Dienstag, 18. April 2017

Blue Monday

Der Tag fing schon irgendwie komisch an. Nicht nur weit vor der Zeit erwacht - ich war mir zunächst auch nicht sicher: "Wo bin ich? Welcher Tag ist heute? Hab ich heut noch frei?"
Äh... Ne! Leider nicht.
Trotzdem noch mal die Decke bis an die Ohren ziehen und die Augen schließen.
"Noch fünf Minuten!"
Herr Blau musste mich dann wecken und auch den Kaffee kochen, den er normalerweise immer von mir serviert bekommt. Also jedenfalls wochentags.
Der Blick aus dem Fenster... och ne oder?!
War angekündigt, trotzdem hatte ich gehofft, dieses Schietwetter würde einen Bogen um uns machen. Einen möglichst richtig großen Bogen! Aber neeee....


Kaum vorstellbar, dass man vor ein paar Tagen noch im T-Shirt draußen geschwitzt hat. Ja, im T-Shirt!
Er hat sie dann von der Terrasse gerettet, der Herr Blume die Blauen. Ach ne, andersrum - der Herr Blau die Blumen.
"Musst du heut nicht arbeiten?" fragte er dann, bevor er ging und ich schaute entspannt auf die Uhr.
"Ja, aber erst ab acht und es ist erst halb."
Um 8.20 Uhr fiel mir dann ein, dass es da ja noch ein Diensttelefon einzuschalten gab. Die ersten Anrufe waren dann auch schon aufgelaufen von Kollegen, die glaubten, ich sei im verlängerten Osterurlaub. Wäre mein gesamtes Urlaubstagekontingent nicht schon arg verplant - ich hätte dann wohl doch noch ein paar Tage drangehangen. Tat gut irgendwie, diese lässige Pause von vier Tagen, an denen man zu nix verpflichtet war. Ich befand mich noch eine Stunde nach dem Aufstehen in dem Modus, der unlängst im Web beschrieben wurde mit "In mir schlummert ein Tier. Ein Faultier."
Angesichts dieser slow motion hätte ich mich ja gerne so hier auf Trab gebracht:

Bildquelle: https://www.facebook.com/photo.php?fbid=1241889025924166&set=a.166168533496226.34860.100003092423253&type=3&theater

Es war dann aber eher das lahmarschige Netzwerk, das mich in Nullkommanix bis an den Rand des Erträglichen brachte, so dass ich mich nur mit Müh und Not selber davon abhalten konnte, Laptop, Maus & Co. über die Brüstung zu werfen - und das nervige, permanent klingende Diensttelefon gleich hinterher. Da denkt man, die Allgemeinheit ist noch im verlängerten Ostermodus - Scheißchen! Jeder will was, alles muss gleich - und nix geht bei diesem verdammten Drecksnetzwerk, das mich, wenn es ihm zuviel wird, auch mal gleich ganz rausschmeißt und mir dann irgendwas von Tunnelfehlern erzählen will. Pfffff!
Innerlich gar gekocht war ich dann aber beim Einwählen in das Kundencenter der Telekom.
Ich hab mich ja früher schon über diese pinken No-Gos aufgeregt, aber heute fühlte ich mich einmal mehr bestätigt darin, dass mir privat DIESE Leute nie niemals nicht ins Haus kommen. Da eher schreibe ich lieber wieder Briefe oder rufe auch sogar mal an (was jeder, der mich kennt, weiß, tatsächlich was zu bedeuten hat - denn Telefonieren mag ich so gar nicht).
Nicht nur, dass die seit rund 3 Jahren unfähig (oder unwillig) sind, eine E-Mail-Adresse zu akzeptieren, wohin man sich die Rechnungen schicken lassen kann - nein, man muss sich partout in diese blöde Kundencenter einwählen - und die Rechnung durfte ich online nicht anschauen - dank Ad Blocker, mir aber auch nicht ungesehen herunterladen, ohne meinen Ad-Blocker temporär zu deaktivieren.
Inzwischen klingelte die Mittagsuhr (also der Bauch) - und ich durfte feststellen, dass das vier Tage alte Brot sich über Nacht fröhlich ein paar grüne und weiße Blumen hatte stehen lassen.
Na toll! Zumal es sich hier um das allerletzte zu beißen im Hause blaues Ziggenheim handelte. Sieht man von etlichen Puddingbechern ab - aber davon kannste ja jetzt auch nicht satt werden! Ganz toll dann auch, in genau diese Stimmungsphase ein lecker Foto vom Mann zu bekommen und dem mit noch fröhlicheren Smileys unterlegten "Mahlzeit!"
Nun war mir alles egal - ich habe den Kühlschrank geplündert, was auch immer der noch hergab. Ein etwaiger Kalorienzähler wäre an dieser Stelle vermutlich explodiert, mir aber auch grad sowas von scheißegal - Hauptsache, die Synapsen beruhigten sich wieder.

