Montag, 26. Juni 2017

Tage der Entscheidungen



Auf meinem Schreibtisch steht seit dem letzten Weihnachten ein Kalender. Zumeist entfällt es mir, die Wochenblätter rechtzeitig umzuwenden, jedoch ist mir aufgefallen, dass sehr, sehr oft der jeweilige Wochengedanke auf genau diesen Moment in meinem Leben passte.
Gedankenverloren habe ich heute Abend ein wenig darin herumgeblättert, nicht vorgeblättert, nein, nur zurück - und dann fiel mir dieses Kalenderblatt sozusagen in die Hände, vor die Augen, vor die Füße - und ich musste lächeln. Sehr sehr breit lächeln.

Ich vermag gar nicht mehr zu zählen, wie oft mir gesagt wurde, dass ich zu sehr träume. Dass ich zu sehr rosarot empfinde. Dass ich zu sehr an Dinge glaube, die hoffnungslos sind.
Was wissen die Menschen schon... Nichts, gar nichts. All die Realisten, Zyniker, Hoffnungslosen, die glauben, es gäbe selbst in einer Welt wie dieser keinen Platz mehr für Träume und Hoffnungen...
All die Alphawesen, die immer nur rastlos vorwärts wollen und gnadenlos zur Seite schieben, was ihrer Meinung nach Entwicklungen nur aufhalten oder unnötig behindern würde, und von denen man wiederum sagt, sie müssten immer beschäftigt sein, weil sie nur Angst vor dem hätten, was die Ruhe mit sich brächte..

Es ist mir auch entfallen, wie oft mir mein eigenes Leben beibrachte, dass Gutes manchmal einfach nur Zeit braucht. Vielleicht gibt es ihn nicht, den sogenannten "richtigen Moment" - aber es gibt ein Bauchgefühl. Never mess with the Bauchgefühl - las ich erst unlängst in einem anderen Blog, und selbst wenn diese Worte mit einem so ganz anderen Gedanken aufgeschrieben wurden, so denke ich an diesem wunderbaren Sommerabend einmal mehr daran, während ich mich zurücklehne, auf bereits Geschriebenes schaue, den eisgekühlten Rosé vermisse, den ich grad nicht habe - und ich spüre mich lächeln... Das Lächeln auf mir und wie es sich in mir ausbreitet, ruhig, friedlich - und ganz weit und tief.

Vor einiger Zeit erzählte ich von meinem Jungen. Ganz woanders ganz anderen Menschen - und jemand antwortete mir: "Man denkt immer, was für ein anstrengendes Leben und jetzt muss es aber doch leichter werden. Aber das wird es irgendwie nicht." Doch wer ihn kennt, der weiß im Grunde, dass er.. einfach nur Zeit braucht. Als er vor über zwei Jahren zu uns in die Firma kam, war ich erleichtert - und fühlte dennoch zugleich keine wirkliche Erleichterung. Ohne dies hätte zu begründen gewusst. Es war einfach da... das Bauchgefühl. Heute, zwei Jahre, einen Monat und vierzehn Tage später weiß ich es: Er war bei uns nicht angekommen, nicht aufgehoben - und nicht anerkannt.
In einer Woche beginnt er ein Praktikum in einem Sozialunternehmen und wenn er sich bewährt, bekommt er zum 1. August einen neuen Job. Als wir vor etwa vier Wochen die Bewerbungsunterlagen zusammenstellten, die er gleich persönlich überbrachte, und dann so lange nichts mehr davon hörten, fürchteten wir ein wenig, dass jetzt auch nichts mehr käme. Dafür setzten wir andere Dinge in Bewegung. Bis letzte Woche der Anruf kam, das Gespräch folgte und man ihm am Ende erklärte: Erst ein Praktikum und wenn, dann ab 1. August.
Ich habe ihn vor Freude umarmt, an mich gedrückt, fett auf die Wange geküsst und er verdrehte schmunzelnd die Augen: "Jetzt geht DAS wieder los!" Wir haben uns beide einfach wahnsinnig gefreut, weil es eine Chance ist, die sich für unser beider Bauchgefühl einfach nur.. richtig anfühlt. Weil es einfach auch ein Job ist, der sich für IHN, für sein soziales Wesen richtig anfühlt. Diesmal ist es so, damals war es das einfach nicht, und nun wünsche ich ihm so sehr, dass ihm dieser Sprung nun auch gelingen möge.
Der Jüngere hingegen entschied sich trotz des noch laufenden Auswahlverfahrens für ein Ende bei der Bundeswehr. Ab 1. Juli ist dort Schluss und ob im September die Ausbildung bei der Polizei beginnen würde, war noch immer unklar. Alle Prüfungen abgelegt und bestanden - doch dann entscheidet ab dem 1. Juni immer noch ein Ranking, wer angenommen wird und wer nicht.
275 Auszubildende soll es in diesem Jahr in diesem Bundesland geben - und seit heute belegt er... Platz 275! Von Platz 306 Ende Mai bis heute immer mal ein, zwei oder auch vier Plätze am Tag gerutscht - und nun hat er erreicht, was er so lange schon wollte.

