Samstag, 25. Juni 2022

Mr & Mrs





Kennst Du auch das Gefühl, dass man manchmal so vieles erzählen möchte, dass im Kopf all die bunten Gedanken herumkullern, so dass man sie gar nicht zu fassen bekommt? Wie man dann zu erzählen beginnt und der Kopf schon weiterstolpert und man irgendwie schon beim nächsten Gedanken ist, noch bevor man den einen überhaupt zum Ende gebracht hat? Wie man sich ausmalt, eine Flasche gut gekühlte Weißweinschorle mitzubringen, gerne auf Deinem Balkon die Füße hochlegt, in die Sonne blinzelt - und der Kopf mit einem Mal schlagartig leer ist und man einfach nur genießt, dass man da sitzt, wo man gerade sitzt? Und dass man dann irgendwie glücklich und zufrieden ist?

Natürlich könnte ich Dir jetzt so einiges erzählen. Wie unser Hochzeitstag war. Wie wir uns das ausgemalt hatten. Dass das eigentliche Kleid - mit kleinen bunten Blumen bestickter Tüll - also genau, was ich bin ;) - das ich für diesen Tag gerne gehabt hätte, viel zu spät geliefert wurde und ich stattdessen auf Plan B zurückgreifen musste. Dass ich in die Chucks, die ich eigentlich zu diesem Tag hatte anziehen wollen, nicht mal ansatzweise hineinkam, weil der rechte Fuß meinte, sich aufblasen zu müssen. Dass ausgerechnet an diesem Tag die Haare einfach nicht das machen wollten, was sie sollten. Dass mir dann irgendwie die Zeit weglief, weil wir für das Ja-Wort am Ufer meines geliebten Meeres noch ein gutes Stück Weg hatten. 
Dass also irgendwie gar nichts gelang, wie ich mir das vorgestellt hatte - und es am Ende aber auch wieder völlig egal war, weil einzig der Moment zählte, an dem wir uns an die Hand nahmen und der Mann mich noch anzischte: "Du weinst jetzt aber nicht! Du! Weinst! Jetzt! Nicht! Du... ach Scheiße" und ihm dann selber die Tränen kamen. 

Ich könnte Dir vom Fotografen erzählen, der uns am Kennenlerntermin fragte, warum ausgerechnet jetzt, nach all der Zeit? Und ich antwortete, dass manche Menschen heiraten der Steuer wegen oder weil sie eine Familie gründen wollen oder schon gegründet haben. Weil sie es für oder wegen der Kinder tun. Und dass für mich einzig und allein nur ein einziger Grund zählte: dass wir es einfach nur aus Liebe tun.
Und was soll ich Dir sagen... Es fühlt sich wirklich wundervoll an, wenn es der Mensch ist, neben dem Du morgens erwachen und des Nachts einschlafen möchtest. Es fühlt sich wundervoll an, wenn an der Wohnungstür nur noch ein Name steht. Wenn Du morgens erwachst, in die Augen des anderen blickst, der Dich schon die ganze Zeit betrachtet, und Du flüstern kannst: "Guten Morgen, Ehemann" und er zurücklächelt: "Guten Morgen, Ehefrau."

