Dienstag, 19. September 2017

"Es ist dein Leben, das nicht zu diesem Ort passt."



"Dieser Ort passt nicht zu meinem Leben."
"Es ist dein Leben, das nicht zu diesem Ort passt."

"Warum singt er ihnen was vor, Onkel Henry?"
"Für ihn gibt es nicht nur Sonne und Regen.
Auch die Balance und Harmonie sind wichtig."




Manchmal denke ich, dass ich zuviel Zeit habe, wenn ich Zeit habe. Dann denke ich von einem ins andere, vom hundertsten ins tausendste - doch meistens geht es mir gut dabei. Dann wühle ich alte, verstaubte und auch noch nicht ganz so alte Träume und Wünsche wieder hervor, betrachte sie im Sonnenlicht wie unter Glas, mit einem zusammengekniffenen Auge und schiefem Mund, ganz konzentriert - und dann frage ich mich: Ist JETZT dieser richtige Zeitpunkt?
Gibt es einen richtigen Zeitpunkt - oder verpassen wir all das, was wir wollten, während wir darauf warten, dass der perfekte Moment eintreten möge?

Inmitten allen Geschehens möchte ich mich treiben lassen - einfach so, wie ohne Zeit und Raum, und dann möchte ich mich davon auch nicht abbringen lassen.
Ruhe genießen, wenn Ruhe ist.
Ich muss nicht auf den höchsten Berg steigen und auch nicht in das tiefste Meer tauchen, ich muss mich nicht aus Wolken werfen und mit giftigen Tieren um die Wette laufen.
Ich verfalle nicht in Trübsinn, wenn es in den wenigen Tagen des Urlaubs regnet; stattdessen hole ich mein Spiel hervor und strecke mich wohlig aus. Natürlich kann ich das auch zu Hause. Man kann alles zu Hause oder an einem anderen Punkt der Welt machen. Aber man muss nicht alles machen.
Vielleicht ist es mein Manko, zu wenig Ehrgeiz für das immer höher und das immer weiter wollen zu haben.
Vielleicht ist es aber auch ein Pluspunkt, in einer Zeit wie dieser, die gefühlt immer schneller zerrinnt, anhalten und stehenbleiben, sich umschauen zu können. Wahrzunehmen. Zu hören. Zu riechen. Zu schmecken. Und befinden zu können, was davon gut für mich ist und was nicht - und sich nicht unter Druck zu setzen mit all dem, das man nun noch nicht getan hat.

Insofern ließ ich mich gestern auch so gar nicht von der "selbst gemachten" Hektik des Büros anstecken, ich ließ auch nicht zu, dass angespannte Stimmungen gleich einem mittleren Hurrikan über mich hinwegfegen und mich beugen würden. Und auch altbekannte Vorwürfe "Ich bin der Dümmste von allen, denn IHR macht alle einfach Urlaub" liefen an mir vorbei, einfach so, auf Wiedersehen, gute Reise.
Ich will nicht, also tu ich nicht. Ich gebe zu, es fällt mir oft genug schwer, mich zu disziplinieren, mich zu ermahnen. Vermutlich muss es die Macher unter uns geben, die die Entwicklungen, die Wirtschaft und was weiß ich noch alles vorantreiben. Da ist für die Träumer kaum mehr Platz. Weil sie unproduktiv sind und keinen Gewinn erbringen. Glaubt der Macher. Glaubt er zu wissen.
Und verwechselt Träumerei mit Faulheit, mit Antriebslosigkeit. Während der Träumer weiß, dass er seine Energie aus genau den kleinen Inseln zieht, die er rings um sich herum erschaffen kann.
In den letzten zehn Jahren war ich sehr oft krank, die Muskulatur, der Magen, der Bauch, die Lunge.
Im Gegenzug war ich erfolgreicher als je zuvor, erarbeitete mir Position und Verdienst - und verlernte beinah das Träumen. Verlor mich beinah, weil ich mich mitreißen ließ in einem Strudel aus permanenter Erreichbarkeit, Arbeit bis spät in die Nacht, Aufstehen halb zwei Uhr morgens, weil man aus einem Traum hochgeschreckt ist und sich fragt: "Habe ich dieses und jenes schon beantwortet und erledigt? Habe ich dies und jenes richtig bedacht und getan?" und schaltet den Rechner ein, prüft, nur um zehn Minuten später erleichtert zwischen Decke und Laken zu kriechen, während der Schreck noch immer schmerzhaft in den Schläfen pocht.
Im Moment stehe ich auf dieser Position, ich entwickle mich nicht weiter - und ich bin unschlüssig.
Könnte ich noch weiter? Würde ich noch weiter wollen - und was wäre der Preis dessen?
Die Gesundheit opfern für den Erfolg?
Früher habe ich mich oft gefragt, ob ich einfach auch nicht stark genug bin, wenn ich all das nicht abfedern kann. Doch dann betrachte ich die Macher um mich herum - und sehe: Es geht ihnen am Ende genauso wie mir.

Vermutlich ist es eine Frage des Alters, dass ich mir die Frage stelle: Will ich so immer noch weiter, will ich etwas ganz anderes - und was davon will ich wirklich? Manchmal verblassen diese Fragen und manchmal leben sie umso deutlicher wieder auf, als würden sie in großen roten Lettern an die weiße Wand vor mir gemalt.

Möglicherweise warten wir alle mehr oder weniger auf den Anlass, die Chance, die uns ermöglicht, hier auszusteigen und an dem anderen Ort... wieder einzusteigen. Wohl wissend im Grunde, dass wir es selbst in die Hände nehmen müssen, wenn wir etwas verändern wollen.
Es gibt schon Dinge, in denen ich ausgesprochen spontan und vielleicht auch unüberlegt handelte.
Aber in den wirklich - für mich - elementaren Dingen lasse ich mir die Zeit, die ich brauche. Ich kann nur in meinem eigenen Tempo gehen.

Montag, 18. September 2017

Gut gegen Nordwind



Gestern nun sind wir zurückgekehrt, nach einigen Tagen Auszeit. Lange schon geplant und dennoch gerade irgendwie zum genau richtigen Zeitpunkt.
Und während der Mann sich in den visuellen Motorsport vertieft, versinke ich in den Weiten der Musik. Und muss bei diesem Video hier unwillkürlich lächeln. Ungefähr so hat es ausgesehen, als ich am Samstag zum Mann sagte "Lass uns Sonntag schon früh heimfahren, dann können wir den Sonntagabend entspannt ausklingen lassen" (Wie ewig lange hab ich mich eigentlich nicht mehr in der Badewanne geaalt? Viel zu lange nicht, wie mir schien.) Und er antwortete: "Wenn du so früh fahren willst, musst du aber heute noch alles packen." Das versprach ich und meinte es auch vollkommen ernst und ehrlich. Und dann kam mir die Musik dazwischen. Die mich dazu brachte, ähnlich durch das Zimmer zu tanzen, zu singen, die Sachen zwar zu sortieren, was kommt in welche Tasche und so weiter - aber das Einpacken selbst...
Jedoch fühle ich mich im Moment.. leichter, unbeschwerter, losgelöster von allem und ähnlich der Empfindungen nach dem Indienurlaub im letzten Jahr wünsche ich mir, diese Leichtigkeit einfangen und ein wenig bei mir behalten zu können.
Stimmungen wie gestern Abend zwar zu erfassen, aufzufangen, mich davon jedoch nicht niederbeugen zu lassen, sondern einfach zu sagen: "Oh du hast grad miese Laune, dann lass mal gut sein", mir alsdann die Kopfhörer auf die Ohren zu schieben und mich unbekümmert in die Musik zu vertiefen. Das gelingt mir auf diese Weise selten genug ;)

Dafür habe ich in den nur wenigen freien Tagen seit langem auch wieder ein Buch gelesen. Nein, es waren zwei Bücher - was für meine zuweilen (selektiv) nachlassende Konzentration tatsächlich viel ist.
"Gut gegen Nordwind" - ein Buch, das alles Erlebte, alles Fühlende, alles Denkende zweier Menschen ausschließlich in ihren Mailwechsel verpackt, die sich ungeplant und lediglich aufgrund eines Tippfehlers in der E-Mail-Adresse virtuell begegnen - und bald darauf feststellen, dass diese Art der Kommunikation durchaus.. ihre Reize hat.
Eine Buchform, mit der ich mich zunächst etwas schwer tat. Ich bin ein Augenmensch, der will erfassen, erspüren, berühren, wahrnehmen, riechen, schmecken. Selbst das nur geschriebene Wort, das vor meinem inneren Auge Begegnungen entstehen lassen kann, genügt hierbei. Wenn dieses geschriebene Wort es vermag, eben jene Begegnungen vor meinem Auge ablaufen zu lassen, das Aufeinanderzu, das Einandererkennen, das Lächeln, das Reden, ja selbst den Klang meine ich hin und wieder wahrnehmen zu können.
Gut gegen Nordwind erreichte in mir, jenen Zauber einer noch nicht real erlebten Begegnung zu erschaffen, mich wieder zu erinnern, wie war das eigentlich bei mir, solange mir ein Mensch noch nicht real begegnet war und es auch noch kein Foto hin und her gegeben hatte.
Ich lächelte, weil ich daran dachte, wie oft und wie sehr ich mir zuweilen den anderen Menschen vorgestellt hatte. Einfach nur anhand seiner Möglichkeit, sich auszudrücken, Worte zu wählen, die etwas in mir berührten, anklingen ließen. Ihn an den Farben seiner Seele erkennen zu wollen.
Dass mir das immer so gelungen wäre, kann ich nicht sagen. Ganz im Gegenteil. Wie oft bin ich an den Abenden in die Stadt gefahren, vollkommen erfüllt von dem Gedanken, nun jenem Menschen real zu begegnen, den Zauber nicht nur aufrechtzuerhalten, nicht nur auch in der realen Person zu finden, sondern vielleicht auch.. dem Gleichklang zu begegnen, festhalten...
Und dann steht man dem anderen Menschen gegenüber und ist verwundert ob der Leere im Gesicht, in den Augen des anderen. Und dann sucht man, wo war jene Farbe, wo war jener Klang, wie hat er solche Gedanken in jene Worte fassen können, die mich tagsüber lächeln und in der Nacht das Herz klopfen ließen? Dann schaut man dem anderen in die Augen und spürt: Ich kann da nicht eintauchen...
Wie oft bin ich heimgefahren, ein wenig ratlos, ein wenig enttäuscht, ein wenig mutlos mit dem Gefühl dieser zarten Flügelchen, die sich nun zerdrückt und unordentlich an die Schultern pressten.

Mit meinen allerersten Internetauftritten lebte ich noch die Überzeugung, sich zunächst ein ganzes Weilchen, vielleicht ein paar Wochen oder auch wenige Monate zu schreiben, weil ich glaubte, ich müsse erst (zwischen den Zeilen) herausfinden, wer der andere war. Doch je öfter ich diesem Trugschluss unterlag, desto eher gewöhnte ich mich daran, Menschen nicht nach einer mir auferlegten Zahl von Wochen zu begegnen, sondern dann, wenn es sich ergab - und die Neugier auf den anderen ohnehin ausreichend groß geworden war.

Und dennoch... Das Buch erinnerte mich an so viele Abende, ausgestreckt auf meinem Bett, neben mir immer eine Tasse wunderbaren Kaffees oder auch einer heißen Schokolade, zurechtgemacht, obschon das doch ohnehin niemand sehen konnte (aber es machte das eigene Wohlfühlen um so vieles größer), mit aufgeregten rosa Wangen und glänzenden Augen und fast immer einem Lächeln im Gesicht. Es hat so unfassbar viel Spaß gemacht, so vielen Menschen begegnen zu können, so vielen unterschiedlichen Menschen zu begegnen, sich ihnen zu widmen oder sie sich mir, sich auszutauschen über Gott und die Welt, über alle möglichen und unmöglichen Dinge, die man sonst kaum zu fragen wagt, und im Kopf immer diese Idee, diesen Traum, diesen Wunsch zu haben: Eines Tages finde ich ihn... oder er mich.

