Donnerstag, 18. Mai 2017

Herzlich Willkommen im Club der Angearschten

Nach dem Abendessen heute legte ich mich ein wenig aufs Kanapee und beschloss, dass ich grad irgendwie nur mal ein paar Minuten Pause brauchen würde. Es war der Aufschrei von Herrn Blau, der mich hochschrecken ließ: "Das DARF doch wohl nicht WAHR sein!"
Erst dachte ich ja, es habe ihm ein wenig seine Börsensuppe versalzen, aber huch nee, das war nicht die Börsenseite, die er da fassungslos auf dem iPad anstarrte, sondern seine Kreditkartenabrechnung.
Und die besagte, dass Avis (Ihr erinnert Euch auch? Da war doch was :)) trotz wiederholtem mündlichen und schriftlichen Einspruch munter den unberechtigten (freilich zu hohen) Betrag eingezogen hatte.
"Ich hab der Kreditkartenfirma extra das Widerrufsformular per Fax geschickt."
"Aaah, wer weiß, wo das Fax jetzt liegt?"
"Mir doch egal! Ist doch ihr Service."
"Und dein Geld."
Womöglich besitzt das Faxgerät ja eine Schnittstelle mit dem Papierspender im Toilettenraum nebenan? Nichts Genaues weiß man ja schließlich nie!

Kreditkarten haben es so an sich, dass der Buchungszeitraum für gewöhnlich mitten im Monat beginnt und mitten im Folgemonat endet. Alles, was nach der "Endung" passiert, erreicht einen also erst zum Ende des Folgemonats. Für mich als.. äh.. treue Onlinekundin ist das eigentlich ein ganz guter Kniff, wenn man mit der einen oder anderen Rechnung bisschen jonglieren kann. Aber wenn man was zurückhaben will, isses natürlich blöd. Weils Geld erst mal weg ist vom Konto und man maximal 4 Wochen warten muss, eh mans wiedersieht.
Jedenfalls war ich nun wach und wurde latent genervt genötigt, aufzustehen und mich online an Avis zu wenden, da dieser ganze Buchungsvorgang über mich als ADAC-Mitglied lief. Wer über ADAC bucht, kommt nämlich günstiger. Also eigentlich. Also wenn alles reibungslos läuft. Also vielleicht.
Denn ich war ja eben nun wach und surfte ein bisschen im Internet herum. Gerne auch in Begleitung des Weißweins, den der frustrierte Herr uns beiden alsdann einschenkte.
Was man DA alles zu lesen bekam! Hättenmer mal vorher gelesen, nicht wahr? Nur angearschte Bürger wie wir unterwegs, und die Geschichten ähneln sich alle irgendwie.
Ich schwöre, es liegt am Weißwein, dass ich diese Geschichten amüsiert vorlas, insbesondere etwaige, sich stereotyp wiederholende Statements von Avis gleich dazu.

Irgendwann hatte ich jedenfalls in meinem inzwischen deutlich angeschickerten Zustand eine E-Mail an den Kundendienst abgeschickt, prophezeite angesichts der Stimmung des Mannes nur im Geiste eine Antwort in 10 - 15 Tagen (weil, der Kundendienst liegt denen doch am Häärzen, hamse gesagt!), und weil ich nun wach war, wollte ich auch Blogs lesen (Keine da! Was is los hier? Faul, oder wie?), kommentieren bei Wordpress geht momentan mal wieder gar nicht. Dafür ist die Stimmung des Mannes beim Herumsuchen im Netz besser geworden, nachdem er ein paar Stilblüten von Kindern fand, zum Beispiel "Mein Vater ist ein Spekulatius, er verdient das Geld an der Börse" oder "Schwanger werden ist einfach, man pinkelt auf ein bisschen Papier, das wars" oder "Wenn eine Frau ein Baby bekommt, wird sie eine Gebärmutter". Süß, nicht wahr? Jetzt kichern wir hier herum und jetzt hör ich mal auf mit Schreiben.
In der Hoffnung, dass wir demnächst aus dem Club der Angearschten austreten dürfen.

P.S. Nötige Deinen angeschickerten Partner nie niemals dazu, noch mal auf die nächtliche Terrasse zu kommen. Von wegen Sternenhimmel und so. Weiß doch jeder, dass Sauerstoff alles nur noch schlimmer macht. 
Als er mich beispielsweise ganz harmlos berührte, legte ich eine filmreife Harry & Sally Nummer hin.
Der Nachbar jedenfalls sitzt jetzt immer noch draußen und raucht.
Und ich werde diesen Post vermutlich morgen löschen, wenn ich wieder nüchtern bin!

Montag, 15. Mai 2017

Szenen einer Partnerschaft: "Das könntest du sein!"


Immer, wenn Herr Blau dieses oder ein ähnliches Bild irgendwo im Netz sieht, sagt er: "Das könntest du sein!" und "So warst du garantiert als Kind auch!"
Ja. War ich. Frech wie Oskar, bin jedem übern Mund gefahren (also nur denen, die ich gut kannte; Fremden erschien ich dagegen wie ein Heimchen, die in jedem Fall das Falsche von mir annahmen. Passiert mir auch heute noch, übrigens. So hin und wieder ;))
Grad wenn wir so diskutieren und ich drehe mich dann weg und will den Raum verlassen, dann ruft er mir nach: "Ich seh das, mein Frollein!"

Letztens die Heimreise von der Insel, erst fuhr er, dann ich. Er ist übrigens kein.. äh.. einfacher Beifahrer.
"Wieso fährst du so weit rechts?"
"Wieso fährst du so weit links?"
(Ich weiß nicht, was er immer hat, ich schwörs!)
"Da ist doch noch so viel Platz!"
"Fährst du eigentlich sonst auch immer so schnell?"
(Na aber man will ja irgendwann auch mal ankommen und nicht auf der Autobahn rumeiern.)
"Fahr doch nicht so dicht auf, Herrgott noch mal!"
(Fahr ich nicht, das kann ich beschwören! Aber die Beifahrerperspektive... ist keine einfache, wie es scheint.)
Wirklich, da kann auch frau Nerven lassen, ich sags Euch. Die Musik einfach richtig aufdrehen geht ja nicht, wegen seinem Tinnitus. Aber unlängst las ich, dass das Essen von Keksen übrigens neben dem sinnlichen Explodieren von Geschmacksknospen einen ähnlich entspannenden Effekt hätte: Man hört nicht mehr, was der andere sagt.
Sagen bzw. ihm Einhalt gebieten kannste aber auch nicht, weil das sofort in Streit ausarten würde. Bei irgendwas zwischen 180 und 200 kmh will ich keine Diskussionen führen, da will ich meine Ruhe haben und Musik hören, während er mit Angstgriff an der Tür klammert, um sein Leben fürchtet und mir also erzählen muss, wie ich besser fahren sollte, damit ER heil ankäme - oder aber ich solle ihn aussteigen lassen, und zwar jetzt hier und sofort!
Da bleibt einem ja faktisch nur ein bisschen Dampfausstoß aus der Nase, um wenigstens so ein bisschen den erzeugten Druck abzulassen.
Und... Bild siehe oben!

Vom letzten Einkauf habe ich mir ein paar Mini-Amerikaner mitgebracht. Die liebe ich seit meiner Kindheit. Und vor mir liegt schließlich eine Woche Home Office, die auch mit einigen Annehmlichkeiten gefüllt werden will.
"Boarrr", sagte der Mann gestern, "du hast einfach heimlich Amerikaner gegessen?? Ohne mich?!"
"Du hast doch geschlafen."
"Und da isst du heimlich und wartest nicht auf mich?"
"Woher soll ich wissen, wann du aufstehst?"
"Und da isst du einfach meine Amerikaner?"
"DEINE? Ich bin mir ziemlich sicher, dass ICH sie gekauft hab."
"Wollten wir nicht immer alles teilen, du Ego-Schnecke?"
"Sind doch noch ein paar da, was regst du dich auf?"
Zwei davon haben ihn übrigens letzte Nacht angefallen, meinte er heute Morgen. Heimtückisch hätten sie sich in der Küche aus dem Hinterhalt auf ihn gestürzt und seien direkt in seinen Mund gefallen..
Bild siehe oben!

Könnte ich endlos fortführen, diese Liste. Macht immer wieder Spaß!

Mittwoch, 10. Mai 2017

Das Frische am Norden

Ich weiß jetzt nicht genau, woher der Spruch stammt, aus irgend ner Werbung in jedem Fall. Und mir fiel irgendwie grad kein besserer Titel ein. Es geht ja auch noch mal um den Norden.
Nämlich den Küsten-Doc. Man sagt von ihm, er sei der Beste im Norden, während meine Schulfreundin sagt, es wäre dort alles "wie am Fließband". Ich denk schon, dass sie recht hat damit, aber das für mich Wichtigste ist: Er nimmt alle seine Patienten ernst.

Er führt seine Praxis in einem Nebengelass der Klinik, alt, klein, knarriger Fußboden mit Linoleum, drei kleine Räume, Empfang und Bad, das wars - und das einzig Technische auf den ersten Blick sind die Rechner-Drucker-Kombi am Empfang und der Bildschirm beim Doc aufm Tisch.

Wir sind eine halbe Stunde zu zeitig (passiert mir eigentlich nie!), ich muss ein paar Fragebögen ausfüllen (im Gegensatz zu den letzten kein einziger, der in Richtung "Wir legen Sie mal wieder aufs Sofa" geht, dabei), die wollen nur wissen, wie groß, wie schwer, ob ich rauche und so. Als ich ankreuze "Nichtraucher" und "nein, auch früher nie geraucht", denke ich kurz an eine alte Schulfreundin, die vor vielen Jahren mal zu mir sagte "Bist du sicher, dass du das Kind deiner Eltern bist? Du bist so ganz anders als deine Familie." Denn in meiner Familie hat wirklich jeder geraucht, auch die, die einst Stein & Bein schworen, sie würden nie niemals und so. Selbst die Omma hat bis zur Herz-OP, die sie leider nicht überlebte, fleißig gepafft, nebenbei Karten mit dem Papa gespielt und zur Begrüßung immer einen Kognak genommen.
Es erweist sich als hilfreich, dass ich noch vor der Bestellzeit eintreffe; vor mir sind nur zwei Patienten, aber nach mir fallen sie ein wie ein Schwarm Fliegen. "Termin haben" zählt nicht so wirklich, das weiß man, das kennt man.

Und dann sitzt er mir gegenüber, ein weißhaariger alter Herr, der mich aus freundlichen Augen anschaut und lächelt "Na was führt Sie zu mir?"
Ich erwähne kurz die Frau Mama, dass sie ihm von mir erzählte, ihm dämmert was, er schlägt ihr Kapitel im Rechner auf und murmelt "Ah ja, Morbus Still, das war das" und dann wendet er sich mir wieder zu. Ich muss ihm meine Hände reichen und soll zudrücken.
"Ihre Hand zittert."
"Ja ein bisschen."
"Wurde das schon mal kontrolliert?"
"Ja. Weil aber im Kopf nix weiter gefunden wurde, geht man von einer harmlosen Ursache aus, der man nicht weiter nachgehen muss."
"Sie nehmens mit Humor, wies aussieht?"
"Das muss ich. Das hilft mir beim Überleben."
Wir grinsen uns an.
Er fragt mich dies und das, tippt alles in seinen PC und ich muss immer grinsen, wenn ich diese Adler-such-Technik des Tippens sehe. Aber ich finde cool, dass er sich in seinem Alter noch drauf eingelassen hat. Mein Hausarzt in L hatte überhaupt keinen Computer in seiner Praxis, auch nicht am Empfang. Die hat alles immer fein säuberlich ins Buch eingetragen.