Ich könnte Dir aber auch von dem Behördenirrsinn erzählen, den ich mir so in dem Ausmaß nicht vorgestellt hatte. In digitalen Zeiten wie diesen denkt man doch, man braucht nur eine E-Mail zu schreiben, die Eheurkunde anzuhängen und schon hätte sich der Lack. Aber das wäre ja alles viel zu einfach, nicht wahr? Meine eine Bank zum Beispiel meinte, ich könnte das alles online einrichten. Aber wenn ich neue Kreditkarten und so bräuchte, dann müsste ich schon in die Filiale kommen. Da hab ich noch drüber geschmunzelt und es einfach gemacht. Blöd allerdings: In dem Moment, wo Du eine neue Karte beantragst, wird die alte wertlos. Sprich: in der Filiale zersägt. Was doppelt blöd ist, wenn Du in ein paar Tagen wieder nach L verreisen willst bzw. musst. Wie bezahlst Du dann unterwegs? Also erstmal nur die EC-Karte neu anmelden und für die neue Kreditkarte muss ich dann eben in vierzehn Tagen noch mal hin. Aber okay. Bewegung tut gut, findet ja auch mein Fitnesstracker. (Dieses blöde Ding, weißt Du, da steigste zum Beispiel mal ein einige Treppen hoch, wo Du denkst, hoffentlich kommste bald an, bevor Du auf den letzten Stufen noch das Zeitliche segnest - und in genau diesem Moment vibriert es am Handgelenk und das blöde Teil fragt Dich allen Ernstes, ob Du überhaupt noch trainierst oder es abgeschaltet werden kann. Kannste Dir so ne Frechheit vorstellen? Ja, kannste bestimmt, sowas würde ja normalerweise auch von Dir kommen :))
Meine andere Bank meinte, ich könnte das online erledigen, meinte aber mit Online: Sie können sich die PDF herunterladen, ausdrucken, unterschreiben, eine Kopie der Eheurkunde anhängen und postalisch von A nach B schicken. Eyesroll, kann ich Dir sagen - aber das war noch nicht das Beste. 
Das Beste ist das hiesige Bürgeramt. Die bieten Termine bis maximal in drei Monaten, weil sie genau wissen, dass sie jeden Tag mehr als ausgebucht sind. Beim ersten Termin fragte mich die sehr nette Dame, warum ich zum Ummelden nicht gleich noch den Antrag auf den neuen Personalausweis mitgebucht hätte. Hä was? Ich dachte, deswegen bin ich hier? Nein, Sie haben sich nur zur Namensänderung angemeldet, Antrag auf Personalausweis muss extra gebucht werden. Obwohl der Wartebereich draußen proppenvoll war, meinte sie, wenn ich n Passbild dabei hätte, würde sie es jetzt einfach mit einschieben. Hatte ich aber leider nicht. Hätte ihr nur eins vom Mann oder wahlweise von den Söhnen anbieten können, aber na ja. Die sind sowieso (glaube ich) älter als 5 Jahre und DAS wusste ich schon, dass DAS auf dem Amt nicht akzeptiert wird. Dir könnte ja inzwischen ein drittes Auge auf der Stirn gewachsen sein!
Die war aber wirklich nett, der konnteste gar nicht böse sein. Die wollte noch meinen Führerschein sehen und wir haben dann beide ein bisschen herumgegackert. Das Foto is um die zwanzig Jahre alt, da war ich noch blond (gefärbt bitte sehr!) und wir amüsierten uns köstlich über die Friese von Anno Dunnemals. 
(Wusstest Du eigentlich, dass man den Führerschein nicht ummelden muss, nur kann? Es sei denn, Du hast die gesetzliche Frist erreicht, ja, dann musste halt. Aber sonst nicht. Wusst ich auch nicht. Und DAS in Deutschland! :))
Jedenfalls: Ich bin dann einfach nach Hause geeilt, habe den Rest des Tages und den nächsten Morgen damit verbracht, einen neuen passenden Termin zu erhaschen. Und wähnte mich glücklich, tatsächlich für Freitag einen zu bekommen. 
Habe Passbilder in der Tasche gehabt vom Antrag auf Ausweis im letzten Jahr, als ich noch nicht wusste, dass der Mann begehren würde zu ehelichen. Stimmst Du mir zu, dass man davon ausgeht, dass man die nehmen darf, weil noch nicht mal ein Jahr her?
"Nein, das geht nicht, wird von der Bundesdruckerei abgelehnt", sagte dieser schnöselige Fatzke. Weißt Du, so einer mit gegelten Haaren, der gerade ein Lob vom Vorgesetzten eingestrichen und diesem dafür fast bis zur Halskrause in den Allerwertesten gekrochen war. Die hab ich ja gerne! Vor allem, wenn die einen dann noch so von oben herab behandeln. Neben Ungerechtigkeit bringt mich nichts so schnell aus der Fassung wie Arroganz! Da vergesse sogar ich mal meine gute Kinderstube - und das hab ich an diesem Tag auch, aber eins nach m anderen. Will Dich ja nicht überfordern mit Deinen Cocktails, die Du da derzeit zu Dir nehmen musst.
Woher soll man auch wissen, dass man dasselbe Passfoto nicht nochmal nehmen darf, auch wenn der vorherige noch nicht mal ein Jahr alt ist? Warum das nicht geht, wollte ich wissen. Du kennst mich, ich will ja die Dinge oft auch verstehen. (Manches is mir ja auch vollkommen wurscht, aber weißt Du, wenn man da extra noch ein zweites Mal hinstiefeln muss, nur um endlich diesen blöden Ausweis beantragen zu können, dann wird man ja noch mal fragen dürfen?)
"Das ist nicht gestattet, das ist eben so!" wurde ich abgebügelt.
"Sie können schnell zum Automaten gehen, der ist einen Wartebereich weiter. Und achten Sie bitte darauf, dass keine Haare in den Augen sind. Auch nicht an der Seite. Wenn die Haare Schatten werfen, muss ich das Foto ablehnen."
Da hab ich schon mal dezent tief Luft geholt, aber nix gesagt. Is ja nich so, als hätte ich noch nie Fotos machen lassen und wäre dieser scheißblöde Automat dort nicht quasi schon mein bester Freund.
Also Fotos machen lassen, alle Haare aus der Stirn gezwirbelt, damit das Cortison-Mond-Gesicht so richtig schön aufgehen konnte, aber scheiß drauf, wen interessiert schon ein Foto im Personalausweis?
Wieder zurück, gewartet, wieder Platz genommen... nur um dann den herablassenden Auswurf des Gegenübers wahrzunehmen: "Ich habe Ihnen doch EXTRA gesagt: Die Haare NICHT in die Augen! Ich muss das Foto ablehnen!"
Kurz vermutete ich sowas wie "Versteckte Kamera", aber ne, der meinte das völlig ernst!
Ich erbat mir das Foto, ums mir selber anzuschauen, aber ich sah.. NIX! Kramte die Brille aus der Tasche und sah wieder.. NIX! Gut.. Der Mann rügt ja immer, wieso ich nicht eine von diesen drölfzig Brillenetuis nehme. Meine Brillen seien wahlweise entweder immer mit klassischem Fingerabdruck direkt im Sichtfeld oder hätten Kratzspuren. Dazu muss man sagen, war der Kabuff dort tatsächlich beschissen beleuchtet. Sowas wie n Keller mit drei Funzeln. Fazit: Ich habe wirklich ehrlich KEIN Haar in der Suppe überm Auge gesehen, scherzte noch: "Meinen Sie das da? Das is ne Falte, kein Haar."
Er meinte dann, ich hätte ja wohl keine Falten im Auge (*kreisch*), und dann sprang der auf und riss die Arme hoch. Ob ich ihm sagen wolle, dass er lüge oder was ich ihm unterstellen wolle?! Hä? Was war denn mit dem los? Ich hab nur eben dieses verkackte Haar nicht gesehen und ich WOLLTE ENDLICH DIESEN BLÖDEN AUSWEIS BEANTRAGEN!
Kannst Du Dich mir da vorstellen, wie mir DA die Haare zu Berge standen?
Im Nachhinein könntsch ja drüber lachen:
"Da ist ein Haar!"
"Ich seh aber kein Haar!"
"Da ist aber ein Haar!"
"Tut mir echt leid, ich seh da kein Haar!"
Aber dort im Termin war mir tatsächlich nicht nach Lachen - und mir ging auch erst später auf, was genau mich eigentlich so wütend gemacht hatte: Das war seine herablassende Art und Weise und vor allem der Tonfall, wie er mit mir sprach. Das kann ich echt auf den Tod nicht ab, wenn Menschen sich so geben. 
Wäre ich an seiner Stelle gewesen, ich hätte einfach gesagt "Ach huch, schauense mal, da hat sich doch noch ein Haar übers Auge gelegt, gehen Sie schnell nochmal, ich nehm derweile den nächsten dran, und dann kommense einfach nochmal her." 
Wäre das nicht das Einfachste gewesen? Bei seinen Kolleginnen geht sowas nämlich durchaus. ER konnte das nicht. Oder wollte es nicht. Er riss noch mal die Arme hoch (solche Gesten habsch ja auch gerne, weißte) und wollte wissen: "Wollen Sie vielleicht, dass sichs noch ein anderer anguckt, oder was?"
Und DA hatte er mich und ich antwortete: "Ja, das möchte ich bitte!"
Der guckte mich so fassungslos ob meiner Antwort an wie ich ihn wütend anstarrte ob seines Habitus.
Provokation hin oder her - JETZT wollte ich das. Ich sah nämlich immer noch kein Haar und näherte mich obendrein gefährlich meiner eigentlich hoch angesetzten Hutschnur. Also drückte er das Foto seiner Kollegin in die Hand und die meinte nach nem kurzen Moment: "Ja, ich seh da auch ein Haar."
Er meinte noch, ich könne ja nächsten Freitag nochmal kommen. Obwohl ich grad erst gesagt hatte, dass ich kommenden Freitag nicht da bin.
Weißt Du, P., mir ist das wirklich zum allerersten Mal passiert, dass ich mir die Fotos und den alten Ausweis mit einem Griff genommen und ihn stehenlassen habe. Eigentlich hasse ich sowas. Das ist genauso wie mitten im Telefonat den Hörer frustriert auf die Gabel zu schmeißen (hach! manchmal vermisse ich ja so ne Möglichkeit). Macht man nicht, gehört sich nicht! Vor vielen Jahren hatte ich mal einen Typen an der Strippe, der mich tatsächlich beleidigte, nur weil ich mich meiner Aufgabe entsprechend quer vor die Tür zum Chef gelegt hatte und niemanden durchließ. Bildlich gesprochen natürlich, was denkst Du denn?
Ich hab ihm die ganze Zeit zugehört und den labern und ausufern lassen und als er dann fragte, ob ich noch was dazu zu sagen hätte, antwortete ich: "Ja, habe ich: Ein Gespräch auf dieser Ebene ist mir zu dumm. Schönen Tag noch."
Schönen Tag noch - hab ich wirklich gewünscht.
Hättsch am Freitag also wenigstens auch machen können. Erziehung und so! Haltung bewahren! Aber kennst Du auch so Situationen, wo einem das einfach nicht mehr gelingt? Wo man zum einen so dermaßen wütend ist, dass man gleich wie ein Flummi aus dem Raum springt - und zum anderen so sprachlos und irgendwie auch überfordert ist? 