Auf die Empfehlung des Buches hin kaufte ich mir für den Urlaub alle beiden Bücher - und hernach befragt, musste ich gestehen: "Mit dem Eintritt in die Realität, mit dem Eintreten aller Konsequenzen verblasste der Zauber.. Nein, langweilig empfand ich das zweite Buch nicht, aber eben... entzaubernd irgendwie. Das erste Buch passte durchaus mehr in meine romantischen Verklärungen ;) Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier ein HappyEnd her musste, aber eigentlich nicht gesollt hätte. Schwierig zu beschreiben. [...] Aber ein Leben hat nicht immer ein HappyEnd und es ist trotzdem gut so wie es ist."
"Ach du Romantiktante", antwortete mir die Freundin und ich konnte ihr Schmunzeln deutlich vor mir sehen.

Vielleicht... ist es ja einfach auch die Tatsache, dass er einmal mehr begonnen hat, der melancholische Herbst. Da werden nicht nur all die Farben und die Klänge weicher, da fühle auch ich mich... eben anders. Und kein bisschen schlechter.

Mittwoch, 6. September 2017

Raindrops Keep Falling On My Head


"Excellent work, Parker. Keep it up!"
Ich hab mir dieses Video, das ich bis soeben gar nicht kannte (weil ich auch die Filme nicht kenne), ziemlich bewusst ausgewählt. Weil mir diese Szenen so bekannt vorkommen. Dass immer irgendwas schiefgeht, ob nun auf charmante Weise oder nicht.

Manchmal, wenn mir etwas langweilig ist (ha ha) und es mir grad "unterkommt", lese ich Horoskope. Meins versicherte mir, dass das Tal vorbei, überwunden sei - und jetzt die goldene glückliche Zukunft vor mir liegt. Jaaahaaa, ich weiß, Horoskope sind Quatschscheiße. Ich nehms ja auch nicht ernst. Aber ich musste trotzdem dran denken, als ich gestern Nachmittag durch die Tür meiner Ärztin auf die sonnengeflutete Straße trat, mich in Black Beauty setzte und dann eine halbe Stunde nur da saß und weinte, weil ich so überhaupt gar nicht auf Aussagen wie "deutliche Gewebeveränderung" und "Krebsvorstufe" vorbereitet war. Und weil ich vor allem nicht wollte, dass meine Jungen mich so sehen. Weil ich ihnen zu diesem Zeitpunkt auch noch gar nichts davon sagen möchte. Ich will sie nicht belasten mit Dingen, von denen momentan noch völlig offen ist, was es zukünftig für mich bedeutet.

Eins kann ich versprechen: Egal, wie das hier ausgeht, dieser Blog hier wird kein Zeitdokument werden, das alle möglichen und unmöglichen medizinischen Details oder körperliche Veränderungen oder gar einen körperlichen Verfall protokollieren wird. Ich kann es verstehen, wenn andere Menschen Krebsblogs führen, ob nun als Blog oder bei FB - aber für mich ist das nichts.
Als mich vor zwei Tagen von einem Freund, den ich seit 13 Jahren kenne, die Message erreichte "So Sonne, der Dicke ist jetzt in Hamburg angekommen", da musste ich lächeln, weil mir wieder einfiel, wie oft ich zu jener Zeit trotz aller Belastung von verschiedenen Menschen als "Sonne" bezeichnet wurde. Zwar hat das schon lange keiner mehr zu mir gesagt - und vielleicht ist man ab einem gewissen Zeitpunkt einfach auch raus aus diesem "Alter", wo einem sowas Schönes gesagt wird :) - aber mir läge zumindest doch einiges daran, lieber als Sonne als als Schatten empfunden zu werden.
Auch wenn mir durchaus bewusst ist, dass dieser Blog insbesondere in den ersten Jahren - meinem Empfinden nach - wesentlich locker-flockiger geklungen hat als er dies seit den letzten Jahren tut.
Aber nu ja, Leben ist eben nicht nur, dass einem die Sonne aus dem Allerwertesten scheint - und wer einen nur in Sonnenzeiten begleiten kann oder will, auf den ist dann auch insgesamt geschissen. Sage ich jetzt so direkt wie ich es denke und verzichte auch an dieser Stelle auf meine gewohnt blumigen Umschreibungen.

Den Rest gab mir gestern Abend mein Ex. Wir haben schon lange keinen direkten Kontakt mehr zueinander, seit unser beider Handynummern sich änderten - und ich verzichte wohlweislich darauf. All die Jahre hat sich immer und immer wieder bewiesen, dass ich mich auf ihn nicht verlassen kann, dass er nur Stress bedeutet und alles, was aus seinem Mund kommt, nichts als heiße Luft bedeutet.
Im Gegenzug empfand ich die gestrigen Äußerungen, die Sohn I am Abend mit heimbrachte, als einen Tritt in den Magen. Er lässt sich feiern, wie toll er als Vater für seine Söhne sorgt und ich musste mich fast erbrechen: Wo tut er es? Wie tut er es? Passiert vielleicht doch mehr als ich weiß?
Sohn I schweigt, Sohn II schüttelt den Kopf: "Ich bin so froh, dich als Mum zu haben. Sonst hätte ich hier gar niemanden. Er fragt ja nicht mal, wie es uns geht und wie wir hier so zurechtkommen."
Aber Hauptsache, so ein Mensch will vorgeben, was ich wie zu tun hätte, weil "kann doch deine Mutter machen, die hat doch Zeit." Die Mutter, die 420 Kilometer weit weg wohnt - und nicht 12 wie er. Hauptsache, so ein Mensch kann sich vor Sohn I aufbauschen: "Ich hab mich all die Jahre zurückgehalten und keinen Kontakt zu deiner Mutter gesucht. Damit Ruhe ist. Wenn aber irgendwas mit dir oder [Sohn 2] passiert [wegen den aktuellen Plänen wegen Sohn 2 und C], dann steh ich bei deiner Mutter auf der Matte, dann lernt die mich kennen, dann mache ich ihr das Leben zur Hölle." Wie lustig. Das macht er doch schon seit 14 Jahren.
Ich erinnerte mich an die Worte meiner Thera vor sieben Jahren: "Sie sollten endlich mal mit Ihrem Ex abrechnen. Ihm einen Brief schreiben und mal alles rauslassen." Und dass ich daraufhin abwinkte "Geschenkt. Ehrlich. Es ist schade um meine Energie. Weil es zu nichts führen würde außer zu noch mehr Stress."
"Aber es würde Ihren Kopf erleichtern."
Ich bin mir dessen nicht sicher, auch heute nicht. Aber nach gestern wünsche ich ihm einfach nur mal... einfach nur die Rechnung für all die 14 Jahre, für all den Dreck insbesondere den Jungen gegenüber. Es wird wohl ein frommer Wunsch bleiben.
Ich denke, man kann mir einiges nachsagen, auch ich habe meine dunklen Seiten. Aber eins lasse ich mir nicht nachsagen: Dass ich eine Versager-Mutter bin. Erst recht nicht von so einer dummfrechen Hohlbirne. Sorry, aber auch das muss ich jetzt so rauslassen. Ich kenne kaum einen Menschen, der so hohl ist - und ausgerechnet so einen habe ich einst ausgesucht und zum Vater meiner Kinder gemacht.
Das ist die größte Verantwortung, die eine Frau hat: Es ist nicht wichtig, ob und wie viel ein Kind zum Spielen und zum Anziehen hat. Es ist entscheidend, wen man sich als Vater seiner Kinder aussucht. Leider habe ich auch da in den größten Scheißtopf gegriffen. Ein glückliches Händchen besitze ich offenbar nicht.

Nächste Woche habe ich eine Woche Urlaub. Bis dahin muss noch einiges organisiert werden, weil ich mir für diese eine Woche Urlaub, die erste seit Jahresbeginn, vor allem nur eines wünsche: Ruhe und ausspannen. Und neue Energie und Zuversicht sammeln für das, was auch immer noch kommen mag.

Montag, 4. September 2017

Fliegende Container



Der Kopf ist schon ein Mysterium für sich. Unendlich vieles, das tief im Bewusstsein verankert ist, so tief, dass es uns lenkt, obschon wir uns an Vergangenes mitunter gar nicht mehr erinnern (wollen).
Und zugleich unendlich vieles, das wir im Tageslicht ausblenden und das sich nachts hinter unsere Stirn schleicht, so dass wir uns entweder ruhlos in den Laken wälzen oder von Bedrohungen, Mord, Überfall oder auch Krieg träumen.

In der Nacht von Samstag zu Sonntag träumte ich komische Dinge. Der Mann und ich und - ich glaube - meine Eltern (ich bin nicht mehr sicher, ob sie es waren, aber es waren zumindest in jedem Fall Menschen, die eine Bedeutung für mich haben), wir saßen in einer Holzhütte mit kleinen Fenstern, aus denen wir dann und wann schauten. Der Blick nach vorn gerichtet führte auf einen Hof und Wiese. Der Blick aus dem hinteren Fenster gerichtet führte auf riesig aufgefüllte Sandhaufen, auf denen Bagger standen oder fuhren. Und dann sah ich sie geflogen kommen: riesige, tonnenschwere Container, die von den Sandhaufen stürzten, durch die Luft flogen und rechts, links, mittig vor dem Haus kraftvoll in die Erde schlugen.
"Bis jetzt hat uns keiner getroffen", habe ich zum Mann gesagt - und dann kam einer geflogen, über das Haus, und er schlug mit den Zähnen eines Schaufelbaggers direkt vor unseren Augen in den Hof.

Ich erwachte, mir klopfte das Herz bis zum Hals und bis zum Morgen schlief ich nur noch im halbwachen Zustand. Manchmal kann ich mich dazu bringen, wieder einzuschlafen und meine Gedanken von solchen Träumen wegzulenken. Manchmal aber habe ich trotzdem Angst, wieder einzuschlafen.