Ich erinnere mich noch, wie oft ich in den letzten Jahren hörte "Wie lange soll denn das noch gehen, wie lange willst du deine Jungs denn noch finanzieren, die sollen endlich einen richtigen Job suchen und Geld verdienen." Nur.. So einfach ist es eben nicht immer, wenn man die individuellen Eigenschaften mit berücksichtigt. Nicht jeder ist eben ein Alphatier - und muss es aber auch nicht sein. An sie zu glauben, davon habe ich mich dennoch niemals abbringen lassen. Und alles für ihre Träume zu tun, solange sie nicht ziellos, planlos durchs Leben tingelten und sich auf meiner Unterstützung ausruhten, würde ich alles, einfach alles dafür geben, damit sie den Weg in ihrem Leben finden, den sie immer gehen wollten.
"Sag mir, wovon du träumst und dann sag mir, was ich dazu tun kann."
Diese Worte vor vielen Jahren, an mich gerichtet, vergesse ich mein Leben lang nicht. Weil das eine Lebenseinstellung beschreibt, die der meinen so sehr ähnlich ist. Dieses bedingungslose Glauben an einen. Wie oft hat mich allein dieses Gefühl, allein dieser Gedanke wieder auf die Füße gestellt, auch als sich die Wege längst getrennt hatten.

Lieber Rain, falls Du das hier liest: Auf Deinen letzten Kommentar habe ich nicht geantwortet, weil ich seither über Deine Worte nachdachte und mir nicht sicher war darin, was ich darauf antworten wollte. Weil ich nicht sicher bin, ob ich sie so unterschreiben wollen würde.
Ich bin nicht sicher, ob nur Menschen, die Kinder haben, bedingungslose Liebe empfinden können. Weil eben auch nicht jeder, der Kinder hat, bedingungslos lieben kann.

"They say
love is blind.
I disagree.
Infatuation is blind.
Love is all-seeing
and accepting."


Irgendwie fühle ich meine Worte bestätigt, die ich vor längerer Zeit in meine Facebook-Chronik schrieb "Jeder sollte jemanden haben, der bedingungslos an einen glaubt." Der einem nicht permanent sagt, was er alles nicht kann und dass seine Wege nur ins Nichts führen werden. Der einem nicht jegliches Selbstvertrauen nimmt und davon ausgeht, dass nur er selber alles richtig sehen und tun würde. Weil ich selber an mir erlebe, wie unglaublich es mich beflügelt, bestärkt und mich auch heute jeden Morgen die Augen öffnen und mich fragen lässt, was der Tag heute denn Schönes für mich bereithalten würde. Und mich nicht stattdessen frage, ob und wie ich mit dem Schmerzpegel durch den Tag komme.

Und darum, liebe L., hast auch Du alles, einfach alles richtig gemacht. Auch wenn mich die Endkonsequenz dieser Tage noch immer erschüttert.

Und darum, liebe J., wirst auch Du Deinen Weg finden. Dann, wenn DU weißt: Genau jetzt.

Man darf alles - nur nicht aufgeben. Und seine Richtung ändern ist kein Aufgeben.


Kommentare:

Rain hat gesagt…

Fühle mich sehr geehrt, namentlich in einem post adressiert zu werden, das kommt...nicht oft vor^^. Danke vielmals dafür, liebe Helma.

Ja, ich seh' das schon auch so:
Jeder sollte jemanden haben, der einen vorbehaltlos akzeptiert/unterstützt/liebt.

Und vielleicht lag ich auch nicht ganz richtig mit meiner Mutmaßung, das könnten dann wohl nur Mütter sein, an ihren Kindern (mit dem argumentativ für mich angenehmen Nebeneffekt, dass ICH dann ja dazu schon mal nicht dazugehören könne, mithin nicht wüsste, wie das geht. Sowohl empfangend habend als auch geben könnend).

Wenn die Liebe aber tatsächlich das ist, was diesem Spruch entpräche,
nämlich "alles sehend und akzeptierend", dann wäre das eine herbe Niederlage für mich - bedeutete es doch, selbst nie geliebt zu haben.