Kennst Du eigentlich auch diesen Spruch, dass man einer wütenden Frau von weitem ein Stück Schokolade zuwerfen soll? Müsste ich dem Mann vielleicht noch mal zur Erinnerung schicken, denn nach seinem Spruch "Geh erstmal nach Hause und kühl dich ab" wäre ich am liebsten stante pede ins Bürgeramt zurückgestiefelt und hätte die Scheidung beantragen wollen!
"Entschuldige, ich wollte doch nur was Liebes sagen!" schmollte der noch.
Ey was? WAS LIEBES? Was is n an DEM Spruch LIEB???
Ich war so aufgebracht, dass ich mir keine U-Bahn-Rückfahrkarte kaufte, sondern den ganzen Weg nach Hause gegangen bin. Ach, was heißt gegangen.... mit fliegenden Haaren und wehenden Schrittes nach Hause geflogen - oder so :)

Na ja, was soll ich Dir erzählen... Zwei Kaffeepötte und eine Kirschschnitte später hatte sich der Puls spürbar gesenkt. Bei Tageslicht draußen habe dann endlich auch ich dieses verschissene Haar überm Auge gesehen. Ich habe mir dann am Abend in der Stadt beim Fotografen Passfotos anfertigen lassen, biometrische natürlich. Und DIE Bedienung dort war wiederum so herrlich sympathisch, dass mir da schon wieder s Herz aufging. Und nachdem der Geheiratete mir einen lecker Milchkaffee ausgab, um die Wartezeit bis zur Abholung der Passfotos zu überbrücken, und ich Beine baumelnd dem ordentlichen Gewitterguss vor der Tür zusah, da war meine Welt dann auch wieder völlig in Ordnung. 

Muss ich jetzt also nur nochmal am kommenden Montag noch vor meiner eigentlichen Aufstehzeit und vor allem vor Reiseantritt zum dritten Mal ins Bürgeramt - wegen einem einzigen Ausweis. 
Bei meinen Online-Shopping-Konten übrigens konnte ich fast überall problemlos meinen Namen ändern. Bis auf einen, der mir jetzt schrieb, dass sie eine Personalausweiskopie haben wollen. (Ob ich DAS will, weiß ich noch nicht. Bin eher geneigt, das Konto dann eben zu löschen.) Aber welchen wollen die jetzt eigentlich - den alten oder den neuen? *kreisch*

Hach P., ich vermisse Dich. Du würdest gar nicht versucht haben, mich runterzubringen. Du hättest vermutlich so lange mit in meine Kerbe geschlagen, so dass ich dann selber hätte lachen müssen. Wir hätten uns mit Käffchen bis zur Halskrause zugeschüttet und über meine romantische Vorstellung, die mit dem Ehelichen eines geliebten Menschen verbunden ist, kaputtgelacht, weil die offensichtlich ziemlich dolle an der behördlichen Realität vorbeischrammt.
Aber egal. Jetzt hab ich J wie JA gesagt - jetzt kann ich das B wie Behörde auch noch singen :)

Dienstag, 7. Juni 2022

Liebes Universum

 


Was ich in der letzten Nacht träumte, weiß ich nicht mehr. Hab ich überhaupt etwas geträumt? Immerhin war die Nacht recht kurz. Der Junge rief mich gestern an und fragte, wann ich eigentlich wieder in L sei - und hieraus entwickelte sich wie schon vor einigen Tagen ein Telefonat von gut eineinhalb Stunden. Und wie schon vor einigen Tagen beschränkte ich mich fast ausschließlich auf das Zuhören.
"Mein Auskotz-Stream", benannte der Junge unser Telefonat und ich dachte, was für ein Glück, dass er das überhaupt tut. Viel zu vieles frisst er in sich hinein, macht er mit sich selbst aus. Was grundsätzlich vielleicht positiv sein mag, kann einen aber auch irgendwann von innen heraus zerfressen. Ich hatte das Gefühl, dass er so sehr wie lange nicht darauf wartet, dass ich wiederkomme - und ich musste daran denken, wie der Mann und ich aktuell Wohnungsinserate rauf und runter suchen, um lang gehegte Pläne nun endlich in die Realität umsetzen zu können.. Wie gut das hoffentlich auch für meinen Jungen werden könnte. 
Bis 3.30 Uhr lag ich auf dem Sofa, ließ mich berieseln vom Nachtprogramm und der Kopf war so hellwach, die Gedanken drehten so derart im Kreis, dass ich einfach nicht in die Schlafruhe fand. Dass ich mich dann irgendwann doch ins Badezimmer aufraffte, war eher der Vernunft geschuldet und der Tatsache, dass ja heute wieder ein Arbeitstag ist.

"Guten Morgen Geburtstagskind" flüsterte der Mann mir heute Morgen in aller Herrgottsfrühe zum Abschied zärtlich in das Ohr, "wir sehen uns dann heut Nachmittag".
Ich lächelte, mummelte mich tiefer in die Decke, dehnte und streckte mich wie ein Kätzchen - und schlief noch einmal ein. Nicht ohne daran zu denken, wie eigentlich mein Leben früher war. Wie wenig erfüllt. Wie zerfressen von der Sehnsucht nach einem Leben, in dem ich mich wohl und glücklich fühlte. Ich wusste nicht, was es bedeutete, "angekommen" zu sein, weil ich es noch niemals vorher erlebt hatte. Das Leben vor dem Mann war eher eins, das immer vom Wunsch dominiert wurde, nicht nur die Randfigur zu sein. Nicht nur zusehen zu müssen. Nicht das zur Gewohnheit gewordene Möbelstück und aber auch nicht nur der Ersatzspieler zu sein. Sondern einfach... ich. Mit all dem, das mich ausmacht. Dass das jemand genau so haben wollte - und dass mir mit diesem Menschen auch keine Wünsche mehr offen bleiben würden.
Und jetzt.. Heute Morgen, in dem Halbdunkel unseres Schlafzimmers, in dem Bett, das ich so liebe, weil ich darin so gut wie kaum sonst irgendwo schlafe, da fühlte ich mich einmal mehr angekommen. Einmal mehr glücklich mit dem Leben, das ich hier führen kann und mit dem Mann, der mir pünktlich zur Aufstehzeit noch einen Screenshot seiner heutigen Terminerinnerung schickte.

"Was wünscht man denn jemandem, der schon alles hat?" fragte mich der Chef heute Morgen und ich lächelte, antwortete darauf aber nicht. Es sind sehr persönliche Dinge, die ich mir wünsche: Dass es meinen Jungen gut geht. Dass der eine nicht zu sehr vereinnahmt wird, so dass alles komplett hinten runterfällt - und der andere aus seinem Tief wieder herausfindet und endlich auch mal so etwas wie ein bisschen Glück hat. Es gibt so viele Menschen, die so wenig Glück im Leben haben, obwohl sie es einfach verdienen - und er gehört absolut dazu.
"Ach was solls, ich hab mich damit arrangiert", hat er gestern gesagt.
"Wenn das so wäre, würde es dir ja nicht so weh tun", hab ich leise widersprochen.

Liebes Universum, wenn Du mich also hörst.. Ich wünsche mir einfach nur ein bisschen Glück für meine Jungen. Denn wenn es ihnen gut geht, dann kommt alles andere ganz von selbst. 

