Donnerstag, 21. März 2013

Kinder, die anders sind

Als ich vor 24 Jahren das erste Mal schwanger wurde, kaufte ich mir ein Buch von Gerda Jun "Kinder, die anders sind". Ein Buch mit einem Elternreport, wo Eltern über ihr Kind berichten, das aus verschiedenen Gründen mit körperlichen und/ oder geistigen Schädigungen zur Welt gekommen ist - und wie das Leben mit ihren Kindern war.
Ich lese bis heute immer wieder in diesem Buch.
Nein, nicht weil ich selbst betroffen bin. Jedenfalls glaube ich das - aber weiß man das auch wirklich so genau? Immerhin denke ich an den Bericht über den Jungen Matthias, der, bedingt durch einen Sauerstoffmangel bei der Geburt, unter einer Hirnleistungsschwäche leidet - und sich in der Schule einfach nicht konzentrieren kann, der kaum eigenen Antrieb entwickeln kann und intensivste Zuwendung der Eltern und auch die Mitarbeit der Lehrer benötigt, um überhaupt den Anforderungen in der Schule gerecht zu werden... Dieser Matthias lebte in einer "Grauzone", wenn ich das mal so formulieren darf: zu klug für die Hilfsschule und nicht leistungsfähig genug für die Oberschule (heute die Realschule). Dazwischen die Mutter, die sich aufreibt, weil der Vater die Problematik nicht mitträgt...
Kommt mir irgendwie bekannt vor?
Dieses Buch ist mehrfach aufgelegt worden - und die Berichte der Eltern aus den sechziger Jahren. Eine Zeit also, in denen so viele medizinische Erkenntnisse und aber auch die Offenheit der Menschen (kann ich das hier eigentlich so sagen?) noch völlig in den "Kinderschuhen" steckte - oder auch gar nicht vorhanden war.
Seitdem hat sich so vieles verändert - zum Positiven. Wenigstens in medizinischer Hinsicht.
Ich weiß noch, was wir Unwissenden in der Schule für Späßchen trieben - und empfinde heute einfach nur Scham darüber. Meine Söhne habe ich von Anfang an so erzogen, dass sie allen Menschen offen gegenübertreten und sie nicht vorverurteilen, nur weil sie... eben anders sind als wir. Ich habe sie dahingehend erzogen, dass "anders sein" nicht gleichbedeutend ist mit "schlechter sein".
Oft habe ich mich damals und auch heute immer wieder gefragt, was uns "Normalos" glauben lässt, wir allein dürften über Sinn und Unsinn, Recht und Unrecht und vor allem Akzeptanz oder Nichtakzeptanz entscheiden. Wer zum Beispiel darf darüber entscheiden, ob ein Kind zur Welt kommen darf oder nicht? Die Eltern - ok. Aber ist es nicht auch so, dass man eher aus ängstlicher Unkenntnis heraus Entscheidungen trifft? Wie zum Beispiel ist das Leben mit einem Down-Kind? Kann es überhaupt glücklich sein? Ein erfülltes Leben führen?
Und ich erinnere mich weiter an einen Beitrag über Miriam, ein aufgewecktes, lebensfrohes Kind mit dem Down-Syndrom. Und den Satz des Vaters, der sagte, sie würden oft aufgefordert gewesen, Eltern mit Down-Kindern zu besuchen, um jenen die Zukunftsängste zu nehmen und auch zu zeigen: "Unser Kind ist genauso fröhlich und aufgeweckt wie all die anderen Kinder."

