Freitag, 10. Juli 2020

Abhängigkeiten


Ich habs schon ziemlich lange nicht mehr gesagt bekommen, aber heut war wieder einer der Tage, an dem ich mir sagen ließ, dass man sich ja vielleicht doch mal trennen sollte.
Und mit der Gleichmütigkeit eines Mulis antwortete ich: "Ja, mach mal."

Nicht zum ersten Mal fühle ich mich ein bisschen an die Zeiten der Ehe erinnert: Der Ex hat so oft mit Scheidung gedroht, aber nie damit gerechnet, dass ich eines Tages von mir aus gehen würde, und zwar unwiderruflich.
Und hier.. Es ist nur eine dienstliche Verbindung. Eine, in der ich mir tatsächlich jeden einzelnen Tag vordergründig private Sorgen, Frust, Ärger anhöre, zuhöre. Eine dienstliche Verbindung, in der ich nicht nur meine jobtechnischen Aufgaben erledige, sondern mindestens genauso viel Privatkram, der nicht meiner ist. Die gerne auch in den späteren Abendstunden oder an den Wochenenden zum Telefon greift und meine Nummer wählt. Auch wenn ich tatsächlich mal krankgeschrieben oder im Urlaub bin. Ich lasse es zu, nicht weil ich mich nicht abgrenzen kann. Sondern weil ich es den Umständen zuschreibe, die sicherlich alles andere als entspannt sind.
Nur letztlich kann ich nichts für genau diese Umstände, die man(n) sich selbst ausgesucht hat. 
Und dass man als Assistenz jegliche Launen zuerst und ungefiltert abbkommt, erlebe ich nicht nur in diesem Unternehmen. Meist kann ich es abfangen - aber niemand ist allein auf der Welt. Jeder von uns hat auch Sorgen, eigenen Kummer, eigene Schwächen - und seine eigenen Stärken. 
Aber das interessiert nicht. Niemand interessiert. Niemand außer er selbst und die Menschen, an die er aktuell sein Herz gehangen hat. 
Das alles ist nicht neu, aber im Moment kann ich weniger gut damit umgehen, gesagt zu bekommen, wie sehr jeder nur an sich selbst denkt, auf niemanden Verlass sei und jeder mache, was er wolle. Nur weil du nicht rund um die Uhr zur Verfügung stehst und nicht auf den Punkt genau immer gerade der Erwartung entsprichst. 
An diesem Punkt bin ich aufgestanden und habe sein Zimmer verlassen. Ich konnte es mir nicht mehr anhören. Da war nicht mal Frust oder gar Wut. Da war nur Leere.
Gemischt im Bewusstsein, dass es völlig egal ist, was du leistest, was du gibst, was du erreichst. 
Alles wird gegenstandslos, löst sich auf im Nichts, sobald du nur ein einziges Mal nicht erwartungsgemäß funktioniert hast. 
Im Moment kann ich auch weniger gut mit der Aussage umgehen, dass in unserem Unternehmen sozialistische Zustände ausgebrochen seien, nur weil Eltern von Kleinkindern Arzttermine wahrnehmen oder auch mal ganz ausfallen. Dass niemand so tough sei wie man es einst selbst war, als man noch "mit 40 Fieber als Angestellter zum Dienst kam". 
Ich frage mich.. Wofür soll man das tun? Wofür soll man bis aufs Blut alles geben - wofür?
Du bist viel schneller ersetzt als du vergraben werden kannst - und du bist schneller vergessen als du glauben wollen würdest. Deine Gesundheit kann dir niemand zurückgeben - auch nicht jemand, der die allermeisten Dinge nicht mit Empathie, sondern Geld löst.
Ich kann im Moment nicht gut damit umgehen, dass schlecht über Menschen gesprochen wird, die nicht im Raum sind. 
"Du bist das Vorbild. Wenn du so über Mitarbeiter sprichst, dann glauben der eine oder andere, dass sie das auch dürfen."

Als die Lieblingskollegin und ich heute Abend weit nach Feierabend und als Letzte das Büro verließen und die Tür hinter uns abschlossen, uns für einen Moment ganz sehr in den Arm nahmen, da begann er im Kopf, der Urlaub.
Und als mein Junge heute mal für mich das Taxi spielte und währenddessen diesen Song in den Player warf, da begann der Urlaub auch in meiner Seele. Mit einem Mal fiel die Belastung von mir ab, rückte alles ganz weit weg von mir. Der fröhliche Abend in der Gosenschenke tat sein Übriges. Ich hatte fast vergessen, wie urig es dort ist. 
In meinen Gedanken bin ich schon auf Reisen, vergrabe ich schon meine Zehen im weichen Sand und warte einmal mehr auf die im Kopf längst zurechtgeformten Entwicklungen, mit denen es mir endlich möglich wird, einen weiteren Sprung zu tun.. 

Aber jetzt, jetzt muss ich endlich schlafen. Denn morgen früh geht es los - und ich freu mich sehr, sehr, sehr auf das Meer. 

Dienstag, 7. Juli 2020

Schlussakkord - End of Story

"Können wir kurz reden?" fragte sie und ich antwortete "Ja, ich bin nur grad unterwegs, kein Problem."
Sie sprach mit mir die letzten Ergebnisse durch, widersprach auch ihrer Information von letzter Woche. Da arbeiteten die Nebennieren zu wenig. So wenig, dass sie medikamentös nachhelfen wollte und mir das Rezept auch schon vorsorglich mitgab. Diese Woche heißt es: Alle Werte sind top. 
Ob ihr der Widerspruch bewusst war, habe ich sie nicht gefragt, ich habe einfach nur zugehört. Und eigentlich ist es ja auch immer gut, wenn etwas gut ist. 
Dass ihre Untersuchungen aber nunmehr abgeschlossen sind, alle Werte super sind und ich das Rezept von letzter Woche entsorgen kann und soll, dass ich mich - wenn ich möchte - irgendwann wieder vorstellen kann zur Nachkontrolle - und dass wir uns sonst nicht mehr wiedersehen (müssen). 
Vielleicht hatte ich im Erstgespräch etwas missverstanden oder fehlinterpretiert, kann schon sein. 
Als sie sagte, sie möchte alles neu aufrollen und anschauen. 
Nun also doch nicht. 
Ich könnte ja alles nochmal rheumatologisch und neurologisch abklopfen lassen, empfiehlt sie mir. Doch die Fäden wird nicht sie in den Händen behalten. 
Sie wird eine Zusammenfassung an den Hausarzt schreiben. Soll der halt gucken, ob und was gemacht wird. 
"Das Cortison hat gewirkt, na gut, aber Cortison wirkt ja auch auf den Bewegungsapparat, von daher ist das nicht ungewöhnlich."
Ungewöhnlich nicht. Nur dachte ich, es sei richtungsweisend. Zumindest das hatte der Hausarzt vor Wochen zu mir gesagt. Aber vielleicht habe ich den ja auch missverstanden. 
Für den Moment aber trank ich nur meinen Kaffee zuende, ordnete die hin-und-her-Gedanken, bis ein aufblitzendes Rotlicht mich aufrüttelte.
Verdammt.
160 statt 120 - das wird lustig. Ne, teuer. Und sportlich.

Der Mann raufte sich das Haar.
"Wieso telefonierst du während der Autofahrt??"
"Äh... Ich hab ne Freisprech?"
"Ja und?? Aber es lenkt ab, das hätte doch auch warten können, bis du angekommen bist."
"Ja nun.. Ich wollt halt schon wissen, wie es weitergeht." Nur dass es nun eben nicht mehr weitergeht. 
"Na toll. Aber wir müssen jetzt leiden!"
"Äh.. WIR?"
"Natürlich WIR! Wie machen wir das jetzt mit dem Urlaub und mit dem Wocheneinkauf?"
Ach sooooo! Na wenns nur das ist... könnenmer ja beruhigt sein.
"Keine Sorge. Soo schnell kommt der Bescheid nicht, immerhin fahren wir schon Freitag. Erstmal krieg ich ne Anhörung und eh dann der Bescheid kommt, ist der Urlaub längst vorbei. Und den Einkauf... Ist ja nun dem Kummer sein Kleinster."
"Und du kannst dann vier Wochen nicht pendeln."
"Ja dann hast mich halt vier Wochen lang am Hals."
Und die Jungen werden das auch überstehen. Sohn II verdient inzwischen ein paar Hunderter mehr als ich. Und für Sohn I hatte ich die Steuer fürs letzte Jahr gemacht gehabt, dürfte sich frei nach Adam Riese noch mehr lohnen als die zwei Jahre davor und schon für die gabs nen warmen Geldregen. Den Rest kriegen sie auch alleine gebacken. 



Aber ich... Ich sitze jetzt hier in der Küche, vor mir der Laptop, neben mir auf dem Herd schmurgelt das Abendessen für den, der grad zum Sport los ist, und für den, der miesgelaunt in seinem Zimmer die Stimmung auslüftet. Nachdenklich sitze ich hier und irgendwie.. tut es auch weh. Auch wenn ich mir im Vorfeld immer und immer wieder mantramäßig eingetrichtert hab: "Keine Erwartungen! Keine Hoffnungen!"

Ich muss mich einfach damit abfinden, dass es keine Lösung geben wird. 

Ich will keine Wege mehr gehen und nichts mehr ausprobieren. Ich hab wirklich, wirklich genug. 

Es ist wie es ist. So lange, wie es geht, gehts. Und wenns nicht mehr geht, dann werde ich eben strunzdumm sterben, aber eben nicht zweihundertjährig. 

Und mit diesem Gefühl muss ich grad alleine klarkommen. Werde ich auch.
End of Story.




Donnerstag, 2. Juli 2020

Was war das letzte Nacht?


Es heißt immer, wenn sich jemand nicht meldet, dann ginge es ihm gut. Meiner Erfahrung nach stimmt das so überhaupt nicht. Wenn es still um jemanden wird, kann es auch etwas ganz anderes bedeuten.

Mir ging so vieles durch den Kopf dieser Tage. Einiges, das mich selbst betrifft, anderes, das mich nicht betrifft und trotzdem berührt. "Hast du nicht genug eigenes?" fragt manchmal der Mann. Und dann fügt er hinzu "Dir hilft doch auch niemand." 
Erstens - finde ich - stimmt das nicht. Es stimmt nicht, dass mir niemand hilft. Allein wenn dir nur mal jemand zuhört, kann das ungemein helfen. Und selbst wenn es keine Sofortlösung gibt - allein das Wissen darum, dass dir jemand helfen will und das auch ehrlich so meint, allein das hilft erstmal ein ganzes Stück weiter. 
Und zweitens ist es so, dass mich Menschen interessieren. Dass mich ihr Schicksal interessiert, einmal mehr dann, wenn ich sie kenne. 

Den gestrigen Abend haben wir in unserer Lieblingslokalität zugebracht. Coronaauflagenbedingt stehen weniger Tische zur Verfügung, hängen Plexiglasscheiben von der Decke, bedienen uns die Kellner mit Mundschutz, den wir selbst abnehmen dürfen, sobald wir uns auf unserem Platz niedergelassen haben. Ich liebe dieses Lokal, ich bin sehr gerne dort und ich bin froh, dass die "halbe" Schließung der letzten Wochen sie finanziell nicht in die Knie gezwungen hat. Höre mir geduldig an, wie schwierig es ist, einen ganzen Tag lang mit der Maske bedienen zu müssen. Wie schwierig es mit dem Atmen wird nach einiger Zeit, vor allem dann, wenn man eine Raucherpause eingelegt hatte.
"Dann rauch halt nicht", wäre ich versucht zu sagen, aber das kann vermutlich auch nur ein Nichtraucher so leichtfertig über die Lippen bringen. 

