ließ.
Es war das letzte Jahr meiner Ehe.
Nach neun Jahren innerem Kampf - Gehen oder Bleiben? Innerer Kampf der Kinder wegen.
Kann man einfach aufhören und weggehen, wenn man Kinder hat?
Darf man an sich denken?
Muss man an sich denken?
"Es ist auch Verantwortung, die Kinder glücklich zu machen. Aber ich kann das nicht. Ich kann überhaupt niemanden mehr glücklich machen, weil ich es selbst nicht bin."
Ich habe mich für das Gehen entschieden, nach einer Begegnung, die mir deutlich gemacht hatte:
Das, was ich möchte, das, wie ich mir mein Leben und das Lieben vorstelle, das gibt es nicht nur im Film - ich bin nur nicht am richtigen Platz.

Für den Traum in meinem Kopf, für diese Sehnsucht in jedem Zentimeter von mir habe ich mich herausgelöst aus einer scheinbar sicheren Ehe. Maximal ein finanziell sicherer Hafen.
Aber was ist das schon - dieser finanziell sichere Hafen, wenn das Ich erstickt?
Für den Traum in meinem Kopf, für diese Sehnsucht in mir habe ich in Kauf genommen, ganz von vorn zu beginnen. Bin in eine Wohnung gezogen, lediglich mit ein paar Kartons voller Sachen, einem Bett und einem Kleiderschrank. Und meiner Musikanlage!
Diese erste Wohnung, dieser erste Weg in die Freiheit.
Mein erstes Keramikgeschirr, das ich mir in den Sonnenfarben gekauft habe. Abgezählt wie alles andere auch, weil das Geld nicht reichte. Nur das Allernotwendigste - aber das auch genau so, wie ICH mir das wünschte und vorstellte. Das Klappsofa der Freundin. Das Bild von IKEA - über einen Meter groß in rotem Rahmen und einem bunt gemalten Herz. Eigentlich zu teuer - aber das habe ich mir gegönnt - und stellte es auf den Fußboden gleich neben der Tür. Damit ich nie mehr vergessen würde, was das Ziel war.
Nachts habe ich so oft wach gelegen, das Album "Come away with me" gehört und mein Herz bis in die Schläfen pochen spüren.
Ich war frei. Scheinbar frei. Die Fesseln abgerissen, die Spuren noch zu sichtbar auf der Haut - und tief unter der Haut.
Der neue Weg fühlbar, nur noch nicht sichtbar. Nur einem war ich mir sicher: Alles, nur nicht mehr zurück. Nie mehr. Lieber allein als noch einmal so leben zu müssen.

Vor einigen Tagen las ich in einem Kommentar die bittere Frage, wozu schmerzhafte Erfahrungen gut seien.
Ich denke, das kann nur jeder für sich selbst herausfinden. Ich würde lügen, würde ich behaupten, mir nicht auch oft genug gewünscht zu haben, die eine oder andere Erfahrung nicht gemacht haben zu müssen. Vor allem in all diesen schlaflosen Nächten mit dem Kissen zwischen den Zähnen, damit die Kinder das Weinen nicht hörten. Und ich wüsste auch nicht zu sagen, ob all diese schmerzhaften Erfahrungen einen besseren Menschen aus mir gemacht haben. Vermutlich nicht, und das denke ich tatsächlich. Jedoch eines haben sie mich gelehrt: Jede einzelne Begegnung ist dafür gemacht, etwas in uns zu bewegen. Damit wir uns bewegen. Wenn wir nur zuhören, wenn wir auch annehmen.
Jede einzelne Begegnung ist dafür gemacht, etwas in uns auszulösen, aber es liegt ganz allein in uns selbst, was wir daraus machen, was wir für uns mitnehmen.
Für mich hat es bewirkt, die Richtung meines Lebens völlig zu ändern, ganz von vorn zu beginnen - und ich kann es beschwören: Nicht eine einzelne Sekunde seit jener Entscheidung habe ich je diesen Schritt bereut. Ganz gleich, was danach noch kam. Ganz gleich, wie es kam.
Schaue ich heute, beinah vierzehn Jahre zurück, dann sehe ich: Jene Begegnung und die Musik-CD waren dafür gemacht, endlich meine Entscheidung zu treffen. Sie war aber nicht dafür gemacht, meinen weiteren Weg zu teilen - und inzwischen ist mir klar geworden, dass das alles auch gut so war. Wir wären nicht glücklich geworden damit.
Nicht jede Begegnung, die tief geht, ist dafür gemacht, für immer zu bleiben. Aber das.. muss sie im Grunde eben auch nicht.
Es ist aber auch so, dass wir am ehesten über uns lernen, wenn es schwierig wird. Es ist so leicht, in sonnigen Zeiten miteinander zu sein. Die Liebe zu leben und zu schwören. Darauf gebe ich heute nichts mehr. Für mich hat heute nur noch Bedeutung, was in dem Moment geblieben ist, als es schwierig wurde.
Habe ich mein halbes Leben lang an mir gezweifelt und mir erfolgreich einreden lassen, dass ich allein nichts tun, nichts bewegen, nichts erreichen, einfach nichts wert sein würde, so weiß ich heute umso mehr, dass dem so gar nicht ist. Ganz im Gegenteil.
Ich kann nicht fliegen. Doch wenn ich meine Augen schließe, dann kann ich es! 
Für mich bedeutet diese Erkenntnis sehr viel mehr, als es auf den ersten Blick scheinen mag.
Für mich bedeutet diese Erkenntnis, dass nicht alles in meinen Händen liegt. Aber das, was für mich wichtig ist, das liegt in meinen Händen - und nur dort.