"Stellen Sie sich mal vor mich. So. Und jetzt gehen Sie mal in die Knie. Ja, richtig runter. Und jetzt wieder hoch."
Ich stütze mich kurz rechts und links ab und ziehe mich wieder hoch.
"Und jetzt machen wir das Ganze noch mal, aber ohne Abstützen."
"Das wird nix, Doktor."
"Wieso nicht? Klar wird das."
"Ne, glauben Sie mir, das wird nix."
"Ach was, klar."
Natürlich schaffe ich das nicht, kippe stattdessen nach vorn und sage: "Sehnse, hab ich doch gleich gesagt, dass ich das nicht kann" und dann lachen wir beide.
"Sind Sie sicher, dass es die Gelenke sind, die schmerzen, oder ist es die Muskulatur?"
"Hm. Hätten Sie mich das vor ein paar Jahren gefragt, hätte ich Stein und Bein geschworen, dass es die Gelenke sind. Aber wenn man sich über die Zeit mal damit befasst und weiß, dass die Muskelenden ja auf den Gelenken liegen... Ich habe, ehrlich gesagt, keine Ahnung. Ich bin nicht sicher. Auf jeden Fall spür ich den Schmerz nur in oder auf den Gelenken."
Statt einer Antwort drückt er mir zielgerichtet rechts und links mit dem Daumen in die Oberarme und ich weiß nicht, ob ich spontan an die Decke springen oder in die Knie gehen soll.
"Das ist aber beidseits."
"Ja, das war schon immer so. Schmerzen selbst hab ich trotzdem nur links. Und neuerdings in den Fingern." Und dort nimmts grad wieder zu.

Er lässt mir etliche Röhrchen Blut abnehmen.
"Diesen Flüssigkeitsverlust muss ich nachher gleich mit einem Käffchen ausgleichen!"
"Nehmense nen Pott."
"Natürlich!"
Und ich muss extra dafür unterschreiben, dass sie bestimmte Gene untersuchen dürfen.
"Welche denn?"
"Hat Ihnen der Doktor das nicht gesagt?"
"Nein, der hat gar nichts gesagt, nur, dass er viel Blut braucht."

Das Ergebnis kommt in drei bis sechs Wochen. Plus Schreiben an den Hausarzt mit einer Empfehlung, wie es dann weitergehen soll. Und ich erneuere mein Versprechen an Herrn Blau:
"Das hier war mein allerletzter Versuch. Wenn der auch nix bringt, dann lebe ich damit, dann ist es eben so. Hat es zwölf Jahre geklappt, schaff ich das die restlichen 56 Jahre auch noch. Vielleicht komm ich ja dann dafür ins Kuriositätenkabinett. Oder auf den Sondermüll."
"Mir egal", sagt er, "Hauptsache, du gehst nach mir."

Wir haben uns erfrischend lieb!

Dienstag, 9. Mai 2017

Eine Reise in Bildern

Eigentlich hieß es ja: Alle Feierlichkeiten sind abgesagt.
Eigentlich hieß es ja: Wir feiern irgendwann im Sommer nach.
Eigentlich hieß es ja: Wir kommen nur zum Gratulieren, dass wir nur mal kurz da waren.
Aber nicht umsonst heißt es wohl: "Eigentlich gibt es nicht."
Außerdem hatte ich ein Date mit dem berühmten Küstendoc, das wollte ich nicht verschieben. Man weiß ja nie, wann einem wieder Audienz gewährt wird!

Tag 1 - Die Ankunft
Mir hat der Arsch gebrannt - nach rund tausend Kilometern darf das ja auch. Aber wenn ich nur das Meer rieche, sehe, atme, schmecke... Hach ja, da vergisst man einfach alles. Ist wie mit der Geburt eines Kindes: Tut scheiße weh und kaum ist es da...



Bis zum Date war aber noch bisschen Zeit... Also an

Tag 2 - Altstadtbummel 
uuuuuuuunnndddd.....


...Käffchen natürlich! Der Kuchen gehörte natürlich zu Herrn Blau, ist ja klar. Ihr dachtet doch nicht etwa, oder? :D


Standesgemäßer Empfang in der Pension. Erst wollte ich ja ein Foto von dieser einfügen - habe mich dann aber doch dagegen entschieden. Man weiß ja nie! Wir waren beide jedenfalls ziemlich konsterniert, als wir den Raum betraten. "Omas gute Schlafstube" triffts vielleicht am besten, inklusive Dederon-Tagesdecke und nen Tiger drauf.
Herr Blau schaute mich an, ich schaute ihn an.
"Grrcchhhh", kicherte ich, "hier ist nichts mit Herrenbesuch nach 18 Uhr, mein Lieber!"
Am Abend jedenfalls hat er erst mal gefühlt einhundert Kissen entfernt inklusive des Tigers.
All das gute Zeug flog hinter irgendeinen Sessel.
"Ich hoffe, die Oma ist mir da nicht böse", sinnierte er.
"Ach wo, glaub ich nicht", winkte ich ab, während ich mir ein Kissen wieder hervorangelte. "Ich brauch was zum Anlehnen oder wie soll ich sonst am iPad spielen?"
Die war sowieso ziemlich doll unterwegs. Allein leben in diesem Haus und mit kleinem Hund, der zweifellos gut gefüttert wurde, vor einem halben Jahr einer OP am offenen Herzen unterzogen, und nun tigerte sie schon wieder munter durch die Stockwerke und besserte sich so ihre Rente auf.
Als sie erfuhr, zu welchen Feierlichkeiten wir angereist waren, winkte sie ab: "Ich finde ja, 25 Jahre sind genug. Man gründet eine Familie, zieht die Kinder auf, schmeißt die Kinder dann raus und den Mann gleich dazu und dann fängt man noch mal neu an. Ehrlich, die zweiten Beziehungen sind die besseren!" Als Herr Blau und ich feixten, sagte sie: "Ne ehrlich! Schauen Sie doch mal in die Natur! Die Meisen nebenan beim Nachbarn machen das doch auch nicht anders. Sind die Eier ausgebrütet, bringen sie ihnen das Fliegen bei, dann werden sie aus dem Nest gejagt und gut ist. So muss das auch! Wir haben grad erst wieder zugeguckt. Manche legen sie auf die Mauer, die können doch noch nicht fliegen oder nicht richtig, na gut, fallen sie halt runter und sterben. Das ist die natürliche Auslese."
Äh..... Manchmal bin ich doch froh, ein Mensch zu sein!

Tag 3 - Das Meer!


Man, war das ein Sturm! Er fegte durch die Kiefern, über den feinen Sand, durch die Haare und um die Ohren. Aber es gibt einfach keinen besseren Ort als diesen, sich dort ans Ufer zu stellen, die unfassbare Tiefe und Weite zu ahnen, das Kreischen der Möwen in den Ohren zu haben, während ich genüßlich die Augen schließe und an absolut nichts mehr denke. Nur noch genieße, genau gerade hier zu stehen, hier zu sein. Ein so herrliches Gefühl!!


...und er fährt immer noch, der Rasende Roland.
Nur an den Mietwagen mussten wir uns erst noch gewöhnen. Keine Hebel, kaum Regler für zum Beispiel Warmluft. Alles geht nur noch über das Display. Kein Problem, wenn man einen Beifahrer hat. Ohne diesen finde ich das ziemlich.. waghalsig, während der Fahrt etwas ein- oder umstellen zu wollen.
Den ersten Mietwagen tauschten wir übrigens schon nach gut hundert Kilometern. Keine fünftausend Kilometer Laufleistung - und das Vehikel schaltete mal eben in ein Notfahrprogramm mit der Bemerkung "Bring mich bitte ganz schnell in eine Werkstatt." Wir haben die Verleihstation bevorzugt und uns ein anderes Wägelchen geholt. Immerhin lag noch genug Weg vor uns, da kann man nicht großartig rumsitzen und Kaffee trinken.
Die mir nach dem Wechsel zugemailte Rechnung reklamierte ich - und die Antwort auf meine Reklamation wiederum amüsierte mich:


Sehr geil. Der Urheber des automatisierten Textes jedenfalls bewies einst Humor. Anders jedenfalls lassen sich "höchste Priorität" und "Antwort innerhalb von 10 bis 15 Tagen" nicht erklären.

Tag 4 - Die Feierlichkeiten


Die Goldene Hochzeit UND der 70. Geburtstag der Mama - ne, da darf man gar nicht Nein sagen, wenn der Babba zum Tanz auffordert. Aber ich gestehe: Ich hasse Tanzen, ich mag das überhaupt gar nicht. Und ja, ich gebe zu, weil ich es einfach auch nicht kann. Ich bin da typisch norddeutsch: Starr wie eine Eiche, es sei denn, man hätte sich heimlich einen hintergegossen. Es war also äußerst kontraproduktiv, dass ich das Buffet bevorzugt hatte.
Nu ja. Papas Füße habens überstanden.


Ein bisschen zufällig gefundenes Feuerwerk und Böllerei um Punkt Null Uhr für die Mama, und unmittelbar danach kam die Polizei mit Blaulicht. Sie haben uns aber nicht gefunden :D

Tag 5 - Die Heimreise


Genau mein Motto.
Thats it.

Dienstag, 2. Mai 2017

Alles wie immer!

Bildquelle: http://weheartit.com/entry/283050932/via/mlktalv?context_type=inspirations&inspiration_id=30


Wonnemonat Mai. Na wurde es jetzt endlich doch mal soweit, auch wenn die Temperaturen noch ein wenig hinterherhinken und es so wohl eher nix mit nem Kleidchen zum Geburtstag der Mama wird. Die haben zwar eindeutig schöneres Wetter da auf der Insel - aber auch die eindeutig kälteren Tage.
Kann man sich nun aussuchen, was man will - mild und Regen oder sonnig und kalt.
Egal: Geburtstagskuchen schmeckt mir auch bei 5 Grad, Hauptsache, der Kaffee ist schön heiß!

Am letzten Wochenende jedenfalls ließ ich schon mal einen Blumenstrauß auf die Insel schicken - Goldene Hochzeit feierten sie nämlich auch noch.
Fünfzig Jahre. Holladrihö! Das muss man erst mal aushalten und ich finde schon, dass da insbesondere die Mama eine Tapferkeitsmedaille verdient hat!
"Das Wetter ist jedenfalls besser als vor fünfzig Jahren", meinte der Papa, der inzwischen immer fitter wird und schon wieder auf irgendwelchen Dächern rumkriecht, um hier und da was festzunageln.
"Hats bei euch geregnet?"
"Ne", rief die Mama aus dem Back off, "es hat geschneit damals!"
"Waaaa? Geschneit? Und da erzählen sie uns was von globaler Erwärmung - dabei gibts auch nach fünfzig Jahren immer noch bis Ende April Schnee!"
Haben wir ein bisschen herumgegackert, auch als wir feststellen mussten, dass die zum Blumenstrauß mitbestellten Pralinen nicht mitgeliefert wurden.
"Das Schwein hat die selbst gefressen, weil wir es wagten, ihn bei DEM Wetter auf die Straße zu euch zu schicken!"
Der Papa hat dann dem Ganzen kategorisch ein Ende bereitet: "So Schluss jetzt, wir müssen uns fertigmachen, dein Bruder hat einen Tisch für uns bestellt, wir gehen jetzt schön essen."
Gönn ich Euch ja, von Herzen.
Solange Ihr Kuchen übrig habt, bis wir da sind. Ist ja bald soweit!

Die fehlenden Pralinen habe ich übrigens heute reklamiert und auf Nachfrage gestand der Florist: "Oh Gott ja, das kann gut sein, dass uns das untergegangen ist!"
Hmpf. In Deiner Tasche untergegangen, meinst Du wohl?
Hatte der Babba also den Strauß auch noch ganz umsonst verwüstet, nur um festzustellen: "Zwischen den Blumen ist auch nix!"
"Wir liefern die auf jeden Fall nach!"
Ich weiß nicht wieso, aber ich musste unwillkürlich an den einen Witz denken, wo die Oma immer großzügig Nüsse verteilt und irgendwann fragt mal einer, warum sie immer die Nüsse verschenkt. Und sie sagt dann: "Ich ess doch die Ferrero Küsschen so gerne, aber die Nüsse kann ich nicht mehr beißen!"
Aber ich hab nachgeguckt: Mit Nuss hatte ich nix bestellt.

Montag, 24. April 2017

Ich bin verlieeebt!! Ach ne, doch nicht.

