Dienstag, 18. April 2017

Blue Monday

Der Tag fing schon irgendwie komisch an. Nicht nur weit vor der Zeit erwacht - ich war mir zunächst auch nicht sicher: "Wo bin ich? Welcher Tag ist heute? Hab ich heut noch frei?"
Äh... Ne! Leider nicht.
Trotzdem noch mal die Decke bis an die Ohren ziehen und die Augen schließen.
"Noch fünf Minuten!"
Herr Blau musste mich dann wecken und auch den Kaffee kochen, den er normalerweise immer von mir serviert bekommt. Also jedenfalls wochentags.
Der Blick aus dem Fenster... och ne oder?!
War angekündigt, trotzdem hatte ich gehofft, dieses Schietwetter würde einen Bogen um uns machen. Einen möglichst richtig großen Bogen! Aber neeee....


Kaum vorstellbar, dass man vor ein paar Tagen noch im T-Shirt draußen geschwitzt hat. Ja, im T-Shirt!
Er hat sie dann von der Terrasse gerettet, der Herr Blume die Blauen. Ach ne, andersrum - der Herr Blau die Blumen.
"Musst du heut nicht arbeiten?" fragte er dann, bevor er ging und ich schaute entspannt auf die Uhr.
"Ja, aber erst ab acht und es ist erst halb."
Um 8.20 Uhr fiel mir dann ein, dass es da ja noch ein Diensttelefon einzuschalten gab. Die ersten Anrufe waren dann auch schon aufgelaufen von Kollegen, die glaubten, ich sei im verlängerten Osterurlaub. Wäre mein gesamtes Urlaubstagekontingent nicht schon arg verplant - ich hätte dann wohl doch noch ein paar Tage drangehangen. Tat gut irgendwie, diese lässige Pause von vier Tagen, an denen man zu nix verpflichtet war. Ich befand mich noch eine Stunde nach dem Aufstehen in dem Modus, der unlängst im Web beschrieben wurde mit "In mir schlummert ein Tier. Ein Faultier."
Angesichts dieser slow motion hätte ich mich ja gerne so hier auf Trab gebracht:

Bildquelle: https://www.facebook.com/photo.php?fbid=1241889025924166&set=a.166168533496226.34860.100003092423253&type=3&theater

Es war dann aber eher das lahmarschige Netzwerk, das mich in Nullkommanix bis an den Rand des Erträglichen brachte, so dass ich mich nur mit Müh und Not selber davon abhalten konnte, Laptop, Maus & Co. über die Brüstung zu werfen - und das nervige, permanent klingende Diensttelefon gleich hinterher. Da denkt man, die Allgemeinheit ist noch im verlängerten Ostermodus - Scheißchen! Jeder will was, alles muss gleich - und nix geht bei diesem verdammten Drecksnetzwerk, das mich, wenn es ihm zuviel wird, auch mal gleich ganz rausschmeißt und mir dann irgendwas von Tunnelfehlern erzählen will. Pfffff!
Innerlich gar gekocht war ich dann aber beim Einwählen in das Kundencenter der Telekom.
Ich hab mich ja früher schon über diese pinken No-Gos aufgeregt, aber heute fühlte ich mich einmal mehr bestätigt darin, dass mir privat DIESE Leute nie niemals nicht ins Haus kommen. Da eher schreibe ich lieber wieder Briefe oder rufe auch sogar mal an (was jeder, der mich kennt, weiß, tatsächlich was zu bedeuten hat - denn Telefonieren mag ich so gar nicht).
Nicht nur, dass die seit rund 3 Jahren unfähig (oder unwillig) sind, eine E-Mail-Adresse zu akzeptieren, wohin man sich die Rechnungen schicken lassen kann - nein, man muss sich partout in diese blöde Kundencenter einwählen - und die Rechnung durfte ich online nicht anschauen - dank Ad Blocker, mir aber auch nicht ungesehen herunterladen, ohne meinen Ad-Blocker temporär zu deaktivieren.
Inzwischen klingelte die Mittagsuhr (also der Bauch) - und ich durfte feststellen, dass das vier Tage alte Brot sich über Nacht fröhlich ein paar grüne und weiße Blumen hatte stehen lassen.
Na toll! Zumal es sich hier um das allerletzte zu beißen im Hause blaues Ziggenheim handelte. Sieht man von etlichen Puddingbechern ab - aber davon kannste ja jetzt auch nicht satt werden! Ganz toll dann auch, in genau diese Stimmungsphase ein lecker Foto vom Mann zu bekommen und dem mit noch fröhlicheren Smileys unterlegten "Mahlzeit!"
Nun war mir alles egal - ich habe den Kühlschrank geplündert, was auch immer der noch hergab. Ein etwaiger Kalorienzähler wäre an dieser Stelle vermutlich explodiert, mir aber auch grad sowas von scheißegal - Hauptsache, die Synapsen beruhigten sich wieder.

Und siehe da: Der erste Schnee des Morgens taute wieder, das Netzwerk hatte sich auch eingekriegt und der Junge hatte vermeldet, dass er trotz Schneechaos und Blitzeis gut wieder zu Hause angekommen war. Ist vielleicht doch nicht alles blöd am Montag!


Sonntag, 16. April 2017

Von Milchkaffee in der Sonne, Raviolis und Frieden für alle








Viel zu oft vorgenommen und viel zu wenig gemacht: Städtetouren.
Angesichts der bevorstehenden freien Tage ein Länderticket gebucht und diesmal fiel die Auswahl auf Augsburg. Viel gehört, einiges gelesen - eine sehenswerte Stadt soll es sein - und davon wollten wir uns dann selbst überzeugen.

Was hat mich nun am nachhaltigsten beeindruckt? 
Der Dom Mariä Heimsuchung.
Ich bin weder ein Kirchgänger noch bin ich auch nur irgendeinem offiziellen Glauben anhängig.
Der Mann auch nicht - aber ihn faszinieren die Bauten.
Ich bin durch das Tor getreten und es ist schwierig zu beschreiben, was das in mir auslöste.
Da war eine Aura, die nur sehr schwer in Worte zu fassen ist.
Eine Aura, die mich still und zugleich so wunderbar ruhig fühlen ließ.
Den Blick nach vorn auf das bunte Ornamentfenster gerichtet, blieb ich stehen, es ist wirklich nicht so einfach zu beschreiben, aber da... war einfach etwas. Um mich herum, auf mir.
Ich wandte den Kopf nach rechts und da stand er immer noch, der alte Mann, der Bettler mit dem Becher in der Hand, draußen vor der Tür, und er schaute auch mich an. Machte ein, zwei Schritte, als wolle er auf mich zugehen. Natürlich ist mir bewusst, dass er lediglich in meiner Körpersprache erkannte: Da gibt es was. Mir sind ebenso all die Tatsachen über Bettlermafia bekannt.
Dennoch nahm ich all meine letzten Münzen, ging zurück vor das Tor und legte sie ihm in den Becher. Er lächelte freundlich aus braunen kleinen Augen.
Hernach war er fort.
"Warum machst du sowas?" kopfschüttelte der Mann, "kann man dich nicht mal einen Moment aus den Augen lassen? Du weißt doch, dass das alles Mafia ist."
"Ich weiß", lächelte ich ihn an und irgendwie.. war da einfach so eine.. unfassbare, zugleich aber wunderbare Ruhe in mir.
"Und warum machst du es dann? Warum die Mafia noch reicher machen?"
"Es war ein alter Mann, vielleicht Mafia, vielleicht aber auch nicht."
"Siehst du, der ist jetzt weg. Geld zählen vermutlich."
"Vielleicht, vielleicht aber auch nicht."
"Oder der ist jetzt in Ruhe frühstücken gegangen von deinem Geld."
"Ja, vielleicht, aber das wäre ja dann auch das Richtige."

Was hat mir am meisten gefallen?
Das "Barfüßer Café", das sich völlig unauffällig im Hinterhof einer Häuserzeile befindet und nur entdeckt werden kann, wenn man genauer hinschaut.
Ich liebe Cafés mit selbstgemalten Bildern, die dort überall an weißgetünchten Wänden hingen, und Tulpen auf den Tischen.
Wenn sie jetzt noch selbstgebackenen statt industriell gefertigten Kuchen anbieten würden, wäre dieses Kleinod kaum übertrefflich.

Was hat mich am meisten bewegt?
Der Ostermarsch mit dem Transparent "Frieden für alle und für immer". Überhaupt hörte man in den letzten Jahren deutlich weniger von Ostermärschen, von Friedensbewegungen - und dabei ist dieses Thema in dieser Zeit bedeutsamer als je zuvor.

Was ist mir eher unangenehm aufgefallen?
Die Blicke anderer Menschen. Sie haben mich verunsichert und mich fragen lassen, ob möglicherweise das Kleid zu kurz war. Wenn es nicht verrutscht (worauf ich eigentlich immer achte, dass das nicht passiert), endet es normalerweise kurz über dem Knie - und dann wieder dachte ich... Ich lebe in Europa, den Minirock (oder eben das kurze Kleid) gibt es seit rund 90 Jahren - und eigentlich möchte ich mich das nicht fragen müssen. Auch dann nicht, wenn es überwiegend Menschen anderer Kulturen waren, die mich musterten.
Als wir in Indien unterwegs waren, trug ich entweder bodenlange Röcke oder lange Hosen - aus Respekt vor der dortigen Kultur.
Ich möchte, dass man unsere hier in Europa genauso akzeptiert, dass man uns Europäer akzeptiert und nicht, wie auch im Post von Nila dargestellt, als Ungläubige empfindet, die keinen Respekt verdienen.

Was hat mich am meisten überrascht?
Der Stadtmarkt zwischen Fuggerstraße und Ernst-Reuter-Platz. Eher auf der Suche nach einer Lokalität um die Mittagszeit, fanden wir diesen Markt beim Herumstreifen in der City - und waren überrascht von der Vielfalt und den vor allem überall freundlichen, redseligen Menschen. Man begegnet einander freundlich, höflich, hilfsbereit ("Sie schauen so suchend, wo wollen Sie denn hin, kann ich Ihnen helfen?"), das Essen (Steinpilzravioli) war ausgesprochen lecker und die Johannisbeerschorle mit deutlich mehr Saft und weniger Wasser als man das beispielsweise hier in M serviert bekommt.

Als wir am Nachmittag mit der Bahn wieder heimfuhren, lehnte ich den Kopf an die Schulter des Mannes und schloss die Augen. Ich fühlte mich leichter, gelöster - und auf entspannte Art müde.
Dieser Tag hatte mir gut getan, so insgesamt.
Aber ich bin gerade nicht sicher, ob ich als Frau noch allein verreisen möchte.
Möglicherweise aber verreise ich im Moment auch sowieso viel zu selten.
Möglicherweise sollten wir das einfach wieder viel öfter tun.

Freitag, 14. April 2017

"Überall", flüsterte sie, "überall."

Bildquelle: http://www.imgrum.org/media/1301889646090928760_284178080



Bevor ich selber Kinder bekam, gehörte ich so gar nicht zu den Menschen, die verklärt und verzückt auf Babies und überhaupt Kinder reagierten. Im Gegenteil: Ich konnte mit ihnen gar nichts anfangen.
Legte man mir ein fremdes Kind in den Arm, reagierte ich eher mit Panik: "Nehmt es mir bloß wieder ab, bevor ich was kaputtmache."
Ich hatte so gar keine Idee, so gar kein Gespür dafür, was ich mit einem Baby, mit einem Kleinkind anfangen sollte.

