Montag, 24. Juli 2017

"12 Frauen, 12 Probleme" - Jaipur, Tag 13

Frühstück ist die einzige Mahlzeit, die wir "offiziell" nehmen. Alles andere kaufen wir an diversen Obst- und Gemüseständen oder von einer der unzähligen Küchen am Wegrand, über die Herr Blau sagt: "Eigentlich kann man das alles bedenkenlos essen, so heiß, wie das zubereitet wird. Wir müssen nur drauf achten, dass das, was wir wollen, auch vor unseren Augen zubereitet wird."
Und so schauen wir an jeder Station, wo wir halten, zu, wie Backwerk, Fleisch, Gemüse im siedenden Öl der Pfannen oder der aus Stein gemauerten Herde gegart wird und während wir uns niederlassen, wundert sich Herr Blau immer wieder: "Dass du alles so verträgst und essen kannst, das wundert mich wirklich." Mich - offen gestanden - auch ;)



Das letzte Frühstück in Deogarh, meine geliebten Pancakes, frisches Obst und Omelett und Herr Blaus Blick: "Du wirst gleich platzen." "Das ist egal."
Dass die Fahrt nach Jaipur mit etwa 280 km den halben Tag andauern wird, ahnen wir noch nicht, als wir in einen Zug steigen und durch einen Teil der Gebirgswelt Rajasthans fahren.




Mir ist, ehrlich gesagt, nicht so wirklich wohl dabei. Ich denke an selbst zusammengezimmerte fahrbare Dinger draußen auf dem Land. Ein Satz Reifen, ein paar Bretter und irgendwo da drinnen noch ein Motor, woher auch immer - und das Ding läuft. TÜV in dem Sinne gibt es nicht, man holt sich einmal einen Stempel ab und hat dann 10 bis 15 Jahre Ruhe. Und wenn einer sich selbst was zusammenbaute und damit fährt, interessiert es auch nur niemanden. Er fährt halt.
Nun ist die indische Bahn freilich kein selbstzusammengezimmertes Ding, aber... na ja, das Kopfkino erinnert sich zu gern an den einen oder anderen Beitrag, den man irgendwann mal gelesen hat - und insbesondere angesichts meiner Höhenangst schlug ich innerlich dennoch drei Kreuze an die imaginäre Wand, dass wir heil ein- und auch wieder ausgestiegen waren.
Dafür begeistern mich die Affen mit ihren wundervoll samtigen Händen, Fingern, die nach einem greifen und nachsehen wollen, ob man etwas in den Händen hat.
Ein Inder drückt mir Kekse in die Hand und bedeutet mir, diese weiterzugeben, aber dazu komm ich gar nicht - der Affe greift schon zu, er kennt das. Man kennt sich ;)
"Cookies are not good for their health", sagt der Inder und ich schaue verwundert: "So why you gave me cookies?" Er lacht, hebt die Schultern "Just for fun. Its funny!"
Wir blöden Touristenesel, ne.

Und dann kommen wir nach Jaipur... The pink city. Die Stadt, in der nicht nur die Häuser pink bemalt sind ;)
"Die indischen Männer und Frauen bewundern helle Haut und helle Haare. Das wollen sie auch. Sie wollen auch blonde Haare - aber sie bekommen ihre Haare maximal in Rot gefärbt. Heller bekommen sie sie nicht."
Und wir Europäer legen uns in die Sonne und färben uns die Haare dunkel, wir Frauen beneiden die Inderinnen um ihr tiefschwarzes, zumeist kräftiges Haar und ihren wunderbar milchkaffeebraunen Teint... So wollen wiederum wir Europäerinnen aussehen. Wir sind schon komisch, wir Menschen!




Es ist diese Lücke neben dem Mülleimer, wo ein Mensch lag und vermutlich schlief. Denn als ich sagte: "Lasst uns noch mal zurückkehren, da lag doch jemand?", da war er schon wieder fort.
"Ich hoffe, dass er nur geschlafen hat", sage ich zu Herrn Blau und er und der Inder wechseln einen Blick. Hier interessiert es einfach niemanden, ob da jemand zusammenbricht und stirbt. Er bleibt halt liegen, bis ihn jemand "wegräumt".
Und dabei ist, wie ich erfahre, die medizinische Versorgung geregelt: Jeder kann einen Arzt aufsuchen, niemand muss extra dafür bezahlen. Es gibt tatsächlich auch eine Schwangerenvorsorge. Was für uns selbstverständlich ist, ist es anderswo eben nicht, erst recht nicht in einem Land wie diesem.

Es ist das Amber Fort in Jaipur, das mir Herr Blau am nächsten Morgen unbedingt zeigen möchte. Wo er vor neun Jahren stand und sich wünschte, er wäre gemeinsam mit mir dort...
Man kann den Weg auf den Berg hinauf auf einem Elefanten reiten, aber ich lehne ab. Es ist 9.30 Uhr morgens und bereits 34 Grad heiß - für mich ist das Tierquälerei. Außerdem brauche ich keine typischen Touri-Fotos auf oder neben einem Elefanten, einem Kamel oder was auch immer. Wenn es nach mir ginge, brauchten wir auch keine Zoos und keine Zirkusmanegen. Wer fremde Tierarten entdecken will, soll entweder bei Google nachschlagen oder in das Land seiner Wünsche reisen. Aber das ist nur meine ganz persönliche Meinung.



Wir betreten das Amber Fort, in dem früher ein Maharadscha mit 12 Frauen lebte.
"12 Frauen - 12 Probleme. Heute haben wir 1 Frau und 12 Probleme", schmunzelt der Inder und Herr Blau grinst.











"Wir Hindis glauben daran, dass ein unvollendetes Leben, in dem sich nicht alles erfüllt hat, nicht zuende ist. Man kommt wieder, um sich dann seine Träume zu erfüllen", sagt der Inder zu mir, während wir im Innenraum des Forts stehen und auf Herrn Blau warten, der überall herumwieselt, um Fotos zu machen.
Ich schaue ihn an. "Ich weiß nicht, woran ich glauben soll und was nach dem Tod kommen könnte. Aber trotzdem... glaube ich irgendwie, dass mit dem Tod nicht alles endet."
Und nun schaut er mich an, er lächelt und dann sagt er leise, aber nachdrücklich: "Das tut es auch nicht. Wir bleiben da."
Das ist ein Satz, der sich mir unter die Haut brannte und von dem ich auch heute, neun Monate danach, immer noch Gänsehaut bekomme.
"Wir bleiben da."

Als wir am Abend zurückkehren, lege ich mich müde, aber irgendwie glücklich in dieses wundervolle Bett. Bis ich in der Nacht deutlich zu spüren bekomme: Mist, jetzt hat es auch mich erwischt. Alles Essen & Trinken will auf allen möglichen Wegen wieder heraus aus meinem Körper.
Und es sind nur noch zwei Tage bis zum Abflug.





Samstag, 22. Juli 2017

A Matter of Trust



Bis vor drei Tagen lag vor meinen Söhnen und mir eine Zeit der Unsicherheit und der Anstrengung. Für den einen noch nicht abschließend geklärt, ob er in den neuen Job übernommen würde und für den anderen noch offen, ob er in der Heimatstadt einen Ausbildungsplatz bekäme oder es doch bei der Zusage für den über 100 Kilometer entfernten Ort dort, wo Fuchs und Igel sich gute Nacht sagen, bliebe. Was dann die Frage aufwarf: Was wird mit der Wohnung in L, auflösen und jeder Junge zieht in eine andere WG oder in eine eigene Einzimmerwohnung? Zumal wir noch aus der Erfahrung von vor fünf Jahren wissen, dass eine WG in L nicht einfach zu bekommen ist - und mit dem Entdecken von L als wirklich coole Study-Stadt ist es bis heute immer noch ein ausgesprochener Glücksgriff.
Dass jeder eines Tages sein eigenes Zuhause haben wird, ist auch fraglos - jedoch für den Moment empfand ich für beide die aktuelle Konstellation als einen dicken Pluspunkt: Der eine übt sich im Sozialverhalten und der andere versinkt nicht in der Einsamkeit, in die er eben gerade jetzt nicht geraten sollte. Das gab schon... etliche schlaflose Nächte in der letzten Zeit, aber manchmal... Es ist schon merkwürdig zuweilen: Man öffnet morgens nach einer weiteren zergrübelten Nacht die Augen, man steht auf und während man beim Zähneputzen in den Spiegel schaut, sich in die Augen schaut, da.. lässt man los und denkt: "Du kannst es jetzt eh nicht ändern, aber wir werden schauen, dass wir das Beste draus machen. Haben wir doch bislang auch immer irgendwie hinbekommen."
Man denkt und grübelt, dann akzeptiert man die Situation und überlegt Wege - und dann... kommt alles doch ganz anders.

Am Mittwoch auf dem Weg nach L drehte ich die Musik auf, wie immer, wenn der Kopf übervoll ist. (Ich kann eigentlich nur alleine Auto fahren, weil vermutlich niemand meine Playlist und vor allem nicht den Lautstärkepegel ertragen würde. Wird also wieder spannend in einer guten Woche, wenn dann Herr Blau neben mir sitzt. Werde ihm seine Ohrstöpsel einpacken, sicher ist sicher ;)) Und wie immer entwickle ich auf diese Weise die meisten umsetzbaren Ideen. Kam ich in L an, sprach mit beiden Jungen, entwarfen wir eine to-do-Liste und dann am Abend kommt der eine nach Hause: "Ich hab den Job. Die Kollegen haben gesagt, sie wollen auf jeden Fall mit mir arbeiten, der Disponent will das auch, jetzt muss nur noch der Chef zustimmen, aber der wird dann wohl auch nicht Nein sagen."
"Und das erzählst du mir hier so nebenbei???" Ich bin förmlich auf ihn zugesprungen, habe ihn gedrückt und auf die Wange geküsst und er verdrehte wie immer schmunzelnd die Augen: "Diese Frau macht mich fertig!"
Als ich gestern Nachmittag die Bürotür hinter mir schloss und mich noch einmal auf einen kurzen Zwischenstopp nach L begab, um anschließend nach M weiterzufahren, da meldete sich der andere: "Ich tanze hier gerade im Dreieck!! Ich muss doch nicht nach *Kuhdorf*, ich hab die Zusage für L! Ich kanns noch gar nicht glauben!!" Der Rest ging in meinem Jubelschrei unter. Zehn Minuten später tanzten wir gemeinsam im Dreieck und dann spürte ich, wie mir mit einem Mal die Beine weich wurden und nachgaben: Die Anspannung wich mit einem Schlag.
Alle Probleme mit nur einem Zweizeiler des künftigen Arbeitgebers gelöst, keine offenen Fragen, keine Sorgen, keine zusätzlichen finanziellen Belastungen.
Als ich ins Auto stieg, blieb ich noch einen Moment sitzen, führte ein, zwei Telefonate und spürte ich selbst währenddessen noch immer eine wunderbar ungläubige Fassungslosigkeit in mir, wie sich innerhalb von nur wenigen Tagen alles verändert hatte. Ich begann mich zu fragen, ob nunmehr, nach all den Jahren des Kampfes, der Mühen, der schlaflosen Nächte und der angespannten Tage jetzt endlich, endlich die Erleichterung eintreten würde, nach der ich mich so gesehnt und die ich mir so für uns drei gewünscht hatte. Die 15 Jahre der Ehe waren schon ein absoluter Krampf, die gut 15 Jahre seit dem Ende der Ehe waren es umso mehr - und jetzt sollte es tatsächlich auch mal etwas einfacher für uns werden?
Gerade für meinen Ältesten freue ich mich so irre, weil er sich schon jetzt nach den drei Wochen einfach nur wohl dort fühlt, bereits jetzt erste Kontakte geknüpft hat und auch sagt: "Warte nicht nach der Spätschicht auf mich, wir trinken mal noch ein Bier."
Das hat es in den zwei Jahren in unserem Unternehmen nicht gegeben - und es hieß immer: "Das liegt ja nur an deinem Sohn."
Ja eben nicht. Es ist einfach auch eine Frage des Umgangs. Und vielleicht bringe ich das zu gegebener Zeit auch mal an - und befreie auf diesem Weg auch gleich meine Seele von den vergangenen 25 Monaten, in denen sich eine verdammt große Menge ansammelte.

