Mittwoch, 6. November 2019

24

Ja mein Schmunzelhase, nun ist es wieder soweit. Ein Jahr weiter, ein Jahr älter, ob Du nun magst oder nicht :) Als ich so alt war wie Du, warst Du noch gar nicht auf der Welt, dafür hatte ich mit Deinem Bruder schon gut zu tun. Ein Schreikind, drei ganze lange Jahre jede Nacht, wofür es nie eine Erklärung gab. Genauso wenig dafür, dass es von einer Nacht zur nächsten einfach aufhörte, unmittelbar vor seinem 3. Geburtstag.
Man vergisst so schnell und das war auch gut so - denn Du warst mein ausgesprochenes Wunschkind. Ich weiß noch genau, was ich dachte, als ich Dich das allererste Mal sah: "Der hat ja einen kleinen Entenschnabel!" :) Diese Schnute konntest Du auch als Kleinkind immer noch gut und keiner, wirklich keiner konnte Dir widerstehen. Du hast uns alle um Deine kleinen Finger gewickelt, sogar Deinen großen Bruder. Der kam in das Klinikzimmer gestürmt, noch in Winterjacke und Mütze, sah Dich in dem kleinen Glasbettchen an meinem Bett und flehte: "Den nehmen wir mit nach Hause! Versprich mir, dass wir den mit nach Hause nehmen!"
"Natürlich!" hatte ich mich gewundert. "Wo sollen wir ihn denn sonst lassen?"
Ob er das später vielleicht nicht doch mal bereut hat, kann man nur vermuten, denn fast sechs Jahre lang hatte sich alles nur um ihn gedreht und nun musste er Liebe, Aufmerksamkeit und Zuwendung mit Dir teilen. Was er aber immer gerne mit Dir geteilt hat und auch freiwillig, das war das Spielzeug. Ihr habt es in Nullkommanichts geschafft, ein derartiges Chaos im Zimmer zu veranstalten, dass man nirgendwo mehr auftreten konnte, ohne Schaden zu nehmen oder Schaden anzurichten.
Alles, das Ihr nicht zum Spielen hattet, habt Ihr Euch aufgemalt und ausgeschnitten und dann damit gespielt. Was habe ich oft geflucht über die gefühlt tausend Schnipselchen. Vorzugsweise irgendwelche Panzer und TNT-Boxen.
Nie niemals werde ich vergessen, wie Dein Opa kurz vor Deinem 4. Geburtstag mit Dir Mittagsschlaf machen wollte. Irgendwann kam er aus dem Schlafzimmer, jappste vor Lachen und winkte ab: "Kümmer du dich, dass der schläft, ich kann nicht mehr!"
Er hatte Dich müde quatschen wollen - und Dich gefragt, was Du Dir zum Geburtstag wünscht.
"Opa, ich will ein Messer haben."
"Ach Quatsch, min Jung, was willst du mitm Messer, du schneidst dir nur in die Finger."
"Okay, dann will ich eine Pistole haben."
"Ach was willst du mit ner Pistole, da tust du dir noch selber weh."
"Opa, also wenn ich kein Messer und keine Pistole kriege, dann will ich eine Bombe haben!"

"Gib ihm noch ein paar Jahre", hatte der Opa damals prophezeit. "Auf den müsst Ihr aufpassen!"

Aber über die Jahre mit Dir kann ich wirklich gar nichts Schlechtes sagen. Du warst von Anfang an ein Sonnenkind, Du hast viel und gerne gelacht, immer gut geschlafen und gegessen, mit Dir wurde vieles einfacher, obwohl Ihr nun zwei Kinder wart. Der Große war immer auf Dich fixiert, kaum etwas ging ohne Dich, und manchmal hat er Dir abends vorgelesen statt ich Euch.
Manchmal hat er Dich sogar geduscht, weil ich noch damit beschäftigt war, eine neu gekaufte Kommode für Euer Zimmer zusammenschrauben. Und Du hast herumgealbert und rumgedallert und Dein Bruder hat wütend den Zeigefinger gehoben: "Und das eine sag ich dir, das mach ich nicht für dich, das mach ich nur für die Mutti!"

Hach, es gibt so viele Momente, an die ich so gerne zurückdenke und über die wir heute noch lachen können. Mit diesen Momenten möchte ich die Erinnerung an andere Zeiten überdecken, die nicht gut waren, die nicht schön waren, vor allem nicht für Euch. Wenn Eltern sich trennen, ist es am allerschlimmsten für die Kinder, und das ist es vor allem dann, wenn die Eltern sich nicht im Guten trennen. Ich habe die Entscheidung nicht bereut und ich würde sie auch immer wieder so treffen - aber ich würde heute vieles ganz anders machen. Um Euch beide viel besser hätte schützen zu können. Dich, vor allem aber auch Deinen Bruder. Dass ich das nicht konnte, ist bis heute mein allergrößter Schmerz.
Wenn ich bis heute darum bemüht bin, dass es Euch gut geht, dann werde ich schon hin und wieder gefragt "Machst du das, um das Früher zu kompensieren?"
Nein, kann ich darauf ganz sicher antworten. Ich mache nichts, um ein Früher zu kompensieren. Mein Credo war immer ein liberales Erziehungsprinzip - auch wenn ich früher vermutlich viel autoritärer aufgetreten bin als heute. Aber was mir damals wie heute wichtig war und ist, ist Euer Glück. Dass Ihr Euren Weg findet, mit dem Ihr leben könnt und der Euch glücklich macht.
Als Du entschieden hast, Erzieher zu werden, fand ich das richtig toll. Als Du aber unmittelbar nach Beginn der Ausbildung feststelltest, dass es doch nicht der richtige Weg ist für Dich, da sagte ich zu Dir: "Wenn du es wirklich willst und nicht bummelst, wenn du alles für diesen Weg tun willst, dann werde ich dich auch unterstützen, mit allem, wie ich es kann."
Du hast Wort gehalten - und ich habe Wort gehalten.
Glaub mir, es ist mir wahnsinnig schwer gefallen, Dich schon mit 18 in unserer Wohnung zurückzulassen und so weit fortzugehen. Du hast Dich nie beklagt, Du hast es immer verstanden und diese Entscheidung immer mitgetragen. Aber ich wusste auch immer, dass Du mich gerne noch etwas länger bei Dir gehabt hättest, wenigstens in der Nähe - und glaub mir, das ging mir ganz genauso. Im Grunde geht mir das bis heute so. Es ist etwas Wundervolles, Eure Entwicklung zu sehen, mitzuerleben, wie Ihr erwachsen geworden seid, welche wunderbaren Menschen aus Euch beiden geworden sind. Von Deinem Bruder sagst Du immer, er hätte ein Herz aus Gold. Das stimmt. Aber mein Hase, das gilt auch für Dich! Du kannst es nicht ertragen, wenn es irgendwo Streit gibt, Du möchtest immer, dass alle sich vertragen und gut miteinander sind. Du schlichtest gern und Du reagierst selbst dann gelassen, wenn Dein Bruder aufdreht in seinem Zorn und Worte sagt, von denen ich nicht glaube, dass er sie wirklich ernst meint. Zumindest bleibst Du äußerlich gelassen und wenn ich dann sage "Ich sprech später mal mit ihm", lächelst du und sagst "Alles gut."
Und kaum eine Woche später schickst Du mir ein Foto, wo Dein Bruder neben Dir ratzt, nachdem Ihr bis morgens Horrorfilme geschaut habt. Zumindest sagte Dein Bruder das auf meine Frage, ob Ihr wirklich bis morgens gezockt habt :)
An Dir liebe ich wirklich unendlich, dass Du so in Dir ruhst, dass Du sehr wohl darauf bedacht bist, dass es den Menschen um Dich herum gut geht, Du aber auch darauf achtest, dass es DIR gut geht.
Ich vergesse nie den Sonntagmorgen vor einigen Jahren, als wir Drei am Frühstückstisch saßen. Worum es ging, weiß ich nicht mehr, aber ich erinner mich an Deine Worte, als wäre es gestern gewesen: "[Der Bruder] und du, ihr seid total gleich. Ihr denkt immer erst an die anderen und dann an euch. Der Vater und ich sind da ganz anders. Wir denken zuerst an uns."
Das stimmt vermutlich - und wir waren uns alle lange einig, dass Du nicht nur optisch nach Deinem Vater kommst, sondern auch dem Wesen nach. Inzwischen aber kann ich Dir eines sagen: Nein, dem Wesen nach kommst Du nicht nach ihm. Du bist Dein eigenes Wesen. Ein Mix aus beiden, aber immer noch Du selbst, und es ist genau richtig und gut so. Du achtest auf Dich, aber Du hast ein fröhliches, liebevolles Wesen, auch wenn Du gerne piesacken kannst.
Weißt Du noch, wie ich mir vor Jahren mal morgens die Zähne im Bad putzte, über das Waschbecken gebeugt? Du kamst dazu, legtest mir Deine Hand auf meinen nun wirklich klitzekleinen Bauch (harhar) und sagtest: "Na was hamwa denn da?"
Skorpion eben ;) Ehrlich, auch wenns weh tut :D

Eigentlich wollte ich anlässlich Deines Geburtstagsposts das Video von Dir und mir reinstellen. Du warst damals 6, hattest eine Maltafel geschenkt bekommen und warst im Dino-Fieber. Die mehrfach aufgemalten musstest Du mir unbedingt am Abendbrottisch zeigen, aber ich bestand darauf, dass Du die Tafel zur Seite legst und erstmal isst, bevor alles kalt wird. Ich duldete keine Widerworte, kein "aber guck mal" oder "nur noch das hier", ich sagte "Leg sie weg, sonst mach ich es!"
Wir haben uns so köstlich amüsiert beim Anschauen des Videos vor nunmehr 18 Jahren - und wie Du nach einer wütenden Antwort gesucht hast, damit Du mir irgendwas vor die Füße schleudern konntest, das zwar zünden, aber mich nicht wirklich verletzen sollte.
"Du bist so gemein!... du... du... Hammerhai!" hast Du damals ausgerufen - daraufhin musste erst ich lachen, dann hast Du mitgelacht und alles war wieder gut zwischen uns.
Ich bekam das Video aber nicht geschnitten, nicht so, wie ich es brauchte. Vielleicht gelingt es mir ja noch, denn das müssen wir uns wirklich bewahren :)

Und auch das liebe ich so an Dir. Dass Du einem nichts nachträgst. Dass Du Dich streiten und gleich wieder vertragen kannst. Dass Du eine Meinung hast, zu der Du stehst und die Du auch verteidigen kannst. Dass Du Deine Familie so liebst und Dir immer wichtig ist, dass es uns allen gut geht. Dass Du immer argwöhnst, ob es auch mir wirklich gut geht, vor allem gesundheitlich, und Du darauf bestehst, alles wissen zu wollen. Du aber gleichzeitig den Gedanken nicht ertragen kannst, dass es mal anders sein könnte. Als ich Dir vor einem Jahr einen Zettel gab mit all meinen Daten für Konten etc., da sagtest Du "Ich darf da gar nicht dran denken, ich will das gar nicht."
Natürlich werde ich 104 Jahre alt, was denn sonst? :)
An Dir liebe ich auch, dass Du nie große Worte machst, aber sehr wohl siehst und schätzt, was Du bekommst und wer Dir etwas ermöglicht. Dass Du dankbar bist. Dass Du mich auch heute noch in die Arme nimmst zur Begrüßung - oder auch einfach nur mal so. Dass Du im Streit zwar gerne deeskalierend auftrittst, aber auch nicht davor scheust, offene Worte an Dein Gegenüber zu richten. Auch dann, wenn es bedeutet, den anderen danach ein paar Monate nicht mehr zu sehen.
Du hast ein sehr gutes Rechts- bzw. Gerechtigkeitsempfinden und stehst so lange dazu, wie Du daran glaubst oder bis man Dir das Gegenteil beweist. Darin sind wir beide uns ultra ähnlich.

Ich bin sehr froh, sehr stolz und sehr dankbar, dass es Dich gibt, was Du aus Dir gemacht hast - und wenn ich sehe, wie gerade und aufrecht Du auf der Straße gehst, dann denke ich: "Dieser gerade, aufrechte Gang, der steht genau dafür, wie du dich fühlst und wie es dir geht."
Das ist das beste Gefühl, das eine Mama haben kann.
Dafür danke ich Dir.

Alles, alles Liebe zu Deinem Geburtstag, mein Schmunzelhase.
Und hey, vergiss nicht: Wir werden niemals älter - wir sammeln nur Erfahrungen. In unserem Herzen bleiben wir aber immer jung. Immer. Das verspreche ich Dir! :*

Dienstag, 5. November 2019

The Good in Goodbye



Als ich am heutigen späten Abend diesen alternativen Song fand, der mir so unfassbar viel besser gefällt als die Original-Version, und der so unfassbar viel an Erinnerung heraufbeschwört, da konnte ich gar nicht aufhören, Gänsehaut zu haben.
In Erinnerung an Abschiede, die mich bis heute beschäftigen.
In Erinnerung an all diesen Schmerz, bei dem sich jeder wünscht, ihn nicht fühlen zu müssen. Nicht fühlen zu können.
In Erinnerung an all die schlaflosen, durchweinten Nächte, in denen ich Kissen zerbiss, damit die Kinder mich nicht hörten. Und all die ewig wiederkehrenden Fragen, die niemand beantwortete.
Die Frage nach dem Alleinsein. Warum ich nicht die lieben konnte, die gut für mich waren. Warum ich stattdessen die liebte, die nur Schmerz bedeuteten. Warum da in langen Zeiten einfach auch niemand war, weil bedeutungsloser Sex nicht die Stille und nicht die Leere in deinem Kopf füllt, sondern dir das alles nur noch umso bewusster macht.