Meine Kinder, meine Söhne haben mich über die Jahre eine Liebe gelehrt, die ich bis dahin nie gekannt hatte: tiefe, bedingungslose Liebe. Heute empfinde ich sie mehr denn je als einen Teil von mir, untrennbar, unlösbar - und wenn sonst nichts mehr geht, für sie geht es.
Der Älteste war von Beginn an mein eigenes Abziehbildchen: verträumt, verklärt, ein Seelchen, das alles hinterfragte, alles wissen wollte und so lange keine Ruhe gab, bis er all seine Fragen beantwortet fand.
Als er anfing, abends auszugehen, lag ich die ersten Nächte so lange wach, bis ich erleichtert das Drehen des Schlüssels im Türschloss vernahm.
Als er den Führerschein erwarb und sein erstes Auto kaufte, lief ich die ersten Wochen immer so lange unruhig durch die Wohnung, bis ich erleichtert das Drehen des Schlüssels im Türschloss vernahm.
Der Jüngere war ein Sonnenscheinchen, meist friedlich, meist selig und er hat viel gelacht.
Wenn ich weiß, dass er ausgeht, ertappe ich mich oft dabei, dass ich nachts oder gleich morgens in whatsapp schaue, wann er zuletzt online war - und sinke erleichtert in die Kissen zurück.
Auch er besitzt jetzt einen Führerschein und sucht sich derzeit rauf und runter, welches sein erstes Fahrzeug sein soll. Viel zu viele PS, viel zu große Maschinen - und auch wenn ich das dank Testosteronspiegel nachvollziehen kann, so hänge ich aktuell dennoch flehend an seinen Beinen: "Als erstes Fahrzeug sollte es nicht so eins sein."

Die Entscheidung, ihnen die Wohnung zu überlassen und über vierhundert Kilometer weit weg zu gehen, ist mir sehr schwer gefallen. Mein Lebensmodell hatte eigentlich nicht vorgesehen, den Jüngeren schon "herzugeben", der zehn Wochen später erst 19 wurde. Meine Wunschvorstellung war immer die, dass wir in einer Stadt wohnen, von mir aus jeder in seiner Wohnung, aber wenn man einfach Lust drauf hat, lädt man sie sich auf einen Kaffee, auf ein Mittagessen oder was auch immer ein, ratscht über Gott & die Welt, löst all die kleinen Alltagsproblemchen... Man lebt sein Leben, aber irgendwie lebt man es immer noch miteinander.

Sie sind beide noch dabei, ihren Weg im Leben zu finden, und während der eine ziemlich genau weiß, was er will, ist der andere dabei, zunächst das Chaos in seinem Inneren zu ordnen und zu lösen.. Als feststand, dass der Ältere das Unternehmen verlässt, in dem auch ich arbeite, habe ich mich viele Nächte schlaflos herumgewälzt und mich am meisten vor dem Moment gefürchtet, in dem auch er es erfuhr. Ich fürchtete mich vor dem, was es mit ihm machen würde.
Mir ist völlig klar, dass man seine Kinder nicht vor allem im Leben beschützen und bewahren kann, dass sie lernen und wissen müssen, wie sie die schwierigen Situationen bewältigen können.
Dass ich ihnen auch gar nicht alles abnehmen darf.
Mir ist jedoch auch bewusst, dass jeder Mensch mit unterschiedlicher Resilienz ausgestattet ist, und was den einen stärker hervorbringt, kann den anderen eines Tages zerbrechen.

Ich schaue auf die Fotos meiner Söhne, die auf meinem Schreibtisch stehen.
Ich betrachte meine Söhne, wenn wir auf dem Sofa lümmeln. Wenn sie essen, wenn sie schlafen, wenn es ihnen gut geht.
Seit 27 Jahren lebe ich mit dem einen und seit 21 Jahren mit dem anderen - und ich weiß, ohne meine Kinder bin ich.. nichts mehr. Es wird mich zerstören, wenn einem von ihnen etwas geschieht. Ich weiß, dass ich so stark nicht bin, das zu überstehen.

Oft lese ich Nachrichten, höre Nachrichten, wenn ich unterwegs bin.
Ich sehe Bilder von Kindern, in ihrem Gesicht, auf ihrer Kleidung ist Blut, ihre Kleider sind zerrissen, die Augen leer.. Es ist mir völlig egal, wer solche Bilder für sich propagiert. Weil die Tatsache, dass ein Kind, ein Mensch überhaupt in einen Krieg, zwischen die Fronten geraten ist, einen innerlich zerreißt. Alles krampft sich zusammen, weil man sich schuldig fühlt. Und es ist dabei ganz egal, ob man sich an einem Krieg beteiligt oder nicht.
Ich sehe die Bilder der hungernden Kinder in Afrika und in mir verkrampft sich alles auch bei dem Gedanken daran, wie unfassbar viel an Essen allein bei uns achtlos in den Müll geworfen wird.
Mir wird schlecht dabei, dass Nestle Brunnen in Afrika bohrt und Geld für Wasser von denen verlangt, die ohnehin schon zu den Ärmsten in der Welt zählen. Die ohnehin schon nichts mehr haben und zu Tausenden verhungern und verdursten.
Wie kann man weltweit Spezialisten nach Afrika entsenden, wenn die Ebola ausbricht, aber tatenlos zuschauen, dass Menschen verhungern??
"Das Versprechen eines Lebens", ein Film aus der Zeit des ersten Weltkriegs, basierend auf einer realen Geschichte. Drei Söhne hat die Familie weit über das Meer in den Krieg geschickt, und der Vater hinderte sie nicht daran. Er glaubte, es gehöre dazu, sie zu Männern gemacht zu haben. Während die Mutter der Söhne daran zerbricht, dass alle drei Söhne aus dem Krieg nicht heimkehren, schwört er ihr an ihrem Grab, dass er alle drei heimbringen wird, um sie zu Hause zu beerdigen.
"Sei gesegnet, wenn du vor deinen Kindern gehen kannst", heißt es darin.

Noch vor zwei Jahren, auf dem Weg zwischen M und L, betrachtete ich den blauen friedlichen Himmel über mir, hörte ich Musik und empfand so unendliche Dankbarkeit dafür, dass ich hier so in Ruhe fahren konnte und meine einzige Frage lediglich darin bestand, ob ich ein, zwei Stunden früher oder später am Ziel ankommen würde.
Der Krieg in Serbien, der Krieg in Tschetschenien, die Annektierung der Krim, der Krieg im Irak, in Syrien, in Afghanistan; es fühlt sich an, als sei die ganze Welt irre geworden, als sei die ganze Welt in Aufruhr, als bekämpfe jeder jeden; die Bombenanschläge in England, in Frankreich, in Spanien, in Schweden und auch bei uns.
Dass Trump über Afghanistan - angeblich im Kampf gegen den IS - eine Bombe abwerfen ließ mit über 8.000 Kilogramm Sprengstoff in ihrem Inneren, ließ mich fassungslos und stumm auf den Bildschirm starren.
Von 36 toten IS-Kämpfern ist die Rede - wer soll das glauben bei einer Reichweite der Druckwelle von einigen Quadratkilometern, in denen kein Überleben möglich sein soll? Wer soll glauben, dass es nicht wieder Unschuldige getroffen hatte - wie in jedem verdammten scheiß Krieg, weil sich niemand, einfach niemand dafür interessiert und jeder tote Zivilist als Kollateralschaden abgetan wird?
Und Trump legt sich zugleich mit Korea an.
Dabei hatte er etwas ganz anderes versprochen. Er hatte gesagt, dass er sich aus allem raushalten wollte, weil er nur ein einziges Ziel erklärte: "Make America great again". Als Präsidenten eines Landes habe ich ihn nie empfunden, aber als einen Kaufmann. Nennt mich naiv, aber ich dachte wirklich, er sei die bessere Wahl als die Clinton. Ich hatte doch wirklich darauf gehofft und gewünscht, dass er sich auf das konzentrieren würde, womit der sich auskannte: auf die Wirtschaft des eigenen Landes - ohne Kriegsmillionen. Aber ein Mensch wie er wird wohl immer nur nach seinen Beratern agieren können, er wird also nie etwas anderes als eine Marionette bleiben können.
War er nun tatsächlich die bessere Wahl - oder macht er alles nur noch schlimmer?
Im Grunde jedoch.. sind es doch aber alle Politiker, egal woher sie kommen.
Und hatte nicht unser Innenminister erst vor Wochen betont, dass Afghanistan zu den sicheren Herkunftsländern gehöre? Weil man ja offenkundig nicht nach Syrien abschieben kann, nimmt man die Afghanen, um noch rechtzeitig vor den Wahlen im September Zeichen zu setzen?
Nachdem man monatelang keinen Zweifel an der Richtigkeit dessen äußern durfte daran, unkontrolliert Millionen Menschen in das Land kommen zu lassen, weil sie ja auf der Flucht vor dem Krieg waren - wenn man sich nicht als Nazi beschimpfen lassen wollte?
Warum ist auf einmal der Amerikaner der Gute, der seit 1950 ungefähr alle zwei, drei, vier Jahre in mindestens einem fremden Land Krieg führte - und warum ist der Russe auf einmal der Böse?
Ich fühle mich an den kalten Krieg der 80er erinnert. Damals warens die Kapitalistenschweine und der Russe war der Gute, der Befreier. Heute ist es andersrum.
Amerika wählt den Trump statt Clinton.
England wählt den Brexit statt die EU.
Italien wird vielleicht folgen.
Ich hatte irgendwie die Hoffnung darin gesehen, dass die Menschen eines Landes sich nicht mehr beirren lassen, dass sie sich nicht mehr für dumm verkaufen lassen. Dass sie einen anderen Weg wollten als den bisherigen. Eine bessere Alternative als überall Krieg zu führen. Dass die Politik aufmerkt und Achtungszeichen versteht. Meinetwegen auch die im letzten Jahr gestiegenen Prozente der AfD. Glücklicherweise immer noch viel zu wenig Prozente, um tatsächlich in die Politik eingreifen zu können, andererseits frage ich mich: Welche wirklichen Alternativen zur jetzigen Regierung gibt es? Keiner hat es je besser gemacht - und auch unter einem hochgehobenen Martin Schulz sehe ich das nicht.

Ich will meine Kinder nicht in einem Krieg wissen. Ich will nicht meine Kinder begraben müssen. Schaue ich auf den Film mit Russell Crowe, dann hat sich die Kriegstechnik von damals so sehr verändert, da werden keine Kanonenwagen mehr herangekarrt und Bajonette geschwungen.
Hat die heutige Welt überhaupt noch eine Chance? Hätte sie die - wenn sie alle durchdrehen?
Fragt sich denn kein einziger von denen, was aus ihren eigenen Familien, Angehörigen, Kindern würde in einem solchen Fall? Sorgt sich denn kein einziger von denen um seine Familie?
Wir leben eine so moderne Zeit, wir haben so vieles entdeckt, entwickelt, vorangebracht - und den Menschen könnte es so gut gehen.
Stattdessen bereichern wir uns, indem wir den einen Kriegstechnik verkaufen und den anderen vorschreiben, wie viel sie für ihren Kaffee, ihren Kakao und ihre Gurken vergütet bekommen, vorausgesetzt, sie erfüllen die EU-Gardemaße. Stattdessen betreiben wir ausgewählte Medienberichte, um rechtzufertigen, dass man gar nicht anders konnte. Stattdessen wird der Mensch zugemüllt mit "Schwiegertochter gesucht", "Berlin Tag und Nacht" und all diese sinnbefreite, gequirlte Scheiße, von der ich mir einfach nicht vorstellen kann, dass man sich so etwas auch nur anschauen kann.

