Montag, 9. Januar 2017

...Du bekommst ein Buch.

Urheber: Ryan McGuire
Quelle: http://www.gratisography.com/

Ich habe als Kind unglaublich viel und gern gelesen. Wenn ich daran denke, tauchen immer wieder dieselben Erinnerungsfetzen in meinem Kopf auf. Ich im Haus meiner Großmutter. Sie wohnte zu ebener Erde, kleine Zimmer, knarrende Dielen. Kleine Fenster, aber herrlich tiefe Fensterbänke, auf denen ich so oft saß, malte, spielte oder in Büchern blätterte. Ab und an hob ich den Kopf und dann konnte ich sehen, wie die Großmutter im Konsum gegenüber Milch und Spritzringe einkaufte.
Ich habe es geliebt, dort zu sitzen, ganze Tage konnte ich dort verbringen. Wenn ich aus dem Schrank rechts unten die Bücher hervorkramte, dann schlug er mir entgegen, der Geruch aus altem Holz, Pfefferminz und alten, verblichenen Buchseiten. Noch heute, wenn ich die Augen schließe und mich darauf zurückbesinne, kann ich mich an diesen Geruch erinnern, als würde er mich tatsächlich umgeben. An die Perlenketten in den Schatullen, von denen sie sagte: "Das kannst du alles haben, wenn ich mal nicht mehr bin."
Ich erinnere mich an ihr Schlafzimmer mit dem Gitterbett für mich, in das sie mich legte und ein Tuch über das Gestänge hängte, um mich vor dem einfallenden Licht aus der guten Stube zu schützen; ich erinnere mich an die dunklen Holzmöbel und dem Emailletopf unter ihrem Bett, denn ein Badezimmer gab es nicht. Man bediente das Plumpsklo im Hof, vor dem es mich immer gruselte, die Wäsche wurde im Topf gekocht und im Zuber gewaschen, gebadet habe ich in einer Zinkwanne auf dem Küchentisch.
Ich habe darin gesessen, den Schaum auf den Beinen verteilt und dann, weil mir das rechte Wort nicht einfiel, sagte ich zu ihr: "Oma, aber jetzt sind meine Federn ganz nass!"
Ihr Küchenbüfett habe ich geliebt, eins mit vielen kleinen Schubladen und -lädchen, alle habe ich geöffnet und hineingesehen, wann immer ich in den Ferien bei ihr war.
So lange ich denken kann, trug sie diese irren Kittelschürzen und darüber diese dunkelblaue grobe Strickjacke mit den braunen Hirschhornknöpfen. Doch das Haus verließen wir nie, ohne uns gut anzuziehen und das Haar sorgfältig zu kämmen.
In ihrem Haus duftete es immer nach Äpfeln, Frischgebackenem und eingekochten Johannisbeeren.
Sie hat sich die Männer genommen, die ihr gefielen, ohne sich aber je zu verschenken und sich auch überhaupt nicht darum gekümmert, was die Leute im Dorf über sie redeten. Ich glaube, sie hat ihr Leben tatsächlich geliebt, aber ich bin nicht sicher, ob die letzten Jahre so waren, wie sie es sich vorgestellt oder gewünscht oder erträumt hatte.

Ich bin schon lange kein Kind mehr und meine Großmutter ist vor rund dreißig Jahren verstorben. Jedoch diese Zeit mit ihr und bei ihr ist so lebendig in meinem Kopf, als müsste ich nur einige wenige Schritte zurückgehen, um nachzuschauen.
Aus diesen frühen Jahren gibt es keine gemeinsamen Fotos, gibt es nichts mehr, das mich an sie erinnert. Nichts außer den Erinnerungen in meinem Kopf. Sie sind die intensivsten meiner Kindheit, die ich habe. An kaum etwas sonst erinnere ich mich, seltsamerweise. Bei ihr jedoch geht meine Erinnerung so weit zurück, dass ich noch immer weiß, wo und wie sie mich wickelte und mich davon abhielt, in ihrer Nachttischschublade nach ihren Tabletten zu kramen.