Letztens aus Gründen fragte ich Herrn Blau, was für ein Weltbild ich seiner Meinung nach außen vertrete und er sagte: "Weiß ich doch nicht?!" Ich fand das komisch, schließlich kennen wir uns persönlich jetzt seit 13 Jahren, 6 Monaten und 10 Tagen. Gut, es gab lange Auszeiten dazwischen, aber... Na gut. Er sagt ja auch nicht umsonst, dass ich ihn besser kennen würde als er sich selbst - wie sollte er da erst mich kennen?
Dafür weiß ich zum Beispiel, dass ich auf bestimmte Antikmöbel steh und er auf bestimmte Antikfahrzeuge. Hat zwar jetzt nix mit Weltbild zu tun, macht jetzt aber auch nischt.
Und während ich einige ausgewählte Schmuckstücke mit in diese Beziehung brachte, für die uns hier aber irgendwie ein bisschen Platz fehlt (fragt bloß nicht, was die Wohnungssuche macht), fügte er im Sommer vor drei Jahren (nach ausgedehnter, wohlüberlegter Suche) sein Schmuckstück hinzu, das winters sein Dasein in der Tiefgarage fristet und sommers gerne ausgeführt wird. Mir wäre das ja nix! Das wäre ja so, als würde ich mir ein Paar Manolo Blahniks gönnen und dann nicht ausführen, damit die rote Sohle nicht zerkratzt. Ausgedehnte, wohlüberlegte Suche ist bei mir aber auch eher nicht so. Ich bin da eher der Affektmensch: Sehen, gefallen, mitnehmen.
Habe ich jedenfalls mit dem Mann so gemacht, damals.
Aber er hat ja recht: Ab einem gewissen.. äh..  Budget wäre dieses Verhalten durchaus fatal.
Jedenfalls - er liebt sein Antikschnittchen. Er liebt es so sehr, dass er gerne auch einmal im Jahr auf die Wiese fährt, wo alle Freaks ihre Schnittchen zeigen. Und wenn ich nicht will, dass wir auch die Wochenenden getrennt voneinander verbringen, ja dann lasse ich mich halt mitschleifen, friere mir den Arsch ab trotz des Mantels (wie kann es von einen auf den anderen Tag glatte zehn Grad kälter sein?), atme irgendwann nur noch flach und kurz, weil ich von der benzolgeschwängerten Luft irgendwie schon ganz kirre geworden bin - und dann verliebe ich mich auch noch!



Hach! Das wäre mal ein Traum! N flotter Roter wäre mir ja zwar lieber, aber hey, in der Not...
Ich schlich um den Kleinen rum wie einst um Herrn Blau: "DER wäre doch was! Für den Sommer! Für Italien! Für das Meer! Für Südfrankreich! Für..."
Aber ich gab mich geschlagen: Fahrspaß auf der Autobahn ist bei mehreren hundert Kilometern dann vielleicht doch was anderes (man ist ja doch nicht mehr die Jüngste!), Spaß im Auto wäre vielleicht auch nur mit tollkühnsten Verrenkungen irgendwie so halbwegs möglich (wahrscheinlicher wäre aber dann eher ein anschließender Termin beim Chiropraktiker), aber das entscheidende Kriterium:
Der kleine Knaller hat keine Musik drin. Nix. So gar nix. Nicht mal Radio. Dafür einen Feuerlöscher. Ernsthaft jetzt. Da, wo neue Autos ihre Mittelkonsole haben, trägt dieser Kleine einen Feuerlöscher. Ich vermute mal, aus Gründen.
Ja sorry.
Dann geht das leider nicht mit uns.

Dienstag, 18. April 2017

Blue Monday

Der Tag fing schon irgendwie komisch an. Nicht nur weit vor der Zeit erwacht - ich war mir zunächst auch nicht sicher: "Wo bin ich? Welcher Tag ist heute? Hab ich heut noch frei?"
Äh... Ne! Leider nicht.
Trotzdem noch mal die Decke bis an die Ohren ziehen und die Augen schließen.
"Noch fünf Minuten!"
Herr Blau musste mich dann wecken und auch den Kaffee kochen, den er normalerweise immer von mir serviert bekommt. Also jedenfalls wochentags.
Der Blick aus dem Fenster... och ne oder?!
War angekündigt, trotzdem hatte ich gehofft, dieses Schietwetter würde einen Bogen um uns machen. Einen möglichst richtig großen Bogen! Aber neeee....


Kaum vorstellbar, dass man vor ein paar Tagen noch im T-Shirt draußen geschwitzt hat. Ja, im T-Shirt!
Er hat sie dann von der Terrasse gerettet, der Herr Blume die Blauen. Ach ne, andersrum - der Herr Blau die Blumen.
"Musst du heut nicht arbeiten?" fragte er dann, bevor er ging und ich schaute entspannt auf die Uhr.
"Ja, aber erst ab acht und es ist erst halb."
Um 8.20 Uhr fiel mir dann ein, dass es da ja noch ein Diensttelefon einzuschalten gab. Die ersten Anrufe waren dann auch schon aufgelaufen von Kollegen, die glaubten, ich sei im verlängerten Osterurlaub. Wäre mein gesamtes Urlaubstagekontingent nicht schon arg verplant - ich hätte dann wohl doch noch ein paar Tage drangehangen. Tat gut irgendwie, diese lässige Pause von vier Tagen, an denen man zu nix verpflichtet war. Ich befand mich noch eine Stunde nach dem Aufstehen in dem Modus, der unlängst im Web beschrieben wurde mit "In mir schlummert ein Tier. Ein Faultier."
Angesichts dieser slow motion hätte ich mich ja gerne so hier auf Trab gebracht:

Bildquelle: https://www.facebook.com/photo.php?fbid=1241889025924166&set=a.166168533496226.34860.100003092423253&type=3&theater

Es war dann aber eher das lahmarschige Netzwerk, das mich in Nullkommanix bis an den Rand des Erträglichen brachte, so dass ich mich nur mit Müh und Not selber davon abhalten konnte, Laptop, Maus & Co. über die Brüstung zu werfen - und das nervige, permanent klingende Diensttelefon gleich hinterher. Da denkt man, die Allgemeinheit ist noch im verlängerten Ostermodus - Scheißchen! Jeder will was, alles muss gleich - und nix geht bei diesem verdammten Drecksnetzwerk, das mich, wenn es ihm zuviel wird, auch mal gleich ganz rausschmeißt und mir dann irgendwas von Tunnelfehlern erzählen will. Pfffff!
Innerlich gar gekocht war ich dann aber beim Einwählen in das Kundencenter der Telekom.
Ich hab mich ja früher schon über diese pinken No-Gos aufgeregt, aber heute fühlte ich mich einmal mehr bestätigt darin, dass mir privat DIESE Leute nie niemals nicht ins Haus kommen. Da eher schreibe ich lieber wieder Briefe oder rufe auch sogar mal an (was jeder, der mich kennt, weiß, tatsächlich was zu bedeuten hat - denn Telefonieren mag ich so gar nicht).
Nicht nur, dass die seit rund 3 Jahren unfähig (oder unwillig) sind, eine E-Mail-Adresse zu akzeptieren, wohin man sich die Rechnungen schicken lassen kann - nein, man muss sich partout in diese blöde Kundencenter einwählen - und die Rechnung durfte ich online nicht anschauen - dank Ad Blocker, mir aber auch nicht ungesehen herunterladen, ohne meinen Ad-Blocker temporär zu deaktivieren.
Inzwischen klingelte die Mittagsuhr (also der Bauch) - und ich durfte feststellen, dass das vier Tage alte Brot sich über Nacht fröhlich ein paar grüne und weiße Blumen hatte stehen lassen.
Na toll! Zumal es sich hier um das allerletzte zu beißen im Hause blaues Ziggenheim handelte. Sieht man von etlichen Puddingbechern ab - aber davon kannste ja jetzt auch nicht satt werden! Ganz toll dann auch, in genau diese Stimmungsphase ein lecker Foto vom Mann zu bekommen und dem mit noch fröhlicheren Smileys unterlegten "Mahlzeit!"
Nun war mir alles egal - ich habe den Kühlschrank geplündert, was auch immer der noch hergab. Ein etwaiger Kalorienzähler wäre an dieser Stelle vermutlich explodiert, mir aber auch grad sowas von scheißegal - Hauptsache, die Synapsen beruhigten sich wieder.

Und siehe da: Der erste Schnee des Morgens taute wieder, das Netzwerk hatte sich auch eingekriegt und der Junge hatte vermeldet, dass er trotz Schneechaos und Blitzeis gut wieder zu Hause angekommen war. Ist vielleicht doch nicht alles blöd am Montag!


Sonntag, 16. April 2017

Von Milchkaffee in der Sonne, Raviolis und Frieden für alle








Viel zu oft vorgenommen und viel zu wenig gemacht: Städtetouren.
Angesichts der bevorstehenden freien Tage ein Länderticket gebucht und diesmal fiel die Auswahl auf Augsburg. Viel gehört, einiges gelesen - eine sehenswerte Stadt soll es sein - und davon wollten wir uns dann selbst überzeugen.

Was hat mich nun am nachhaltigsten beeindruckt? 
Der Dom Mariä Heimsuchung.
Ich bin weder ein Kirchgänger noch bin ich auch nur irgendeinem offiziellen Glauben anhängig.
Der Mann auch nicht - aber ihn faszinieren die Bauten.
Ich bin durch das Tor getreten und es ist schwierig zu beschreiben, was das in mir auslöste.
Da war eine Aura, die nur sehr schwer in Worte zu fassen ist.
Eine Aura, die mich still und zugleich so wunderbar ruhig fühlen ließ.
Den Blick nach vorn auf das bunte Ornamentfenster gerichtet, blieb ich stehen, es ist wirklich nicht so einfach zu beschreiben, aber da... war einfach etwas. Um mich herum, auf mir.
Ich wandte den Kopf nach rechts und da stand er immer noch, der alte Mann, der Bettler mit dem Becher in der Hand, draußen vor der Tür, und er schaute auch mich an. Machte ein, zwei Schritte, als wolle er auf mich zugehen. Natürlich ist mir bewusst, dass er lediglich in meiner Körpersprache erkannte: Da gibt es was. Mir sind ebenso all die Tatsachen über Bettlermafia bekannt.
Dennoch nahm ich all meine letzten Münzen, ging zurück vor das Tor und legte sie ihm in den Becher. Er lächelte freundlich aus braunen kleinen Augen.
Hernach war er fort.
"Warum machst du sowas?" kopfschüttelte der Mann, "kann man dich nicht mal einen Moment aus den Augen lassen? Du weißt doch, dass das alles Mafia ist."
"Ich weiß", lächelte ich ihn an und irgendwie.. war da einfach so eine.. unfassbare, zugleich aber wunderbare Ruhe in mir.
"Und warum machst du es dann? Warum die Mafia noch reicher machen?"
"Es war ein alter Mann, vielleicht Mafia, vielleicht aber auch nicht."
"Siehst du, der ist jetzt weg. Geld zählen vermutlich."
"Vielleicht, vielleicht aber auch nicht."
"Oder der ist jetzt in Ruhe frühstücken gegangen von deinem Geld."
"Ja, vielleicht, aber das wäre ja dann auch das Richtige."

Was hat mir am meisten gefallen?
Das "Barfüßer Café", das sich völlig unauffällig im Hinterhof einer Häuserzeile befindet und nur entdeckt werden kann, wenn man genauer hinschaut.
Ich liebe Cafés mit selbstgemalten Bildern, die dort überall an weißgetünchten Wänden hingen, und Tulpen auf den Tischen.
Wenn sie jetzt noch selbstgebackenen statt industriell gefertigten Kuchen anbieten würden, wäre dieses Kleinod kaum übertrefflich.

Was hat mich am meisten bewegt?
Der Ostermarsch mit dem Transparent "Frieden für alle und für immer". Überhaupt hörte man in den letzten Jahren deutlich weniger von Ostermärschen, von Friedensbewegungen - und dabei ist dieses Thema in dieser Zeit bedeutsamer als je zuvor.

Was ist mir eher unangenehm aufgefallen?
Die Blicke anderer Menschen. Sie haben mich verunsichert und mich fragen lassen, ob möglicherweise das Kleid zu kurz war. Wenn es nicht verrutscht (worauf ich eigentlich immer achte, dass das nicht passiert), endet es normalerweise kurz über dem Knie - und dann wieder dachte ich... Ich lebe in Europa, den Minirock (oder eben das kurze Kleid) gibt es seit rund 90 Jahren - und eigentlich möchte ich mich das nicht fragen müssen. Auch dann nicht, wenn es überwiegend Menschen anderer Kulturen waren, die mich musterten.
Als wir in Indien unterwegs waren, trug ich entweder bodenlange Röcke oder lange Hosen - aus Respekt vor der dortigen Kultur.
Ich möchte, dass man unsere hier in Europa genauso akzeptiert, dass man uns Europäer akzeptiert und nicht, wie auch im Post von Nila dargestellt, als Ungläubige empfindet, die keinen Respekt verdienen.