Ich weiß nicht, woran ich glauben soll. Abgesehen davon, dass ich überzeugt davon bin, dass es mehr Dinge zwischen Himmel & Erde gibt, die sich nicht logisch erklären lassen - und sie passieren trotzdem. Ich weiß nicht, was ich glauben soll und wem.
Ich schaue auf meine Kinder und alles, was ich mir wünsche, ist ein Leben in Frieden. Ein gutes Leben. Ich denke an den Rückflug von Indien vor einem halben Jahr und daran, wie inniglich ich das Beten lernte. Ich denke an Menschen, die sagen, für wen sie ihr Leben hergeben würden und wo ich immer dachte: "Das sagt sich alles so leicht."
Ja, das sagt es sich.
Aber ich für mich weiß: Ohne meine Kinder kann ich nicht sein. Wenn, dann mich - aber nicht sie. Nicht sie.

Montag, 3. April 2017

Ein Versprechen






I've been living like a pretender
Ready for a reason to fall apart
Demons living deep in the center of my heart

But listen I have made a decision
I am finished fading into the dark
I need another shot at beginning 
Let's restart

I'll tell you once
I'll tell you twice
And I don't care who listens I will shout it to the northern lights

I'm gonna keep 
All these promises, promises, promises, promises, promises
And you're gonna see
I want all of it, all of it, all of it, all of it, all of it

Patient but it's making you restless
Turn into tomorrow you follow moons
Cigarette you're tracing the edges
Of your room

Front door, what have I been waiting for 
You're out back, you should know that

Sonntag, 2. April 2017

Von Sackgassen und Blumenwiesen




Wenn ich heute noch ein Wort zu "Papier" bringen möchte, müsste ich mich jetzt beeilen. Denn in ungefähr dreißig Minuten schaltet sich hier alles automatisch aus - und ich weiß leider nicht, wie ich das umgehen kann, ohne Herrn Blau aus dem Schlaf zu rütteln.
Aber irgendwie... will es gerade nicht fließen. Also es will schon, aber es kann nicht. 
Und fühl mich zugleich so müde, innerlich, äußerlich. 
Vor allem bin ich dankbar für die kleinen und großen glücklichen Fügungen. Dass der Papa nun wieder wieder nach Hause gekommen ist - mit einer reparierten Herzklappe und einer damit nunmehr deutlich längeren Lebenszeit. Dankbar für erreichte Meilensteine der Söhne. 





Ich schaue auf meine Hände, betrachte mich im Spiegel.
"Sie machen schon einen bedrückten Eindruck auf mich", sagt mir am Freitag jemand, der mich seit etwa dreißig Minuten kennt und für den ich einen ungefähr zehnseitigen Fragebogen ausfüllen musste, die ich mit Beginn der Schmerzerkrankung wieder und wieder vorgelegt bekommen hatte. Und nun schaue ich ihn an und spüre, wie ich unwillkürlich lächeln muss.
"Ich bin doch einfach nur... grad ein bisschen müde", antworte ich.

Manchmal weiß ich nicht, was Menschen von einem erwarten. Du hast vielleicht nicht die allerbeste Biografie, aber du hast schon vor langer Zeit dein Leben in Ordnung gebracht und dir selbst deine Ruheinseln geschaffen. Du weißt, wann es Zeit ist, sich zurückzuziehen und ein wenig Seelenpflege zu betreiben. Du weißt, was dir guttut und du hast gelernt, Grenzen zu ziehen, Entscheidungen zu treffen und zu diesen auch zu stehen. Du weißt um all das Unerledigte und du hast akzeptiert, dass sich nichts erzwingen lässt - aber es für alles einen Weg gibt, früher oder später.
All deine Themen, die dir in der Seele immer noch weh tun, hast du lang und breit mit deinem Seelendoc auseinander genommen. Bis es - vermutlich beiden - zu den Ohren wieder rauskam.
"Ich hab den Schmerz akzeptiert und mich inzwischen an ihn gewöhnt", sage ich, "meistens jedenfalls." Und während der aktuell behandelnde Hausarzt "genau darin die Gefahr sieht", will die allgemeine Schmerztherapie nichts anderes bewirken: Akzeptanz. Wahrnehmung weglenken vom Schmerz und damit leben. Also lebst du damit und sagst dir an den meisten Tagen eines Jahres, dass es nur den Frühling und den Sommer braucht, um es erträglicher zu haben. Dass du während der intensiveren schmerzhaften Phasen nicht unbedingt auf dem Tisch tanzen möchtest, findest du nachvollziehbar.
Du hast dich auf jeden möglichen Lösungsweg eingelassen, monatelang, jahrelang, und keiner davon hat dir aber Erleichterung bringen können.
Nach zwölf Jahren darf einem auch mal ein wenig die Puste ausgehen.
Findest du.

Ich betrachte den Mann interessiert, wie er da vor mir sitzt, die Augen müde, die Stimme schleppend und fast muss ich lächeln: Am Ende sind wir beide müde aus denselben Gründen - langer Tag gewesen, es ist warm draußen und man will einfach nur in der Sonne sitzen und wahlweise einen Milchkaffee oder eine eisgekühlte Limonade genießen, statt hier drinnen in einem kleinen warmen Zimmer ohne Frischluft festzuhängen. Und während er sich vermutlich zugesteht, dass er müde sein darf, sieht er in meiner den Beweis dafür, dass ich erneut auf ein Sofa gehöre.
"Was möchten Sie? Was denken Sie?"
Ich lehne mich zurück, spüre den glatten harten Sitz unter mir und in meinem Rücken und denke daran, wie ungern ich auf solchen Plätzen sitze.
"Dass ich hierher gekommen bin ohne jede Erwartung oder Vorstellung", antworte ich auf seine Fragen. "Dass ich seit ungefähr drei Jahren, mindestens, nicht mehr bei einem Arzt war in der Hoffnung, Erleichterung zu finden. Eigentlich sitze ich nur hier, weil man mir Sie empfohlen hatte und weil ich seit ungefähr drei Wochen in beiden Händen einen neuen, anderen Schmerz in den mittleren Gelenken habe, mit denen ich anfangs weder einen Stift noch eine Tasse halten konnte. Das ist jetzt etwas besser geworden, aber ich kann nach wie vor keine Flasche öffnen oder irgendwas Schwereres wie einen Topf oder so in der Hand halten. Wenn mir jemand an die Hand stößt oder an der Hand zieht, tut das weh, als hätte ich da einen großen blauen Fleck oder sowas. Am Anfang hatte ich Fieber und ich hab mich krank gefühlt, das ist jetzt nicht mehr so. Ich bin aber nicht gleich zum Arzt gegangen, weil ich Angst davor hatte, dass jemand denkt, ich sei hysterisch."
Wir schauen uns an, wir sind beide immer noch müde und jetzt will ich nur noch raus an die Sonne, mich irgendwo in ein Straßencafe setzen und an nichts mehr denken müssen, während im Zimmer nebenan sein nächster Patient wartet.
"Soll ich Ihnen noch anderes ein Medikament aufschreiben, das man noch ausprobieren könnte?"
"Hm nein, ich denke nicht."
Es scheint mir zu ziellos, planlos.
ER scheint mir zu ziellos, planlos.

"Es gibt nichts mehr, das ich Ihnen noch mit auf den Weg geben könnte", hatte mir vor Jahren eine Therapeutin gesagt. "Nichts, das Sie nicht schon selber wissen. Sie sind reflektiert genug, Sie lassen sich nur zu schnell durch Ihr Umfeld verunsichern."

Wir stehen auf, wir geben einander die Hand und ich sage: "Ich melde mich wieder", und ich weiß schon jetzt, dass ich das nicht tun werde. Möglicherweise weiß er es auch.

Mittwoch, 29. März 2017

"Das Leben ist zu kurz für Knäckebrot."



Der Mann, den du liebst, verlässt dich eines Tages. Warum, das weißt du vielleicht oder weißt es auch nicht so genau, aber das einzige, worin du dir völlig sicher bist: Es liegt an dir. Es kann nur an dir gelegen haben. Dass du nicht genügt hast, dass du einfach nicht die Eine warst und es im Grunde auch nie sein konntest.
Also kehrst du nach Hause zurück und irgendwann fängst du neu an, lernst jemanden kennen und obwohl du dir nicht sicher bist, wagst du den Sprung und ziehst bereits nach kurzer Zeit mit diesem neuen Mann zusammen.
"Ich will es richtig oder gar nicht", begründest du. "Das Leben ist so, was soll da noch kommen?" fügst du hinzu und zuckst die Schultern.
Du versuchst, dich in deinem neuen Leben zurechtzufinden, einzurichten, und weil die Ablehnung nicht nur von deinem Mann, sondern auch öfter in verschiedenen Jobs kommt, zweifelst du immer mehr an dir und glaubst deinem Mann, wenn er dich beschimpft, verflucht und irgendwann auch zuschlägt. Du glaubst, dass er recht hat, auch wenn du dich zugleich dagegen wehrst.
"Oh Gott, er hat recht, du bist so hässlich", denkst du, wenn du morgens in den Spiegel schaust und an seine Worte denkst: "Dich will sowieso keiner, du fette Sau", und du weißt genau, es spielt gar keine Rolle, ob du gerade dabei bist, in Kleidergröße 34 abzurutschen oder eine 44 trägst. Es spielt einfach keine Rolle.
Du bist ein liebevoller Mensch, der das, was er tut, auch gern tun möchte. Der gerne Überraschungen bereitet und es seinen Liebsten einfach nur schön machen möchte. Aber du kannst nicht verhindern, dass das, was er dir ständig sagt und was er tut, an dir nagt, dich immer kleiner, wertloser, unbedeutender fühlen lässt und sich deine Mundwinkel mit jedem weiteren Jahr immer mehr nach unten neigen.
Du glaubst, dass das gemeinsame Kind etwas in ihm verändern könnte, und du glaubst, dass du es mit diesem Kind auch schaffst, dich zu beweisen, am meisten vor ihm. Vermutlich weißt du noch nicht, dass es egal ist, was du tust und wie viel du tust. Vermutlich ist das Problem, dass er sich dir unterlegen fühlt. Und während er bemüht ist, dich weit unter ihn zu stellen, zeigst du ihm nicht nur, sondern sagst ihm auch, dass er einfach nichts kann, weder im Haushalt noch im Umgang mit dem Kind.
Wenn er sich nachts auf dich rollt, schließt du die Augen und denkst, dass du gerade eigentlich und am liebsten ganz woanders wärst - und sowieso auch mit jemandem anderen. Es ist egal wer, Hauptsache einer, der viel mehr Liebe in Dein Leben bringt. Du träumst von einem anderen Leben, einem einfacheren Leben, in dem du nicht schon zu Beginn des Monats weißt, dass dein Geld nicht reichen wird für dich und das Kind, du den zweiten Job machst, während du in deinem Kopf noch seine Worte hörst, ob du nicht endlich mal den Arsch hochkriegen willst.
Ihr lebt gemeinsam in einem Haus und noch ist dir nicht bewusst, dass du bereits jetzt schon genau das lebst, wovor du im Grunde am meisten Angst hast: allein zu sein. Zu glauben, dass du es allein nicht schaffen wirst. Du weißt noch nicht, dass du es bereits all die Jahre schon allein geschafft hast.
Niemand kann verstehen, warum du bleibst, warum du nicht gehst, warum du nicht springst.
Niemand kann verstehen, dass du erst in dir selbst den Punkt erreichen musst, an dem du sagst: "JETZT ist es genug."
"Dabei ist es schon jetzt genug", sagst du leise, aber was noch in Kopf und Bauch arbeitet, reicht noch nicht aus, den Sprung zu wagen.
Eigentlich möchtest du ganz anders leben, du möchtest Kirschen aus Nachbars Garten klauen und mit Graffiti "Ich wünsche mir für die ganze Welt Frieden" an Häuserwände schreiben.
Du möchtest Cocktails trinken und die Seele baumeln lassen können.
Du möchtest im Regen tanzen, barfuß durch die Pfützen springen und fühlen, wie sehr und wie gerne du lebst.
Aber eigentlich bist du die ganze Zeit immer nur müde und während du bedauerst, dass ein weiterer Tag herum ist, bist du zugleich auch wieder froh, wenn es ein Tag war, an dem man dich in Ruhe gelassen hat.
Und während du nicht verhütest und er bereit ist, dir ein weiteres Kind zu machen, fragt er dich, wie du dir das alles eigentlich vorstellst und wie du das eigentlich alles schaffen willst.
"Ich hab mir schon immer zwei Kinder gewünscht. Eigentlich wollte ich immer vier Kinder."
"Ich auch. Aber ich habe R. zu spät kennen gelernt. Mit ihm hätte ich mir alles vorstellen können, mit dem anderen nicht."