Gestern las ich in einem Blog über den zarten Beginn einer Beziehung, die für einen Anfang ziemlich viele Fragen stellt. Fragen aus dem Kopf, keine Fragen aus dem Bauch heraus. Oder doch?
Was ist es, das uns treibt? Vorantreibt? Weitertreibt?
So individuell, wie wir Menschen sind, sind auch die Farben unserer Träume, Wünsche, Vorstellungen und Ziele. Jeder einzelne hat seine eigene Richtung.
Dennoch: Ich habe mich das nie gefragt und ich möchte mich auch niemals fragen, ob und wer meine Träume und Wünsche bezahlt. Ob ich jemanden neben mir habe, der den Preis meiner Träume und Wünsche mitbezahlen kann. In meinem Kopf sind noch immer so unendlich viele Phantasien, dass unerfüllbare Träume nicht sterben müssen, sondern einfach nur... ihre Farbe, ihre Form ändern.
Viel wichtiger als der materielle Traum ist für mich... der Reichtum in der Seele. Die unfassbare Fülle, die die Realität nicht nehmen darf. Und wenn ich mir eines im Leben wünsche, dann einen Menschen, der meine Seele füttert. Für diesen Reichtum ist nicht wichtig, ob ich in Paris auf dem Eiffelturm stand, in Australien mit Nemo schwamm oder in New York Carrys Spuren folgte. Für mich sind das lediglich... Meilensteine. Aber das... kann natürlich nur jeder für sich selbst entscheiden. Es ist nur so, dass es mich zuweilen nachdenklich macht.
Und ich bin dankbar, dass ich es offenbar Herrn Blau wert war, dass er einige Farben und Formen seiner Träume.. für mich änderte.

Kommentare:

amorsolalex hat gesagt…

Ich musste über den Abschnitt nachdenken, in dem es um die schlechten Erfahrungen geht und dass auch sie uns in Bewegung bringen. Ich für mich habe das oft anders empfunden. Die schlechten Erfahrungen haben mich eher erstarren lassen. Auch dann noch, wenn die Erfahrung längst vorüber und der betreffende Mensch längst nicht mehr Teil des eigenen Lebens war. Erstarrt in einer Schutzhaltung, die verhindern soll, diese Erfahrung noch einmal machen zu müssen, die aber oft genug auch alle anderen Erfahrungen verhindert. Es ist harte Arbeit, sich daraus wieder zu lösen und wieder in Bewegung zu kommen, wieder Bewegung zuzulassen, auch wenn diese wieder schlechte Erfahrungen bedeuten könnte.

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Diese Schutzhaltung.... Dieser Kokon, in den man sich hüllt.. Mein Großer hat mir in der Hinsicht einiges voraus, weil er jetzt schon mit 26 weiß, wie er sich schützen kann. Ich in dem Alter wusste das noch so gar nicht, nicht mal 10 Jahre später hatte ich das begriffen.
Diese Erfahrungen... Weißt Du, wenn ich vorher gewusst hätte, was auf mich wartet, dann hätte ich vielleicht anders entschieden. Dann hätte ich diesen Sprung womöglich nicht gewagt. Und auch nach dem Sprung habe ich oft mit mir gehadert. Nicht weil ich je daran gedacht hätte, zurückzugehen. Aber gehadert mit mir selbst.
Heute weiß ich, dass ich vieles von meiner Unbeschwertheit verloren habe. Aber ich bin trotzdem froh, dass ich immer weitergegangen bin. Dass ich immer weiter wollte und nur nie niemals zurück. Heute weiß ich, wie viel Kraft in mir liegt, was ich allein bewegen kann - und dass ich auch allein leben kann, ohne dass es mir damit schlecht ginge.
Heute weiß ich, auf was ich bauen kann oder nicht (ich wähle bewusst nicht "vertrauen", denn das... fehlt mir bis heute).
Heute bin ich dankbar für Begegnungen, die mich bis hierher gebracht haben, weil alles andere mich vollständig zerstört hätte. Für die Begegnungen, die mir zeigten: Das, was du willst, gibt es wirklich. Tu was dafür, mach was dafür.