Und siehe da: Der erste Schnee des Morgens taute wieder, das Netzwerk hatte sich auch eingekriegt und der Junge hatte vermeldet, dass er trotz Schneechaos und Blitzeis gut wieder zu Hause angekommen war. Ist vielleicht doch nicht alles blöd am Montag!


Sonntag, 16. April 2017

Von Milchkaffee in der Sonne, Raviolis und Frieden für alle








Viel zu oft vorgenommen und viel zu wenig gemacht: Städtetouren.
Angesichts der bevorstehenden freien Tage ein Länderticket gebucht und diesmal fiel die Auswahl auf Augsburg. Viel gehört, einiges gelesen - eine sehenswerte Stadt soll es sein - und davon wollten wir uns dann selbst überzeugen.

Was hat mich nun am nachhaltigsten beeindruckt? 
Der Dom Mariä Heimsuchung.
Ich bin weder ein Kirchgänger noch bin ich auch nur irgendeinem offiziellen Glauben anhängig.
Der Mann auch nicht - aber ihn faszinieren die Bauten.
Ich bin durch das Tor getreten und es ist schwierig zu beschreiben, was das in mir auslöste.
Da war eine Aura, die nur sehr schwer in Worte zu fassen ist.
Eine Aura, die mich still und zugleich so wunderbar ruhig fühlen ließ.
Den Blick nach vorn auf das bunte Ornamentfenster gerichtet, blieb ich stehen, es ist wirklich nicht so einfach zu beschreiben, aber da... war einfach etwas. Um mich herum, auf mir.
Ich wandte den Kopf nach rechts und da stand er immer noch, der alte Mann, der Bettler mit dem Becher in der Hand, draußen vor der Tür, und er schaute auch mich an. Machte ein, zwei Schritte, als wolle er auf mich zugehen. Natürlich ist mir bewusst, dass er lediglich in meiner Körpersprache erkannte: Da gibt es was. Mir sind ebenso all die Tatsachen über Bettlermafia bekannt.
Dennoch nahm ich all meine letzten Münzen, ging zurück vor das Tor und legte sie ihm in den Becher. Er lächelte freundlich aus braunen kleinen Augen.
Hernach war er fort.
"Warum machst du sowas?" kopfschüttelte der Mann, "kann man dich nicht mal einen Moment aus den Augen lassen? Du weißt doch, dass das alles Mafia ist."
"Ich weiß", lächelte ich ihn an und irgendwie.. war da einfach so eine.. unfassbare, zugleich aber wunderbare Ruhe in mir.
"Und warum machst du es dann? Warum die Mafia noch reicher machen?"
"Es war ein alter Mann, vielleicht Mafia, vielleicht aber auch nicht."
"Siehst du, der ist jetzt weg. Geld zählen vermutlich."
"Vielleicht, vielleicht aber auch nicht."
"Oder der ist jetzt in Ruhe frühstücken gegangen von deinem Geld."
"Ja, vielleicht, aber das wäre ja dann auch das Richtige."