Früher, bei all dem Scheiß, den ich erlebte, ob nun selbst verschuldet oder nicht, wurde ich tatsächlich oft gefragt, wie ich es machen würde, immer noch und trotz allem so gerne und so bewusst zu leben. Das Leben zu lieben, keinen Tag weniger als gestern und als ich es morgen tun werde.
Meine ganz persönliche Antwort entstand mit den Jahren. In diesen Jahren.
Ich für mich habe gelernt, dass wirklich alles seinen Sinn gemacht hat. Dass nichts anders kommen konnte als es gekommen ist.
Hieraus habe ich irgendwann begonnen, meine Zuversicht zu nehmen: Alles, was du erlebst, macht dich zu dem, der du jeden einzelnen Tag bist. (Ob das gut ist oder nicht, werte ich an dieser Stelle nicht.) Es sind die Untiefen, in denen du das meiste über dich selbst lernst. Wie du den Untiefen begegnest. Welcher Mittel du dich bedienst, um da herauszufinden. Du lernst aber auch zu verstehen. Warum Menschen so und nicht anders agierten. Du lernst, Klänge, Zwischenklänge, Misstöne, falsche Töne voneinander zu unterscheiden. Du lernst zu unterscheiden, wer es wirklich ehrlich meint und für wen du nur ein Mittel zum Zweck gewesen bist. Du lernst, wer wirklich zu Dir steht und wer aber auch nicht. Du lernst zu sehen, ob du selbst Ellenbogen gebrauchst oder liebe Umwege in Kauf nimmst, ob und wieviel Skrupel du besitzt und wie wichtig dir an dir selbst und am anderen Authentizität ist. Du lernst viel mehr, wer du wirklich bist - und dass du gar nicht die bist, die du zu sein glaubtest. Dass du dich viel zu sehr angepasst hattest und irgendwann vergessen hast, wie es war, dich selbst zu spüren. Wieder zu erfahren, wie sie ist, deine Intuition. Dass du aufgehört hast, auf dein Bauchgefühl zu hören, schlimmstenfalls ihm zu misstrauen.
Es hat Situationen gegeben, in denen ich diesem Gefühl entgegen gehandelt habe - und immer, wirklich IMMER damit auf den Arsch gefallen bin.

Heute denke ich.. Es ist irgendwie zweitrangig, ob du gerade in einer Beziehung bist oder Single. In einer Beziehung zu sein, bedeutet noch lange nicht, auch glücklich (miteinander) zu sein.
Denn so platt das auch immer klingen mag: Am Ende beginnt alles ganz bei Dir selbst.
So war das auch für mich.
Wirklich begonnen hat es erst, nachdem ich aufgehört habe, neben mir zu stehen.
Wirklich begonnen hat es erst, nachdem ich aufgehört habe, Angst zu haben. Angst davor, allein zu sein und allein bleiben zu müssen. Weil ich gelernt hatte, allein leben zu können. Genossen habe ich das erst auf den allerletzten Metern, aber missen... möchte ich nichts von dem, das das Gute in mir hervorgebracht hat in den letzten Jahren. Das Schlechte in mir bekommt man gratis dazu ;)

Bei Gott, ich liebe, liebe, liebe diesen Song. Mit allem vergangenen Schmerz und aller alten und neuen Zuversicht.

Montag, 4. November 2019

Hui-iui

Die letzten Tage habe ich im wahrsten Sinne des Wortes flachgelegen. Nichts wollte mehr gehen.
"Was ist mit dir?" wurde ich gefragt, nur beantworten konnte ich es nicht wirklich.
"Es fühlt sich an wie Grippe, aber es ist keine", antwortete ich lediglich.
Überhaupt war mir Schreiben oder gar Telefonieren viel zu viel, selbst der Gang ins Badezimmer glich einem Kraftakt. Meist las ich nur ein bisschen hier und da und dann schlief ich einfach wieder ein.
Vier Tage frei, die man eigentlich hätte ganz anders nutzen können. Aber eben.. Nix ging.
"Du solltest doch besser zum Hausarzt gehen und dir ein Antibiotikum verschreiben lassen", empfahl mir meine HP - doch genau hierin lag die Crux: Warum sollte er es mir verschreiben?

Begonnen hatte alles mit einem auffälligen Laborbefund im September. Ein vierfach erhöhter Wert für eine bakterielle Infektion, die man am allerehesten bekommt, wenn man.. ich sags mal so.. sexuell ein wenig umtriebig ist. Der Laborwert konnte sich allerdings nicht entscheiden, ob er für eine bakterielle Belagerung des Intimbereichs oder der Lunge stimmen sollte. Was man selber macht oder nicht macht, weiß man ja, aber der Mann selbst reagierte ausgesprochen gelassen auf diese Information und meinte, ich solle das einfach mal richtig untersuchen lassen. Denn das Bakterium für die Lunge wiederum kann man jederzeit überall bekommen - allein schon durch die Tatsache, dass neben Dir jemand steht und hustet. Und davon gabs in den letzten Wochen ja etliche.
Der Termin bei der Gynäkologin.. Ich weiß noch immer nicht so recht, was ich davon halten soll, andererseits spiegelt er genau die Problematik wider, die mir, seit ich regelmäßig zur Heilpraktikerin gehe, ständig widerfährt: die Problematik der Akzeptanz.
Derzeit geistert ja ohnehin schon eine Art Anti-Heilpraktik-Kampagne durch das Land. Ich hatte es ja schon mal geschrieben: Heilpraktik ist weitaus mehr als nur völlig überteuerte Zuckerkügelchen zu kaufen und mit der ich-weiß-nicht-was-für-eine-Wünschelrute um ein imaginäres Feuerchen zu tanzen. Die Heilpraktik, so wie ich sie zumindest erfahren habe, macht im Grunde genommen gar nichts anderes als die Schulmedizin auch: Man wird untersucht, Symptome werden notiert, Medikamente verschrieben, die jedoch den Körper nicht mit Chemie vermüllen, sondern wesentlich sanfter und natürlicher ansetzen. Was zwar in der Praxis einen längeren Heilungsprozess bedeutet, aber eben schonender für zum Beispiel mich ist.
Oder nehmen wir die Bluttherapie. Das bisher einzig wirksame Mittel gegen meine Gleichgewichtsstörung. Sie ist bis heute nicht weg, aber ohne sie würde ich heute deutlich beeinträchtigter laufen, gehen, leben. Dafür bin ich extrem dankbar. Ein Schulmediziner kann und darf das genauso, und nach der Spahn'schen Gesetzgebung darfs bald auch nur noch der. Nur - der bietet es eben nicht an. Nicht mal die Möglichkeit dessen. Bei der Heilpraktikerin bin ich fast immer eine Stunde - und sie betreut auch viele Patienten. Beim Schulmediziner maximal 5 Minuten.
Aber gut, ne, ich verlier mich schon wieder.
Was ich eigentlich erzählen wollte: Die Gynäkologin schaute auf den Blutbefund, verdrehte die Augen und sagte "In Ihrem Alter zahlt die Kasse den Test nicht. Entweder Sie bringen mir Ihren Morgenurin, das ist etwas billiger. Oder wir machen einen Abstrich, dann müssen Sie auch meine Leistungen bezahlen."
Was im Grunde völliger Blödsinn ist. Dass die Kasse den Test nicht zahlt, stimmt so nicht. Sie zahlt die routinemäßige Vorsorge und darin eingeschlossen ist auch dieser Test, allerdings nur in einer bestimmten Altersgruppe. Vermutlich geht der Gesetzgeber davon aus, dass man nur im Alter von 20 bis 30 sexuell aktiv ist - und alle anderen in die Kategorien "desinteressiert" oder "in monogamer Beziehung" fallen. Wenn aber die Ärztin einen (begründeten) Verdacht auf eine Infektion hat oder diesen zumindest ausspricht, dann zahlt die Kasse den Test auch "für alle anderen".
Ich hab mit ihr früher schon derartige Tänzchen gehabt, da gings zum Beispiel um die Ultraschalluntersuchung der Brust. Wenn man einen Knoten ertastet, dann zahlt die Kasse die Untersuchung nämlich auch. Nur wenn man sie sich vorsorglich "schallen" lässt, ohne Anhaltspunkt, dann zahle ich dafür um die 50 Euro.
Lange Rede, ich habe den Test selber gezahlt und Montag kam das Ergebnis: Negativ.
Darüber war ich extrem erleichtert, und wie sehr, das wurde mir eigentlich erst in den Folgetagen bewusst. Körperlich gings mir immer schlechter, die Ohren "massiv entzündet", der Hals entzündet, die Lymphdrüsen geschwollen, trockener Husten - und eben ein extremes Schlappheitsgefühl. Dazu weiße Flecken auf meinem Rücken, die sich relativ rasch immer weiter ausbreiteten.
Natürlich verschrieb der Hausarzt kein Antibiotikum, für den hatte ich mir wie vermutlich jeder Zweite um mich herum einen Infekt eingefangen, den es einfach nur auszukurieren galt - und den Laborbefund habe ich dieses Mal auch gar nicht erst mit vorgelegt.
Als die HP fragte, wie es mir ging, schlug sie mir daraufhin eine erneute Bluttherapie vor.
Aber ich zweifle. Die Bluttherapie war gut und wichtig für die Gleichgewichtsgeschichte - aber alles andere konnte sie irgendwie nicht wirksam reparieren. Fast alle Werte, die mit der Therapie wieder im grünen Bereich waren, pendeln sich nach und nach da wieder ein, wo sie vor der Behandlung waren. Wozu das dann? Wozu der ganze Aufwand, die immensen Kosten, wenn nicht alles damit wirksam bekämpft werden kann. Wenn man nicht mal genau weiß, gegen wen man eigentlich kämpfen soll?
Irgendwie.. überkam mich dieser Tage ein Gefühl der Erschöpfung: Man kämpft und kämpft, läuft sich die Hacken ab, erfährt eine Nichtakzeptanz nach der anderen, investiert aus diesem Grund viel Geld und Zeit in alternative Wege - und tritt doch letztendlich irgendwie auf der Stelle. Ja vielleicht nicht ganz - aber so fühlte ich mich. Irgendwie mochte ich nicht mehr. Irgendwie wollte ich nicht mehr.
Vielleicht sollte ich mir stattdessen einfach mehr Ruhe gönnen, sagte ich mir. Vielleicht sollte ich meinem Körper einfach mal wieder mehr Ruhe gönnen. Ihn nicht weiter permanent mit allem Möglichen belasten, sondern ihn einfach mal wieder zu sich selbst finden lassen.
An die Therapiemöglichkeiten und -wege der Heilpraktikerin glaube ich immer noch. Ihr vertraue ich immer noch am ehesten, aber ich bin zu müde. Zu müde nach eineinhalb Jahren der wöchentlichen bis vierzehntägigen Sitzungen, Behandlungsversuche, die nur das Ziel haben, mir zu helfen. Sie selbst verdient entgegen der allgemeinen (meist von Nicht-Betroffenen) Meinung gar nicht viel dran. Denn das meiste muss ich selber in der Apotheke kaufen, selbst die Seren für die Injektionen. Die Medikamente sowieso. Und für die Termine bei ihr zahle ich - dank Vertrag - zwischenzeitlich nur noch 11 Euro im Monat.
Ich vertraue ihr auch deshalb, weil sie die Auffassung vertritt, Schulmedizin und Naturmedizin können und sollen sich ergänzen, es solle nicht nur das eine oder nur das andere geben. Eine Kombination aus beidem findet sie richtig - und ich auch.

In den letzten freien Tagen war das einzige, zu dem ich mich aufraffen konnte, die Erledigung der Steuer für 2017 und 2018. All die Medikamentenrezepte habe ich nun in den Müll entsorgt. Viel Geld ausgegeben - aber das kann ich erst ab einem dreistelligen Betrag geltend machen. Schöner Anschiss.
Lediglich die Arztkosten kann ich absetzen, aber das wird erst für 2019 richtig interessant.
Jedoch das bestärkte irgendwie meinen Zweifel: Viel Zeit und Geld und am Ende... Vertrau deinem Bauchgefühl und mach ne Pause.

Gestern habe ich nochmal viel geschlafen, bis der Mann mich irgendwann weckte: "Sonst schläfst du die Nacht wieder nicht." Ich hab trotzdem nachts wunderbar geschlafen, lange, tief und fest.
Hab sogar auch wieder Appetit auf was zu essen und Kaffee. Ein sehr gutes Zeichen ;)
Damit positiver und wieder zuversichtlicher eingestellt, begann ich die neue Woche - aber irgendwie.. ist es wohl einer der typischen Montage, die man gerne als "Deckel drauf, abwarten, der Dienstag naht!" abtun möchte.

Eine neue Runde in der Beziehungs-Bruch-Konstellation, die da vor meinen Augen abläuft. Viel, viel Ungutes, aber ich denke, da entlädt sich grad noch ganz viel anderes, das sich in all den Jahren ordentlich angestaut hatte. Und jetzt, wo alle Karten aufgedeckt sind... Ja, ich kann mir vorstellen, dass da Erkenntnisse zutage treten, die das einst positive Bild vom anderen nachhaltig beschädigen - und dass man davor Furcht hat. Dass die eigenen (erwachsenen) Kinder dem einen raten, auszuziehen, solange, bis der andere selber seine Sachen gepackt hat und geht. Dass die Kinder Partei ergreifen - und das nicht immer gut für einen selber sein muss. Dass man Bindungen zerreißt, von denen man bis dato glaubte, sie seien unkaputtbar.
Ja, man verliert sehr viel, nicht nur finanziell. Man gewinnt aber auch sehr viel - aber ob eine Entscheidung die richtige ist oder nicht, kann nur jeder selbst für sich beantworten.
Es ist wirklich erschütternd, was Trennungen hervorbringen können.
Es ist aber auch genauso erschütternd, wie viele Bindungen nicht mehr aus Liebe bestehen.
So ein Leben kann ich mir für mich einfach nicht mehr vorstellen. Dann möchte ich lieber alleine leben.