Freitag, 3. Juni 2022

Phänomene allerorten

Nr. 1

Dieser Spruch "Erst auflegen, dann Arschloch sagen" wird für mich heute zur peinlichen Realität. Aber ist mir an der Stelle tatsächlich nur ein ganz klein wenig peinlich. Sorry Guy, aber kam von Herzen :)

Nr. 2

Sich Rhabarberkompott in der Mittagspause kochen zu wollen, ist eine nette, aber schlichtweg dumme Idee. Stichwort: Telefonterror. Stichwort: Rauchmelder im Arbeitszimmer ;)

Nr. 3 

Bin ich eigentlich der einzige Depp, der trotz intermittierenden Fastens (6/18) eher zu- statt abnimmt?
Zum Kotzen ist das. Ungerechte, blöde Welt.
Und nein, ich nehme in den 6 Stunden nicht mehr Kalorien als "erlaubt" zu mir, viel zu oft sogar weit unterm erlaubten Schwellenwert. Und ja, ich mache auch immer noch Sport (muss ich auch, sonst rächt sich das bitter auf der Schmerzskala). Und nein, ich stelle kein Muskelwachstum an mir fest. Und nein, die Klamotten passen jetzt auch nicht viel besser als sonst. (Aber wenigstens auch nicht schlechter ;))

Nr. 4

Menschen, die ihr Leistungslevel schon vor Jahren von hundert auf schätzungsweise maximal fünfzig Prozent runtergefahren haben, beklagen sich noch immer, dass sie zuviel arbeiten und es ihnen keiner dankt.
Das sind übrigens die, die aus Lust & Laune heraus Immobilien und Luxusschlitten kaufen, dich rund um die Uhr anrufen, wochentags, an Wochenenden und Feiertagen - und das meistens wegen ihrem Privatkram, egal ob du beispielsweise grad mit eigenem Kummer oder zum Beispiel auch unter Magenkrämpfen auf der Porzellanschüssel um dein Leben kämpfst *harhar*, während du beinah täglich bis in den Abend hinein damit beschäftigt bist, deren berufliches und auch privates Chaos zu ordnen. 

Nr. 5

Wer billig kauft, kauft zweimal? 
Pfff. Ich kenne einen, der fährt nen hunderttausend-Euro-Schlitten - und ruft mich regelmäßig auf seinen langen Fahrstrecken an, weil sein Navi ihn wahlweise unbegründet von der Schnellstraße leiten oder ihn blindlings in nen kilometerlangen Stau reinfahren lässt. S gibt da so ne Webseite, nennt sich verkehrslage.de - super zuverlässig - fast so gut wies Google-Navi ;) Und mindestens für letzteres brauchste keine teure Kutsche mit super modern eingelassenem Navi, das auch bloß Quark erzählt, wenns denn überhaupt was erzählt.

Nr. 6

Der Empfindlichkeitssensor bei Menschen ist schon recht erstaunlich ausgeprägt.
Stichwort: Das Gleiche ist nicht dasselbe.


Nr. 7

Was ich immer wieder feststelle: Kaum etwas ergreift Menschen mehr als der Gedanke an ihren eigenen Edelmut 😉


Was lerne ich aus allem?
Nicht aufregen, nur wundern.
Und: Ein Käffchen löst keine Probleme. Schmeckt aber tausendmal besser als ein blöder Grüntee - und das entspannt - jedenfalls bei mir - markant den Blutdruck.
In diesem Sinne:
Holladiarrhö - es ist langes Pfingstwochenende, zelebrierts oder lasst es bleiben, aber egal wie: Lassts Euch gut gehen :)

Dienstag, 31. Mai 2022

Backen für den inneren Frieden



"Für mich musst du das nicht machen, ich brauche keinen Kuchen", sagt der Mann hin und wieder, wenn er mir dabei zusieht, wie ich in Rezepten herumkrame oder mich zu etwas Neuem inspirieren lasse.
"Weiß ich", antworte ich dann meistens nur - und mache trotzdem weiter. Stelle mich in die Küche, ziehe die Kopfhörer auf und lasse mich treiben, drehe mich, wiege mich im Takt der Musik, singe manchmal mit, während ich das Equipment nach und nach aus den Schränken hole und mir die Zutaten bereitstelle.
"Außerdem ist es Genuss ohne Reue", sage ich dann beinah genau so oft und verweise auf kalorienbefreite Zutaten und die Vorliebe für Dinkel- oder Mandelmehl statt Weizen.
Vermutlich habe ich in meinem ganzen bisherigen Leben nicht so oft - oder besser gesagt: so regelmäßig - gebacken wie derzeit. Ich könnts ja genauso machen wie der Mann:  mich einfach aufs Rad schwingen oder joggen, bis der Hausarzt abwinkt. Zwar schwöre ich nach wie vor auf die dem Yoga sehr ähnlichen Übungen, die mir vor allem im Kampf gegen den Körperschmerz tatsächlich gute Dienste leisten. Aber den Kopf frei pustets mir aktuell während der schätzungsweise 50minütigen sportlichen Betätigung  mit musikalischer Untermalung eher nicht. Vielleicht brauchts dazu ja wirklich auch die frische Luft und so. Könnte mich also wie andere an die Isar legen und dort hin und her biegen. Anschließend vielleicht sogar gleich mal ins eiskalte Wasser springen. Der Mann nämlich beobachtet dort beim Joggen seit einiger Zeit ein Paar, beide vielleicht um die 70 - 80 Jahre alt, die den Mut dazu aufbringen. 
"Das könnte ich mir für uns auch vorstellen", sagt der Mann. "Ist auch gut für die Haut!"
"Das sind Apfelsinen auch", bügle ich seine neueste Idee kurzerhand ab und lege demonstrativ statt der bisherigen zwei großen Navelinas gleich zwei ganze Kilogramm davon in den wöchentlichen Einkaufskorb. Ich und eiskaltes Wasser! Wie lange kennt er mich? 

Als ich noch allein mit meinen Kindern lebte, da hing alles an mir: der Job, der Haushalt, jede Entscheidung für uns als Familie und für jeden einzelnen von uns. Jedes Kümmern bei Krankheit und verhassten Schulaufgaben. Jedes Kümmern bei aufgeschlagenen Knien oder Kummer. Jedes Kümmern um einen Kontostand, der den Kindern und mir ein warmes, behagliches Zuhause mit einem vernünftigen Essen auf dem Tisch irgendwie sicherte. Zu Beginn meines Singleseins war diese Aufgabe für mich vollkommen neu. Würde ich damals schon die Wege und deren Konsequenzen mal von A bis Z durchdacht haben, hätte ich vermutlich Angst (vor mir selbst) bekommen. So aber habe ich mich Anfang 2003 einfach hineingestürzt und habe.. einfach gemacht. Was anderes blieb mir auch gar nicht, denn nur eins war noch größer als die Angst vor dem Scheitern: zurückzugehen in das bisherige Leben. 
Seit Februar 2005 nun begleitet mich obendrein auch diese ominöse Schmerzerkrankung.
Und irgendwann, mit den Jahren, mit der Zeit... Da wurde ich irgendwie müde. Ich selbst hab das gar nicht so realisiert, mein Umfeld schon. (Heute, rückblickend, sehe ich das übrigens auch. Manche Fotos sind so gruselig, dass ich sie klammheimlich vernichte.) Mehr als nur einmal kam ich an diesen Punkt, wo ich mir leise wünschte, es würde nicht alles immer nur an mir allein hängen. Würde nicht immer nur ich gefordert sein. Dass mir jemand die Verantwortung abnimmt, die Aufgaben abnimmt, darum ging es mir nicht. Aber ich wünschte mir jemanden, wo man sich Aufgaben entweder auch mal teilen konnte oder aber mir das Miteinander Fluchten bieten würde. Diese kleinen Inseln meines Alltags, die mit der Blümchenwiese, auf die ich mich retten konnte. Diese Inseln, auf denen ich mich mental in der Sonne aalen, meinen Lieblingskaffee schlürfen, die Sonnenbrille auf der Nase balancieren und die Beine baumeln lassen konnte. Allein daraus kann ich unfassbar viel Energie ziehen, und in diesen bewegten Jahren war das.. eher ein seltenes Highlight. 
Das änderte sich, nachdem der Mann und ich uns nach dem vierten oder fünften Neustart beschlossen hatten: Jetzt versuchen wirs aber mal richtig - und ich dann irgendwann auch zu ihm zog. Das Leben pendelte sich ein in eine Gemütlichkeit, von der mich manchmal das Gefühl überkam, als würde es seicht und unaufgeregt an mir vorbeiplätschern. Dieses Gefühl jedoch hielt nur wenige Wochen oder maximal wenige Monate. Jetzt erlebte ich das, wonach ich mich in den Singlejahren gesehnt hatte - und dachte: Huch na ja.. Öhm.. Hoffentlich driften wir jetzt nicht ab in ein langweiliges Leben?