In manchen Städten gehen die Menschen auf die Straße, demonstrieren für ihr Recht auf Freiheit und gegen das vermeintliche Austesten der Regierung, mit welchen Mitteln sie wieviel erreichen kann. 
Es vergeht kein Tag, an dem man nicht medial diesem Thema ausgesetzt ist - und irgendwann fragt man sich, ob da etwas dran ist an dem stetig wiederkehrenden Misstrauen: "Wenn die Menschen mit einem Thema beschäftigt sind, übersehen sie das, was inzwischen neu geregelt wird."
In den letzten Wochen habe ich beispielsweise öfter über die Neuregelung des Intensivpflegegesetzes gelesen. Habe meine Stimme gegeben gegen diesen neuen Gesetzesentwurf, der vorsieht, dass beatmungspflichtige Menschen nicht mehr zu Hause gepflegt werden sollen. Schwarze Schafe, Finanzmittelmissbrauch und so, da muss man doch was dagegen tun. Immerhin belaufen sich die Kosten je Patient auf etwa 25.000,00 Euro im Monat - man kann ja der Solidargemeinschaft gar nicht zumuten, den ganzen Umfang mitzutragen.
Ah ja. Genau. Weil das in Pflegeheimen anders ist? Weil dort alle Schäfchen blütenweiß sind?
Und wie war das nochmal mit dem Pflegenotstand? 
Und wie war das nochmal mit dem Bonus von 1.500 Euro, den die Pfleger bekommen sollten? Versprochen, ohne zu regeln, wer das eigentlich bezahlt... Und sich jetzt drum streiten. Das ist so armselig, da würde man am liebsten sagen: "Steckt euch den Bonus doch sonstwohin."
Das kann aber auch nur leichtfertig sagen, wer eben kein Pfleger ist. 
CDU und SPD - der eine nennt sich christlich, der andere sozial. Und beide - und nur die beiden - wollen eine Gesetzesänderung durchbringen, die weder christlich, geschweige denn sozial ist. Denn wo bitte gibt es hier noch eine Entscheidungsmöglichkeit für denPatienten, ob er lieber daheim von seiner Familie  gepflegt werden möchte, wenn diese Entscheidung daran geknüpft ist, ob er dann auch monatlich zwischen 2.000 und 6.000 Euro dafür bezahlen kann? 
Ich hatte mich an der Petition beteiligt und war begeistert, wie viele mitgemacht haben. Wie viele Sturm gelaufen sind. Aber ich muss zugeben, mit der Zeit wurde ich auch ob der Entwicklungen mutlos. Schlichen sich Zweifel ein, ob die Summe der Menschen wirklich etwas bewirken kann - oder ob doch alles geschieht wie vorgesehen.
Heute Morgen, als ich mir ein Käffchen zubereitete und währenddessen hinaus in den Regen schaute, der gleichmütig von der Fensterscheibe perlte, da dachte ich... "Ich kann es mir leisten, mutlos zu werden. Ich kann es mir leisten, einen entsprechenden Zeitungsartikel zur Seite zu legen, weil ich nicht betroffen bin." Noch nicht. Man weiß nie, was kommt. Aber soll man nur Anteil nehmen und sich nur dann einsetzen, wenn man selbst betroffen ist? Wo bleibt der immense mediale Aufschrei, der vielleicht den letzten nötigen Druck auf die CDU als Vorantreiber dieses Entwurfes ausüben könnte? Kommt der nicht, weil jetzt alle mit der Coronakacke beschäftigt sind? Oder sein wollen?

Letzte Nacht, der Mann hatte sich längst schlafen gelegt, da las ich mich durch die Weiten des Netzes, hörte Musik, schrieb. Um eine ist es ruhig geworden. Ihr Blog ruht, ihr soziales Netzwerk ruht. Allein ihr Whatsapp-Status meldete: Sie ist noch da. Es war schon nach Mitternacht, als ich ihr schrieb und fragte, ob sie okay sei.
Was darauf folgte, brachte mich dazu, mir morgens 3 Uhr noch einen Kaffee zu kochen, mich lang auf das Sofa auszustrecken und in die Nacht hineinzuschauen. Es ist sehr schwer, einen Menschen weinen zu hören, so ganz tief von innen heraus von einem Schmerz überwältigt, und man kann nichts tun. 
Gegen das grenzenlose Gefühl von Einsamkeit eines Menschen kannst du nichts tun, nicht wirklich etwas tun, wenn du hunderte Kilometer weit weg wohnst. Nicht die Flasche Weißwein in die Hand nehmen und zu jemandem gehen kannst. Die Problematik ist sicherlich nicht coronabedingt. Meinem Gefühl nach aber offenbart der Lockdown etwas, das da ist, da war, und das man nicht sehen wollte oder nicht sehen musste, weil man sich mit anderen Dingen beschäftigen konnte. Andere Dinge, die mit dem Lockdown wegfielen und gerade die Menschen, die niemanden haben, in die Einsamkeit verdammten. 
Wir beklagen uns über Mundschutz, über monatelangen Schulausfall und Kita-Schließungen, während die Kinder nachmittags trotzdem zusammen spielen. Geht ja auch dort, wo es keine gesperrten Spielplätze gibt. Wir wissen von der Einsamkeit der Menschen in den Pflegeheimen, die ihre Angehörigen nicht mehr sehen durften. Wir wissen irgendwie auch, dass es Menschen gibt, die allein in ihrem Zuhause leben. Aber denkt man wirklich darüber nach, was das im Einzelnen bedeutet? Bedeuten kann? Wir hinterfragen die Sinnhaftigkeit von Entscheidungen, die einander widersprechen und weil wir uns in unseren persönlichen Freiheiten beschränkt fühlen.
Aber.. Wie gut geht es uns allen, die nicht allein in einem Haushalt leben? Die wenigstens ihre Kinder bei sich haben und/ oder einen Partner? Ihren Job, ihr Einkommen? 
Gerade ich.. Ich hatte das Glück, keine finanziellen Einbußen zu erleben. Ich hatte das Glück, den Job fortsetzen zu können - auch wenn ich dafür fast drei Monate nicht nach L tingeln und meine Jungen sehen konnte. Aber es ging mir gut. Ich hatte es gut. Wie oft habe ich innerlich gedacht "Bin ICH froh, dass meine Jungen erwachsen sind und ich mich nicht fragen muss, wie ich das mit Schule, Betreuung und überhaupt geregelt bekomme." Und vielleicht schmunzelt man hier oder da, wenn einer stöhnt: "Boar ey, ich dreh bald durch."
Man hört so Worte wie "Wenn du Kinder hast, dann kümmer dich doch auch und jammer nicht."
Natürlich bekommt man nicht seine Kinder, um sie anschließend in die Vollzeit-Kita zu bringen und von fremden Menschen  mehr oder weniger erziehen zu lassen.
Aber ohne Einkommen funktioniert das Leben mit Kind/ern auch nicht. Und macht man sich da wirklich mal Gedanken um die Belastung der Eltern, die ihren Job mit erwarteter Kraft fortsetzen sollen, nun aber auch den Part der Schule mit übernehmen und die Ganztagsbespaßung der Kinder?

Ich lese von "Risikopatienten", die sich ausgegrenzt fühlen, wenn man sagt "Sollen sie sich doch schützen, da muss ja nicht gleich ein ganzes Land in Quarantäne geschickt werden."
Ich lese von Risikopatienten, die genauso Wünsche, Träume und Hoffnungen haben wie wir alle. Bekomme einen tieferen Einblick in das Leben eines Menschen, dem es nicht so gut geht wie dir und mir. Was es konkret bedeutet, ein "Risikopatient" zu sein. Bekomme ein neues, anderes Verständnis für eine Situation, die ich als Außenstehender bislang auch eher nur von außen betrachtet hatte. 
Ich bin schon immer noch im Zweifel darüber, wieviel Quarantäne tatsächlich notwendig war - und warum wir diese jetzt mit Covid19 erlebten und nicht schon zu anderen Jahren, in denen Tausende Menschen gestorben sind. Ob das Ausmaß tatsächlich so notwendig war - und warum so viele Menschen hysterisch reagieren, wenn man vermeintlich zu nah herangerückt ist oder die Maske nicht richtig trägt. Der Mann sagt oft "Es ist ein Mund-UND-Nasen-Schutz, geht aber an vielen vorbei, wenn ich mich so umsehe." 
Vielleicht hat man das früher nicht gemacht, weil man diese Quarantäne tatsächlich gar nicht finanzieren könnte? Stellen wir uns vor, wir hätten mit jeder Grippeepidemie eine landesweite Quarantäne, was würde dann? Was würde mit unserer Wirtschaft und mit der Leistungskraft von Bund, Ländern, Krankenkassen? Wieviel ist ein Leben wert? Wieviel zählt der Mensch tatsächlich? 
Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen: Nichts. Auf einen Patienten, der dauerhaft erkrankt und nicht dauerhaft leistungsfähig ist, wird - Entschuldigung - geschissen. Du zählst nicht, weil du nur belastest, nur kostest, aber nichts in die vermeintliche Solidargemeinschaft einbringst. 
Warum haben wir von etwa 22.000 oder 25.000 Grippetoten aus der Wintersaison 17/18 nur erfahren, wenn man es googelt oder beim RKI nachliest? Und warum darf ich die einen nicht mit den anderen vergleichen? Wo wir doch von Covid19 sowieso noch keine Ahnung, Entschuldigung, Erfahrung hatten? 
Aber unterm Strich... Wir alle, die sich für jung - stark - gesund halten und bei denen die vermutete Wahrscheinlichkeit, schwer zu erkranken, gering eingeschätzt wird - wir können es uns leisten, über Mundschutz und Lockdown zu meckern, zu schimpfen, zu jammern über Beschränkungen unserer Freiheit. Und ohne darüber nachzudenken, wie sich das Ganze eigentlich anfühlt für diejenigen, die sich ohnehin schon benachteiligt fühlen - und das ganz offensichtlich zu Recht. 

Ja, ich weiß, das ist thematisch vielleicht ein etwas schwererer Rucksack zum Donnerstagmittag. Jetzt, wo der Sommer kommt und man vor allem eines wünscht: wieder mehr Leichtigkeit - im Umgang, im Leben, im Miteinander. Und wo das Wochenende kommt, wo man dem süßen Leben einmal mehr frönen will und darf und soll.
Doch diese und andere Gedanken ließen mich letzte Nacht nicht schlafen. 
Es war gegen halb fünf, als ich mich zwang, eher der Vernunft willen. Es war gegen halb fünf, als ich mich neben den Mann legte und dachte, wie froh ich bin, hier liegen zu können. Zu dürfen. Aus eigener Entscheidung heraus, ohne fremdbestimmt zu sein. Wir wissen gar nicht, wie gut es uns geht, bis man es uns genommen hat. 

Mittwoch, 1. Juli 2020

give me your love


"Selbst wenn wir allein sind, 
werden wir von den Menschen bewohnt, 
die uns gemacht haben."
(Paul Auster)


In mir mischen sich Eigenschaften meiner Mama, Eigenschaften meines Papas. Als ich von zu Hause auszog und heiratete, war ich Anfang zwanzig und dennoch vollkommen kindlich, den Kopf voller Träume und Wünsche an das Leben, die Seele voller romantischer Vorstellungen, die mit der Realität so gar nichts gemein hatten und in den folgenden Jahren fast vollständig erstickten. Ich wusste nicht, wie man ein Essen zubereitet, wie man ein Kind erzieht, ich wusste nicht, wie man eine Ehe führt und was von mir erwartet wurde - und der Lernprozess war sehr, sehr schmerzhaft. Eingezwängt in die Vorstellungen anderer habe ich das Leben geführt, das nicht mein Leben war. 
Noch heute erinnere ich mich an eine E-Mail vor siebzehn Jahren, als ich endlich, endlich den Schritt nach außen gewagt, den Sprung gewagt hatte: "Mir scheint, du bist jemand, der gar nicht er selber ist. Du hast dir eine zweite Haut so sehr übergestülpt, dass du glaubst, es sei deine eigene." Ich wusste, was er meinte. Aber damals wusste ich noch nicht, wie sehr recht er hatte. 
Zum allerersten Mal an mich selbst erinnert fühlte ich mich in der Begegnung 2002. Eine Begegnung, die ich gar nicht wollte, über die ich gar nicht nachdachte, und die sich doch mit einer solch wiederkehrenden Beharrlichkeit in mein Leben mischte wie zwei Farben, die ineinanderfließen, mehr und mehr. Und du schaust fasziniert darauf, wie sich das Rot in das Weiß mischt, mehr und mehr, und irgendwann nimmst du den Pinsel in die Hand und verteilst das ganze Rot in dem Weiß, in immer größeren kreisenden und doch zärtlichen Bewegungen... Es war wie ein Erwachen. Zaghaft, aber nachhaltig.

Give Me (your) Love.
Ich war über dreißig, als ich lernte, was ein Milchkaffee ist. Als ich lernte, was Antipasti und Tapas und Fingerfood sind. Wie wunderschön die Stadt war, vor deren Toren ich lebte. Ich entdeckte, wie viel Sehnsucht ich hatte, Sehnsucht nach einem erfüllten, fröhlichen Leben, in dem ich das, was zu tun war, mit Herzblut tun würde. Mit Liebe. Mit Geduld. Mit der Entspanntheit, mit der nur Menschen leben können, die in sich ruhen. Die um sich selbst wissen und sich nicht darum kümmern, wem sie in den Kram passen und wem nicht. Die wissen, dass sie nicht in jedermanns Kram passen müssen - und trotzdem nicht weniger wert sind. 