Was hat mir am meisten gefallen?
Das "Barfüßer Café", das sich völlig unauffällig im Hinterhof einer Häuserzeile befindet und nur entdeckt werden kann, wenn man genauer hinschaut.
Ich liebe Cafés mit selbstgemalten Bildern, die dort überall an weißgetünchten Wänden hingen, und Tulpen auf den Tischen.
Wenn sie jetzt noch selbstgebackenen statt industriell gefertigten Kuchen anbieten würden, wäre dieses Kleinod kaum übertrefflich.

Was hat mich am meisten bewegt?
Der Ostermarsch mit dem Transparent "Frieden für alle und für immer". Überhaupt hörte man in den letzten Jahren deutlich weniger von Ostermärschen, von Friedensbewegungen - und dabei ist dieses Thema in dieser Zeit bedeutsamer als je zuvor.

Was ist mir eher unangenehm aufgefallen?
Die Blicke anderer Menschen. Sie haben mich verunsichert und mich fragen lassen, ob möglicherweise das Kleid zu kurz war. Wenn es nicht verrutscht (worauf ich eigentlich immer achte, dass das nicht passiert), endet es normalerweise kurz über dem Knie - und dann wieder dachte ich... Ich lebe in Europa, den Minirock (oder eben das kurze Kleid) gibt es seit rund 90 Jahren - und eigentlich möchte ich mich das nicht fragen müssen. Auch dann nicht, wenn es überwiegend Menschen anderer Kulturen waren, die mich musterten.
Als wir in Indien unterwegs waren, trug ich entweder bodenlange Röcke oder lange Hosen - aus Respekt vor der dortigen Kultur.
Ich möchte, dass man unsere hier in Europa genauso akzeptiert, dass man uns Europäer akzeptiert und nicht, wie auch im Post von Nila dargestellt, als Ungläubige empfindet, die keinen Respekt verdienen.

Was hat mich am meisten überrascht?
Der Stadtmarkt zwischen Fuggerstraße und Ernst-Reuter-Platz. Eher auf der Suche nach einer Lokalität um die Mittagszeit, fanden wir diesen Markt beim Herumstreifen in der City - und waren überrascht von der Vielfalt und den vor allem überall freundlichen, redseligen Menschen. Man begegnet einander freundlich, höflich, hilfsbereit ("Sie schauen so suchend, wo wollen Sie denn hin, kann ich Ihnen helfen?"), das Essen (Steinpilzravioli) war ausgesprochen lecker und die Johannisbeerschorle mit deutlich mehr Saft und weniger Wasser als man das beispielsweise hier in M serviert bekommt.

Als wir am Nachmittag mit der Bahn wieder heimfuhren, lehnte ich den Kopf an die Schulter des Mannes und schloss die Augen. Ich fühlte mich leichter, gelöster - und auf entspannte Art müde.
Dieser Tag hatte mir gut getan, so insgesamt.
Aber ich bin gerade nicht sicher, ob ich als Frau noch allein verreisen möchte.
Möglicherweise aber verreise ich im Moment auch sowieso viel zu selten.
Möglicherweise sollten wir das einfach wieder viel öfter tun.

Freitag, 14. April 2017

"Überall", flüsterte sie, "überall."

Bildquelle: http://www.imgrum.org/media/1301889646090928760_284178080



Bevor ich selber Kinder bekam, gehörte ich so gar nicht zu den Menschen, die verklärt und verzückt auf Babies und überhaupt Kinder reagierten. Im Gegenteil: Ich konnte mit ihnen gar nichts anfangen.
Legte man mir ein fremdes Kind in den Arm, reagierte ich eher mit Panik: "Nehmt es mir bloß wieder ab, bevor ich was kaputtmache."
Ich hatte so gar keine Idee, so gar kein Gespür dafür, was ich mit einem Baby, mit einem Kleinkind anfangen sollte.