Fassungslos rühre ich in meinem Milchkaffee.

Dienstag, 28. März 2017

Die Affäre

Meine Finger sind schon seit einigen Tagen wieder befreit von den Tapes, der Hausarzt ratlos ob der Blutwerte, das Rezept ist eingelöst und hat bislang zumindest erreicht, dass ich Stifte nicht nur halten, sondern auch wieder schreiben kann. Zwar benötige ich für diesen Blog keinen Stift, aber... ach egal.

Aufmerksam geworden durch diesen Post von Anna haben der Mann und ich (mehr ich als er) jedenfalls die letzten Abende der nicht ausgelebten Fingerfertigkeiten genutzt, uns auf das Sofa zu lümmeln und zwischen Kräckern und Weißwein eine Folge nach der anderen aus "The Affair" reinzuziehen.


In den bisherigen 3 Staffeln wird die Geschichte eines vierfachen Familienvaters erzählt, hauptberuflich Lehrer, nebenbei seit Jahren versuchter Schriftsteller, der nie richtig Erfolg hat - bis er im Familienurlaub einer junge Frau begegnet, ebenfalls verheiratet, deren einziges Kind beim Baden ertrank. Mit der er eine Affäre beginnt (okay, da sind sie sich beide nicht einig, wer hier wen verführt hatte) und die ihn damit zu einem Buch mit fiktivem Ende inspiriert, das - natürlich - irgendwann zu einem Bestseller wird.
Ihre Geschichte, anfangs erzählt aus jeweils ihrer und aus seiner Sicht mit kurzen Einblendungen des Verhörs auf dem Polizeipräsidium, erschien zunächst gewöhnungsbedürftig, später jedoch interessanter, weil man einfach wissen wollte, worum es konkret eigentlich ging und wer nun der Mörder war. Und weil man alles irgendwie nachvollziehen konnte.
Es war der Mann, der bereits während der 1. Staffel gähnte: "Das ist mir zu langweilig" und zu Bett ging, während ich ganz gespannt bis in die Nacht hinein schaute. Die Psychologie eines Menschen interessiert mich, reizt mich, fasziniert mich - oder stößt mich auch ab.
Gleichwohl will ich verstehen, ergründen: Warum macht der Mensch, was er macht, was bringt ihn dazu, und wie viel Untiefe steckt in jedem von uns?

Dass mit Beginn der zweiten Staffel die Erzählepisoden nicht mehr nur aus den Augen der beiden Protagonisten, sondern nunmehr auch aus dem Blickwinkel der jeweils betrogenen Ehepartner dargestellt wurden, empfand ich zunächst als interessant, späterhin jedoch als anstrengend. Inmitten der zweiten und auch inmitten der dritten Staffel ermüdete schließlich auch ich.
Der Fall war gelöst, ein Unschuldiger ging aus Gründen freiwillig in das Gefängnis und ab diesem Moment, wo man denkt, es ist alles vorbei, die Geschichte ist auserzählt, beginnen Nebengeschichten, beginnen neue Geschichten, die im Hinblick auf die eigentliche Story einige elementare Fragen entstehen lassen. Empfanden wir alles immer verworrener, die Figuren immer skurriler und immer weniger nachvollziehbar.

Durch die dritte Staffel habe ich mich insofern eher gequält und verzichte damit auch auf das Schauen der 4., die irgendwann ausgestrahlt werden soll.
Manchmal sind Geschichten einfach auserzählt und dann sollte man es dabei auch belassen, bevor es dröge wird. Sowohl in der Fiktion als auch in der Realität.

Montag, 27. März 2017

Kategorie: Webfundstücke




Ich glaube, ich bin inzwischen eine Meisterin des Verdrängens. Nicht gut, weiß ich. Eigentlich. Manchmal aber hilft mir das zu überleben, und so habe ich diese Eigenschaft (oder Eigenart?) in den letzten Jahren immer weiter vervollkommnet. Nicht bei jeder ersten Begrüßung und nicht bei jedem letzten Abschied habe ich immer gesagt oder gezeigt, was ich denke, was ich fühle, wie ich mich fühle.
Selbstschutz, ach das interessiert mich hierbei nicht. Mich interessiert nicht, ob ich mich angreifbar, verletzlich mache mit dem, was ich denke und fühle. Aber manchmal... ich weiß nicht.. manchmal ist das, was ich fühle und was ich denke, wie ein kostbarer Schatz, den ich nicht hergeben möchte. Nicht in einem Augenblick, wo ich den anderen Menschen noch nicht kenne, und auch nicht in einem Augenblick, in dem ich loslasse. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass man zuweilen auch jemanden schützen kann, indem man gar nicht alles sagt, was man denkt.
Und dann gehe ich meiner Wege und nehme all das mit. Sortiere. Nehme das Positive mit und hole es für mich hervor in Augenblicken, die ich mit mir allein sein möchte. Hole es hervor, betrachte es und dann fühle ich mich besser.

Als ich heute Abend dieses Bildchen fand, musste ich lächeln und dachte, hach ja, das bin sowas von ich... Die Musik und ich, ich und die Musik. Die Kopfhörer aufsetzen, den Kopf ausschalten, die Augen schließen und mich zurücklegen. Die Arme hinter dem Kopf verschränken und die Beine an die Wand lehnen. Die Welt ausblenden, alles ausblenden, und obwohl gerade vieles noch nicht so ist wie es sein sollte, ist es wieder da, dieses Spielfigurengefühl, die du nach allen Seiten anstoßen kannst und sie pendeln und kehren dennoch immer wieder in ihre eigene Mitte zurück...

Quelle: https://www.facebook.com/GrossesMKleeneElli/?hc_ref=NEWSFEED&fref=nf




Freitag, 17. März 2017

Aus is


"Aus is" stand vor einer Woche an der Tür unseres Lieblingsbäckers hier im Nachbarhaus. Wir haben den Abschied ehrlich bedauert, wo findet man heutzutage schon noch einen Bäcker, der die Leute der Nachbarschaft vernetzt und sich so zu einer Art "Kiezbäcker" etabliert?
Dieser Hauch von... ja ich weiß jetzt auch nicht, wie man das nennt... wo nicht der Gedanke an den erzielten Gewinn dominiert, sondern einfach.. das Miteinander.
Natürlich sind auch die Einnahmen wichtig, so blauäugig bin ich ja nun auch nicht. Deshalb habe ich ihm auch immer Trinkgeld dagelassen, auch wenn er ohnehin schon nicht grad günstig war. Einen "Kiezbäcker" will man einfach nicht hergeben, so wie auch einen guten Friseur oder Gynäkologen nicht. Manche guten Dinge sind einfach essentiell im Leben einer Frau ;)

Aus is auch für den Moment mit dem Schreiben bei mir - siehe Foto. Nach 12 Jahren Dauerschmerz habe ich mich an diesen gewöhnt, nur die intensiven Schübe machen mir manchmal doch zu schaffen. Dachte ich noch im Dezember, es würde an der eisigen Kälte liegen, haben die mittlerweile gefühlten 17 oder 20 Grad mich dahingehend belehrt: Ne, daran allein liegts nicht.
Nicht nur, dass es nicht besser werden will - momentan sind neben den üblichen Gelenken vor allem auch die Finger betroffen und, was neu ist, die Finger beider Hände. Nicht mehr nur links.
Vor ein paar Jahren habe ich noch gesagt: "Wenns irgendwann auf rechts übergeht und dann alles weh tut, dann will ich nicht mehr sein."
Aber nu ja. Das sagt sich alles "leicht". Natürlich denke ich nicht dran. Aber es ist.. nicht so einfach im Moment - und nun mit zwei verklebten Händen und der Mahnung: "Finger ruhen lassen" auch nicht grad besser. Wenigstens aber will ich mir selber nicht vorwerfen müssen, dass ich nicht alles mögliche versucht hätte.
"Alle Finger kann ich aber auch nicht abkleben", hieß es heute - also haben wir uns nur auf die schmerzhaftesten beschränkt. Links zwei, rechts zwei.
Die junge Apothekerin heute Abend hat mich alles mögliche ausgefragt und dann gemeint, sie wolle mich nicht verrückt machen mit ihren Gedanken an mögliche Ursachen.
Ich habe müde gelächelt: "Glauben Sie mir, in zwölf Jahren denkt man so vieles, da schockt mich, ehrlich gesagt, nichts mehr."

Und weil ich die Finger jetzt erst mal schonen soll, ziehe ich mich nun wieder in die "Wortlosigkeit" zurück und harre der guten Dinge, die da hoffentlich kommen werden. Es gibt ja auch ohne diesen Scheiß grad genug zu bewältigen.

Sonntag, 12. März 2017

Girl Sitting On A Rock

Bildquelle: https://www.splitshire.com/girl-sitting-rock/

Die Herzleistung liegt bei 15 Prozent.
Der Sauerstoffgehalt im Blut liegt bei 50 Prozent.
Es bedarf dringend einer neuen Herzklappe, denn die alte schafft es nicht mehr.
Und das Herz schafft es nicht mehr, das Blut aus der Herzkammer herauszupumpen. Warten auf den nächsten freien Platz im Herzzentrum.
"Natürlich mach ich mir Gedanken, aber ich versuch nach vorne zu schauen", sagt die Mama tapfer.

Das Foto heute mit Pulli, Jeans und Socken des Jungen - deutlich blutverschmiert: "Bekommt man das wieder raus?"
Mir rutscht das Herz sonstwohin. Ja, da ist jemand auf den anderen losgegangen, doch mein Junge ist unversehrt, er hat davon auch nichts mitbekommen, aber seinen Freund gefunden und die Polizei gerufen.
Aufatmen zunächst, auch wenn ich Anteil nehme an dem, was seinem Freund passiert ist und der nun im Klinikum liegt mit Kieferbruch.