Was hat mich am meisten überrascht?
Der Stadtmarkt zwischen Fuggerstraße und Ernst-Reuter-Platz. Eher auf der Suche nach einer Lokalität um die Mittagszeit, fanden wir diesen Markt beim Herumstreifen in der City - und waren überrascht von der Vielfalt und den vor allem überall freundlichen, redseligen Menschen. Man begegnet einander freundlich, höflich, hilfsbereit ("Sie schauen so suchend, wo wollen Sie denn hin, kann ich Ihnen helfen?"), das Essen (Steinpilzravioli) war ausgesprochen lecker und die Johannisbeerschorle mit deutlich mehr Saft und weniger Wasser als man das beispielsweise hier in M serviert bekommt.

Als wir am Nachmittag mit der Bahn wieder heimfuhren, lehnte ich den Kopf an die Schulter des Mannes und schloss die Augen. Ich fühlte mich leichter, gelöster - und auf entspannte Art müde.
Dieser Tag hatte mir gut getan, so insgesamt.
Aber ich bin gerade nicht sicher, ob ich als Frau noch allein verreisen möchte.
Möglicherweise aber verreise ich im Moment auch sowieso viel zu selten.
Möglicherweise sollten wir das einfach wieder viel öfter tun.

Freitag, 14. April 2017

"Überall", flüsterte sie, "überall."

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Bevor ich selber Kinder bekam, gehörte ich so gar nicht zu den Menschen, die verklärt und verzückt auf Babies und überhaupt Kinder reagierten. Im Gegenteil: Ich konnte mit ihnen gar nichts anfangen.
Legte man mir ein fremdes Kind in den Arm, reagierte ich eher mit Panik: "Nehmt es mir bloß wieder ab, bevor ich was kaputtmache."
Ich hatte so gar keine Idee, so gar kein Gespür dafür, was ich mit einem Baby, mit einem Kleinkind anfangen sollte.

Meine Kinder, meine Söhne haben mich über die Jahre eine Liebe gelehrt, die ich bis dahin nie gekannt hatte: tiefe, bedingungslose Liebe. Heute empfinde ich sie mehr denn je als einen Teil von mir, untrennbar, unlösbar - und wenn sonst nichts mehr geht, für sie geht es.
Der Älteste war von Beginn an mein eigenes Abziehbildchen: verträumt, verklärt, ein Seelchen, das alles hinterfragte, alles wissen wollte und so lange keine Ruhe gab, bis er all seine Fragen beantwortet fand.
Als er anfing, abends auszugehen, lag ich die ersten Nächte so lange wach, bis ich erleichtert das Drehen des Schlüssels im Türschloss vernahm.
Als er den Führerschein erwarb und sein erstes Auto kaufte, lief ich die ersten Wochen immer so lange unruhig durch die Wohnung, bis ich erleichtert das Drehen des Schlüssels im Türschloss vernahm.
Der Jüngere war ein Sonnenscheinchen, meist friedlich, meist selig und er hat viel gelacht.
Wenn ich weiß, dass er ausgeht, ertappe ich mich oft dabei, dass ich nachts oder gleich morgens in whatsapp schaue, wann er zuletzt online war - und sinke erleichtert in die Kissen zurück.
Auch er besitzt jetzt einen Führerschein und sucht sich derzeit rauf und runter, welches sein erstes Fahrzeug sein soll. Viel zu viele PS, viel zu große Maschinen - und auch wenn ich das dank Testosteronspiegel nachvollziehen kann, so hänge ich aktuell dennoch flehend an seinen Beinen: "Als erstes Fahrzeug sollte es nicht so eins sein."

Die Entscheidung, ihnen die Wohnung zu überlassen und über vierhundert Kilometer weit weg zu gehen, ist mir sehr schwer gefallen. Mein Lebensmodell hatte eigentlich nicht vorgesehen, den Jüngeren schon "herzugeben", der zehn Wochen später erst 19 wurde. Meine Wunschvorstellung war immer die, dass wir in einer Stadt wohnen, von mir aus jeder in seiner Wohnung, aber wenn man einfach Lust drauf hat, lädt man sie sich auf einen Kaffee, auf ein Mittagessen oder was auch immer ein, ratscht über Gott & die Welt, löst all die kleinen Alltagsproblemchen... Man lebt sein Leben, aber irgendwie lebt man es immer noch miteinander.

Sie sind beide noch dabei, ihren Weg im Leben zu finden, und während der eine ziemlich genau weiß, was er will, ist der andere dabei, zunächst das Chaos in seinem Inneren zu ordnen und zu lösen.. Als feststand, dass der Ältere das Unternehmen verlässt, in dem auch ich arbeite, habe ich mich viele Nächte schlaflos herumgewälzt und mich am meisten vor dem Moment gefürchtet, in dem auch er es erfuhr. Ich fürchtete mich vor dem, was es mit ihm machen würde.
Mir ist völlig klar, dass man seine Kinder nicht vor allem im Leben beschützen und bewahren kann, dass sie lernen und wissen müssen, wie sie die schwierigen Situationen bewältigen können.
Dass ich ihnen auch gar nicht alles abnehmen darf.
Mir ist jedoch auch bewusst, dass jeder Mensch mit unterschiedlicher Resilienz ausgestattet ist, und was den einen stärker hervorbringt, kann den anderen eines Tages zerbrechen.

Ich schaue auf die Fotos meiner Söhne, die auf meinem Schreibtisch stehen.
Ich betrachte meine Söhne, wenn wir auf dem Sofa lümmeln. Wenn sie essen, wenn sie schlafen, wenn es ihnen gut geht.
Seit 27 Jahren lebe ich mit dem einen und seit 21 Jahren mit dem anderen - und ich weiß, ohne meine Kinder bin ich.. nichts mehr. Es wird mich zerstören, wenn einem von ihnen etwas geschieht. Ich weiß, dass ich so stark nicht bin, das zu überstehen.

Oft lese ich Nachrichten, höre Nachrichten, wenn ich unterwegs bin.
Ich sehe Bilder von Kindern, in ihrem Gesicht, auf ihrer Kleidung ist Blut, ihre Kleider sind zerrissen, die Augen leer.. Es ist mir völlig egal, wer solche Bilder für sich propagiert. Weil die Tatsache, dass ein Kind, ein Mensch überhaupt in einen Krieg, zwischen die Fronten geraten ist, einen innerlich zerreißt. Alles krampft sich zusammen, weil man sich schuldig fühlt. Und es ist dabei ganz egal, ob man sich an einem Krieg beteiligt oder nicht.
Ich sehe die Bilder der hungernden Kinder in Afrika und in mir verkrampft sich alles auch bei dem Gedanken daran, wie unfassbar viel an Essen allein bei uns achtlos in den Müll geworfen wird.
Mir wird schlecht dabei, dass Nestle Brunnen in Afrika bohrt und Geld für Wasser von denen verlangt, die ohnehin schon zu den Ärmsten in der Welt zählen. Die ohnehin schon nichts mehr haben und zu Tausenden verhungern und verdursten.
Wie kann man weltweit Spezialisten nach Afrika entsenden, wenn die Ebola ausbricht, aber tatenlos zuschauen, dass Menschen verhungern??
"Das Versprechen eines Lebens", ein Film aus der Zeit des ersten Weltkriegs, basierend auf einer realen Geschichte. Drei Söhne hat die Familie weit über das Meer in den Krieg geschickt, und der Vater hinderte sie nicht daran. Er glaubte, es gehöre dazu, sie zu Männern gemacht zu haben. Während die Mutter der Söhne daran zerbricht, dass alle drei Söhne aus dem Krieg nicht heimkehren, schwört er ihr an ihrem Grab, dass er alle drei heimbringen wird, um sie zu Hause zu beerdigen.
"Sei gesegnet, wenn du vor deinen Kindern gehen kannst", heißt es darin.

Noch vor zwei Jahren, auf dem Weg zwischen M und L, betrachtete ich den blauen friedlichen Himmel über mir, hörte ich Musik und empfand so unendliche Dankbarkeit dafür, dass ich hier so in Ruhe fahren konnte und meine einzige Frage lediglich darin bestand, ob ich ein, zwei Stunden früher oder später am Ziel ankommen würde.
Der Krieg in Serbien, der Krieg in Tschetschenien, die Annektierung der Krim, der Krieg im Irak, in Syrien, in Afghanistan; es fühlt sich an, als sei die ganze Welt irre geworden, als sei die ganze Welt in Aufruhr, als bekämpfe jeder jeden; die Bombenanschläge in England, in Frankreich, in Spanien, in Schweden und auch bei uns.
Dass Trump über Afghanistan - angeblich im Kampf gegen den IS - eine Bombe abwerfen ließ mit über 8.000 Kilogramm Sprengstoff in ihrem Inneren, ließ mich fassungslos und stumm auf den Bildschirm starren.
Von 36 toten IS-Kämpfern ist die Rede - wer soll das glauben bei einer Reichweite der Druckwelle von einigen Quadratkilometern, in denen kein Überleben möglich sein soll? Wer soll glauben, dass es nicht wieder Unschuldige getroffen hatte - wie in jedem verdammten scheiß Krieg, weil sich niemand, einfach niemand dafür interessiert und jeder tote Zivilist als Kollateralschaden abgetan wird?
Und Trump legt sich zugleich mit Korea an.
Dabei hatte er etwas ganz anderes versprochen. Er hatte gesagt, dass er sich aus allem raushalten wollte, weil er nur ein einziges Ziel erklärte: "Make America great again". Als Präsidenten eines Landes habe ich ihn nie empfunden, aber als einen Kaufmann. Nennt mich naiv, aber ich dachte wirklich, er sei die bessere Wahl als die Clinton. Ich hatte doch wirklich darauf gehofft und gewünscht, dass er sich auf das konzentrieren würde, womit der sich auskannte: auf die Wirtschaft des eigenen Landes - ohne Kriegsmillionen. Aber ein Mensch wie er wird wohl immer nur nach seinen Beratern agieren können, er wird also nie etwas anderes als eine Marionette bleiben können.
War er nun tatsächlich die bessere Wahl - oder macht er alles nur noch schlimmer?
Im Grunde jedoch.. sind es doch aber alle Politiker, egal woher sie kommen.
Und hatte nicht unser Innenminister erst vor Wochen betont, dass Afghanistan zu den sicheren Herkunftsländern gehöre? Weil man ja offenkundig nicht nach Syrien abschieben kann, nimmt man die Afghanen, um noch rechtzeitig vor den Wahlen im September Zeichen zu setzen?
Nachdem man monatelang keinen Zweifel an der Richtigkeit dessen äußern durfte daran, unkontrolliert Millionen Menschen in das Land kommen zu lassen, weil sie ja auf der Flucht vor dem Krieg waren - wenn man sich nicht als Nazi beschimpfen lassen wollte?
Warum ist auf einmal der Amerikaner der Gute, der seit 1950 ungefähr alle zwei, drei, vier Jahre in mindestens einem fremden Land Krieg führte - und warum ist der Russe auf einmal der Böse?
Ich fühle mich an den kalten Krieg der 80er erinnert. Damals warens die Kapitalistenschweine und der Russe war der Gute, der Befreier. Heute ist es andersrum.
Amerika wählt den Trump statt Clinton.
England wählt den Brexit statt die EU.
Italien wird vielleicht folgen.
Ich hatte irgendwie die Hoffnung darin gesehen, dass die Menschen eines Landes sich nicht mehr beirren lassen, dass sie sich nicht mehr für dumm verkaufen lassen. Dass sie einen anderen Weg wollten als den bisherigen. Eine bessere Alternative als überall Krieg zu führen. Dass die Politik aufmerkt und Achtungszeichen versteht. Meinetwegen auch die im letzten Jahr gestiegenen Prozente der AfD. Glücklicherweise immer noch viel zu wenig Prozente, um tatsächlich in die Politik eingreifen zu können, andererseits frage ich mich: Welche wirklichen Alternativen zur jetzigen Regierung gibt es? Keiner hat es je besser gemacht - und auch unter einem hochgehobenen Martin Schulz sehe ich das nicht.