Grad klopft mir wahnsinnig das Herz, bis hoch in den Hals kann ich jeden einzelnen Schlag spüren..

Man sagt immer, man soll nicht zurückschauen, man soll sich auf das Heute fokussieren und nach vorn schauen, nach dem Morgen. Ich selbst, und das hab ich sicherlich schon öfter geschrieben, schaue aber ganz gerne mal zurück. Manchmal mit Wehmut, manchmal mit Demut, manchmal mit Scham - und ganz oft mit Erleichterung. Erleichterung darüber, dass das Leben von heute ein ganz anderes Leben ist als früher. Ich bereue nicht die Begegnungen, die ich zugelassen habe - auch wenn ich einiges heute anders machen wollen würde. Wenn ich jede Begegnung zu einem Ziegelstein metaphern würde, dann ist jeder einzelne Stein irgendwie notwendig gewesen, um mich wieder neu zu errichten. Den Putz abzuklopfen, der verbirgt, wer ich wirklich bin. Ich habe aber auch gelernt, dass nicht jeder Ziegelstein dafür gemacht ist, für immer an seinem Platz zu bleiben. Manchmal füllt sich eine Lücke und man ruckelt an den Steinen herum und spürt, dass irgendwo etwas nicht passt. Und du schaust dich um, nimmst wahr, begutachtest, setzt ein, prüfst, nimmst ihn heraus und suchst nach einem anderen, den du einsetzen kannst.. Und mit der Zeit lernst du mehr und mehr Achtsamkeit. Achtsamkeit, die dir verbietet, gedankenlos einen Stein zu entfernen und durch einen anderen zu ersetzen. Manchmal fällt dir auch einer vor die Füße, den du bis dahin so gar nicht wahrgenommen hattest. Aber du siehst ihn, hebst ihn auf und fügst ihn in die Lücke ein. Und siehe da.. er passt. 

Heute, denke ich, bin ich mehr denn je ich selbst. Dabei werte ich nicht zwischen positiv und negativ. Ich werte lediglich, dass ich mit dem zuletzt eingefügten Stein zum allerersten Mal das Gefühl habe, wirklich auch bei mir selber angekommen zu sein. In mir ruhen zu können. Nicht mehr von unerfüllter Sehnsucht zerrissen und gequält zu sein. Nachts nicht mehr ruhlos durch das dunkle Zimmer auf und ab zu wandern, aus dem Fenster zu schauen, weil du fühlst, da ist jemand und da ist doch niemand. 
Und manchmal, manchmal in Nächten, in denen du wach und aufmerksam in die Welt schaust, da befühlst du dein eigenes Mauerwerk, tastest mit den Fingerkuppen zart über jeden einzelnen Stein, jede einzelne Kante und du erinnerst dich an alles, an wirklich alles, was du mit jeder Begegnung gelernt hast. Was dir jeder einzelne Ziegelstein mitgegeben hat. Denn auch wenn der eine oder andere Stein nicht mehr an seinem Platz ist, so hast du nichts von dem vergessen, das er dir mitgegeben hat. Nichts von dem, das dich geformt hat. Das dein Mauerwerk geformt hat. Dein Mauerwerk, mit dem du dich heute stark, stolz und trotzig dem salzigen Wind entgegenstellst. 

Mittwoch, 24. Juni 2020

Cocktails on the Moon


Eigentlich bin ich nicht wirklich abergläubisch. Eigentlich bin ich eher die, die nur glaubt, was sie auch sehen und fühlen kann - oder woran sie eben auch gerade glauben möchte.
Gleichwohl habe ich eines festgestellt: Wenn ich über manche Dinge oder insbesondere Gefühlsschwingungen schreibe, dann verkehrt es sich hernach oft ins Gegenteil. So als würde ich Dinge "beschreien". Hat der Papa immer schon gesagt: "Spotte nicht mit der Eule, is auch nur n Vogel". 
Und ich habe beschlossen, über manches jetzt einfach nicht mehr zu schreiben. Vielleicht muss ich es ja doch nicht rausfordern, was auch immer "es" meint. 

Ich weiß nur, ich weile gerade in L und ich bin gerade verdammt froh drum. Nicht nur ob der wundervollen Überraschungen, die mich hier erwarteten. Da denkst du, dein eigener besonderer Tag ist doch längst vorbei und Geschichte, hast du stattdessen irgendwo im Gepäck ein paar "handverlesene" Dinge, von denen du hoffst, dass sie anderen Freude machen - und dann.. triffts dich selbst.
Und ich bin dankbar. Sehr dankbar.
Und ich weiß außerdem, dass es demnächst wieder auf Reisen geht, wieder quer durch das Land mit einem etwas anderen Ziel als beim letzten Mal - und heute Abend bastle ich wieder an der entsprechenden Playlist. Ein - wie ich finde - geiler Mix aus 70er, 80er Mucke und was da sonst noch so rumschwirrt.  Immerhin - wer fährt, darf die Begleitmucke bestimmen. Blöd halt nur, dass ich nicht so laut hören kann wie ich es normalerweise gewohnt bin. Aber ich habe ja bis zur Reise noch mindestens zwei Single-Fahrten vor mir, auf denen ich mir stundenlang die Ohren wegfliegen lassen kann. Wo ich die Texte mehr oder weniger auswendig lernen kann, um sie wenigstens mitsingen zu können, wenn schon die Lautstärke runtergeregelt werden muss. Wenigstens hört der Mann mich gerne singen. Und ich kanns wirklich nicht, ich schwörs. Aber ich finds cool, dass er es inzwischen gerne hört. Nicht so wie die Kinder, die früher immer wortlos ihre Zimmertür nachdrücklich ins Schloss fallen ließen, wenn ich erst mal losschmetterte. Oder wie an jenem Tag, als Sohn II aus dem Ferienlager kam und meinte, es sei ihm doch viel zu ruhig zu Hause und ob man nicht alle Türen offen lassen könne. Woraufhin ich ihm vorschlug, ich könnte doch was singen und er nur abwinkte "Ne lass mal, reicht mir auch, wenn du nur übern Flur latscht."

Ja und sonst.. Hab ich einen ersten Termin hinter mich gebracht. Nicht ohne eigene Nervosität, das muss ich gestehen. Ich war so aufgeregt, dass ich die Hälfte vergaß zu erwähnen - und schon jetzt sagt die Frau Doktor "Das ist aber wirklich viel."
Ich kann nicht einschätzen, wo sie mich einordnet und ob sie dies überhaupt tut oder tun wird. 
Sie hat mich nur gefragt, wann dies und jenes genauer angeschaut wurde, zum Beispiel mein "Zusatzhirn". Und dass sie gerne alles ganz von vorn aufrollen möchte. Mir ist das irgendwie nicht unrecht. Ich meine.. Wenn es eine Radiologie schafft, in drei Berichten drei verschiedene Angaben von ein und demselben Zusatz-Hirn zu machen, dann schafft das nicht unbedingt (mein) Vertrauen. Von 0,8 bis 8,0 Zentimetern war da alles dabei - aber in Wahrheit ist das Ding 4 x 5 Zentimeter groß und macht zumindest in den letzten zehn Jahren keine Anstalten, weiterzuwachsen. Wenn sie sich das alles aber wirklich nochmal genauer anschauen möchte - bitte sehr. 
Zumindest hat sie nach nur einem Termin einen Verdacht auf Herz und Nieren ausgesprochen - und hinsichtlich der Nieren, genauer gesagt der Nebennieren, nach nur einem Test Recht behalten. Sorgen mache ich mir da keine, denn ich habe gelesen, dass man dies möglicherweise durch einen Verzicht auf Kaffee irgendwie mitregulieren könnte. Und seit mir eine Leserin den wunderbaren Cafe Pino empfahl, den ich mir diese Woche unbedingt noch nachkaufen muss, könnte ich mit einem etwaigen Verbot durchaus leben. Wäre im Übrigen auch dem Erhalt des Zahnweiß' zuträglich, also von daher..
Kommende Woche gibt den ersten Folgetermin, an dem sich die Nieren in einem zweiten Test nochmal genauer angeschaut und anschließend behandelt werden und dann schauen wir, wies weitergeht. "Schritt für Schritt", hat sie gesagt und ich konnte ihr Lächeln hinter der Maske eher erahnen als sehen.
Ich warte übrigens sehnlichst auf den Wegfall der Maskenpflicht. Mittlerweile habe ich in beiden Handtaschen eine deponiert, seit ich die zweimal zu Hause vergaß und nochmal umkehren durfte.  Aber bei gefühlten dreißig Grad mit Maske in den 5. Stock hochzusteigen, macht nicht wirklich Spaß unter so einem Drecksding. Klar könntsch auch den Lift nehmen, aber hey, wer rastet, der rostet, harhar. Den Lift nutze ich auch zu Hause nur noch, wenn ich auf Reisen gehe. Ich dachte ja am Montag, wat willste da großartig mitnehmen, es werden heiße Tage, die paar Kleidchen in der Tasche merkste gar nicht. Nun ja. Am Ende war die Reisetasche trotzdem voll, ich hatte nen Schuhbeutel dabei, die Notebooktasche, ja und natürlich meine Handtasche. Außerdem das selbstgefertigte und gerahmte Bild, das ich zu verschenken gedachte und halt so paar Sachen. Ein bisschen musste ich da schon über mich lachen. Frauen halt. Kennste eine, kennste alle. 

Aber was solls. Sei es wie es sei. Mit der richtigen Musik geht fast alles. Und mit den richtigen Menschen. 
Liebe Herzensfreundin, ich träume noch immer davon, wir am Strand! Man kann ja vielleicht Cocktails aufm Mond trinken - aber am Ufer eines Meeres mit Dir täts auch erstmal fürs Erste. 

Mittwoch, 17. Juni 2020

Über den Dingen


Stell dir vor, du kommst zur Welt, du lernst laufen, sprechen. Dein Geist ist so beweglich, so agil, dass du viel zu oft schneller denkst als du zu sprechen vermagst. Entsprechend oft verhaspelst du dich und dein Umfeld reagiert gereizt: "Verstehst du, was der von mir will? Ich versteh den nicht."
Du willst alles wissen, alles entdecken, du hinterfragst alles und so lange, bis du es verstehst bzw. bis es einen Sinn für dich macht. (Hierin erkenne ich mich so oft wieder.)
Du bist unfassbar schüchtern, aber alles in dir begehrt nach Liebe, nach Zuwendung, nach Anerkennung. Es ist unglaublich, wie du leuchten kannst, wenn du das bekommst. 
Aber du bekommst es viel zu wenig. 
So schnell und beweglich dein Geist auch ist, so wenig kannst du dich auf plötzlich veränderte Situationen einstellen. Du hängst an deinen Gewohnheiten, vermutlich, weil die dir etwas vermitteln, das du früh begonnen hast zu vermissen: Stabilität. Geborgenheit. Und je älter du wirst, desto ausgeprägter wird es.
Auf die meisten Menschen wirkst du verträumt, nicht bei der Sache. Man muss dich anstupsen, immer wieder. Aber du musst wissen, den meisten Menschen fehlt dafür die Geduld.
Überhaupt fehlt den Menschen die Geduld, das Verstehen - und die Akzeptanz dafür, dass ein Mensch ist wie er ist. Aber dass er ein Mensch ist wie jeder andere auch. Ein Mensch, der hofft und lebt und denkt und fühlt und wünscht und träumt. Von dem Tag, wo alles anders werden soll. Wo alles besser werden soll. Und du bist der Überzeugung, dass die Welt gut zu dir ist, weil du es auch bist. Du glaubst daran, dass dir niemand etwas Böses will, weil du es auch niemandem wünscht. 
Du willst gar nicht hören, dass es nicht so ist. 
Du willst es nicht hören von Menschen, die glauben, sie hätten schon alles gesehen und erlebt und müssten dir erst noch zeigen, wie es funktioniert, dieses Leben. 
Und bei diesen Worten "Das Leben ist nun mal so" möchtest du dich genauso gerne übergeben wie ich mich. 
Weil, das Leben ist nicht so. Es berechtigt niemanden, sich über einen anderen zu stellen. Es entschuldigt nicht, dass der Mensch ein Schwein ist - und es damit begründet, dass er auch nur von eben solchen umgeben sei.
Weil das Leben das ist, was wir daraus machen. 
Genau daran möchtest du glauben. Doch mit den Jahren lernst du, dass du irgendwie.. gegen Windmühlen läufst. Du suchst und findest einfach nicht den richtigen Platz, fühlst dich nicht geborgen und nicht aufgehoben. 