Eine Freundin fragte mich heute Abend, wie es denn nun so sei mit Sohnemann in C und ich glaube, ich klang beim Schreiben der Antwort genauso müde wie am Nachmittag in einer Sprachnachricht.
Und ich denke, es werden noch weitere schlaflose Nächte auf mich zukommen.
"Du lässt alles viel zu sehr an dich heran", sagte der Mann vor einigen Tagen und ich schwieg dazu, hob nur die Schultern, ließ sie wieder fallen und dann murmelte ich "Ja vielleicht hast du recht."
Für die Übergangszeit, in der noch immer offen ist, ob nun doch für die Zeit der Ausbildung C oder L oder doch wieder etwas anderes, hatten wir uns für das Pendeln mit der Bahn entschieden. Der erste Tag sollte acht Uhr beginnen, was für ihn bedeutete, fünf Uhr am Bahnsteig zu stehen.
Als um 5:10 Uhr mein Handy klingelte, war ich irgendwie schon wach, als würde ich es geahnt haben: Die Bahn fiel aus. Und sofort erinnerte ich mich wieder daran, warum die Bahn als Reisemittel die letzte meiner Wahl sein würde. Lebte ich noch in L, hätte ich spontan gesagt: "Komm heim, ich fahr dich." Aber ich lag hier in M im Bett, besser gesagt, ich saß kerzengerade und hellwach. Man kann nicht gleich am allerersten Tag zu spät kommen. Das kann man auch so nicht - aber hier würde er zusätzlich gleich noch am ersten Tag einen Eindruck erwecken, den er nicht verdiente.
Sohn I konnte ihn jedoch auch nicht fahren - denn der musste nur eine Stunde später in die Frühschicht und bis C braucht man eine gute Stunde.
Glück im Unglück: Die Ersatzbahn kommt mit nur ein paar Minuten Verspätung, die beiden Anschlussbahnen später warten.
Erster Tag geschafft.
Ernüchterung folgt bei Erkundigung wegen Pendelticket. Stelle Dir zwei Kreise vor. In einem Kreis lebt mein Sohn, im anderen Kreis geht er nun zur Fachschule. Für den Wohnkreis hat er bereits ein Abo-Ticket. Also dachte ich, jetzt braucht er doch nur ein Abo-Ticket für den zweiten Kreis.
"Das ist verboten", sagt mir die Dame von der Hotline, "kreisübergreifend dürfen keine zwei Abo-Tickets zur Anwendung kommen. Er muss ein Abo-Ticket von L nach C kaufen."
"Aber für L hat er doch schon eins."
"Das ist egal."
Kostenpunkt: 190 Euro im Monat.
"Da lohnt sich vielleicht doch eine zweite WG", sage ich zum Sohn, "viel teurer wirds nicht, aber du hast mehr Ruhe und mehr Zeit zum Lernen."
Hinzu kommt: Ab heute fallen alle Bahnen vom Wohnort bis C komplett aus. Irgendwelche Bauarbeiten, vermutlich - aber wie bekomme ich jetzt den Jungen zur Schule?? Und wieso sehe ich das nur zufällig im Fahrplan und die Dame von der Hotline sagt "Also ich hab da keine Information drüber, dass die nicht fahren sollen." Tun sie jedoch tatsächlich nicht.
Hinzu kommt: Ab heute beginnt die Ausbildung 7 Uhr, nicht 8 Uhr. Das heißt, er muss um 6:30 Uhr in C sein, um noch die Uniform anzuziehen, die er nicht mit nach Hause nehmen darf.
Selbst wenn die Bahnverbindung stünde - er käme damit nicht pünktlich an und hätte auch keine Zeit mehr, sich umzuziehen.
Flixbus bietet zu diesem Ziel keine Fahrten an.
Mitfahrgelegenheiten starten ab 6:00 Uhr in L. Außer einer, der startet 4:45 Uhr irgendwo tief in L - aber er fährt nicht in der Zeit vom 4. bis 11. September.
Vom HBF in L gibt es eine einzige Verbindung - um 5:18 - mit dieser ist er 6:44 Uhr in C - zuzüglich 20 min Fußweg - kann man also auch vergessen.
Bis tief in die Nacht rein am Samstag wälze ich Internetseiten, klappere jede Möglichkeit ab.
Da fährt noch eine Bahn.
23 Uhr irgendwas - mit der ist er 5:30 Uhr in C - und Schlaf bekommt er dann überhaupt keinen mehr.
Ohne Worte.
Langsam stehe ich Kopf. Und der Mann ist genervt, weil ich mich da so reinhänge und den "Sohn das nicht mal alleine machen lasse".
"Aber er macht doch", verteidige ich mich und ihn, "aber die Zeit sitzt uns im Nacken, denn bis Sonntagabend brauchen wir eine Lösung, damit er Montag früh pünktlich in der Schule ist. Und ich kann verdammt noch mal mich nicht entspannt zurücklehnen und denken, dass ers schon machen wird. Diese Ruhe habe ich einfach nicht."
Sohnemann richtet inzwischen Accounts bei Ebay Kleinanzeigen und Mitfahrgelegenheiten ein und ich stoße auf wg-suche.de.
Wir loten alles aus - aber auf die einzigen 8 in Frage kommenden Anzeigen antwortet nur ein einziger. Der wird mein Anker in der Not. Und in der Zwischenzeit hat Sohnemann ausgemacht, dass sein Bruder ihn Montag gegen 5:00 Uhr nach G bringt und dort von dem einzigen jungen Mann mit dem Auto mitgenommen wird, der auch pendelt. Den Rest der Woche übernehme ich, am 11. muss es noch mal so laufen wie heute und dann muss er mit der Mitfahrgelegenheit mitpendeln, bis wir eine Lösung haben..

Also fahre ich heute Morgen los.. Stelle fest: Das Navi ist nicht mehr da, wo es immer war. Ich drehe fast durch. Ohne Navi habe ich kaum eine Chance, den Jungen in C zu finden - auch wenn ich mir alles vorher auf der Karte angeschaut habe. Also starte ich das Handy - und verzweifle fast an der Bedienung. Eine Navigon- App, die zum Schreien ist. So verschenke ich kostbare fünfundzwanzig Minuten, ehe ich 25 min zu spät loskomme. Chaos auf den nächsten rund hundertzwanzig Kilometern, ich bin mehrmals kurz davor, verzweifelt in das Lenkrad zu beißen - und dann die übergroße Tafel "Sperrung der A xx". Keine Info über Umleitungen, keine Umleitungen ausgeschildert. Instinktiv weiche ich auf die A 6 Richtung Prag aus, werde angerufen, Navigation bricht ab und muss manuell wieder in Gang gebracht werden. Ha ha. Auf der Autobahn bei Sonnenschein, wo das Display des Androids fast blind wird. Also anhalten auf einer Raststätte ohne Klosett, ich muss mal dringend, aber die Wiese ist leider mittels Zaun geschützt. Also nur Navigation neu in Gang bringen, weiter. Noch ein Anruf, Navigation bricht ab, ich erbreche fast vor Zorn.
Endlich erreiche ich C, das Navi will mich trotz "optimaler Routenführung" ständig auf Bundesstraßen oder quer durch die Großstadt führen - aber ich kann mich erinnern, was ich auf der Karte gesehen hatte - und fahre weiter nach Bauchgefühl.
Erreiche endlich C, finde den Sohnemann, und an der nächsten Tankstelle fülle ich nicht nur Black Beauty, sondern auch mein hungriges müdes Kind.
"Das mit der WG wird nichts", sagt er dann,"wir wurden heute darüber informiert, dass wir immer Blockunterricht haben - 6 Monate Schule, dann zwei und vier Monate Praktikum. Das Praktikum kann aber an allen Standorten sein. Wünsche können geäußert werden, entscheiden aber tut der Lostopf. Also kanns durchaus passieren, dass ich aller 6 oder 4 Monate eine neue Unterkunft brauche, und dann bezahle ich Wohnungen, die ich über Wochen oder Monate gar nicht nutze."
Auf diese Info muss ich selber erst mal einen Schluck Kaffee aus dem Pappbecher trinken, einen richtig herzhaften Schluck - und verpasse die Abfahrt, also weiter, nächste Ausfahrt raus und wieder zurück...
"Dann gibt es nur noch eine Variante: Wir müssen dich mobil kriegen."
Einen Fahranfänger, der den Schein im April erhielt und seitdem nicht mehr am Steuer saß.
Damit ist klar: Die nächsten Monate werden schlaflos. Für mich jedenfalls.
Wir sind uns einig: Egal, was er kauft, er braucht erst Praxis, bevor er selber nach C pendelt. Also entwerfen wir Plan B: Auto suchen, auswählen, mit seinem Vater begutachten (das wird er doch hoffentlich für ihn machen, er muss ja nix dazubezahlen), am ersten Wochenende danach sonntags auf Parkplätzen der Einkaufsmärkte üben, anfangs nach G pendeln (das sind rund 30 min und fast alles Autobahn, sehr einfache Strecke), Auto dort abstellen und mit dem anderen mitfahren...
"Das wird der machen, denk ich", sagt der Junge, bevor ihm die Augen zufallen.
Bis dahin wird er 3 Uhr aufstehen müssen, um 4:30 in der Innenstadt zu sein, wo ihn dann die 4:45er Mitfahrgelegenheit einsammelt...

Am Abend, in L angekommen, gehe ich einkaufen, wasche Wäsche und bereite Abendessen. Mir gehen so unfassbar viele Gedanken durch den Kopf und als meine Freundin schreibt, dass aber dafür beim Großen gerade Entwarnung zu sein scheint, muss ich unwillkürlich auflachen.
Ja, da hat sie recht. Entweder ist es der Große oder es ist der Kleine. Und wenns beide nicht sind, ist es die eigene Gesundheit - oder die Beziehung.
Irgendwas ist einfach immer.
Immer in Sprungbereitschaft. Immer auf der Hut. Immer kampfbereit und kampfeswillig. Und mit all dem... immer alleine. Weil sich der Vater nicht kümmert und der Mann sich raushält, weil er zu vielen Dingen eine andere Auffassung hat und mich nicht versteht. Ich kann es nachvollziehen. Aber manchmal.. wünschte ich es mir doch ein bisschen.. einfacher. So ein mimi-bisschen.
Wünschen kann man ja.
Hoffen kann man ja.
Und dann wunder ich mich, dass mir nachts tonnenschwere Container um die Ohren fliegen.
Bekloppt.

Jedoch: Es gibt auch wirklich echtes Schlimmeres. Ich will mich auch gar nicht beklagen.
Nur.. ein wenig Druck herauslassen.

Donnerstag, 31. August 2017

Hitzigkeit kennt keine Grenzen

Gestern war ich irgendwie genervt. Meine Freundin schickte mir einen Link, so einen Wal-o-mat, der meine Antworten auf 38 Fragen mit dem Parteiprogramm der von mir ausgewählten Partei/en vergleicht und mir so auf die Sprünge hilft, wer denn nun im September meine Kreuzchen bekommen soll.
Offen gestanden, wirklich schlauer war ich hernach nicht, denn letztlich fühlte ich mich nur darin bestätigt, wem ich meine Stimme nicht gebe. 
Auch geriet ich (warum auch immer) nach und nach in Zorn, vor allem, als Herr Blau sich ebenfalls an die Befragung machte, freilich insbesondere in Finanzfragen andere Antworten gab und mit mir dann eruieren wollte, warum ich was wie beantwortet hatte etc. An sich eine gute Sache, aber gestern...
Mir wurde das gestern alles irgendwie zu viel: immer jeden Sachverhalt haargenau hinterfragen, keiner Antwort wirklich trauen und am Ende trotzdem mit dem Gefühl zurückzubleiben, dass man irgendwie.. nichts wirklich bewegt. Nichts wirklich verändert. Und dass selbst die, die ordentlich dafür bezahlt werden, keinen Plan haben, wie sie was machen sollen - Hauptsache, es wird erst mal ordentlich Geld verdient. Immer nur Probleme, immer nur Kopfarbeit, gestern Abend mochte ich dann einfach nicht mehr. 

An Herrn Blau schätze ich sehr, dass er durchaus mir konstruktiv diskutieren, sich austauschen möchte - aber irgendwie.. war ich gestern allgemein und insbesondere nach einem Chataustausch offenbar schon zu "angefixt", um mich darauf einlassen zu können oder zu wollen. 
Denn eigentlich mag ich das, wenn man mich argumentativ überzeugen kann (oder ich den anderen ;)), als dass man mit anderen, für mich wichtigen Menschen Diskussionen führt, in denen ich das Gefühl habe, dass sie zu nix führen außer dass es mir so vorkommt, als brenne mir der Hut.










Ich war übrigens die "Blaue".
Mir gehts heute übrigens wieder besser. Ein paar Stunden Schlaf, ein guter Kaffee am Morgen - thats it. Dafür war wiederum Herr Blau heute morgen nicht gut drauf - aber wozu gibts schließlich ein Büro, in das man jemanden schicken kann.

Und noch 24 Tage zum Nachdenken. Wobei ich mich schon frage, warum ich mich so schwer damit tue. Wenn ich doch ohnehin nicht daran glaube, dass die Dinge besser gemacht würden? 