Meine Kinder, meine Söhne haben mich über die Jahre eine Liebe gelehrt, die ich bis dahin nie gekannt hatte: tiefe, bedingungslose Liebe. Heute empfinde ich sie mehr denn je als einen Teil von mir, untrennbar, unlösbar - und wenn sonst nichts mehr geht, für sie geht es.
Der Älteste war von Beginn an mein eigenes Abziehbildchen: verträumt, verklärt, ein Seelchen, das alles hinterfragte, alles wissen wollte und so lange keine Ruhe gab, bis er all seine Fragen beantwortet fand.
Als er anfing, abends auszugehen, lag ich die ersten Nächte so lange wach, bis ich erleichtert das Drehen des Schlüssels im Türschloss vernahm.
Als er den Führerschein erwarb und sein erstes Auto kaufte, lief ich die ersten Wochen immer so lange unruhig durch die Wohnung, bis ich erleichtert das Drehen des Schlüssels im Türschloss vernahm.
Der Jüngere war ein Sonnenscheinchen, meist friedlich, meist selig und er hat viel gelacht.
Wenn ich weiß, dass er ausgeht, ertappe ich mich oft dabei, dass ich nachts oder gleich morgens in whatsapp schaue, wann er zuletzt online war - und sinke erleichtert in die Kissen zurück.
Auch er besitzt jetzt einen Führerschein und sucht sich derzeit rauf und runter, welches sein erstes Fahrzeug sein soll. Viel zu viele PS, viel zu große Maschinen - und auch wenn ich das dank Testosteronspiegel nachvollziehen kann, so hänge ich aktuell dennoch flehend an seinen Beinen: "Als erstes Fahrzeug sollte es nicht so eins sein."

Die Entscheidung, ihnen die Wohnung zu überlassen und über vierhundert Kilometer weit weg zu gehen, ist mir sehr schwer gefallen. Mein Lebensmodell hatte eigentlich nicht vorgesehen, den Jüngeren schon "herzugeben", der zehn Wochen später erst 19 wurde. Meine Wunschvorstellung war immer die, dass wir in einer Stadt wohnen, von mir aus jeder in seiner Wohnung, aber wenn man einfach Lust drauf hat, lädt man sie sich auf einen Kaffee, auf ein Mittagessen oder was auch immer ein, ratscht über Gott & die Welt, löst all die kleinen Alltagsproblemchen... Man lebt sein Leben, aber irgendwie lebt man es immer noch miteinander.

Sie sind beide noch dabei, ihren Weg im Leben zu finden, und während der eine ziemlich genau weiß, was er will, ist der andere dabei, zunächst das Chaos in seinem Inneren zu ordnen und zu lösen.. Als feststand, dass der Ältere das Unternehmen verlässt, in dem auch ich arbeite, habe ich mich viele Nächte schlaflos herumgewälzt und mich am meisten vor dem Moment gefürchtet, in dem auch er es erfuhr. Ich fürchtete mich vor dem, was es mit ihm machen würde.
Mir ist völlig klar, dass man seine Kinder nicht vor allem im Leben beschützen und bewahren kann, dass sie lernen und wissen müssen, wie sie die schwierigen Situationen bewältigen können.
Dass ich ihnen auch gar nicht alles abnehmen darf.
Mir ist jedoch auch bewusst, dass jeder Mensch mit unterschiedlicher Resilienz ausgestattet ist, und was den einen stärker hervorbringt, kann den anderen eines Tages zerbrechen.

Ich schaue auf die Fotos meiner Söhne, die auf meinem Schreibtisch stehen.
Ich betrachte meine Söhne, wenn wir auf dem Sofa lümmeln. Wenn sie essen, wenn sie schlafen, wenn es ihnen gut geht.
Seit 27 Jahren lebe ich mit dem einen und seit 21 Jahren mit dem anderen - und ich weiß, ohne meine Kinder bin ich.. nichts mehr. Es wird mich zerstören, wenn einem von ihnen etwas geschieht. Ich weiß, dass ich so stark nicht bin, das zu überstehen.