Da, wo du vor eineinhalb Jahren angekommen bist, hast du dich reingefunden. Der Start war vielleicht etwas holprig, aber der Weg glättete sich mit der Zeit. Du hast den Zugang gefunden zu dem, was dich umgibt. Die Anerkennung, die zwischendrin immer mal aufblinkt, zuletzt ganz deutlich vor etwa drei Wochen, ein ganz helles Licht, das macht dich froh, das entspannt dich. Dich und diejenigen, die dich lieben. Jedenfalls hast du das gedacht - bis vor etwa zehn Tagen. 
Es ist nur eine einzige, die es schafft, dich von deinem aufrecht gewordenen Gang wieder runterzureißen. Warum sie das tut, kann niemand sagen.
"Das Schlimme ist, dass ich mir vorstellen kann, dass sie recht hat", sagst du. Und deine Flügel hängen tief, viel zu tief. 
Wenn man dir etwas Negatives sagt, glaubst du das sofort, denn damit kennst du dich aus.
Wenn man dir etwas Positives sagt, glaubst du kein Wort, weil du dir nicht vorstellen kannst, dass es stimmen soll.
Entsprechend lange dauert es, bis man dich wieder aufrichten kann.
Und kaum stehst du wieder, bekommst du heute den nächsten Tritt in die Kniekehlen.
Menschen, die dich kennen und die dich lieben; Menschen, die dich kennen und dich mögen, die verstehen das nicht und können es nicht einordnen. Sagen, dass du drüber stehen sollst. Aber das kannst du nicht. Du bist so oft verletzt worden, so zerrissen von Selbstzweifeln, dass du dich nur noch mehr verschließt und an nichts mehr glaubst.
Und ich.. Ich steh da und weiß nicht, was ich noch tun soll. Mir glaubst du kein einziges Wort. 

Dienstag, 16. Juni 2020

"Heimat ist, wo das Meer ist"



Da ist sie nun vorbei, diese eine erste Woche am Meer, von der die zweite bald folgen soll, nur dann diesmal an einem anderen Ort.
Diese eine Woche war genau so wie ich sie mir gewünscht hatte: mit Sonne, mit Wärme, zuweilen auch mit kälteren, stürmischen Tagen, mit Muscheln und Steine suchen barfuß am Strand (oder eben auch in Boots), mit streichelzartem Wind in den Haaren und eben diesem Gefühl von endloser Tiefe und Weite, wenn man so nah am Ufer steht und die Arme ausbreitet.
"Ich bin die Königin der Welt!" schrie ich begeistert, während der Klang der Worte vermutlich ungehört im Tosen der Wellen versank.


Wir waren kaum zwei Tage im Norden, da sagte der Mann zu mir: "Die Leute hier sind so unfassbar nett und freundlich, dass es mir fast Angst macht."
Das hat mich amüsiert, aber irgendwie auch gefreut. Immerhin sind wir Fischköppe nicht umsonst darin verrufen, derart maulfaul und unzugänglich zu wirken, dass es schon wieder unhöflich anmuten könnte. 
Gerade dieses Foto "Heimat ist, wo das Meer ist": Ich realisierte erst, dass hinter diesem Fenster in Neustadt ein Immobilienbüro (glaub ich) zu Hause ist, als die Frau hinter diesem Fenster an ihrem Schreibtisch herzlich lachte und mir winkte. 
Humor muss auch bewiesen haben, wer in Lübeck ein Ärztehaus "Fegefeuer" nennt.
"Ich habs heut im Kreuz, ich geh mal ins Fegefeuer." Über sowas könntsch mich kaputtlachen :)
Überhaupt hat es mir in Lübeck (natürlich abgesehen vom Strand und vereinzelten wundervollen Häuschen am Rande des Meeres) fast am besten gefallen: Die südliche Altstadt hat es mir angetan - mit den vielen kleinen, oft Ziegelsteinhäusern; die Stadthäuser - schmal und oft dreistöckig. 
Aber bei den Mietpreisen blieb mir oft die Spucke weg. Das ist ja Münchner Preisniveau - Altstadt hin oder her? Da war ich schon sehr überrascht.

Überrascht war ich auch von einer Begegnung mit jemandem, den ich über den Blog kennenlernte; zwar relativ lange geplant und entsprechend im Kopf vorbereitet, von dem ich jedoch nachhaltig beeindruckt blieb. Und das nicht einmal aus besonderen, bestimmten Gründen. Aber - und hier spreche ich auch nur für mich selbst - es gibt Menschen, denen schaust Du in ihr Gesicht und fühlst Dich in genau diesem Moment von diesem Menschen, von diesem Gesicht angezogen. Beziehungsweise von dem, was Du glaubst, in diesem Moment in den Augen des anderen wiederzuerkennen. 
Im Nachhinein wurde mir einmal mehr bewusst, warum ich niemals an einem Bloggertreffen teilnehmen würde. Ich persönlich finde die einzelne Begegnung wunderbar persönlich und vieeeel nachhaltiger. Grad wenn man nur einen halben Tag gemeinsam hat.


Wirklich genossen habe ich auch, dass es mit dem Mann so entspannt war. Dass es wirklich auch ein Urlaub für die Seele war, lange ersehnt, lange darauf gewartet. Es gibt schon Momente, wo ich dann und wann an frühere Zeiten denke und wo ich mich frage, warum ich das Damals zwar anstrengend, aber normal fand. 

Ein besseres Geburtstagsgeschenk hätte mir der Mann nicht machen können. Vor allem auch mit dem Abschluss, indem er mir vorschlug, einen Tag eher abzureisen und dafür eine Nacht in L Zwischenstopp zu machen. Denn während man gerade noch denkt "Ich bin so froh, wie alles grad läuft und sich entwickelt", verdreht sich schlagartig alles ins Gegenteil. Vielleicht sollte ich positive Entwicklungen einfach auch nicht mehr aufschreiben, nicht mehr "beschreien". Jedenfalls bin ich am Samstag Vormittag mit einem wesentlich besseren Gefühl nach Hause gefahren als ich am Freitagabend dort angekommen war. Und lehne mich immer wieder mal entspannt vom Schreibtisch zurück, schließe die Augen, betrachte die Fotos und denke "Grad eben war ich noch dort.. Ich kanns noch atmen, riechen, schmecken..." Und dann lächle ich, öffne die Augen und mache weiter. 




Sonntag, 14. Juni 2020

Hüte dich vor deinen Träumen

Als ich irgendwann vor vielen Jahren aus dem Ferienlager nach Hause kam, sagte der Papa abends, als ich schlafen ging, zu mir: "Merk dir gut, was du heute Nacht träumst, das geht dann in Erfüllung."
"Warum?"
"Weil es die erste Nacht im Zuhause ist."
Und ich schlief und träumte, die Großmutter wäre bei ihrer Schwester im Westen gewesen und hätte uns ein Paket geschickt mit Kaffee und zwei Hosen für den Papa, mit vielen Süßigkeiten für uns Kinder. Ich habe es geträumt und mir auch gemerkt, aber vergessen, davon zu erzählen.
Es mochte etwa vier Wochen später gewesen sein, vielleicht auch etwas eher, vielleicht auch etwas später - aber genau so ein Paket kam. Bis heute denke ich dran und versuche jedesmal, darauf zu achten, was ich träume, wenn ich von einer Reise wieder nach Hause komme. Meistens aber sehe ich.. nichts.

In unserer ersten Nacht im Feriendomizil an der Küste, da träumte ich, ich würde zwei Hühnergötter finden. Was tatsächlich recht unwahrscheinlich ist - ich kann den Strand kilometerweit ablaufen, aber einen Glücksbringer finde ich so gut wie nie. Tatsächlich so gut wie nie.
In der einen Woche am Meer habe ich nun aber wirklich zwei Hühnergötter gefunden - und noch nicht mal richtig danach gesucht.
Nur das war doch gar nicht mein Zuhause?

Gestern Abend sind wir nach Hause gekommen und spät in der Nacht zu Bett gegangen. Vor dem Fenster tobte das Gewitter, aber das macht mir keine Angst. Im Gegenteil, ich liebe es - und schlief  entsprechend entspannt ein. Sehe eine Faust vor mir, in die ich beißen will, auch weil ich glaube, dass das meine eigene ist (und warum noch sonst, weiß ich nicht mehr). Wenn ich aber zwei freie Hände habe - dann ist es wohl doch nicht meine eigene Faust. Und als ich dann noch merke, dass ein Arm um meinen Hals liegt, der zudrücken will, versuche ich umso verzweifelter, in diese Faust zu beißen. Erfolglos - bis ich mich aus dem Traum reiße.

Hm tja. Was stimmt nun? Die erste Nacht zu Hause oder die erste Nacht woanders?

Was weiß ich. Ich weiß nur, dass ich immer noch zu müde bin, um mehr zu erzählen. Oder die letzten Kommentare zu beantworten. Was erschwert wird dadurch, dass ich via Handy nicht mehr kommentieren kann. Was fürn Scheiß! Und auch weil es uns gestern, als wir heimkamen, alles ausgepackt, verstaut und in die Waschmaschine gesteckt hatten, bei schätzungsweise dreißig Grad Außentemperatur in den Lieblingsbiergarten zog. Während es wiederum heute den ganzen Tag regnet und die Temperatur um mindestens die Hälfte gefallen ist.
Irgendwie auch kein Wunder, dass man da matschig wird im Kopf und Blödsinn träumt.

Donnerstag, 4. Juni 2020

Die schwierigste aller Fragen

Quelle: https://www.pinterest.de/pin/755338168741875827/

Samstag wollen wir relativ zeitig starten. Immerhin vom Süden in den Norden, da liegt ein bisschen Wegstrecke vor uns.
Während der Mann wie gewohnt minutiös jeden einzelnen Tag am Meer verplant, um die Zeit, die uns dort bleibt, auch höchst effektiv zu nutzen, bastel ich aktuell überhaupt erstmal an der Reise-Playlist.
Das ist das Allerwichtigste überhaupt, denn ohne gute Mucke halte ich kaum zehn Kilometer durch. Aktuell favorisiere ich so bisschen die 80er Electronic-Mucke, keine Ahnung wieso.

Ein bisschen Bargeld muss auch mit, damit die Kaffeeversorgung für unterwegs gesichert ist. Die Zeiten, in denen Mutti Reise-Stullen schmierte und Thermoskannen auffüllte, sind spätestens seit dem Ende meiner Ehe vorbei.
Nieder mit dem Spießertum!

Und was nehme ich sonst noch mit?
Was zum Lesen in jedem Fall. Vielleicht einen Krimi? "Hast du noch immer nicht genug davon?" verdreht der Mann die Augen.
Da haben wir doch heute Abend auf unserer Terrasse gelegen, satt und zufrieden nach dem Abendessen, als mein Blick auf das Haus gegenüber fiel.
"Sag mal.. Ist dir das eigentlich auch schon mal aufgefallen?"
"Wasn?"
"Da vorn in dem Haus, die mittlere Etage ganz außen.. Keine Ahnung, was das da ist, die Küche, das Bad? Aber da sind immer die Jalousien unten, IMMER!"
"Na und?"
"Na hör mal. Da isses immer dunkel, jeden Tag! Wer verdunkelt permanent seine Wohnung? Ich hab letztens mal n Typen gesehen, der da reinging. Ein Mädel war dabei, schien so, als zögerte die, die ging dann aber doch rein."
"Und? Haste se danach nochmal gesehen?"
"Ich nicht", sinnierte ich.
"Vielleicht isses ja ein Bordell", sagte der Mann. "Oder das is n Serienkiller, der da reihenweise junge Mädchen in der Badewanne zersägt."
Bei solchen Aussagen geht meine Phantasie spazieren, ich sags Euch!

Jedenfalls, was zum Malen muss auch mit, wenigstens ein Skizzenbuch.
Meinen Laptop werde ich auch einpacken. Vielleicht komme ich ja nicht dazu, aber vielleicht komme ich doch zum Bloggen oder so.


Und was nehme ich zum Anziehen mit? WAS - VERDAMMT - ZIEHE ICH AN?? Aktuell ist ja geiles Sommerwetter - aber das soll sich spätestens Mitte der kommenden Woche ändern und außerdem ist es im Norden IMMER kälter als im Süden. Mit bunten Flatterkleidchen wirds da also wohl eher nix, es sei denn, ich trage wollene Unterhosen drunter. Allerdings fürchte ich, wenn ich nur Boots und Turnschuhe mitnehme, dass ich dann wiederum die Sandalen vermissen könnte?
Vielleicht nehme ich ja nur das eine Paar Goldene mit, die passen zu nem Kleid und auch zu ner Jeans? Nur für den Fall?
"Die sind aber nichts für den Strand?" bemängelte die Lieblingskollegin.
"Hä was? Am Strand geht man barfuß!"
Und genau darauf freu ich mich wahnsinnig. Endlich wieder weichen, warmen Sand unter den Füßen, der sich durch die Zehen drückt. Endlich wieder echtes Möwengeschrei. Endlich wieder Geruch nach Meer und Algen, nach salzigem Wasser und nordisch unterkühltem Wind.