Dienstag, 29. August 2017

Sie mag Musik nur, wenn sie laut ist



Wenn man früher das Haus meiner Eltern betrat, musste man zunächst den Vorbau, den Korridor, rechter Hand dann das Wohnzimmer und das Zimmer der Brüder durchqueren, ehe man in das kleine Zimmer gelangte, das mein eigenes war. Die Musik, die ich für gewöhnlich hörte, konnte man problemlos in der Wohnküche linker Hand vom Korridor mitsingen. Das hat meinen Vater regelmäßig dazu veranlasst, von der Arbeit heimzukommen und noch in seiner Montur in mein Zimmer zu stürzen und zu versuchen, lauter als die Musik zu schreien: "MACH! VERDAMMT! NOCH MAL! DIE! MUSIK! LEISER! DAS! HÄLT! DOCH! KEIN! SCHWEIN! AUS!"
Musik selbst ist ja weniger laut, wenn man tatsächlich auch selber mitsingt. Fakt ist aber, dass ich in unserem Haus die einzige war, die sang. Egal, in welchem Haushalt ich bislang wohnte - ich war und ich bin immer die einzige, die sang bzw. mitsingt. Vorzugsweise beim Essen zubereiten. (Grad fällt mir ein.... Der Mann denkt immer, das gute Wachstum der Pflanzen sei auf seinen grünen Daumen zurückzuführen. Was aber, wenn das gar nicht an seinem Daumen, sondern meiner Beschallung liegt?? Immerhin gibts in der Toscana Weinberge, die mit Mozart verwöhnt werden. Haben wir schließlich selbst gesehen :))
Ich singe aber auch sehr gerne im Badezimmer oder beim Ordnung machen, ich brauche immer nur ein Mindestlevel an Lautstärke. Wenn jedoch der Mann zu Hause ist, ging das so gut wie nie. Tinnitus und so, da muss ich nix hinzufügen.
Musik aber.. ist einfach mein Leben. Musik liegt in meinem Blut, in jedem Zentimeter von mir, kann mich aufrichten, kann mich beflügeln, kann mich groß & stark machen, kann mich träumen lassen - von hier nach ganz woanders hin, kann mich... einfach mich wohl fühlen lassen.
Mit Musik kann ich mir einfach alles vorstellen.
Ohne Musik aber... bin ich so leer wie ein großer dunkler Raum - und wer will das schon.



Sohnemann kaufte sich letztes Jahr eine Bose-Soundbox und was soll ich sagen.... Ich war schockverliebt! Fortan gabs mit jeder Wäschebügel-Aktion Disco im Hause Ziggenheimer. Diese kleine unscheinbare Box hat so einen herrlich satten Sound, dass ich fürchtete, mir würden entweder die Ohren abfliegen oder mindestens die Nachbarn auf der Matte zu stehen kommen.
"Die haben sich noch nie beschwert, und ich hör bestimmt nicht leise", winkte Sohnemann ab.
Freie Fahrt für Helma Ziggenheimer!
Und ich schwor mir: Wenn mal ein paar Groschen über sind, dann werde ich mir so eine Zauberbox auch zu eigen machen.

Der Mann selber kam erst letztens auf den Geschmack derer, als wir bei Freunden von ihm zu Besuch waren und die dort dieselbe kleine Soundbox zu stehen hatten. Er ist da ja komplett anders unterwegs als ich: Hat er sich erst mal für etwas erwärmt, werden die Internetseiten rauf und runter geblättert, werden Artikel und Preise miteinander verglichen und das Bestmöglichste herausgefiltert. (Wenn ich beispielsweise weiß, was ich will, dann will ich auch nur das und muss da nicht x Sachen miteinander vergleichen. Augenmensch halt, kann ich nix für. OK, in dem Falle eher Ohrenmensch.) 
Das uferte letztlich in einem gemeinsamen Stadtbummel aus, bei dem wir uns mehrere Geräte akustisch zu Gemüte führten. (Den Scheiß Aufwand habe ich nur mitgemacht, weil ich A) auch mal wieder raus wollte von daheim und B) hoffte, er würde sich vom Bose-Sound überzeugen lassen.) Während sein Herz für "Marshall" schlug, blieb ich nach wie vor begeisteter Bose-Fan. (Ist auch irgendwie so ne Macke von mir: Wenn ich mich einmal für etwas begeistert habe, komme ich im Grunde auch nie wieder wirklich davon ab :))
Allerdings musste ich zugeben, dass die Bose-Box, je lauter man sie dreht, die Höhen "abknickt". Eher "wummert" das Teil dann nur noch, akustisch geht dann schon echt einiges flöten.
Da war die Marshall um Längen besser, jedoch die versagte wiederum total im unteren Bereich.
"Da kommt ja gar nix mehr", beklagte ich mich.
"Bei der anderen kommt nach oben raus nix mehr", antwortete der Mann, "da kann man ja nie richtig laut drehen."
"Laut drehen", konterte ich, "ist doch bei dir sowieso nie. Wer kommt denn dauernd ins Bad und beklagt sich, dass die Musik zu laut ist? Wer sagt mir dauernd, ich soll die Musik unter meinen Kopfhörern um Himmels willen leiser machen? Also!"
"Perfekt wäre eine Mischung aus beiden Geräten", räsonierte er, "und die gibts sogar. Kostet nur um 350 Euro."
Aus meiner Sicht völliger Schwachsinn. Wir haben eine sehr gute Musikanlage hier zu Hause, wir sind zu selten im Urlaub, zu selten in Situationen, wo die Zauberbox zum Einsatz kommen könnte. Und wirklich laut hören wie ich es möchte kann ich eh nicht, solange der Mann im Haus ist.
"Willst du mich etwa vertreiben?"
"Nein, ich will dich vor Unsinn bewahren."

Lange Rede, kurzer Sinn:
Natürlich hat schlussendlich die Bose-Box gewonnen. Jetzt müssen wir uns nur noch einig werden, wer sein iPhone damit koppeln darf :)

Montag, 28. August 2017

Eine Frage der Balance


Dann sehen wir uns ja etwa zwei Monate nicht - die Zeit rennt, schrieb mir meine Freundin kurz vor ihrem Urlaub, und für einen kurzen Moment hielt ich inne und dachte: Irgendwie hat sie recht... Man läuft durch Zeit und Welt, verschiebt und schiebt auf und wundert sich am Ende eines Jahres, wieso man wieder so vieles nicht gemacht hat, von dem man dachte, man habe doch noch das ganze Jahr lang Zeit...

Wie oft habe ich mir in den letzten Wochen vorgenommen, mehr zu lesen, zu malen, zu schreiben, mehr Zeit für die wichtigen Menschen zu nehmen, mehr Zeit für mich selbst zu nehmen - und wie vieles oder eher wie wenig davon habe ich tatsächlich umgesetzt?
"Wenn ich nichts mache, passiert nichts, denn jeder hat nur mit sich selbst zu tun", sagt meine Freundin und ich bleibe stumm, weil ich es auch auf mich bezogen empfinde. Ebenso stumm schaue ich in meine Kaffeetasse, und ich fühle Schuld in mir aufsteigen - und eigentlich möchte ich das nicht fühlen. Ich möchte mich nicht rechtfertigen müssen dafür, dass mir tagtäglich die Zeit zwischen den Fingern zerrinnt, so dass ich das beinah körperlich spüren kann. Ich möchte mich nicht rechtfertigen dafür, dass ich zwar jeden Tag an einen Freund, eine Freundin denke, mich jedoch längst nicht jeden Tag bei ihr melde, um zu erfahren, wie sie sich fühlt, wie es ihr geht und was sie gerade macht.
Und ich denke, dass es auch gar nicht das ist, worauf meine Freundin hinaus will. Dass es nicht das ist, was sie von mir wünscht. Weil sie mir vermutlich nur eines sagen will: dass sie sich allein fühlt, allein gelassen fühlt, und dass ihr in Zeiten der Ruhe der Raum und der eigene Körper zu eng werden und ihr eher die Luft wegbleibt, als dass sie Raum und Zeit für sich nutzen könnte. Und weil ihr vermutlich fehlt, dass man sie einfach nur umarmt und ihr sagt, dass es schön ist, dass sie da ist. Dass es sie gibt.
An Tagen wie diesen und an Tagen wie heute möchte ich sie einfach nur stumm in den Arm nehmen und fest an mich drücken. Nicht nur, weil ich ihr Gefühl kenne. Nicht nur, weil ich ihre Einsamkeit auch inmitten ihrer Familie und anderer Menschen, die sie umgeben, fühlen kann. Und auch nicht nur, weil ich auch weiß, wie lang mein eigener Weg da raus war.
Ich möchte, dass sie vor allem weiß, wie viel mir die Freundschaft mit ihr bedeutet. Auch dann, wenn ich mich eben grad nicht bei ihr melde und auch nicht immer nachfrage, wie es ihr gerade geht und ob sie gut von A nach B gekommen ist.

Es gibt einen Anfang und es gibt ein Ende. Das gibt es immer. Wir wissen nur nicht, wie viel Zeit uns dazwischen bleibt und für mein Empfinden verschenken wir viel zu viel Zeit mit Dingen, die uns nicht gut fühlen lassen, anstatt uns auf anderes zu fokussieren. Erst dieser Tage hatte ich eine Diskussion mit dem Mann und ich fragte mich, ob ich mich zu etwas zwingen müsse, das gar nicht meinem Ich entspricht. Weil zu einer Beziehung auch Kompromisse gehören und weil es nicht immer nur nach einem Kopf gehen kann. Weil man sich selber auch mal zurücknehmen und dem anderen Platz machen muss. Dann dachte ich über mein Leben überhaupt nach - und wie oft ich mich gezwungen und zu etwas überredet hatte, das mir gar nicht lag. Wie oft ich mich zurückgenommen und dem anderen Platz gemacht hatte - und ich fragte mich, ob und wie gut es mir damit gegangen war.
"Ich habe das Gefühl, dass es dir nur gut geht, wenn alles nach deinem Kopf geht", habe ich am Samstag gesagt, "und wenn nicht, bin am Ende ich dafür verantwortlich. Aber so funktioniert das Miteinander doch nicht. Ich wünsche mir, dass wir beide Raum und Zeit für das haben, was uns wichtig ist. Und dass wir aber auch die Zeit, die wir miteinander haben können, mit dem füllen, das uns wichtig ist."
Eigentlich, finde ich, klingt das ziemlich simpel. Und eigentlich, finde ich, ist es sogar auch ziemlich simpel.



Gestern Abend las ich von einer jungen Frau bei FB. Ich lese schon etwas länger bei ihr mit, habe mich dort jedoch nie zu Wort gemeldet. Ihr Krebs ist nicht heilbar, sie gilt auch inzwischen als austherapiert. Noch keine 30 Jahre alt. Momentan liegt sie in einer Klinik in Greifswald, und alles, was derzeit unternommen wird, gilt nur noch einem Ziel: Die Zeit, die ihr noch bleibt, so schmerzfrei wie möglich zu machen. Das Leben, das ihr noch bleibt und an dem sie so hängt, noch so lebenswert wie möglich zu machen.
Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich spontan und ohne zu überlegen Geld an jemanden auf Reisen geschickt, den ich noch nie live gesehen, mit dem ich noch niemals auch nur ein Wort gewechselt habe, an dessen Leben ich aber ganz sehr Anteil nehme.
Ich glaube, sie hat keine sogenannte Bucket List. Sie möchte einfach nur... leben. So lange es nur geht da sein. Für die Kosten ihrer aktuellen, in Deutschland durch die Krankenkassen noch nicht anerkannten Behandlung kommt der Mann auf, der sie trotz ihrer Diagnose geheiratet hat. Füreinander einstehen, egal, was kommt. Nicht einfach feige abhauen.
Das Netz ist voller solcher und ähnlicher Schicksale, und ich gebe zu, ich habe mich nicht an jeder entsprechenden Aktion beteiligt. Auch, weil ich nicht alles glaube, das geschrieben steht. Weil man eben einfach auch nicht alles glauben kann.
Ein Balanceakt des Bauchgefühls.
Wie so oft.

Mittwoch, 23. August 2017

Das Ende der schlaflosen Nächte


Wie es mir denn so ginge, werde ich derzeit hin und wieder gefragt, und dann lächle ich.
Ganz gut, antworte ich dann.
Ganz gut heißt? Was macht der Schmerz?
Na der ist da, wo er immer ist.
Aber in den Fingern nicht mehr, oder?
Doch, seit einer Weile auch da wieder, leider ziemlich deutlich.
Na ja, bei dem Chaos bei deinen Jungs würden mir auch die Finger weh tun, ha ha!
Tjaha, blöd nur, dass die Finger schon vorher wieder zu schmerzen begonnen haben. Kannst vielleicht doch nicht alles nur auf die Seele schieben!