Als ich den Schlüssel in das Zündschloss steckte und den Motor anließ, da fühlte ich mich mit einem Mal so unfassbar entspannt und zugleich so müde, dass ich am liebsten wieder ausgestiegen und noch eine Nacht in L geblieben wäre. Aber hier wartete Herr Blau, ich wollte einfach auch nach Hause, und ich wollte auch gleich noch mal diesen Moment der Musik, die ich so sehr aufdrehen kann, wie ich es brauchte und wie es die Technik zuließ.
A Matter of Trust.
Seit zwei Tagen in meiner Playlist und ich hör ihn rauf und runter, nicht nur, weil ich gerade jetzt in genau der richtigen Stimmung für genau diesen Sound bin, sondern auch weil er so richtig gut zu Herrn Blau und mir passt. Mit jeder Zeile.
Alles eine Frage des Vertrauens.
Und wenns daran mangelt, dann hilft vielleicht auch ein bisschen Glauben, Wünschen und Hoffen.

Am späten Abend schrieb der Ältere: "Habe heute den Vertrag unterschrieben. Am 1. August gehts los. Ich hab die nächste Woche noch mal frei, bin aber schon zum Sommerfest am Donnerstag mit eingeladen."

Ich hab ihnen versprochen, dass wir die Kuh übers Haus fliegen lassen, wenn ich wieder da bin.


Mittwoch, 19. Juli 2017

10,000 Miles



"Was genau liebst du eigentlich an Herrn Blau?" bin ich in den frühen Jahren so oft gefragt worden. Ich bin es so oft und manchmal so hartnäckig gefragt worden, dass ich mich irgendwann ganz verschloss und überhaupt nicht mehr darauf antwortete.
Wir haben uns kennen gelernt, wir wurden nach einigen Wochen ein Paar und wir trennten uns zum ersten Mal nach sechs wundervollen erfüllten Wochen.
Möglicherweise war es einfach nicht der richtige Moment.. Es war das Jahr meiner Trennung vom Ehemann, vom Auszug aus der gemeinsamen Wohnung und einem Neubeginn, bei dem ich zum allerersten Mal ganz allein und ganz eigenverantwortlich und mit leicht zittrigen Händen einen Mietvertrag unterschrieb. Es war das Jahr des schlimmsten Rosenkriegs, es war das Jahr meines ganz persönlichen Umbruchs und auch eines irrsinnigen Verlustes - und demgegenüber stand ein Mann, der das alles schon hinter sich hatte.
Möglicherweise war es einfach auch nicht der richtige Moment, weil ich irgendwie.. noch gar nicht bei mir selbst angekommen war. Zu sehr reagierte ich auf Einflüsse von außen, zu wenig selbstbestimmt, weil mir einfach nicht klar war, was ich mir wünschte und was ich eigentlich brauchte.

Und dennoch...
Man steht sich gegenüber und es ist... einfach da.
Ein so unwirkliches, nicht zu greifendes Gefühl und zugleich eine Sicherheit, die jeden einzelnen Zentimeter des Körpers durchatmet und die von diesem Moment an völlig Besitz von einem ergreift... Und es endet auch nicht, nur weil sich die Wege trennen, die Gedanken und die Körper sich voneinander lösen und man über Wochen, Monate, manchmal auch ein Jahr lang in völlige Wortlosigkeit versinkt.. Auch dann, wenn es über die Zeit aufhört, sich wie ein inneres Feuer in einem auszubreiten, auch wenn es aufhört wehzutun, innerlich jeden Tag neu so zu verbrennen..
Auch wenn man lacht, obschon man innerlich weint.

"Was genau liebst du denn so an ihm?" Und ich verstand die sich wiederholende, bohrende Frage nicht, die mich irgendwann einfach auch.. bockig werden ließ: Ich liebe ihn nicht für etwas. Nicht für etwas, das er tat, das er tut. Für mich ist Liebe ein Gefühl, das da ist, einfach so, ohne das Zutun, ohne Gründe, ohne Anlass und nicht aus Dankbarkeit für etwas heraus... Es ist einfach da. Ein allumfassendes Gefühl, mit dem ich abends einschlafe und morgens erwache. Mit dem ich in der Nacht erwache, ganz gleich, ob wir beieinander liegen oder auch nicht. Wir kennen uns so viele Jahre, und immer noch erfüllt es mich mit Glück, wenn ich an ihn denke. Immer noch erfüllt es mich mit Vorfreude, wenn ich mich auf den Weg zu ihm begebe. Immer noch liebe ich es, wenn meine Hand in seiner liegt. Wenn seine Hand auf meinem Bein ruht, wenn wir uns irgendwo niedergelassen haben. Ich liebe sein Lächeln, das bis in den kleinsten Winkel seiner Augen kriecht und ich liebe es, wenn wir herumalbern wie die Kinder und uns genauso auch ernsthaft über so viele Dinge unterhalten können. Wir sind weiß Gott nicht immer einer Meinung, und manchmal können wir uns so nachdrücklich darüber auseinandersetzen, dass man wutentbrannt die Tür hinter sich ins Schloss fallen lässt.
Ich liebe ihn, weil mit ihm... einfach alles Spaß macht. Weil sich mit ihm alles so erfüllt anfühlt und mir kaum mehr etwas fehlt, wenn wir zusammen sind. Weil ich mir mit ihm niemals die Frage gestellt habe, ob es so jetzt die nächsten fünfzig Jahre so weitergehen soll und ob es das jetzt war.
Wir sind so viele Wege gegangen, getrennt und gemeinsam, allein und miteinander, und heute frage ich mich nicht mehr, ob das so hatte sein müssen, um bis hierher zu gelangen.
Heute bin ich dankbar, dass wir uns nicht verloren haben in all der Zeit dazwischen.

Vor einigen Tagen hatte er Geburtstag und ich überlegte mir, was ich ihm in ein Kärtchen schreiben wollte. Auch eingedenk der Frage, die er mir unlängst stellte: "Warum liebst du mich eigentlich?" und ich antwortete: "Das weiß ich nicht so genau. Aber ich tue es. Sehr." Und er lächelte dieses wunderbare Lächeln mit diesen Schmunzelecken, an denen ich mich nicht sattsehen kann.
Und weil ich diesen Spruch einige Zeit zuvor gelesen hatte, jedoch eine solche Karte nicht zu kaufen bekam, da malte ich einfach selber eine und schrieb dazu "Die Welt ist schön, weil du mit drauf bist." Und so ist es einfach für mich. Ohne dass ich Gründe dazu brauchte.

Fare the well
My own true love
Farewell for a while 

I'm going away
But I'll be back
Though I go 10,000 Miles...

Donnerstag, 13. Juli 2017

Szenen einer Partnerschaft: Prioritäten!

"Warum legst du das Shirt jetzt auf mein Bett?"
"Ist doch dein Schlafshirt?"
"Das hatte ich vielleicht mal im Büro an? SO schaust du mich an, wenn ich aus dem Haus geh!"
Gähnend strecke ich mich und erkläre gemütlich: "Du hattest heute morgen ein blau-weiß gestreiftes Hemd, dunkle Jeans und braune Schuhe an."
"Hmpffff."
"Und was hatte ich heute morgen an?"
"Du hattest nichts drunter!" 
Besser lassen sich, glaube ich, die Unterschiede zwischen Mann & Frau nicht erklären ;)

Dienstag, 11. Juli 2017

Eine Frage der Authentizität

Ich unterliege, wie vermutlich die meisten Menschen (oder Frauen), der selektiven Wahrnehmung: Das, was mir unter die Haut geht oder was mich auch schlichtweg "nur" interessiert, das speichert sich in meinem Kopf für eine lange, mitunter sehr, sehr lange Zeit.
Es gibt Themen, die liegen mir durchaus im Blut, andere wiederum gar nicht (Mathematik zum Beispiel).
An dem bunten Strauß meiner derzeit favorisierten Blogs fasziniert mich eine gewisse Vielfältigkeit, mit der Menschen von sich oder über sich erzählen. Der eine mehr, der andere weniger.
Und dabei stelle ich immer wieder fest: Menschen interessieren mich. Ihr Auftreten, ihre Handlungsweise, ihre Ansichten - und nicht zuletzt ihre Argumente. Umso mehr, je authentischer sie mir erscheinen.
Und ob nun analytisch denkend oder nicht: Ich will verstehen. Das, was mir begegnet und was mich interessiert, das möchte ich verstehen können. Einfach deshalb, um eigene Blickwinkel zu hinterfragen, zu testen vielleicht auch, manchmal aber auch einfach aus dem Grund heraus, um für mich einen Abschluss für das eine oder andere zu finden. Denn gerade das Verständnis um bestimmte Situationen oder Handlungsweisen ermöglicht mir, mit etwas abschließen, meinen Frieden finden zu können.

Vermutlich setzt das voraus, sich selbst ganz gut zu kennen, sich reflektieren und aber auch sich positionieren zu können. Letzteres vermisse ich aktuell gerade ein wenig in meinem realen Leben. Diese Einstellung "mir doch egal" kann mich ziemlich auf die Palme bringen, ist aber wiederum auch themenabhängig. Denn "ach was, is wurscht" kommt auch mir nicht unbedingt selten über die Lippen.
Ich persönlich glaube ja irgendwie, dass man sich selber nie wirklich hundertprozentig kennt, weil man sich zum einen ja doch immer weiter entwickelt, in welche Richtung auch immer. Und weil einen das Leben andererseits immer wieder mal vor Situationen stellt, die man bis dato nicht kannte und erst mit der eigenen Reaktion erkennt: Das hättsch jetzt vielleicht mal nicht von mir oder ihm/ihr gedacht.
Insofern empfinde ich es als interessant, wenn Menschen sich reflektieren und einen in ihrem Blog daran teilhaben lassen. Solche Beiträge lese ich nicht selten mehrfach, auch dann, wenn ich selber gar nicht oder nur einmal kommentiere. Ich persönlich finde es ziemlich erstaunlich, was die Gedanken bzw. Worte eines anderen, mitunter völlig Fremden in mir selbst auslösen (können).
Der Post von Rain & dem Captn also brachte mich selbst zur Frage, was in dem Falle MIR denn eigentlich mit am wichtigsten sei für das Funktionieren einer Beziehung oder überhaupt in einem Miteinander. Und in einem doch sehr regen Gedankenaustausch via whatsapp mit anderen Bloggern kam ich zu der Erkenntnis: Authentizität. (Neben einigen anderen für mich elementaren Dingen, freilich.)
Aber ich hätte vermutlich nie wirklich beantworten können, WARUM mir das so wichtig ist.
Und diese Erkenntnis überkam mich heute.