Hachz, ich könnte endlos träumen und mich in den Vorstellungen baden. Nur weiß ich immer noch nicht, was ich anziehen soll. Vermutlich hatte der Mann nicht ganz unrecht, als er vorschlug, den Freitag doch schon mit frei zu nehmen, damit wir in Ruhe packen könnten.
Das klingt so, als würden wir ewig verreisen - und dann sinds ja doch nur ein paar Tage :)

Mittwoch, 3. Juni 2020

Insgesamt sitzt man viel zu wenig am Meer.

Momentan schreibe ich zwar nicht viel oder nicht oft, lese aber recht regelmäßig meine abonnierten Blogs. Dabei hab ich gestern gesehen, dass ich im Monat Mai grad mal zwei Posts in den Äther verabschiedet hatte. Ich glaube, so wenig hab ich vermutlich noch nie geschrieben - abgesehen von der mehrmonatigen Pause vor drei oder vier Jahren.
Vermutlich hat das alles irgendwie auch mit dem Leben in M zu tun. Und damit, dass ich seit dem Umzug mein Dasein überwiegend im Home Office friste. Ich erlebe einfach nicht mehr viel. Werde auch nicht mehr soviel inspiriert. Oder fühle die Inspiration nicht mehr so dolle.
Und wenn ich denn mal nach L tingele, so wie letzte Woche endlich wieder, dann fliegt mir da so viel um die Ohren, dass ich zum Schreiben selbst zu müde werde. Ich werde alt, vermute ich. Gefühlt ist es noch gar nicht so lange her, da war ich regelmäßig bis 2 oder 3 Uhr morgens wach und aufmerksam und schlaflos und jetzt? Bin ich oftmals froh, wenn ich die 20-Uhr-Nachrichten schaffe. Klar, nach nem Power Nap werde ich auch wieder munter und dann geht schon noch was. Aber im Großen & Ganzen...

Die Woche in L ist aber irgendwie auch zackig verflogen. Als ich die Wohnung betrat, dachte ich noch: "Huiii!!! Die haben ja echt Ordnung, die Burschen." Nicht nur die Küche ordentlich, auch der Kühlschrank ganz gut gefüllt. Seltenheitscharakter, aber auf mich konntense ja diesmal auch nicht warten. 3 Monate nen leeren Kühlschrank... Irgendwann hat man Döner & Pizza schließlich auch über. Ja und dann kam ich ins Bad. Nun ja. Okay. Sind eben Jungs.
Sohn II habe ich kaum gesehen in der Woche. Alle zwei Tage andere Schichten, wo er morgens noch schläft, wenn ich aus dem Haus gehe, und abends schon fort ist, wenn ich wiederkomme. Dafür hatte er dann noch zwei Tage frei, in denen wir seine Kontoauszüge sortieren und den Reisekostenaufwand aus dem letzten viermonatigen Praktikum endlich finalisieren konnten.
"Der liegt immer noch hier? Das ist doch schon vier Monate her."
"Joar, ich dachte mir, du guckst mal nochmal drauf."
Formulare, Formulare. Ich kenne das aus der Firma. Der Chef legt mir regelmäßig irgendwelche Formulare hin, dienstlich oder privat - scheißegal. "Ich hasse Formulare und du kannst das doch", sagt er dann immer. Gleich ganze drei Stück warteten diesmal auf mich, alle drei privat. Schon interessant, was man da alles so über einen Menschen erfährt. Aber auch irre, was man überhaupt alles gefragt wird, zum Beispiel, wenn man einen Heimplatz beantragt. Ob jemand verheiratet ist, ja oder nein - und wenn ja, ob die Ehe glücklich ist oder nicht. Wen interessiert sowas außer den Betroffenen selbst? Und die Frage nach dem Lieblingsessen und so... Hm. Also wenn ich an das Pflegeheim vom Opa denke, der musste essen, was auf den Tisch kam, da wurde gar nicht gefragt. Selbst wenn sie ihn gefragt hätten: Er wusste am Ende gar nicht, was er tun sollte mit dem Teller.
"Was soll ich damit machen?" hat er dann gefragt. "Was wird hier von mir erwartet?"
Okay, so dement sind ja nicht alle Senioren. Trotzdem habe ich mich wirklich gewundert, wie gläsern man sich macht, spätestens an dieser Stelle.

Auf Sohn I war ich mega stolz und hab ihm das auch gesagt. Ende des letzten Jahres hatte er sich anderweitig beworben, damit er überhaupt mal die Chance hat, ein bisschen mehr als Mindestlohn zu verdienen. Daraus ist nichts geworden, aber sein Chef hatte es mitbekommen und ihn befragt.
Und gefragt, warum er denn gehen wolle, er habe sich doch so gut entwickelt.
Sohn I hatte wahrheitsgemäß geantwortet, dass er einfach die Chance hatte nutzen wollen, etwas mehr zu verdienen, und sein Chef hatte gesagt, man könne doch über alles reden.
Natürlich ist da nix gekommen, außer dass ihm ab dem Tag die Überstunden bezahlt werden, aber das hat der Junge auch nicht erwartet.
Letzte Woche bekam er schriftlich vom Chef, dass er sich stark entwickelt hatte und man über eine Gehaltserhöhung sprechen könne. Wann und was das in Zahlen bedeutet, das weiß er noch nicht - aber für ihn persönlich hat mich echt gefreut, dass er überhaupt Anerkennung bekommt. Ich für mich hatte ja eher gedacht, dass der Chef sich schnell Ersatz sucht und meinen Jungen dann auf die Straße setzt, wo er nun weiß, dass Sohnemann das versucht hatte. Das Gegenteil ist offensichtlich der Fall - und gerade für einen Menschen wie ihn ist viel mehr die verbale Anerkennung wichtig. Dass ihm jemand sagt und zeigt, worin er gut ist. Meckern können alle. Aber loben?
Und was mich auch sehr freut, ist, dass der Junge offenbar auch die Kollegen von sich überzeugen konnte, mit denen es anfangs schwierig war. Die sich auch nicht grad lobend über ihn geäußert hatten. Weil er zum Beispiel alle Formulare und Abrechnungen zu langsam ausfüllt.
"Mache hin, du sollst die Buchstaben nicht malen, sondern schreiben", haben sie beklagt, vermutlich auch zu recht. Aber da ist er eigen. Er schreibt wie gedruckt, und das sehr sorgfältig. Davon lässt er sich auch nicht abbringen. Er ist wie er ist. Und manches Mal frage ich mich schon auch, ob er latent autistische Züge aufweist. Nicht umsonst identifiziert er sich am liebsten mit Sheldon Cooper, kann die Sachverhalte, die ihn interessieren, bis aufs Komma wiedergeben, während er alles andere hingegen schon vergessen hat, bevor man überhaupt zuende sprach. Oder muss dreimal nachfragen, weil er einfach nicht zuhört, sich nicht auf den anderen konzentriert, mit seinen Gedanken ganz woanders ist.
Ob er nun hier wirklich seinen Platz gefunden hat, kann ich noch nicht beantworten, das muss ich noch abwarten. Denn ich selbst verfolge auch gewisse Ziele, die aber davon abhängen, inwieweit der Junge sattelfest und vor allem finanziell unabhängig ist. Vor drei Jahren habe ich mir persönlich etwas geschworen - und diese Ziele verfolge ich auch weiterhin. Es gibt Dinge, die vergesse ich nicht - auch wenn es länger dauert.

Unterm Strich also eine gute Woche. Arbeitsreich beruflich und privat - und produktiv. Langsam kann ich mich zurücklehnen und auf die Dinge schauen, wie sie ihren Weg gehen.
Und Samstag fahren wir ans Meer. Endlich. Nach ewiger Zeit. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich DAS jetzt brauche! Und ich weiß schon jetzt, wie sehr ich von diesen Tagen zehren werde. Auch wenn wir die nächste Reise ans Meer schon im nächsten Monat wiederholen wollen, nur dann mit einem anderen Ziel als jetzt. Ich war zu lange nicht dort. Viel zu lange, das merke ich immer wieder.

Mittwoch, 20. Mai 2020

Wonnemonat Mai - hupps - vorbei!



Unlängst las ich bei der Brüllmaus, dass ihr Blog den 12. Geburtstag feiert. Das hat mich daran erinnert, dass meiner ja auch schon seit 12 Jahren besteht. Erst im Oktober, gut, aber immerhin. 12 Jahre... Mein erster Blog, mein Baby quasi, das jetzt in die Pubertät kommt ;)
Ich gestehe, manchmal blättere ich schon zwischen den Jahren und resümiere, was da so alles passiert ist. Wobei ich anfangs noch zögerlicher über Privates schrieb als ich es heute tue - und auch keine Fotos (so wie das hier, aber das ist auch schon ein paar Tage alt, die Haare sind ja längst nicht mehr so lang ;)) veröffentlichte. Der Mann meinte immer, ich würde mich angreifbar, verletzbar machen - und dass das Netz nichts vergisst. Damit hat er auch recht, nicht umsonst bloggen all jene anonym, je persönlicher es wird.
Ich für mich aber dachte immer... Wofür sollte ich mich schämen in diesem Blog? Es ist ein öffentlicher Blog, jeder kann ihn lesen und ich persönlich weiß gar nicht, wer hier alles liest. Genau genommen ist es mir aber auch dahingehend egal, als dass hier nichts drin steht, das ich nicht auch so freiweg erzählen würde. Alles andere bleibt tatsächlich privat oder wurde zum Teil in anderen Blogs verarbeitet. In denen ich eine Geschichte erzähle, von der nur ich weiß, was davon real und was fiktiv ist. Insofern kann es mir wurscht sein, ob meine Familie, mein Arbeitgeber oder ein potentieller neuer Arbeitgeber diesen Blog liest bzw. findet. 

Was ich aber irre finde: Als ich vorhin den Blog öffnete und sah, dass ich im Wonnemonat Mai gerade mal einen einzigen Post veröffentlicht hatte - und dass der Monat fast schon wieder rum ist. Ist das nicht Wahnsinn? War es nicht erst gestern, als der Chef - bekennender Flugschisser ever - mit seiner neuen Liebsten nach Weihnachten nach Asien flog und von dort aus anrief und begeistert ins Telefon schrie: "E Ossi in Thailand, kann sich das einer vorstellen?!?" Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, da folgte jedem seiner Kurzflüge eine Wagenladung Weinkisten in unser Büro - aufgeschwatzt auf jedem Flughafen, wo er sich jeweils Mut antrank, bevor er den Flieger betrat. 
Und jetzt ist das schon wieder fast ein halbes Jahr her. Fast Halbzeit des Jahres erreicht.
Woran liegt es, dass die Zeit so rasch verfliegt? Liegt es an unserem Alter, dass wir immer bewusster wahrnehmen und genießen? Oder liegt es an der allgemeinen Quarantäne, in der uns kaum etwas erlaubt war außer arbeiten (wer denn noch konnte oder durfte), essen und schlafen? Letztlich fühlen sich die vergangenen zwei Monate wie ein Wochenende an, an dem man nix, also wirklich nix außer essen, schlafen und vielleicht Serien gucken gemacht hat: Zack, ist die Zeit rum.

Wobei... Dass wir nichts getan hätten, stimmt so ja auch nicht. Wir haben unser blaues Ziggenheim renoviert, umgestaltet und bisschen was umgebaut. Nicht alles, wie ich es mir gewünscht hätte - aber ich bin ja kompromissfähig, wenn auch zähneknirschend. Der deutlichste Umbau hat im Schlafbereich stattgefunden, aber das ist ein privater Bereich, der nun wirklich nicht ins Netz gehört. Der Mann möchte auch sonst keine Fotos von unserem Zuhause im Netz finden - und auch ohne seine Paranoia kann ich diesen Wunsch nachvollziehen. 


Wenn man die ganze Wohnung renoviert, ist das ja auch wie einmal umziehen - grad wenn man auch innerhalb aller Schränke Ordnung macht und aussortiert. In der Küche hatte das zur Folge, dass wir Teig für Weihnachtsplätzchen fanden, grad noch fristgerecht vor Ablauf der Haltbarkeit. Nu ja, gabs halt zwischendurch e paar Kekse.

Wenigstens habe ich dabei auf so Förmchen wie Tannen, Nikolausstiefel etc. verzichtet.