Aber was definitiv damit zusammenhängt, sind die schlaflosen Nächte. Schon gut möglich, dass ich mir wieder viel zu viele Gedanken mache und am Ende alles wesentlich entspannter oder eben einfach anders wird als gedacht. Denn irgendwie wirds werden, das war ja klar. Nur wenn unsicher ist, wie dieses irgendwie aussieht, dann... Ach wat weet ick, ich kann da im Kopf einfach nicht loslassen. Dann liege ich halbe Nächte wach, schaue einen Krimi nach dem anderen oder sehe den Wissenschaftlern zu, wie sie herausfinden, wer wen warum und wie umgebracht hat. Der Mann hats aufgegeben, sich darüber zu beschweren, er geht dann einfach schon mal schlafen. Immerhin bekomme ich so dann meinen Teddybär zurück. Den großen, den mir mein Jüngster zum Geburtstag schenkte und den Herr Blau manchmal eifersüchtig knufft und heimlich hinter das Sofa wirft, wenn ich nicht hingucke. Den ich an mich gepresst halte, wenn ich gespannt die Krimis oder Beweisaufnahmen verfolge.
Mir war mal aufgefallen, dass ich, wenn ich hier in L bin, so gut wie nie schlafen kann und auch gar nicht erst richtig müde werde. Seit Sohn II die Zusage für L bekam, veränderte sich das schlagartig, und wenn ich mitunter auch die wildesten Träume entwickle - ich konnte aber jederzeit und überall wundervoll tief und fest und vor allem zeitig einschlafen.
Ja nun... Das ist eben auch hier vorbei. Sitze bis 1:30 auf dem Sofa, während ringsrum alles schnarcht, höre Musik und überlege, mir noch eine Folge mit Mark Benecke reinzuziehen oder doch lieber der Vernunft nachzugeben. Denn wenn 5:15 Uhr der Wecker klingelt und man sich auf eine Dienstfahrt an das Meer macht, dann sollte man nicht um ein Uhr noch so tun, als sei der Abend noch jung.
Andererseits...


Sohn II kommt heim, ist schon satt gefuttert und zufrieden und ganz erleichtert, sich wieder "entliebt" zu haben. "Sie sagt, ich sei so distanziert und das stimmt sogar."
"Warum distanziert?"
"Ich weiß nicht.. Irgendwie war alles so verkrampft. Wir wollen ja beide eine richtige Beziehung, also was Festes. Aber genau das hat uns irgendwie... unter Druck gesetzt. Oder so, keine Ahnung.. Vielleicht will ich ja auch einfach nur nicht wieder verletzt werden."
Ich umarme und drücke ihn, küsse ihn auf die Wange.
Er sieht zufrieden aus, er sieht entspannt aus, das tut mir gut, ihn so zu sehen.
Er bleibt auch entspannt beim Thema Ausbildung, die in gut einer Woche nun in C beginnt.
"Lass uns reden, ich hab einen Plan", fange ich an und er lächelt: "Na dann schieß mal los."
Wir stellen fest, dass wir beide dieselben Gedanken und Ziele verfolgen, dieselben Vorstellungen haben und wir nur noch eine Idee für Sohn I brauchen.
"Ich kenn da ein Mädel, die hat ne Freundin, da dachte ich, das wär genau die Richtige für [Sohn I]. Sieht gut aus, geht aber nie aus und zockt dafür jeden Tag."
Wir lachen beide.
"Lass die sich doch mal kennen lernen."
"Ich glaub, er hat grad gar keine Lust auf sowas."
"Er kennt es nur nicht. Was man nicht kennt, vermisst man nicht", lächle ich. Er lächelt zurück.
Ich bin grad richtig froh, hier in L sein zu können. Die Stimmung zu fühlen, zu erspüren - und zu sehen, dass es ihnen gut geht. So kann ich dann auch mit einem guten Gefühl wieder gehen und darauf hoffen, dass das Ende der schlaflosen Nächte naht. Ich bin da ganz zuversichtlich grad :)

...und genau für diesen Traum schnitt er Löcher in den Zaun



Als ich vorgestern Abend diesen Song hörte, saß ich einfach nur da, wortlos, stumm, die Arme um die Knie gelegt, legte meinen Kopf darauf ab - und stand mir jedes einzelne Härchen aufrecht.
Als Herr Blau und ich vorgestern Abend diesen Song hörten, dachten wir beide an jene Zeit zurück. Ich habe ihn nicht gefragt, ob er dabei war, damals, als die Menschen zu Tausenden durch die Straßen zogen und für eine freie Welt demonstrierte, von der kaum jemand wusste, wie diese freie Welt denn überhaupt aussah.
Sehe mich, wie ich die Hände um den bereits deutlich gewölbten Bauch legte, während die anderen mit Transparenten in der Menge liefen, jede Woche immer mehr Menschen. So viele Menschen mit einer Stimme, die nicht mehr zu überhören ist. Sehe die Nachrichten, die voll sind von Berichten über die Menschen, die über Ungarn oder Tschechien gehen wollen, die die Botschaften stürmen, über Zäune klettern, Kinder herüber heben. Familien, die unten vor dem Haus ihr Auto vollpacken mit dem Wenigen, das sie mitnehmen wollen. Mit dem Wenigen, das sie noch haben wollen. Hauptsache... weg.
Fühle mich, wie mir das Blut in den Schläfen klopft, als der Vater meines noch ungeborenen Kindes sagt: "Wenn, dann müssen wir jetzt gehen."
"Aber wir können nicht alle einfach abhauen. Unser Zuhause ist doch hier."
"Hier ist doch gar nichts!"
"Dann bauen wir es eben auf."
Die erste Fahrt nach Hamburg, wo er Familie hatte.
"Hier sieht sogar das Gras grüner aus", sagte er.
"Ich finde, es sieht genauso aus wie bei uns."
Der erste Supermarkt, ein Aldi, und wir bezahlten achtzig Mark. Waren verwirrt vom Angebot, von Regalen, die nicht endlos zum Beispiel mit Plastikflaschen, gefüllt mit Speiseessig, ausgestattet sind.
Das erste eigene Auto, ein Trabant, auf den wir normalerweise zwanzig Jahre gewartet hätten - den gab es nun sofort. Für zwölftausend Mark.
Das erste eigene "West"-Auto, ein VW Jetta (nein, kein 7-Sitzer ;)) für elftausend Mark, und das Baby mit seinen 5 Monaten bekommt seine ersten Pampers. Nichts mehr mit Windeln auswaschen, auskochen, auf die Leine hängen und sich rechtfertigen müssen dafür, dass Creme & Co. trotz Kochwäsche immer noch "Landkarten" auf den Baumwolltüchern zeichnen.
Der Verdienst springt von knapp vierhundert Ostmark auf etwa eintausendeinhundert D-Mark.
Die Miete steigt von 46 Ostmark auf ein paar hundert D-Mark.
Der erste Müller-Milchreis, den ich einfach mal kosten möchte, auch wenn er irgendwas um eine Mark vierzig kostet.
Die erste Westzeitung im Haus der Schwiegereltern, die mit großen schwarzen Lettern fragt "Haben Ostfrauen mehr Orgasmen als Westfrauen?" (Was geht eigentlich in manchen Köpfen vor??) Und die Großmutter liest und fragt ihre erwachsene Enkeltochter "Hat die Mutti sowas auch?" Und die kriegt sich kaum wieder ein "Das will ich doch für sie hoffen, Omi!"
Unfassbar beschämend hngegen, wie Bananen aus einem Zug geworfen werden und die Leute hin und her springen, um sie zu fangen und nach Hause zu tragen. Abartig. Dann gibts eben keine Bananen, keine Kiwis, kein irgendwas - aber so tief werde ich niemals sinken. Wir müssen zu Hause schließlich keinen Hunger leiden, und das, was wir brauchen, können wir im Laden kaufen und bezahlen. Oder es lassen.
Wir wollten ein besseres Leben, und bei uns gabs nicht mal Krieg, der uns nur umso mehr getrieben hätte. Wir haben dafür gearbeitet, genauso wie jeder andere auch, wir haben genauso bezahlt. Mich verwundert übrigens immer noch, dass es tatsächlich noch heute Menschen gibt, die glauben, wir Ossis zahlten keinen Solidaritätszuschlag.


Und meine Eltern? Ich glaube, sie zählen zu den Gewinnern der Wende.
Der Vater Schlosser, die Mutter Erzieherin, drei Kinder, der Verdienst gering, sie kamen immer gerade so über die Runden. Alle sogenannten "sozialpolitischen Maßnahmen der DDR" - meine Eltern verpassten sie jedesmal. Das dritte Kind der Eltern war bereits im Kindergarten, als es hieß, die Kinder müssten nicht mehr mit 6 Wochen in die Kinderkrippe, die Frau könne jetzt das erste Jahr zu Hause bleiben - bezahlt. Um nur ein Beispiel zu nennen.
Insofern haben sich meine Eltern auch niemals über irgendetwas beklagt. Das kenne ich auch gar nicht von ihnen. Situationen wurden angenommen wie sie waren und das Beste aus allem gemacht. Vermutlich habe ich aus dieser Zeit mitgenommen, dass ich auch heute noch ganz gut im Improvisieren bin und diese Improvisationen mitunter so lange bleiben, bis sie sich fest eingerichtet haben ;)

Wie bin ich denn überhaupt aufgewachsen? Es gab wenig, es gab oft nicht das, was ich mir gewünscht habe. Die Wunschzettel zu Weihnachten waren nie lang, nie bunt. Eine Puppenstube in dem einen Jahr. Oder einen Puppenwagen in dem anderen Jahr. Als ich älter wurde, wünschte ich mir unbedingt eine neue Hose. Zu Weihnachten. Aber nicht ich bekam eine, sondern mein Bruder, und ich war mega enttäuscht. Für einen Job in der Werbung fehlten mir das Gymnasium, für die Noten zum Gymnasium fehlte mir der Ehrgeiz. Ich tat zu wenig und träumte zu viel. Von einem ganz anderen Leben, von dem ich aber wiederum so gar keine Vorstellung hatte. Ich träumte von Liebe und kümmerte mich so überhaupt nicht um das Leben oder gar die Politik.
Die erste Begegnung mit Gleichaltrigen "aus dem Westen", gesteuert von wem auch immer. Unsere Mädchenklasse wird im Bus zum Treffpunkt gefahren und bevor wir aussteigen dürfen, werden wir genauestens belehrt: "Ihr sagt nichts Persönliches, nichts Privates. Ihr nehmt auch nichts von ihnen an! Und vor allem schenkt ihr ihnen nichts."
"Was sollen wir denen denn schenken?" rief ich vorlaut aus den hinteren Reihen. "Wir haben doch nix!"
Ost- Jugend und West- Jugend sitzt sich an einer Tafel gegenüber, gezwungen, unfreiwillig, Ost und West reden natürlich kein einziges Wort miteinander, wir Mädchen albern untereinander herum und warten sehnsüchtig darauf, wieder nach Hause zu dürfen.

Ich wusste nicht einmal, was ich werden wollte, wenn ich ja nun nicht in die Werbung konnte.
"Soll sie doch Kellnerin werden, da verdient sie wenigstens Geld durch das Trinkgeld", sagte der Papa.
"Du wirst sie doch wohl nicht in die Gastronomie schicken", entrüstete sich meine Großmutter, "da fassen sie sie alle an!"
"Sie kann doch ins Büro gehen", sagte die Mama, "sie tippt doch sowieso den ganzen Tag auf ihrer Schreibmaschine."
Also ging ich eben ins Büro. Jeder hatte schließlich eine Ausbildung und anschließend einen Job. Arbeitslosigkeit gab es nicht. Wie die das gemacht haben, war mir lange ein Rätsel. Gerechnet haben durfte sich das nicht. Von den Millionen Krediten hörte ich erst lange nach der Wende.
So wie von so vielen anderen Dingen. Von fingierten Grenzen in den ostdeutschen Atlanten. Menschen auf der Flucht, die glaubten, sie hätten die Grenze zum Beispiel nach Österreich erreicht - nur um festzustellen, dass sie noch kilometerweit entfernt davon waren, dafür aber den Männern in Uniformen und den Hunden gegenüberstanden und mit diesen... einfach verschwanden.. .
Von Kindern, die ihren Eltern weggenommen wurden, nur weil diese beantragt hatten, das Land verlassen zu wollen. Von Zwangsadoptionen.
Von jungen Menschen, die nicht studieren durften, weil sie nicht in der Partei waren.
Von Wahlen, dessen Ergebnis von vornherein feststand. Als hätte es je eine Wahl gegeben.
Von Menschen, die sich aus Verzweiflung aus dem Fenster stürzten, als die Mauer in Berlin errichtet wurde, mit Stacheldraht geschützt wurde.
Von so vielem mehr, dass mich in vielen Nächten wortlos, sprachlos zurückließ.