Seit einiger Zeit lese nun ich diesen Blog  http://sonea-sonnenschein.blogspot.de.
(Kleine Anmerkung aus gegebenem Anlass: Alle Blogs, denen ich folge, interessieren mich und die lese ich auch - sonst müsste ich ihnen ja nicht folgen ;))
Ich weiß nicht, wie es den anderen Lesern dort geht - aber insbesondere dann, wenn ich mal nicht so gut drauf bin oder irgendwie ein wenig durchhänge und ich schlage diesen Blog auf - dann schlägt mir soviel Liebe und Lebensfreude entgegen, dass ich mich dann oftmals frage "Hab ich jetzt grad wirklich ein Problem oder inszeniere ich mir nur eins?"
Ich bin wirklich dankbar für diesen Blog, ich bin froh, dass ich ihn eines Tages fand - und ich nehme mit jedem Post Anteil daran und er gibt mir irrsinnig viel.
Natürlich birgt das Leben mit einem Down-Kind viele Sorgen und Probleme - aber ist das mit allen anderen Kindern nicht auch so, wenn vielleicht auch anderer... "Natur"?
Woher wissen wir, ob unser Kind, wenn es groß geworden ist, glücklich und erfüllt leben wird? Wir wünschen uns das und wir wünsches es unserem Kind - aber wird es auch so sein? Hängt es irgendwann eines Tages an der Flasche oder an der Nadel, wie wird es mit den Erfahrungen und Enttäuschungen, die wir im Leben nun mal haben, umgehen können - oder auch nicht?
Versteht mich nicht falsch, ich will nichts beschönigen, schmälern oder gar schönreden.
Eltern mit Kindern, die eben anders sind, haben meinen vollen Respekt, meine ganze Achtung und überhaupt. Und ich weiß - ganz ehrlich gesagt - auch nicht, was ich tun sollte oder wollte, wenn ich vor dieser Entscheidung stünde. Mir ist aber eben auch bewusst, dass das vor allem da herkommt, weil man trotz aller "Öffentlichkeitsarbeit" immer noch viel zu wenig Wissen da ist, zu viel Unsicherheiten.
Soneas Mama hat erlaubt, obiges Foto zu verwenden - und ich tu das, weil ich der Auffassung bin, dass in noch vielen Köpfen ankommen muss, dass kein Mensch weniger liebenswert ist, nur weil er anders ist als Du und ich.

Sicher ist nämlich, dass ich auch mein Kind niemals weniger lieben würde, egal, ob es nun so oder anders ist - egal, ob von Geburt an oder erst Jahre später. Es ist mein Kind. Und so wird es immer sein.

Kommentare:

Clara Himmelhoch hat gesagt…

Helma, das Buch habe ich vor langer, langer Zeit auch gelesen und es hat mich sehr beeindruckt. - Ich habe Freunde mit körper- und geistigbehinderten Kindern. Ich weiß, wie schwer sie es hatten - sie haben zwar medizinisch viel Hilfe bekommen, aber es war für die eine sehr schwer, diese Kinder, die nicht oder kaum laufen konnten, zu transportieren, da sie ja im Laufe der Jahre immer größer und schwerer wurden.
Und ich weiß auch, dass ich sehr dankbar war, dass ich das nicht miterleben musste mit meinen Kindern.
Vor langer Zeit las ich ganz intensiv in einem Blog, wo ein Down-Kind (das siebente Kind) einer Familie in frühen Jahren starb - und wie alle gelitten haben, gerade, weil dieses Kind - es hieß wohl auch Myriam - so sonnig war und so viel Freude gebracht hat.
Sage mal, drängle ich mich dir auf? Ich weiß gar nicht, ob du bei mir liest. Du musst nicht kommentieren - aber aufdrängeln will ich mich mit Kommentaren auch nicht.
Liebe Grüße zu dir!

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Clara, also erst mal drängelst Du Dich überhaupt nicht auf. Ganz im Gegenteil: Ich habe Deine Kommentare vermisst! :)
Und ja - ich lese wirklich alles, was ich hier verfolge, auch Deine Blogs, ich kommentiere sie nur nicht immer ;)
Seit der Magengeschichte bin ich (zwangsläufig?) etwas ruhiger geworden - und seit der Postboten-Geschichte hatte ich mich fast eingeigelt. Aber dieser Knoten löst sich auch grad wieder ;)
Nur der Magen macht mir noch bzw. wieder Sorgen, na mal gucken, was Montag bei der Spiegelung rauskommt. Nur Gutes, hoffe ich :)
Von Down-Kindern habe ich schon viel gelesen (ich weiß auch nicht, warum mich diese Thematik so fesselt) - und immer wieder gelesen, dass vor allem ihr sonniges Wesen aufgefallen war. Eine Lebensfreude, die so vielen anderen Menschen leider Gottes abgeht - und wo wir noch so vieles "abschauen" und lernen können.