Ich will meine Kinder nicht in einem Krieg wissen. Ich will nicht meine Kinder begraben müssen. Schaue ich auf den Film mit Russell Crowe, dann hat sich die Kriegstechnik von damals so sehr verändert, da werden keine Kanonenwagen mehr herangekarrt und Bajonette geschwungen.
Hat die heutige Welt überhaupt noch eine Chance? Hätte sie die - wenn sie alle durchdrehen?
Fragt sich denn kein einziger von denen, was aus ihren eigenen Familien, Angehörigen, Kindern würde in einem solchen Fall? Sorgt sich denn kein einziger von denen um seine Familie?
Wir leben eine so moderne Zeit, wir haben so vieles entdeckt, entwickelt, vorangebracht - und den Menschen könnte es so gut gehen.
Stattdessen bereichern wir uns, indem wir den einen Kriegstechnik verkaufen und den anderen vorschreiben, wie viel sie für ihren Kaffee, ihren Kakao und ihre Gurken vergütet bekommen, vorausgesetzt, sie erfüllen die EU-Gardemaße. Stattdessen betreiben wir ausgewählte Medienberichte, um rechtzufertigen, dass man gar nicht anders konnte. Stattdessen wird der Mensch zugemüllt mit "Schwiegertochter gesucht", "Berlin Tag und Nacht" und all diese sinnbefreite, gequirlte Scheiße, von der ich mir einfach nicht vorstellen kann, dass man sich so etwas auch nur anschauen kann.

Ich weiß nicht, woran ich glauben soll. Abgesehen davon, dass ich überzeugt davon bin, dass es mehr Dinge zwischen Himmel & Erde gibt, die sich nicht logisch erklären lassen - und sie passieren trotzdem. Ich weiß nicht, was ich glauben soll und wem.
Ich schaue auf meine Kinder und alles, was ich mir wünsche, ist ein Leben in Frieden. Ein gutes Leben. Ich denke an den Rückflug von Indien vor einem halben Jahr und daran, wie inniglich ich das Beten lernte. Ich denke an Menschen, die sagen, für wen sie ihr Leben hergeben würden und wo ich immer dachte: "Das sagt sich alles so leicht."
Ja, das sagt es sich.
Aber ich für mich weiß: Ohne meine Kinder kann ich nicht sein. Wenn, dann mich - aber nicht sie. Nicht sie.

Montag, 3. April 2017

Ein Versprechen






I've been living like a pretender
Ready for a reason to fall apart
Demons living deep in the center of my heart

But listen I have made a decision
I am finished fading into the dark
I need another shot at beginning 
Let's restart

I'll tell you once
I'll tell you twice
And I don't care who listens I will shout it to the northern lights

I'm gonna keep 
All these promises, promises, promises, promises, promises
And you're gonna see
I want all of it, all of it, all of it, all of it, all of it

Patient but it's making you restless
Turn into tomorrow you follow moons
Cigarette you're tracing the edges
Of your room

Front door, what have I been waiting for 
You're out back, you should know that

Sonntag, 2. April 2017

Von Sackgassen und Blumenwiesen




Wenn ich heute noch ein Wort zu "Papier" bringen möchte, müsste ich mich jetzt beeilen. Denn in ungefähr dreißig Minuten schaltet sich hier alles automatisch aus - und ich weiß leider nicht, wie ich das umgehen kann, ohne Herrn Blau aus dem Schlaf zu rütteln.
Aber irgendwie... will es gerade nicht fließen. Also es will schon, aber es kann nicht. 
Und fühl mich zugleich so müde, innerlich, äußerlich. 
Vor allem bin ich dankbar für die kleinen und großen glücklichen Fügungen. Dass der Papa nun wieder wieder nach Hause gekommen ist - mit einer reparierten Herzklappe und einer damit nunmehr deutlich längeren Lebenszeit. Dankbar für erreichte Meilensteine der Söhne. 





Ich schaue auf meine Hände, betrachte mich im Spiegel.
"Sie machen schon einen bedrückten Eindruck auf mich", sagt mir am Freitag jemand, der mich seit etwa dreißig Minuten kennt und für den ich einen ungefähr zehnseitigen Fragebogen ausfüllen musste, die ich mit Beginn der Schmerzerkrankung wieder und wieder vorgelegt bekommen hatte. Und nun schaue ich ihn an und spüre, wie ich unwillkürlich lächeln muss.
"Ich bin doch einfach nur... grad ein bisschen müde", antworte ich.

Manchmal weiß ich nicht, was Menschen von einem erwarten. Du hast vielleicht nicht die allerbeste Biografie, aber du hast schon vor langer Zeit dein Leben in Ordnung gebracht und dir selbst deine Ruheinseln geschaffen. Du weißt, wann es Zeit ist, sich zurückzuziehen und ein wenig Seelenpflege zu betreiben. Du weißt, was dir guttut und du hast gelernt, Grenzen zu ziehen, Entscheidungen zu treffen und zu diesen auch zu stehen. Du weißt um all das Unerledigte und du hast akzeptiert, dass sich nichts erzwingen lässt - aber es für alles einen Weg gibt, früher oder später.
All deine Themen, die dir in der Seele immer noch weh tun, hast du lang und breit mit deinem Seelendoc auseinander genommen. Bis es - vermutlich beiden - zu den Ohren wieder rauskam.
"Ich hab den Schmerz akzeptiert und mich inzwischen an ihn gewöhnt", sage ich, "meistens jedenfalls." Und während der aktuell behandelnde Hausarzt "genau darin die Gefahr sieht", will die allgemeine Schmerztherapie nichts anderes bewirken: Akzeptanz. Wahrnehmung weglenken vom Schmerz und damit leben. Also lebst du damit und sagst dir an den meisten Tagen eines Jahres, dass es nur den Frühling und den Sommer braucht, um es erträglicher zu haben. Dass du während der intensiveren schmerzhaften Phasen nicht unbedingt auf dem Tisch tanzen möchtest, findest du nachvollziehbar.
Du hast dich auf jeden möglichen Lösungsweg eingelassen, monatelang, jahrelang, und keiner davon hat dir aber Erleichterung bringen können.
Nach zwölf Jahren darf einem auch mal ein wenig die Puste ausgehen.
Findest du.

Ich betrachte den Mann interessiert, wie er da vor mir sitzt, die Augen müde, die Stimme schleppend und fast muss ich lächeln: Am Ende sind wir beide müde aus denselben Gründen - langer Tag gewesen, es ist warm draußen und man will einfach nur in der Sonne sitzen und wahlweise einen Milchkaffee oder eine eisgekühlte Limonade genießen, statt hier drinnen in einem kleinen warmen Zimmer ohne Frischluft festzuhängen. Und während er sich vermutlich zugesteht, dass er müde sein darf, sieht er in meiner den Beweis dafür, dass ich erneut auf ein Sofa gehöre.
"Was möchten Sie? Was denken Sie?"
Ich lehne mich zurück, spüre den glatten harten Sitz unter mir und in meinem Rücken und denke daran, wie ungern ich auf solchen Plätzen sitze.
"Dass ich hierher gekommen bin ohne jede Erwartung oder Vorstellung", antworte ich auf seine Fragen. "Dass ich seit ungefähr drei Jahren, mindestens, nicht mehr bei einem Arzt war in der Hoffnung, Erleichterung zu finden. Eigentlich sitze ich nur hier, weil man mir Sie empfohlen hatte und weil ich seit ungefähr drei Wochen in beiden Händen einen neuen, anderen Schmerz in den mittleren Gelenken habe, mit denen ich anfangs weder einen Stift noch eine Tasse halten konnte. Das ist jetzt etwas besser geworden, aber ich kann nach wie vor keine Flasche öffnen oder irgendwas Schwereres wie einen Topf oder so in der Hand halten. Wenn mir jemand an die Hand stößt oder an der Hand zieht, tut das weh, als hätte ich da einen großen blauen Fleck oder sowas. Am Anfang hatte ich Fieber und ich hab mich krank gefühlt, das ist jetzt nicht mehr so. Ich bin aber nicht gleich zum Arzt gegangen, weil ich Angst davor hatte, dass jemand denkt, ich sei hysterisch."
Wir schauen uns an, wir sind beide immer noch müde und jetzt will ich nur noch raus an die Sonne, mich irgendwo in ein Straßencafe setzen und an nichts mehr denken müssen, während im Zimmer nebenan sein nächster Patient wartet.
"Soll ich Ihnen noch anderes ein Medikament aufschreiben, das man noch ausprobieren könnte?"
"Hm nein, ich denke nicht."
Es scheint mir zu ziellos, planlos.
ER scheint mir zu ziellos, planlos.

"Es gibt nichts mehr, das ich Ihnen noch mit auf den Weg geben könnte", hatte mir vor Jahren eine Therapeutin gesagt. "Nichts, das Sie nicht schon selber wissen. Sie sind reflektiert genug, Sie lassen sich nur zu schnell durch Ihr Umfeld verunsichern."

Wir stehen auf, wir geben einander die Hand und ich sage: "Ich melde mich wieder", und ich weiß schon jetzt, dass ich das nicht tun werde. Möglicherweise weiß er es auch.

Mittwoch, 29. März 2017

"Das Leben ist zu kurz für Knäckebrot."



Der Mann, den du liebst, verlässt dich eines Tages. Warum, das weißt du vielleicht oder weißt es auch nicht so genau, aber das einzige, worin du dir völlig sicher bist: Es liegt an dir. Es kann nur an dir gelegen haben. Dass du nicht genügt hast, dass du einfach nicht die Eine warst und es im Grunde auch nie sein konntest.
Also kehrst du nach Hause zurück und irgendwann fängst du neu an, lernst jemanden kennen und obwohl du dir nicht sicher bist, wagst du den Sprung und ziehst bereits nach kurzer Zeit mit diesem neuen Mann zusammen.
"Ich will es richtig oder gar nicht", begründest du. "Das Leben ist so, was soll da noch kommen?" fügst du hinzu und zuckst die Schultern.
Du versuchst, dich in deinem neuen Leben zurechtzufinden, einzurichten, und weil die Ablehnung nicht nur von deinem Mann, sondern auch öfter in verschiedenen Jobs kommt, zweifelst du immer mehr an dir und glaubst deinem Mann, wenn er dich beschimpft, verflucht und irgendwann auch zuschlägt. Du glaubst, dass er recht hat, auch wenn du dich zugleich dagegen wehrst.
"Oh Gott, er hat recht, du bist so hässlich", denkst du, wenn du morgens in den Spiegel schaust und an seine Worte denkst: "Dich will sowieso keiner, du fette Sau", und du weißt genau, es spielt gar keine Rolle, ob du gerade dabei bist, in Kleidergröße 34 abzurutschen oder eine 44 trägst. Es spielt einfach keine Rolle.
Du bist ein liebevoller Mensch, der das, was er tut, auch gern tun möchte. Der gerne Überraschungen bereitet und es seinen Liebsten einfach nur schön machen möchte. Aber du kannst nicht verhindern, dass das, was er dir ständig sagt und was er tut, an dir nagt, dich immer kleiner, wertloser, unbedeutender fühlen lässt und sich deine Mundwinkel mit jedem weiteren Jahr immer mehr nach unten neigen.
Du glaubst, dass das gemeinsame Kind etwas in ihm verändern könnte, und du glaubst, dass du es mit diesem Kind auch schaffst, dich zu beweisen, am meisten vor ihm. Vermutlich weißt du noch nicht, dass es egal ist, was du tust und wie viel du tust. Vermutlich ist das Problem, dass er sich dir unterlegen fühlt. Und während er bemüht ist, dich weit unter ihn zu stellen, zeigst du ihm nicht nur, sondern sagst ihm auch, dass er einfach nichts kann, weder im Haushalt noch im Umgang mit dem Kind.
Wenn er sich nachts auf dich rollt, schließt du die Augen und denkst, dass du gerade eigentlich und am liebsten ganz woanders wärst - und sowieso auch mit jemandem anderen. Es ist egal wer, Hauptsache einer, der viel mehr Liebe in Dein Leben bringt. Du träumst von einem anderen Leben, einem einfacheren Leben, in dem du nicht schon zu Beginn des Monats weißt, dass dein Geld nicht reichen wird für dich und das Kind, du den zweiten Job machst, während du in deinem Kopf noch seine Worte hörst, ob du nicht endlich mal den Arsch hochkriegen willst.
Ihr lebt gemeinsam in einem Haus und noch ist dir nicht bewusst, dass du bereits jetzt schon genau das lebst, wovor du im Grunde am meisten Angst hast: allein zu sein. Zu glauben, dass du es allein nicht schaffen wirst. Du weißt noch nicht, dass du es bereits all die Jahre schon allein geschafft hast.
Niemand kann verstehen, warum du bleibst, warum du nicht gehst, warum du nicht springst.
Niemand kann verstehen, dass du erst in dir selbst den Punkt erreichen musst, an dem du sagst: "JETZT ist es genug."
"Dabei ist es schon jetzt genug", sagst du leise, aber was noch in Kopf und Bauch arbeitet, reicht noch nicht aus, den Sprung zu wagen.
Eigentlich möchtest du ganz anders leben, du möchtest Kirschen aus Nachbars Garten klauen und mit Graffiti "Ich wünsche mir für die ganze Welt Frieden" an Häuserwände schreiben.
Du möchtest Cocktails trinken und die Seele baumeln lassen können.
Du möchtest im Regen tanzen, barfuß durch die Pfützen springen und fühlen, wie sehr und wie gerne du lebst.
Aber eigentlich bist du die ganze Zeit immer nur müde und während du bedauerst, dass ein weiterer Tag herum ist, bist du zugleich auch wieder froh, wenn es ein Tag war, an dem man dich in Ruhe gelassen hat.
Und während du nicht verhütest und er bereit ist, dir ein weiteres Kind zu machen, fragt er dich, wie du dir das alles eigentlich vorstellst und wie du das eigentlich alles schaffen willst.
"Ich hab mir schon immer zwei Kinder gewünscht. Eigentlich wollte ich immer vier Kinder."
"Ich auch. Aber ich habe R. zu spät kennen gelernt. Mit ihm hätte ich mir alles vorstellen können, mit dem anderen nicht."