Oft lese ich Nachrichten, höre Nachrichten, wenn ich unterwegs bin.
Ich sehe Bilder von Kindern, in ihrem Gesicht, auf ihrer Kleidung ist Blut, ihre Kleider sind zerrissen, die Augen leer.. Es ist mir völlig egal, wer solche Bilder für sich propagiert. Weil die Tatsache, dass ein Kind, ein Mensch überhaupt in einen Krieg, zwischen die Fronten geraten ist, einen innerlich zerreißt. Alles krampft sich zusammen, weil man sich schuldig fühlt. Und es ist dabei ganz egal, ob man sich an einem Krieg beteiligt oder nicht.
Ich sehe die Bilder der hungernden Kinder in Afrika und in mir verkrampft sich alles auch bei dem Gedanken daran, wie unfassbar viel an Essen allein bei uns achtlos in den Müll geworfen wird.
Mir wird schlecht dabei, dass Nestle Brunnen in Afrika bohrt und Geld für Wasser von denen verlangt, die ohnehin schon zu den Ärmsten in der Welt zählen. Die ohnehin schon nichts mehr haben und zu Tausenden verhungern und verdursten.
Wie kann man weltweit Spezialisten nach Afrika entsenden, wenn die Ebola ausbricht, aber tatenlos zuschauen, dass Menschen verhungern??
"Das Versprechen eines Lebens", ein Film aus der Zeit des ersten Weltkriegs, basierend auf einer realen Geschichte. Drei Söhne hat die Familie weit über das Meer in den Krieg geschickt, und der Vater hinderte sie nicht daran. Er glaubte, es gehöre dazu, sie zu Männern gemacht zu haben. Während die Mutter der Söhne daran zerbricht, dass alle drei Söhne aus dem Krieg nicht heimkehren, schwört er ihr an ihrem Grab, dass er alle drei heimbringen wird, um sie zu Hause zu beerdigen.
"Sei gesegnet, wenn du vor deinen Kindern gehen kannst", heißt es darin.