Clara Himmelhoch hat gesagt…

Ich glaube, ich habe mich blöd ausgedrückt - ich will und wollte dich nicht zu einer "Kommentarretourkutsche" drängeln, obwohl ich ich natürlich sehr freue, wenn Leute schreiben, die ich gut leiden mag - einfach so und natürlich von ihren Themen her.
Ich habe in den ersten Jahren meiner 3 1/4jährigen Blogschreiberei auch sehr oft ernster und problembeladener geschrieben. Doch jetzt denke ich sehr oft: Probleme haben die meisten selbst - und wenn ich welche habe, dann versuche ich sie so darzustellen, dass man auch darüber lächeln kann.
Ich will nicht Unfug oder Dummfug schreiben, aber "Feinfug" - denn ich will ein Lächeln oder Lachen in meine LeserInnengesichter zaubern.
Ich wünsche dir ganz sehr, dass der Befund nach der Spiegelung gut ist, denn die Spiegelung ist ja schon schlimm genug.
Ich drücke dir die Daumen.

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Clara, jetzt muss ich doch bisschen lachen: Keine Sorge, wenn ich selber nicht will, dann bringt man mich auch nicht zu was :) Da kann ich immer noch richtig stur norddeutsch sein :) Was ich also tu, tu ich, weil ich das selber schon auch so will ;)
Mit meinen Problematiken mach ich das genauso wie Du. Immer irgendwie mit Galgenhumor. Das mach ich aber im wahren Leben genauso, weil ich mich sonst selber nur unnötig in die Knie zerre und ich möglicherweise dazu komme, mich selber zu bemitleiden. Da hätte ich ja nix gekonnt. Nur wenn mich etwas tierisch aufregt, dann gibts das Ganze ungeschönt und in Pur-Fassung ;)

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

P.S. Danke für Montag, das wird mir helfen! :)
Spiegeln ist ja nicht schlimm, ich schlaf immer dabei und wenn ich aufwache, ist alles vorbei :)

Chaos-Queen hat gesagt…

Hallihallo. Bin durch Sonea bei Dir aufgeschlagen und finde Deinen Bericht toll. Ganz schön geschrieben. Mir selber ist die Entscheidung auch erspart geblieben, sie wäre sicher nicht einfach gewesen. Habe da auch heut was drüber geschrieben. Vielleicht schaust Du ja mal vorbei. Danke für Deine Worte....LG

Sonea Sonnenschein hat gesagt…

Liebe Helma,

ich danke Dir für Deine wunderbaren ehrlichen und persönlichen Worte.

Ganz liebe Grüße
Katharina

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Hallo Chaos-Queen - Deinen Blog habe ich mir gerade angeschaut und ich mag Deinen Post über Sonea. Auch die Art, wie Du sonst schreibst.
Ich werd jetzt öfter mal mit zu Dir schauen ;)

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Familie Sonnenschein, es war mir wirklich sehr ein Bedürfnis, meine Gedanken aufzuschreiben.
Und ich danke Euch, dass ich Soneas Foto dazu verwenden durfte.
Menschen sind so: Zeilen erreichen vielleicht den einen oder anderen. Eine Fotografie jedoch gibt diesen Zeilen ein Gesicht im wahrsten Sinne des Wortes - und das hinterlässt einen viel tieferen, intensiveren Eindruck.

Elisabeth J.-S. hat gesagt…

Es ist so schön, dass es funktioniert!
Schon wieder ein Schritt weiter im Bekanntmachen, Vernetzen...toll!
Dein Post über Sonea gefällt mir.
Ich bin über Sonea hierhergekommen, habe gleich bei Dir gelesen.
ich wünsche Dir ein schönes Wochenende, und ... ich komme sicher wieder
Elisabeth