Fassungslos rühre ich in meinem Milchkaffee.

Dienstag, 28. März 2017

Die Affäre

Meine Finger sind schon seit einigen Tagen wieder befreit von den Tapes, der Hausarzt ratlos ob der Blutwerte, das Rezept ist eingelöst und hat bislang zumindest erreicht, dass ich Stifte nicht nur halten, sondern auch wieder schreiben kann. Zwar benötige ich für diesen Blog keinen Stift, aber... ach egal.

Aufmerksam geworden durch diesen Post von Anna haben der Mann und ich (mehr ich als er) jedenfalls die letzten Abende der nicht ausgelebten Fingerfertigkeiten genutzt, uns auf das Sofa zu lümmeln und zwischen Kräckern und Weißwein eine Folge nach der anderen aus "The Affair" reinzuziehen.


In den bisherigen 3 Staffeln wird die Geschichte eines vierfachen Familienvaters erzählt, hauptberuflich Lehrer, nebenbei seit Jahren versuchter Schriftsteller, der nie richtig Erfolg hat - bis er im Familienurlaub einer junge Frau begegnet, ebenfalls verheiratet, deren einziges Kind beim Baden ertrank. Mit der er eine Affäre beginnt (okay, da sind sie sich beide nicht einig, wer hier wen verführt hatte) und die ihn damit zu einem Buch mit fiktivem Ende inspiriert, das - natürlich - irgendwann zu einem Bestseller wird.
Ihre Geschichte, anfangs erzählt aus jeweils ihrer und aus seiner Sicht mit kurzen Einblendungen des Verhörs auf dem Polizeipräsidium, erschien zunächst gewöhnungsbedürftig, später jedoch interessanter, weil man einfach wissen wollte, worum es konkret eigentlich ging und wer nun der Mörder war. Und weil man alles irgendwie nachvollziehen konnte.
Es war der Mann, der bereits während der 1. Staffel gähnte: "Das ist mir zu langweilig" und zu Bett ging, während ich ganz gespannt bis in die Nacht hinein schaute. Die Psychologie eines Menschen interessiert mich, reizt mich, fasziniert mich - oder stößt mich auch ab.
Gleichwohl will ich verstehen, ergründen: Warum macht der Mensch, was er macht, was bringt ihn dazu, und wie viel Untiefe steckt in jedem von uns?

Dass mit Beginn der zweiten Staffel die Erzählepisoden nicht mehr nur aus den Augen der beiden Protagonisten, sondern nunmehr auch aus dem Blickwinkel der jeweils betrogenen Ehepartner dargestellt wurden, empfand ich zunächst als interessant, späterhin jedoch als anstrengend. Inmitten der zweiten und auch inmitten der dritten Staffel ermüdete schließlich auch ich.
Der Fall war gelöst, ein Unschuldiger ging aus Gründen freiwillig in das Gefängnis und ab diesem Moment, wo man denkt, es ist alles vorbei, die Geschichte ist auserzählt, beginnen Nebengeschichten, beginnen neue Geschichten, die im Hinblick auf die eigentliche Story einige elementare Fragen entstehen lassen. Empfanden wir alles immer verworrener, die Figuren immer skurriler und immer weniger nachvollziehbar.

Durch die dritte Staffel habe ich mich insofern eher gequält und verzichte damit auch auf das Schauen der 4., die irgendwann ausgestrahlt werden soll.
Manchmal sind Geschichten einfach auserzählt und dann sollte man es dabei auch belassen, bevor es dröge wird. Sowohl in der Fiktion als auch in der Realität.

Montag, 27. März 2017

Kategorie: Webfundstücke




Ich glaube, ich bin inzwischen eine Meisterin des Verdrängens. Nicht gut, weiß ich. Eigentlich. Manchmal aber hilft mir das zu überleben, und so habe ich diese Eigenschaft (oder Eigenart?) in den letzten Jahren immer weiter vervollkommnet. Nicht bei jeder ersten Begrüßung und nicht bei jedem letzten Abschied habe ich immer gesagt oder gezeigt, was ich denke, was ich fühle, wie ich mich fühle.
Selbstschutz, ach das interessiert mich hierbei nicht. Mich interessiert nicht, ob ich mich angreifbar, verletzlich mache mit dem, was ich denke und fühle. Aber manchmal... ich weiß nicht.. manchmal ist das, was ich fühle und was ich denke, wie ein kostbarer Schatz, den ich nicht hergeben möchte. Nicht in einem Augenblick, wo ich den anderen Menschen noch nicht kenne, und auch nicht in einem Augenblick, in dem ich loslasse. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass man zuweilen auch jemanden schützen kann, indem man gar nicht alles sagt, was man denkt.
Und dann gehe ich meiner Wege und nehme all das mit. Sortiere. Nehme das Positive mit und hole es für mich hervor in Augenblicken, die ich mit mir allein sein möchte. Hole es hervor, betrachte es und dann fühle ich mich besser.

Als ich heute Abend dieses Bildchen fand, musste ich lächeln und dachte, hach ja, das bin sowas von ich... Die Musik und ich, ich und die Musik. Die Kopfhörer aufsetzen, den Kopf ausschalten, die Augen schließen und mich zurücklegen. Die Arme hinter dem Kopf verschränken und die Beine an die Wand lehnen. Die Welt ausblenden, alles ausblenden, und obwohl gerade vieles noch nicht so ist wie es sein sollte, ist es wieder da, dieses Spielfigurengefühl, die du nach allen Seiten anstoßen kannst und sie pendeln und kehren dennoch immer wieder in ihre eigene Mitte zurück...

Quelle: https://www.facebook.com/GrossesMKleeneElli/?hc_ref=NEWSFEED&fref=nf




Freitag, 17. März 2017

Aus is


"Aus is" stand vor einer Woche an der Tür unseres Lieblingsbäckers hier im Nachbarhaus. Wir haben den Abschied ehrlich bedauert, wo findet man heutzutage schon noch einen Bäcker, der die Leute der Nachbarschaft vernetzt und sich so zu einer Art "Kiezbäcker" etabliert?
Dieser Hauch von... ja ich weiß jetzt auch nicht, wie man das nennt... wo nicht der Gedanke an den erzielten Gewinn dominiert, sondern einfach.. das Miteinander.
Natürlich sind auch die Einnahmen wichtig, so blauäugig bin ich ja nun auch nicht. Deshalb habe ich ihm auch immer Trinkgeld dagelassen, auch wenn er ohnehin schon nicht grad günstig war. Einen "Kiezbäcker" will man einfach nicht hergeben, so wie auch einen guten Friseur oder Gynäkologen nicht. Manche guten Dinge sind einfach essentiell im Leben einer Frau ;)

Aus is auch für den Moment mit dem Schreiben bei mir - siehe Foto. Nach 12 Jahren Dauerschmerz habe ich mich an diesen gewöhnt, nur die intensiven Schübe machen mir manchmal doch zu schaffen. Dachte ich noch im Dezember, es würde an der eisigen Kälte liegen, haben die mittlerweile gefühlten 17 oder 20 Grad mich dahingehend belehrt: Ne, daran allein liegts nicht.
Nicht nur, dass es nicht besser werden will - momentan sind neben den üblichen Gelenken vor allem auch die Finger betroffen und, was neu ist, die Finger beider Hände. Nicht mehr nur links.
Vor ein paar Jahren habe ich noch gesagt: "Wenns irgendwann auf rechts übergeht und dann alles weh tut, dann will ich nicht mehr sein."
Aber nu ja. Das sagt sich alles "leicht". Natürlich denke ich nicht dran. Aber es ist.. nicht so einfach im Moment - und nun mit zwei verklebten Händen und der Mahnung: "Finger ruhen lassen" auch nicht grad besser. Wenigstens aber will ich mir selber nicht vorwerfen müssen, dass ich nicht alles mögliche versucht hätte.
"Alle Finger kann ich aber auch nicht abkleben", hieß es heute - also haben wir uns nur auf die schmerzhaftesten beschränkt. Links zwei, rechts zwei.
Die junge Apothekerin heute Abend hat mich alles mögliche ausgefragt und dann gemeint, sie wolle mich nicht verrückt machen mit ihren Gedanken an mögliche Ursachen.
Ich habe müde gelächelt: "Glauben Sie mir, in zwölf Jahren denkt man so vieles, da schockt mich, ehrlich gesagt, nichts mehr."

Und weil ich die Finger jetzt erst mal schonen soll, ziehe ich mich nun wieder in die "Wortlosigkeit" zurück und harre der guten Dinge, die da hoffentlich kommen werden. Es gibt ja auch ohne diesen Scheiß grad genug zu bewältigen.

Sonntag, 12. März 2017

Girl Sitting On A Rock

Bildquelle: https://www.splitshire.com/girl-sitting-rock/

Die Herzleistung liegt bei 15 Prozent.
Der Sauerstoffgehalt im Blut liegt bei 50 Prozent.
Es bedarf dringend einer neuen Herzklappe, denn die alte schafft es nicht mehr.
Und das Herz schafft es nicht mehr, das Blut aus der Herzkammer herauszupumpen. Warten auf den nächsten freien Platz im Herzzentrum.
"Natürlich mach ich mir Gedanken, aber ich versuch nach vorne zu schauen", sagt die Mama tapfer.

Das Foto heute mit Pulli, Jeans und Socken des Jungen - deutlich blutverschmiert: "Bekommt man das wieder raus?"
Mir rutscht das Herz sonstwohin. Ja, da ist jemand auf den anderen losgegangen, doch mein Junge ist unversehrt, er hat davon auch nichts mitbekommen, aber seinen Freund gefunden und die Polizei gerufen.
Aufatmen zunächst, auch wenn ich Anteil nehme an dem, was seinem Freund passiert ist und der nun im Klinikum liegt mit Kieferbruch.