Noch vor zwei Jahren, auf dem Weg zwischen M und L, betrachtete ich den blauen friedlichen Himmel über mir, hörte ich Musik und empfand so unendliche Dankbarkeit dafür, dass ich hier so in Ruhe fahren konnte und meine einzige Frage lediglich darin bestand, ob ich ein, zwei Stunden früher oder später am Ziel ankommen würde.
Der Krieg in Serbien, der Krieg in Tschetschenien, die Annektierung der Krim, der Krieg im Irak, in Syrien, in Afghanistan; es fühlt sich an, als sei die ganze Welt irre geworden, als sei die ganze Welt in Aufruhr, als bekämpfe jeder jeden; die Bombenanschläge in England, in Frankreich, in Spanien, in Schweden und auch bei uns.
Dass Trump über Afghanistan - angeblich im Kampf gegen den IS - eine Bombe abwerfen ließ mit über 8.000 Kilogramm Sprengstoff in ihrem Inneren, ließ mich fassungslos und stumm auf den Bildschirm starren.
Von 36 toten IS-Kämpfern ist die Rede - wer soll das glauben bei einer Reichweite der Druckwelle von einigen Quadratkilometern, in denen kein Überleben möglich sein soll? Wer soll glauben, dass es nicht wieder Unschuldige getroffen hatte - wie in jedem verdammten scheiß Krieg, weil sich niemand, einfach niemand dafür interessiert und jeder tote Zivilist als Kollateralschaden abgetan wird?
Und Trump legt sich zugleich mit Korea an.
Dabei hatte er etwas ganz anderes versprochen. Er hatte gesagt, dass er sich aus allem raushalten wollte, weil er nur ein einziges Ziel erklärte: "Make America great again". Als Präsidenten eines Landes habe ich ihn nie empfunden, aber als einen Kaufmann. Nennt mich naiv, aber ich dachte wirklich, er sei die bessere Wahl als die Clinton. Ich hatte doch wirklich darauf gehofft und gewünscht, dass er sich auf das konzentrieren würde, womit der sich auskannte: auf die Wirtschaft des eigenen Landes - ohne Kriegsmillionen. Aber ein Mensch wie er wird wohl immer nur nach seinen Beratern agieren können, er wird also nie etwas anderes als eine Marionette bleiben können.
War er nun tatsächlich die bessere Wahl - oder macht er alles nur noch schlimmer?
Im Grunde jedoch.. sind es doch aber alle Politiker, egal woher sie kommen.
Und hatte nicht unser Innenminister erst vor Wochen betont, dass Afghanistan zu den sicheren Herkunftsländern gehöre? Weil man ja offenkundig nicht nach Syrien abschieben kann, nimmt man die Afghanen, um noch rechtzeitig vor den Wahlen im September Zeichen zu setzen?
Nachdem man monatelang keinen Zweifel an der Richtigkeit dessen äußern durfte daran, unkontrolliert Millionen Menschen in das Land kommen zu lassen, weil sie ja auf der Flucht vor dem Krieg waren - wenn man sich nicht als Nazi beschimpfen lassen wollte?
Warum ist auf einmal der Amerikaner der Gute, der seit 1950 ungefähr alle zwei, drei, vier Jahre in mindestens einem fremden Land Krieg führte - und warum ist der Russe auf einmal der Böse?
Ich fühle mich an den kalten Krieg der 80er erinnert. Damals warens die Kapitalistenschweine und der Russe war der Gute, der Befreier. Heute ist es andersrum.
Amerika wählt den Trump statt Clinton.
England wählt den Brexit statt die EU.
Italien wird vielleicht folgen.
Ich hatte irgendwie die Hoffnung darin gesehen, dass die Menschen eines Landes sich nicht mehr beirren lassen, dass sie sich nicht mehr für dumm verkaufen lassen. Dass sie einen anderen Weg wollten als den bisherigen. Eine bessere Alternative als überall Krieg zu führen. Dass die Politik aufmerkt und Achtungszeichen versteht. Meinetwegen auch die im letzten Jahr gestiegenen Prozente der AfD. Glücklicherweise immer noch viel zu wenig Prozente, um tatsächlich in die Politik eingreifen zu können, andererseits frage ich mich: Welche wirklichen Alternativen zur jetzigen Regierung gibt es? Keiner hat es je besser gemacht - und auch unter einem hochgehobenen Martin Schulz sehe ich das nicht.

Ich will meine Kinder nicht in einem Krieg wissen. Ich will nicht meine Kinder begraben müssen. Schaue ich auf den Film mit Russell Crowe, dann hat sich die Kriegstechnik von damals so sehr verändert, da werden keine Kanonenwagen mehr herangekarrt und Bajonette geschwungen.
Hat die heutige Welt überhaupt noch eine Chance? Hätte sie die - wenn sie alle durchdrehen?
Fragt sich denn kein einziger von denen, was aus ihren eigenen Familien, Angehörigen, Kindern würde in einem solchen Fall? Sorgt sich denn kein einziger von denen um seine Familie?
Wir leben eine so moderne Zeit, wir haben so vieles entdeckt, entwickelt, vorangebracht - und den Menschen könnte es so gut gehen.
Stattdessen bereichern wir uns, indem wir den einen Kriegstechnik verkaufen und den anderen vorschreiben, wie viel sie für ihren Kaffee, ihren Kakao und ihre Gurken vergütet bekommen, vorausgesetzt, sie erfüllen die EU-Gardemaße. Stattdessen betreiben wir ausgewählte Medienberichte, um rechtzufertigen, dass man gar nicht anders konnte. Stattdessen wird der Mensch zugemüllt mit "Schwiegertochter gesucht", "Berlin Tag und Nacht" und all diese sinnbefreite, gequirlte Scheiße, von der ich mir einfach nicht vorstellen kann, dass man sich so etwas auch nur anschauen kann.

