Manchmal, spätestens aber an Tagen wie diesen, bin ich erschrocken, wie irre schnell die Zeit vergeht. Kinder sind unser Indikator für unser eigenes Alter. Dann, wenn wir dem Spiegel nicht trauen mögen oder die Zahl im Pass ignorieren wollen.
Heute ist Dein 36. Geburtstag.
Sechsunddreißig.
Unglaublich. Eine Zahl, die Du selber gar nicht (mehr) hören möchtest - und die Dich auch immer weiter entfernt von einer Zeit, in der Du Dich gut und ein Stück weit auch unbeschwert gefühlt hast. Vor allem eng verbunden mit Deinem Bruder, der Dir in Eurer schwierigsten Zeit vermutlich der einzige war, der genau wusste, wie Du Dich fühlst - und mit dem Du auch vorbehaltlos alles besprechen konntest. Dich mitteilen konntest. Allen, auch Dir, war immer klar: Das wird nicht so bleiben. Eines Tages wird jeder seiner Wege gehen. Du hast nur nicht damit gerechnet, dass dieser Moment so früh eintreten würde - und haderst bis heute damit, dass Dir genau dafür Dein ganz persönlicher Abschluss fehlt. Auch wenn Du irgendwann realisiert hast, dass genau dieser Abschluss vermutlich schon vor einigen Jahren vollzogen wurde, ohne dass Euch beiden das so wirklich bewusst gewesen wäre.
Du warst vom ersten Tag an ein besonderes Kind - und das empfinde ich und meine ich in jeder Beziehung positiv. Du warst ein kleiner Goldschatz, ausgesprochen wissbegierig, neugierig, entdeckerfreudig und so beweglich im Geist, dass Du den Kindern in Deinem Alter in einigem weit voraus warst. Im Gegenzug hast Du nie viele Freunde gehabt. Du brauchtest auch nie viele Freunde. Bei Dir ging Qualität vor Quantität. Bindungen, die Du knüpfst, die knüpfst Du für immer. Wenn sie sich verlieren, hängst Du ihnen zumindest im Inneren sehr lange nach, vielem davon bis heute.
Am tiefsten ist bis heute das Band zu Deinem Bruder, und mir ist bewusst, warum. Auch weil er die einzige Konstante war in Deinem Leben, als die Familie auseinanderbrach. Er war jemand, der Dir Halt gab. Dinge, Relikte aus dieser Zeit trägst Du bis heute bei Dir. Wie zum Beispiel zwei kleine Stofftiere. Die Augen habe ich x-mal schon wieder angenäht, Risse gestopft. Man kann sie kaum noch anfassen, ohne zu befürchten, sie fielen auseinander. Aber Du hängst an ihnen, so, wie Du an der einstigen Zeit hängst, die für Dich Sicherheit und Stabilität bedeutete. Als Deine Welt noch in Ordnung war - zumindest von außen betrachtet.
So beweglich Du in Deinem Geist jedoch warst und bist, so sehr hängst Du im Leben an Struktur und Gewohnheit. Es fällt Dir nicht so leicht, Dich auf neue Situationen einzustellen. So war das schon als Kind. Du hast Dich schwer getan mit Planänderungen. Hast immer und immer wieder hinterfragt, warum wir dies und jenes doch nicht so, sondern anders machen.
Was das bedeutet, wissen wir alle. Nicht umsonst bist Du einer der vermutlich größten Fans der Figur von Sheldon Cooper. Kannst die Texte mittlerweile auswendig und soufflierst sie, bevor sie über den Bildschirm flimmern.
Aber Du bist auch in anderer Hinsicht ein ganz besonderer Mensch: Ich kenne wirklich niemanden, der so aufrichtig ist wie Du. Der so mitfühlend ist wie Du. So hilfsbereit. So respektvoll und zuvorkommend Dritten gegenüber. Auch wenn wir zu Hause diese Seite an Dir immer wieder mal vermissen ;) Zu Hause, so denke ich mir, fühlst Du Dich sicher. Zu Hause kannst Du sein, wer Du bist. Kannst zeigen, wer Du bist. Wenn Du verletzt bist, verstellst Du Dich nicht. Wenn Du schießwütend bist, bekommt das jeder zu spüren. zu Hause bist Du pur und unverfälscht, mein großer stachliger Igel mit dem weichen Kern im Inneren, den er nicht mehr oft zeigt. Das zeigt Selbstschutz und es zeigt mir Resignation.
Was Dir fehlt, habe ich schon vor langer Zeit verstanden. Was Dich bewegt, ebenfalls. Auch, warum Du Dich in Situationen so reagierst, wie Du eben reagierst: ruppig. Es braucht lange und Du brauchst auch das Gefühl, dass die Zeit dafür da ist. Aber wenn, dann öffnest Du Dich. Erzählst. Lässt die Dinge raus, die Dich belasten, beschäftigen, die Dich wütend machen. Über die Du lange nicht sprichst und Dich dann in dieser Zeit festhängst in eine Gedankenspirale, aus der Du dann nicht mehr herausfindest. Oder auch nicht herauskommen magst. Gedanken, Einstellungen manifestieren sich - und dann wird es schwierig..
