Donnerstag, 1. Juni 2017

Besiegelt



Ich sitze hier und starre auf den Monitor. Eigentlich müsste ich arbeiten und eigentlich... will ich das auch. Also ich könnte es. Die Finger ruhen auf der Tastatur und ich starre auf das Video, sehe mir selber zu, wie ich da am Meer stand, barfuß trotz der Kälte, und irgendwie habe ich immer nur dort das Gefühl, dass mir nichts und niemand etwas anhaben kann. Dass ich am Ende immer kraftvoll genug bleiben würde, allem zu trotzen.

Die gute Nachricht ist, und ich empfinde sie als eine ausgesprochen positive Nachricht:
Der Küsten-Doc hat nichts gefunden. Alles ist so wie es sein soll, jedenfalls dem Labor und der Genetik nach.
Nichts zu haben, das den Körper oder das Leben lähmt, ist so unfassbar viel wert, weil Gesundheit... einfach das höchste Gut ist, das wir besitzen.
Insofern nahm ich das, was mir die Dame via Telefon mitteilte, auch durchweg optimistisch auf.

Doch nun sitze ich hier, nachdem ich Herrn Blau davon schrieb, ganz regungslos, und meine Augen füllen sich langsam mit Tränen. Denn nach und nach sickert mir in mein Bewusstsein, dass dies mein letzter, nein, mein allerletzter Versuch war, etwas zu bewegen, etwas zu erreichen, etwas zu tun gegen den Schmerz. Wie soll man etwas bekämpfen, das... im Grunde nicht existiert?

Für mich persönlich steht damit fest: Lebe mit dem scheiß Schmerz im Körper, so gut Du es kannst. Solange Du es kannst. Denn ein weiterer, ganz entscheidender positiver Aspekt bleibt ja trotz alledem: Er wird mir nicht das Leben nehmen. Nicht das Leben, an dem ich so hänge und in dem ich so unglaublich gerne bin. Meistens jedenfalls.
Aber selbst wenn ich tatsächlich einhundertundvier Jahre alt werden könnte: Ich werde nie mehr schmerzfrei sein. Seit zwölf Jahren und nun für den Rest meines Lebens.

Ja, mir ist bewusst: Es gibt vielfach Schlimmeres. Dieser Gedanke erdet mich. Aber immer hilft er mir auch nicht.

Kommentare:

amorsolalex hat gesagt…

Eine gute und zugleich schlechte Nachricht, in der Tat. Jetzt wär es wahrscheinlich Zufall, wenn du - oder jemand für dich - einen Weg aus dem Schmerz fände. Hilft es auf den Zufall zu hoffen? Wahrscheinlich sollte man wirklich abschließen.

Und was deinen letzten Gedanken angeht, dass es immer noch viel Schlimmeres gibt, dass einem widerfahren kann. Was nützt es uns, immer empathisch für andere zu sein, wenn wir es nicht auch für uns selbst sein können und uns das auch zugestehen? Uns den eigenen seelischen Schmerz, die eigene Trauer über eine Situation zugestehen, ohne sich selbst sofort wieder zur Ordnung zu rufen, weil man ja "nicht jammern" will. Jammern kann manchmal auch Trost beinhalten, den Trost, den wir uns selbst geben, indem wir uns selbst in unserer Trauer ernst nehmen und uns damit auch manchmal unserer Umwelt zumuten, weil man ein denkendes, fühlendes Wesen ist und kein Roboter, der lächelnd funktioniert.

Und auch, wenn du es nicht tust, so hoffe ich für dich auf den Zufall.

gretel hat gesagt…

Ach Mensch, ich weiß gar nicht, ob ich dir gratulieren soll zum "ohne Befund" oder ob es für das Seelenheil nicht besser ist, eine definierten Befund zu haben.
Es tut mir so leid. Ich kann mir vorstellen, dass man da manchmal am Rande des Wahnsinns ist...
Vielleicht hilft es, wenn man weiß, man ist nicht allein und ganz und gar nicht verrückt. Es sollen wohl mehrere Millionen Menschen allein in Deutschland an solchen undefinierten Schmerzen leiden (http://www.dgss.org/startseite/)
Einmal mehr geht mir durch den Kopf, sich selbst Gutes tun, sich selbst glücklich machen, Leben leben nach der eigenen Befindlichkeit - ist keine Phrase, sondern wichtige Strategie.
Viele liebe Grüße!