Ich weiß nicht, woran ich glauben soll. Abgesehen davon, dass ich überzeugt davon bin, dass es mehr Dinge zwischen Himmel & Erde gibt, die sich nicht logisch erklären lassen - und sie passieren trotzdem. Ich weiß nicht, was ich glauben soll und wem.
Ich schaue auf meine Kinder und alles, was ich mir wünsche, ist ein Leben in Frieden. Ein gutes Leben. Ich denke an den Rückflug von Indien vor einem halben Jahr und daran, wie inniglich ich das Beten lernte. Ich denke an Menschen, die sagen, für wen sie ihr Leben hergeben würden und wo ich immer dachte: "Das sagt sich alles so leicht."
Ja, das sagt es sich.
Aber ich für mich weiß: Ohne meine Kinder kann ich nicht sein. Wenn, dann mich - aber nicht sie. Nicht sie.

Montag, 3. April 2017

Ein Versprechen






I've been living like a pretender
Ready for a reason to fall apart
Demons living deep in the center of my heart

But listen I have made a decision
I am finished fading into the dark
I need another shot at beginning 
Let's restart

I'll tell you once
I'll tell you twice
And I don't care who listens I will shout it to the northern lights

I'm gonna keep 
All these promises, promises, promises, promises, promises
And you're gonna see
I want all of it, all of it, all of it, all of it, all of it

Patient but it's making you restless
Turn into tomorrow you follow moons
Cigarette you're tracing the edges
Of your room

Front door, what have I been waiting for 
You're out back, you should know that

Sonntag, 2. April 2017

Von Sackgassen und Blumenwiesen




Wenn ich heute noch ein Wort zu "Papier" bringen möchte, müsste ich mich jetzt beeilen. Denn in ungefähr dreißig Minuten schaltet sich hier alles automatisch aus - und ich weiß leider nicht, wie ich das umgehen kann, ohne Herrn Blau aus dem Schlaf zu rütteln.
Aber irgendwie... will es gerade nicht fließen. Also es will schon, aber es kann nicht. 
Und fühl mich zugleich so müde, innerlich, äußerlich. 
Vor allem bin ich dankbar für die kleinen und großen glücklichen Fügungen. Dass der Papa nun wieder wieder nach Hause gekommen ist - mit einer reparierten Herzklappe und einer damit nunmehr deutlich längeren Lebenszeit. Dankbar für erreichte Meilensteine der Söhne. 





Ich schaue auf meine Hände, betrachte mich im Spiegel.
"Sie machen schon einen bedrückten Eindruck auf mich", sagt mir am Freitag jemand, der mich seit etwa dreißig Minuten kennt und für den ich einen ungefähr zehnseitigen Fragebogen ausfüllen musste, die ich mit Beginn der Schmerzerkrankung wieder und wieder vorgelegt bekommen hatte. Und nun schaue ich ihn an und spüre, wie ich unwillkürlich lächeln muss.
"Ich bin doch einfach nur... grad ein bisschen müde", antworte ich.