All das Negative der letzten Tage, Wochen, Monate, das ich sowieso nicht beeinflussen kann, schiebe ich heute Nachmittag von mir weg. Okay, ich versuche es. Ich lerne zu akzeptieren, Menschen, Meinungen, Ansichten, auch wenn ich mich wundere oder es mich tief verletzt. Irgendwie nimmt man aus allem etwas mit, auch aus diesem Negativen: Ich lerne für mich selbst.
Laufe nicht mehr gegen Mauern und versuche auch keine Argumente mehr zu hinterfragen, die auf fragwürdigem Boden stehen. Erinnere mich wieder, warum es mir immer so schwer fiel, überhaupt um Hilfe zu bitten oder diese anzunehmen. Dann doch es lieber immer aus eigener Kraft schaffen oder eben auch nicht, dann versucht man es eben anders.

Ziehe mich zurück, vergrabe mich in der Musik und lasse kaum noch etwas an mich heran.
Beschäftige mich mit mir, meinen Gedanken, die um den Vater, die um die Söhne, die um mein Leben - und frage mich, ob das, was ich derzeit tue, das ist, was ich überhaupt immer wollte.
Ob ich nicht doch lieber etwas Soziales hätte machen sollen. Ein starker Mensch kann und wird immer für sich selbst eintreten können. Ein schwacher kann das nicht immer, nicht immer aus eigener Kraft - und ist deswegen trotzdem "nicht weniger wert" als andere. Und vielleicht hätte das einfach besser zu mir gepasst. Um einfach auch wieder zu erfahren, wofür man sich einsetzt, für wen man es tut und dass Hilfe und Unterstützung auch da ankommen, wo es wirklich gebraucht wird.




Donnerstag, 9. März 2017

Es recht zu machen jedermann



...ist eine Kunst, die niemand kann.
Ich habs auch nie versucht, glaube ich, jedenfalls nicht bewusst. Früher vielleicht. Als ich noch anders war und glaubte, ich könnte nur dann geliebt werden, wenn ich ausreichend dafür getan hätte.
Früher wollte ich vor allem glücklich machen, heute will ich selber aber auch glücklich sein.
Damit erhebe ich nicht irgendwelche Ansprüche an das Leben, das Umfeld und die Menschen, die ich liebe. Vor allem tu ich selber etwas dafür. Es ist nur... irgendwie... ich weiß nicht, wie ich es nennen soll... Es ist irgendwie sonderbar, dass Menschen in meinem Umfeld nicht sehen, was sie bekommen, sie dafür aber sehr wohl sehen, was sie nicht haben.

So kommt es, dass man sich an whatsapp-Nachrichten hochzieht, die nur zum Teil von mir beantwortet worden waren. Und trete ich nach einer schlaflosen Nacht in der Firma durch die Tür, werde ich zum persönlichen Gespräch gebeten, in dem mir serviert wird, dass ich wie alle anderen nur an mich denke, nur auf meinen eigenen Vorteil bedacht bin, dass ich verantwortungslos sei und jeden in der Firma mit meiner miesen Stimmung herunterziehen würde. Dass ich ja mit niemandem mehr sprechen würde - und dass ich bitte rechtzeitig bekannt geben möge, wenn ich vorhätte, die Kündigung einzureichen - damit man zeitig genug wisse, worauf man sich einstellen müsse.
Nun ja. Miese Stimmung also. Wenn eines richtig ist, dann das, dass ich derzeit nicht ausgelassen und fröhlich durch die Räume springe. Ich glaube auch nicht, dass ich das muss. Nicht nur nicht, weil es nicht in meinem Arbeitsvertrag verankert ist. Sondern auch, weil mir mein reales Leben gerade ganz gehörig um die Ohren fliegt, der Schmerzschub einfach kein Ende nehmen will, der eine Sohn die Kündigung erhalten hat und der andere an einer Prüfung scheiterte, die er nun in vierzehn Tagen wiederholen muss, der Vater mit Blaulicht in die Klinik gebracht wurde und die Mama am Telefon mit den Tränen kämpft, während mir diese sofort aus den Augen springen.

"Du hast ganz schön abgenommen, stimmts?" fragt heute eine Kollegin. "Und du denkst, du kannst weite Klamotten anziehen und das damit verbergen."

Ich weiß nicht, ob ich die paar Kilos weniger verbergen wollte. Aber wenn ich eines nicht zeigen möchte, dann das, wie es mir tatsächlich gerade geht oder wie ich mich fühle. Ich wüsste auch nicht, wozu das gut sein sollte. Nicht nur, weil mich sowieso niemand danach fragt und sich auch niemand dafür interessiert.
Mir ist das Home Office-Modell angeboten worden, als ich im Januar 2014 meinem Chef sagte, dass ich die Kündigung zum 1. September einreichen würde - und ihm ganz weit über meine Kündigungsfrist hinaus damit Gelegenheit gab, Ersatz für mich zu finden. Den er nicht wollte - und mir daraufhin eben dieses Modell anbot. Mit zweimal zwei Tagen Anwesenheit je Monat vor Ort. Dass mir das mittlerweile regelmäßig vorgehalten würde, habe ich nie erwartet.
"Ich habe dir den Weg nach M geebnet."
"Moment. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich die Kündigung einreichen wollen, da war an Home Office überhaupt nicht zu denken. Ich wäre also in jedem Fall gegangen, so oder so."
"Es richtet sich auch immer nach dir, wann du herkommst, zum Beispiel wegen dem Geburtstag deines Sohnes."
Er hat einmal im Jahr Geburtstag, ich wusste nicht, dass das ein Problem ist. Okay, ich habe zwei Söhne - also zweimal im Jahr äußere ich diese Bitte. Habe ich aber im Gegenzug je beklagt, wie oft ich an Wochenenden und auch Feiertagen unterwegs war, nur weil es nicht anders in den Kalender des Chefs passte?
"Du ziehst jeden runter mit deiner schlechten Laune."
Wie gesagt. Ich springe derzeit nicht fröhlich durch die Räume, aber niemandem gegenüber vergreife ich mich in Ton oder Wort, bin da, höre zu, versuche zu lösen, zu regeln, lächle, bin höflich, freundlich - ich rede nur nicht über meine Sorgen und Probleme und nach herzhaftem Lachen ist mir gerade nicht wirklich. Wenn das schlechte Laune ist, dann möchte ich mal wissen, was echte schlechte Laune ist. Wobei - nein, das weiß ich doch, ich bekomm es ja oft genug zu spüren. Beruflich wie privat.

Manchmal denke ich, ich zerreiße mich ständig zwischen den Welten in L und M und meiner Liebe und Verantwortung für die Söhne - und finde dabei interessant, dass sich mein Umfeld beklagt, nicht ich mich.
Über mein Auftreten in der Firma.
Über zum Beispiel die nur halb beantwortete whatsapp-Nachricht.
Ich undankbare, egoistische, schlecht gelaunte Zumutung. Ich sollte wirklich dankbar sein, wenn man es mit so jemandem wie mir länger als drei Tage aushalten will.
Ihr könnt mich alle mal, aber sowas von.

Darauf trinke ich gleich auch einen. Aber erst rufe ich meinen Vater an, um zu hören, wie es ihm geht.

P. S. Ja ich weiß, mein Blog las sich mal wesentlich entspannter und fröhlicher. Kann ich jetzt aber auch nix für. Man muss ihn ja nicht lesen.


Dienstag, 7. März 2017

Polizeiruf 110


Ich war müde gestern Morgen, als ich mich auf den Weg machte. Im Grunde fahr ich gerne Auto, sehr gern sogar. Es gibt kaum einen anderen Ort, an dem ich so mit mir selber bin wie da. Nur die Musik und ich. Na ja und all die anderen Autofahrer. Da kann man schon mal einem Herzinfarkt erliegen, wenn urplötzlich vor dir jemand die Spur wechselt - ohne Blinken, versteht sich.
Oder man selber mit 180, 190 kmh in der dritten Spur unterwegs ist, vor dir jemand, neben dir jemand und trotzdem kommt da jemand angekachelt und will dich mittels Lichthupe und dichtem Auffahren am liebsten von der Straße schubsen. Da frage ich mich auch manchmal: Sehen die nicht, dass die Straße nicht frei ist - weder vor mir noch neben mir?
Es hat auch schon jemanden gegeben, der mich mehrmals fotografierte, weil ich erst von links nach rechts, dann eine Weile geradeaus und dann doch wieder nach links fuhr - und er offenbar der Meinung war, ich hätte ihn rechts überholt. Er hielt sich daraufhin hartnäckig und recht nah an meinem Heck, vermutlich nur, um zu demonstrieren, dass er mich jetzt mindestens fünfmal fotografiert hatte. Na gut, nicht mich. Mein Auto. Beeindruckt hat er mich damit nicht. Fahrspuren sind dazu da, dass man sie auch wechselt, anstatt sich notorisch links zu halten.

Gestern Morgen nun war ich müde, die Autobahnen voll und ich etwas angespannt. Der anhaltende Schneeregen tat sein übriges, spätestens beim Aquaplaning war ich hellwach.
Drei Stunden später, drei Spuren, die Geschwindigkeit freigegeben, ich links, der Tacho zeigte knapp über 180 kmh. Es hatte aufgehört zu regnen, das Thermometer zeigte fünf Grad (und ich noch im Frühlingsmodus nach den wunderbar milden Temperaturen vom Wochenende) und dann sah ich ihn. Den alten Mann.
Er stand da, an der Mittelleitplanke, nicht dahinter, sondern davor, mitten an der Fahrbahn. Nur eben... in der Mitte. Links. Nicht am rechten Rand. Er stand da in seinem rostroten Pullover, ohne Jacke, das graue Haar wirr und in der Hand hielt er eine zusammengeknüllte weiße Plastiktüte, die augenscheinlich leer war.
Nur ein Schritt noch hat gefehlt.
Und dann war ich schon vorbei.
Griff mit zitternden Händen nach dem Telefon und wählte die 110. Spätestens in diesem Moment war ich dankbar für kurze knappe Notrufnummern, die einem von Kindesbeinen an in Fleisch und Blut übergegangen sind.

Noch am Abend haben mir die Hände gezittert und habe ich das Internet rauf und runter gesucht in der Hoffnung, einen Hinweis zu finden, dass man den alten Herrn rechtzeitig und wohlbehalten von der Fahrbahn geholt hatte. Weil ich nichts fand außer den Hinweis, dass man an der entsprechenden Stelle zur entsprechenden Uhrzeit "alle Fahrbahnen geräumt" hätte, gehe ich davon aus, dass man den alten Herrn heil in Sicherheit gebracht hatte.
Wie kam er überhaupt da hin? Was machte er dort? Es sind keine Ortschaften dort in der Nähe.
Wie hatte er es überhaupt "heil" bis in die Mitte gebracht - und wo wollte er überhaupt hin?
Und ich habe darüber nachgedacht, warum mich das so nachhaltig geschockt hatte. Wo doch alles gut gegangen war. Auch wenn nur noch ein Schritt gefehlt hatte. Ein einziger Schritt. Ein knapper Meter, der darüber entscheidet, ob ein Leben jetzt und hier endet..

Jetzt mit ein paar Stunden Abstand denke ich, mein Schockzustand hing wohl eher mit jener  Nacht vor Jahren zusammen, als ich schon einmal mit zitternden Händen die 110 wählte. Pandoras Box hatte sich wieder geöffnet, doch mit zwei kleinen Reststücken des halb vertrockneten Geburtstagskuchens konnte ich sie gestern Abend dann auch wieder schließen.