In meinem realen Leben gibt es nur sehr, sehr wenige Menschen, denen bzw. deren Urteil oder Einschätzung ich vertraue. Warum das so ist, ist eine verdammt lange, etwas verzweigte Geschichte.
Aber heute empfinde ich so vieles, das ich da oder dort als "Glück" bezeichnet hätte, nicht als etwas, das mir zuteil wurde, weil ich ja ach so toll bin. Sondern weil dies immer mit einer Erwartung an mich verknüpft war: Wer etwas für mich tat, wollte auch etwas dafür. Diese Geschichte vom Gleichgewicht des Nehmens & Gebens lasse ich hier mal beiseite, weil das für mich was ganz Selbstverständliches ist. Aber ich will auf was anderes hinaus: Seit früher Kindheit hat mein Vater mir beigebracht, dass nicht gejammert und nicht gebettelt wird. Das schloss auch ein, nicht um Hilfe zu bitten, sondern zu versuchen, es aus eigener Kraft zu schaffen - oder es eben zu lassen.
Mir ist früher oft vorgeworfen worden, warum ich denn "nicht einfach mal was gesagt" hätte - aber ich konnte es eben nicht. Jedoch spätestens mit meinem Auszug im Jahr 2003 aus der ehelichen Wohnung und dem Versuch, ganz allein neu anzufangen, da realisierte ich mit der Zeit: Ich kann nicht immer alles allein schaffen bzw. ist es mit Hilfe deutlich einfacher - und warum sich alles unnötig schwerer machen als es sein musste? Also begann ich um Hilfe zu bitten... Je freier ich mich fühlte, desto mehr Menschen lernte ich auch kennen - nicht, um sie eines Tages um etwas bitten zu dürfen. Aber ich fand das irgendwie ein klasse Gefühl, viele Menschen zu kennen und so im Bedarfsfall den einen oder anderen zu haben, den man um Rat oder Hilfe bitten konnte.

Und das hab ich fast immer schwer bereut. Aus den verschiedensten Gründen heraus. Weil entweder Erzähltes später gegen mich gerichtet wurde. Weil Hilfeleistungen mir vorgehalten bzw. vorgerechnet wurden. Oder weil ich mich emotional erpressen ließ: Ich war für dich da und jetzt musst du für mich da sein, egal, was das für dich bedeutet und auch wenn dann mal nachts die Polizei in deinem Zimmer hockt und dich fragt, ob du eventuell einen Arzt brauchst. Missbrauch von Freundschaft und Loyalität, Unaufrichtigkeit zu Selbstzwecken, Illoyalität und einfach auch... Verrat.
Das ist alles nichts Neues, das ist auch nichts, das es nicht schon immer gab - aber was es mit jedem Einzelnen macht, ist eben individuell. Der eine schluckts und schüttelts ab, der andere ist geprägt für eine lange Zeit - oder für immer.

Ich will glauben können. Ich will das, was man zu mir ganz persönlich sagt, glauben können - aber ich kann es nicht. Selbst Herr Blau ist manchmal genervt: "Warum hinterfragst du immer alles? Warum kannst du das, was ich sage, nicht einfach auch mal so stehen lassen?"
"Weil ich dir zuhöre. Und weil ich das, was du sagst, verstehen will. So wie du es auch meinst und nicht so, wie ich es vielleicht interpretiere. Ist doch nichts Schlimmes?"
"Nein, aber anstrengend."

Komplimente machen mich verlegen, dann albere ich herum und lenke vom Augenblick ab. Weil ich mich damit einfach nicht wohl fühle. Weil ich sie auch nicht glaube.
Auch das ist begründet in vielen persönlichen Erfahrungen - aber ich denke, es hängt schon auch mit meiner eigenen nordischen Mentalität zusammen: Übertreibungen machen mich sofort argwöhnisch, und man kann mich persönlich mit so großartigen Worten und Dingen auch nicht beeindrucken. Im Gegenteil, sie erschrecken mich. Wenn beispielsweise manche so sagen: "Für ein Wochenende entführ ich dich nach New York, Rio, Tokio", dann erschreckt es mich. Ich fands viel cooler, in einem klapprigen Auto nach Berlin auf eine Pizza und einen Milchkaffee zu fahren. Was damals immerhin zweimal zweihundert Kilometer an einem Nachmittag bedeutete. Ökonomisch schwachsinnig - aber geiles Lebensgefühl.

Mir ist durchaus bewusst, dass man gerade im Netz keine Authentizität erhoffen kann. Weder in Blogs noch auf Onlineportalen. Jedoch hat mir insbesondere das Netz gezeigt, wie wichtig genau das mir ist.

Donnerstag, 29. Juni 2017

Über tausend Umwege...


...gelangte ich über einen aktuellen zu einem "Uralt-Post" von Goldi, der mich seither.. sagen wir.. ein wenig beschäftigt. Die Exklusivität des Liebens; kann sein, wir hatten dieses Thema einst schon.
Ich hab vielleicht nie so wirklich darüber nachgedacht, ob ich mich selbst oder den Mann neben mir einschränke, ich habe mir vielleicht auch nie wirklich Gedanken darüber gemacht, ob ich andere Männer oder ob er andere Frauen braucht. Vielleicht musste ich ja auch nie darüber nachdenken, weil es nie ein Thema für uns war?

Ich bin nun keine siebzehn, keine zwanzig und auch keine dreißig mehr - jedoch tief in mir bin ich noch immer das Blumenmädchen geblieben, das an die Liebe glaubt und dafür auch lebt.
Ich liebe es, in mir das Gefühl erweckt zu bekommen, ständig zu singen, obwohl ich es gar nicht kann, beim Essen zubereiten, im Auto; ständig herumzutanzen, obwohl gerade ich mit meinen eckigen Bewegungen es überhaupt gar nicht kann; ich liebe es, in mir das Gefühl erweckt zu bekommen, dass alles frei und unbeschwert sein kann - auch wenn es das Leben oftmals eben nicht ist.
Ich liebe es, wenn der Mann heimkommt, zu mir nach Hause kommt, nicht aus Verpflichtung, sondern weil er es genau so will, ohne dass er nach einer anderen Frau riecht oder schmeckt. Natürlich kann ich nicht sagen, ob oder an wen er denkt, wenn wir uns berühren, aber ich kann sagen, dass ich ausschließlich an ihn denke, wenn ich ihn berühre, wenn wir beieinander liegen, wenn ich nachts auf seinen Atem lausche und meine Hand auf seinem Bauch ruht. Wenn ich meinen Kopf an seinen Rücken lehne, seine Silhouette wahrnehme, die Ruhe, die Stille, die Geborgenheit des dunklen Zimmers, seinen Herzschlag an meinem Ohr fühle und mit diesem... die Endlichkeit des Seins und die Unendlichkeit des Liebens begreife...
Das sind Momente, die ich niemandem anderen abspreche, der für sich sagt, dass er neben seinem Partner auch den Sex mit anderen Menschen braucht. Aber das sind für mich so persönliche, intime Momente, die ich einfach... mit niemandem anderen teilen kann.. nicht teilen mag..
Nein, ich denke nicht, ich fühle nicht und ich beanspruche den Mann nicht als meinen Besitz.
Er ist genauso frei wie ich es bin und wir sind genauso frei wie wir es sein möchten.
Würde er mir eines Tages Wünsche offenbaren, die sich auf Dritte erstrecken, dann würde ich es ihn tun lassen... Aber ich würde ihn dann auch gehen lassen... Ich möchte nicht, dass er auf etwas verzichtet, nur weil ich es nicht mittragen kann.. Ich möchte nicht, dass er sich in etwas ergibt, das nur mich glücklich macht. Was gäbe es mir? Nur ich.. Ich könnte dann nicht mehr mit ihm sein. Es ist schwer zu erklären, jedoch.. All die Dinge, die mir so viel bedeuten, die mir im Miteinander so unendlich viel bedeuten.. ich könnte sie nicht mehr auf eine besondere Weise empfinden und nicht mehr mit ihm teilen. Es ginge einfach nicht mehr.. Der Zauber wäre zerstört. Für mich ganz persönlich wäre er zerstört.
Der Zauber meiner eigenen, persönlichen Vorstellung von der Liebe zueinander. Und ja, das ist auch meine eigene, ganz persönliche Vorstellung - und diese zwinge ich niemandem auf. Niemand ist gezwungen, sein Leben mit mir zu teilen, ich kann auch sehr gut allein leben - oder mit jemandem, dessen Lebensart der meinen so ähnlich ist..

Insofern Goldi... Nein, ich habe keine Angst vor sexuellen Abenteuern meines Partners, weil ich anschließend bezweifelte, ob ich ihm dann noch genügen würde. Oder dass ich mich fragen würde, wie die andere war.. Das würde ja im Umkehrschluss auch bedeuten, dass man den aktuellen Mensch mit Liebespartnern zuvor vergleicht. Wie andere das machen, weiß ich nicht - ich vergleiche nicht. Was war, das war. Was ich anfangs vielleicht eher "vergleiche", ist maximal, wie ich mich fühle, ob ich mich glücklich und geliebt und wertgeschätzt fühle.. Und ob ich das Gefühl habe, genau da zu sein, wo ich immer hinwollte.. Das Gefühl zu haben, genau hier sein zu wollen, mit ihm und niemandem anderen..
Ich würde deshalb auch nicht aufhören, ihn zu lieben. Aber zusammen sein.. könnte ich mit ihm einfach nicht mehr.

Heute Nacht ist mein Kopf, mein Bauch voller streichelzarter Musik. Und ich mag das sehr, dieses Lebensgefühl. Die Leichtigkeit eines Mädchens auf jener Schaukel....

The Point of no Return



Ich persönlich bin der Überzeugung: Man lernt die Menschen erst dann wirklich kennen, wenn man sich trennt. Erst dann weißt Du, wen Du wirklich all die Jahre begleitet hast - und mit wem Du es wirklich all die Zeit zu tun hattest.

Ich weiß, nach all der Zeit sollte es das nicht - aber die menschlichen Abgründe schockieren mich. Noch immer.

Eigentlich bin ich ein Fan von melodischer, melancholischer, auch Streichel-Musik. Dieser Tage aber habe ich etwas "Härteres" gebraucht, um wieder in mein Gleichgewicht zu kommen.

Ein Mann denkt ja gerne, dass eine Frau von heute auf morgen geht. Ich kenne keine, die das so tat. Jede hat gekämpft - fast immer jahrelang. Er hat es nur nicht bemerkt.

Montag, 26. Juni 2017

Tage der Entscheidungen



Auf meinem Schreibtisch steht seit dem letzten Weihnachten ein Kalender. Zumeist entfällt es mir, die Wochenblätter rechtzeitig umzuwenden, jedoch ist mir aufgefallen, dass sehr, sehr oft der jeweilige Wochengedanke auf genau diesen Moment in meinem Leben passte.
Gedankenverloren habe ich heute Abend ein wenig darin herumgeblättert, nicht vorgeblättert, nein, nur zurück - und dann fiel mir dieses Kalenderblatt sozusagen in die Hände, vor die Augen, vor die Füße - und ich musste lächeln. Sehr sehr breit lächeln.

Ich vermag gar nicht mehr zu zählen, wie oft mir gesagt wurde, dass ich zu sehr träume. Dass ich zu sehr rosarot empfinde. Dass ich zu sehr an Dinge glaube, die hoffnungslos sind.
Was wissen die Menschen schon... Nichts, gar nichts. All die Realisten, Zyniker, Hoffnungslosen, die glauben, es gäbe selbst in einer Welt wie dieser keinen Platz mehr für Träume und Hoffnungen...
All die Alphawesen, die immer nur rastlos vorwärts wollen und gnadenlos zur Seite schieben, was ihrer Meinung nach Entwicklungen nur aufhalten oder unnötig behindern würde, und von denen man wiederum sagt, sie müssten immer beschäftigt sein, weil sie nur Angst vor dem hätten, was die Ruhe mit sich brächte..