Ein neues Video vom AfD-Kollegen - und ich schicke einen müden Smiley "Ein Klick nur..." und schicke ihm den Link zum Original-Video, das nicht - wie behauptet - eine "Horde Afrikaner wütend und randalierend in Münchens Innenstadt vor zwei Tagen" zeigt mit "sowas kommt natürlich nicht in unseren Nachrichten", sondern Ereignisse von vor zwei Jahren in Florenz.
Das macht es nicht besser, weiß Gott nicht - aber es zeigt einmal mehr, wie Hetze funktioniert. Wie billig und zugleich arg leicht widerlegbar - wenn man sich denn für die Wahrheit interessieren würde.
Sowas in der Art antworte ich ihm - aber irgendwann kommt nur ein Satz zurück "Bin im Rettungswagen". Er hatte am Morgen einen Unfall, selbst verschuldet, aber glücklicherweise ist niemandem etwas passiert, niemand geschädigt - und materielle Dinge sind ersetzbar.
Der Chef sieht das anders, der tobt am Telefon und fragt gar nicht erst, ob jemandem was passiert ist. Wenn einer anrufen kann, scheints ja nicht so schlimm zu sein.. Hmpf.
"Nimms dir nicht zu Herzen", beschwichtige ich, als er mich zurückruft, "der Chef kämpft grad auf anderen Brandherden, da warst du zur falschen Zeit am falschen Ort."
"Wie immer", lacht er schief, "aber ich hatte wirklich saumäßig Glück. Alle Airbags sind aufgegangen, wirklich alle, auch die an der Seite, ich war butterweich gebettet."

Manchmal.. wünschte ich mir im Leben irgendwie.. ein paar mehr Airbags. Für die einen oder anderen Lebenslagen.

Mittwoch, 23. Oktober 2019

At Eighty


"Du darfst das nicht so an dich heranlassen", mahnte der Mann heute Abend, als ich das Auto vor dem Haus geparkt hatte, die Hand noch auf dem Schlüssel, auf off gedreht im Zündschloss, wir leise miteinander am Telefon sprachen und ich mich dann zurücklehnte, müde und irgendwie.. sehnsuchtsvoll.
Ich weiß, dass es mich nicht erschüttert haben sollte. Zum einen betrifft es nicht mich selbst. Zum anderen ist es keine neue Situation. Und zum Dritten.. sind es Dinge, die vermutlich so alt wie die Liebe und die Menschen sind.
Es ist nichts Neues.
Und dennoch erschüttert es mich immer wieder neu.
Weil ich umso mehr Anteil nehme, je mehr ich Betroffene kenne.
Wenn jemand vor dir sitzt, die Enttäuschung, die Verletzung in den Augen, im ganzen Gesicht. Und die immer bewusster werdende Erkenntnis, dass man einen Menschen wirklich erst dann kennen lernt, wenn man sich von ihm trennt.

Dass ab diesem Moment einfach nichts mehr zählt. Nicht die vergangenen gemeinsamen Jahre. Nicht die Fürsorge. Nicht die Freiheiten, die der eine dem anderen ermöglichte. Nicht das sorglose Leben. Nicht die gemeinsamen Kinder. Und vor allem.. nicht die Liebe, die man irgendwann füreinander empfunden hat und die sich an irgendeinem Punkt im Leben in das Gegenteil zu verkehren schien.
Wenn sich Wege auseinander definieren, wenn jeder immer mehr eigene Wege geht und immer weniger Gemeinsamkeiten verbinden.. Wenn es mehr Dinge gibt, die beide trennen als Dinge, die beide einander verbinden.. Soll man dann gehen oder bleiben? Bleiben der Familie, der Kinder wegen? Soll man ein Leben für die anderen führen oder eines, das beiden die Möglichkeit lässt, neue Wege zu gehen? Die Erfüllung darin zu finden, was dem anderen fremd geworden sein mag? Oder nie nah war?
Wenn nichts mehr bleibt außer irrwitzige Forderungen und vorausgesetzte Selbstverständlichkeiten.
Nur.. Nichts ist selbstverständlich. Niemand ist selbstverständlich. Ein Ja ist nicht für die nächsten hundert Jahre ein Ja, wenn du es nicht mehr in dir fühlen kannst. Wenn das Nehmen und Geben längst völlig in Schieflage geraten ist und jeglichen Ausgleich vermissen lässt.


Quelle:
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Heute Abend, als ich so müde und irgendwie erschöpft in meinem kleinen Auto saß, die Hände inzwischen im Schoß, der Blick nachdenklich auf die Straße und die vorbei eilenden Menschen gerichtet, da sehnte ich mich nach dem Mann. Nach dem Zuhause, das das Zusammensein mit ihm verspricht. Nach der Ruhe im Kopf und im Bauch.
Natürlich haben auch wir schwierige Zeiten hinter uns. Natürlich können wir uns auch leidenschaftlich zoffen und wir stimmen weiß Gott nicht in jeder Hinsicht überein. Und je älter wir werden, desto deutlicher werden unsere Unterschiede. Doch was das alles immer noch überwiegt, ist die Liebe, die wir füreinander empfinden. Und die Dinge, die uns immer noch verbinden. Dass dazu gehört, dass wir streiten können, ohne uns ernsthaft zu verletzen, verbal nicht und körperlich gleich gar nicht. Wir können uns zoffen, uns danach auch aus dem Weg gehen und einander in Ruhe lassen und vermutlich haben wir uns und unsere Beziehung schon hundert Mal in Frage gestellt.
Doch was er niemals vermissen lassen hat, ist der Respekt mir gegenüber. Als Mensch, als Frau.
Für mich eine völlig neue Erfahrung nach der so gegensätzlichen Ehe.
Und würden wir uns morgen trennen, würden wir uns immer noch in die Augen schauen können.
Mir persönlich bedeutet es wahnsinnig viel.
Dass man sich immer noch in die Augen schauen kann. Auch dann, wenn man realisierte, dass es miteinander nicht geht. Dass man trotzdem die Achtung voreinander nicht verliert.

Heute Abend sehnte ich mich einmal mehr danach, ich könnte nach Hause kommen und er wäre da. Dass wir nur ein paar Kerzen entzünden und Musik hören würden, aneinander, ineinander verschlungen. Wo es keine Worte braucht.
Er ist jetzt aber nicht da. Und ich bin woanders.
Inzwischen habe ich seit zwei Stunden meine Lieblingsmusik laufen und eine Kleinigkeit gegessen.
Und jetzt fühle ich mich deutlich besser.

Dienstag, 22. Oktober 2019

Und sie hat Ja gesagt!



Ich meine, es ist erst Ende Oktober, ein wundervoller, streichelzarter, sonniger, goldener Oktober - und ich erzähle Euch die ganze Zeit etwas von Weihnachten :) Bis dahin ist es ja wirklich nun noch ein bisschen Zeit, aber ich muss gestehen - ich bin schon jetzt irgendwie ganz hibbelig und freue mich auf diese Zeit!! Und dann fiel mir heute Abend, als ich dass Essen für die jungen Löwen zubereitete, wieder ein, warum ich mich auch so auf diese Zeit freue und was ich neben all den Erinnerungen an die frühen Jahre auch damit verbinde: den Weihnachtsmarkt-Bummel mit der herzliebsten Freundin. Die, mit der ich Berlins Weihnachtsmarkt unsicher machte, Glühwein trank, anschließend den H&M leershoppte und wir uns beeimerten über die Pelzkappen und wie herrlich dusslig wir aussahen. Mit der ich Bratwurst kauend die Straße entlanglief und entrüstet aufschrie: "Ja wie siehst du denn aus?? Du hast dir den Senf auf deinen Mantel gekleckert!" und sie irritiert auf den Senf, auf ihre Wurst, auf mich und wieder auf ihren Mantel schaute: "Äh... Ich habe gar keinen Senf auf meiner Wurst." Ne. Sie nicht. Aber ich :)
Und heute Abend stand ich in der Küche und versuchte etwas aus den noch spärlichen Resten etwas Ordentliches zum Abendessen zu zaubern, kicherte in Erinnerung an vergangene Weihnachtsmarktbesuche vor mich hin und dann - aus dem innigen Gefühl heraus und dem Augenblick und überhaupt - da fragte ich sie, ob wir uns in diesem Dezember wiedersehen würden.

Beinah sechs Jahre habe ich Dich nicht mehr gesehen und ich schwöre, ich denke jeden Tag an Dich.
Und nachdem Du mir sofort geantwortet und geschrieben hast "Oh na klar!" - da habe ich den Rest des Abends in meiner kleinen Küche getanzt, gesungen und die ganze Zeit breit vor mich hin gelächelt.

Du bist der Beweis dafür, dass auch ganz schlimme Situationen etwas ganz Wunderbares hervorbringen können. Ohne die wären wir uns vermutlich nie begegnet. Obwohl.. Wer weiß das schon.

Dieses Gefühl von Zimt



Als der Mann unlängst im Garten hinter dem Haus ein paar Äpfel auflas und mit nach Hause brachte und ich mit diesen einen Apfelkuchen nach bretonischer Art buk, da dachte ich daran, wie gerne ich heute backe, ausprobiere und wie sehr ich den zartsüßen Duft nach Zimt, Vanille und überhaupt Gebackenem im Zuhause liebe.
Nach dem letzten Kommentar von Ursula zu den Weihnachtstagen und wie weh Erinnerungen daran tun können, da dachte ich an die eigenen frühen Jahre bei uns zu Hause. Es wurde immer viel gebacken, bei der Mama, bei der Oma. Alles atmete nach Heimlichkeit und nach Heimeligkeit. Draußen war gefühlt immer Schnee, es war immer kalt, drinnen lief ich nur in einem dünnen Pullover und gestrickten Strumpfhosen herum und spielte den ganzen Tag lang mit meinen Puppen, malte oder las in den Büchern, während die Mama in der Küche stand und Kuchen buk. So dass es im ganzen Haus nach Vanille, Zucker und süßer Wärme schmeckte.
Ich erinnere mich an die frühen Jahre, wo Geschenke gekauft, manche in Seidenpapier eingeschlagen im Schrank versteckt wurden. Ganz oben, wo sie dachten, dass die Kleinen da eh noch nicht hinaufkommen. Ich erinnere mich an Orangen, die in Papier geschlagen und zu all den Sachen in den Schrank gelegt wurden, zu den Walnüssen, zu den Haselnüssen. Damals war das alles etwas Besonderes, denn von allem gab es zu wenig.
Ich erinnere mich an den Geruch der Tanne, die der Papa am heiligen Abend von irgendwoher brachte, aufstellte und schmückte, während wir Kinder der Reihe nach in die Badewanne geschickt wurden. Und wir genau wussten, wenn wir alle wieder raus durften, dann war der Weihnachtsmann da und hatte hoffentlich mitgebracht, was wir Tage, Wochen zuvor eifrig auf das Papier gemalt hatten.
In den Weihnachtstagen hatten wir Kinder Ferien und die Eltern frei, man hatte Zeit miteinander und füreinander, die Eltern waren entspannter, schimpften weniger, lachten mehr.
Oft lag ich auf dem Fußboden und hörte mir den ganzen Tag lang Schallplatten an. Zum hundertsten Mal die Geschichte vom Burattino. Oder wartete auf all die Zeichentrickfilme im Nachmittagsprogramm.
Bis heute verbinde ich mit den Weihnachtstagen dieses Wohlfühlen, diesen Geschmack von Zimt und Vanille auf der Zunge und diesem Geruch in der Nase, gemischt mit dem Duft nach reifen Orangen und frisch zerknackten Nüssen.

Die Jahre später, als Mama mit kleinen Kindern, die habe ich nicht so entspannt erlebt. Da war ich diejenige, die in der Küche stand, gefühlt den ganzen Tag putzte, kochte, buk. Geschenke in Papier einschlug, wenn die Kinder schliefen. Die Einkaufszettel aufstellte und abarbeitete. Die eigentlich mit nichts anderem beschäftigt war als zu schauen, dass alle versorgt waren, alle glücklich waren - und es an nichts fehlte.
Dass alle Gäste zufrieden waren und die Küche wieder aufgeräumt war, überhaupt das Chaos beseitigt war, wenn alle gegangen waren und die Kinder wieder in ihren Betten lagen.
Irgendwie war ich da so "drin", dass ich irgendwann vergaß, wie sich die Weihnachtstage eigentlich anfühlen sollten. Dass sie eigentlich etwas ganz anderes bedeuteten als Einkaufsstress und all den ganzen anderen Wahnsinn.
Genau genommen kam ich erst zur Ruhe und erst zur Besinnung, nachdem ich ausgezogen war.