Ich sollte öfter etwas Schokoladenkuchen im Haus haben.

Freitag, 3. März 2017

Wenn der Topf aber nun ein Loch hat

...lieber Heinrich, was dann?

Bildquelle: http://ooshadowangeloo.over-blog.de/pages/Gedichte_Gedanken_Zitate_und_Inspirationen-5971828.html

Gestern las ich bei Anna über das Perpetuum Mobile. Und meint in ihrem Sinne nicht die physikalischen Eigenschaften eines Geräts, sondern die ähnlich gearteten Eigenschaften einer/s Alleinerziehenden. Und sie hat Fragen gestellt. Fragen, die ich für mich auch beantworten kann, selbst wenn ich seit 2 1/2 Jahren nicht mehr mit meinen Söhnen zusammen wohne.
Vielleicht, weil ich mich manchmal bzw. aktuell immer noch so fühle, vielleicht aber auch, weil mir diese Zeit noch wesentlich näher ist als der Kalender das wiedergibt.

was motiviert euch?
Der Gedanke, dass nicht alles Lernen und Kämpfen für umsonst gewesen sein soll. Dass ich den Traum von einem guten, schönen Leben für meine Kinder und mich habe - und diesen auch umsetzen, leben möchte. Und weil sich das nicht von allein so ergibt, muss ich auch etwas dafür tun. Ich glaub, das habe ich auch immer.

woher holt ihr euch energie?
Aus der Musik. Kann ich nur immer und immer wieder sagen. Und aus schönen Dingen, mit denen ich mich umgebe. Aber auch aus "innerlich schönen" Menschen, aus denen, die mir gut tun.
Mehr und mehr habe ich gelernt, mich von Dingen und Menschen zu trennen, die meine Energie zerfressen oder bei denen ich das Gefühl habe, benutzt zu werden.
Schlussstriche zieht man halt nicht mit dem Bleistift.

wann hat euch das letzte mal jemand umarmt?
Das glaubt mir vermutlich kein Mensch, aber das passiert mir wirklich eher selten. Wenn ich das von mir aus nicht mache, ist das tatsächlich sehr selten. Also jetzt mal von Begrüßungsgedöns abgesehen. Jemand hat vor Jahren mal zu mir gesagt "Du umarmst mich immer so herzlich, ich kenne das gar nicht." Aber ich gebe zu, ich bin sehr sparsam damit geworden.
Von sich aus umarmt mich am meisten mein Jüngster. Das hat er schon als Kind sehr gerne gemacht und macht er auch heute noch. Ich glaub, der mag mich wirklich ;)

oder gelobt?
Auch das wird mir jetzt keiner glauben, aber das kommt ebenso selten vor. Im Allgemeinen ist das aber auch kein Problem für mich. Ich kann mit Lob bzw. Komplimenten eh nicht gut umgehen. Die positiven glaube ich sowieso nicht, und wenn ich das Gefühl hab, ein Kompliment ist ernst gemeint, dann albere ich herum und lenke von der Situation und damit von mir ab.
Vielleicht liegt das auch an meiner nordischen Mentalität, wir aus dem Norden haben das schon von Haus aus nicht so damit.

euch bestätigung in eurem tun gegeben?
Bestätigung... Die bekomme ich eher in den Gesprächen mit der Therapeutin meines Jungen, die auch mal meine war. Wenn sie mir sagt, dass ich tatsächlich nicht alles komplett falsch gemacht habe oder alles komplett falsch sehe, wie mir das gerne von einigen in meinem Umfeld beigebracht wird.
"Lassen Sie sich nicht verunsichern, niemand steckt in Ihrem Leben", hat sie noch im Dezember zu mir gesagt.

wer oder was gibt euch energie, die nicht aus euch selbst kommt?
und:
seid ihr auch manchmal so müde, wie ich es bin?
Bislang schaffe ich es immer noch, mich selber zu motivieren, auch wenn ich nach einem (erneuten) Tritt in die Kniekehlen immer mal durchhänge. Und mit der Motivation kommt dann auch die Energie, denn siehe eingangs: Von allein kommt gar nichts, geschenkt bekommt man nichts (und wenn doch, wirds einem viel zu oft vorgerechnet; da kann mans dann auch lassen).
Müde? Oh ja! Besonders deutlich zu sehen auf vielen meiner früheren Fotos. Da sehe ich so unfassbar müde aus, als hätte ich mein eigentlich erklärtes Ziel, 104 Jahre alt werden zu wollen, schon erreicht.


Ich bin auch kein Perpetuum Mobile. Aber ich hab nach dem Beantworten der Fragen irgendwie das Gefühl, als würde ich ständig aus meinem Topf der Zuversicht, des Optimismus' und der Lebensfreude schöpfen und zugleich aber zu wenig darauf achten, dass dieser Topf auch gut gefüllt bleibt. Dann müsste ich mich eigentlich auch nicht wundern, wenn dieser mal leer ist und erschöpft.
Danke Anna, dass Du mich hier auf was ganz Elementares aufmerksam gemacht hast.

Donnerstag, 2. März 2017

Eine Nummer zu groß - Deogarh, Tag 12








In Indien kann man sich daran gewöhnen, dass man für eine Strecke von rund 120 Kilometern mindestens zwei Stunden mit einem Auto unterwegs ist. Gemessen an den vergangenen Tagen, an denen wir auch mal vier oder sechs Stunden unterwegs sind, finde ich das einen Klacks.
Aber ich beginne zu verstehen, warum der eine oder andere Inder davon träumt, mal in Europa über Autobahnen ohne Geschwindigkeitsbegrenzungen düsen zu dürfen.

In einer ehemaligen Palastanlage eines Maharadschas, dem Deogarh Mahal, beziehen wir ein Zimmer, das mir spontan gut gefällt. Herrn Blau weniger, und ich glaube, er ist fast erleichtert, dass die dortige Klimaanlage keine kalte Luft, dafür aber ein ungutes elektrisches Zischen und einen verdächtigen Geruch nach Kabelbrand von sich gibt. Was für uns bedeutet: umziehen in ein anderes Gemach. Ich schreibe bewusst "Gemach", denn was sie uns als Entschädigung anbieten, ist das ehemalige Schlafzimmer jenes Maharadschas. Und mir ist das viel zu groß. Ich fühle mich darin absolut verloren und mit diesen komischen kleinen Viechern, die laufen wie Echsen, aber Flügel haben und entsprechend durch die Luft flattern, erst recht nicht wohl. Das ist wie Mäuse oder Spinnen im Zimmer haben: Kriege ich raus, das Getier im Zimmer mithockt oder rumflitzt, gebe ich so lange keine Ruhe, bis das vor die Tür gesetzt wurde. Natürlich von Herrn Blau, nicht von mir, das ist ja klar.
Da bin ich ganz Mädchen!
So wie ich auch darauf bestehe, dass in der Nacht ein kleines Lämpchen brennen bleiben muss.
Erstens muss ich doch sehen, ob da noch so ein Tier gerannt oder geflogen kommt - und das kleine Nachtlicht hilft mir, mich nicht mehr ganz so verloren zu fühlen.

An diesem Nachmittag suchen wir uns in der Stadt, die etwa um die 700 Einwohner zählt (was in Indien vermutlich auch unter "Kleindorf" fallen dürfte), lediglich einen Stand mit Obst und Wasser. Melonen oder Pfirsiche oder so was in der Art suche ich allerdings vergeblich. Das Angebot beschränkt sich in mehr oder weniger allen Orten auf Äpfel, Bananen in Hülle und Fülle. Mit Glück kann man mal eine Melone oder eine Ananas oder auch Mandarinen erhaschen, aber wie gesagt: mit Glück.
"Wir verkaufen, was wir gerade ernten können", erklärt uns ein Inder und mich erinnert das an ganz früher, an meine Kindheit in der DDR. An die endlosen Auslagen mit den übergroßen Holzkisten, in denen lose die geernteten Äpfel und Birnen lagen. Und Kohl, Weißkohl. Im Sommer gabs noch Erdbeeren und Kirschen für die, die schnell genug waren und keinen eigenen Garten hatten, das wars dann.
Apfelsinen und Bananen gab es oft nur zu Weihnachten und dann ewig lange Schlangen am Obst- und Gemüsestand und rationierte Zuteilung. Gibt's ja auch genug Witze drüber ;) Tatsächlich aber finde ich schon bemerkenswert, dass wir früher im Osten weitaus weniger mit Allergien zu tun hatten. Weiß grad gar nicht, wie ich auf diese Assoziation komme.
An die frühe Zeit im Osten denke ich auch, wenn ich die Kinder in Indien sehe. Gerade am frühen Abend, als wir uns noch mal auf den Weg machen, eine Tempelanlage zu besuchen, sehen wir sie mit ihren Eltern auf den Feldern, Tomaten pflücken oder gießen oder einfach mit Freunden spielen. Und ich denke daran, wie das früher bei uns war und wie genügsam wir damals waren. Wie wir in der Modder spielten oder Räuber und Gendarm mit abgebrochenen Zweigen. Heute gibst Du Deinen Kindern ein Ersatz-Smartphone, weil das eigentliche in der Reparatur ist - und dann beklagen sie sich noch, weil der Ersatz ein viel zu kleines Display hat und sie "nicht richtig" spielen können :)
Dieses ausgelassene, unbedarfte Herumtoben fehlt mir heutzutage irgendwie im Gegensatz zu den Knirpsen, die noch im Sportwagen sitzen und schon mit Handy oder Tablet spielen und genau wissen, was sie wo drücken müssen. Auch wenn ich es andererseits wiederum gut finde, dass Kinder heutzutage die Möglichkeit haben, mit Computer & Co. aufzuwachsen, sich das verinnerlichen und das für später dann kein Problem mehr ist. Immerhin geht ja in der heutigen digitalen Welt kaum noch was analog.
Aber ich schweife schon wieder ab.