Wobei.. warte mal.. Solche Förmchen habsch gar nicht, ich hab nur diese eine, aber die reicht im Grunde genommen auch ;) 


Worüber ich mich aber wirklich freue, ist, dass der Umbau im Schlafbereich und auch im Flur so gelungen ist wie ich mir das vorgestellt hatte. Endlich Ordnung und vor allem Licht.
Endlich sieht man auch auf einen Blick, was man alles so an Schuhen, Sandalen und Stiefeln so hat und kauft nix mehr, von dem man dann und wann feststellt: "Hups, sowas in der Art hatte ich eigentlich schon!"
Gewundert habe ich mich dennoch über den allgemeinen Tenor beim Versenden von Fotos auf privaten Kanälen: "Ihr habt aber viele Schuhe!" Öhm. Echt jetzt? Also ehrlich, ich hätte gedacht, ne echte Frau besitzt mehr Schuhe. Und man muss bedenken: Cirka 1,5 Regale gehören dem Mann. Das sind nicht alles meine Schuhe! Ich mogel davon mal ein Foto mit in den Blog, vielleicht merkt ers ja gar nicht ;) Endlich keine verschiedenen Schränke in diesem kleinen Raum mehr, die sowieso nicht reichten, und nicht noch gefühlt tausend Schuhe lose rumstehen. Nachdem der Mann auch meine Tafel wieder angebracht hatte, entschied ich mich zu einer kleinen Motivations-Karikatur für ihn. Immerhin hat er in diesen Tagen mehr geflucht als in all den sechs Jahren, die ich nun mit ihm zusammenlebe. Und da habe ich ja noch nicht mal ALLE meine Wünsche umsetzen dürfen ;)

Im Wohnbereich haben wir am längsten gebraucht - und da hat der Mann auch am meisten geflucht. 
"Alles nur wegen deinen Farben!" hat er sich nachdrücklich beschwert. Aber nu ja... Farben... Das ist so relativ. Wenn es nach MIR gegangen wäre, hätten wir hier andere Farben. Kein Rot wie ich es früher in L hatte. Aber immerhin.. Farben. 
Was hier stattdessen Einzug hielt (ich erinnere nochmal an meine Kompromissfähigkeit!), sind hellgrau und sandfarben. Die Sandfarbe extra so hell mischen lassen, dass man kaum den Unterschied zur weißen Farbe feststellt. 

Beim Räumen und Aussortieren und überhaupt Neusortieren habe ich unter anderem auch ein paar Postkarten von Sohn II wiedergefunden. Hach, watt süß! Der hat mal "Hallo Spatzi" und "Ich hab dich ganz doll lieb!" geschrieben. Hab ihm das geschickt, um ihn dran zu erinnern ;) Dass die Jugendbande aber sehnsüchtig auf mich wartet, denke ich mir auch ohne Worte oder Gesten. Immerhin war ich jetzt 3 Monate nicht in L. Wie die Behausung der beiden ausschaut, kann ich im Grunde nur erahnen. Auch wenn Sohn I letztens anrief "Hab mal mein Zimmer in Ordnung gebracht und irgendwie n Bußgeldbescheid gefunden."
Hm tja. Der Bescheid war bereits vier Wochen alt. 
Wie gesagt: Ich hab da nur so eine Ahnung!
Vielleicht sollte ich ja bei meinen Söhnen auch eine Tafel an die Wand bringen und ein paar passende Motivations-Karikaturen anbringen? Vermutlich aber könnte ich das Zimmer von Sohn I damit tapezieren, wäre dem dann immer noch wurscht. Der würde nur lachen, abwinken und sich - leider! - ne Fluppe anzünden. 

Dienstag, 5. Mai 2020

Schmetterling mit Betonfüßen

Natürlich lebe ich noch. Liege nicht verschüttet unterm Renovierungsdreck und bin auch sonst nicht verschollen, liebe Juna ;) Die Situation im blauen Ziggenheim hat sich wieder entspannt, wir haben unsere Wünsche & Vorstellungen einander angeglichen und können beide, glaube ich, ganz gut mit dem Bisherigen leben. Auch mit dem, das kommen soll.
Und während der Mann Mitte oder Ende des Monats wieder in die Firma gehen kann zum Arbeiten, habe ich gestern das Signal bekommen, dass ich noch im Mai wieder nach L fahren kann. Darauf freu ich mich wirklich - aber ich glaube, meine Söhne sich noch mehr ;)

Insgesamt... waren die letzten Tage nicht ganz einfach für mich. Es war so einiges, das mir um die Ohren geflogen ist, beruflich wie privat, und dass nach dem Absetzen des Cortisons vor rund zwei Monaten der Schmerzpegel mehr als enorm ist, macht das Ganze nicht besser. Ganz im Gegenteil. Vor allem die Finger schmerzen wahnsinnig. Selbst wenn wir einfach nur die Hände ineinander legen, der Mann und ich, und er einfach nur zufasst wie immer - dann könnte ich aufschreien.
Auch das Anheben der geliebten Kaffeetasse ist wieder zur Qual geworden.
Insofern haben wir das Umbauvorhaben unseres blauen Ziggenheims zu einem denkbar schlecht gewählten Zeitpunkt begonnen - aber irgendwann muss man ja aber auch mal anfangen. Schmerzfreie Phasen gibt es sowieso nicht, also worauf soll man denn dann warten? Man weiß nie, wann es erträglicher wird und wie lange eine solche Phase anhält.
Also klage ich nicht, ich jammere nicht und beteilige mich ganz normal am Renovierungsgeschehen. Aber letzte Woche, irgendwann in irgendeiner Nacht, da habe ich heimlich und leise geweint und mich zum ersten Mal ernsthaft gefragt, ob ich das noch lange aushalten kann - und ob ich das will.
Ich erinnerte mich wieder an eine Reportage vor Jahren, in der eine Tochter über ihre Mama sprach - mit Tränen in den Augen. Die Mama litt unter Dauerschmerzen wie ich und entschloss sich eines Tages, nachdem ihr niemand helfen konnte (oder wollte, das muss ich aus eigener Erfahrung inzwischen anfügen, weil es eine Tatsache ist), ihr Leben zu beenden.
Ich weiß noch, dass ich damals dachte "Orr ne, das passiert mir nicht, das Leben ist zu kostbar, wir haben nur dieses eine, es gibt kein zweites."
Inzwischen bin ich mir da nicht mehr so sicher - und angekommen an diesem Punkt der Gedanken war ich über mich selbst erschrocken. Gerade ich, die das Leben so sehr liebt. Gerade ich, die wirklich immer erstmal das Positive in allem sieht. Gerade ich denke an das Aufgeben?
Der Gedanke an meine Söhne, der Gedanke daran, sie säßen eines Tages so da wie jene Tochter und würden über mich sprechen, das würde mich zerreißen. Ihnen könnte ich das niemals antun.  Schon auch deshalb nicht, weil sie einfach niemanden in ihrer Nähe haben, der für sie da ist.
Ein Freund von mir fragte letztens, ob ich schon mal Akupunktur versucht hatte. Ja, auch das. Nach zwei verschiedenen Verfahren - beide haben nicht geholfen.
"Da hilft dann nur noch beten", meinte er und an dieser Stelle fiel es mir wieder ein. Dass ich mich selbst dazu schon hatte hinreißen lassen. Ich glaube an keinen Gott - aber ich glaube daran, dass es sehr viel mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die wir uns nicht logisch erklären können - und sie passieren trotzdem.
Mir fiel wieder ein, dass ich darum gebeten hatte, dass ich alles aushalten würde - wenn dafür meinen Kindern nichts passiert.
Und an diesem Punkt fühlte ich so etwas wie Erleichterung.
Wenn nur meinen Kindern nichts passiert. Das habe ich versprochen.

Und so stehe ich jeden Morgen auf, erhoffe mir keine Wunder, aber freue mich darüber, dass der Flur so geworden ist wie ich mir das vorgestellt habe (der letzte Schliff fehlt noch, liebe Juna, deswegen folgen Fotos irgendwann später :)), die Küche ist fertig (auch hier fehlt noch der letzte Schliff, aber das ist in beiden Räumen nur noch Pipifax) und für Schlaf- und Lebensraum haben wir nächste Woche Urlaub, da müssen wir alles schaffen. Es ist eigentlich der Urlaub, den wir an meinem geliebten Meer verbringen wollten - und es ist viel zu lange her, dass ich dort war.
Manchmal blättere ich in dem kleinen Buch der Herzensfreundin "Manchmal muss man einfach nur ans Meer fahren, um glücklich zu sein". Und dann fühle ich mein Herz klopfen vor Vorfreude.

Eines Tages wirds wieder werden.
Und dann streife ich mir den Beton von den Füßen und breite die bunten Flügel wieder aus.

Dienstag, 21. April 2020

Das große Räumen

Noch vor einigen Tagen hatte ich ja erzählt, dass der Mann und ich uns endlich geeinigt hätten. Über das Neugestalten des blauen Ziggenheims, in dem die Ziggenheimern sich aber nun doch nicht richtig austoben darf.
Der Mann sagte zwar gerne: "Immer lehnst du alle meine Vorschläge ab!" Die Realität ist aber, dass ich mich seinen Vorschlägen beugen muss. Jedenfalls, wenn mir dauerhafter Friede und Harmonie auch künftig wichtig sind.
Das einzige, wo ich mich durchsetzte, ist, dass es keine Tischdecken auf dem künftig wieder eingeräumten Esstisch gibt.
"Frag mich das noch mal in fünfzig Jahren", sagte ich auf seine entsprechende Frage und weigerte mich standhaft, mir wie bei alten Leuten eine Decke auf den antiken Holz-Esstisch zu mölen.
"Dann leg ich sie eben drauf", murrte er.
"Dann nehm ich sie wieder runter", lächelte ich.
"Dann leg ich sie eben wieder drauf", beharrte er.
"Dann nehm ich sie eben wieder runter", blieb ich entspannt, aber bestimmt.
"Wir können das Spiel gerne endlos spielen", murrte er.
Aber er kennt mich zu gut. Er weiß, dass ich da stur bleiben kann - also wird ers von vornherein lassen, weil ihm endlos viel zu anstrengend würde. 

In der Umsetzung der eigentlichen Pläne aber... Maximal bei der Farbgebung in Flur und Lebensraum hat er zugestimmt, ansonsten wurden alle meine Ideen ins Nirvana geschickt.
Ein Mann beklagt oft und gern, dass Frauen viel zu viel Nippes und Kramscheiß anhäufen und das Haus bis auf den letzten Zentimeter verdekorieren würden.
Darüber kann ich hier tatsächlich nur müde lächeln. Was er sich hier alles aufhebt und weiter aufheben will, da wundert mich gar nicht, dass unser Keller aus allen Nähten platzt.
"Ich versteh nicht, warum du immer alles gleich wegschmeißen willst", reagiert er vorwurfsvoll.
"Weil ich keine Luft kriege", verteidige ich mich. "Überall ist irgendwas, das kein Schwein mehr braucht."
Ich wage es zum Beispiel nicht zu sagen, dass wir diesen blöden Brotbackautomaten und so ne komische Küchenmaschine gar nicht brauchen. Er hatte das schon, bevor ich einzog. Haben wir es benutzt seither? Also seit nunmehr fast sechs Jahren? Nie! Nicht ein einziges Mal! Um ein eigenes Brot zu backen, braucht es keinen Brotbackautomaten - und die Küchenmaschine brauchts auch nicht. Wofür? Was kann die mehr als sein kleiner Häcksler und sein Pürierstab? Nix! Dafür benötigt Reinigung der zwölftausend Kleinteile einen halben Tag, weil man eben auch nicht alles in die Spülmaschine stellen kann. Ich krieg da n Vogel! Genauso wie vermutlich er bei meinem Kleiderschrank. Erst letztens hatte ich zwei oder drei Tüten voll entsorgt - und nur gut zehn Tage später, also vor zwei Tagen, kamen noch mal zwei Tüten dazu. Ist mein Schrank jetzt leer? Eher... etwas luftig, würde ich sagen *kreisch*
Aber wenigstens trenne ich mich eben auch von Dingen, die nicht mehr schön sind oder nicht mehr gefallen oder schlichtweg einfach nicht mehr passen. Nicht nur, was Klamotten betrifft.
Bevor ich einzog, hatte mir der Mann passend zu meiner antiken Kommode einen antiken Schreibtisch vermittelt. Anfangs haben wir uns beide darüber gefreut. Inzwischen haben wir längst festgestellt, dass der Tisch zu groß ist für unseren Lebensraum. Und wenn im Zuge der Umbaumaßnahmen die Kommode in den Schlafraum weichen muss, dann findet sich dieser Schreibtisch nirgendwo mehr wieder.
Also muss er weg. Ich bin da tatsächlich schmerzbefreit. Von mir aus kann er auch auf den Müll. Denn in aktuellen Zeiten wie diesen werde ich diesen Tisch sowieso nicht los, nicht mal, wenn ich ihn verschenke. An wen soll ich ihn auch verschenken? Mit meinem kleinen Schwarzen kann ich den nirgends hintransportieren. Meine Söhne brauchen keinen, hätten auch gar keinen Platz. Bei meiner Freundin hier ums Eck dasselbe (würde auch stilistisch nicht passen). Und fremde Leute dürfen sich den dank Kontaktbeschränkung auch nicht holen. Oder doch? Weil maximal eine fremde Person kontaktieren darf? Ach wat weet ick.
Ums Eck ist auch ein Wertstoffhof. Hänger organisieren, Tisch drauf, ab zum Wertstoffhof. So wirds werden. Vorher müssen wir nur sämtliche Schubläden ausräumen, schauen, was man überhaupt noch braucht und wo mans dann unterbringt. Alles wird in den neuen Schreibtisch nämlich nicht passen. Das Malzeug, also die Stifte, schon mal nicht.