Niemals werde ich jenes erste Weihnachten vergessen, das dem Auszug folgte. Weihnachten 2003. Die Kinder waren bei ihrem Vater, meine Familie weit weg und ich.. Ich saß ganz allein zu Hause, öffnete eine Flasche Wein und prostete so lange auf das Leben, bis ich die Lieder mitsang, die ich aufgelegt hatte, ein bisschen dazu weinte und es dann ab irgendeinem Pegel nicht mehr schmerzte, hier allein zu sein.
Seitdem war ich an keinem einzigen Weihnachten mehr allein zu Haus. Mal besuchte ich meinen Bruder, mal meine Eltern - oder es gab jemanden, mit dem die Weihnachtstage nicht gar so einsam waren. Aber ich begann wiederzuentdecken, warum ich diese Zeit des Jahres so liebe und warum sie mir so viel bedeutet. Warum ich es bis heute nicht über das Herz bringe, meine Kinder, und seien sie nun auch längst erwachsen, in dieser Zeit allein zu lassen. Warum es mich zerreißen würde zu wissen, dass mein Ältester nach der Arbeit abends heimkäme in eine kalte, leere Wohnung, ohne den Duft von Zimt und Bratapfel und heißem Tee oder Kakao, wo einfach niemand wäre, der ihm das Wohlfühlen vermittelt. Wo er sich einfach nur auf das Bett fallen lassen würde, vielleicht durch die Programme zappen oder ein paar Whatsapp-Nachrichten beantworten und dann irgendwann darüber einschlafen würde. Wo er nur darauf warten würde, dass Heiligabend vorüber ginge und er am nächsten Morgen wieder in die Arbeit fahren würde.

Heute setze ich mich keinem Stress mehr aus. Wir planen entspannt und wir agieren entspannt, auch wenn das bedeutet, mal eine Strecke von A nach B zurückzulegen. Mich persönlich stört es nicht, solange es kein Wetterchaos gibt. Dann wird die Karte, die ganzjährig hinter der Frontscheibe steckt und die daran erinnert, dass das Leben zu kurz für Knäckebrot ist, ausgetauscht gegen die Karte "Driving Home for Christmas". Hauptsache, wir sind zusammen. Da braucht es keine großartigen Geschenke. Wir sind einander Geschenk, dass wir zusammen sind, ist ein Geschenk. Auch wenn für den einen oder anderen natürlich immer eine Herzensgabe dabei ist. Ich für mich lebe immer noch mein Credo, dass man, wenn man die Dinge nicht mit Liebe (oder mit Herzblut) tut, dann braucht man sie auch gar nicht zu tun. Jedenfalls im Zwischenmenschlichen.

Als ich unlängst mit meinem Papa telefonierte und erwähnte, die Jungen seien zu viert im Kino, da spitzte er die Ohren: "Zu viert?" "[Sohn I], [Sohn 2 und dessen Freundin] und [ein Kumpel von Sohn II]", lächelte ich.
"Schade", sagte er und ich antwortete: "Ja ich weiß, was du dachtest. Noch nicht."
Denn ich glaube immer noch daran, im Gegensatz zum Sohn selbst, der damit abgeschlossen hat: "Ich habe mich damit abgefunden, dass ich immer alleine bleibe. Ich bin ein Einsiedlerkrebs."
"Und ich denke, dass du deinen Weg schon gehen wirst und am Ende auch alles so kommt wie du es dir wünscht. Das ist mein Gefühl. Frag mich nicht warum und woher das kommt, keine Ahnung."

Vermutlich ist es auch das, was ich mit den Weihnachtstagen verbinde.. Neben all dem Besinnlichen, dem zur Ruhe Kommenden.. bedeutet es auch einen Abschluss von Gewesenem. Das neue Jahr kommt mit einem großen Schritt heran und bringt etwas Neues. Was auch immer es werden wird. Aber etwas Neues. Und eines Tages muss für jeden darin auch etwas Gutes liegen.


You’ve still got so much more to say

Don’t let this life you have slip away
(Live for another day)
Don’t let this life you have slip away
The sun will rise with each new day
(Live for another day)

Montag, 21. Oktober 2019

Mit nur einem Klick am Montagmorgen

Als ich Freitagabend müde und latent erkältet (der Durchbruch lässt noch auf sich warten) auf dem Sofa lümmelte, vernahmen wir beide, der Mann und ich, einen deutlichen Hinweiston, der den Eingang mehrerer whatsapp-Nachrichten mitteilte.
"Du wirst gespamt", argwöhnte der Mann und ich lächelte müde: "Das ist das Diensthandy. Das fasse ich vor Montag nicht mehr an. Irgendwann muss auch mal Schluss sein."

Das habe ich mir dann heute Morgen, pünktlich zum Arbeitsbeginn und unter Zuhilfenahme eines ersten guten-Morgen-Kaffees, angetan. Und entgegen meiner Erwartung waren das keine Nachrichten von der Frau meines Chefs, mit deren Geschäftsabwicklung ich auch betraut bin, sondern Nachrichten von meinem AfD-Kollegen. Innerlich seufzte ich "Ach je. Nicht schon wieder."
Aber es ist wirklich so: Für alles, aber wirklich alles, das er mir in den vergangenen zwei, drei Jahren schickte, konnte ich mit nur zwei, drei Klicks Gegenargumente aufstellen, deren Logik er sich nicht verschließen konnte. Irgendwann hatte er es ja auch mal aufgegeben, mir Fotos und Videos zu schicken. Nun geht das wieder los - und heute Morgen genügte lediglich ein einziger Klick im Netz, um die aufgestellte These, es handele sich im gezeigten Video um Migrantenströme in Slowenien, die alle zur Grenze geleitet werden, damit sie weiter nach Deutschland könnten, zu widerlegen. Sozusagen unter Polizeischutz nach Deutschland. Und man solle das fleißig teilen, teilen, teilen - denn die deutschen Medien erzählten ja davon nix. Da kommt mir schon allein bei der Wortwahl die Kotze. Sorry.

Hach ja. Zum Montagmorgen.  Noch nix gefrühstückt, das Käffchen noch zu heiß und ich zu müde (die letzte Kriminacht war doch wieder etwas zu lang). Trotzdem. Ein Klick genügte, um auf das Original-Video zu kommen, wonach es sich zwar hier tatsächlich um illegale Migranten handelt. Die jedoch wurden nicht an die Grenze zur Weiterreise nach Deutschland geleitet, sondern innerhalb Bosniens (und nicht Slowenien, aber kann man ja vielleicht mal verwechseln) umgesiedelt.

"Das Innenministerium des Kantons Una-Sana (USK) begann am Dienstag mit der Umsiedlung von Hunderten illegaler Migranten aus der nordbosnischen Stadt Bihac in das neu gegründete Migrationszentrum Vucjak, wie das Portal Uskinfo.ba berichtete.
Rund 250 Migranten, die in den Parks von Bihac lebten, verlassene Gebäude und Gebäude, die nicht als Unterkünfte registriert waren, wurden am Dienstagnachmittag in das Migrationszentrum Vucjak gebracht. Das Zentrum selbst ist ein heißes Thema bei internationalen Institutionen, die es aufgrund fehlender grundlegender Lebensbedingungen für die Ansiedlung von Migranten für ungeeignet halten." (Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=s8FZYSA_hsg).

Einen Screenshot dessen schickte ich meinem AfD-Kollegen, der mich noch geneckt hatte "Mal sehen, ob das (sein Video) wieder ein Fake ist." Du Dussel. Mittwoch gibts Schmorze, mein Freund! Dafür, dass Du mich schon morgens mit so einem Blödsinn belästigst. (Na gut, genau genommen war das ja Freitagabend.) Ich hoffe, Du bist auch im Office, damit wir uns verbal ordentlich duellieren können! :)

Aber so langsam dämmert selbst mir immer mehr, warum die AfD so viele Anhänger hat. Weil die Leute bereitwillig solche Nachrichten aufnehmen und teilen, ohne zu hinterfragen. Sie sind einfach zu faul, aber empfänglich. Noch mal sorry, ist aber so. Auch ein Freund von mir bei FB teilt fleißig solche oder ähnliche Mitteilungen und wenn ich dann doch mal was dazu sage, rechtfertigt er es mit "Meinungsbildung." Was für n Unsinn. Wenn ich mir eine Meinung bilden will, müsste ich alle Meinungen teilen. Pro und Contra. Findet man bei ihm aber nicht, sondern immer nur eine einzige entsprechend gerichtete Meinung. Das ist keine Meinungsbildung, sondern Meinungsmache. Die meisten seiner Postings lese ich trotzdem, weil ich wissen will, warum er denkt wie er denkt. Weil ich ihn verstehen will. Weil er mir wichtig ist. Aber ehrlich gesagt, fällt mir das immer schwerer. Sowohl als auch. 
Und wenn ich dann manchmal die Profile aufrufe, von denen er was teilt... Alles erwachsene, intelligente Menschen von überallher. Da fragt man sich doch.. Und da denken die Leute, die "Gefahr" sitze im Osten.

"Wann begreift Ihr endlich, dass die AfD nur dieses eine Erfolgsthema hat und es deshalb immer wieder anheizen muss?" schrieb ich heute morgen meinem Kollegen.
Geantwortet hat er nicht, ist ja auch erst ne Stunde her. Aber da kommt auch nach zehn Tagen nix. Wie immer halt.

Ja ich weiß, zum Montagmorgen hättsch mir auch nen anderen Text gewünscht. Aber irgendwie.. wollte der hier gerade mal raus.

Freitag, 18. Oktober 2019

Manchmal, wenn mir langweilig ist

Haha, schöner Witz. Bei der derzeit immer noch andauernden Arbeitsauslastung kommt sowas wie Langeweile gar nicht erst auf, weil ich vom Schreibtisch direkt aufs Sofa zum Abendessen und von dort direkt in mein Bettchen katapultiert werde. Zwar kann ich so gar nicht sagen, ich wäre in den letzten Monaten nicht produktiv gewesen, dennoch profitiert davon lediglich der Job, während Seele und Kopf anhaltend zu wenig gefüttert werden mit Dingen, die ICH gerne habe. Zu wenig Musik, zu wenig Malen, zu wenig Lesen. Hm. Memo an mich: So geht das aber nicht weiter, Frollein!

Irgendwie sehnen der Mann und ich gerade beide die Weihnachtstage herbei, und das aber auch nur aus dem einzigen Grund, weil wir da mal ein paar Tage länger frei haben als nur fünf Tage. Viel vorgenommen haben wir uns zwar auch für jene Zeit, aber insgesamt.. dürfte das genug Seelenfutter geben. Und uns das Jahr 2019 abschließen lassen, das sich im Gegensatz zum Jahr 2018 nicht so federleicht angefühlt hatte.
Während der Mann vor allem Jobstress beklagt, sind es bei mir eher private Dinge, die mich nachts manchmal gar nicht oder nur unruhig schlafen lassen. Mit Jobstress kann ich ganz gut umgehen, das stört mich eher nicht. Privat sind es aber eher eigentlich nur Ungewissheiten, die mich da in die Knie zwingen wollen. Für mein Empfinden zu viele unklare, ungelöste Knoten, ich komme da irgendwie nicht recht voran. Und vermutlich werde ich es auch erst in der Woche vor Weihnachten schaffen, die Steuer für die Jungs und mich noch für 2017 und 2018 zu machen. Grad für Sohn I, der letztes Jahr gleich 3 verschiedene Arbeitgeber hatte, da brauche ich ein bisschen Konzentration und Zeit, und von letzterem habsch ja grad nicht wirklich viel. Dabei täte vor allem meinen Söhnen ein etwaiger Extra-Groschen sicherlich ganz gut, vor allem dem Großen. Aber der kommt grad genauso zu nix. 10 - 12 Stunden pro Tag sind keine Seltenheit, dazu regelmäßig Samstage. Er ist froh, wenn er daheim ist und niemand ihn anspricht, während ich, wenn ich in L bin, schon besorgt auf den Nikotinverbrauch schaue, der sich im Eimerchen auf der Terrasse stetig füllt.
"Woher willst du wissen, ob ich viel oder wenig rauche?" misstraut er meiner Einschätzung.
"Weil ich regelmäßig dein Eimerchen leere", grinste ich ihn an. "Und wusstest du eigentlich, dass das ein Übertopf für Pflanzen ist? Allerdings nicht für Nikotinpflanzen."
Schlecht sieht er aus, und das "Hühnerei" an seinem Unterkiefer wird auch nicht wirklich kleiner. Seiner Seele scheint es trotz allem aber besser zu gehen. Und mit seinen Zähnen ist alles in Ordnung, endlich hat ers auch mal wieder zum Zahnarzt geschafft. Dank Google und der Tatsache, dass die ihre Praxis bei den Jungen um die Ecke und wochentags auch mal bis 19 Uhr geöffnet hat. Allerdings müssen alle vier Weisheitszähne herausoperiert werden. Ich hab das erst angezweifelt, ob das wirklich sein muss, aber als ich das Röntgenbild sah, wurds selbst mir als Laien klar: Das muss.
"Na prima", sagte er, "der eine will mir die Schilddrüse rausnehmen, der andere meine Zähne. Ein tolles Jahr."
"Die Zähne kannst du mal machen, wenn ich da bin. Dann nehme ich mir dazu noch zwei Tage Urlaub, dann kann ich dich hinfahren, dich abholen und zu Hause Pudding kochen."
"Na das sind ja tolle Aussichten!" hat er die Augen verdreht.