Pause jedenfalls machen wir auf unserem Weg an einem versteckt wirkenden Tempel, äußerlich gar nicht als solcher erkennbar; er wirkt eher wie eine Höhle, die in einen Fels geschlagen wurde. Es ist entsprechend duster darin. Und als der Inder eine Taschenlampe einschaltet, entdecke ich mein persönliches Grauen: die Decke über mir voller Fledermäuse, so weit das Auge reicht.
In meiner Phantasie, die tatsächlich grenzenlos sein kann, wenn sie will, tummeln sich innerhalb von Sekunden mehrere dieser Tierchen auf meiner Haarpracht, die ich an diesem Abend auch nicht zusammengebunden habe. Außerdem darf man jeden Tempel nur barfuß betreten, auch diesen hier - und gibt es für eine Frau ein größeres Grauen als Achtbeiner??
"Sorry, I have to leave!" und da bin ich auch weder umzustimmen noch aufzuhalten.
Mir doch egal, dass irgendwo tiefer drinnen in einer Schlucht noch eine Guru-Schlafstätte zu besichtigen wäre. Was interessiert mich, wo da jemand in die Decken pupst?? Und ganz echt mal: In Indien kann dir im Grunde jeder als Guru angepriesen werden und du als Tourist weißt sowieso nicht, ist das nun ein "echter" oder nicht.
Da warte ich lieber draußen in der Abendsonne, genieße die letzten Sonnenstrahlen - und offenbar sind wir inzwischen weit genug weg von der Wüste: Ist die Sonne weg, wird es spürbar kühler. So kühl, dass wir auf der Rückfahrt im offenen Jeep sogar frösteln. Dafür sehe ich zum ersten Mal in meinem Leben echte Flughunde aus relativer Nähe, die im Schwarm über uns hinwegziehen.
Die machen mir keine Angst - aber die sind auch hoch genug bzw. weit genug weg von mir ;)

Und hier ist auch dieser See, an dem wir auf eine unfassbar ruhige Wasseroberfläche schauen, tatsächlich zuschauen können, wie die Sonne untergeht, während Herr Blau sich Masala-Tee und ich mir meinen obligatorischen Kaffee genehmige, ich Kulturbanause.
Es ist ein so herrlicher Ort der Stille und Ruhe, dass wir stundenlang so da sitzen und einfach nur nichts tun könnten. Nicht reden, dafür schweigen, den eigenen Gedanken nachhängen und spüren, wie auch tief in uns drinnen alles zur Ruhe kommt. Hier denke und fühle ich nichts mehr außer dieser wunderbaren Stille und Ruhe in mir und um mich.
Bis wir mit einem recht jungen Inder ins Gespräch geraten und uns angeregt unterhalten. Einmal mehr stelle ich begeistert fest, dass ich tatsächlich englisch reden kann, wenn ich einmal meine Scheu abgelegt hab. Da kann ich beinah ins Erzählen geraten...
"Ah, you are divorced?" fragt er überrascht nach und während ich nach einer Erklärung suche von wegen viel zu früh geheiratet oder sowas, winkt Herr Blau ab und sagt auf deutsch zu mir: "Das ist hier auch nicht anders."
Des Inders Blicke wechseln zwischen Herrn Blau und mir, eher nur erstaunt und fragend, trotzdem: Irgendwie fühle ich mich mit einem Mal total unwohl und ich schaue weg und sage ebenfalls auf deutsch zu Herrn Blau: "Ich sollte einfach überhaupt nichts über uns erzählen." - "Ja besser ist das."

Not Guilty



Ich war mal mit Herrn Blau auf einer Kirmes. Weißwein gibt es dort nicht, also kann ich es nicht mal auf den Leichtsinn eines Alkoholrausches schieben, als ich zu ihm sagte: "Hey komm, lass uns mal eine Runde mit dem Karussell fahren!"
Vermutlich war es die Erinnerung aus der Kindheit, die mich lockte.
Dieses Gefühl von Leichtigkeit, dass man wie eine Feder über all den Dingen "schwebt"; dieses Gefühl von Ausgelassenheit und Übermut.

Das Karussell begann sich zu drehen und mit jedem Schwung mehr steigerte sich mein Angstgefühl.
Da war nichts mit Leichtigkeit, nichts mit dem Gefühl einer Feder oder gar Ausgelassenheit.
Jedenfalls nicht bei mir. Und um mich "aufzulockern" (vermute ich), gab mir Herr Blau einen Schwung und stieß mich auf voller Fahrt nach außen. Und während sich mein entsetztes "Neeeeeeiiiinnnn!!!" im Getöse der Musik , im Kreischen der Kinder verlor, produzierte mein schockiertes Hirn in Nullkommanichts ein Szenario von reißenden Ketten, so dass ich vermutlich innerhalb der nächsten Sekunden nicht nur Fressbuden, Fahrgeschäfte und den Leierkastenmann, sondern auch mein bisheriges Leben an mir vorüberziehen sehen würde.
Ich habe mich ziemlich lange von diesem Schock nicht erholt, trotz "Wiedergutmachungswaffel" mit Sahnehäubchen.

Anderswo lese ich derzeit, dass so einige Blogger Schwierigkeiten mit dem Jahresbeginn und insbesondere mit dem Februar haben. Der habe es in sich - und möglicherweise braucht es auch nur den richtigen Frühlingsbeginn, um herauszukommen aus dem zähen Brei, der einem an den Füßen klebt und den Kopf verkleistert.
Ich glaube, der Februar ist da ganz unschuldig.
Aber wenn ich gefragt werde, wie ich mich derzeit fühle oder wie sich mein aktuelles Leben derzeit anfühlt, dann könnte ich es kaum besser beschreiben als mit jenem Schockmoment im Karussell.
Das Foto oben übrigens hat Herr Blau aufgenommen, bevor das Karussell sich drehte. Von danach gibt es keins. Ist vielleicht auch besser so.

Dienstag, 28. Februar 2017

Erfahrungsresistent



Als ich noch allein wohnte, habe ich ganze Abende und Nächte damit verbracht, auf youtube herumzusurfen, fand und hörte so vieles, das ich nie im Radio zu hören bekam (was ja aber auch nicht schwierig ist, vor der Entdeckung von Sputnik Insomnia war ich einfach kein Radio-Fan).
Songs entdecken war aber manchmal auch schwierig für mich. Mit nur einem einzigen Titel, einer einzigen Zeile konnte sich die Stimmung komplett ins Gegenteil verkehren.
Ein Klang, ein Wort, das war manchmal zum Verrücktwerden mit den darauffolgenden schlaflosen Nächten.

Vor einigen Tagen erlebte ich selbiges mit einem fremden Blogpost, der Erinnerungen hochkommen ließ. Bilder. Worte. Man kann da ja eigentlich nicht wirklich etwas dagegen tun, du hörst etwas, du siehst oder liest etwas und - pling - springt sofort das Kopfkino an.
Die letzten drei Posts entstammen meinen Aufzeichnungen, die ich zeitweise in echt geführt und in einem anderen Zusammenhang wiederum woanders aufgeschrieben hatte.
Meine ureigenste Büchse der Pandora hatte sich mit dem Lesen jenes Blogposts geöffnet und ich mit dem Verschließen einen Ticken zu langsam reagiert.
Ich war, offen gestanden, dieses Mal etwas überrascht, was das mit mir machte. Wenn ich meinen Traum aus 2005 lese, überkommt mich die Beklemmung von einst - und doch ist es anders.
Es ist, als würde ich mich mehr und mehr von dieser Zeit lösen, auch von der Zeit davor. So dass ich mich beinah fragen müsste, ob ich das wirklich erlebt hätte oder doch jemand anderes? Jemand anderes, dem ich zusah, zuhörte. Als würden die eigenen Erlebnisse überhaupt nicht mehr zu mir gehören - aber als hätte ich dennoch all das, was mir an Erfahrungen und Erkenntnissen beigebracht worden war, daraus mitgenommen.
Was ich sagen will: Es tut mir heut nicht mehr weh. Ich kann davon erzählen, ohne dass mir übel wird oder ich heulen muss. Manchmal zitter ich oder mir wird kalt, aber es tut mir nicht mehr weh.
Ich kann das, was aus der Box gekrochen kommt, in die Hand nehmen, betrachten und auch wieder zurücklegen. Und ich glaube, erst jetzt wird mir so richtig bewusst, was jene Therapeutin damals vor 7 Jahren gemeint hatte: "Sie müssen sich eine Holzkiste vorstellen, groß oder klein, wie Sie es brauchen. Da hinein legen Sie all Ihr Erlebtes, all das, was weh tut und Sie verletzt hat. Dann verschließen Sie diese Kiste und hängen ein Schloss dran. Oder auch mehrere. Und immer, wenn Sie merken, dass da was aus der Holzkiste kommen will, dann legen Sie es wieder zurück und schließen sie sorgfältig ab." Und sie hatte gesagt: "Für manches ist es einfach noch zu früh. Das müssen Sie erst bearbeiten, bevor Sie es in die Kiste legen können."
Damals hätte ich gerne gewusst, wie das so funktioniert mit dem in die Hand nehmen, mit dem Betrachten und vor allem mit dem wieder zurücklegen. Sie sagte: "Dafür ist die Zeit hier zu kurz."

Wenn ich heute manchmal aus meinem Leben erzähle, dann höre ich öfter "Wie hast du das geschafft?" und dann muss ich gestehen: "Ich weiß es gar nicht so genau. Ich hab einfach immer weitergemacht, weil aufhören keine Option war und zurückgehen erst recht nicht. Niemals nicht."
Und wenn ich ehrlich sein soll: Heute nach all dem K(r)ampf verstehe ich  Menschen, wenn sie lieber in ihrer Beziehung bleiben, auch wenn sie sie nicht mehr glücklich macht.
Andererseits aber... Ich könnte gut auf all die scheiß Erfahrungen verzichten, frage mich aber auch: Habe ich am Ende nicht gerade dadurch gelernt?
Mein Vater hat damals im Zuge der Trennung von meinem Ex zu mir gesagt: "Komm mir jetzt bloß nicht mit Ich muss mich finden und so n Scheiß!" und ich dachte damals "Was will er von mir?"
Wenn man sich das aber mal bei Tag besieht... Ich hatte das nicht vor, ich wollte einfach nur ein anderes Leben. Ein richtiges. Ein einfach.. richtiges. Vielleicht hatte ich das auch nicht wirklich vor, weil ich oftmals gar nicht über den nächsten Schritt nachdachte. Ich hab einfach gemacht. Obs nun gut war oder einfach nur ein gottverdammter Fehlschritt. Und ich muss auch zugeben: Das Lernen aus Erfahrungen... Ich kann das, doch wirklich, ich kann das. Es ist nur... Es dauert bei mir alles ein wenig länger. (Wenn man meinem Sohn das vorwirft, er hats von mir. Ganz klar.) Stand sicherlich auch nicht umsonst irgendwann mal in einem meiner Zeugnisse, dass es mir schwerfällt, Gelerntes auch anzuwenden. Zwar bezog sich das damals eher auf die Mathematik, aber auch mein Leben hats mir gezeigt: Drei mal ordentlich gegen dieselbe Wand rennen, dann begreife endlich auch ich, dass es da nicht durchgeht.. Ja okay, dann geht es halt woanders lang.

"I know a place
  I know a place 
  we can run"

Und als ich jenen fremden Post las, anschließend meine eigenen alten Aufzeichnungen in die Hand nahm und diese Erinnerungen betrachtete mit allem, was damit verknüpft war, da dachte ich: "Gucks dir an und legs mal schön wieder zurück." Heute Abend, jetzt hier beim Schreiben, fällt mir auf, wie leicht mir das Zurücklegen inzwischen fällt.
Ich bin, ohne dass ich es je vorgehabt hätte, viel näher an mich selbst herangekommen - und noch einen Schritt weitergekommen, ohne dass ich es aber auch in den letzten Monaten oder vielleicht Jahren bewusst registriert hätte. Und bei all dem, das mich aktuell quält und belastet, ist das etwas ausgesprochen Positives, das mir Mut macht. Ganz so.. erfahrungsresistent bin ich dann vielleicht doch nicht.