Überhaupt haben wir festgestellt, was wir alles ausräumen und begutachten müssen. Den herrlich großen Balkon. Den Keller. Die Kommode. Den alten Schuhschrank, in den nur 1/3 unseres Schuhwerks passt.
"Was machen wir damit?" hat der Mann gefragt.
"Ich kenne niemanden, der den gebrauchen könnte", habe ich vorsichtig gesagt. Und den gedanklich ebenfalls mit auf den Hänger und ab zum Wertstoffhof geworfen..
Der Schlafraum wird auch etwas anders als ich dachte. Er will seine alte Eck-Schrankkombi nicht aufgeben.
"Wieso soll ich das wegschmeißen und mir für teuer Geld was Neues kaufen? Dann lieber bau ich den um."
Das hat etwa drei Tage Auseinandersetzungen im blauen Ziggenheim bedeutet. Also wenn schon umbauen, dann bitte gekonnt und ordentlich und nicht "ich säge da mal was ab und dort was ab" und so.

Anfangs dachte ich noch, das ganze Umbau-Konzept würde lustig. Inzwischen denke ich, es wird uns vor allem einiges an Nerven kosten. Die liegen ja teils jetzt schon blank. Seit 1 Woche kein DSL mehr und die Reparatur soll bis zu 14 Tagen dauern. Seitdem laufen unsere Rechner auf jeweiligen Handy-Hotspots, überhaupt läuft alles über teils wacklige Hotspots und nicht immer will dann die Technik so wie wir das wollen oder brauchen. Fragt nicht, wie oft es von nebenan Gebrüll gibt, weil irgendwas nicht hinhaut. Ne Tür fliegt oder jemand hier wild durch die Zimmer stapft. Da helfen tatsächlich nur Kopfhörer, ruhig bleiben und ausmurren lassen.

Jedoch die Nerven scheinen derzeit überall blank zu liegen. Beispielsweise lesen Leute ihre Mails nicht richtig, erfassen ihre Aufgaben nicht - und wenn ich nachhake, weil ich manchmal durchaus auch gründlich sein kann *kreisch*, stöhnt der eine entnervt ins Telefon und der andere mault mich an "Ich hab jetzt gar keine Zeit, ich bin bloß dir zuliebe ans Telefon gegangen!"
Gut. Dann blamiert Euch doch, wenn Ihr halbfertige Arbeit abgebt. Wenn Ihr nur den ersten Satz einer Mail lest und überseht, was im zweiten Satz gefordert wurde. Und dass Antwort-Termin heute um 14 Uhr war, woran ich um 13.30 Uhr erinnere (da kam leider erst die Mail mit dem Termin) und dann noch mal um 14:03 Uhr.
Der andere Kollege bekommt eine Mehrkostenanzeige zugeschickt - und lässt sie unbearbeitet schlappe vierzehn Tage liegen. Was wir nicht dürfen. Im worst case zahlen wir die ganze Scheiße selber, wenn wir altbekannte Deadlines nicht einhalten. Von der Mail mit den Mehrkosten bekomme ich nur Kenntnis, weil der Chef mir letzten Samstag genau diese Mail weiterschickt. Und draufschreibt "Bitte Rücksprache". Warum er mit mir reden will, hat er am Montag schon wieder vergessen. Er hat andere Sorgen. Echte andere Sorgen. Also kümmere ich mich - und werde zum Dank dafür angeschissen. Weil ich ein, zwei fachliche Rückfragen habe.
Drei Tage lang laufe ich einem weiteren Kollegen hinterher, weil ich ein Fachprotokoll brauche und eine Auskunft zu einer anderen Mehrkostenanzeige. Letzteres sind maximal zwei, drei Zeilen.
Was ich bekomme, ist ein wirklich stümperhaft aufgesetztes Protokoll - und keine Auskunft zur Mehrkostenanzeige. Nach drei Tagen immer noch nicht.
In unserem Unternehmen gibt es glücklicherweise keine Kurzarbeit und im Home Office arbeiten außer mir nur die Mitarbeiter, deren Kinder aktuell nicht in die KiTa oder Schule gehen können.
Alle anderen können genauso weiterarbeiten wie bisher. Warum vor allem bei denen trotzdem die Nerven blank liegen, erschließt sich mir da gerade nicht.

Beim Mittagessen um fünfzehn Uhr liege ich auf der Ottomane und schaue hinaus auf das herrliche Grün der Bäume, während der Mann sich auskotzt über Kindergartengebaren in der Firma und nur mit Textbausteinen beantwortete E-Mails zu privaten Reklamationen.
Ich höre ihm zu und als ich mir auch etwas Luft mache, wird mir gleich das Wort gekappt: "Lass gut sein. Du bist selber schuld, wenn du in dieser Firma arbeitest."
Öhm....

Auf den einen oder anderen Seiten liest man ja auch gerne mal, dass Zeiten wie diese die Menschen eher wieder zusammenbringen würde. Ich bin mir da gar nicht so sicher. Die Menschen sind es gar nicht mehr gewohnt, so viel Zeit miteinander zu verbringen, gehen sich entsprechend auf den Sack und gegebenenfalls auch an den Hals. Leute werden immer gereizter und unentspannter. Ich fürchte, in etwa zehn Monaten gibt es keinen Baby-Boom, sondern eine Scheidungswelle.

Und jetzt muss ich in den Keller, nach den Kleiderschränken folgt hiermit die nächste wichtige Räumaktion.

Dienstag, 14. April 2020

Der Ton macht die Musik

Da hamse mich nun auch drangekriegt.
Nach 4 von 6 nötigen Infusionen fällt auf, dass ja der geforderte Mindestabstand nicht eingehalten werden kann. Spritzen geben wäre vielleicht noch einfacher: Man macht sich nackig, stellt sich an die Wand, breitet die Arme aus und die Schwestern werfen die Spritzen wie Dartpfeile oder so.
Aber mit Infusionen sollte man doch genauer treffen.
Ich meine, ich verstehe hier und an der Stelle die Notwendigkeit des Mundschutzes und auch die Logik. Da brauchts keine Worte.
Was mich aber in Harnisch brachte, war die Art und Weise der Empfangsdame:
"Haben Sie Ihren Mundschutz dabei?"
"Welchen Mundschutz?"
"Den, den Sie letzte Woche von mir bekommen haben."
Letzte Woche hab ich die Dame in der Praxis gar nicht gesehen, aber geschenkt.
Ich lächle freundlich: "Da verwechseln Sie mich wahrscheinlich. Ich hab noch keinen Mundschutz bekommen."
Dass in der letzten Woche überhaupt niemand dort Mundschutz trug - auch geschenkt. 
"Natürlich haben Sie einen bekommen, das weiß ich ganz sicher! Den hab ich Ihnen gegeben, als Sie da saßen!" und zeigt aufs Labor. Da war ich zuletzt zur Blutentnahme vor etwa zwei Monaten - aber was solls.
"Dann gebe ich Ihnen jetzt eben noch mal einen!"
Und DAS regt mich auf, sowas! Wäre ich an ihrer Stelle gewesen, hätte ich mich geäußert im Sinne von "Echt? Und ich hätt schwören können, ich hätte Ihnen schon einen gegeben" oder sowas.
Aber die Patienten da so abzukanzeln und denen zu unterstellen, dass sie döspaddlig sind, sowas kannsch überhaupt nicht leiden. Mir ist ja vieles oft wurscht, über das der Mann sich aufregt. Aber bei der Tonmusik bin ICH empfindlich!

Genauso wie am Wochenende, als mir in einer Diskussion  eine ostalgische, noch immer gut funktionierende Gehirnwäsche von anno dunnemals attestiert wurde. Nur weil ich anders denke als der Gesprächspartner? Man kann mir Naivität oder Gutgläubigkeit oder auch mangelnde Informiertheit vorwerfen. Realistisch betrachtet stimmt das eine wie das andere je nach Situation. Aber dieser sich bei Gelegenheit immer wieder wiederholende Vorwurf, ich sei ja immer noch so hirngewaschen und bei mir habe diese Art der Gehirnwäsche offenbar nachhaltig funktioniert - sowas macht mich aggressiv. Und zwar so, dass ich die Diskussion irgendwann abbrach und sagte "Ich geh jetzt hier raus, das wird mir jetzt zu blöd."
Ich lasse mir gerne ein Gegenteil beweisen bzw. Fakten aufzeigen, die ich noch nicht kenne. Aber ich lasse mich nicht abkanzeln. Da bin ich tatsächlich empfindlich. Und ich glaube, am meisten regt mich neben dieser herablassenden Einschätzung auf, dass mein Gegenüber denkt, nur seine Sichtweise sei die richtige. Und alle anderen die Unwissenden - oder eben Ost-Geschädigten. Natürlich war die DDR ein Unrechtsstaat, darüber muss man gar nicht diskutieren. Doch wenn ich mich zurückerinnere, erinnere ich mich an Momente aus der Kindheit. Von Unrechtsstaat habe ich da oben auf der Insel genau genommen gar nichts mitbekommen. Es war auch zu Hause nie ein Thema. (Wobei ich denke, dass das Selbstschutz meiner Eltern war. Man konnte mir nicht trauen! In meiner Unbedarftheit habe ich einfach immer alles erzählt. Zum Beispiel, dass mein Vater die Unterkleider meiner Mama gehasst hat. Er fand die höchst unsexy und morgens, als sie sich ankleiden wollte, lupfte er daran, um zu sagen: "Und DAS findest du toll?" Er hat wohl ein bisschen doller dran gezogen, denn das Unterkleid zerriss. Und genau das habe ich dann im Kindergarten zum besten gegeben "Der Papa hat der Mama das Kleid kaputtgerissen!". In dem Laden, wo meine Mama als Erzieher wirkte. Mein Vater schüttelt heute noch den Kopf, wenn er erzählt, wie oft die Kolleginnen zu meiner Mama gingen "Sag mal, was war denn bei euch wieder zu Hause los, die Helma hat da was erzählt?")
Das sind so Sachen, an die ich mich erinnere. Dass meine Eltern oft Geldsorgen hatten, davon wussten wir Kinder im Grunde nichts. Sie haben uns da einfach rausgehalten. So wie sie uns eben auch aus politischen Themen rausgehalten haben.
Insofern.. kann man mir sicher einiges nachsagen. Aber nicht von oben herab und so tun, als sei ich einfach ein bisschen dumm - da sehe ich rot.