Er weiß auch schon jetzt - sofern sich nicht vorher was anderes ergibt, dass er an Weihnachten wieder arbeiten muss. Prinzipiell stört ihn das nicht - in der aktuellen Firma - aus Gründen - aber irgendwie schon. Da kann ich ihn verstehen. Und prinzipiell finde ich okay, wenn Familien mit Kindern bevorzugt werden in der Arbeitseinteilung bzw. in der Nichteinteilung für die Feiertage. Dennoch: Auch Singles haben Familie, die sich freuen würde, an Weihnachten zusammen sein zu können.
Sohn II wird definitiv dieses Jahr nicht da sein, der ist im Praktikum am anderen Ende des Bundeslandes und an Heiligabend zum Spätdienst eingeteilt.
Bei Sohn I hoffe ich immer noch, dass er nicht wieder bis 21 Uhr arbeiten muss wie letztes Jahr.
Aber mal gucken. Ein bisschen Wasser fließt bis dahin ja immer noch den Berg hinunter, und gerade in diesen Tagen versuche ich, meine Zuversicht noch etwas mehr zu beleben und mir selbst ein wenig mehr Leichtigkeit in den Kopf zu bringen.
"Du denkst zuviel", wird mir oft gesagt. Das mag schon sein. Es ist vor allem Ungewissheit, die einen am meisten quält. Was wird? Wie wirds?
"Das Wichtigste ist für mich, dass ihr glücklich seid", hatte ich gestern zum Sohnemann gesagt. "Dann schaffe ich auch alles andere.
Er hat gelächelt, das konnte ich sogar durchs Telefon hören.

Bei der ganzen Arbeit, die auf meinem eigenen Tisch liegt, müsste ich eigentlich froh sein, wenn ich nach Dienstschluss mal nicht in den Rechner schaue. Paradoxerweise kann ich aber auch gut "herunterfahren", wenn ich den Rechner nicht herunterfahre (haha), sondern ein bisschen da und dort lese. Und "manchmal, wenn mir langweilig ist", bleibe ich dann hier oder dort "hängen".

So wie an den folgenden Seiten, die mir - zum Beispiel - ein bisschen was über mich selbst erzählen wollen. Zum Beispiel darüber, wie Menschen mit dem Sonnenzeichen "Zwillinge" zum Beispiel mit Verlust umgehen:

Quelle: https://www.herzstueck-mag.de/so-gehen-die-sternzeichen-mit-verlusten-um/

Ja, das stimmt sogar - so empfinde ich es wirklich. Hier fehlt aber, aus meiner Sicht jedenfalls, ein ganz entscheidendes Detail: dass ich manchmal sehr lange (zu lange?) an etwas festhalte. Weil ich immer an allem festhalte, an das ich glaube. Solange man mir oder ich mir nicht das Gegenteil beweise oder vielleicht auch einfach nur das Interesse verliere, ist der Lösungsprozess ansonsten ein bisschen eher wie ein Fliegenfänger: Einmal angefasst (aus Versehen natürlich, zum Beispiel beim Anbringen eines solchen), bekommst du das Ding zwar wieder los, kriegst aber die Scheiße nie wieder von den Fingern. Oder wie ich es auch unlängst bei FB gelesen (und geteilt) hatte: "Alles kommt wieder, das nicht bis zum Ende gelitten und gelöst wurde."
Kann ich aus mehrfacher Erfahrung bestätigen.
Manches braucht eben seine Zeit. Aber dann! Und der Gedanke, dass jede Tür, die sich schließt, immer auch für eine neue Möglichkeit steht, ist die Antriebsfeder für mich. Immer schon gewesen.


Oder ich erfahre über meine Sitzgewohnheiten zum Beispiel. Ich habe da tatsächlich drei Vorlieben. Was mich wiederum lachen lässt, weil ich einfach nie in nur eine Kategorie passe. (Aber wer passt auch schon in nur eine Kategorie, das wäre ja auch ziemlich langweilig, wiederum.) Das hatten der Mann und ich schon in unserer allerersten Nacht festgestellt, als ich ihm vorlas aus dem Buch "Warum Männer nicht zuhören und Frauen nicht einparken können":





Quelle: https://fribbla.de/insiders/das-sagt-ihre-sitzposition-ueber-ihre-persoenlichkeit-aus/4/

Nun. "Sie sind nicht so direkt mit ihren Äußerungen"... Fahrt mal mit mir Auto. Also fahrt nur mit, setzt Euch nicht selbst hinters Steuer, sondern lasst mich. Da werdet Ihr erleben, dass ich sehr wohl sehr direkt sein kann. Aber okay, da hörts der Betreffende ja auch nicht.
"Sie handeln immer aus reiner Ehrlichkeit." Ja. Ne. Das stimmt nicht. Ich bin nicht immer ehrlich gewesen in meinem Leben. Paradoxerweise hat mir vermutlich das aber mein Leben gerettet.
Stolz darauf bin ich nicht - aber ich stehe dazu und zu mir.
Ehrlich bin ich zum Beispiel bei der Steuer oder beim Eintragen meines Leistungsnachweises selbst im Home Office. Schlafe ich versehentlich bis 8.15 Uhr, trage ich auch tatsächlich 8.20 Uhr in den Bogen ein. Mehr Zeit braucht man ja nicht, um aus dem Bett zu springen und erstmal den Rechner zu starten. Und obwohls keiner merken würde, sage ich ehrlich zur Begrüßung "Sorry, habs verpennt heute." Seit der Chef die Videofunktion seines iPhones herausgefunden hat, hat er zweimal darüber angerufen. Hab ich ihn zweimal weggedrückt. Soweit kommts noch. Anrufen muss reichen, sehen muss ich das Elend nicht auch noch. Er übrigens auch nicht :D
Dass ich aber zu jeder Tages- und Nachtzeit ans Telefon gehe und immer für meine Liebsten da bin, kann der Mann bestätigen. Er tut es nicht gern, denn ich tue das nicht nur für ihn.
Dass man meine Liebe und Freundschaft aber missbrauchen kann, hat gestimmt bis zu jener Nacht vor Jahren im August, als mich jemand anrief und ihm währenddessen sein Haus um die Ohren flog. Das ganze Davor und Danach hat mich sehr lange gequält. Viel zu lange. Aber es hat mich dazu gebracht, mehr auf die eigenen Grenzen zu achten - und zu respektieren. Ich würde nicht behaupten, dass sowas mir heute nicht mehr passieren könnte, aber ich kann sagen, dass ich heute viel besser auch auf mich aufpasse.


Quelle: https://fribbla.de/insiders/das-sagt-ihre-sitzposition-ueber-ihre-persoenlichkeit-aus/3/


"Zudem ist es eine echte Herausforderung, eine Person mit dieser Persönlichkeit zu verführen."
Hier musste ich wirklich, wirklich lachen.
Es stimmt - und es stimmt nicht. Das lasse ich jetzt mal so.. ähm.. stehen.

Was in jedem Fall zutrifft, sind die gerne geführten tiefsinnigen Gespräche. Habe ich schon öfter festgestellt, dass aus einem Plausch voller Jux und Dallerei - huch - ein tiefsinniges Gespräch wurde, in dem man stundenlang philosophieren könnte und ich dann von Modus "albern" in Modus "ernsthaft" umgeschaltet habe, ohne mir dessen gleich bewusst zu sein.
Und was auch zutrifft, ist die Unvoreingenommenheit. Wenn mir jemand irgendwas von jemandem erzählt, vor allem Negatives, dann glaube ich das nicht unbesehen. Ich will mir den Menschen, die Situation selber anschauen, bevor ich mir selber eine Meinung bilde oder ein Gefühl entwickle.
Jemanden oder eine Sache "mieszumachen", erweckt bei mir eher Interesse als alles andere.
Ob man allerdings an mir festhalten sollte, kann ich nicht sagen. Ich habe auch meine Ecken, Kanten und Schwächen. Fragt den Mann. Seit wir uns kennen, haben seine grauen Haare deutlich zugenommen :)


Samstag, 12. Oktober 2019

16 ganze Jahre



Du bist ein Mensch, der immer daran denkt, aber es nur selten zeigt.
Du bist ein Mensch, der es immer fühlt, aber es nicht so oft zeigt.
Du bist ein Mensch, der sich gerne hinter sich selbst versteckt.
Du bist ein Mensch, der es immer noch schafft nach all den Jahren, mich zu überraschen - und mich jeden Tag neu daran zu erinnern, warum ich mich in Dich verliebt habe und nie wieder davon losgekommen bin, ganz gleich, wo wir waren und mit wem.
Manchmal laufen wir nebeneinander, die Finger ineinander verhakt, und dann schau ich Dich von der Seite an, sage nichts, denke nichts, fühle mich aber völlig überrollt von dem, was ich für Dich empfinde. Und dann denke ich doch: "Genau so sollte es sich immer anfühlen. Genau so hatten wir es uns gewünscht. Genau davor hatten wir immer Angst, dass wir es im Alltag verlieren. Dass wir uns im Alltag verlieren. Und wie glücklich bin ich, dass wir uns am Ende eben doch nicht verloren haben."

Wir haben beide viel falsch gemacht. Haben aufgegeben. Sind weggegangen und zurückgekommen.

Irgendwann, eines Tages sind wir dann geblieben.

Und es fühlt sich jeden einzelnen Tag immer noch wundervoll an. Na gut, fast jeden einzelnen Tag ;) Wenn wir uns nicht gerade gegenseitig wahnsinnig machen. Aber auch das gehört zu uns. Und auch dafür liebe ich Dich.

Donnerstag, 10. Oktober 2019

Einen Tag danach

Vor ein paar Monaten hatte der Mann mir aufgetragen, einen Einkaufszettel zu schreiben. Das ist bei uns für gewöhnlich nicht üblich. Also nahm ich einen kleinen gelben Zettel und malte ihm ein großes rotes Herz, das ich in unseren Einkaufskorb legte.
"Auch nett", sagte er, "aber was brauchen wir noch?"

Ja... Was brauchen wir? Was braucht die Welt?
Irrigerweise (ich weiß gar nicht wieso) erinnerte ich mich gestern Nachmittag an diesen Zettel, an die eigentliche Aussage dahinter, als Berichte über Schüsse in Halle durch die Medien kursierten und sich auch Meldungen häuften, dass einer oder mehrere Täter nach Leipzig flüchten würden. Dass dort teilweise Straßensperrungen errichtet worden waren.
Eine Unruhe überkam mich, solange ich im Office festhing.
Und ich erinnerte mich an die Schießerei damals in München im bzw. vor dem Einkaufszentrum. Da, wo der Mann oft auch zu Mittag essen geht. Ich erinnerte mich, dass ich Tage zuvor ein so dumpfes Gefühl im Körper hatte, so als ahnte ich, dass irgendetwas passieren würde. 

"Bist du gut nach Hause gekommen?" fragt mich abends ein Freund.
"Ja", antworte ich, "du auch?"
"Ja", schreibt er, "aber es war Chaos, es ging nichts mehr."

"Wir überlegen, trotzdem aufs Lichterfest zu gehen", schreibt Sohn II und ich bitte ihn, es nicht zu tun. Auch wenn irre Nachrichten das Netz dominierten, die sich größtenteils als Fake-News herausstellten.
Sie sind trotzdem gegangen und ich bat ihn, mir wenigstens zu schreiben, wenn er mit seiner Freundin wieder gut in ihrem Zuhause angekommen ist. Das tat er.
Während ich für Sohn I etwas zu Essen zubereitete, wir über alles Mögliche redeten und irgendwas im TV sahen, das nichts mehr mit dem Geschehen zu tun hatte.

Doch was den ganzen Abend über in meinem Kopf und in meinem Bauch blieb, war ein dumpfes, drückendes Gefühl. Es ging mir nicht gut, und zunächst vermochte ich gar nicht zu begreifen, was da in mir vorging.
"Du darfst das nicht so an dich heranlassen", schreibt mir der Mann.
Er hat recht, ich weiß.
Aber es bedrückt mich. Es belastet mich, wie ein Mann einer Frau einfach so in den Rücken schießen kann. Mehrmals. Selbst als sie auf dem Boden liegt. Wie ein Mann einen anderen erschießen kann, der um sein Leben fleht "Bitte nicht!"
Ich kann nicht loslassen von der Erschütterung, welche Grausamkeit, welchen Hass Menschen umtreibt, die sich entschuldigen dafür, dass sie versucht haben, andere zu töten, aber die Technik mehr versagte als alles andere. Natürlich weiß ich, dass Gewalt existiert. Aber dieses Wissen verhindert nicht, immer wieder neu erschüttert zu werden. Und will ich mich an solche Nachrichten gewöhnen? Will ich tolerieren, dass Menschen Menschen töten? Dass Menschen Menschen Gewalt antun?
Hat die Frau gestern noch dieselbe Musik gehört wie ich?
Sich gefreut, dass es so warm und sonnig war?
Hat der Mann gedacht, ich geh mal zum Dönermann, diesmal ess ich im Lokal, trink noch ne Cola?
Gleichwohl erschütterte mich aber auch, wie verschiedenste, insbesondere Fake-News, Videos etc. durch die digitale Decke gingen und den Menschen extra potenzierte Unsicherheit verursachten.

Je länger mich dieses dumpfe Gefühl bedrückte, desto mehr verstand ich, warum es mich gerade hier so belastet.
In München fühlte ich mich irgendwie nie sicher. Woher das Gefühl kommt, weiß ich nicht. Es war eben so. Wenn der Mann eine Woche lang irgendwohin fährt, fahr ich nach Leipzig. Oder sonstwohin. Aber Leipzig.. Hier fühlte ich mich immer wohl und vor allem sicher. Das ist keine Frage des Verstandes. Es ist lediglich eine Frage des Bauchgefühls. Ich war mir irgendwie immer sicher... Was auch passiert, hier nicht... Nicht in Leipzig. Nicht in unserem schönen Leipzig.
Und gestern Abend realisiere ich nach und nach die Scheinsicherheit, in der ich mich wiegte.
Wie dumm, wie naiv das Gefühl war.
Wie dumm, wie naiv ich war.
"Es geht mir grad nicht gut", flüsterte ich am Abend.
Der Alltag heute hilft mir. Die gewohnten Abläufe im Office helfen mir. Dennoch.

Es ist nicht nur "woanders". Es ist jeden Tag überall.

Auch weil es in der Welt viel zu wenig Liebe gibt und immer zu wenig gegeben hat.