Montag, 27. Februar 2017

2005 Der eindringlichste von allen



Als sie erwacht, ist es immer noch Nacht. Hat sie gerade geträumt oder warum ist sie erwacht? Und überhaupt, woher kommt dieses Knistern? Sie liegt still in ihrem Bett, rührt sich nicht, lauscht nur. Dieses Knistern. Wie Folienpapier, das zusammen geknüllt wird. Wer um Himmels willen knüllt mitten in der Nacht Folie zusammen? Und überhaupt… Wie kommt dieser Jemand eigentlich in ihr Haus?
Ist da jemand? möchte sie fragen, doch nicht nur ihr Körper ist erstarrt, ebenso auch ihre Stimme. Kein Laut kommt über ihre Lippen. Dann hört sie das Pfeifen. Eine leise Melodie – oder ist es das Radio in der Küche? Wie kommt es, dass mitten in der Nacht ihr Radio zu spielen beginnt? Sie befreit sich von ihrer Decke, steht langsam und sehr zögerlich auf. In ihr ist alles voller Angst. Sie ist allein in diesem Haus. Wenn sie Filme gesehen hat, in denen die Frauen losgingen, obschon das Grauen aus jeder Ecke zu schauen schien, hatte sie immer den Kopf geschüttelt und gesagt: “Kein Mensch geht drauf zu, wenn er Angst hat. Er rennt weg und versteckt sich. Oder stellt sich tot.” Doch jetzt und hier geht sie los. Und sie fühlt sich umso mehr allein, weil sie die Frage, wer ihr jetzt zur Seite stehen könne, nicht zu beantworten weiß.
Licht macht sie keins, sie befürchtet, damit erst auf sich aufmerksam zu machen. Vielleicht weiß man ja gar nicht, dass sie da ist? Sie tappt auf nackten Füßen durch ihr Schlafzimmer, durch ihr Wohnzimmer, betritt den dunklen Korridor. Die Musik ist deutlicher geworden, ja, sie kommt aus der Küche. Und ebenso deutlich ist zu hören, dass jemand zu dieser Melodie pfeift. Leise und sorglos. So als sei es das Natürlichste der Welt, nachts in fremde Häuser einzusteigen und die Musik anzustellen und dabei, so hat es den Anschein, alle möglichen Dinge in Folie einzuwickeln und in Kartons zu packen.
Warum nur, fragt sie sich beklommen, wieso lässt du abends auch immer die Tür zur Terrasse offen stehen? Das muss doch solche Leute anlocken!
Sie schaut vorsichtig in die Küche hinein. Was sind das für Möbel? fragt sie sich verwundert. Wieso nehmen sie mir meine schönen Möbel weg und stellen mir so einen alten Kram dafür rein? Wieso stellen sie mir überhaupt andere Möbel rein? Alte Möbel, wie sie sie noch aus den Zeiten kennt, als sie mit ihrem Ehemann zusammen gelebt hat. Alte Möbel, deren Stil sie immer hasste und sich dennoch nicht durchzusetzen vermochte, dass man etwas schuf, das beiden gefiel. Mit zitternden Händen greift sie zu ihrem Telefon, doch sie kann die Zahlen nicht finden, sie kann die Tasten nicht tippen. Was ist nur los, um Himmels Willen, was ist hier eigentlich los? Endlich kann sie den Polizei-Notruf bedienen, doch am anderen Ende erklingt nur eine Bandansage. „Tut uns leid, dass Sie außerhalb der Sprechzeiten anrufen. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.“ Ist die ganze Welt verrückt geworden? Oder… oder nur sie selbst? Seit wann gibt es auf einer Polizeistation eine Bandansage?
Ich bin allein, sagt sie sich und weicht langsam und lautlos zurück, ich bin hier allein in diesem gottverdammten Haus mit irgendeinem wildfremden Menschen und ich hoffe nur, dass dieser Mensch nicht rausfindet, dass ich hier bin. Sie findet zurück in ihr Bett, sie verkriecht sich darin, wickelt die Decke um ihren Körper und sinkt tief in das Kissen hinein.
Das Pfeifen aus der Küche hat aufgehört. Ob er fertig ist und das Haus jetzt verlässt? Ohne sie zu entdecken und ohne ihr etwas anzutun?
Sie schreckt auf, als sie den Schatten vor ihrem Fenster sieht. Ganz starr und still ist sie, wagt keine Regung und als dieser Schatten sich von ihrem Fenster fortbewegt, fällt ihr Blick auf seine Schuhe. Das ist doch… Das sind doch… Sie erkennt diese Schuhe. Die Jeans, die Schuhe des Mannes, mit dem sie nur noch auf dem Papier verheiratet ist. Sollte er… sollte er wirklich in ihr Haus eingedrungen sein? Oder jemanden damit beauftragt haben? So wie er ihr immer gedroht hatte: „Ich hab Geld gespart, ich muss nur jemanden dafür bezahlen, ich muss es nicht mal selber machen. Froh wirst du jedenfalls nicht mehr, das verspreche ich dir!“ Der Schatten bewegt sich weiter fort, irgendwann hört sie das Quietschen des Hoftores. Sie atmet leise auf. Er ist fort. Die Gefahr ist vorüber. Zumindest glaubt sie das, bis sie sieht, wie sich langsam die Schlafzimmertür öffnet. Erneut erstarrt sie vor Angst, sie liegt völlig bewegungslos auch in der Hoffnung, man möge sie nicht entdecken. Großer Gott, was soll sie nur tun? Sie wagt kaum zu atmen, sie sieht, wie sich ein Mann durch das Zimmer bewegt, auf das Fenster zu, wie er dort stehen bleibt und hinausschaut in die Nacht. Als er sich umwendet und auf ihr Bett zukommt, hofft sie bis zuletzt, dass er sie in der Dunkelheit nicht sehen möge. Nicht erkennen möge, dass da jemand im Bett liegt. Doch er hockt sich vor ihr Bett, natürlich weiß er, dass sie da ist. Er sagt nichts, er rührt sie auch nicht an, doch sie spürt diesen süßen, klebrigen Duft, den er ihr in das Gesicht zu fächeln scheint. Ebenso spürt sie, wie dieser Duft ihren Körper lähmt, ihre Gedanken lähmt und sie weiß, wenn sie jetzt nicht reagiert, wird er ihr etwas Schreckliches antun. In dem Moment, als er nach ihr greifen will, schreit sie laut, durchbricht diesen Bann, diesen lähmenden süßen Geruch – sie hebt den Arm und zerschlägt damit genau diesen Moment.
Alles ist vorbei. Der Mann ist fort. Der Geruch ist fort. Die Musik, das Pfeifen – nichts ist mehr zu hören. Sie fühlt ihren Herzschlag bis in den Hals hinauf, in ihren Schläfen pocht es. Mit zitternden Händen macht sie Licht. Da ist niemand. Hier ist niemand. Mit ebenso zitternden Beinen steht sie auf, macht in jedem Zimmer Licht, nimmt ihr Telefon in die Hand, geht weiter in die Küche. Alles ist wie immer, nichts ist gestohlen, nichts ist ausgetauscht. Sie berührt ihre Möbel, so als müsse sie sich vergewissern, dass alles wirklich so ist, wie sie es auch sieht. Die Tür zur Terrasse ist fest verschlossen, auch die Haustür ist wie immer von innen versperrt. Überall löscht sie wieder das Licht, nur nicht in ihrem Schlafzimmer. Bis zum Morgen liegt sie so, in der Angst, wieder einzuschlafen und so die Kontrolle über ihre Gedanken zu verlieren, in der Angst, dem ausgeliefert zu sein, das in ihrem Unterbewusstsein schlummerte.
Sie nimmt nur wahr, wie der Regen auf das blecherne Fensterbrett schlägt. Und es klingt wie… wie wenn Folie knistert.

1975 - 2012 Die Sprache der immer wiederkehrenden Träume

Das Haus ihrer Eltern. Das Grundstück ihrer Eltern. Es ist dunkel, es ist Abend und sie steht allein auf der Wiese. Schaut hinüber zu dem Tor, hinter dem ein Mann steht, der auf sie schaut. Er ist vollständig in Schwarz gekleidet und über seinen Körper laufen weiße Zahlen. Sie spürt die Bedrohung, sie fürchtet sich vor ihm und denkt: "Er kann ja nicht durch das Tor." Da wirft er mit einem Messer nach ihr und trifft ihre rechte Hand. 
Sie schreit und schreit - und als sie schweißnass erwacht, schmerzt ihre rechte Hand. 
Dieser Traum begleitet sie jahrelang, er wiederholt sich wieder und wieder, so lange, wie sie Kind ist. 


***

Da war ein Mann, er sah gar nicht aus wie ihr Mann, er sprach auch nicht wie ihr Mann – und dennoch war er es. Sie saßen nebeneinander, irgendein Lokal, sie erinnert sich an helle, warme Orangefarben. Die ganze Zeit über hat er sie angelächelt, es lag eine unglaubliche Zuneigung, Wärme zwischen ihnen, obschon sie einander im Traum überhaupt nicht berührten. Und er sagte: “Lass uns heiraten.” Und sie antwortete: “Wirklich? Meinst du das wirklich?” Und er lächelte immer nur die ganze Zeit und dann nahm er sie an die Hand. “Ich meine immer, was ich sage.”
Von einem Moment auf den anderen fand sie sich wieder auf einem Marktplatz, inmitten einer Menschenmenge – und dort wurden die Menschen mit Schaufeln erschlagen, während sie flüchtete.



***

Sie irrte durch die Stadt, eine ihr völlig fremde Stadt, sie schaute in Häuser und Passagen hinein, sie erkannte nichts davon, sie fand den Weg nicht. Und mit einem Mal war ihr Mann da, ihr Mann und dieser Jeep, von dem er sagte: „Fahr einfach“, obwohl er doch weiß, dass sie es einfach nicht mag, mit so großen Autos zu fahren.
Doch dann sind sie eingestiegen, sie beide und irgendwie waren da noch mehr Menschen mit im Jeep, Menschen, deren Gesicht sie nicht erkannte, Menschen, die sie einfach nicht kannte.
Und sie ist losgefahren, mit einem Mal mitten im Wald, mitten im Dickicht, und wie sie das Fahrzeug auch dreht und wendet, sie kommt nicht voran, sie fährt sich fest, sie kommt nicht mehr heraus – und aus ihren Augen springen Wuttränen: „Ich habe dir doch gesagt, dass ich es verdammt noch mal nicht kann!“




***

Ein Besuch mit ihrem Mann im Tierheim. Zwei Hunde wie zwei Brüder, zwei süße kleine hilflose Hunde, die zueinander gehören, die man eigentlich nicht trennen darf – und doch können sie nur einen Hund mitnehmen.
„Wir holen dich nach“, verspricht sie dem anderen Hund.
Und irgendwann ist sie wieder allein im Tierheim, sie holt den zweiten Hund – und dann steht da dieser Mann vor ihr, unwirklich groß und breit, ein grobnarbiges Gesicht, dunkle Haare, fleischige Lippen, und er steht so nah vor ihr, er bedrängt sie und sie weiß genau: Sie kann sich hier aus eigener Kraft nicht befreien.
Also zerrt sie die Schubladen des Apothekenschrankes neben ihr auf, sie zerrt alle möglichen Kräuter, Kügelchen heraus, ähnlich einem Pfefferkorn, sie schleudert es diesem Mann in sein Gesicht, sie wischt es ihm in die Augen – doch der lacht nur und packt grob nach ihr.

Sie ist aus dem Schlaf geschreckt.
Seit den letzten Träumen, die so bedrohlich wirken, ist ihr aufgefallen, dass sie in solchen Situationen immer versucht, sich gewaltsam aus diesem Traum zu reißen. So als wäre ihr bewusst, dass sie träume und so als versuche ihr Verstand zu sagen: „Wach auf! Öffne deine Augen! Bewege dich, damit du erwachst!“ – und mit zumeist einer Armbewegung erwacht sie dann auch.
Sie spürt das Pochen ihres Blutes am Hals. Der Blick auf das Zimmer, schon erhellt von der Morgensonne, die Ruhe in diesem Zimmer, die Behaglichkeit, all das beruhigt sie.
Es ist doch alles in Ordnung. Oder?