Natürlich kamen dann auch wieder andere Zeiten. Berg hoch, Berg runter, das Leben in Achterbahnen, Schlängellinien und kleinen Parkbuchten links und rechts. Im Moment wünsche ich mir weder ein bewegteres noch ein ruhigeres Leben - sondern einfach eines, in dem die Menschen glücklich sind. Am allermeisten wünsche ich mir das von meinen Söhnen. 
Der eine hat seinen Schlaganfall überstanden und trainiert noch immer die Muskulatur, um die Lähmung im Gesicht zu überwinden. Wenigstens ist die Lähmung der Zunge zurückgegangen; ich denke, das ist ein gutes Zeichen. Auch wenn er sich als Souvenir aus der Klinik noch einen Keim mitgenommen hatte. Ich dachte noch an den Kinderarzt von früher, als sie noch klein waren. 
"Wenn Kinder zu mir kommen, denke ich immer, das ist alles ganz einfach, ich gebe dies und das. Aber bei Ihnen weiß ich, dass IMMER noch etwas hinterherkommt. Dass das bei Ihnen eben NICHT so einfach ist."
Daran dachte ich einmal mehr, als der Junge dank Medikamenten auch den Krankenhauskeim überstanden hatte - und gleich im Anschluss an Corona erkrankte.
Da dachte ich dann schon auch: Ey....
Und mein Großer? Der ist gesundheitlich fit wie ein Turnschuh, trotz Rauchen und wenig Essen, trotz der Doppelbelastung von Vollzeit- und Nebenjob. Aber dafür.. hängt seine Seele ordentlich durch. Er ist einfach zuviel allein, er weiß das und er fühlt das - nur ändern lässt es sich nicht. 


Zu Beginn des Mai habe ich sie mir beide noch eingepackt und mit an das Meer genommen. Nur für ein Wochenende und eigentlich, um meine Mama zu überraschen. Eigentlich hatte der Große gar nicht so recht Bock auf das alles, die weite Fahrt, der Aufwand - und das alles "nur" für eine Nacht? 
Mich selbst aber erinnerte dieser Trip an früher, als sie eben noch klein waren. Als ich Kind und Kegel in mein Wägelchen lud und sie mit ans Meer nahm. Er hat immer gefragt: "Sind wir bald da?" oder "Wie lange dauert das noch?" oder "Jetzt überhol den doch mal!" 
Inzwischen fragt er gar nichts mehr, er streckt sich einfach auf der Rückbank aus, hört Musik und daddelt, schläft nach der Nachtschicht auch mal ein Stündchen ein - aber sobald wir die Insel betreten, da schaut er mit blanken Augen in die Welt. 
Und nur einen Tag später, am Abend vor der Rückreise, da stand er vor seinen Großeltern, lächelnd, wehmütig, und er sagte: "Ich will hier nicht weg."
Dieser Satz geht mir seitdem immer wieder im Kopf herum. Ich weiß genau, was er und wie er sich gefühlt hat. Dass er dasselbe fühlte wie ich: die Erinnerung an eine Zeit, die für ihn eine bessere, eine entspanntere war. Eine Zeit des Miteinanders vor allem mit seinem Bruder, an dem er so hängt. Weil er mit diesem wiederum eine Zeit verbindet, in der sie vor allem sich hatten und wussten, dass sie einander hatten. Eine Zeit, in der die Eltern getrennte Wege gingen und Auseinandersetzungen dennoch kein Ende zu nehmen schienen.
Ich wusste das alles, noch bevor wir am vergangenen Wochenende sehr lange miteinander sprachen. 
Und all die Jahre war ich mir sicher, dass meine Söhne und vor allem er immer eins NICHT waren: Mitläufer, die aus einem Gruppenzwang heraus Dinge tun, die falsch (für sie) sind. 
Das hatten mir doch all die Jahre letztlich auch bewiesen.
Und dann musste ich in dem langen Gespräch mit ihm erkennen, dass die Einsamkeit, diese verdammte Einsamkeit Menschen dazu bringen kann, Prinzipien über den Haufen zu werfen. Nicht weil man um jeden Preis dazugehören will. Sondern weil man... einfach drauf scheißt. Weil einem ab irgendeinem Punkt alles irgendwie egal ist.
Das hat mich ziemlich.. erschüttert. 
Auch weil ich immer, wirklich immer stolz und froh war, gewisse Sorgen um und mit meinen Jungs nicht zu haben, nicht gehabt zu haben. 
Vergangene Woche habe ich ihn einfach reden lassen. Ihm einfach nur zugehört. Ich war zutiefst erschrocken, aber wiederum froh und dankbar, dass er mir überhaupt davon erzählte. Dass er mir versicherte, dass es keine Wiederholung geben würde - und der Kontakt zu jener Gruppe seither auch wieder eingeschlafen sei. Wie es halt zuvor ja auch gewesen war. Ich baue darauf, ich vertraue darauf. Das muss ich einfach.

Aber da, wo andere Menschen sich im Sport abrackern, auf der Bühne den Schweiß aus dem Körper tanzen oder singen - da stehe ich in meiner Küche, schaue nachdenklich zum Fenster hinaus und backe dem Mann den hundertzweiundzwanzigsten Kuchen. 

Dienstag, 26. April 2022

"Wer heiraten will, muss lieben können"

 
 
Über diesen Artikel bin ich heut gestolpert, während ich nach der Arbeit einfach nur die Beine hochlegen und mich der Musik hingeben wollte. Draußen ist es schon längst dunkel geworden, vom eigentlich trüben Tag haben die kleinen Lampions draußen dennoch genügend Licht mitgenommen, das sie nun aufflammen ließ.. Ich liebe diese Stimmung so sehr.. Dieses Verträumte, die Stille, diese furchtlosen Momente, solange man an nichts denken muss..

Der Mann ist noch unterwegs, irgendeine Party, zu der er eigentlich gar nicht gehen wollte - und meistens sind genau die die besten. So will es das Gesetz. Insofern breite ich mich hier aus in diesem dunklen Raum, nur schwach beschienen vom Licht des Bildschirms, von den kleinen Lampions draußen vor dem Fenster, löse mich auf in tausende kleine, zart vibrierende Noten, verteile mich im Zimmer, bin überall und nirgends und doch hier.. So wie meine Gedanken.
Bis ich dann jenen Artikel las und in mich hinein fragte, wie ich jetzt und hier und ganz spontan auf diese fünf Fragen antworten würde?