Meine Reaktion, meine Antworten sind für Dein Empfinden oft nicht das, was Du hättest hören wollen. Dann fühlst Du Dich missverstanden. Aber glaub mir.. Ich kann Dich wahnsinnig gut verstehen und sehr, sehr vieles auch nachempfinden. Es gibt jedoch - wie bei so vielem im Leben - immer eine zweite Seite. Es ist diese Seite der Medaille, die ich versuche, Dir dann aufzuzeigen.
Ich glaube, einen großen Fehler, den Menschen begehen können, ist, eine Erwartungshaltung gegenüber anderen aufzubauen. Man muss doch dann zwangsläufig enttäuscht werden - weil der andere entweder gar nichts davon weiß; er aber schlichtweg auch gar nicht in der Verpflichtung ist, diese Erwartung zu erfüllen. Zu befriedigen. Zufriedenheit.. mein Hase.. ruht in einem selbst. Jeder Mensch ist für sich selbst verantwortlich, zuallererst. Jeder Mensch muss für sich selbst dafür sorgen, dass sein Leben so ist, dass er sich wohl darin fühlt - und sich auch glücklich darin fühlt. Dann erst, und daran glaube ich persönlich wirklich, ist auch wirklich erst Platz darin für einen anderen Menschen.
Nicht immer erfüllen sich unsere Herzenswünsche. Nicht immer erfüllt sich das, wonach wir uns sehnen. Aber weißt Du.. In meinen dunkelsten, schmerzhaftesten und schwierigsten Zeiten habe ich mir immer gesagt: "Wer weiß schon, wofür das alles gut ist. Irgendwie wird es seinen Sinn haben." Und mein Hase - es hat sich bis zum heutigen Tag immer und immer wieder bestätigt: Es hat am Ende alles seinen Sinn. Manchmal dauert es nur einfach unfassbar lange, eh wir darauf kommen. Den Sinn erkennen. Den Sinn dafür, warum dies oder jenes sich nicht erfüllt hat. Daran glaube ich auch ganz sehr bei Dir. Ja, es mag sein, dass andere Menschen in Deinem Alter bereits eine Familie haben. Zweimal im Jahr in den Urlaub fahren. Arbeiten gehen. Kinder bekommen (haben). Du hast lange darunter gelitten, dass Dein Leben bis hierher ganz anders verlaufen ist. Aber.. Du sagst eben heute auch von Dir, dass es nicht das Leben ist, was DU führen möchtest. Was DICH glücklich machen würde. Und ich finde das genau richtig so. Jeder muss für sich selber entscheiden, wie er leben möchte. Womit er leben möchte. Womit er glücklich ist. Du weißt schon eine ganze Menge über Dich selbst - und auch über das Leben; selbst dann, wenn Du im Gegensatz zu anderen die meiste Zeit auf Deiner eigenen inneren Insel verbracht hast. Aber Du bist - nicht nur aus meiner Sicht - hoch intelligent, Du erfasst ungemein schnell Situationen, Schwingungen, Stimmungen und entwickelst in Bruchteilen ein unbeirrbares Gespür für Falsch und Richtig. In Dir steckt noch immer der Junge, der eigentlich nur geliebt werden möchte um seiner selbst Willen. Der fühlen möchte, dass er liebenswert ist. Einfach nur dafür, dass Du Du bist. Ohne Dich verbiegen zu müssen. Und zugleich steckt in Dir der junge Mann, der so enttäuscht und frustriert ist von dem, wie die etwa zehn letzten Jahre seines Lebens verlaufen sind.
Wir feiern heute Deinen Geburtstag - und ich bin Dir zutiefst dankbar dafür, dass Du Dich umentschieden hast und wir doch alle an Deinem Tag zusammen sein werden. Auch wenn ich weiß, dass Du es nicht aus Überzeugung, sondern eher nur mir zuliebe so entschieden hast. Ich bin trotzdem dankbar. Und ich möchte, dass Du wirklich weißt und auch wirklich verstehst, dass es noch nie, wirklich noch niemals einen Anlass gegeben hat, von Dir enttäuscht zu sein. Ganz im Gegenteil. Du hast uns so oft überrascht und zum Staunen gebracht. Bitte, bitte lass Dir niemals etwas anderes sagen oder einreden, egal, wie nah Dir diese Menschen stehen mögen, die so etwas ausdrücken.
Du warst ein besonderes Kind, und Du bist ein besonderer junger Mann, der seinen Weg finden wird. Das hast Du immer. Auch wenn die Dinge bei Dir immer (viel) später kamen als bei anderen. Aber Du wirst Deinen Weg gehen - und Du wirst das Leben führen, das Du Dir vorgestellt hast. Daran glaube ich, davon bin ich in meinem Inneren zutiefst überzeugt.
Danke, dass es Dich für uns gibt.
Deine Mama