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Ich glaub nicht an Zufall, Frollein K. ;) Aber ich weiß, was Du meinst. Mir ist schon bewusst, dass die medizinische Forschung ja immer weitergeht und das ist auch gut so. Aber für mich ist dieser Weg hier zuende. Ich will nicht mehr. Ich will einfach nicht mehr auf Hilfe, auf einen Ausweg hoffen und dann letztlich... einfach nur wieder hier sitzen und wissen: Es gibt da keinen Weg raus. Ich denke, ich komme hier mit der Akzeptanz besser zurecht als mit immer neuer Hoffnung, die genauso immer wieder enttäuscht wird. Mal abgesehen davon, dass mir zu oft auch unterstellt wurde, dass "das ja alles gar nix ist" oder ich auf die seelische Streckbank gehörte und damit alles gut werden würde. Jahrelang habe ich all das mitgemacht, auch im guten Glauben und der Hoffnung, es würde etwas helfen, etwas bewirken. Hat es aber nicht.
Also ist die Wahrheit vermutlich doch eine andere - und das wäre ja ohnehin das, was mein Bauchgefühl mir sagt.

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Gretel, danke für den Link, ich hab mir darunter gleich mal ein Lesezeichen gesetzt und lese heute Abend genauer nach.
Ja, diese Strategie "sich selber Gutes tun" ist ja auch die, über die ich mit den Jahren selber gekommen bin. Und es ist definitiv so, dass es mir heute insbesondere im Kopf und im Bauch besser geht als noch vor 12/ 14 Jahren. Doch das einzige, was konstant seit 12 Jahren hält und bleibt, ist der Schmerz. Unverändert, stetig, einfach immer da.
Ein klarer Befund hätte mir zumindest die Hoffnung geschenkt, dass man das Problem erkannt hat und direkt angehen kann. Weil man ja zumindest daran glaubt, dass es für ein konkretes Problem auch eine passende Lösung gibt.
Mir ist schon auch klar, dass ich nicht allein mit diesem Schmerzproblem bin. Die meisten, denen es so geht wie mir, hören auch dasselbe: Sind die klassischen Laborwerte unauffällig, hat man nix, ist maximal überarbeitet oder zwischenmenschlich im Eimer. Irgendwann kannste das einfach nicht mehr hören. Grad wenn keine dieser Thesen zu auch nur irgendeinem minimalen Erfolg geführt hat. Aber wonach man suchen soll, weiß man deshalb immer noch nicht.

waage0310 hat gesagt…

Spatzl..die Lösung liegt in deiner Psyche/Seele...und so lange Du den Korken nicht ziehst..und "ES" rausläßt...werden die Schmerzen bleiben
Die Seele sendet Signale..und wenn sie nicht angenommen werden..geht die Seele über den Körper...

Man braucht Kraft und Mut..wirklich aufzumachen...

Drück Dir die Daumen

Goldi hat gesagt…

Ich bin froh das es nichts organisches ist, auch wenn man das evtl. mit ein paar Tabletten heilen könnte...

Das Angebot steht nach wie vor (und ich rauche dann auch nicht vorher und in deiner Anwesenheit ;-D ) und wenn Du es vorher probieren möchtest dann lass uns telefonieren und wir organisieren das bei dem, bei dem ich es kennengelernt habe. Ich weiß irgendwann mag man nicht mehr...

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Ach Waage... Warum willst Du mir nicht glauben, dass die für mich quälenden Themen längst aufgearbeitet worden sind? Drei Therapeuten habe ich "verschlissen", die ersten beiden haben sich eher nur daran getan, Schubladen zu öffnen, den Inhalt durchzuwühlen und überrascht zu sein von der Fülle. Wirklich geholfen hat mir dann die dritte, bei der ich auch am längsten war und die heute meinen Jungen betreut.
Fakt ist letztlich ja auch: Du kannst alles aufarbeiten - aber es wird auch immer etwas zurückbleiben - und mit dem muss man leben, es annehmen, es akzeptieren und es in die Box zurücklegen können, wenn es "hochkommt". Irgendwo las ich gestern, dass Aufarbeitung und Akzeptanz nicht bedeuten, dass man etwas verdrängt. Und ich denke, das tue ich auch nicht.

Weißt Du, Goldi, mir gings weniger darum, Tabletten zu finden, die ein Problem auflösen. Ich hatte nur einfach immer die Vorstellung, dass, wenn man die Ursache erkennen kann, man diese auch gezielt angehen kann - auf welche Weise auch immer.
Der Küsten-Doc hatte mich gefragt, ob das Problem möglicherweise auch in der Muskulatur liegen könnte - und ich schau mal, was da kommt, wenn sie mir den Bericht auch zuschicken. Was sein Fazit ist.