Sie kamen für Kiwis und Bananen
Für Grundgesetz und freie Wahlen
Für Immobilien ohne Wert
Sie kamen für Udo Lindenberg
Für den VW mit sieben Sitzen
Für die schlechten Ossi-Witze
Kamen für Reisen um die Welt
Für Hartz IV und Begrüßungsgeld
Sie kamen für Besser-Wessi-Sprüche
Für die neue Einbauküche


Ich höre mir das an und denke an jene Zeit zurück... Die Zeit, in der die Menschen einfach und vor allem nur nach Freiheit begehrten. Der Freiheit, sagen zu dürfen, was man dachte, ohne dass einem dafür die Kinder genommen wurden. Ohne dass man dafür jahrelang im "gelben Elend" zubrachte, um den Willen der Menschen zu brechen. Um die Menschen zu brechen.
Die Freiheit, überall hinreisen und sich alles andere anschauen, entdecken zu dürfen.
"Wie soll man eine Weltanschauung haben, wenn man sich die Welt nicht anschauen darf?" stand unter Schulbänke gekritzelt und man fand sich wahnsinnig verwegen.
Dafür sind die Menschen auf die Straße gegangen... Für ein besseres Leben. Für ein freies Leben.

Und heute verurteilen wir, dass andere Menschen aus anderen Ländern auch ein besseres Leben führen wollen. Vor allem auch ein sicheres - für sich und ihre Kinder.
Erst bauen wir Grenzen. Dann lassen wir diese herunter. Erzählen den Menschen, dass wir die Fachkräfte aus dem Ausland brauchen, weil Geburtenknick und so. Zeigen uns erstaunt, überrascht vom Ansturm der letzten zwei Jahre. Schicken die Menschen zurück, Fachkräfte oder Menschen, die Fachkräfte werden wollen. Manchmal warten wir ihre Ausbildung ab, investieren in sie - und dann schicken wir sie nach Hause. Manchmal warten wir das Ende ihrer Ausbildung auch gar nicht ab und schicken sie so wieder nach Hause. Manchmal warten wir auch achtzehn Jahre, dreiundzwanzig Jahre, bis wir jemandes Asylantrag ablehnen. Familien, die sich inzwischen gegründet haben, Kinder, die hier geboren und aufgewachsen sind - wen interessierts? In deinem Land ist Krieg? Ja, aber doch nicht überall, dein Land ist groß, kannst ja da hingehen, wo kein Krieg ist.
Wir achten nicht darauf, wer da kommt, wir vertrauen auf Angaben, die da gemacht werden - stellen Pässe aus, deren Richtigkeit kein Schwein kontrollieren kann. Für intensive Untersuchungen fehlen Zeit, Geld - und Personal. Dieses Chaos macht möglich, dass ein Mensch statt einem gleich drei oder vier Pässe besitzt...
Wie viel Geld inzwischen sinnlos verbrannt worden ist, zählt kein Schwein.
Wie viel Hilfe tatsächlich stattgefunden hat, wie viel Energie davon unsinnig verbraucht wurde, scheißegal.
Wer da alles wirklich gekommen ist - who cares.
Aber weil zu viele kommen und das Chaos ausufert, weil die Menschen hier durchdrehen und Parteien stark machen, die zuvor kaum eine Stimme hatten, machen wir die Grenzen wieder dicht, schließen einen Pakt mit dem Teufel, bezahlen unfassbar viel Geld dafür, dass keine Asylbewerber mehr kommen.
Darf man überhaupt noch Asylbewerber sagen? Oder eher Flüchtlinge? Am Ende sind es vor allem Menschen... Menschen, denen ich das Vertrauen entgegenbringe, dass sie wirklich nur das eine wollen, das bessere, sichere Leben... In ihren Turnhallen, Flüchtlingsheimen dürfen sie ihren Antrag auf Asyl stellen, arbeiten oder eine Ausbildung haben dürfen sie nicht. Auch dann nicht, wenn sie erst mal geduldet werden.
Keine klare Linie, keine Strategie erkennbar; es sei denn, man schaut nachts auf den richtigen Kanälen. Was sind die richtigen Kanäle? Es sei denn, man liest nachts die richtigen Seiten im Internet. Was sind richtige, verlässliche Quellen? Woran erkenne ich sie?

Asylanten sind alle Sozialschmarotzer, die kommen nur wegen dem Geld und wollen sowieso nicht arbeiten.
Und was haben wir gemacht? Wir damals, im Sommer 89? Von uns hat man dasselbe gesagt. Damals wie heute.

Ich habe den Song inzwischen ich-weiß-nicht-wie-oft-gehört - und ich bekomme noch immer und immer wieder Gänsehaut davon.

Mittwoch, 16. August 2017

...weils eben doch nicht einfach EINFACH wird

Zu früh gefreut. Der 1. April mitten im August. Ha ha. Selten so gelacht.
Vergangenen Freitag trudelte ein Schreiben des künftigen Arbeitgebers von Sohn II ein: "Tut uns leid, den für L zugesagten Ausbildungsplatz aufgrund angepasster Rahmenbedingungen zurücknehmen zu müssen. Ihre Ausbildung erfolgt jetzt in C. Bitte bestätigen Sie uns das (oder Sie sind raus - so direkt stands nicht da, aber man kann ja auch zwischen den Zeilen lesen.)"
Erst dachte ich, der Sohn will mich vergackeiern - aber ne, der rief extra aus seinem Urlaub in Italien an und klang auch ziemlich geknickt.
Angepasste Rahmenbedingungen - damit kann doch irgendwie auch kein Schwein was mit anfangen.

Anträge auf Tausch des Ausbildungsplatzes kann man stellen - bitte nur per E-Mail, aber formlos geht. Haben wir gleich noch gemacht. Und auch gut begründet. Nein, sehr gut begründet, wie ich denke.
Gestern Nachmittag dann kam die Ablehnung für den Tausch. Er würde ja Angestellter des Freistaates werden, da erwarte man auch in Zukunft etwas Flexibilität. Logistisch derzeit aufgrund von Zusammenlegungen nicht anders lösbar.
Kann man alles nachvollziehen. Nur in meiner Welt, da kapiere ich eins nicht: Zusagen erteile ich erst, wenn ich weiß, dass ich diese Zusage auch halten kann. Es kann immer was dazwischen kommen - aber weiß ich tatsächlich erst 14 Tage vor Beginn einer Ausbildung, wie viel Plätze ich in L nun zu vergeben habe?? Kann ich mir so nicht vorstellen. Und nervt mich.
Denn alle Probleme sind nun wieder auf dem Tisch. Noch eine WG oder pendeln? Mitfahrgelegenheit "aus eigenen Reihen" (wird ja sicherlich mehrere Anwärter aus L betreffen) organisieren und sich selber mobil machen? Einen Fahranfänger, der im April seinen Führerschein bekam und seither kein Stück mehr gefahren ist? Und den jetzt täglich 160 km damit pendeln lassen? Schafft er sicher, ich muss ihm das nur zutrauen, sagt der Kopf. Ich traus ihm ja zu, aber so mit der Unerfahrenheit hab ich trotzdem Angst, sagt der Bauch.
Oder andere Alternative: Noch eine WG in C und nur montags und freitags pendeln - und wer bezahlt das alles? Er wohl kaum. Also bin ich wieder in der Pflicht - oder sie geben ihre WG in L auf und jeder zieht in was Eigenes. Und was wird dann mit Sohn I?
"Da hat er ja nun alle Ausbildungsplätze durch", meinte eine Freundin gestern Abend. Erst S, dann L, jetzt C.
"In C gibt es aber gestellte Unterkünfte, ist wie beim Bund", heißt es. Im Schreiben des Arbeitgebers steht was anderes. Was stimmt nun?
Wir ziehen grad alle möglichen Informationen zu uns, sortieren und versuchen, das Beste draus zu machen.
Nix mit Erleichterung. Nix mit einfach. "Einfach" scheints im Vokabular bei Ziggenheimers wohl nicht zu geben. Der Spruch, den ich im Mai von einem LKW fotografierte "Heul nicht, kämpfe!" wird wohl unser Lebensmotto bleiben.
Also alles wie immer.

Na ja, vielleicht nicht ganz. Sohn I fühlt sich richtig wohl im neuen Job. Er fühlt sich angekommen - und mein Bauchgefühl bestätigt sich damit. Endlich traut er sich auch zu, mal eigene Wege zu gehen, eigene Kämpfe grad im Behördenwahnsinn aufzunehmen und auszufechten. Was normal ist in seinem Alter, aber was für ihn ein sehr wichtiger Schritt ist, wenn man um seine Verfassung weiß. Ich hab mich sehr gefreut für ihn.
Sie werden wachsen, so wie ich durch sie und mit ihnen. Der eine früher, der andere später (aus welchen Gründen, ist ja dabei erst mal egal).
Das zumindest ist der absolut positive Aspekt, an dem ich mich derzeit wieder aufrichte, nachdem mir gestern einfach nur noch nach Betrinken war. Und auf mein Bauchgefühl auch gleich mit. Das hatte im Hinblick auf Sohn II nämlich von Anfang an signalisiert "Na... warte erst mal ab... Da kommt noch was."
Egal, wie positiv man sich steuern kann und will - das Bauchgefühl kannste einfach nicht bescheißen. Wobei das ja auch durchaus Gutes bedeuten kann.

Mittwoch, 2. August 2017

Tage in Bildern

Die Tage verrinnen und sind angefüllt mit viel Arbeit und sehr verplanten Abenden. So sehr wie lange nicht mehr. So sehr, dass ich in der Nacht in das Bett falle und zumeist tief und traumlos schlafe - so wie schon sehr lange nicht mehr. Es sind diese Nächte, nach denen ich morgens nur zögerlich aus dem Schlaf komme und fühle, wie groß die Anspannung insbesondere der letzten zwei Jahre wirklich war. Wie wenig ich noch all den positiven Entwicklungen trauen kann und zugleich dennoch loslasse.. Mehr und mehr..



Es ist Jahrmarkt und wir sind diesmal dabei. Wider Erwarten machen die Konzerte so richtig Laune - und es interessiert niemanden, ob man textsicher ist oder nicht: Die Stimmung ist gigantisch, wir ziehen von Zelt zu Zelt und wollen kaum noch heim. Herr Blau muss mal wohin und ich werde von einem Fremden in ein Gespräch verwickelt. Wie ich reagieren würde, wenn mir eine Frau sagt, ich solle von ihm die Finger lassen, er sei ein Arsch. Ich lächle. "Ich glaube nicht alles, was man mir sagt." Er zieht an seinem Joint, er lächelt auch und dann kommt schon Herr Blau, der mich schnaubend mit sich zieht.
Es ist einer dieser herrlichen Sommerabende, an denen man barfuß durch Straßen laufen und im Regen tanzen möchte; einer dieser Abende, die erfüllt sind von Sehnsucht, Zuneigung und unbedingter Freude am Leben. Deshalb MUSS ich fotografieren, was irgendjemand an den Zaun geschrieben hat..

"Mit dir will ich durchs Gras tanzen..." ist eine Karte, die ich irgendwo beim Herumstöbern gefunden habe, und ich überlege, diese Herrn Blau zum Geburtstag zu schenken - oder selber nachzugestalten. Immerhin haben wir seinen Tag am See verbracht, im Gras verbracht, aber dann entscheide ich mich für die andere Variante mit der schönen Welt und so.