Es ist mir auch entfallen, wie oft mir mein eigenes Leben beibrachte, dass Gutes manchmal einfach nur Zeit braucht. Vielleicht gibt es ihn nicht, den sogenannten "richtigen Moment" - aber es gibt ein Bauchgefühl. Never mess with the Bauchgefühl - las ich erst unlängst in einem anderen Blog, und selbst wenn diese Worte mit einem so ganz anderen Gedanken aufgeschrieben wurden, so denke ich an diesem wunderbaren Sommerabend einmal mehr daran, während ich mich zurücklehne, auf bereits Geschriebenes schaue, den eisgekühlten Rosé vermisse, den ich grad nicht habe - und ich spüre mich lächeln... Das Lächeln auf mir und wie es sich in mir ausbreitet, ruhig, friedlich - und ganz weit und tief.

Vor einiger Zeit erzählte ich von meinem Jungen. Ganz woanders ganz anderen Menschen - und jemand antwortete mir: "Man denkt immer, was für ein anstrengendes Leben und jetzt muss es aber doch leichter werden. Aber das wird es irgendwie nicht." Doch wer ihn kennt, der weiß im Grunde, dass er.. einfach nur Zeit braucht. Als er vor über zwei Jahren zu uns in die Firma kam, war ich erleichtert - und fühlte dennoch zugleich keine wirkliche Erleichterung. Ohne dies hätte zu begründen gewusst. Es war einfach da... das Bauchgefühl. Heute, zwei Jahre, einen Monat und vierzehn Tage später weiß ich es: Er war bei uns nicht angekommen, nicht aufgehoben - und nicht anerkannt.
In einer Woche beginnt er ein Praktikum in einem Sozialunternehmen und wenn er sich bewährt, bekommt er zum 1. August einen neuen Job. Als wir vor etwa vier Wochen die Bewerbungsunterlagen zusammenstellten, die er gleich persönlich überbrachte, und dann so lange nichts mehr davon hörten, fürchteten wir ein wenig, dass jetzt auch nichts mehr käme. Dafür setzten wir andere Dinge in Bewegung. Bis letzte Woche der Anruf kam, das Gespräch folgte und man ihm am Ende erklärte: Erst ein Praktikum und wenn, dann ab 1. August.
Ich habe ihn vor Freude umarmt, an mich gedrückt, fett auf die Wange geküsst und er verdrehte schmunzelnd die Augen: "Jetzt geht DAS wieder los!" Wir haben uns beide einfach wahnsinnig gefreut, weil es eine Chance ist, die sich für unser beider Bauchgefühl einfach nur.. richtig anfühlt. Weil es einfach auch ein Job ist, der sich für IHN, für sein soziales Wesen richtig anfühlt. Diesmal ist es so, damals war es das einfach nicht, und nun wünsche ich ihm so sehr, dass ihm dieser Sprung nun auch gelingen möge.
Der Jüngere hingegen entschied sich trotz des noch laufenden Auswahlverfahrens für ein Ende bei der Bundeswehr. Ab 1. Juli ist dort Schluss und ob im September die Ausbildung bei der Polizei beginnen würde, war noch immer unklar. Alle Prüfungen abgelegt und bestanden - doch dann entscheidet ab dem 1. Juni immer noch ein Ranking, wer angenommen wird und wer nicht.
275 Auszubildende soll es in diesem Jahr in diesem Bundesland geben - und seit heute belegt er... Platz 275! Von Platz 306 Ende Mai bis heute immer mal ein, zwei oder auch vier Plätze am Tag gerutscht - und nun hat er erreicht, was er so lange schon wollte.

Ich erinnere mich noch, wie oft ich in den letzten Jahren hörte "Wie lange soll denn das noch gehen, wie lange willst du deine Jungs denn noch finanzieren, die sollen endlich einen richtigen Job suchen und Geld verdienen." Nur.. So einfach ist es eben nicht immer, wenn man die individuellen Eigenschaften mit berücksichtigt. Nicht jeder ist eben ein Alphatier - und muss es aber auch nicht sein. An sie zu glauben, davon habe ich mich dennoch niemals abbringen lassen. Und alles für ihre Träume zu tun, solange sie nicht ziellos, planlos durchs Leben tingelten und sich auf meiner Unterstützung ausruhten, würde ich alles, einfach alles dafür geben, damit sie den Weg in ihrem Leben finden, den sie immer gehen wollten.
"Sag mir, wovon du träumst und dann sag mir, was ich dazu tun kann."
Diese Worte vor vielen Jahren, an mich gerichtet, vergesse ich mein Leben lang nicht. Weil das eine Lebenseinstellung beschreibt, die der meinen so sehr ähnlich ist. Dieses bedingungslose Glauben an einen. Wie oft hat mich allein dieses Gefühl, allein dieser Gedanke wieder auf die Füße gestellt, auch als sich die Wege längst getrennt hatten.

Lieber Rain, falls Du das hier liest: Auf Deinen letzten Kommentar habe ich nicht geantwortet, weil ich seither über Deine Worte nachdachte und mir nicht sicher war darin, was ich darauf antworten wollte. Weil ich nicht sicher bin, ob ich sie so unterschreiben wollen würde.
Ich bin nicht sicher, ob nur Menschen, die Kinder haben, bedingungslose Liebe empfinden können. Weil eben auch nicht jeder, der Kinder hat, bedingungslos lieben kann.

"They say
love is blind.
I disagree.
Infatuation is blind.
Love is all-seeing
and accepting."


Irgendwie fühle ich meine Worte bestätigt, die ich vor längerer Zeit in meine Facebook-Chronik schrieb "Jeder sollte jemanden haben, der bedingungslos an einen glaubt." Der einem nicht permanent sagt, was er alles nicht kann und dass seine Wege nur ins Nichts führen werden. Der einem nicht jegliches Selbstvertrauen nimmt und davon ausgeht, dass nur er selber alles richtig sehen und tun würde. Weil ich selber an mir erlebe, wie unglaublich es mich beflügelt, bestärkt und mich auch heute jeden Morgen die Augen öffnen und mich fragen lässt, was der Tag heute denn Schönes für mich bereithalten würde. Und mich nicht stattdessen frage, ob und wie ich mit dem Schmerzpegel durch den Tag komme.

Und darum, liebe L., hast auch Du alles, einfach alles richtig gemacht. Auch wenn mich die Endkonsequenz dieser Tage noch immer erschüttert.

Und darum, liebe J., wirst auch Du Deinen Weg finden. Dann, wenn DU weißt: Genau jetzt.

Man darf alles - nur nicht aufgeben. Und seine Richtung ändern ist kein Aufgeben.


Donnerstag, 8. Juni 2017

Mittwoch, 7. Juni 2017

Freudentränen


Die erste Überraschung des Mannes am heutigen Tag, die mich vor Freude lachen und mir zugleich die Tränen in die Augen springen ließ.
Damit das allgemeine Lebens-Motto auch gleich mal klar ist ;)

Gepaart mit einer Tasse herrlich aromatisch duftendem Kaffee, einem Stück Schokoladenkuchen und einem Schälchen Heidelbeeren war für mich der Morgen perfekt. Ja, mit so kleinen Dingen bin ich glücklich zu machen ;)


Herr Blau begrüßte mich zwar mit einer moderneren Version dieses Songs,
aber den konnte ich leider nicht finden und habe im Moment auch keine Zeit für ausgiebiges Suchen ;)
Ich fands jedenfalls einfach nur wunder-wunderschön.

Übrigens, weil schon woanders der Hinweis kam: Der Spiegel - der ist nicht schmutzig. Ich habe ihn so vor Jahren gekauft, ein wundervoller honigfarbener, dreitüriger Bauernschrank, da war noch nix mit Nägeln und Schrauben, alles nur gesteckt, und man überließ ihn mir für schlappe 150 Euro. Da habe ich vor Freude getanzt, könnt Ihr glauben. Und pfeife da auf so paar blinde Fleckchen und Streifen, ich will das auch nicht auswechseln.
Weil ichs gar nicht perfekt haben will. Sind wir doch alle nicht.
Wäre auch viel zu langweilig.

Dienstag, 6. Juni 2017

Of All the Things We've Made




"Für die seelische Gesundheit ist es wichtig, 
zu irgendeinem Zeitpunkt einen Abschluss zu finden - 
im Sinne von Akzeptanz, nicht im Sinne von Vergessen."


Über die Mediathek des SWR habe ich mir gestern die Sendung "Was einen nicht loslässt" angeschaut. Nachhaltig im Kopf geblieben ist mir nicht die Geschichte eines Mannes selbst - sondern wie er sich im Augenblick des Erzählens gefühlt haben mag. Sichtlich aufgewühlt, die Hände ineinander gelegt, die Finger, die krampfhaft umeinander schlingen, das Hemd großflächig durchgeschwitzt - der ganze Körper irgendwie in Aufruhr. Er soll nicht nur, er will auch von sich erzählen, sonst säße er nicht dort. Weil er aufmerksam machen will, weil er die Aufmerksamkeit Dritter sensibilisieren will, um insbesondere die zu schützen, die sich noch nicht wehren können. Die Kinder.
Missbraucht als Kind über Jahre hinweg hat er all das Geschehene so lange verdrängt, bis es 2013 in einem Dialog mit einem Freund mit aller Kraft herausbricht. Das, was immer da war, was immer auch im Kopf war und dennoch nie nach außen durfte.

Gute vier Jahre sind seit jenem Ausbruch und gleichzeitigem Zusammenbruch des Mannes vergangen. Vier Jahre Kopf- und Seelenarbeit, die bei weitem für ihn nicht ausreichen, um das, was er erlebte, zu verarbeiten. Aber er ist auf einem guten Weg, denke ich, während ich ihm zusehe. Weil er nicht stehengeblieben ist. Weil er kämpft. Und währenddessen einen Weg geht. Seinen Weg.
Ich schaue auf ihn und denke: Beinah genauso habe ich auch dagesessen, wenn ich erzählen musste. Und sollte. Und irgendwie auch wollte.

Wie ist es heute? Wie ist es, wenn Themen heute hochkommen oder wenn ich erzähle, ganz Belangloses, und dann kommt eins ins andere? Natürlich spüre ich, was das mit mir macht. Natürlich erinnere ich mich. Aber es hat sich.. verändert.
Nachhaltig im Kopf geblieben ist mir auch der obige Satz der beisitzenden Therapeutin über die seelische Gesundheit.
Worte, die ich in meiner Kopfarbeit in all den Jahren immer wieder gehört habe, die ich vielleicht damals so nicht wahrhaben wollte in Verbindung mit der Schmerzproblematik. Mich dabei immer wieder erinnernd an meine Neurologin, die ich bis heute insbesondere aufgrund ihrer Akzeptanz, ihrer Menschlichkeit und auch ihrer Ehrlichkeit "Ich weiß nicht mehr, wie ich Ihnen helfen kann. Sagen Sie es mir, ich mache alles, aber ich weiß einfach nicht weiter" sehr schätze. Und die schon 2006 zu mir sagte: "Das Problem ist, dass man nicht Ihr Blut unters Mikroskop legt und genau ablesen kann, was Ihnen fehlt. Man muss wissen, wonach man suchen soll."
Vieles, das einem dabei begegnet, sind Zufallsbefunde. Abweichungen von einer Norm, die nicht immer einen krankhaften Befund darstellen. Oder die unser Leben im Alltag beeinflussen. Wie zum Beispiel das Ding in meinem Kopf. Mein zweites Hirn, wie ich es manchmal scherzhaft nenne, seit es sich auf 4 x 5 x 2 Zentimeter ausdehnte und sich seither unverändert in meinem Kopf ausruht. Jeder Mensch ist sein eigenes Individuum, sage ich ja immer, sowohl in der Psyche als auch in der Physis, und während man anfangs noch etwas irritiert auf Abweichungen reagiert, gewöhnt man sich mit der Zeit an den Fakt und lernt, damit umzugehen.