Was erwartest Du vom Leben?
Nichts. Tatsächlich nichts. 
Irgendwann mal, vor vielen Jahren, da hat mich jemand, zu dem ich schon seit ein paar Jahren keinen Kontakt mehr habe, gelehrt, dass der Mensch keine Erwartungen haben dürfte. Weil er selbst dann zwangsläufig enttäuscht werden muss. Und weil sein Gegenüber zwangsläufig nur verlieren konnte.
Was kann ein anderer Mensch für das, was wir uns wünschen, wonach wir uns sehnen?
Vielleicht passt es gar nicht zu dem, was der andere Mensch gerade geben möchte oder kann?
Und warum sollte es die Aufgabe eines anderen Menschen sein, die eigenen Erwartungen zu erfüllen?
Vor noch mehr Jahren, in einem "anderen" Leben, da sagte jemand zu mir: "Ich will derjenige sein, der dich glücklich macht." Zu jener Zeit fand ich den Gedanken schön. Ich liebte das Gefühl für mich, das aus diesen Worten entsprang. Obschon wir vermutlich beide schon zu jener Zeit wussten, dass es so nicht werden würde. Nicht werden konnte. 
Der Schmerz danach blieb sehr lange. Und als mir dann jemand begegnete, der mir sagte, der Mensch dürfe keine Erwartungen haben, da fragte ich wütend, ob das dann eine Art Freifahrtschein sei, dass jeder machen könne, was er wolle, ganz gleich, was es für den anderen bedeutete?
Damals wusste ich nicht, dass ich mit dieser Empfindung vollkommen falsch lag. Aber irgendwann habe ich das verstanden. Begriffen. Mitgenommen. Und für mich umgesetzt. 
Heute mit dem Mann in meinem Leben, da schmunzle ich oft und denke, dass genau diese Erkenntnis mir hilft in meinem Leben. Mehr als ihm. Ich erwarte beispielsweise nicht, dass man mir die Tür aufhält oder in den Mantel hilft. Ich erwarte nicht, dass der Nachbar in seiner Wohnung raucht statt vor seiner Haustür, was dank der räumlichen Gegebenheiten dann unweigerlich durch unsere Wohnung zieht. Ich erwarte nicht, dass sich jemand um mich kümmert oder für mich einkauft, wenn ich krank im Bett liege.
Aber ich freu mich immer sehr, wenn genau das geschieht. Ich freu mich über jede einzelne Geste oder das Lächeln eines fremden Menschen im Vorbeigehen, in der U-Bahn, irgendwo in der Stadt, weil er nichts tun muss, aber es trotzdem tut. Für mich oder einfach so. 
Und ich bin sehr dankbar darüber, dass der Mann und ich ein gemeinsames Leben haben, weil wir es so wollen. Dass wir Mann & Frau werden wollen, nicht müssen. 

Was erwartest Du von der Liebe?
Nichts mehr. 
Ich empfinde es ähnlich wie mit dem Leben: Ich habe keine Erwartungen mehr. 
Bevor der Mann und ich zusammenzogen, da hatte ich mir schon etwas beklommen die Frage gestellt, wie dieses Leben werden würde. Ob das überhaupt passt, wenn er als Frühaufsteher den Tag mit unfassbar viel Leben füllen möchte, während ich Wochenenden geradezu zelebrieren kann in all ihrer Herrlichkeit. Puzzeln, Malen, Musik hören, vielleicht ein bisschen Wäsche bügeln, das Zuhause gemütlich machen. Im Moment backe ich total gern und ich liebe diesen Geruch nach Vanille und Orange, diese warme Behaglichkeit. 
Ich liebe es, dass der Mann sich überraschen lässt und mit mir gemeinsam die Beine ausstrecken kann. Auch allein zum Beispiel wie ein Irrer auf dem Fahrrad durch die Gegend hechtet und es liebt, wieder nach Hause zu kommen. Da, wo ich bin. Meistens jedenfalls :)
Ich liebe den Gedanken, dass er sich an jedem einzelnen Tag darauf freut, zu mir nach Hause zu kommen. Wie er mich dann anschaut. Wie er dann lächelt, wenn ich mich auf die Zehenspitzen stelle und meine Arme um seinen Hals lege. 
Ich liebe es, dass wir Abende lang Musik hören, mitsingen oder auch einander aus unserer Kindheit erzählen. Von Dingen, die uns bewegt haben, die wir geliebt haben. Wie wir waren. 
Ich liebe es, wenn wir nebeneinander liegen, uns etwas vorlesen und unsere Gedanken dazu mitteilen.
Und ich liebe es sehr, wenn wir das Buch, das Handy, den Beitrag dann aus der Hand legen...

Kannst Du mit Realitäten umgehen?
Heute ja.
Ich gebe zu, meine Vorstellung von Leben und Liebe war schon ein bisschen Disney-World, ohne Disney je gekannt zu haben. DDR halt. Da gabs sowas nicht. Trotzdem - und warum auch immer - war mein Blick auf das Leben und die Liebe ein völlig verklärter, verträumter. 
Wenn ich heute so manche DDR-Filme gucke, dann wundere ich mich immer, wie hysterisch die Frauen teils waren. Wie schnell die sich über irgendwas aufgeregt und dann losgeschimpft haben.
Als junges Mädchen ist mir das gar nicht so aufgefallen, heute aber schon. 
Und je mehr mich die Realität einholte, desto klarer wurde der Blick, so dass ich zwar denke, ich hab heut schon noch immer ein Faible für das Romantische. Aber die Dimension hat sich verschoben. Vieles, das ich früher romantisch fand, empfinde ich heut als Kitsch. 
Es darf nicht zu dolle sein, sonst werde ich misstrauisch. Und fühl mich unwohl :)
 
Bist Du bereit zu scheitern?
Ja. Ganz klar: Ja.
Irgendwann in meiner Singlezeit las ich von irgendwem den Satz: "Wer in der Liebe eine Garantie haben will, soll sich einen Kühlschrank kaufen, da gibts zwei Jahre drauf."
Ich für mich lebe den Gedanken, dass ich niemandem gehöre - und auch mir niemand gehört. Kein Mensch ist der Besitz eines anderen. 
Dass man sich auch verlieren kann, wenn man sich liebt. 
Dass man auch aufhören kann, einander zu lieben. 
Heute weiß ich, dass ich daran nicht zerbrechen werde. Dass mein Leben auch dann immer noch lebenswert ist - und liebenswert. Ich weiß auch sehr genau, wie dieses Leben dann aussehen würde.
Heute weiß ich, dass ich auch allein bestehen kann. 
Und nie mehr mit einem Mann zusammenziehen werde. Vielleicht hätte ich dann Katzen. Vielleicht auch einen Hund. Ich hätte Freundinnen und vielleicht auch einen Liebhaber. Viele Bücher und genug Platz für mein Malzeug und meine Musik. 
Es wäre auch ein schönes Leben. 
So wie es mit dem Mann jetzt und hier auch ein schönes Leben ist :)

Liebst Du Dich selbst?
Ja, ich denke schon.
Ich weiß noch, als mein geschiedener Mann und ich meinen Eltern gemeinsam sagten, dass ich mich trennen möchte. Der allererste Satz meines Vaters war: "Wie könnt ihr das nur tun, in der heutigen wirtschaftlichen Lage." Und nach einer Weile kam der zweite Satz: "Komm mir bloß nicht mit 'ich muss mich selbst finden' und so'n Scheiß!"
Das habe ich zu jenem Zeitpunkt weder gesagt noch gedacht. 
Aber heute weiß ich, dass genau diese einsamen Jahre, die ich so oft verflucht habe, das Beste waren, das mir passieren konnte. 
Ich musste lernen, allein zu leben. 
Ich musste lernen, allein zu bestehen.
Allerdings lernte ich auch, niemandem so zu vertrauen, dass es mich abhängig macht. Ich lernte, nicht alles auf eine einzige Karte zu setzen und darauf zu vertrauen, dass schon alles gut würde. 
Heute gibt es in meinem Leben immer ein Netz mit doppeltem Boden.
In meinem heutigen Leben habe ich mir alles so angelegt, dass ich jederzeit und überall neu beginnen könnte. 
Das ist Selbstfürsorge, denke ich, und die gehört auch dazu, sich selbst anzunehmen und zu lieben. 
Nein zu sagen, wenn ich etwas nicht möchte. 
Aber ich gestehe, dieser Punkt ist ein Punkt, an dem ich noch etwas konsequenter arbeiten muss.