Vintage Muse der Fülle hat gesagt…

Liebe Helma, ich lese diesen Post von dir, folge deinem Empfindungen und Gedanken und in mir fühlt es sich so an, als ob du in vielem mir von der Seele gesprochen hättest. Einiges, wie „Was wissen die Menschen schon... Nichts, gar nichts. All die Realisten, Zyniker, Hoffnungslosen, die glauben, es gäbe selbst in einer Welt wie dieser keinen Platz mehr für Träume und Hoffnungen...“. Wie oft habe ich schon gehört, ich müsse realistischer werden, oder das Leben sieht anders aus… Und irgendwann, recht spät im Leben, habe ich begriffen, dass bei vielen Menschen von Natur aus dieser Traumfunke nicht eingepflanzt worden ist und das sie, auch , wenn sie sich sehr ansträngen wurden, könnten nicht anders, als nur so realistisch, wie sie es meinen, zu sein. Und auch ich, selbst, wenn ich es wollen würde, könnte ich niemals so realistisch oder nur so realistisch sein, denn dieser Funke ist in mir und es ist einer der mich tragenden Funken.
Und du schreibst weiter „All die Alphawesen, die immer nur rastlos vorwärts wollen und gnadenlos zur Seite schieben, was ihrer Meinung nach Entwicklungen nur aufhalten oder unnötig behindern würde, und von denen man wiederum sagt, sie müssten immer beschäftigt sein, weil sie nur Angst vor dem hätten, was die Ruhe mit sich brächte…“
Ja, der rasante Fortschritt und die Macht der Wirtschaft und der Industrie schreien nur laut: Folge uns schnell, wir haben das Beste und das Günstigste für dich und, wenn du uns folgst, bist du, wie anderen, auf der Höhe der Zeit. Und die Leute folgen. Was sie aber überhören ist: Folge uns schnell, wir wollen nur Profit und Macht und ohne Euch geht das nicht. Und das geht auch nur dann, wenn ihr alle gleich denkt und gleiche Ängste habt… Und die durschauen das nicht, denn dafür ist keine Zeit und dann man müsse anhalten, aussteigen und sich selbst anschauen und den eigenen Schatten stellen.
Auf vieles von dir, kann ich nicht als Mutter antworten, weil ich keine Kinder habe und diese Erfahrungen, Sorgen und Ängste als Mutter kenne ich nicht.
Und du schreibst weiter: "Jeder sollte jemanden haben, der bedingungslos an einen glaubt. Der einem nicht permanent sagt, was er alles nicht…“.
Meine Güte, ist das nicht überhaupt die Basis… Mitmenschen zu beflügeln?
Liebe Helma, hier spinne ich weiter und ich frage mich: Sollte nicht jeder zuerst in sich selbst die Fähigkeit ausgraben und entwickeln, Mitmenschen „größer zu machen“?
Ich kannte eine alte Dame, die sich selbst gar nicht als solche gesehen hatte.
Diese Fähigkeit bei ihr, hat mich verblüfft, denn, andere Menschen, sei es Verkäufer beim Einkaufen, „zu beleuchten“ war ihr einfach so angeboren.
Viele befürchten dabei etwas zu verlieren, sich selbst kleiner zu machen und… die ahnen nicht, dass andere zu beflügeln bedeutet quasi sich selbst die Krone aufzusetzen. Größe und Potential bei anderen zu erkennen, bedeutet um diese Gaben auch bei sich selbst zu wissen.
Ich bin so freu, liebe Helma, dir befolgt zu sein:) Fühle dich umarmt und hab es sonnig in der letzten Juniwoche. Alles Liebe, die Grażyna

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Das würde ich schade finden, Rain. Für Dich - aber auch für die Frauen in Deinem bisherigen Leben.

Liebe Grazyna, über Deinen Kommentar habe ich mich echt richtig gefreut. So viele Gedanken!!
Einer davon hielt mich fest "Sollte nicht jeder zuerst in sich selbst die Fähigkeit ausgraben und entwickeln, Mitmenschen größer zu machen?"
Ich denke, Du hast völlig recht! Früher war ich oft verwundert, wenn mir jemand sagte, meine Lebensfreude sei so ansteckend und ich täte so gut, auch in meiner Umgangsweise mit anderen.
Inzwischen wird mir - zumindest im Unternehmen - vorgeworfen, ich sei zu weich, zu rosarot und ich würde die Tatsachen nicht sehen, nicht sehen wollen etc. Darüber lächle ich mittlerweile nur noch, ich argumentiere nicht mehr. Insbesondere im letzten Jahr habe ich wieder und wieder meinen Standpunkt klargemacht: Menschen interessieren mich, Menschen faszinieren mich - oder auch nicht. Mein Herz schlägt für die "Omega-Wesen", für die, die übersehen werden, für die, die nicht gehört werden (wollen). Höher, schneller, weiter - das beeindruckt mich nicht, im Gegenteil. Ich bin für das Fundament, für das Elementare. Wahrscheinlich kann man mit mir keine Million gewinnen - aber wenn es das ist, was andere glücklich und zufrieden macht, dann bin ich ohnehin nicht die Richtige. Natürlich wäre es weltfremd zu sagen, Geld interessiere mich nicht. Aber ich brauche keinen Reichtum auf dem Konto. Ich brauche Reichtum in der Seele - und für mein Auskommen sorge ich schon ;)

Ricci hat gesagt…

Ich freu mich jetzt einfach mal mit Dir und Deinen Jungs!!! 👍😊🍀🎉🍾

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Danke Ricci :) Ich freu mich auch wirklich, und ich hoffe, dass nach all der schwierigen Zeit einfach mal.. ein bisschen Leichtigkeit reinkommt. Sie hätten es beide so verdient.

Nelly aus Sachsen hat gesagt…

Übrigens....alle grossen Erfinder standen am Anfang alleine da und nur sie selbst glaubten an sich.
Ich glaube auch nicht, dass Liebe alles akzeptiert. Auch Liebe setzt Grenzen.