Donnerstag, 3. Oktober 2019

Raus aus der Mitte und wieder dahin zurück



Gerade erst hatte ich noch davon geschrieben, dass wir Menschen wieder viel mehr genießen sollten - und kaum hatte ich meine Gedanken ausgesprochen, fühlte ich mich selbst aus meiner eigenen Mitte wieder herausgerissen.
Als wirklich bemerkenswert empfand ich, dass zwei Freunde von mir, die ein paar hundert Kilometer von mir entfernt wohnen, mich auf mein Befinden ansprachen: "Geht es dir wirklich gut? Irgendwie hab ich schon seit Tagen das Gefühl, dass es dir nicht so gut geht."
"Hab ich mich daneben benommen?" fragte ich erschrocken.
"Nein nein, gar nicht. Es ist nur.. einfach so ein Gefühl."
Und dieses Gefühl stimmte. Das hat mich am allermeisten berührt.

Es ist jetzt auch nicht so, dass es mir schlecht ginge, Gott bewahre. Aber ich spürte schon, dass ich innerlich völlig unfrei war, irgendwie angespannt, irgendwie festgefangen, und hatte dies zunächst auf den andauernden Stress im Job geschoben. Erst im Dialog mit der Freundin fiel mir auf, dass wesentlich Tiefergehendes dahintersteckt.

Noch bis zum heutigen Nachmittag überlegte ich: Wie finde ich da jetzt wieder raus?
Eigentlich weiß ich es doch. Eigentlich kenne ich doch meine Mechanismen.
Ich muss einfach nur die richtige Musik anstellen....
Jetzt fühle ich mich wieder viel, viel ausgeglichener, wohler, entspannter, sonniger.. Fühl mich wieder in Einklang mit mir und meiner Seele...
Es ist eine so, so, so wundervolle Musik - ich bin verliebt!!

Übrigens, mir ist schon vor Jahren aufgefallen, dass es an Tagen und Nächten, in denen ich mich nicht so gut fühle, vor allem traurige oder wenigstens nachdenkliche Musik ist, die mich wieder hochbringt. Ich konnte aber nie wirklich begründen, warum das so ist und warum ich so funktioniere. Bis ich heute Abend über einen Kommentar zu einem anderen Song stolperte.. den ich wunderbar berührend finde.. Und der genau beschreibt, was wohl in früheren Jahren in mir vorgegangen sein muss.

"One of my wonderful female friends asked me why I listen to a lot of sad songs. Sometimes, I don't even know they are, but she catches it. I tell her, it's because it makes me feel that I'm still human and it at least makes me feel something. Been single for a long time. Actually really my whole life. Had a few girls here and there but it never really worked out. I realize that although all these songs are great emotional songs, for me I feel like it has kept me stuck in a loop. Always feeling some type of way, whether it be gloomy, sad or reminiscing of past loves. Hell, sometimes I'd imagine how it would feel, to have the same feels a certain song displays for someone that's not even there, just to feel something. . I feel that I'm not giving myself permission to be happy and do what I want to do, when I'm here listening to these great emotional songs. I realize, it's time for me to step out of these genre and tunes for awhile. It's like a fight against myself, trying to discover my true potential and happiness. Just wanted to randomly vent, since it's such a great community here. Happy holidays y'all and 2017 will be a rocking new year!"
(Copyright: AWildBeowulfhttps://www.youtube.com/watch?v=3UdbsqCd6RU)

Mittwoch, 2. Oktober 2019

Oktobergedanken

Da ist er nun, der goldene Oktober. Vor dem Fenster färben sich die Blätter gelb und rot, wahlweise vor grauem (heute) oder strahlend blauem (gestern) Himmel. Vor einigen Jahren noch liebte ich vor allem den Frühling, inzwischen bin ich längst Herbst-Fan. Wenn alles noch da ist an Blättern, und sich aber schon alles in goldene Farben hüllt, Kastanien, Eicheln, Ahornblätter aufgelesen werden können. In Kombination mit Vanillekerzen himmlisch :)

Auf einmal ist er da, der Herbst. Ein bisschen schon herbeigesehnt nach der Hitze des Sommers und der ewigen Frage: Wenn nackt noch zu warm ist, was ziehe ich dann an?
Und dann so gefühlt urplötzlich gekommen - und nun frag ich mich: Was ist los mit uns Menschen?
Schon zu Beginn des neuen Jahres hatte ich das Gefühl: Hm, das ist irgendwie anders als vor einem Jahr... Egal, wohin ich schaute oder hörte, überall fehlte ein wenig Leichtigkeit oder wenigstens das Ansinnen, nicht alles so ernst zu nehmen, auch nicht sich selbst.
Wenn ich jetzt so auf das Jahr zurückschau, frage ich mich immer noch: Wann hat es begonnen, dass der Mensch begann, so unzufrieden zu werden? Dass er an allem und jedem herumnörgelt, dass unbestritten wichtige Themen so aufgebauscht werden, dass es einer Hysterie gleichkommt?
Was ist wann mit uns passiert?

Die Welt hat sich in zwei Lager geteilt: Die Befürworter und die Gegner - und die Themen sind so verschiedenfarbig wie das Laub vor meinem Fenster.
Klima und Umwelt - ein nach wie vor wichtiges Thema, doch immer öfter kann ich mir den Gedanken nicht verkneifen "Leute, bitte lasst die Kirche im Dorf!"
Du darfst nur dafür sein, dagegen sowieso nicht, aber Du darfst auch nicht kritisch oder wenigstens nachdenklich Debatten und Veranstaltungen verfolgen und Dir dann noch Deine eigene Meinung bilden. Weil Du ja sowieso falsch liegst und immer noch nicht begriffen hast, dass es Fünf nach Zwölf ist. Und Du vielleicht hoffentlich längst in der Gruft gammelst, während draußen die Apokalypse tobt - und Deine Kinder oder etwaigen Enkel das zu spüren bekommen.
Wie gesagt. Lasst bitte die Kirche im Dorf. Und hinterfragt die eine oder andere Aussage bitte oder recherchiert. In Zeiten des Internets gibt es ausreichend einfache Möglichkeiten.
Das habe ich auch gestern jemandem auf FB geschrieben, als eine Debatte losgetreten wurde ob der möglichen Erhöhung von Krankenkassenbeiträgen.
Es gab nur zwei Fronten: Die eine schimpfte auf all die Nichtstuer aus dem Ausland, die sich hier nen goldenen Lenz machen und unsere Sozialkassen plündern - die andere erinnerte an die Wasserköpfe der Versicherungen. Wie viele Krankenkassen es gibt, weiß ich selber derzeit nicht, bin auch zu müde zu googeln; es sind aber in jedem Fall zuviele. Meiner Meinung nach jedenfalls. Was brauchen wir zwischen 100 und 200 Versicherungen? Der Marktwirtschaft wegen? Wozu brauchen wir dann zig gesetzliche Kassen? Auch der Marktwirtschaft wegen?
Egal. Im Abschlussbericht für 2018 meiner eigenen Kasse jedenfalls stand, dass nach Abzug aller Aufwendungen, Rücklagen  und Kosten ein Überschuss von ca. 40 Millionen Euro erwirtschaftet worden war. Und die Kasse zum 4. Mal in Folge ein derart erfolgreiches Jahr bilanzieren durfte.
Das schrieb ich dem Flüchtlingsgegner-Mob und fügte hinzu "Lesen und Rechnen können Sie?"
Natürlich gabs darauf keine Antwort, und manchmal frage ich mich selbst, warum ich mir das immer wieder antu.
Aber ich frage mich dann auch: Wenn meine Kasse wie so viele andere auch so gute Ergebnisse einfahren, wieso muss der Steuerzahler dann darauf eingestellt werden, dass die Beiträge steigen könnten?

Ich frage mich so einige Sachen, auch im Hinblick zum Beispiel auf den sinnlosen Plastikmüll, in dem wir gefühlt ersticken. Nicht nur wir. Auch das Meer. Mein geliebtes Meer. Weil der Mensch das größte Sauschwein aller Zeiten ist und bleibt - und seinen Dreck überall entsorgt, aber viel zu oft nicht da, wo er es sollte. Oder im Hinblick auf die Dieselproblematik. Jetzt kommt die CO2-Steuer und die Kfz-Versicherungen sollen sich in etwa verdoppeln. Der Sprit soll teurer werden. Früher haben wir gelacht, wenn wir hörten, dass die Grünen am liebsten 5 Mark für den Liter Sprit verlangen wollten. Inzwischen lachen wir längst nicht mehr. Aber ist das alles so gerechtfertigt?
Denen, die bevorzugt das Rad nutzen können, ist das egal. Denen kanns auch egal sein.
Kann ich erhöhte Kosten für das Fliegen akzeptieren, weil ich sowieso meist Auto oder Bahn fahre?
Kann ich erhöhte Kosten für das Autofahren nicht akzeptieren, weil ich davon abhängig bin - und die Belastung eh schon hoch genug ist? Ich seh das beispielsweise an Sohn I: Seitdem er wieder ein eigenes Kfz hat, um zu allen möglichen und unmöglichen Zeiten den Dienst antreten zu können, ist sein finanzieller Spielraum auf genau genommen Null geschmolzen. Er hangelt sich von einem Monat zum anderen. Ich bewundere immer, wie er das schafft - aber es bleibt eine Belastung im Kopf: Was wird, wenn dies und jenes eintritt?
Klar, er hat mich - aber er will das gar nicht. Er will frei und unabhängig sein, von seinem Lohn seine eigenen Kosten tragen können - und trotzdem wenigstens ein bisschen Luft haben.
Ist das zuviel verlangt für einen Job von montags bis samstags und gerade mal eintausendeinhundert Krabben? Er ist sehr sparsam - aber oft auf Kosten seiner Gesundheit.
Wir sollten uns möglichst Bio ernähren, da kann er nur müde drüber lächeln. Man muss es auch bezahlen können. Egal, ob Bio nun wirklich auch immer Bio ist oder nicht.
In einer Stadt wie M halte ich das Autofahren für sinnlos. Die ÖPNV-Vernetzung ist so klasse ausgebaut - da braucht es kein Auto. Eigentlich. Aber würde ich das Autofahren hier in der Stadt verbieten wollen? Was ist mit denen, die nachts oder wenigstens spät zur Arbeit müssen oder von da kommen? Ich persönlich möchte nicht ein, zwei Stunden lang nachts irgendwo auf einen Bus oder eine Bahn warten müssen. Nicht nur, weil ich müde bin und nach Hause wollte. Vor allem auch, weil ich Angst hätte. Ich persönlich fahre auch nicht jeden Schritt mit dem Auto, weder hier in M noch in L. Tagsüber. Nachts, das gebe ich zu, wäre das was anderes, solange ich allein unterwegs wäre.
Kann ich also Menschen nur disziplinieren, indem ich ihnen immer mehr Geld abknöpfe?
Und jetzt noch CO2 besteuere, weil ich die Erzeugung und Abgabe begrenzen möchte?
Wie eigentlich? Indem ich Kreuzfahrtschiffe beispielsweise nicht verbiete, aber das Fahren so teuer mache, dass über kurz oder lang keiner mehr will? Oder nur noch die, denen die Preise sowieso egal waren?
Indem ich Dieselfahrzeuge verbiete und das E-Auto in den Fokus richte, obwohl die Herstellung und Entsorgung der Batterien immer noch genug Schadstoffe emittieren, es sei denn, ich fahr ein Kleinfahrzeug meinetwegen der Größe Twingo?
Indem ich das Fliegen teurer mache, damit Klein Erna aus Buxtehude nicht auch nach Mallorca fliegen kann, während die Bundesregierung bis zu 800 Leerflüge in einem Jahr (!) produziert? Obwohl sie das ganze Jahr drauf gespart hat und sich freut, doch mal was anderes sehen zu können als den alten kaputten Holzzaun vorm Fenster und den Nachbarn im Fenster gegenüber?
Ich persönlich denke ja: Wer glaubt, dass die CO2-Steuer für den Klimaschutz verwendet wird, der glaubt auch immer noch, dass die Rentenbeiträge für die Rente genutzt werden.

Und während ich meine täglichen Überstunden ins System eintrage, anschließend noch Abendessen zubereite und nicht lange danach todmüde ins Bett falle, bin ich trotzdem froh, dass es mir persönlich immer noch so viel besser geht als anderen. Dass ich in einem Land wie Deutschland geboren wurde - auch wenn jetzt gefühlt jeder Dritte darauf scheißt oder wenigstens meckert.
Ich weiß noch, wie ich mich fühlte, als wir im Oktober 2016 aus Indien zurückkehrten. Wie dankbar ich die eiskalte, klare Luft einatmete, wie sauber die Straßen waren, durch die wir an jenem Morgen fuhren, wie köstlich das frische Brot duftete, das die Freundin als Willkommensgruß gebacken hatte - und dass ich niemals mit meinen Kindern täglich in Staub und Dreck liegen musste in der Hoffnung, ein paar Cent oder Euro in die Hand gedrückt zu bekommen. Was Überlebenskampf bedeutet, weiß auch eine Greta Thunberg nicht - und insofern kann ich ihre Worte "Ihr habt mir meine Kindheit gestohlen" auch nicht (mehr) ernst nehmen. Ab irgendeinem Punkt dieses Kampfes ist es gekippt...