All das Negative der letzten Tage, Wochen, Monate, das ich sowieso nicht beeinflussen kann, schiebe ich heute Nachmittag von mir weg. Okay, ich versuche es. Ich lerne zu akzeptieren, Menschen, Meinungen, Ansichten, auch wenn ich mich wundere oder es mich tief verletzt. Irgendwie nimmt man aus allem etwas mit, auch aus diesem Negativen: Ich lerne für mich selbst.
Laufe nicht mehr gegen Mauern und versuche auch keine Argumente mehr zu hinterfragen, die auf fragwürdigem Boden stehen. Erinnere mich wieder, warum es mir immer so schwer fiel, überhaupt um Hilfe zu bitten oder diese anzunehmen. Dann doch es lieber immer aus eigener Kraft schaffen oder eben auch nicht, dann versucht man es eben anders.

Ziehe mich zurück, vergrabe mich in der Musik und lasse kaum noch etwas an mich heran.
Beschäftige mich mit mir, meinen Gedanken, die um den Vater, die um die Söhne, die um mein Leben - und frage mich, ob das, was ich derzeit tue, das ist, was ich überhaupt immer wollte.
Ob ich nicht doch lieber etwas Soziales hätte machen sollen. Ein starker Mensch kann und wird immer für sich selbst eintreten können. Ein schwacher kann das nicht immer, nicht immer aus eigener Kraft - und ist deswegen trotzdem "nicht weniger wert" als andere. Und vielleicht hätte das einfach besser zu mir gepasst. Um einfach auch wieder zu erfahren, wofür man sich einsetzt, für wen man es tut und dass Hilfe und Unterstützung auch da ankommen, wo es wirklich gebraucht wird.




Donnerstag, 9. März 2017

Es recht zu machen jedermann



...ist eine Kunst, die niemand kann.
Ich habs auch nie versucht, glaube ich, jedenfalls nicht bewusst. Früher vielleicht. Als ich noch anders war und glaubte, ich könnte nur dann geliebt werden, wenn ich ausreichend dafür getan hätte.
Früher wollte ich vor allem glücklich machen, heute will ich selber aber auch glücklich sein.
Damit erhebe ich nicht irgendwelche Ansprüche an das Leben, das Umfeld und die Menschen, die ich liebe. Vor allem tu ich selber etwas dafür. Es ist nur... irgendwie... ich weiß nicht, wie ich es nennen soll... Es ist irgendwie sonderbar, dass Menschen in meinem Umfeld nicht sehen, was sie bekommen, sie dafür aber sehr wohl sehen, was sie nicht haben.

So kommt es, dass man sich an whatsapp-Nachrichten hochzieht, die nur zum Teil von mir beantwortet worden waren. Und trete ich nach einer schlaflosen Nacht in der Firma durch die Tür, werde ich zum persönlichen Gespräch gebeten, in dem mir serviert wird, dass ich wie alle anderen nur an mich denke, nur auf meinen eigenen Vorteil bedacht bin, dass ich verantwortungslos sei und jeden in der Firma mit meiner miesen Stimmung herunterziehen würde. Dass ich ja mit niemandem mehr sprechen würde - und dass ich bitte rechtzeitig bekannt geben möge, wenn ich vorhätte, die Kündigung einzureichen - damit man zeitig genug wisse, worauf man sich einstellen müsse.
Nun ja. Miese Stimmung also. Wenn eines richtig ist, dann das, dass ich derzeit nicht ausgelassen und fröhlich durch die Räume springe. Ich glaube auch nicht, dass ich das muss. Nicht nur nicht, weil es nicht in meinem Arbeitsvertrag verankert ist. Sondern auch, weil mir mein reales Leben gerade ganz gehörig um die Ohren fliegt, der Schmerzschub einfach kein Ende nehmen will, der eine Sohn die Kündigung erhalten hat und der andere an einer Prüfung scheiterte, die er nun in vierzehn Tagen wiederholen muss, der Vater mit Blaulicht in die Klinik gebracht wurde und die Mama am Telefon mit den Tränen kämpft, während mir diese sofort aus den Augen springen.

"Du hast ganz schön abgenommen, stimmts?" fragt heute eine Kollegin. "Und du denkst, du kannst weite Klamotten anziehen und das damit verbergen."

Ich weiß nicht, ob ich die paar Kilos weniger verbergen wollte. Aber wenn ich eines nicht zeigen möchte, dann das, wie es mir tatsächlich gerade geht oder wie ich mich fühle. Ich wüsste auch nicht, wozu das gut sein sollte. Nicht nur, weil mich sowieso niemand danach fragt und sich auch niemand dafür interessiert.
Mir ist das Home Office-Modell angeboten worden, als ich im Januar 2014 meinem Chef sagte, dass ich die Kündigung zum 1. September einreichen würde - und ihm ganz weit über meine Kündigungsfrist hinaus damit Gelegenheit gab, Ersatz für mich zu finden. Den er nicht wollte - und mir daraufhin eben dieses Modell anbot. Mit zweimal zwei Tagen Anwesenheit je Monat vor Ort. Dass mir das mittlerweile regelmäßig vorgehalten würde, habe ich nie erwartet.
"Ich habe dir den Weg nach M geebnet."
"Moment. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich die Kündigung einreichen wollen, da war an Home Office überhaupt nicht zu denken. Ich wäre also in jedem Fall gegangen, so oder so."
"Es richtet sich auch immer nach dir, wann du herkommst, zum Beispiel wegen dem Geburtstag deines Sohnes."
Er hat einmal im Jahr Geburtstag, ich wusste nicht, dass das ein Problem ist. Okay, ich habe zwei Söhne - also zweimal im Jahr äußere ich diese Bitte. Habe ich aber im Gegenzug je beklagt, wie oft ich an Wochenenden und auch Feiertagen unterwegs war, nur weil es nicht anders in den Kalender des Chefs passte?
"Du ziehst jeden runter mit deiner schlechten Laune."
Wie gesagt. Ich springe derzeit nicht fröhlich durch die Räume, aber niemandem gegenüber vergreife ich mich in Ton oder Wort, bin da, höre zu, versuche zu lösen, zu regeln, lächle, bin höflich, freundlich - ich rede nur nicht über meine Sorgen und Probleme und nach herzhaftem Lachen ist mir gerade nicht wirklich. Wenn das schlechte Laune ist, dann möchte ich mal wissen, was echte schlechte Laune ist. Wobei - nein, das weiß ich doch, ich bekomm es ja oft genug zu spüren. Beruflich wie privat.

Manchmal denke ich, ich zerreiße mich ständig zwischen den Welten in L und M und meiner Liebe und Verantwortung für die Söhne - und finde dabei interessant, dass sich mein Umfeld beklagt, nicht ich mich.
Über mein Auftreten in der Firma.
Über zum Beispiel die nur halb beantwortete whatsapp-Nachricht.
Ich undankbare, egoistische, schlecht gelaunte Zumutung. Ich sollte wirklich dankbar sein, wenn man es mit so jemandem wie mir länger als drei Tage aushalten will.
Ihr könnt mich alle mal, aber sowas von.

Darauf trinke ich gleich auch einen. Aber erst rufe ich meinen Vater an, um zu hören, wie es ihm geht.

P. S. Ja ich weiß, mein Blog las sich mal wesentlich entspannter und fröhlicher. Kann ich jetzt aber auch nix für. Man muss ihn ja nicht lesen.


Dienstag, 7. März 2017

Polizeiruf 110


Ich war müde gestern Morgen, als ich mich auf den Weg machte. Im Grunde fahr ich gerne Auto, sehr gern sogar. Es gibt kaum einen anderen Ort, an dem ich so mit mir selber bin wie da. Nur die Musik und ich. Na ja und all die anderen Autofahrer. Da kann man schon mal einem Herzinfarkt erliegen, wenn urplötzlich vor dir jemand die Spur wechselt - ohne Blinken, versteht sich.
Oder man selber mit 180, 190 kmh in der dritten Spur unterwegs ist, vor dir jemand, neben dir jemand und trotzdem kommt da jemand angekachelt und will dich mittels Lichthupe und dichtem Auffahren am liebsten von der Straße schubsen. Da frage ich mich auch manchmal: Sehen die nicht, dass die Straße nicht frei ist - weder vor mir noch neben mir?
Es hat auch schon jemanden gegeben, der mich mehrmals fotografierte, weil ich erst von links nach rechts, dann eine Weile geradeaus und dann doch wieder nach links fuhr - und er offenbar der Meinung war, ich hätte ihn rechts überholt. Er hielt sich daraufhin hartnäckig und recht nah an meinem Heck, vermutlich nur, um zu demonstrieren, dass er mich jetzt mindestens fünfmal fotografiert hatte. Na gut, nicht mich. Mein Auto. Beeindruckt hat er mich damit nicht. Fahrspuren sind dazu da, dass man sie auch wechselt, anstatt sich notorisch links zu halten.

Gestern Morgen nun war ich müde, die Autobahnen voll und ich etwas angespannt. Der anhaltende Schneeregen tat sein übriges, spätestens beim Aquaplaning war ich hellwach.
Drei Stunden später, drei Spuren, die Geschwindigkeit freigegeben, ich links, der Tacho zeigte knapp über 180 kmh. Es hatte aufgehört zu regnen, das Thermometer zeigte fünf Grad (und ich noch im Frühlingsmodus nach den wunderbar milden Temperaturen vom Wochenende) und dann sah ich ihn. Den alten Mann.
Er stand da, an der Mittelleitplanke, nicht dahinter, sondern davor, mitten an der Fahrbahn. Nur eben... in der Mitte. Links. Nicht am rechten Rand. Er stand da in seinem rostroten Pullover, ohne Jacke, das graue Haar wirr und in der Hand hielt er eine zusammengeknüllte weiße Plastiktüte, die augenscheinlich leer war.
Nur ein Schritt noch hat gefehlt.
Und dann war ich schon vorbei.
Griff mit zitternden Händen nach dem Telefon und wählte die 110. Spätestens in diesem Moment war ich dankbar für kurze knappe Notrufnummern, die einem von Kindesbeinen an in Fleisch und Blut übergegangen sind.

Noch am Abend haben mir die Hände gezittert und habe ich das Internet rauf und runter gesucht in der Hoffnung, einen Hinweis zu finden, dass man den alten Herrn rechtzeitig und wohlbehalten von der Fahrbahn geholt hatte. Weil ich nichts fand außer den Hinweis, dass man an der entsprechenden Stelle zur entsprechenden Uhrzeit "alle Fahrbahnen geräumt" hätte, gehe ich davon aus, dass man den alten Herrn heil in Sicherheit gebracht hatte.
Wie kam er überhaupt da hin? Was machte er dort? Es sind keine Ortschaften dort in der Nähe.
Wie hatte er es überhaupt "heil" bis in die Mitte gebracht - und wo wollte er überhaupt hin?
Und ich habe darüber nachgedacht, warum mich das so nachhaltig geschockt hatte. Wo doch alles gut gegangen war. Auch wenn nur noch ein Schritt gefehlt hatte. Ein einziger Schritt. Ein knapper Meter, der darüber entscheidet, ob ein Leben jetzt und hier endet..

Jetzt mit ein paar Stunden Abstand denke ich, mein Schockzustand hing wohl eher mit jener  Nacht vor Jahren zusammen, als ich schon einmal mit zitternden Händen die 110 wählte. Pandoras Box hatte sich wieder geöffnet, doch mit zwei kleinen Reststücken des halb vertrockneten Geburtstagskuchens konnte ich sie gestern Abend dann auch wieder schließen.

Ich sollte öfter etwas Schokoladenkuchen im Haus haben.

Freitag, 3. März 2017

Wenn der Topf aber nun ein Loch hat

...lieber Heinrich, was dann?