Es geht mir letztlich - und ich möchte das einfach auch noch mal sagen - nicht darum, partout darauf zu bestehen, dass die Ursache rein körperlich sein MUSS. Aber jeder Mensch hat seinen Instinkt, ein Bauchgefühl und das meinige ist schon recht zuverlässig, wenn ich das so sagen darf. Insofern will ich auch gar nicht auf den auslösenden Moment damals herumreiten - aber mein Gefühl sagt mir: Die Psyche ist nicht die ganze Wahrheit, sie macht das Ganze nur nicht besser. Darum ließ ich mich darauf ein, das alles auch vom Sofa aus zu betrachten. Die Quintessenz dessen bestand darin: Erkennen, verarbeiten, akzeptieren. Weil Du nicht ändern kannst, was war, aber Du kannst lernen, damit umzugehen, damit zu leben und für das Jetzt und Hier Mechanismen mitzunehmen, die es im Jetzt und Hier und für Morgen leichter machen. Früher habe ich mich immer als "Blumenmädchen" bezeichnet, das auf der Wiese sitzt und sich darüber freut, dass die Sonne warm auf ihrer Haut streichelt. Und in den letzten beiden Jahren überkommt mich immer öfter wieder das Gefühl, dahin zurückzukommen. Für mich ist es das Beste, was mir passieren kann. Weil es mir das Lebensgefühl zurückgibt, das elementar für mich ist. Für mich persönlich.
Mein Leben hat sich verändert, ich habe mich verändert, und heute fühle ich mich weitaus besser. In mir drin und um mich rum.
Doch was in all den Jahren konstant gleich geblieben ist, ist der Schmerz. Und neuerdings eben auch in beiden Händen, die es mir momentan kaum möglich machen, eine Kanne oder einen Topf anzuheben oder auch nur mal eine Flasche oder ein Glas aufzuschrauben. Nicht nur, weil das schmerzt. Auch, weil da grad weniger Kraft in den Händen ist. Und wie damals war auch hier am Anfang, dass ich etwas Fieber hatte, mich wie Grippe fühlte, die Gelenke geschwollen waren und mir weh taten.

petra {limeslounge} hat gesagt…

Ach du jeh, und ich bin schon fix und fertig von einigen Monaten Schmerz...
Liebelein, ich drück Dir die Daumen, dass es eines Tages einfach weg ist. Einfach so. Warum nicht?
Ich glaube an Wunder und wünsch Dir eins! Vielleicht findest Du irgendwann ganz unverhofft etwas,
womit es Dir besser geht, womit man vorher gar nicht gerechnet hat. Ausreichend Vitalstoffe oder so was, keine Ahnung.
Liebe Grüße und toitoitoi

Goldi hat gesagt…

Genau das meinte ich auch, die Ursache angehen. ;) Zum letzten Absatz melde ich mich über den anderen Kanal. :-*

Anonym hat gesagt…

"Und wie damals war auch hier am Anfang, dass ich etwas Fieber hatte, mich wie Grippe fühlte, die Gelenke geschwollen waren und mir weh taten."

Ich nehme mal an, dass Borreliose wirklich und ABSOLUT ausgeschlossen wurde?

Deine Beschreibung "klingt" zwar wie Arthrose/Rheuma/whatever, aber dieser Fieberschub...

Ich schließe mich petra {limesloung} an und drücke dir ebenfalls von Herzen die Daumen.