Ja, uns geht es verdammt gut - und dennoch frage ich mich momentan, woher sie kommt, diese stetig wachsende Unzufriedenheit der Menschen. Dass wir nicht zufrieden sein können mit dem, was wir haben. Dass wir so neiderfüllt, so hasserfüllt auf andere schauen, die etwas bekommen, für das sie nichts geleistet haben, während man hier immer mehr alte Menschen sieht, die in Abfallkübeln wühlen. Warum wir so ängstlich hüten wollen, was wir haben, um eines Tages nicht auch im Kübel suchen zu müssen? Warum wir Angst haben, es könnte morgen einen Klimaknall geben und wir alle werden zu Staub? Wo ist die Besonnenheit, die Sachlichkeit, eine gewisse Pragmatik geblieben, anstatt uns in Hysterie aufzulösen? Warum tun wir so, als hätten wir uns nie fürs Klima interessiert und nun sei unsere Zeit beinah abgelaufen? Stimmt das überhaupt, dass wir nie was getan haben? Ich denke doch mal nicht. Aber möglicherweise denke ich überhaupt momentan wieder etwas zuviel und möglicherweise auch nicht immer das Richtige.

Ich persönlich denke aber eben auch, dass der Mensch wieder lernen sollte, viel mehr zu genießen. Auch und vielleicht auch gerade dann, wenn es viel zu tun gibt.
Aktuell arbeite ich viel, sehr viel, zuviel (sagt der Mann). Und ich würde daran zerbrechen, vermutlich, würde ich mir nicht kleine Inseln schaffen. Inseln dahingehend, dass wir ausgehen, dass wir woanders hinfahren, dass wir Freunde, Familie besuchen, vom Alltag loslassen. Und seien es nur drei, vier Stunden eines Abends, an dem man noch nicht zu müde war.
Es ist Oktober. Es ist schon wieder Oktober. Grad war doch noch Mai. Oder Juni.
Alles vergeht so schnell. Ich will nicht nur existiert haben, ich möchte auch gelebt haben. Denn das ist es ja immer noch: lebenswert. Irgendwie hab ich nur das Gefühl, dass der Mensch diesen Aspekt ein bisschen aus dem Auge verloren hat.

Dienstag, 1. Oktober 2019

...und nun auf die Ohren bekommen

Im Moment bin ich müde, hundemüde. Erst dachte ich ja, das liegt an den seit August mehr oder weniger andauernden 9 - 10 Stunden-Arbeitstagen und der ständigen Fahrerei nach Nord & Süd. Ja, auch in den Urlaub fahren kann in Stress ausarten, wenn die Anfahrt wenige Stunden länger dauert als geplant, man an Grenzübergängen erwägt, lieber die Skier statt der Badesachen mitgenommen zu haben und es noch nicht ganz geschafft hat, auf Durchzug zu schalten, wenn die Begleitung an allem Möglichen herumbemängelt.

Aber dann wurde mir klar, dass es (gefühlt) schlagartig Herbst geworden war - und vermutlich vorzeitige Winterschlafbedürfnisse bei mir eingezogen sind :)

Das bedeutet, auch die nächtlichen Medical Detectives-Sessions sind erstmal vorüber. Das ist vielleicht auch ganz gut so. Ich kann mich ja nicht nur mit bösen Abgründen anderer befassen, es muss ja auch Raum und Zeit für Sonniges bleiben, und das gibts eben nicht nach Mitternacht.

Und so dachten wir, es wäre doch der perfekte Zeitpunkt, mal die Ohrenkerzen auszuprobieren. Ich hatte einiges darüber gelesen, fand das meiste davon interessant genug und hatte mich zunächst für die preiswerte Variante mit Minzeduft entschieden. Zum Testen gleich 20 Euro oder mehr auszugeben, fand ich persönlich jetzt nicht so angemessen, aber ich denke, ich werde diese Variante dann auch noch ausprobieren.

Der Mann weigerte sich auch nach dem Kauf der Kerzen standhaft: "Den Mist kannste alleine machen."
Also ließ ich mir irgendwann im September am späten Nachmittag eine Wohlfühl-Badewanne ein, legte mir einen Spiegel (muss ja gucken, ob die Brenngrenze erreicht ist) und die Kerzen zurecht und dachte: Hier kann ja nix passieren, falls doch irgendwo ein Funken fliegt. Ins Waschbecken ließ ich ein wenig kaltes Wasser ein, um da dann die heruntergebrannte Kerze löschen zu können.
Den Kopf legte ich auf dem Badewannenrand ab; ich meinte irgendwo gelesen zu haben, dass die Kerzen möglichst senkrecht stehen sollten. Die Brenndauer liegt irgendwo zwischen sieben und zehn Minuten, gefühlt geht es schneller. Ich hatte Respekt davor, das gebe ich zu. Der Mann hat auch mindestens dreimal zur Tür hereingeschaut, um zu gucken, ob ich evtl. schon angekokelt sei.

Danach wollte der Mann sich dann doch mal daran versuchen.
Ihm ist so ein glühendes kleines Fähnchen auf die Haut getaumelt, hm, das hatte ich mir so auch nicht vorgestellt. Beim zweiten Versuch hatte ich also auch bisschen Schiss davor, aber ich hatte auch diesmal Glück. Vielleicht muss man wirklich drauf achten, dass die Kerzen senkrecht stehen.

Aber sonst.. Sagten wir beide unabhängig voneinander, dass der Kopf sich "leichter" anfühlen würde, waren wir beide anschließend richtig richtig müde und schliefen wunderbar bis zum nächsten Morgen. Er meinte, er habe nach der Kerze bis zum nächsten Morgen auch keinen Tinnitus mehr gehabt. Dieser Wohlfühleffekt war deutlich, so dass wir zwei Wochen später das Ganze nochmal ausprobierten, aber ohne Badewanne, sondern auf dem Sofa. Dafür abends, um anschließend die Entspannung mit ins Bett nehmen zu können.
Und beide sagten wir unabhängig voneinander, dass jene Müdigkeit diesmal nicht eingetreten war. Dass ich irgendwie Ohrenschmerzen auf einer Seite hatte und auch sonst irgendwie vergeblich auf einen entspannten Wohlfühlmoment wartete. Wir legten uns schlafen wie immer, alles war wie vorher und ob der Tinnitus bei ihm auch diesmal "ausgeschaltet" war, habe ich vergessen zu fragen.
Die Ohrenschmerzen hielten sich so ein, zwei Tage.

Insgesamt denke ich: Entspannen kann man sicherlich auch auf vielfältigste andere Art und Weise. Dafür braucht es sicher keine Ohrenkerzen. Und vom Minzegeruch hab ich auch nix gemerkt.
Ich denke aber, dass das teils auch dem Umstand geschuldet ist, mich hier aus Vorsicht für die preiswerte Variante entschieden zu haben.  Die letzten zwei werden wir noch aufbrauchen und dann werde ich mich mal nach "richtigen" umsehen. Und auch drauf achten, was andere Käufer zu den Enden sagen, die man sich in die Ohren steckt. Unsere sind aus teils etwas scharfkantiger Plastik, das is natürlich e bissl unangenehm.
Die Kerzen sollen sich ansonsten insgesamt auch entspannend auf den Hals-Schulter-Bereich auswirken und für so nen Schreibtischtäter wie mich ist das vielleicht auch ne ganz gute Variante. 
Ich probier das einfach mal weiter aus.

Donnerstag, 19. September 2019

Szenen einer Partnerschaft: Fuchs, du hast das Handy gestohlen!

Es war vor einigen Tagen, da haben wir uns zwar in der Nacht gemeinsam ins Bett gelegt, aber während der Mann tatsächlich totmüde war und zu schlafen begehrte, überlegte ich, mein neues Lieblingsspiel Knots zu spielen. Viele Lösungen gehen mir leicht von der Hand, zu leicht manchmal, aber manche verursachen mir manchmal auch ein Gehirnknäuel.
Und das reizt mich.
Der Mann gähnte mehrfach betont und herzhaft: "Lass uns endlich schlafen."
Ich knipste also das Licht aus, er umarmte mich betont innig - und während er mir den Rücken zudrehte, tastete ich auf dem Tischchen herum nach meinem Handy.
Nanu?
Hatte ich es nicht grad erst dort abgelegt?
Verflixt.
Wo war das Handy?
Als er zu kichern begann, warf ich mich auf ihn. "Du hast mir mein Handy gestohlen! Und ich dachte noch, orr, ist das süß, wie er mich umarmt! Dabei wollteste nur das Handy."
Wir balgten uns, ich kniete förmlich auf seiner Brust: "Gib! Das! Handy! Wieder! Her!"
"Kannst du mir nicht lieber was vorsingen, so zum Einschlafen?" fragte er.
Also legte ich mich neben ihn und sang leise und zärtlich in sein Ohr:
"Fuchs, du hast das Handy gestohlen, gib es wieeeeder her! Sonst muss ich den Papa holen mit dem Schießge-we-he-her!"
Natürlich hat er mich kichernd aus seinem Bett geworfen und natürlich hat er gesagt "Wenn du jetzt nicht gleich Ruhe gibst, steh ich auf und hol dir ein Glas Wein, dann schläfst du wenigstens endlich."
Tja nun.
Natürlich hat nicht er gewonnen :)

Dienstag, 17. September 2019

"We Think Too Much And Feel To Little"



...und außerdem tanzen wir viel zu wenig...

Gestern Abend habe ich eine Reportage vom WDR gesehen. Eine Reportage über junge Eltern, die sterben müssen - und ihre (kleinen) Kinder zurücklassen müssen.
Was mir vor allem ganz sehr im Kopf geblieben ist, ist jene tapfere starke Mama, die ihren Mann bis zu seinem Ende begleitet hat - auf eine sehr liebevolle, zugewandte Art. Beide wussten wohl von Beginn der Krankheit an, dass er keine Chance auf Heilung hatte.
Zwei Monate nach seinem Tod hat sie in seiner Heimat Italien auf der Trauerfeier eine kleine Rede gehalten. Wie dankbar sie ihrem Mann ist für all die Dinge, die sie durch ihn gelernt hatte.
"Sagt Eurem Chef, Euren Kollegen, wie gern Ihr Euren Job macht und wie viel Spaß es Euch macht. Sagt Euren Liebsten, dass Ihr sie liebt. Genießt Euer Leben."
Ihre Worte, die Art, wie sie es vorbrachte, das ist mir unter die Haut gegangen.

Wir kommen aus dieser Welt ohnehin nicht lebend raus - und niemand weiß, wann die Zeit dafür kommt. Ich habe wohl auch darum keinen Plan für das kommende Jahr, ich habe auch keinen Plan für die nächsten zehn oder fünfzig Jahre.
Als ich mich vor 16 Jahren von meinem Ehemann trennte, da hatte ich vor allem Angst, dass ich es nicht alleine schaffen würde - und dass ich immer allein bleiben würde, weil alle in etwa meinem Alter vergeben wären. Trotzdem bin ich gegangen, weil das Bleiben keine Alternative war.
Man kann auch sterben, obschon man weiterlebt. Und das wollte ich nicht mehr.
Stattdessen ging ich mit nichts - und baute das neue Leben Stück für Stück auf. Ich habe nicht alles aus eigener Kraft geschafft, aber ich habe ganz viel allein geschafft, und diese Erfahrung nimmt mir niemand mehr.
Und die Liebe?
Ach, fragt bloß nicht.
Wenn ich daran denke, wie oft ich mich nachts zerfleischte, weil ich mich fragte, was ist falsch an mir? Man kann das Lieben auch in sich selbst nicht erzwingen, selbst wenn der andere noch so gut für einen wäre, selbst wenn man sich noch so sehr nach dem Lieben sehnt.
In Zeiten von Onlinedating und vorrangigem Mailaustausch habe ich mal eine ewig lange E-Mail an jemanden geschrieben, und der reagierte begeistert: "Ich hab mir das mal ausdrucken müssen. Zwölf Seiten! Soviel hat mir noch nie jemand geschrieben! Du bist der Hammer! :)"
Und er fügte hinzu: "So ehrlich, wie Du Dir die Liebe wünscht, wird sie Dir auch passieren."
An seine Worte habe ich oft gedacht - und irgendwann auch irgendwie eine Hoffnung entwickelt.
Eine Zuversicht.
Trotzdem hat es letztendlich dann immer noch zwölf Jahre gedauert, bis ich wirklich wusste "Das ist es jetzt und das  bleibt es. Vielleicht."

Und heute? Nochmal sieben Jahre weiter?
Heute genieße ich jeden einzelnen Tag. Ich stehe morgens auf und denke: "Na? Was gibts heute?"
Heute frage ich mich nicht mehr, ob wir morgen noch ein Paar sind und übermorgen noch immer zusammen leben. Ich frage mich nicht mehr, was ich tun würde, wenn. Ich weiß es.
Ich würde fortgehen von M und mir zunächst in der Nähe meiner Jungen ein neues Zuhause suchen. Die nächsten Jahre genießen und irgendwann an das Meer gehen. Irgendwohin ans Meer.
Malen. Schreiben. Lesen. In der Sonne liegen und die Sonnenbrille auf der Nase balancieren.
Mit einem anderen Mann zusammenziehen werde ich nicht mehr.
Irgendwann vor vielen Jahren hatte jemand zu mir gesagt: "Such dir einen Mann. Alles, was du brauchst, ist ein Mann."
Er hatte unrecht.
Ich habe gelernt, mir selber genug zu sein. Ich kann sehr gut mit mir allein sein.
Es wäre ein anderes Leben. Aber anders bedeutet nicht: ein schlechteres Leben. Es ist eine andere Art von Zufriedenheit und Glück.
Ich habe aber auch gelernt: Wenn ich glücklich sein will, muss ich selber aktiv werden. Und nicht darauf warten, dass es ein anderer für mich tut. Es hat auch mal jemand zu mir gesagt "Ich möchte derjenige sein, der dich glücklich macht." Heute weiß ich: Darum gehts gar nicht im Leben. Nicht ein anderer kann mich glücklich machen - sondern ich mich selbst, und dann kann ich dieses Glück in mir mit einem anderen teilen. Denn wenns ein anderer tut und ich verlass mich drauf und dann ist er nicht mehr da, was dann? Nein nein nein. So funktionierts nicht (mehr) für mich.