Wenn ich meinen eigenen Text so überfliege, noch bevor ich ihn veröffentlicht hab, dann denke ich, dass mir vermutlich doch einiges an Romantik und Leichtigkeit abgegangen ist in den letzten Jahren.
Aber dann lausche ich wieder auf den Klang der Musik, dann löse ich mich wieder auf in all die abertausend kleinen vibrierenden Noten, verliere mich in der Nacht draußen vor meinem Fenster. Erinnere mich an ganz vieles, das ich mag und das ich liebe - und dann wird tief in mir alles wieder.. ganz weich und anschmiegsam. Und sehnsuchtsvoll. Und überhaupt.

Mittwoch, 20. April 2022

Achterbahnen


Als Kind bin ich auf Bäume geklettert, in Kettenkarussells gestiegen, auf Bohlen in einigen Metern Höhe balanciert - und nichts davon hat mir Angst gemacht. Vielleicht, weil in meinem Kopf, in meiner Phantasie zwar alle möglichen Dinge möglich waren, die eher nicht real waren. Aber die Angst kam mit den Jahren. Vielleicht, weil Dinge real wurden, die eigentlich nur in der Phantasie möglich sind. 

"Was wollen wir an unseren freien Tagen machen?" hatte der Mann mich zu Beginn der letzten Woche gefragt. Ideen hatten wir einige. Die Überlegung, für ein paar Tage irgendwohin zu fahren, hatten wir verworfen. Nach den letzten angespannten Wochen würde uns eine Pause von allem guttun. Eine Pause, in der wir durch nichts und niemanden gefordert sein würden. 

Schon kurios, dass man, wenn man weiß, da sind ein paar freie Tage, bis dahin auch irgendwie alles erledigt haben und wissen möchte. Obwohl ja eigentlich egal ist, ob davor oder danach, denn was sind schon vier freie Tage?
Nichtsdestotrotz stattete ich dem Rheumadoc noch fix meinen Besuch ab. Nicht ganz so erfolgreich, aber das hatte ich schon geahnt. Wenn man nachts erwacht, weil man sich aufgedeckt hatte und nun die Decke wieder bis an den Hals ziehen wollte, aber nicht kann, dann weiß man schon, was einen erwartet. Und dass die Spritzen allein nicht reichen. 
Vergangenen Mittwoch dann wollten wir hier in M anmelden, dass der Mann und ich nun Mann & Frau werden wollen. Schon kurios: Du lebst in A, möchtest aber in B heiraten. Dazu musst Du erstmal eine beglaubigte Abschrift aus dem Geburtenregister beistellen. Und wenn Du schon mal verheiratet warst, musst Du eine beglaubigte Abschrift Deiner Eheurkunde mit Trennungsvermerk beistellen. Alternativ könntest Du auch Dein Scheidungsurteil vorlegen. Und wenn Du das alles hast, musst Du in A Deinen Willen zur Ehe anmelden, prüfen lassen und die sagen dann in B bescheid, dass alles rechtens ist und Du das so machen darfst. 
Nur dass hier in M das Scheidungsurteil nicht ausreicht. Die wollen die beglaubigte Abschrift der Eheurkunde mit Trennungsvermerk. 
Dem Mann verging beinah schon wieder alles, während ich behutsam meine Hand auf sein Knie legte und in meinem Kopf ein leises Ommmmm erklang.
"Was meinen Sie, ist dann anders?" fragte er latent genervt. "Hier ist mein Ausweis, ein amtlich beglaubigtes Dokument. Und hier ist mein Scheidungsurteil mit original Unterschrift und Stempel."
Ja. Aber ne. In M (also A :D) reicht das nicht. In B schon, wie die Standesbeamtin vermeldete. Aber da wohnen wir ja eben nicht. 
"Wenn das hier alles nichts wird", sagte der Mann später zu mir, "dann lassen wir das alles sein, fahren nach Dänemark und heiraten dort. Da brauchen wir nur unsere Ausweise und sonst nichts. Und dank EU ist die Ehe dann auch hier rechtskräftig. Und dann können die mich alle mal am Arsch lecken."
Ich bin da friedfertiger: Wir können es sowieso nicht ändern, wir sind abhängig von den Beamten, ob einem das nun gefällt oder nicht. Und als Alternative hätten wir ja dann eben noch Dänemark. Da wollte ich sowieso mal hin :)

Also nahm ich - wieder draußen vor der Tür - vergnügt seine Hand, bis ich die Nachricht las. 
Die Nachricht von meinem Jungen, dass er in die Klinik muss, weil sein Gesicht linksseitig gelähmt ist. Und sein linkes Auge nicht mehr schließt. 
Wie fühlt man sich, wenn man gerade noch ein Hoch erlebt, von wegen Wir werden wirklich Mann & Frau und Ich muss in die Klinik, Verdacht auf Schlaganfall?
Von einem Jungen mit 26 Jahren? Sportlich, fit, gesund?
Zwar blieb ich ruhig am Telefon und auch für den Rest des Tages - aber ich konnte nicht aufhören zu zittern. Bis zwanzig Uhr arbeitete ich alles ab, das noch auf meiner Liste stand. Was auch zum Streit mit dem Mann führte, weil er es nicht verstehen konnte: "Dein Kind liegt in der Klinik und du hast nichts Besseres zu tun als zu arbeiten!"
Womit er grundlegend recht hat, aber: Für den Moment lenkte die Arbeit mich ab, sie musste ohnehin erledigt werden - dafür hatte ich mir den Tag drauf freigenommen und wir waren am Nachmittag pünktlich in der Klinik. Die Besuchszeiten gaben ja ohnehin auch nichts anderes her: 1 Besucher pro Tag - ab 15.00 Uhr für maximal 30 Minuten. Ob wir also noch Mittwochabend gefahren wären oder eben Donnerstag früh - es hätte mir nichts geholfen, denn eher hätte ich nicht zu ihm gedurft. 
Sie haben ihn komplett durchgecheckt, inklusive Nervenwasseruntersuchung. Alles in Ordnung, es fehlt nur noch die Detailauswertung vom MRT. Zumindest am Hirnstamm ist alles in Ordnung, keine Entzündung, keine Raumforderung zu sehen. Medikamentenmäßig wird er in Richtung Schlaganfall behandelt, also mit Blutverdünner und Cortison. Aber inzwischen ist er wieder zu Hause, das ist erstmal das Wichtigste. 
Am Abend haben wir zusammen gesessen, meine beiden Jungen, die Freundin vom Jüngeren und ich. 
Wenn er spricht, geht es eigentlich. Es klingt ein bisschen nuschelig, auch weil die Zunge linksseitig nicht richtig funktioniert. Aber wenn er lacht, muss ich wegschauen, weil sich dann Herz & Magen in mir komplett verkrampfen. Für mich als Mama ist es emotional schwierig, ihn so zu sehen. 
Es ist beim Essen passiert, erzählt er. Erst krampfte es im Hals, dass er nicht mehr schlucken konnte. Dann hing der Mundwinkel und dann ließ sich das Auge nicht mehr schließen. Wo sie gerade noch gelacht hatten von wegen Quasimodo, wussten sie dann: "Okay, jetzt ist es nicht mehr lustig."
Wie geht er selbst damit um... Seit er ein Baby war, ist er ein Mensch, der absolut tiefenentspannt ist und in sich ruht. Als Baby, als Kind und jetzt als Erwachsener. Von mir hat er das in der Ausprägung nicht, von seinem Vater erst recht nicht - aber ich liebe ihn auch dafür und ich habe das Gefühl, dass ihm das aktuell auch hilft, mit der Situation umzugehen. 
Natürlich frag ich mich, wie konnte es passieren?
Jeder einzelne behandelnde Arzt hat ihn nach der Covid-Impfung gefragt und sich Notizen gemacht. 
"Das war dann schon irgendwie auffällig", sagt der Junge. 
"Offiziell darfs ja nicht gesagt werden", hat ihm die Klinik-Logopädin gesagt, "aber wir beobachten das schon vermehrt derzeit."
Natürlich bin ich bestürzt über die Situation, aber das vor allem, weil ich mir Sorgen um meinen Jungen mache. Zugleich bin ich dankbar, dass er wieder daheim ist und dass es ihn nicht noch schwerer getroffen hat. Und ich hoffe und vertraue auf die Kraft seiner Jugend. Darauf, dass er eben so jung und durchtrainiert ist. Er übt jetzt jeden Tag und nachts muss er eine Art Uhrenglas über dem Auge tragen, damit das Auge, das nicht schließt, nicht austrocknet. 
Und was mich schon auch betroffen macht, ist dieses (allgemein bekannte) "Offiziell darfs ja nicht gesagt werden". Ich für mich denke, dass alle Ergebnisse gesammelt und auch betrachtet bzw. ausgewertet werden sollten, und zwar seriös. "Kein zeitlicher/kausaler Zusammenhang" klingt für mich beispielsweise nicht nachvollziehbar, wenn man das selbst bei Reaktionen sagt, die innerhalb von 2 bis 7 Tagen eintreten. Mich erschüttert, dass Patienten so wenig ernst genommen werden, so wie Ken Schneider zum Beispiel. Mich erschüttert die Untererfassung, die ganz offensichtlich ist, aber nur sehr wenig bis gar nicht offen kommuniziert wird. Und wenn man beginnt, nachzulesen, dann findet man immer mehr Betroffene, die von Nebenwirkungen berichten, die einander unfassbar ähneln. Zu dem Zeitpunkt, als ich auf diese Sendung und Seite kam, gab es 964 Kommentare. Ich habe sie alle gelesen, wirklich jeden einzelnen. Bis morgens 4.30 Uhr. Und was mich nachhaltig erschüttert(e), war zum einen, wie sehr sich alle Geschichten ähneln, und zum anderen die Umgangsweise mit diesen Patienten. Das Abwiegeln. Das Schieben in die Psychoschublade. Das Abblocken, sobald man die Frage nach der Impfung stellte. 
Wie oft habe ich das selbst erlebt in den 17 Jahren. Ich habe immer noch Furcht vor dieser Impfung, nicht mehr als vor der Zeit, bevor das auch meinem Jungen passierte. Aber auch nicht weniger - und am meisten Furcht habe ich davor, mit dem, was auch immer dann käme, wieder allein gelassen zu werden. 
Da halte ich es mit Ken Schneider, der da sagte: "Ich halte den ehrlichen Umgang nicht nur moralisch für angebracht. Es ist auch klug, so zu kommunizieren. Die offensichtliche Vertuschung, wie sie hierzulande passiert, soll wohl Impfskeptiker von der Entscheidung gegen die Spritze abhalten. Unterm Strich dürfte die Skepsis so aber nur größer werden." 
Auf mich persönlich passt dieser Satz in jedem Fall. 