"Schön, dass es dich gibt" - eine "Liebeserklärung" einer Freundin an mich (nehme ich zumindest an, oder warum sollte sie mir sowas sonst via whatsapp schicken?) Jedenfalls habe ich mich darüber gefreut, auch wenn ich das nicht soooo zeigen kann. Ihr wisst doch, ich bin e bissl wie komisch bei Komplimenten.
Die Oper in L - so viele Jahre habe ich dort gewohnt und die Oper dennoch nie von innen gesehen. Dazu bedurfte es wohl erst der Einladung durch eine Freundin. Jetzt. Wo ich doch schon so lange nicht mehr in L wohne. Überhaupt war ich noch nie in einer Oper. Was soll ich da? Man versteht doch sowieso nicht, was die dort singen - und dann ist mir der Rest... "zu wenig".
Doch diese hier hat mich überrascht. Kein Gesang - nur Ballett. 12 Märchen der Gebrüder Grimm werden dargestellt und zunächst fangen sie mich damit nicht ein. Sehr sparsame, eckige, sich immerfort wiederholende Bewegungen, immer und immer wieder dasselbe, nur in verschiedenen Kostümen - es lässt mich irgendwie kalt.
Doch dann nach der Pause - die erste Geschichte des Aschenbrödels... Hier bekomme ich eine wahnsinnige Gänsehaut. Hier wird zum ersten Mal richtig zum Ausdruck gebracht, was mir so wichtig im Leben ist: Liebe. Gefühl. Zuneigung. Ich beuge mich vor, betrachte wie gebannt und mag mich kaum von diesem Bühnenbild lösen.. Es ist wundervoll - und so gehe ich auch aus diesem gemeinsamen Abend mit meiner Freundin wieder raus..



Der Kopf wird freier, die Gedanken fließen wieder.. Ich schreibe wieder viel mehr, auch wenn hier eher nicht. Und ich liebe es, Gedanken in Worte zu verwandeln und aufzuschreiben. Einfach so und für mich. Die Figuren formen sich vor meinen Augen, vermischen sich mit Erinnerungen...
Früher bin ich für einen Kaffee und eine Pizza etwa vierhundert Kilometer gefahren. Heute sind es schlappe eintausendzweihundert für einen Geburtstagsabend - mit Leuten, die ich kaum kenne, jedoch seit Jahren mit Herrn Blau befreundet sind.
Ich bin am späten Abend so müde, dass ich die Beine zwischendrin immer mal hochlege und ganz froh bin, als Herr Blau dann irgendwann fragt, ob wir denn jetzt gehen wollen.
"Wie war es in Berlin?" werde ich später gefragt und ich muss lachen: "Ich habe leider nicht wirklich was gesehen." Eine Anreise mit vielen Staus und Verzögerungen - und am Abend, mit dem Glas Erdbeerbowle in der Hand frage ich Herrn Blau erstaunt, warum wir nicht auch den Flieger genommen hatten.
"Weil du doch Angst vorm Fliegen hast!"
"Aber ich hab doch noch die Pillen von Indien!"
"Das hättest du eher sagen sollen!"
"Du hättest mich ja fragen können." :D
Das kleine Hotel entpuppt sich als ein ganz schnuckeliges - entgegen der Auskunft anderer, die auch schon dort nächtigten. Wir vermuten, dass der Betreiber inzwischen gewechselt hat - denn wir fühlen uns dort wirklich wohl. Nur die Betten... Die sind wirklich blöd. Zwei zusammengestellte Liegesofas, wie sich später in der Nacht deutlich bemerkbar macht ;)
Als wir am Morgen danach wieder zurück nach M reisen, malen wir Zukunftspläne. Berlin könnten wir uns beide vorstellen. Ist nicht das Meer, ich weiß. Soll ja auch nichts für immer sein - ich spüre einmal mehr das Zugvogel-Gen in mir...

Herr Blau schickt mir ein Foto von Skulpturen und ich lächle und schreibe: "Das sind ja wir!" Und ich will mehr davon sehen: "Ist das eine Ausstellung? Lass uns das besuchen, uns das näher anschauen." Und er schickt mir diesen Affen, der die Hände vors Gesicht schlägt: "Das wär blöd. Die standen auf der Toilette beim Inder, wo wir letztens zur Diashow eingeladen waren."
Tja. Blöd gelaufen. Öffentliche Toiletten sind mir ein Graus, ich meide sie, wann immer es geht.
Sollte vielleicht doch dann und wann mal eine Ausnahme machen ;)

Das Wetter ist komisch. Sieben Tage Regen und 13 Grad, dann sieben Tage Sonne und 34 Grad. Diese Woche ist die Sonnenwoche und wir entschließen uns zum Abendessen im Biergarten. Der ist voller Kastanienbäume - ich lieeeeebe Kastanienbäume!!
Später noch in die Isar? Später sind wir aber dann doch zu müde und schleichen geruhsam und Hand in Hand nach Hause. Es ist der letzte Abend, bevor ich wieder nach L muss. Die Jungen warten schon. Wir wollten ja die Kuh fliegen lassen! Aber ne, der eine will am Samstag in den Urlaub - und es gäbe da noch ein bisschen Wäsche und so. Der andere wollte nur wissen, wann er wieder Ordnung machen muss, bevor ich durch die Tür komme. ;)

Weggegangen - Platz gefangen! Den Teddybär schenkte mir mein Jüngster zum Geburtstag - und ich lieebe ihn!! So sehr, dass Herr Blau ihn manchmal heimlich knufft und hinter das Sofa wirft, wenn ich nicht hingucke. Heute übte er sich in Contenance - und platzierte ihn vor meinem Schreibtisch. Seht Ihr, wie schelmisch der Bursche grinst? Ich mag mich gar nicht fragen, welche Seiten der da grad aufgerufen hat!

"Go Fuck Yourself" ist die Reaktion in unserer Mädelsclique, nachdem sich wieder ein Typ mit "Breadcrumbing" und "Ghosting" ins Nirvana verabschiedet hat. In meinem Kopf schrieb ich gefühlt zwanzigfach an einem Post, dem ich die Überschrift "Die Sagrotan-Generation" verlieh. Vielleicht komme ich noch dazu, diesen aufzuschreiben, bevor er mich völlig verlässt. Denn die (meisten) Männer von heute sind auch nicht mehr das, was sie einst versprachen - und das muss ich dann vielleicht auch noch mal loswerden.

"Faire Vermieter gefragt"? Entdeckt in einem von M's Biergärten - aber fair ist hier überhaupt nichts mehr. Eintausendsiebenhundert Euro warm für rund achtzig Quadratmeter auf drei Zimmer verteilt - das ist alles, aber nicht fair. Das ist ein schlechter Witz. Leider sind nur solche Komiker unterwegs, denn auch nach drei Jahren haben wir noch immer keine passende Bleibe für uns gefunden, in der wir beide etwas mehr atmen können. Uns nicht so beengt fühlen müssen. Raum haben für das, was wir gerne tun möchten. My home is my castle - mein Nest, meine Zufluchtsburg, meine Wohlfühloase. Das, worin wir noch immer wohnen, erfüllt es leider nichts - aber zu 1.700 Euro bin ich dann doch nicht bereit. Als Single wäre ich in M absolut nicht überlebensfähig, auch nicht mit diesem speziellen Wohnmodell der nicht-ganz-so-gut-Verdiener (für Ms Verhältnisse, wohlgemerkt, denn eigentlich verdiene ich wirklich nicht schlecht). Mir ist immer wieder schleierhaft, dass es trotz allem immer noch genug solvente Mieter zu geben scheint. Muss es ja. Oder doch nicht? Manchmal denke ich an die Besichtigung im März letzten Jahres. Drei Zimmer Maisonette, eintausendfünfhundert warm. Sehr niedlich, sehr schnuckelig. Mit uns ein weiterer Bewerber, verheiratet, Kinder. Familieneinkommen: eintausendfünfhundert Euro. Frage der verwunderten Vermieterin: "Und wie wollen Sie da die Miete aufbringen?" - "Das kriege ich schon hin, da können Sie sich drauf verlassen!" Natürlich hat er den Zuschlag nicht bekommen - aber ich frage mich immer wieder ernsthaft: WIE MACHEN DIE LEUTE DAS???

Ich weiß nur, was ICH jetzt mache: Die letzte Runde Wäsche der Jungs in die Waschmaschine tun. Dann bin ich durch für heute.

Mittwoch, 26. Juli 2017

"Humor ist der letzte Knopf, der verhindert, dass einem der Kragen platzt."

Da wollte ich doch gestern Abend in Ergänzung der tags zuvor online verabschiedeten Änderung zur Familienversicherung noch ein Dokument hochladen - aber irgendwie ging das nicht. Gesendet ist eben gesendet, aber vielleicht gabs da ja doch noch ne Möglichkeit, den Gang zur Post zu sparen?
Wer keinen Bock hat, ewig in einer Telefon-Warteschleife zu hängen, der hängt sich halt in einen Chat. Dachte ich. Nachdem ich beim ersten Versuch brav abwartete, bevor ich überhaupt etwas schrieb, und der Chat nach geschätzten zwei Minuten ergebnislos beendet wurde, startete ich im zweiten Versuch immerhin erst mal einen Testlauf. Und schickte alsdann die Frage gleich mit hinterher.


Äh... Tja. Wieder nix.
Waren die echt so überfordert mit der Frage? :)
Mit einem erstaunten, aber doch amüsierten Blick, die Kaffeetasse in der linken Hand, die rechte auf der Maus, dachte ich: "Okay, na gut, probiern mers mit nem Rückrufservice. Immerhin werben se ja für nen 24 Stunden-Service. Kann man ja mal testen."


Tja!
Auch wieder nix! Und dabei habe ich nicht mal einen präferierten Zeitraum angemeldet, ihnen quasi eingeräumt, mich auch nachts um halb drei aus dem Bett klingeln zu dürfen.
Nun ja.
Auch Herr Blau wundert sich ja immer, wieso seine Krankenkasse extra eine App anbietet, mit der man alle Rechnungen digital einreichen kann - um Papier zu sparen! Und dann bekommt er einen vierseitigen (!) Anwortbrief - für jede Rechnung einzeln. Muss man nicht verstehen.

Herr Blau fängt an so einer Stelle ja meist etwas an zu wettern und so, das Stimmungsbarometer sinkt dann schneller als ich "Käffchen!" rufen kann, aber ich dachte mir, komm, lass dir deinen Kaffe erstmal schmecken, solange er noch heiß ist und dann ruf ich morgen einfach mal in der Geschäftsstelle in L an. Schließlich wohnt Sohnemann, um den es hier geht, dort, und DA ging bislang IMMER jemand ans Telefon. Und schickte alsdann dem Kaffee genüßlich noch ein Stück Praline hinterher, bevor ich von einem Unwetter auf meiner Heimatinsel las und die Mama auf meine Frage hin förmlich ins whatsapp  schrie (oder wie soll man geschätzte zehn Ausrufezeichen interpretieren?): "JA das haben wir!!!!!!!!!"
"OK Mama, dann bleibt heute vielleicht besser zu Hause."
"Geht nicht, ich hab nachher noch einen Termin und dann muss ich Papa aus dem Garten abholen."
(Der ist ca. 18 km entfernt.)
"OK Mama. Dann halt unterwegs die Augen offen. Nicht dass der Papa dir schon im Schlauchboot entgegenkommt."
Fand se nich so lustig, die Frau Mama.
Jedenfalls der Reihe Wutsmileys nach zu urteilen.
Und ich begreife langsam, warum sie ihr whatsapp nicht mehr missen möchte :)

Auch Herr Blau fand mich nicht so lustig in der Nacht zum Sonntag, als wir nach der feuchtfröhlichen Party gegen halb drei Uhr morgens die Treppen hochstiegen.
"Endlich zu Hause."
"Hmpfgrimmpppffff."
"Was maulste denn jetzt?"
"Na es war doch mein Geburtstag."
"Und? Haben wir den nicht ordentlich gefeiert?"
"Na ich wär *hicks* schon gerne noch mit *hicks* in das [Nobelschuppen] gegangen."
Und mit dem Brustton der ehrlichen Verwunderung schaute ich ihn an: "Was wollteste denn da? Du bist doch schon voll!"
War nicht so gemeint, hat er trotzdem so verstanden und fiel latent beleidigt ins Bett. Aus dem er am Folgetag nur einmal gegen 12 Uhr zum Frühstück und dann abends gegen 19 Uhr zum Abendessen wieder aufstand. Ja ja, von wegen, da wär noch was gegangen ;)

Aber nu ja. Ich kann auch alleine lachen. Sogar über mich selbst ;)

Dienstag, 25. Juli 2017

Lieblingsgeräusche

Gibt es sie, die totale Stille? Ich weiß es nicht, ich habs nicht ausprobiert, nicht danach gesucht. Mein ganzes Leben lang begleiten mich Geräusche, und manche davon liebe ich, weil sie mich wohlfühlen lassen mit dem, was ich gerade tue - oder weil sie mir Bilder in den Kopf zaubern, wo und wie ich gerade sein wollte...