Schaue ich heute auf mein Leben, bin ich dankbar. Dankbar dafür, dass es so ist wie es ist.
Dankbar dafür, dass wir uns haben. Dass wir aneinander denken, nebeneinander liegen und auf den Herzschlag des anderen lauschen. Nachts beieinander liegen, meine Hand auf seinem Bauch oder in seiner Hand.

Ich bin aber auch dankbar für diesen Lernprozess, dass ohne ihn mein Leben zwar anders wäre - aber nicht zuende. Und ich immer in der Küche tanzen werde können, mit ihm und auch allein.
Weil ich es liebe, dieses Leben. Und schon seit ganz langer Zeit nicht mehr darüber nachdenke, was morgen sein könnte.

Sonntag, 15. September 2019

Eine Stimme von vielen

Hier bin ich in eigener Sache unterwegs.
Die, die mich kennen, und die, die mich vielleicht schon etwas länger lesen, wissen, dass ich seit mittlerweile fast fünfzehn Jahren Schmerzpatientin bin. (Darüber möcht ich eigentlich gar nicht nachdenken und erst recht nicht die Jahre zählen - nicht dass mich doch noch der Mut verlässt nach all den Jahren.) Und die, die mich kennen und lesen, wissen auch, dass ich seit April 2018 deutliche neurologische Veränderungen zeigte - von einem Moment auf den anderen.
Veränderungen, die die Schulmedizin nicht erklären konnte - oder wollte. Nie werde ich die Stimme des Oberarztes im Klinikum vergessen, wie er sagte: "Genetisch, ja, das könnte sein. Aber man muss ja nicht immer gleich mit dem Teuersten anfangen. Wir fangen mal mit dem einfachsten an. Hier ist die Adresse einer psychosomatischen Klinik." Vielleicht war das eine Adresse, die ich noch nicht kannte und die mich noch nicht kannten. Jedoch diese Station habe ich bereits durchlaufen - zweimal stationär, zweimal ambulant. Seitdem weiß ich, dass Schmerztherapie nicht bedeutet, die Schmerzbekämpfung aktiv anzugehen, sondern dass man einfach nur lernt, damit zu leben.
Und das habe ich. Ich hab es gelernt und verinnerlicht. Ich mache weiter wie vor dem Schmerz, auch wenn ich heute nicht mehr weiß, wie das ist: schmerzfrei leben. Ich kann lediglich erzählen, wie es ist, das Leben mit einem Schmerz in einer Körperhälfte, der sich anfühlt, als habe man auf einer Seite ständig Zahnweh. Mal mehr, mal weniger - aber immer.. Jeden Tag, jede Nacht, jeden einzelnen Moment. Eines Tages ist er gekommen und seither nicht mehr gegangen.
Ich habe mich daran gewöhnt, ich habe ihn akzeptiert und angenommen. Verändert hat sich damit gar nichts - aber es ist wie es ist.

Mit den neurologischen Ausfällen oder Auffälligkeiten jedoch... Mit denen konnte und wollte ich mich gar nicht anfreunden. Wenn wir lernen sollen, mit allem zu leben, das wir nicht erklären können - wozu brauchen wir dann Ärzte, die mehr können sollten als Husten & Schnupfen und einen Armbruch zu behandeln?

Die Idee eines Heilpraktikers war schon öfter an mich herangetragen worden, aber ich habe immer abgewunken, da bin ich ehrlich. Und ich bin auch ehrlich, dass ich mich nie wirklich damit befasst habe, was ein Heilpraktiker kann und darf. Möglicherweise dachte auch ich, dass man nichts anderes tut als mit einer Wünschelrute zu wedeln oder sie vielleicht auch über einem Feuerchen anzubrennen - und sich dazu ein paar Zuckerkügelchen einzuwerfen und im Kreis ums Feuer zu tanzen.
Na ja, sowas in der Art vielleicht.
Warum ich mich dann im letzten Jahr dazu bringen ließ, doch zu einem Heilpraktiker zu gehen, kann ich gar nicht wirklich beantworten. War es vielleicht mein letzter Versuch? War es vielleicht jene Form der Resignation, nach der man sagt "Was hast du schon noch zu verlieren?"

Für die erste Stunde der Beratung habe ich 25 Euro bezahlt. Einen Schulmediziner muss ich zwar nicht direkt vor Ort bezahlen, aber ich bin mir ganz sicher, dass auf seiner Rechnung an die Kasse für rund fünf Minuten, die man maximal im Sprechzimmer sitzt, weitaus mehr als 25 Euro stehen.
Hier saß ich tatsächlich eine ganze geschlagene Stunde, sie forderte mich auf, ganz von vorn zu beginnen, schrieb sich alle Eckpunkte auf, dann folgte eine körperliche Untersuchung und am Ende standen vier fragliche Diagnosen auf ihrem Zettel. Alle weiß ich nicht mehr, ich weiß nur noch, dass da was von Borreliose, Parkinson und Schlaganfall stand - und sie mir eine Laboruntersuchung empfahl. Mit Kosten zwischen 120 und 270 Euro. Die Blutuntersuchung für 120 Euro genügte: Nachweis einer Neuro-Borreliose, bei der die Schulmedizin sich weigerte, diese zu behandeln: "Neuro-Borreliose gibt es gar nicht. Das ist eine Erfindung für Patienten, damit sie eine Diagnose haben. So wie zum Beispiel Fibromyalgie." Oder: "Das mit der Borreliose können Sie jetzt eh vergessen, das bringt jetzt nichts mehr" - und mir wurden für 100 Euro Vitaminpillen verkauft und für 30 Euro ein Vitamin D-Spiegel gemessen. Auch beim Schulmediziner übrigens. Lächerlich.

Die Crux ist: Eine Borreliose, ob nun Neuro oder nicht, muss mit Antibiotika behandeln werden. Grad wenn der Stich schon länger her ist (wie bei mir), dann wird auch die Behandlung sehr langwierig - und teuer. Doch Antibiotika verschreiben, das ist etwas, das der Heilpraktiker nicht darf. Weil er schlichtweg die Arzt-Zulassung nicht hat. Er kann sagen, was ich brauche, aber ich muss jemanden finden, der es mir verordnet.
Wir haben aber niemanden gefunden. Es gab Abende im letzten Jahr, da habe ich vor Verzweiflung geweint und nicht gewusst, was ich tun soll. Ich konnte auch nicht nachvollziehen, was daran so schwierig sein sollte. Wäre es nicht tatsächlich einfacher gewesen, mir einfach diese scheiß Pillenkur zu verordnen, anstatt sinnlos teure Untersuchungen auf mich zu nehmen (verschiedene MRT, verschiedene neurologische Messungen an Blutgefäßen und Nervenbahnen) und erneut eine Ärzte-Odyssee durchmachen zu müssen? Mit einer Bandbreite an Aussagen von insgesamt vier Neurologen von "Sie können ja gar nichts mehr!" über "Nein, am Alter liegts nicht; ich kenne keine Frau in Ihrem Alter, die so läuft wie Sie" bis hin zu "Na das sieht doch ganz gut aus."

Ende des vergangenen Jahres bot mir die Heilpraktikerin schlussendlich die Eigenblutbehandlung an. "Als Infusion." Kosten: irgendwas zwischen 65 und 80 Euro je Infusion. Anfangs zwei pro Woche, dann nur noch einmal und nach rund 14 Behandlungstagen legten wir eine Pause ein.
Eine Pause bis heute.
Das Zittern der Hand und des Kopfes hat vollständig aufgehört, bereits nach der 3. Behandlung.
"Das bestätigt die Infektion im Nervensystem", hieß es von Seiten der beiden behandelnden Heilpraktiker in L und in M.
Mein Gang ist deutlich besser geworden, heute sieht mir keiner mehr etwas an, der mich nicht kennt.
Nach Ende der Blutbehandlung war meine körperliche Verfassung schwankend. Es gab wechselnde Phasen zwischen super und deutlichen Rückfällen. Mir ist bewusst, dass mein Körper noch immer ankämpft und mit mir kämpft. Oder ich mit ihm. Wir wollen wohl beide nicht aufgeben ;)
Jedoch die Phasen, in denen es mir besser geht, werden länger - und die anderen werden kürzer.
Seit dem Ende der Blutbehandlung nehme ich weiterhin zusätzlich Präparate, die den Heilungsprozess unterstützen, auch eine Neuraltherapie haben wir ausprobiert.

Mein neuer Hausarzt ist begeistert vom Ergebnis.
"Echt? Mit Eigenblutbehandlung habt ihrs geschafft? Also darauf wär ich echt nicht gekommen."

In der vergangenen Woche nun hörte ich, dass den Heilpraktikern die Anwendung der Eigenblutbehandlung verboten werden und nur noch den Schulmedizinern vorbehalten sein soll.
Ich persönlich bin sehr zurückhaltend, wenn ich zum Unterschreiben von irgendwelchen Petitionen aufgefordert werde. Auch der Mann sagt immer sofort: "Die wollen doch nur an deine Daten."
Hier jedoch habe ich überhaupt keinen Moment gezögert.
Diese Petition liegt mir persönlich grad aufgrund der persönlichen Erfahrungen sehr, sehr, sehr am Herzen. Und so betrachte ich mit wehmütigem Blick, dass die Zahl der Unterschriften nur sehr langsam, im Grunde zu langsam steigt. Auch wenn alle Petitionen geprüft werden, die keine 50.000 Unterschriften nachweisen können, so sinkt die Wahrscheinlichkeit einer Befürwortung, je weniger Stimmen für die Petition eintreten.

Wenige Wochen zuvor habe ich gegen Spahns Idee unterschrieben, dass Beatmungspatienten nicht mehr zu Hause bleiben dürfen, sondern in - ich formuliers mal so - Beatmungsheimen untergebracht werden sollen. Um irgendwelchem Missbrauch vorzubeugen. Ich lach mich tot. Als wüsste niemand, dass wir nicht jetzt schon an Personalmangel in Pflege und Versorgung kranken - und wie die Zustände in Pflegeheimen jetzt schon sind.
Der Zulauf zu dieser Petition war enorm. Ich bin nicht persönlich betroffen - aber ich hatte unterschrieben, weil ich die Thematik wichtig finde. Mir ist auch bewusst, dass man es nicht immer allen recht machen kann. Aber nur um (finanziellem) Missbrauch vorzubeugen... Einen größeren Schwachsinn habe ich selten gelesen.
Als ich vor, ich glaube, drei Jahren den Mann nachts in die Klinik brachte und wir nicht wussten, was ihn und uns erwarten würde, er aber später die Rechnung prüfte und der Kasse meldete "Diese ganzen Untersuchungen wurden dort aber gar nicht gemacht" und die Kasse antwortete "das ist uns egal, die Klinik hats so gemeldet, also bezahlen wir das so" - was ist das dann? Und will mir wirklich einer erzählen, dass es sich hier um Einzelfälle handelt?

Diese weitere neue Idee von Spahn, den Heilpraktikern die Eigenblutbehandlung wegzunehmen, kann ich absolut nicht nachvollziehen. Mir ist nicht ganz klar, was wirklich dahintersteckt. Natürlich gibt es immer ein gewisses Risiko. Wenn die Mischung nicht stimmt. Wenn das Blutverdünnungsmittel vergessen oder falsch dosiert wurde. Wenn dann das Blut klumpt und ich entweder gleich beim Rücktransfer des Blutes sterbe oder anschließend eine Embolie entwickle.
Wenn so etwas passiert, dann macht es keinen Unterschied, in wessen Praxis ich sitze - dann stehen die Sterne so oder so nicht gut für mich. In einer Praxis kann mir der Schulmediziner genauso wenig helfen wie der Heilpraktiker - aber beide wissen, was dann zu tun wäre.

Wer hat hier eigentlich Angst vor wem?
Wird der Heilpraktiker dem Schulmediziner zu stark, auch wenn die allgemeine Anerkennung für den Heilpraktiker immer noch einiges zu wünschen übrig lässt?
Bei meiner Heilpraktikerin bin ich immer ungefähr eine ganze Stunde lang - beim Hausarzt tatsächlich nie länger als fünf Minuten.
Sie probiert aus - der Hausarzt probiert auch nur aus.

Ich persönlich bin für eine Kombination aus beidem, denn beide können sich absolut ergänzen - mit ihrem Wissen und ihrem Können. Mein neuer Hausarzt ist da völlig offen. Aber er hätte mir nicht helfen können - sie hat mir geholfen. Wo wäre ich heute ohne die Heilpraktikerin?
Wäre ich inzwischen komplett arbeitsunfähig?
Wäre ich irgendwann komplett mittellos, weil ohne Job kein Einkommen und ohne Einkommen keine wirkliche Existenz?
Warum dem einen etwas wegnehmen, das er genauso gut kann wie der andere?

Wer bis hierher gelesen hat.. und wer vielleicht genauso denkt wie ich.. Dann bitte.. lasst Eure Stimme hier:
https://www.openpetition.de/petition/unterzeichner/kein-verbot-der-eigenblut-therapie-naturheilverfahren-erhalten?fbclid=IwAR05-4sdVoO3YSLONWRhiy9nsmm1ZuH67epcs2L0mcI9JHH7vNnkZSog9ow

Eine Stimme allein kann nicht immer viel bewirken. Aber viele Stimmen zusammen.. vielleicht doch. Ich würde mir das ganz sehr wünschen. Nicht nur für mich allein.