Die meisten Menschen haben Dinge erlebt, die ihnen das Leben schwer machen. Ganz unterschiedliche Dinge in unterschiedlicher Intensität und unterschiedlicher Ausprägung.
"Es mag sein, dass Sie es heute verstehen. Aber das ändert ja nichts daran, was es mit Ihnen gemacht hat, als Sie Kind waren."
Jeder versucht auf seine Weise zu verarbeiten, zu bearbeiten. Einheitlich wird es im Grunde erst, wenn er sich der Hilfe bedient. Weil wir ja alle irgendwie nach Mustern reagieren, auch wenn unser Erlebtes sich grundsätzlich unterscheidet.
Und ich gebe Dir, Waage, recht, wenn Du sagst, dass es viel Kraft und Mut braucht, den oder die Korken zu ziehen und die Dinge herauszulassen, anzusehen, anzunehmen. Aber gerade Du müsstest (vielleicht) wissen, dass ich mich genau all dem gestellt habe. Mit Hilfe und auch ohne Hilfe. All dem gestellt, was gesagt, was getan oder auch nicht gesagt und nicht getan wurde.
Wir kennen uns seit 2005 und ich bin nicht sicher, ob Du es wissen müsstest oder aber mich vielleicht doch nicht wirklich kennst (woran ja auch irgendwie was dran ist ;)): Aber gerade DU solltest zumindest wissen, dass ich mich gestellt habe. Dass ich bearbeitet habe - und dass ich phasenweise auf dem Zahnfleisch gekrochen bin dafür und deshalb.
Was macht Dich also so sicher, dass ich meine/n Korken nicht gezogen hätte?
Was macht Dich sicher zu glauben, dass ich meinen Abschluss nicht gefunden, meinen Frieden mit dem einen oder anderen nicht gemacht hätte?
Was macht Dich so sicher zu glauben, Du würdest mich kennen, wenn Du zugleich kürzlich so überrascht warst, dass ich beispielsweise meine Furcht nach dem Unfall 2006 längst überwunden habe und inzwischen mit einer Geschwindigkeit über die Straßen jage, die Deiner so ähnlich ist und die Du mir aber nicht zugetraut hattest? Bis vor kurzem glaubtest Du, ich sei noch immer gefangen in dem Misstrauen gegenüber der Technik, die mich im August 2006 so verließ, und dabei bin ich längst sehr viel weiter... Meiner Seelenarbeit traust Du gleiches nicht zu?

Ich weiß bis heute nicht, warum mir seit Februar 2005 mein Körper linksseitig unablässig schmerzt - und seit diesem Jahr beide Hände. Niemand kann es mir sagen, niemand weiß es.
Du aber auch nicht.
Niemand kann mir helfen - jedenfalls bis jetzt nicht.
Aber bitte sagt mir nicht, ich hätte all die Jahre nichts bzw. nicht das Richtige getan und würde noch immer nur mir selber im Wege stehen.
Wie verletzend und frustrierend das sein kann, versteht am Ende auch nur ein Betroffener, der sich jahrelang quält und müht, Wege zu finden. Lösungen zu finden und ähnlich nicht oder kaum vorankommt wie ein Tinnituspatient.
Die Therapien bescheinigten mir, stark genug zu sein, reflektiert genug zu sein, interessiert genug zu sein. Offen genug zu sein.
Das Biofeedback bescheinigte mir, in mir selbst ruhen zu können, mich selbst zur Ruhe bringen zu können.
"Ich hätte es nicht gedacht, aber sehen Sie selbst, hier die Kurven: Sie können es sogar sehr gut."
Ich selbst stelle an mir fest, dass ich inzwischen auf- und hochgewühlte Dinge betrachten und wieder zurücklegen kann. Sie sind da, natürlich sind sie da und sie bleiben es auch. Das habe ich akzeptiert, schon vor langer Zeit, und ich habe es auch angenommen. Das bedeutet nicht, dass es nicht immer noch Momente gibt, in denen das, was hochkommt, mir die Tränen in die Augen treibt. Aber es entmutigt mich nicht mehr. Es schwächt mich nicht (mehr). Ich habe nichts vergessen - aber ich kann heute damit leben. Und muss es auch nicht ständig thematisieren.
Ich habe Methoden gefunden, mit denen es mir besser geht, vor allem auch physisch.
Nicht nur, was den Sport betrifft.
Ich kann neben Dir stehen und mich dennoch in meine eigene Welt zurückziehen. Mich auf meine Wiese denken und mich in die Blumen legen, wenn mir alles zuviel wird.
Ich kann noch immer hoffen, träumen, wünschen, glauben.
Ich kann immer noch leben.

Schmerztherapie, Waage, besagt am Ende nichts anderes als das.

Aber geholfen hat mir leider nichts davon. Gar nichts. Egal, wie viel besser es mir heute geht und was immer ich auch angegangen bin: Der Schmerz ist da, seit 12 Jahren jeden Tag, jede Nacht, jede einzelne Sekunde. Er ist das einzig Konstante der letzten 12 Jahre.
Also sage mir bitte nach all den Jahren und all der Arbeit nicht, ich müsse nur den Korken ziehen.

Donnerstag, 1. Juni 2017

Besiegelt



Ich sitze hier und starre auf den Monitor. Eigentlich müsste ich arbeiten und eigentlich... will ich das auch. Also ich könnte es. Die Finger ruhen auf der Tastatur und ich starre auf das Video, sehe mir selber zu, wie ich da am Meer stand, barfuß trotz der Kälte, und irgendwie habe ich immer nur dort das Gefühl, dass mir nichts und niemand etwas anhaben kann. Dass ich am Ende immer kraftvoll genug bleiben würde, allem zu trotzen.

Die gute Nachricht ist, und ich empfinde sie als eine ausgesprochen positive Nachricht:
Der Küsten-Doc hat nichts gefunden. Alles ist so wie es sein soll, jedenfalls dem Labor und der Genetik nach.
Nichts zu haben, das den Körper oder das Leben lähmt, ist so unfassbar viel wert, weil Gesundheit... einfach das höchste Gut ist, das wir besitzen.
Insofern nahm ich das, was mir die Dame via Telefon mitteilte, auch durchweg optimistisch auf.

Doch nun sitze ich hier, nachdem ich Herrn Blau davon schrieb, ganz regungslos, und meine Augen füllen sich langsam mit Tränen. Denn nach und nach sickert mir in mein Bewusstsein, dass dies mein letzter, nein, mein allerletzter Versuch war, etwas zu bewegen, etwas zu erreichen, etwas zu tun gegen den Schmerz. Wie soll man etwas bekämpfen, das... im Grunde nicht existiert?

Für mich persönlich steht damit fest: Lebe mit dem scheiß Schmerz im Körper, so gut Du es kannst. Solange Du es kannst. Denn ein weiterer, ganz entscheidender positiver Aspekt bleibt ja trotz alledem: Er wird mir nicht das Leben nehmen. Nicht das Leben, an dem ich so hänge und in dem ich so unglaublich gerne bin. Meistens jedenfalls.
Aber selbst wenn ich tatsächlich einhundertundvier Jahre alt werden könnte: Ich werde nie mehr schmerzfrei sein. Seit zwölf Jahren und nun für den Rest meines Lebens.

Ja, mir ist bewusst: Es gibt vielfach Schlimmeres. Dieser Gedanke erdet mich. Aber immer hilft er mir auch nicht.

Running Around Part II




...es gab eine Zeit, in der ich in mir ruhte. Es war viel zu lange her, um mich daran zu erinnern, wie das war. Dieses Gefühl. So wie ich mich nicht mehr zu erinnern vermag, wie sich Schmerzlosigkeit anfühlt.

...es kommt wieder, dieses Gefühl, in mir ruhen zu können. Es bleibt nicht, vielleicht kann es das nicht, vielleicht darf es das auch nicht - damit ich selber in Bewegung bleibe und mich auch außerhalb von mir um das kümmere, was wichtig ist.
Und selbst so ruhlose Nächte wie diese... erinnern mich an alles, was gut war. Was gut ist. Und was gut werden soll.

Mittwoch, 31. Mai 2017

Running Around



In den vergangenen Tagen hatte ich mich ein wenig verloren. Es war nicht so sehr, dass ich mich... schlecht gefühlt hätte. Vielleicht war es aber auch nicht so, dass ich mich völlig eins mit mir gefühlt hätte. Hier und dort höre oder lese ich vom Leben anderer. Wie sie gerade an einem Punkt in ihrem Leben festhängen oder gerade einen Schritt weitergegangen sind. Wovon sie träumten und träumen, was sich davon erfüllen ließ oder sie es auf  Niemalswiedersehen verabschiedet glauben.

In wenigen Tagen werde ich ein weiteres Jahr älter und beinah bin ich versucht, es so zu halten wie in einem Film gestern Abend: Er kam einfach nicht nach Hause, an diesem Tag nicht, in dieser Nacht nicht, und er glaubte, wenn er diesen seinen Tag nicht feiern würde, dann würde er vielleicht auch nicht dieses eine Jahr älter werden.
Tatsächlich werde ich auch nicht an diesem Tag zu Hause sein, doch wie ich konkret diesen Tag erleben werde, wie ich ihn erleben möchte, wie ich ihn überhaupt gestalten möchte in der Zeit, die mir von diesem Tag bleiben wird - das weiß ich nicht. Weil ich es weder plane noch mir überhaupt irgendetwas vornehme. Und mir wird bewusst, dass mein halbes Leben lang genauso verlaufen ist:
Ich habe einfach nichts geplant.
Ich hatte Träume, ich hatte Wünsche - und das einzige, was mich in all den Jahren unverändert begleitete, war der Traum von und der Wunsch nach der echten Liebe. Nach der Liebe, die nichts fragt und nichts fordert. In die ich mich hineinfallen lassen wie in ein übergroßes Netz, nicht zu straff gespannt und auch nicht so, dass ich auf dem Boden aufkommen würde.
Und doch tat ich es.
Mehrfach.
Und es hat verdammt geschmerzt.
Ich stelle mir nicht die Frage, ob das Herz nur ein Muskel und die Liebe lediglich aus einem Cocktail aus Hormonen und chemischen Verbindungen in meinem Kopf besteht. Ich will das auch gar nicht wissen.
Weil mir an dieser Stelle genügt, was ich fühle, wie ich empfinde - und wie groß sich das Loch in der Brust anfühlt in dem Moment eines Abschieds.