Montag, 13. April 2020

Square Rooms



Ja hätten wir die mal! In meiner kleinen süßen Wohnung in L habe ich zwei quadratische Zimmer und habe die mindestens aller 6 - 7 Monate gemalert und umgebaut. Meine Besucher dachten dann immer "So, das wars jetzt, noch mehr geht nicht" - aber i wo. Irgendwie fand ich immer wieder neue Möglichkeiten.
Die Räume hier in M sind jedoch rechteckig und mit ihrer Aufteilung.. schwierig zu gestalten. Also schwierig, wenn zwei Menschen zusammenziehen und jeder "seins" mitbringt. Wobei ich da den deutlich schlechteren Part hatte - denn ich zog in ein "bestehendes System" ein. Früher hat der Mann meine Wohnung und meine Ideen immer bewundert und gesagt "Wenn wir mal zusammen wohnen, darfst du alles gestalten."
Er hat nur nicht hinzugefügt, dass er sich.. nun sagen wir.. nur schwer von Dingen trennen kann.
"Das ist noch gut!"
"Das ist doch nicht kaputt!"
"Das hat mal fünfhundert Mark gekostet!"
Man kann sich aber nicht alles aufheben. Und zwanzig Jahre im selben Mief wohnen.. mag ich irgendwie auch nicht. Ich trag ja auch nicht zwanzig Jahre dieselbe Mode oder dieselbe Frisur. Auch dann nicht, wenn ich mich für Trends nicht interessiere. Ich setze meine eigenen *kreisch*

Nun ja. 2014 zog ich bei ihm ein. Erst 2018 konnte ich einen kleinen Teilerfolg erringen. Ein Regal durfte aus dem Lebensraum nur weichen, weil ich diesem eine Alternative bot: in der Küche. Dort macht es sich sogar ganz gut, konnten wir also beide gut mit leben.
Eingezogen in den Lebensraum ist dafür ein moderneres, in dem unsere Bücher und seine Vinyls ihren Platz gefunden hatten.
Seitdem ist alles wieder geblieben wie es war. Nicht mal mit Farbe an der Wand durfte ich mich austoben - und ich finde es soooo langweilig, wenn alles überall nur weiß ist.
Beispielsweise bin ich verliebt in zartes Hellgrau. Richtig kombiniert sieht das schon geil aus. (Und ist so leicht überzumalen, wenn mans überhat ;)) Wir haben also lieber gar nicht gemalert, weil wir uns einfach nicht einigen konnten.

Und jetzt.. Jetzt endlich haben wir einen Konsens gefunden. Vier freie, entspannte Ostertage waren nötig, um nicht nur die Notwendigkeit, sondern vor allem auch das WIE für Flur, Lebensraum, Nische und Schlafraum zu beschließen. Rechteckige Räume einzurichten, wenn keiner von beiden auf eigenes Mobiliar verzichten möchte, ist wirklich.. spannend. Umso erfreuter war ich, dass der Mann in vielen Dingen zustimmte. Bis heute morgen 2.30 Uhr haben wir dann sinniert, vorgeschlagen, Ideen beraten, dann beschloss ich: "Ich kann nicht mehr klar denken, dir nicht mehr folgen, ich geh jetzt ins Bett."
Um dann irgendwann nach neun heute Morgen aus dem Bettchen zu fallen, da saß der Mann schon längst auf dem Sofa und durchsuchte das Netz nach der Umsetzbarkeit unserer Ideen.
Zum Beispiel wünsche ich mir das Bett unters Fenster. Doch dann ist die Raumbreite schon ausgefüllt. Also muss vorn an der Tür Platz für meinen geliebten honigbraunen Antikschrank bleiben - und für eine Alternative zu seinem wuchtigen Ikea-Eckschrank *kreisch*
Damit einen der schmale Raum optisch nicht erschlägt, schlug ich ein offenes Schranksystem vor.
Und genau nach diesem erkundigte er sich am heutigen Morgen.
Uns beiden war das am Ende viel zu teuer. Und so entschieden wir uns, einen Teil anzukaufen, einen Teil selber zu bauen. Den halben Tag habe ich gesurft, mir Ideen und Inspirationen geholt, aufgemalt, verworfen, neu aufgestellt... Wenn die Platz- und Stellmöglichkeiten jedoch sehr begrenzt sind, aber Stauraum gebraucht wird, dann geht der Spaß erst richtig los ;)

Sonntag, 12. April 2020

Mit Geduld und Spucke

...na ja oder so ähnlich sagt man bei uns im Norden. Jedenfalls musste ich in den letzten Tagen öfter daran denken. Ich habe mir nämlich ein neues Kopfkissen gekauft. Der Mann tat das ja schon vor einigen Wochen. Sein und mein Kaufverhalten unterscheiden sich dabei in jeder Hinsicht.
Er liest und prüft wo-chen-lang, vergleicht Rezensionen und Preise, beratschlagt sich dann auch noch im Umfeld - und dann irgendwann entscheidet er.
Da bin ich ganz anders. Wenn ich irgendwelche Empfehlungen bekomme, belese ich mich maximal einen Nachmittag oder Abend - und am Ende entscheidet bei mir meistens der Preis. Bis heute rechne ich um in D-Mark und dann frage ich mich: Ist es mir das wert oder nicht?
(Hätte ich das mal heute beim Eis gemacht! Angepriesen mit "original italienisch" und "Sorbet! Vegan!" und die Geschmacksprobe war auch wirklich ultra lecker. Aber umgerechnet zwanzig Mark dafür, dass jeder von uns ein Eis in die Hand bekam... Huiuiuii! So langsam kann man gar nicht genießen, um wirklich jeden Bissen zu zelebrieren, sonst kann man die ganze Grütze aus der Waffel trinken statt schlecken.)
Jedenfalls hatte der Mann oft genervt "Kauf dir doch auch eins, ich empfehle es dir!", dann probierte ich drei, vier Tage lang mal sein Kissen aus und gab mich geschlagen.
Ich hab mir aber nicht das Gleiche gekauft. 90 Euro für so ein kleines Viereck mit einer kleinen Kuhle für den Kopf.. Ich hab mich jetzt auch nicht für billigste China-Ware entschieden, aber 45 Euro - finde ich - reichen auch. Außerdem mit 90 Tagen Testzeit angepriesen. (In Wahrheit sinds vermutlich nur 30, glaubt man den Rezensionen.) Die Variante, für die ich mich entschied, besteht aus drei ineinander angepassten Lagen, von denen man die mittlere rausnehmen kann, wenn einem das Kissen zu hoch ist. Nach dem Probeliegen am Nachmittag entschied ich, die mittlere Lage rauszunehmen. Das Kopfende ist etwas höher als die Seite, wo man mit der Schulter liegt. Ergonomisch geformt, sozusagen.

Die ersten zwei Nächte, so der Mann, hätte ich angeblich so ruhig geschlafen, dass er sich manchmal fragte, ob ich überhaupt noch lebe. Hatte ich mich monatelang nachts oft hin und her gewälzt, war oft erwacht, wieder eingeschlafen, erwacht... so legte ich mich jetzt abends schlafen und stand morgens oft wie hingelegt wieder auf.
Nach der dritten Nacht aber bekam ich derart Nackenschmerzen, dass ich kaum den Kopf zu drehen vermochte.  Etliche Rezensenten haben genau dasselbe beklagt und das Kissen postwendend zurückgeschickt.  So leicht wollte ich aber nicht aufgeben. Zwei, drei, vier Tage lang massierte der Mann die schmerzhaftesten Stellen, salbte mich mit Zeug, das an alte Omas erinnert - aber es half. Auch weil wir die Zwischenlage wieder eingebaut haben. Ich bin ja nun keine zarte Elfe, sondern habe für Größe und Breite einen entsprechend großen und schweren Kopf und breite Schultern *kreisch* - ich brauche als das Komplettpaket - und damit schlafe ich tatsächlich um Längen besser. Schlafe viel ruhiger, träume besser und ruhiger und muss nachts auch nicht mehr aufstehen. Hat sichs also doch ausgezahlt, bisschen Geduld zu beweisen. Wenn das also mit dem gesunden Schlaf so weitergeht, werde ich in Nullkommanichts wieder dreißig sein *harhar*

So und jetzt muss ich weiter "Merida" mit dem Mann gucken. Wir lieben ja Trickfilme - und seit der Mann ihn anlaufen lassen hat, gackert er die ganze Zeit vor sich hin "Haha, das bist sooo du, erkennst du dich auch wieder?" Na dann gucke ich mir das jetzt auch mal genauer mit an :)

Donnerstag, 9. April 2020

Und dann..



..war ich fertig mit Ordnung machen, der Mann war fertig mit Telefonieren - und dann habe ich ihn zum Tanzen aufgefordert. In unserer kleinen Hütte. Wie die Irren. Herrlich.

Thank God it's Friday!


..also na ja fast, beinahe - und da das Fußvolk heute mit einem unerwartet zeitigen Feierabend beglückt wurde, während der Mann im Zimmer nebenan immer noch arbeiten muss, mache ich das, was man an so einem Nachmittag auch machen kann: ein bisschen herumsurfen.
Ich meine.. ich könnt jetzt auch schon nen Kuchen backen oder das Abendessen vorbereiten. Oder schon ein bisschen bügeln. Und noch ein bisschen Ordnung machen.
Ja könnte..
Dann fand ich obiges Goldstück und schon allein vom Zusehen bekam ich Lust auf ein paar ordentliche Tanzeinlagen. Ich denke, wir müssen doch noch einen Tanzkurs belegen, der Mann und ich. Er hat ja sowas schon mal gemacht, damals, bevor wir uns kennenlernten. Wie konsterniert er über das so offensichtliche Balzverhalten der Frauen war, hat er mir dann später erzählt und ich habe mich köstlich amüsiert darüber. Ich selber war noch nie dort und hätte vermutlich eher immer mit der Angst gekämpft, dass ich immer "übrig bleibe" und dann mit jemandem tanzen muss..
Ich kann beispielsweise nicht mit einer Frau tanzen. Das wäre mir zu nah, viel zu nah. Tanzen hat für mich immer - unabhängig von der Art des Tanzes - etwas Erotisches. Das muss man ja gar nicht direkt mit dem Gegenüber verbinden, aber... Ja ne, ich kann das nicht. Da muss ich auch gleich an jene Sitzung denken, früher in den Jahren der Schmerztherapie, als wir uns verbunden fühlen sollten mit einer anderen Person im Raum. Verbunden durch ein imaginäres Gummiband. Tja was soll ich sagen.. Ich hatte immer eine extrem lange Leine, ich wollte den anderen weit genug weg von mir wissen. Damit fühlte ich mich am wohlsten. Während mein Gegenüber anschließend beklagte, dass ich immer weiter weg wollte, je näher man an mich herankam - und dass das sinnbildlich für dessen Leben war. Irgendwie war es aber auch sinnbildlich für meins. Es gibt inzwischen nur wirklich sehr wenige Menschen, die ich ganz nah an mich heranlassen kann. Es gibt nur sehr wenige Menschen, die ich ganz nah bei mir ertragen kann. Ich selbst bin auch nicht der Mensch, der permanent am anderen hängt. Das war nicht immer so. Sondern ist die Summe der Erlebnisse. Die Beziehungserlebnisse in Kombination mit den Single-Jahren.
Je mehr Nähe ich wünschte, desto weniger bekam ich.
Irgendwann habe ich mich daran gewöhnt und heute.. habe ich ein Bedürfnis nach Freiheit und Freiraum entwickelt, das ich insbesondere in den letzten Jahren weiter kultivierte.

Aber ach, so tiefgründig wollte ich heute gar nicht werden, denn danach ist mir eher auch nicht. Draußen vor dem Fenster ist so herrliches Wetter, ich schreibe, nasche den letzten Zitronenkeks und in meinem Kopf rotieren immer noch etliche Ideen, wie wir unsere Wohnung umgestalten könnten. Zwar kann ich mit Provisorien ausgezeichnet leben, das aber auch nur, wenn sie gut sind. Halbfertiges hingegen macht mich irre. Räume, die sich nicht wohnlich anfühlen, machen mich irre.
Mindestens zwei Jahre habe ich um die Entscheidung gekämpft, dass und vor allem wie wir die Wohnung umgestalten. Und jetzt, wo ich den Mann endlich so weit hab, dass er meinen Vorschlägen zustimmt, dürfen wir in keinen Baumarkt und auch in keinen Ikea. Da könntste doch ausrasten! Ich hatte ja auch schon mal die Vorstellung, den Mann auf Wanderurlaub zu schicken, so ein, zwei Wochen - und wenn er wiederkommt, bin ich fertig mit allem. Nur - ich komme an kein verdammtes Material!
Und für die eine oder andere Vorstellung - so musste ich erst gestern Abend wieder feststellen - ist unsere Wohnung immer noch zu klein. Und die Wohnungen in M immer noch viel zu überteuert.
Dafür habe ich heute richtig geile Dachgeschosswohnungen in L gefunden! Kosten: Im Schnitt nur ein Drittel dessen, was man vergleichsweise in M berappen müsste. Doch auch in L schreitet die Preisentwicklung voran.
Im Kopf hatten der Mann und ich ja einige Modelle in den letzten Monaten durchgesponnen und würden wir nach L gehen, würde ich sogar die geliebte Freiheit des Home Offices aufgeben, um sie ihm zu überlassen. Vielleicht könnte ich mich dann doch mal dazu durchringen, ihn abends mit "Mein König" anzusprechen *kreisch* Davon träumt er nämlich schon lange. Aber nu ja. Hat halt jeder so seine Träume, nicht wahr?

Ich denke, ich werde jetzt ein bisschen Ordnung machen. Die besten Ideen kommen immer, wenn ich in Bewegung bin ;) Und mit cooler Mucke. Wenn die da oben kein geiles Lebensgefühl macht - welche dann?