Heute, viele Jahre später, entdecke ich, dass ich aus dieser Zeit mit ihr und bei ihr sehr viel mehr mitgenommen habe, als ich vielleicht je angenommen hätte.
In meinem Besitz befinden sich heute einige wenige, aber wunderschöne Holzmöbel aus längst vergangener Zeit.
Strickjacken sind für mich das, was anderen Frauen Schuhe oder Handtaschen bedeuten - und bei jeder grob gestrickten werde ich immer noch schwach..
Ich lese noch immer sehr gern und ich liebe es, an einem Fenster zu sitzen, eine Tasse Kaffee oder Kakao vor mir, und ein Buch aufzuschlagen. Nichts geht über den Geruch bereits vergilbter Seiten, nichts geht über diesen beinah liebevollen Handgriff, mit dem man eine Buchseite zwischen den Fingern hält, bevor man sie umschlägt. Nichts geht über die Taschenbücher mit ihren abgestoßenen, abgewetzten Rändern und dem zerknitterten Einband, weil man so oft in ihnen las, dass man sie beinah auswendig kennt und trotzdem möchte man immer wieder in ihnen lesen. Ähnlich einem Gesicht, eingebettet in Runzeln und Lachfalten, aus dem dir wache, aufmerksame Augen entgegenschauen, und dieses Gesicht erzählt dir so viel mehr vom Leben - und in dieses Gesicht möchtest du immer wieder schauen, weil du nicht aufhören kannst, dir diese Geschichten immer wieder anzuhören..
Ich bin sehr dankbar dafür, dass wir heute nicht mehr an einem Waschbrett stehen, unsere Kinder in Zinkwannen baden müssen, indem wir das Wasser vorher auf dem Kohleofen erhitzten, dass das warme Wasser aus der Wand kommt und ich meine Toilette weder mit Spinnen und anderem Getier und auch nicht mit der halben Hausgemeinschaft teilen muss.
Entwicklung ist etwas ganz Tolles.
"Aber bitte, bitte schenk mir niemals einen eReader", bat ich Herrn Blau schon vor langer Zeit.

Kommentare:

Frau Vau hat gesagt…

So schön.. meine Erinnerungen an meine Großmutter sind ähnlich wach wie deine und auch die intensivsten aus meiner gesamten Kindheit. Hoffentlich werde ich mal so eine Oma, an die meine Enkel gern zurückdenken.

gretel hat gesagt…

Ich liebe solche Geschichten von früher. Bei dir klingt das schön warm und geborgen, sehr sinnlich und liebevoll. Die Details über Wahrnehmungen – wie Gerüche, Gefühle oder Äußerlichkeiten – die so lange, über die vielen Jahre, nicht verloren gehen, haben etwas sehr tröstliches. Ich glaube fest daran, dass sie für das ganze Restleben einen positiven Einfluss haben.
Ähnliche Erinnerungen habe ich auch in mir. Ofen anfeuern, dafür „Kienäppel“ (Zapfen) im Wald sammeln, Waschküche, Kittelschürze, sich zurechtmachen zum rausgehen… Besonders ist mir immer das Essen bei den Großeltern in Erinnerung, da hat einfach alles geschmeckt. Meine Mutter hatte es nicht so mit dem Kochen, war auch OK, dafür war essen bei den Großeltern immer ein Genuss und immer mit der guten Butter!
Großeltern finde ich enorm wichtig. Keine Ahnung, ob das heute auch noch so verbreitet ist.
Ich würde auch gerne noch ein wenig eine intensive Oma-Rolle einnehmen. Ist halt der Nachteil, wenn man seine Kinder spät bekommt und man lässt sich ja immer mehr Zeit…
Und Reader – nein, hab ich bisher gar keinen Bedarf.
Liebe Grüße

Anna hat gesagt…

So schön geschrieben. Seit gestern die zweite Reise in die Vergangenheit, die ich via Blog miterleben durfte. Und jetzt drifte ich gerade selbst ab. Zwischen Himbeer- u. Stachelbeersträucher u. in die immer viel zu dunkle Paterrewohnung meiner Oma. ;)

Und @Reader: nein danke, für mich nicht.