Wie wir alle werde ich ein Jahr älter und ich beginne mich zu fragen, ob ich vielleicht nicht wieder zwanzig sein wollen würde, aber dennoch gerne... jene Sorglosigkeit zurück hätte, mit der ich daran glaubte, dass am Ende einfach alles gut werden würde. Und ob es daran liegt, dass ich eben älter geworden bin, Dinge bewusster wahrnehme, in mir, um mich herum und in jedem Moment, in dem ich Nachrichten schaue oder lese. Und mich frage, ob das alles immer schon so war, irgendwie, oder ob der Mensch tatsächlich immer verrückter geworden ist. Ob ich es mit meinen zwanzig, siebenundzwanzig, dreiunddreißig Jahren nur nicht so wahrgenommen hatte, weil ich insbesondere mit meinen dreiunddreißig Jahren damals ernsthaft glaubte, mir selber die Tür geöffnet und damit mir selber alle Möglichkeiten in meine Hände gelegt zu haben, mit denen ich mir jetzt einfach alles vorstellen konnte. Alles, was sich gut und richtig anfühlen würde. Dass ich es jetzt eben nur richtig machen musste. 



Vielleicht machte es den Eindruck, ziellos, planlos durch die "Welt" gelaufen zu sein, hierhin, dorthin, Menschen kennen gelernt zu haben, weitergezogen zu sein, ruhlos, rastlos, während im Weitergehen das Bisherige verarbeitet werden soll. Was nicht immer so geht, was mich zuweilen auch hemmte, mich zurückhielt und mich an einen Satz denken ließ, den ich einst auf einer Papiertüte las:
"Manchmal, wenn man gar nicht weiß, wohin man gehen soll, bleibt man am besten da, wo man gerade ist."
Und ich kann nicht mal sagen, ob sich das allgemein hin so feststellen lassen kann. Was, wenn ich nicht erkennen würde, dass es Zeit war, weiterzugehen? Was, wenn ich ewig feststehen würde, verharren würde und glauben würde, es gäbe kein... anders mehr? Was, wenn alles am Ende doch umsonst gewesen war? Für mich fühlte sich jeder Tag, jedes Jahr, das ich nicht vorankam, wie Stillstand an. Stillstand, der mir zäh an den Zehen klebte und es mir unmöglich machte, auch nur einen Fuß vor den anderen zu setzen.
All die zergrübelten Nächte.
All die zerbissenen Kissen.
All die Tränen, die ungeweinten tief drinnen  und die, die ich mir aus den Augen und von den Wangen wischte, während ich auf Knien vor der Keramikschüssel hockte.
Erst im Nachhinein begriff ich: Das musste genau so sein. Für MICH musste das genau so sein.
Weil ich mich begriff.
Weil ich mich in all der Zeit aus all den Häuten schälte, in die ich mich gehüllt hatte über all die Jahre hinweg, damit ich.. einfach nicht zerbrechen würde. Damit.. einfach nichts umsonst gewesen war.

Ich glaube nicht an Schicksal. Ich glaube auch nicht an Zufall. Ich glaube an Energie/n.
Das ist mir auch bewusst geworden, als mir mal jemand schrieb, dass meine roten Kleider dementsprechend wären. Ich will mich in nichts ergeben, das sich für mich nicht gut anfühlt - und das tue ich auch nicht. Aber ich habe gelernt zu warten. Auch in dem Bewusstsein, dass es vermutlich nie DEN richtigen Moment, den passenden Moment geben wird. Aber dass man in sich selbst genau den Punkt findet, in dem die Entscheidung steht - und dass sich ab diesem Augenblick auch jeder weitere Schritt richtig anfühlen wird.
Wenn mich all die vergangenen Jahre eines gelehrt haben, dann das, vor allem gut zu mir selber zu sein. Und zu begreifen, wie elementar das ist. Weil wir nichts von uns abgeben können, wenn wir leer sind. Weil wir niemanden glücklich machen können, wenn wir es selber nicht sind.
Mit dieser Begründung habe ich mich aus meiner Ehe verabschiedet. Weil ich es so dachte und so empfand.
Doch was das wirklich bedeutet, haben mir erst die folgenden Jahre und jede einzelne Begegnung danach gezeigt. Und das Gute... das Gute aus den Jahren... Das nimmt man mit sich mit und lässt den Rest irgendwann.. einfach zurück. Jedenfalls wünsche ich uns das.

Dienstag, 30. Mai 2017

"...aber Du bist schon speziell..."

Wenn ein militanter Raucher und eine leidenschaftliche Nichtraucherin einen Dialog beginnen, fängt mindestens die leidenschaftliche Nichtraucherin irgendwann an sich zu fragen, ob es nicht besser für ihr eigenes Seelenheil sei, sie ließe es ganz einfach sein und rede beispielsweise übers Wetter. Obwohl... Wetter... Ist ja auch so was, wo ich immer schmunzeln muss, wenn ich Facebook aufschlage: Es ist immer irgendwas! Kannste den Menschen einfach nie recht machen. Entweder ist es zu kalt oder es ist zu heiß - kaum dass Temperaturen nach oben oder unten ausgeschlagen sind.

Jedenfalls bekam ich gestern via whatsapp ein Bierglas aus irgendeinem Straßencafe (vermutlich) zugesendet - und schickte prompt das Gegenbild aus dem Biergarten.
"Cholera oder Pest - oder warum ist der Biergarten so leer??" wurde ich umgehend gefragt.
Und beging den Kardinalsfehler, der alsdann die Diskussion übers Rauchen im Freien und Rauchen allgemein auslöste, indem ich antwortete: "Ne, der war nicht leer, wir saßen im hinteren Teil, der nur zur Hälfte besetzt war. In der Meute sitzen macht weniger Laune, wenn ringsrum alles quarzt." Noch als ich das tippte, dachte ich für einen Augenblick "Lass! Es! Lieber! Es führt eh zu nix!" Aber ne, der Finger war schneller, außerdem stehe ich ja auch zu meinen Überzeugungen, solange man mich nicht eines Besseren belehren kann, also senden, zack, weg wars - und ebenso zack entbrannte die Diskussion bis in die Abendstunden und munter weiter heute Morgen.

"Frage mich, wie du bis heute überlebt hast.. Bis vor paar Jahren haben doch alle geraucht.. überall."
Ja das stimmt. Das war selbst in meinem Elternhaus so. Eltern, Brüder, Oma - alles hat geraucht und da wurde auch auf nix Rücksicht genommen. Nicht mal am Essenstisch. War der Papa fertig, ging die Zigarette an, egal, ob da noch jemand aß oder nicht.
"Das hier ist mein Zuhause, hier kann ich machen, was ich will."
Ähm. Ne! Wir alle wohnen hier! Es ist unser aller Zuhause. Diesen Widerspruchsgeist jedoch entwickelte ich erst mit der Pubertät, die bei mir wohl erst um den 15. oder 16. Geburtstag rum eingesetzt hatte. Glaube ich. Insofern war die Zeit bis zu meinem Auszug eine.. äh.. doppelt anstrengende für uns alle, aber wie die, die mich persönlich kennen, ja wissen: Es war keine lange Zeit mehr.
Mein heutiger Ex-Mann war auch Raucher, der es gar nicht einsah, zum Qualmen die Wohnung zu verlassen. OK, da war ja auch nix mit Terrasse oder Balkon, und für jede Zigarette ausm Dachgeschoss runter vor die Tür zu gehen.. Da kann man schon mal vom eigenen Schweinehund überwältigt werden, nicht wahr? Außerdem war ich mit meinen gerade 20 Jahren noch eine ganz andere Persönlichkeit, die sich überhaupt nicht durchzusetzen vermochte.

Aber mal ganz ehrlich: Warum tut sich ein Raucher so schwer damit zu akzeptieren, dass eine Zigarette nun mal nicht "duftet", wie mir der Schreiber der abendlichen whatsapp wiederholt weismachen wollte - mal abgesehen davon, was es für die Gesundheit bedeuten kann? Es mag ja sein, dass es dem Raucher allgemein nicht einfach gemacht wird: Tabaksteuer, Preise überhaupt (ich "heule" jedesmal, wenn ich sehe, was Junior I für diese Qualmstengel hinlegt und wie viel Milchkaffee man beispielsweise dafür bekommen hätte), überall frei rauchen darf er auch nicht mehr, und wenn er das tut, beklagt sich das Umfeld etc. pp. Er kriegt permanent auf die Nuss - und eigentlich will der Raucher ja nur genauso genießen wie ich meinen Milchkaffee. Aber!
Das Blöde ist eben... Mit meinen Vorlieben für zum Beispiel Milchkaffee belästige ich niemanden, auch dann nicht, wenn er neben mir sitzt. Ich kann trinken, wie viel ich will - es stört niemanden! Mit meinen Vorlieben für ein Stück Kuchen belästige ich auch niemanden.
Ich dusche regelmäßig und benutze ebenso regelmäßig ein Deo (OK, das mach ich in erster Linie für mich selbst, aber immerhin!) und etwaige... äh.. Methanverpuffungen passieren auch nicht in der U-Bahn oder im aufgeheizten Bus. Nur mal so als Beispiel.
Warum ist ein bisschen Rücksicht an dieser Stelle so schwierig - und warum führen solche geäußerten Gedanken unter Rauchern und Nichtrauchern immer wieder zu Streit? (Also in unserem Falle diesmal nicht, gestern Abend schlief ich einfach ein und heute Morgen.. Ich nehme an, es war dem Herrn einfach noch zu früh ;))
Natürlich wurde früher überall geraucht - weil sie es einfach auch konnten bzw. durften. Die Raucher hats nie interessiert, ob da Nichtraucher saßen oder nicht, und die wiederum hatten nur eine Wahl: gehen oder bleiben und es hinnehmen. Aber mit welcher Berechtigung? Ich kacke dem anderen ja auch nicht vor die Füße, weil ich grad wollte, musste, konnte. 

"Deine Nikotinallergie ist schon anstrengend", bekam ich heute Morgen vorgesetzt - aber da lache ich ja nur drüber. Für mein Empfinden hat das mit Nikotinallergie tatsächlich gar nichts zu tun. Mir stinkt das einfach nur im wahrsten Sinne des Wortes - und wenn ich was genüßlich essen oder trinken will, dann will ich das nicht in einer blauen stinkenden Schmauchwolke tun.

"Ich kenne ja einige Nichtraucher, aber Du bist schon speziell."
Dass das ironisch gemeint war und vielleicht auch diplomatisch ausgedrückt sein sollte, war mir durchaus bewusst. Aber lieber bin ich speziell als Einheitsbrei, auch in dieser Hinsicht - und drehte seine Worte für mich einfach als Kompliment rum. Ist schließlich so ein sonniger Tag heute!

Donnerstag, 18. Mai 2017

Herzlich Willkommen im Club der Angearschten

Nach dem Abendessen heute legte ich mich ein wenig aufs Kanapee und beschloss, dass ich grad irgendwie nur mal ein paar Minuten Pause brauchen würde. Es war der Aufschrei von Herrn Blau, der mich hochschrecken ließ: "Das DARF doch wohl nicht WAHR sein!"
Erst dachte ich ja, es habe ihm ein wenig seine Börsensuppe versalzen, aber huch nee, das war nicht die Börsenseite, die er da fassungslos auf dem iPad anstarrte, sondern seine Kreditkartenabrechnung.
Und die besagte, dass Avis (Ihr erinnert Euch auch? Da war doch was :)) trotz wiederholtem mündlichen und schriftlichen Einspruch munter den unberechtigten (freilich zu hohen) Betrag eingezogen hatte.
"Ich hab der Kreditkartenfirma extra das Widerrufsformular per Fax geschickt."
"Aaah, wer weiß, wo das Fax jetzt liegt?"
"Mir doch egal! Ist doch ihr Service."
"Und dein Geld."
Womöglich besitzt das Faxgerät ja eine Schnittstelle mit dem Papierspender im Toilettenraum nebenan? Nichts Genaues weiß man ja schließlich nie!