Gwen

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Petra, die ersten Monate in 2005 gings mir auch so - einerseits wird man "närrisch", andererseits ist man noch voller Hoffnung und Euphorie, das "Ding" angehen und auflösen zu können. Nach gut zwei Jahren hörte ich dann zum ersten Mal "Schmerzen muss man bekämpfen, bevor sie chronisch werden. Nach spätestens 9 Monaten muss das weg sein, sonst wird es im Hirn gespeichert und bleibt für immer." Dem folgte dann die These, das Schmerzgedächtnis zu löschen und hier wiederum 2008 die Aussage einer Schmerzärztin, dass dies in der Medizin noch niemals gelungen sei und der Kern der Schmerztherapie eben darin bestünde, zu akzeptieren und Methoden zu finden, wie man im Alltag eben damit lebt und umgeht.
Man hört halt ziemlich viel in all der Zeit, Gutes und weniger Gutes. Also weniger Gutes im Sinne von "Sie bilden sich das alles nur ein" oder "Sie sind einfach nur überarbeitet".
Ich kann nur für mich sprechen, aber DAS war für mich mitunter schwerer zu ertragen als der Schmerz selbst.
An Wunder glauben... Es klingt vielleicht komisch, aber ich tue das auch. An Wunder glauben ist ja eher ein Bauchgefühl, eine innere Überzeugung - und das Rad des Optimismus', das sich immer weiter dreht, auch wenns mal stockt und hakt.
Was mich vergangene Woche bedrückte, war diese konkrete Hoffnung, die ich hatte und die enttäuscht wurde. Dieses Gefühl und dieses Bewusstsein, das war es jetzt auch. Das habe ich mir zwar im Vorfeld schon immer wieder gesagt, aber.. ich weiß nicht, ich hatte einfach irgendwie.. ein gutes Gefühl, vorwärts zu kommen. Auch wenn ich sehr, sehr froh bin, kein Rheuma zu haben. Das bleibt immer noch die Hauptsache.
Danke für Deine Wünsche, Petra, nach dem Lesen bei Dir wünsche ich Dir aber auch dasselbe :)

Liebe Goldi, zu Deinen Worten schreibe ich, glaube ich, noch mal einen Extra-Post ;)

Liebe Gwen, ich kann zum Thema Borreliose nur sagen, dass man mir 2010 oder 2011 (ich weiß es grad nicht mehr so genau) Nervenwasser aus dem Rücken gezogen und dies untersucht hatte. Dabei wurden Borreliose und auch MS ausgeschlossen. Allerdings habe ich eine Freundin, die viele Jahre unter unerträglichen Migräneattacken litt. Laut Labor hatte auch sie keine Borreliose, bis irgendwann jemand auf Westernblood testete. Dieses Verfahren soll sehr aufwendig und sehr teuer sein, weshalb das auch nicht so gerne versucht wird. Wie es dazu kam, dass man es eines Tages dann doch untersuchte, weiß ich nicht mehr, aber sie taten es und es bestätigte sich, dass meine Freundin unter diesem "Typ" litt.
Insofern.. kann ich Dir nicht sagen, dass ABSOLUT ausgeschlossen wurde, dass ich keine hätte - denn darauf bin ich nicht getestet worden. So wie eben auch nie auf Rheuma in all den Jahren. Was eigentlich schon komisch ist, auch wenn es sich letztlich nicht bestätigt hat.
Meine damalige Neurologin meinte damals zu mir, dass es die Suche nach der Nadel im Heuhaufen sei, sobald die klassischen Laborwerte unauffällig sind. Weil das nicht bedeutet, dass man nichts hat, aber man weiß nicht, wonach man suchen soll. Weil man das Blut nicht unters Mikroskop legt und einem dort die Lösung entgegenspringt. Man muss wissen, wonach man sucht - und genau hierin läge in der Medizin und damit auch in der Akzeptanz das Problem.
Ich habe meinen Stempel weg, da kann ich machen, was ich will - und egal wie oft wiederholen, dass ich mich auf alles eingelassen habe. Ich habe mich jahrelang nicht nur seelisch auseinandernehmen lassen, sondern selber auseinander genommen, ich habe Übungen für mich gefunden, die meinem Körper und auch meiner Seele guttun - und ich weiß, wie ich mich runterfahren kann. Das alles tut mir gut - aber wie gesagt: Der Schmerz ist das einzige, das sich in all den Jahren nicht verändert hat. Und wenn dann jemand kommt, der mich, glaube ich, ziemlich gut kennt, und sagt "Is ja klar, hast halt den Korken noch nicht gezogen", dann... tut das schon ziemlich weh.

Anonym hat gesagt…

Liebe Helma,
hab deine Antwort jetzt erst gelesen (Urlaub).
Ja, das glaube ich dir gern... "hast halt den Korken nicht gezogen..." - das TUT weh.
Und ich persönlich finde so eine Bemerkung ziemlich unangebracht (drücken wir's mal vorsichtig aus).

Mir kam halt nur der Gedanke an Borreliose - und obwohl ich mir, nach allem, was ich bisher hier bei dir gelesen habe, schon dachte, dass du auch dieses Thema schon "durch" hast, habe ich das trotzdem mal in den Raum geworfen...
Ich drücke dir von Herzen die Daumen, dass jemand diese verfluchte Nadeln in deinem Heuhaufen endlich findet.

Liebe Grüße
Gwen