Lieben Gruß!

Ruthy hat gesagt…

Fast hätt ich gedacht, Du schreibst von meinen Omas, wobei da die Deine ein bißchen eine Mischung aus meinen beiden war...
Bücher liebe ich auch. enn ich mich auch letztes JAhr von einem Großteil der meinen gtrennt hab, einfach, weil der Platz zu knapp wurde. Nur die absoluen Lieblingsbücher hab ich aufgehoben. Und doch: ich nutze mein Netbook-Tablet zum lesen, vor allem in Urlaub, weil es soviel leichter ist, seeehr viele Bücher da drauf in Urlaub mitzunehmen - ich les da im Schnitt zwischen 5 und 10 Bücher, und auf meinem Motorrad ist so ein Teilchen auch leichter unterzubringen.
Zuhause aber: oft und immer wieder aus Papier.
Liebe Grüße aus der Nähe von M ;)

Anonym hat gesagt…

ach Helmalein! Wie mir gerade das Herz aufgeht! Ich stelle soooo viele Gemeinsamkeiten gerade fest :)

Mein Opa hatte eine Buchdruckerei früher. Sie befand sich im Hof seines Hauses und da meine Mutter nach einigen Monaten wieder arbeiten ging, wuchs ich mehr oder weniger bei meinen Großeltern mütterlicherseits auf.
Die Familie meiner Mutter war immer schon buchverrückt. Opas Bruder hatte eine kleine Bücherei und mein Opa seine Buchdruckerei. Viel gelesen haben aber meist nur die männlichen Nachkommen der Familie - außer ich, lach :)

Als Kind habe ich Bücher verschlungen. Ich konnte gerade etwas lesen, da kaufte mein Opa mir schon meine ersten Kinderbücher, ich weiß heute noch genau, welches ich als erstes und zweites gelesen habe.

Als Teenie kamen dann diverse Zeitschriften dazu, die ich mir kaufte: BRAVO, Für Sie, Brigitte....
Dann, neben meinen geliebten Taschenbüchern (meist Konsalik), auch Gruselromane für 1 DM vom Kiosk :)

Als junge Frau und Mutter hat sich das lesen von Büchern etwas gemäßigt, dafür schrieb ich jetzt Briefe ohne Ende. In der Schule fing ich schon mit Brieffreundschaften an, man konnte damals noch Adressen "kaufen" in einer solchen Organisation für Jugendliche.
Später dann, Dank der "Bella" oder "Tina", schloss ich Brieffreundschaften mit anderen Schreibwütigen und hatte zu meinen besten Zeiten 80 Brieffreundschaften.
Zu einigen habe ich übrigens heute noch Kontakt.

Seit einigen Jahren lese ich nun wieder. Ich habe es immer schon geliebt, neue Bücher aufzuschlagen und meine Nase mitten in den Falz zu stecken, um erstmal eine Riesenportion Buchduft zu inhalieren. Schon mit meinen neuen Schulbüchern als Kind habe ich das gemacht. Auch heute noch stehe ich bei Thalia oder der Mayerschen zwischen den Büchern und schnuppere herum, lachh, ich kann nicht anders :)

Bücher sind für mich wie Schätze. Genau wie Musikalben.
Und Strickjacken habe ich übrigens auch nie genug......

Danke für den Ausflug in meine Erinnerungen, Conni! Ich könnte mich über meine Erlebnisse mit und bei meinen Großeltern breiig schreiben ;)
Liebe Grüße, Suse