Kreditkarten haben es so an sich, dass der Buchungszeitraum für gewöhnlich mitten im Monat beginnt und mitten im Folgemonat endet. Alles, was nach der "Endung" passiert, erreicht einen also erst zum Ende des Folgemonats. Für mich als.. äh.. treue Onlinekundin ist das eigentlich ein ganz guter Kniff, wenn man mit der einen oder anderen Rechnung bisschen jonglieren kann. Aber wenn man was zurückhaben will, isses natürlich blöd. Weils Geld erst mal weg ist vom Konto und man maximal 4 Wochen warten muss, eh mans wiedersieht.
Jedenfalls war ich nun wach und wurde latent genervt genötigt, aufzustehen und mich online an Avis zu wenden, da dieser ganze Buchungsvorgang über mich als ADAC-Mitglied lief. Wer über ADAC bucht, kommt nämlich günstiger. Also eigentlich. Also wenn alles reibungslos läuft. Also vielleicht.
Denn ich war ja eben nun wach und surfte ein bisschen im Internet herum. Gerne auch in Begleitung des Weißweins, den der frustrierte Herr uns beiden alsdann einschenkte.
Was man DA alles zu lesen bekam! Hättenmer mal vorher gelesen, nicht wahr? Nur angearschte Bürger wie wir unterwegs, und die Geschichten ähneln sich alle irgendwie.
Ich schwöre, es liegt am Weißwein, dass ich diese Geschichten amüsiert vorlas, insbesondere etwaige, sich stereotyp wiederholende Statements von Avis gleich dazu.

Irgendwann hatte ich jedenfalls in meinem inzwischen deutlich angeschickerten Zustand eine E-Mail an den Kundendienst abgeschickt, prophezeite angesichts der Stimmung des Mannes nur im Geiste eine Antwort in 10 - 15 Tagen (weil, der Kundendienst liegt denen doch am Häärzen, hamse gesagt!), und weil ich nun wach war, wollte ich auch Blogs lesen (Keine da! Was is los hier? Faul, oder wie?), kommentieren bei Wordpress geht momentan mal wieder gar nicht. Dafür ist die Stimmung des Mannes beim Herumsuchen im Netz besser geworden, nachdem er ein paar Stilblüten von Kindern fand, zum Beispiel "Mein Vater ist ein Spekulatius, er verdient das Geld an der Börse" oder "Schwanger werden ist einfach, man pinkelt auf ein bisschen Papier, das wars" oder "Wenn eine Frau ein Baby bekommt, wird sie eine Gebärmutter". Süß, nicht wahr? Jetzt kichern wir hier herum und jetzt hör ich mal auf mit Schreiben.
In der Hoffnung, dass wir demnächst aus dem Club der Angearschten austreten dürfen.

P.S. Nötige Deinen angeschickerten Partner nie niemals dazu, noch mal auf die nächtliche Terrasse zu kommen. Von wegen Sternenhimmel und so. Weiß doch jeder, dass Sauerstoff alles nur noch schlimmer macht. 
Als er mich beispielsweise ganz harmlos berührte, legte ich eine filmreife Harry & Sally Nummer hin.
Der Nachbar jedenfalls sitzt jetzt immer noch draußen und raucht.
Und ich werde diesen Post vermutlich morgen löschen, wenn ich wieder nüchtern bin!

Montag, 15. Mai 2017

Szenen einer Partnerschaft: "Das könntest du sein!"


Immer, wenn Herr Blau dieses oder ein ähnliches Bild irgendwo im Netz sieht, sagt er: "Das könntest du sein!" und "So warst du garantiert als Kind auch!"
Ja. War ich. Frech wie Oskar, bin jedem übern Mund gefahren (also nur denen, die ich gut kannte; Fremden erschien ich dagegen wie ein Heimchen, die in jedem Fall das Falsche von mir annahmen. Passiert mir auch heute noch, übrigens. So hin und wieder ;))
Grad wenn wir so diskutieren und ich drehe mich dann weg und will den Raum verlassen, dann ruft er mir nach: "Ich seh das, mein Frollein!"

Letztens die Heimreise von der Insel, erst fuhr er, dann ich. Er ist übrigens kein.. äh.. einfacher Beifahrer.
"Wieso fährst du so weit rechts?"
"Wieso fährst du so weit links?"
(Ich weiß nicht, was er immer hat, ich schwörs!)
"Da ist doch noch so viel Platz!"
"Fährst du eigentlich sonst auch immer so schnell?"
(Na aber man will ja irgendwann auch mal ankommen und nicht auf der Autobahn rumeiern.)
"Fahr doch nicht so dicht auf, Herrgott noch mal!"
(Fahr ich nicht, das kann ich beschwören! Aber die Beifahrerperspektive... ist keine einfache, wie es scheint.)
Wirklich, da kann auch frau Nerven lassen, ich sags Euch. Die Musik einfach richtig aufdrehen geht ja nicht, wegen seinem Tinnitus. Aber unlängst las ich, dass das Essen von Keksen übrigens neben dem sinnlichen Explodieren von Geschmacksknospen einen ähnlich entspannenden Effekt hätte: Man hört nicht mehr, was der andere sagt.
Sagen bzw. ihm Einhalt gebieten kannste aber auch nicht, weil das sofort in Streit ausarten würde. Bei irgendwas zwischen 180 und 200 kmh will ich keine Diskussionen führen, da will ich meine Ruhe haben und Musik hören, während er mit Angstgriff an der Tür klammert, um sein Leben fürchtet und mir also erzählen muss, wie ich besser fahren sollte, damit ER heil ankäme - oder aber ich solle ihn aussteigen lassen, und zwar jetzt hier und sofort!
Da bleibt einem ja faktisch nur ein bisschen Dampfausstoß aus der Nase, um wenigstens so ein bisschen den erzeugten Druck abzulassen.
Und... Bild siehe oben!

Vom letzten Einkauf habe ich mir ein paar Mini-Amerikaner mitgebracht. Die liebe ich seit meiner Kindheit. Und vor mir liegt schließlich eine Woche Home Office, die auch mit einigen Annehmlichkeiten gefüllt werden will.
"Boarrr", sagte der Mann gestern, "du hast einfach heimlich Amerikaner gegessen?? Ohne mich?!"
"Du hast doch geschlafen."
"Und da isst du heimlich und wartest nicht auf mich?"
"Woher soll ich wissen, wann du aufstehst?"
"Und da isst du einfach meine Amerikaner?"
"DEINE? Ich bin mir ziemlich sicher, dass ICH sie gekauft hab."
"Wollten wir nicht immer alles teilen, du Ego-Schnecke?"
"Sind doch noch ein paar da, was regst du dich auf?"
Zwei davon haben ihn übrigens letzte Nacht angefallen, meinte er heute Morgen. Heimtückisch hätten sie sich in der Küche aus dem Hinterhalt auf ihn gestürzt und seien direkt in seinen Mund gefallen..
Bild siehe oben!

Könnte ich endlos fortführen, diese Liste. Macht immer wieder Spaß!

Mittwoch, 10. Mai 2017

Das Frische am Norden

Ich weiß jetzt nicht genau, woher der Spruch stammt, aus irgend ner Werbung in jedem Fall. Und mir fiel irgendwie grad kein besserer Titel ein. Es geht ja auch noch mal um den Norden.
Nämlich den Küsten-Doc. Man sagt von ihm, er sei der Beste im Norden, während meine Schulfreundin sagt, es wäre dort alles "wie am Fließband". Ich denk schon, dass sie recht hat damit, aber das für mich Wichtigste ist: Er nimmt alle seine Patienten ernst.

Er führt seine Praxis in einem Nebengelass der Klinik, alt, klein, knarriger Fußboden mit Linoleum, drei kleine Räume, Empfang und Bad, das wars - und das einzig Technische auf den ersten Blick sind die Rechner-Drucker-Kombi am Empfang und der Bildschirm beim Doc aufm Tisch.

Wir sind eine halbe Stunde zu zeitig (passiert mir eigentlich nie!), ich muss ein paar Fragebögen ausfüllen (im Gegensatz zu den letzten kein einziger, der in Richtung "Wir legen Sie mal wieder aufs Sofa" geht, dabei), die wollen nur wissen, wie groß, wie schwer, ob ich rauche und so. Als ich ankreuze "Nichtraucher" und "nein, auch früher nie geraucht", denke ich kurz an eine alte Schulfreundin, die vor vielen Jahren mal zu mir sagte "Bist du sicher, dass du das Kind deiner Eltern bist? Du bist so ganz anders als deine Familie." Denn in meiner Familie hat wirklich jeder geraucht, auch die, die einst Stein & Bein schworen, sie würden nie niemals und so. Selbst die Omma hat bis zur Herz-OP, die sie leider nicht überlebte, fleißig gepafft, nebenbei Karten mit dem Papa gespielt und zur Begrüßung immer einen Kognak genommen.
Es erweist sich als hilfreich, dass ich noch vor der Bestellzeit eintreffe; vor mir sind nur zwei Patienten, aber nach mir fallen sie ein wie ein Schwarm Fliegen. "Termin haben" zählt nicht so wirklich, das weiß man, das kennt man.

Und dann sitzt er mir gegenüber, ein weißhaariger alter Herr, der mich aus freundlichen Augen anschaut und lächelt "Na was führt Sie zu mir?"
Ich erwähne kurz die Frau Mama, dass sie ihm von mir erzählte, ihm dämmert was, er schlägt ihr Kapitel im Rechner auf und murmelt "Ah ja, Morbus Still, das war das" und dann wendet er sich mir wieder zu. Ich muss ihm meine Hände reichen und soll zudrücken.
"Ihre Hand zittert."
"Ja ein bisschen."
"Wurde das schon mal kontrolliert?"
"Ja. Weil aber im Kopf nix weiter gefunden wurde, geht man von einer harmlosen Ursache aus, der man nicht weiter nachgehen muss."
"Sie nehmens mit Humor, wies aussieht?"
"Das muss ich. Das hilft mir beim Überleben."
Wir grinsen uns an.
Er fragt mich dies und das, tippt alles in seinen PC und ich muss immer grinsen, wenn ich diese Adler-such-Technik des Tippens sehe. Aber ich finde cool, dass er sich in seinem Alter noch drauf eingelassen hat. Mein Hausarzt in L hatte überhaupt keinen Computer in seiner Praxis, auch nicht am Empfang. Die hat alles immer fein säuberlich ins Buch eingetragen.

"Stellen Sie sich mal vor mich. So. Und jetzt gehen Sie mal in die Knie. Ja, richtig runter. Und jetzt wieder hoch."
Ich stütze mich kurz rechts und links ab und ziehe mich wieder hoch.
"Und jetzt machen wir das Ganze noch mal, aber ohne Abstützen."
"Das wird nix, Doktor."
"Wieso nicht? Klar wird das."
"Ne, glauben Sie mir, das wird nix."
"Ach was, klar."
Natürlich schaffe ich das nicht, kippe stattdessen nach vorn und sage: "Sehnse, hab ich doch gleich gesagt, dass ich das nicht kann" und dann lachen wir beide.
"Sind Sie sicher, dass es die Gelenke sind, die schmerzen, oder ist es die Muskulatur?"
"Hm. Hätten Sie mich das vor ein paar Jahren gefragt, hätte ich Stein und Bein geschworen, dass es die Gelenke sind. Aber wenn man sich über die Zeit mal damit befasst und weiß, dass die Muskelenden ja auf den Gelenken liegen... Ich habe, ehrlich gesagt, keine Ahnung. Ich bin nicht sicher. Auf jeden Fall spür ich den Schmerz nur in oder auf den Gelenken."
Statt einer Antwort drückt er mir zielgerichtet rechts und links mit dem Daumen in die Oberarme und ich weiß nicht, ob ich spontan an die Decke springen oder in die Knie gehen soll.
"Das ist aber beidseits."
"Ja, das war schon immer so. Schmerzen selbst hab ich trotzdem nur links. Und neuerdings in den Fingern." Und dort nimmts grad wieder zu.