Heute Morgen bekam ich in einer Nachricht "Lieblingsgeräusche" mitgeteilt, und ich habe mir spontan diejenigen ausgewählt, die wiederum zu denen zählen, die etwas in MIR auslösen:
  • das Knarren eines alten Parkettbodens
    (Es erinnert mich so sehr an den Dielenfußboden bei meiner Großmutter, bei der ich jedes Jahr im Sommer die Ferien verbrachte, ihre Bücher las, ihre Fotos betrachtete, ihre Perlenkette durch meine Finger gleiten ließ, Puppensachen nähen lernte und von der ich die Leidenschaft zum Malen erbte.)
  • das Auf- und Zuklappen von Buchdeckeln
    (Ich LIEBE Bücher, ihren Geruch, ihre Haptik, und darum lehne ich jede Form von digitalen Büchern rundweg ab.)
  • die sanfte Wärme in der Stimme einer geliebten Person
    (Was das Timbre in einem selbst auszulösen vermag, erlebte ich bislang bei nur einem einzigen Menschen.)
  • sommernächtliches Grillenzirpen
    (Weil es mich an die Nächte im Gras erinnert, in denen wir Wein tranken und über das Leben philosophierten, während sich über uns der klare Nachthimmel spannte und wir glaubten, die Sterne mit den Händen greifen zu können.)
  • das Knistern beim Abspielen einer alten Schallplatte
  • das Donnergrollen eines herannahenden Gewitters
    (Ich liebe Gewitter, wenn ich zu Hause bin, die nackten Beine ausstrecke, leise Musik durch das Zimmer perlt, ein Glas Tee in der Hand, während ich dem Grollen da draußen zuhören und zusehen kann.)
  • Schnee, der unter meinen Füßen knirscht
  • Herbstblätterrascheln
    (Da kann ich noch heute mit der Freude eines Kindes durchstieben.)
  • Regen, der ans Fenster prasselt
  • der fröhlich bunte Klangbrei in Straßencafés
    (Für mich zeugt das immer von pulsierendem Leben. Vermutlich liebe ich es deshalb, in der Stadt zu leben, mich untermischen zu können, wann immer mir danach ist - oder mich auch wieder zurückzuziehen, wenn ich genug davon habe.)
  • das Klicken von Schreibmaschinentasten
    (Gut, ich gebe zu, die Schreibmaschine, auf der ich einst noch lernte, ist inzwischen längst abgelöst. Längere Texte würde ich vermutlich so nicht mehr verfassen wollen. Aber ich liebe das Geräusch bis heute. Es hat so was... Kreatives irgendwie... Vielleicht, weil man tatsächlich schreiben kann, was immer man auch will. Die Technik von heute jedoch macht es möglich, dass ich mich jederzeit in eines dieser Straßencafés setzen und schreiben könnte, wann immer mir danach wäre. Und dieses Lebensgefühl mag ich... Mich an freien Tagen irgendwohin zu setzen, einen Kaffee oder einen Tee  zu trinken, etwas Süßes dazu zu essen und bei all dem am großen Fenster eines Cafés zu sitzen, zu schreiben, während der Blick sich ab und an vom Bildschirm erhebt und über die Menschen da draußen streicht.. Betrachten, beobachten, lächeln, weiterschreiben..)
  • das Prasseln eines Kaminfeuers
    (Ich erinnere mich an einen Abend auf jener Insel, nein, nicht der Heimatinsel, als wir den Kamin in diesem Häuschen entzündeten und dieser kleine Raum derart mit Hitze erfüllt wurde, dass wir selbst im Monat März für ein, zwei Stunden die Tür zum Garten öffneten und die Katze betrachteten, die sich auf der Türschwelle niederließ und so lange dort saß und die Wärme genoss, bis wir irgendwann die Tür wieder schlossen... Herrlich.)
  • das Plätschern eines Bergbaches
    (Für mich ist es eher das Raunen des Meeres, das Tosen der Wellen. Nirgendwo sonst fühle ich mich so unfassbar frei und gelöst wie am Ufer eines Meeres. Die Arme ausbreiten, die Augen schließen, der kurze Rock flattert im Wind und durch die Zehen drückt sich der feine Sand... Oh ja bitte, ich möchte eines Tages wieder dort leben, egal wo, bitte nur am Rand eines Meeres.)
  • Wind, der wispernd durch Baumkronen weht
    (Oh ja, ich liebe ihn, diesen streichelzarten Wind, der murmelnd durch die Wipfel zieht, der liebevoll durch die Haare wuselt und die nackte Haut streichelt...)
  • dein Lachen, wenn es in mein eigenes einstimmt
    (Miteinander Spaß haben, miteinander lachen, das verbindet so viel mehr. Solange es echt ist.)
Und ich las diese Punkte, ich dachte spontan an die Dinge, die mir dazu einfielen  - und in Gedanken fügte ich noch ein weiteres Geräusch hinzu:
  • das leise Grummeln der Waschmaschine
    (Ich mag dieses Geräusch wirklich sehr, weil es so nach Behaglichkeit atmet, nach dem Duft frischer, gestärkter Wäsche, nach dem Duft grüner Äpfel in Wäsche-Weidenkörben.
    Meine Großmutter spannte noch auf dem Hinterhof ihre Leinen, stützte diese mit gegabelten Holzstecken und anschließend legten wir gemeinsam die Wäsche zusammen. Bis heute liebe ich diesen Geruch aus frischer getrockneter Wäsche, zwischen die sie bisweilen ihre grünen Äpfel legte. Sie ist seit 28 Jahren tot - aber ich vermisse sie bis heute. 

Montag, 24. Juli 2017

Ich will einfach nur nach Hause - Agra, Tag 16


Als wir Agra erreichen, hab ich nichts mehr essen können, kaum trinken, denn mit jedem Versuch, mir etwas Banane oder trockenes Weißbrot beizubringen, ende ich da, wo ich kaum noch herauskommen mag: im Badezimmer.
Und mit einem Mal kann ich alles nicht mehr ertragen, den ewigen Geruch nach Dreck, nach Kloake und Fäulnis in der Stadt, in den Sachen, in den Haaren, auf der Haut, einfach überall. Dazu diese ewig währende stickige stinkige Luft, es gibt einfach nirgendwo frische Luft, keinen einzigen Atemzug, und gerade jetzt, wo die Fiebersäule der 40 entgegenklettert, geht mir das alles nur noch auf die Nerven. Die ewige Glocke aus Dunst, Hitze, Gestank, Lärm und dieses ewige Hupen der Mopeds, der Gestank aus den Färbereien oberhalb der Keller, in denen die Näher sitzen. Ja, die Näher, keine Frauen.



Die Inder sind so süß, so besorgt, aber ich will einfach nur meine Ruhe. Nicht angesprochen werden, nicht angefasst werden, ich will mich einfach nur hinlegen, ich will, dass der Anfall von Schüttelfrost wieder aufhört.
Und dabei können wir hier vom Hotel aus schon den Taj Mahal sehen.
Das kanns doch nicht sein, echt. Man fliegt doch nicht nach Indien und geht dann nicht wenigstens einmal rüber zum Taj Mahal? Aber ich schaffe es an diesem Abend nicht. Es geht einfach nichts mehr und so steigt Herr Blau auf das Dach des Hotels und versucht, von dort aus Fotos zu bekommen.
"Am schönsten ist er, wenn die Sonne aufgeht und wenn sie untergeht."
"Morgen früh gehen wir", flüstere ich, obwohl ich - ehrlich gesagt - nicht weiß, wie ich das hinkriegen soll. Aber irgendwie wirds gehen...









Es ist 6 Uhr morgens und vor dem Tor des Taj Mahal stehen schon die Besucher und warten auf den Einlass. Zweireihig. Ich muss nicht stehen und warten, ich darf mich vorn an den Eingang setzen. Vermutlich sehe ich tatsächlich im wahrsten Sinne des Wortes ausgekotzt genug aus.

Es ist schon so.... Mir gings tatsächlich hundeelend, dunkelgrünes Wasser aus allen möglichen Gängen des Körpers, Fieber ohne Ende - aber dann steht man da in diesem Park mit vor Schwäche zittrigen Beinen, man steht vor diesem irrsinnigen Monument einer längst vergangenen Liebe, eines längst vergangenen Lebens und es nimmt einen einfach gefangen.. Tatsächlich. Ich kann es kaum beschreiben. Heute weiß ich, ich hätte es bereut, mich nicht dort auf den Weg gemacht zu haben. Es liegt so eine unfassbare Ruhe in diesem Gebäude, vor diesem, nein, um dieses Gebäude, eine Kraft, die sich kaum in Worte fassen lässt. Ich saß davor auf einer Bank und schloss die Augen.
Und in mir fühlte ich nichts mehr - nur Ruhe und Stille. Den Klang einer Melodie, die nur ich hörte.

Jedoch ich war auch dankbar, dass es endlich, endlich wieder nach Delhi und von dort direkt nach Hause ging. Ich wollte nur noch heim, ich wollte frische Luft in meine Brust atmen, ich wollte den Hahn aufdrehen und klares Wasser in ein Glas füllen, um es zu trinken. Ohne dass es von jenem süßlichen Geschmack der Fäulnis begleitet wurde. Ich wollte ein Bad nehmen, mir das Haar waschen und einfach nur noch nach mir riechen und schmecken.. Auch wenn es noch ganze drei Wochen dauern sollte, ehe der Körper aufhörte zu fiebern und alles von sich zu geben..


Danke Indien, danke für diese doch sehr intensive Erfahrung, dich zu entdecken. Danke für die Erinnerung daran, wie vieles bei uns so selbstverständlich geworden ist - und was für euch einen mitunter irrsinnigen Kraftakt bedeutet. Nichts im Leben ist selbstverständlich, wir vergessen es nur zu oft und zu gern, je besser es uns selber geht...
Und ich war so sehr dankbar für diesen Schritt aus dem Flughafen in M heraus, raus in den hier bereits eisig kalten Morgen, kurz nach fünf Uhr, und ich blieb stehen, ich atmete tief ein, immer tiefer; ich war so dankbar für die Geste der Freundin, uns ein Willkommensbrot zu backen, selbst gemachten Likör, zu fühlen, man ist wieder da, man ist wieder daheim und es gibt Menschen, die tatsächlich auf einen warten und froh sind, dass man wieder da ist.. Danke dafür!

Heute, neun Monate nach unserer Reise, vermag ich noch immer kein indisches Essen zu riechen oder gar zu schmecken. Aber inzwischen kann ich mir vorstellen, dieses Land noch einmal zu bereisen, eine andere Ecke dieser unfassbaren Weite zu entdecken. Sehr sogar.
Denn wenn ich eines mitgenommen habe neben all den Eindrücken, dann ist es diese wunderbare innere Ruhe..