Bildquelle: http://ooshadowangeloo.over-blog.de/pages/Gedichte_Gedanken_Zitate_und_Inspirationen-5971828.html

Gestern las ich bei Anna über das Perpetuum Mobile. Und meint in ihrem Sinne nicht die physikalischen Eigenschaften eines Geräts, sondern die ähnlich gearteten Eigenschaften einer/s Alleinerziehenden. Und sie hat Fragen gestellt. Fragen, die ich für mich auch beantworten kann, selbst wenn ich seit 2 1/2 Jahren nicht mehr mit meinen Söhnen zusammen wohne.
Vielleicht, weil ich mich manchmal bzw. aktuell immer noch so fühle, vielleicht aber auch, weil mir diese Zeit noch wesentlich näher ist als der Kalender das wiedergibt.

was motiviert euch?
Der Gedanke, dass nicht alles Lernen und Kämpfen für umsonst gewesen sein soll. Dass ich den Traum von einem guten, schönen Leben für meine Kinder und mich habe - und diesen auch umsetzen, leben möchte. Und weil sich das nicht von allein so ergibt, muss ich auch etwas dafür tun. Ich glaub, das habe ich auch immer.

woher holt ihr euch energie?
Aus der Musik. Kann ich nur immer und immer wieder sagen. Und aus schönen Dingen, mit denen ich mich umgebe. Aber auch aus "innerlich schönen" Menschen, aus denen, die mir gut tun.
Mehr und mehr habe ich gelernt, mich von Dingen und Menschen zu trennen, die meine Energie zerfressen oder bei denen ich das Gefühl habe, benutzt zu werden.
Schlussstriche zieht man halt nicht mit dem Bleistift.

wann hat euch das letzte mal jemand umarmt?
Das glaubt mir vermutlich kein Mensch, aber das passiert mir wirklich eher selten. Wenn ich das von mir aus nicht mache, ist das tatsächlich sehr selten. Also jetzt mal von Begrüßungsgedöns abgesehen. Jemand hat vor Jahren mal zu mir gesagt "Du umarmst mich immer so herzlich, ich kenne das gar nicht." Aber ich gebe zu, ich bin sehr sparsam damit geworden.
Von sich aus umarmt mich am meisten mein Jüngster. Das hat er schon als Kind sehr gerne gemacht und macht er auch heute noch. Ich glaub, der mag mich wirklich ;)

oder gelobt?
Auch das wird mir jetzt keiner glauben, aber das kommt ebenso selten vor. Im Allgemeinen ist das aber auch kein Problem für mich. Ich kann mit Lob bzw. Komplimenten eh nicht gut umgehen. Die positiven glaube ich sowieso nicht, und wenn ich das Gefühl hab, ein Kompliment ist ernst gemeint, dann albere ich herum und lenke von der Situation und damit von mir ab.
Vielleicht liegt das auch an meiner nordischen Mentalität, wir aus dem Norden haben das schon von Haus aus nicht so damit.

euch bestätigung in eurem tun gegeben?
Bestätigung... Die bekomme ich eher in den Gesprächen mit der Therapeutin meines Jungen, die auch mal meine war. Wenn sie mir sagt, dass ich tatsächlich nicht alles komplett falsch gemacht habe oder alles komplett falsch sehe, wie mir das gerne von einigen in meinem Umfeld beigebracht wird.
"Lassen Sie sich nicht verunsichern, niemand steckt in Ihrem Leben", hat sie noch im Dezember zu mir gesagt.

wer oder was gibt euch energie, die nicht aus euch selbst kommt?
und:
seid ihr auch manchmal so müde, wie ich es bin?
Bislang schaffe ich es immer noch, mich selber zu motivieren, auch wenn ich nach einem (erneuten) Tritt in die Kniekehlen immer mal durchhänge. Und mit der Motivation kommt dann auch die Energie, denn siehe eingangs: Von allein kommt gar nichts, geschenkt bekommt man nichts (und wenn doch, wirds einem viel zu oft vorgerechnet; da kann mans dann auch lassen).
Müde? Oh ja! Besonders deutlich zu sehen auf vielen meiner früheren Fotos. Da sehe ich so unfassbar müde aus, als hätte ich mein eigentlich erklärtes Ziel, 104 Jahre alt werden zu wollen, schon erreicht.


Ich bin auch kein Perpetuum Mobile. Aber ich hab nach dem Beantworten der Fragen irgendwie das Gefühl, als würde ich ständig aus meinem Topf der Zuversicht, des Optimismus' und der Lebensfreude schöpfen und zugleich aber zu wenig darauf achten, dass dieser Topf auch gut gefüllt bleibt. Dann müsste ich mich eigentlich auch nicht wundern, wenn dieser mal leer ist und erschöpft.
Danke Anna, dass Du mich hier auf was ganz Elementares aufmerksam gemacht hast.

Donnerstag, 2. März 2017

Eine Nummer zu groß - Deogarh, Tag 12








In Indien kann man sich daran gewöhnen, dass man für eine Strecke von rund 120 Kilometern mindestens zwei Stunden mit einem Auto unterwegs ist. Gemessen an den vergangenen Tagen, an denen wir auch mal vier oder sechs Stunden unterwegs sind, finde ich das einen Klacks.
Aber ich beginne zu verstehen, warum der eine oder andere Inder davon träumt, mal in Europa über Autobahnen ohne Geschwindigkeitsbegrenzungen düsen zu dürfen.

In einer ehemaligen Palastanlage eines Maharadschas, dem Deogarh Mahal, beziehen wir ein Zimmer, das mir spontan gut gefällt. Herrn Blau weniger, und ich glaube, er ist fast erleichtert, dass die dortige Klimaanlage keine kalte Luft, dafür aber ein ungutes elektrisches Zischen und einen verdächtigen Geruch nach Kabelbrand von sich gibt. Was für uns bedeutet: umziehen in ein anderes Gemach. Ich schreibe bewusst "Gemach", denn was sie uns als Entschädigung anbieten, ist das ehemalige Schlafzimmer jenes Maharadschas. Und mir ist das viel zu groß. Ich fühle mich darin absolut verloren und mit diesen komischen kleinen Viechern, die laufen wie Echsen, aber Flügel haben und entsprechend durch die Luft flattern, erst recht nicht wohl. Das ist wie Mäuse oder Spinnen im Zimmer haben: Kriege ich raus, das Getier im Zimmer mithockt oder rumflitzt, gebe ich so lange keine Ruhe, bis das vor die Tür gesetzt wurde. Natürlich von Herrn Blau, nicht von mir, das ist ja klar.
Da bin ich ganz Mädchen!
So wie ich auch darauf bestehe, dass in der Nacht ein kleines Lämpchen brennen bleiben muss.
Erstens muss ich doch sehen, ob da noch so ein Tier gerannt oder geflogen kommt - und das kleine Nachtlicht hilft mir, mich nicht mehr ganz so verloren zu fühlen.

An diesem Nachmittag suchen wir uns in der Stadt, die etwa um die 700 Einwohner zählt (was in Indien vermutlich auch unter "Kleindorf" fallen dürfte), lediglich einen Stand mit Obst und Wasser. Melonen oder Pfirsiche oder so was in der Art suche ich allerdings vergeblich. Das Angebot beschränkt sich in mehr oder weniger allen Orten auf Äpfel, Bananen in Hülle und Fülle. Mit Glück kann man mal eine Melone oder eine Ananas oder auch Mandarinen erhaschen, aber wie gesagt: mit Glück.
"Wir verkaufen, was wir gerade ernten können", erklärt uns ein Inder und mich erinnert das an ganz früher, an meine Kindheit in der DDR. An die endlosen Auslagen mit den übergroßen Holzkisten, in denen lose die geernteten Äpfel und Birnen lagen. Und Kohl, Weißkohl. Im Sommer gabs noch Erdbeeren und Kirschen für die, die schnell genug waren und keinen eigenen Garten hatten, das wars dann.
Apfelsinen und Bananen gab es oft nur zu Weihnachten und dann ewig lange Schlangen am Obst- und Gemüsestand und rationierte Zuteilung. Gibt's ja auch genug Witze drüber ;) Tatsächlich aber finde ich schon bemerkenswert, dass wir früher im Osten weitaus weniger mit Allergien zu tun hatten. Weiß grad gar nicht, wie ich auf diese Assoziation komme.
An die frühe Zeit im Osten denke ich auch, wenn ich die Kinder in Indien sehe. Gerade am frühen Abend, als wir uns noch mal auf den Weg machen, eine Tempelanlage zu besuchen, sehen wir sie mit ihren Eltern auf den Feldern, Tomaten pflücken oder gießen oder einfach mit Freunden spielen. Und ich denke daran, wie das früher bei uns war und wie genügsam wir damals waren. Wie wir in der Modder spielten oder Räuber und Gendarm mit abgebrochenen Zweigen. Heute gibst Du Deinen Kindern ein Ersatz-Smartphone, weil das eigentliche in der Reparatur ist - und dann beklagen sie sich noch, weil der Ersatz ein viel zu kleines Display hat und sie "nicht richtig" spielen können :)
Dieses ausgelassene, unbedarfte Herumtoben fehlt mir heutzutage irgendwie im Gegensatz zu den Knirpsen, die noch im Sportwagen sitzen und schon mit Handy oder Tablet spielen und genau wissen, was sie wo drücken müssen. Auch wenn ich es andererseits wiederum gut finde, dass Kinder heutzutage die Möglichkeit haben, mit Computer & Co. aufzuwachsen, sich das verinnerlichen und das für später dann kein Problem mehr ist. Immerhin geht ja in der heutigen digitalen Welt kaum noch was analog.
Aber ich schweife schon wieder ab.

Pause jedenfalls machen wir auf unserem Weg an einem versteckt wirkenden Tempel, äußerlich gar nicht als solcher erkennbar; er wirkt eher wie eine Höhle, die in einen Fels geschlagen wurde. Es ist entsprechend duster darin. Und als der Inder eine Taschenlampe einschaltet, entdecke ich mein persönliches Grauen: die Decke über mir voller Fledermäuse, so weit das Auge reicht.
In meiner Phantasie, die tatsächlich grenzenlos sein kann, wenn sie will, tummeln sich innerhalb von Sekunden mehrere dieser Tierchen auf meiner Haarpracht, die ich an diesem Abend auch nicht zusammengebunden habe. Außerdem darf man jeden Tempel nur barfuß betreten, auch diesen hier - und gibt es für eine Frau ein größeres Grauen als Achtbeiner??
"Sorry, I have to leave!" und da bin ich auch weder umzustimmen noch aufzuhalten.
Mir doch egal, dass irgendwo tiefer drinnen in einer Schlucht noch eine Guru-Schlafstätte zu besichtigen wäre. Was interessiert mich, wo da jemand in die Decken pupst?? Und ganz echt mal: In Indien kann dir im Grunde jeder als Guru angepriesen werden und du als Tourist weißt sowieso nicht, ist das nun ein "echter" oder nicht.
Da warte ich lieber draußen in der Abendsonne, genieße die letzten Sonnenstrahlen - und offenbar sind wir inzwischen weit genug weg von der Wüste: Ist die Sonne weg, wird es spürbar kühler. So kühl, dass wir auf der Rückfahrt im offenen Jeep sogar frösteln. Dafür sehe ich zum ersten Mal in meinem Leben echte Flughunde aus relativer Nähe, die im Schwarm über uns hinwegziehen.
Die machen mir keine Angst - aber die sind auch hoch genug bzw. weit genug weg von mir ;)

Und hier ist auch dieser See, an dem wir auf eine unfassbar ruhige Wasseroberfläche schauen, tatsächlich zuschauen können, wie die Sonne untergeht, während Herr Blau sich Masala-Tee und ich mir meinen obligatorischen Kaffee genehmige, ich Kulturbanause.
Es ist ein so herrlicher Ort der Stille und Ruhe, dass wir stundenlang so da sitzen und einfach nur nichts tun könnten. Nicht reden, dafür schweigen, den eigenen Gedanken nachhängen und spüren, wie auch tief in uns drinnen alles zur Ruhe kommt. Hier denke und fühle ich nichts mehr außer dieser wunderbaren Stille und Ruhe in mir und um mich.
Bis wir mit einem recht jungen Inder ins Gespräch geraten und uns angeregt unterhalten. Einmal mehr stelle ich begeistert fest, dass ich tatsächlich englisch reden kann, wenn ich einmal meine Scheu abgelegt hab. Da kann ich beinah ins Erzählen geraten...
"Ah, you are divorced?" fragt er überrascht nach und während ich nach einer Erklärung suche von wegen viel zu früh geheiratet oder sowas, winkt Herr Blau ab und sagt auf deutsch zu mir: "Das ist hier auch nicht anders."
Des Inders Blicke wechseln zwischen Herrn Blau und mir, eher nur erstaunt und fragend, trotzdem: Irgendwie fühle ich mich mit einem Mal total unwohl und ich schaue weg und sage ebenfalls auf deutsch zu Herrn Blau: "Ich sollte einfach überhaupt nichts über uns erzählen." - "Ja besser ist das."