Er lässt mir etliche Röhrchen Blut abnehmen.
"Diesen Flüssigkeitsverlust muss ich nachher gleich mit einem Käffchen ausgleichen!"
"Nehmense nen Pott."
"Natürlich!"
Und ich muss extra dafür unterschreiben, dass sie bestimmte Gene untersuchen dürfen.
"Welche denn?"
"Hat Ihnen der Doktor das nicht gesagt?"
"Nein, der hat gar nichts gesagt, nur, dass er viel Blut braucht."

Das Ergebnis kommt in drei bis sechs Wochen. Plus Schreiben an den Hausarzt mit einer Empfehlung, wie es dann weitergehen soll. Und ich erneuere mein Versprechen an Herrn Blau:
"Das hier war mein allerletzter Versuch. Wenn der auch nix bringt, dann lebe ich damit, dann ist es eben so. Hat es zwölf Jahre geklappt, schaff ich das die restlichen 56 Jahre auch noch. Vielleicht komm ich ja dann dafür ins Kuriositätenkabinett. Oder auf den Sondermüll."
"Mir egal", sagt er, "Hauptsache, du gehst nach mir."

Wir haben uns erfrischend lieb!

Dienstag, 9. Mai 2017

Eine Reise in Bildern

Eigentlich hieß es ja: Alle Feierlichkeiten sind abgesagt.
Eigentlich hieß es ja: Wir feiern irgendwann im Sommer nach.
Eigentlich hieß es ja: Wir kommen nur zum Gratulieren, dass wir nur mal kurz da waren.
Aber nicht umsonst heißt es wohl: "Eigentlich gibt es nicht."
Außerdem hatte ich ein Date mit dem berühmten Küstendoc, das wollte ich nicht verschieben. Man weiß ja nie, wann einem wieder Audienz gewährt wird!

Tag 1 - Die Ankunft
Mir hat der Arsch gebrannt - nach rund tausend Kilometern darf das ja auch. Aber wenn ich nur das Meer rieche, sehe, atme, schmecke... Hach ja, da vergisst man einfach alles. Ist wie mit der Geburt eines Kindes: Tut scheiße weh und kaum ist es da...



Bis zum Date war aber noch bisschen Zeit... Also an

Tag 2 - Altstadtbummel 
uuuuuuuunnndddd.....


...Käffchen natürlich! Der Kuchen gehörte natürlich zu Herrn Blau, ist ja klar. Ihr dachtet doch nicht etwa, oder? :D


Standesgemäßer Empfang in der Pension. Erst wollte ich ja ein Foto von dieser einfügen - habe mich dann aber doch dagegen entschieden. Man weiß ja nie! Wir waren beide jedenfalls ziemlich konsterniert, als wir den Raum betraten. "Omas gute Schlafstube" triffts vielleicht am besten, inklusive Dederon-Tagesdecke und nen Tiger drauf.
Herr Blau schaute mich an, ich schaute ihn an.
"Grrcchhhh", kicherte ich, "hier ist nichts mit Herrenbesuch nach 18 Uhr, mein Lieber!"
Am Abend jedenfalls hat er erst mal gefühlt einhundert Kissen entfernt inklusive des Tigers.
All das gute Zeug flog hinter irgendeinen Sessel.
"Ich hoffe, die Oma ist mir da nicht böse", sinnierte er.
"Ach wo, glaub ich nicht", winkte ich ab, während ich mir ein Kissen wieder hervorangelte. "Ich brauch was zum Anlehnen oder wie soll ich sonst am iPad spielen?"
Die war sowieso ziemlich doll unterwegs. Allein leben in diesem Haus und mit kleinem Hund, der zweifellos gut gefüttert wurde, vor einem halben Jahr einer OP am offenen Herzen unterzogen, und nun tigerte sie schon wieder munter durch die Stockwerke und besserte sich so ihre Rente auf.
Als sie erfuhr, zu welchen Feierlichkeiten wir angereist waren, winkte sie ab: "Ich finde ja, 25 Jahre sind genug. Man gründet eine Familie, zieht die Kinder auf, schmeißt die Kinder dann raus und den Mann gleich dazu und dann fängt man noch mal neu an. Ehrlich, die zweiten Beziehungen sind die besseren!" Als Herr Blau und ich feixten, sagte sie: "Ne ehrlich! Schauen Sie doch mal in die Natur! Die Meisen nebenan beim Nachbarn machen das doch auch nicht anders. Sind die Eier ausgebrütet, bringen sie ihnen das Fliegen bei, dann werden sie aus dem Nest gejagt und gut ist. So muss das auch! Wir haben grad erst wieder zugeguckt. Manche legen sie auf die Mauer, die können doch noch nicht fliegen oder nicht richtig, na gut, fallen sie halt runter und sterben. Das ist die natürliche Auslese."
Äh..... Manchmal bin ich doch froh, ein Mensch zu sein!

Tag 3 - Das Meer!


Man, war das ein Sturm! Er fegte durch die Kiefern, über den feinen Sand, durch die Haare und um die Ohren. Aber es gibt einfach keinen besseren Ort als diesen, sich dort ans Ufer zu stellen, die unfassbare Tiefe und Weite zu ahnen, das Kreischen der Möwen in den Ohren zu haben, während ich genüßlich die Augen schließe und an absolut nichts mehr denke. Nur noch genieße, genau gerade hier zu stehen, hier zu sein. Ein so herrliches Gefühl!!


...und er fährt immer noch, der Rasende Roland.
Nur an den Mietwagen mussten wir uns erst noch gewöhnen. Keine Hebel, kaum Regler für zum Beispiel Warmluft. Alles geht nur noch über das Display. Kein Problem, wenn man einen Beifahrer hat. Ohne diesen finde ich das ziemlich.. waghalsig, während der Fahrt etwas ein- oder umstellen zu wollen.
Den ersten Mietwagen tauschten wir übrigens schon nach gut hundert Kilometern. Keine fünftausend Kilometer Laufleistung - und das Vehikel schaltete mal eben in ein Notfahrprogramm mit der Bemerkung "Bring mich bitte ganz schnell in eine Werkstatt." Wir haben die Verleihstation bevorzugt und uns ein anderes Wägelchen geholt. Immerhin lag noch genug Weg vor uns, da kann man nicht großartig rumsitzen und Kaffee trinken.
Die mir nach dem Wechsel zugemailte Rechnung reklamierte ich - und die Antwort auf meine Reklamation wiederum amüsierte mich:


Sehr geil. Der Urheber des automatisierten Textes jedenfalls bewies einst Humor. Anders jedenfalls lassen sich "höchste Priorität" und "Antwort innerhalb von 10 bis 15 Tagen" nicht erklären.

Tag 4 - Die Feierlichkeiten


Die Goldene Hochzeit UND der 70. Geburtstag der Mama - ne, da darf man gar nicht Nein sagen, wenn der Babba zum Tanz auffordert. Aber ich gestehe: Ich hasse Tanzen, ich mag das überhaupt gar nicht. Und ja, ich gebe zu, weil ich es einfach auch nicht kann. Ich bin da typisch norddeutsch: Starr wie eine Eiche, es sei denn, man hätte sich heimlich einen hintergegossen. Es war also äußerst kontraproduktiv, dass ich das Buffet bevorzugt hatte.
Nu ja. Papas Füße habens überstanden.


Ein bisschen zufällig gefundenes Feuerwerk und Böllerei um Punkt Null Uhr für die Mama, und unmittelbar danach kam die Polizei mit Blaulicht. Sie haben uns aber nicht gefunden :D

Tag 5 - Die Heimreise


Genau mein Motto.
Thats it.

Dienstag, 2. Mai 2017

Alles wie immer!

Bildquelle: http://weheartit.com/entry/283050932/via/mlktalv?context_type=inspirations&inspiration_id=30


Wonnemonat Mai. Na wurde es jetzt endlich doch mal soweit, auch wenn die Temperaturen noch ein wenig hinterherhinken und es so wohl eher nix mit nem Kleidchen zum Geburtstag der Mama wird. Die haben zwar eindeutig schöneres Wetter da auf der Insel - aber auch die eindeutig kälteren Tage.
Kann man sich nun aussuchen, was man will - mild und Regen oder sonnig und kalt.
Egal: Geburtstagskuchen schmeckt mir auch bei 5 Grad, Hauptsache, der Kaffee ist schön heiß!

Am letzten Wochenende jedenfalls ließ ich schon mal einen Blumenstrauß auf die Insel schicken - Goldene Hochzeit feierten sie nämlich auch noch.
Fünfzig Jahre. Holladrihö! Das muss man erst mal aushalten und ich finde schon, dass da insbesondere die Mama eine Tapferkeitsmedaille verdient hat!
"Das Wetter ist jedenfalls besser als vor fünfzig Jahren", meinte der Papa, der inzwischen immer fitter wird und schon wieder auf irgendwelchen Dächern rumkriecht, um hier und da was festzunageln.
"Hats bei euch geregnet?"
"Ne", rief die Mama aus dem Back off, "es hat geschneit damals!"
"Waaaa? Geschneit? Und da erzählen sie uns was von globaler Erwärmung - dabei gibts auch nach fünfzig Jahren immer noch bis Ende April Schnee!"
Haben wir ein bisschen herumgegackert, auch als wir feststellen mussten, dass die zum Blumenstrauß mitbestellten Pralinen nicht mitgeliefert wurden.
"Das Schwein hat die selbst gefressen, weil wir es wagten, ihn bei DEM Wetter auf die Straße zu euch zu schicken!"
Der Papa hat dann dem Ganzen kategorisch ein Ende bereitet: "So Schluss jetzt, wir müssen uns fertigmachen, dein Bruder hat einen Tisch für uns bestellt, wir gehen jetzt schön essen."
Gönn ich Euch ja, von Herzen.
Solange Ihr Kuchen übrig habt, bis wir da sind. Ist ja bald soweit!

Die fehlenden Pralinen habe ich übrigens heute reklamiert und auf Nachfrage gestand der Florist: "Oh Gott ja, das kann gut sein, dass uns das untergegangen ist!"
Hmpf. In Deiner Tasche untergegangen, meinst Du wohl?
Hatte der Babba also den Strauß auch noch ganz umsonst verwüstet, nur um festzustellen: "Zwischen den Blumen ist auch nix!"
"Wir liefern die auf jeden Fall nach!"
Ich weiß nicht wieso, aber ich musste unwillkürlich an den einen Witz denken, wo die Oma immer großzügig Nüsse verteilt und irgendwann fragt mal einer, warum sie immer die Nüsse verschenkt. Und sie sagt dann: "Ich ess doch die Ferrero Küsschen so gerne, aber die Nüsse kann ich nicht mehr beißen!"
Aber ich hab nachgeguckt: Mit Nuss hatte ich nix bestellt.