Manchmal weiß ich nicht, was Menschen von einem erwarten. Du hast vielleicht nicht die allerbeste Biografie, aber du hast schon vor langer Zeit dein Leben in Ordnung gebracht und dir selbst deine Ruheinseln geschaffen. Du weißt, wann es Zeit ist, sich zurückzuziehen und ein wenig Seelenpflege zu betreiben. Du weißt, was dir guttut und du hast gelernt, Grenzen zu ziehen, Entscheidungen zu treffen und zu diesen auch zu stehen. Du weißt um all das Unerledigte und du hast akzeptiert, dass sich nichts erzwingen lässt - aber es für alles einen Weg gibt, früher oder später.
All deine Themen, die dir in der Seele immer noch weh tun, hast du lang und breit mit deinem Seelendoc auseinander genommen. Bis es - vermutlich beiden - zu den Ohren wieder rauskam.
"Ich hab den Schmerz akzeptiert und mich inzwischen an ihn gewöhnt", sage ich, "meistens jedenfalls." Und während der aktuell behandelnde Hausarzt "genau darin die Gefahr sieht", will die allgemeine Schmerztherapie nichts anderes bewirken: Akzeptanz. Wahrnehmung weglenken vom Schmerz und damit leben. Also lebst du damit und sagst dir an den meisten Tagen eines Jahres, dass es nur den Frühling und den Sommer braucht, um es erträglicher zu haben. Dass du während der intensiveren schmerzhaften Phasen nicht unbedingt auf dem Tisch tanzen möchtest, findest du nachvollziehbar.
Du hast dich auf jeden möglichen Lösungsweg eingelassen, monatelang, jahrelang, und keiner davon hat dir aber Erleichterung bringen können.
Nach zwölf Jahren darf einem auch mal ein wenig die Puste ausgehen.
Findest du.

Ich betrachte den Mann interessiert, wie er da vor mir sitzt, die Augen müde, die Stimme schleppend und fast muss ich lächeln: Am Ende sind wir beide müde aus denselben Gründen - langer Tag gewesen, es ist warm draußen und man will einfach nur in der Sonne sitzen und wahlweise einen Milchkaffee oder eine eisgekühlte Limonade genießen, statt hier drinnen in einem kleinen warmen Zimmer ohne Frischluft festzuhängen. Und während er sich vermutlich zugesteht, dass er müde sein darf, sieht er in meiner den Beweis dafür, dass ich erneut auf ein Sofa gehöre.
"Was möchten Sie? Was denken Sie?"
Ich lehne mich zurück, spüre den glatten harten Sitz unter mir und in meinem Rücken und denke daran, wie ungern ich auf solchen Plätzen sitze.
"Dass ich hierher gekommen bin ohne jede Erwartung oder Vorstellung", antworte ich auf seine Fragen. "Dass ich seit ungefähr drei Jahren, mindestens, nicht mehr bei einem Arzt war in der Hoffnung, Erleichterung zu finden. Eigentlich sitze ich nur hier, weil man mir Sie empfohlen hatte und weil ich seit ungefähr drei Wochen in beiden Händen einen neuen, anderen Schmerz in den mittleren Gelenken habe, mit denen ich anfangs weder einen Stift noch eine Tasse halten konnte. Das ist jetzt etwas besser geworden, aber ich kann nach wie vor keine Flasche öffnen oder irgendwas Schwereres wie einen Topf oder so in der Hand halten. Wenn mir jemand an die Hand stößt oder an der Hand zieht, tut das weh, als hätte ich da einen großen blauen Fleck oder sowas. Am Anfang hatte ich Fieber und ich hab mich krank gefühlt, das ist jetzt nicht mehr so. Ich bin aber nicht gleich zum Arzt gegangen, weil ich Angst davor hatte, dass jemand denkt, ich sei hysterisch."
Wir schauen uns an, wir sind beide immer noch müde und jetzt will ich nur noch raus an die Sonne, mich irgendwo in ein Straßencafe setzen und an nichts mehr denken müssen, während im Zimmer nebenan sein nächster Patient wartet.
"Soll ich Ihnen noch anderes ein Medikament aufschreiben, das man noch ausprobieren könnte?"
"Hm nein, ich denke nicht."
Es scheint mir zu ziellos, planlos.
ER scheint mir zu ziellos, planlos.

"Es gibt nichts mehr, das ich Ihnen noch mit auf den Weg geben könnte", hatte mir vor Jahren eine Therapeutin gesagt. "Nichts, das Sie nicht schon selber wissen. Sie sind reflektiert genug, Sie lassen sich nur zu schnell durch Ihr Umfeld verunsichern."

Wir stehen auf, wir geben einander die Hand und ich sage: "Ich melde mich wieder", und ich weiß schon jetzt, dass ich das nicht tun werde. Möglicherweise weiß er es auch.