Samstag, 12. März 2022

...somebody told me to believe in better times

Am 24. Februar hat sich mein ehemaliger Chef von dieser Welt verabschiedet. Es heißt, er habe zuletzt sehr isoliert gelebt, selbst den Besuch der eigenen Schwester habe der Sohn nicht zugelassen. Über die Gründe könnte man allenfalls nur spekulieren, eine Beurteilung maße ich mir auch nicht an. Gleichwohl ist es wohl eine Art und Weise, wie man sich sicherlich nicht für immer verabschieden möchte. Irgendwie beklemmend auch der Gedanke, dass jemand anderes für Dich und über Dich entscheidet und Du nichts dagegen tun kannst. 

Der 24. Februar war auch der Tag, an dem Putin beschlossen hatte, in die Ukraine einzumarschieren und das Land zu bombardieren. In meinem Kopf hatte ich immer noch die ukrainische Studentin, die wenige Tage zuvor noch gesagt hatte, dass sie sich einen Krieg in der heutigen Zeit gar nicht würde vorstellen können. Dass sie einfach nicht glaube, dass es zu einem Krieg kommen könnte. In einem Europa, in dem wir uns so modern und aufgeschlossen und aufgeklärt fühlen. Und mit einem Mal war sie da, die Furcht, dass auch uns ein Krieg passieren könnte. Dass es nicht gelingen würde, die Krise auf diplomatischem Wege zu beenden. Wir fahren über die Straßen und laufen über die Wege, über uns ein strahlenblauer Himmel, alles mutet so friedvoll an - und dann denkt man an all jene Menschen nur etwa zwei Flugstunden von uns entfernt, die denselben Himmel sehen, dieselbe Sonne, dieselben Sterne - und für die das Leben von heute auf morgen nicht mehr das Leben ist, das sie kannten. Ich musste darüber nachdenken, wie sicher ich mich all die Jahre gefühlt hatte - aber was ist schon Sicherheit...

Wie müssen sich die russischen Frauen und Mütter fühlen, die ihre Männer, ihre Söhne für diesen Krieg hergeben müssen, ob sie es befürworten oder auch nicht? Wie müssen sich die ukrainischen Frauen und Mütter fühlen, die ihre Männer, ihre Söhne zurücklassen müssen, weil denen eine Flucht nicht erlaubt ist? Wie würde ich mich fühlen, wenn ich meine Söhne, meinen Mann, meine Brüder hergeben soll für einen Krieg, den ich niemals wollte? Den Menschen beschließen, denen es nur um Macht, Geld und die Ressourcen eines anderen Landes geht, die aber selbst niemals in den Krieg ziehen? Die sich hinter ihren sicheren Mauern zurücklehnen, Entscheidungen treffen, die ihr eigenes Leben nicht beeinflussen und nicht verändern? Die niemanden hergeben müssen, allenfalls aber die Liebsten lieber im sicheren Ausland "parken"?

Ich hab nie zuvor eine solche Angst vor Krieg bekommen wie in diesen Tagen. Ich hab nie zuvor eine solche Beklemmung und Sorge um meine Liebsten empfunden. Als einzig positiv empfand ich die Solidarität, mit der sich "die Welt" für die Ukraine zusammenschloss. Dass selbst Länder wie Schweden sich offen bekannten und die Ukraine militärisch unterstützen. Ich hoffte auf das passende diplomatische Auftreten, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass ein Mensch wie Putin sich von Sanktionen und sich weiter verschärfendem Druck von außen zur Aufgabe bringen ließe. Im Gegenteil, Menschen wie ihn an die Wand zu drängen, empfinde ich als ausgesprochen gefährlich. In solchen Momenten fragte ich mich, ob eine Kanzlerin wie die Frau Merkel nicht doch die bessere Wahl gewesen wäre; zugleich überlegte ich auch, meine Einschätzung über Scholz dahingehend zu revidieren, als dass er vermutlich ähnlich diplomatisch und vorsichtig auftritt wie sie. Während mich mehr und mehr das Gefühl überkam, dass die Grünen gar nicht so pazifistisch denken und handeln, wie sie das eigentlich selber immer verkaufen. Von wegen "Sicherheit, Frieden und Abrüstung"...

Ich muss gestehen, ich habe viel zu wenig Ahnung von dieser ganzen Thematik und mir ist auch bewusst, dass ich viel zu wenig über die ganzen historischen Vorgänge weiß, die heute in den Ukraine-Krieg gipfelten. Über (gebrochene) NATO-Versprechen, (gebrochene) Vereinbarungen und rote Linien, die man versprach, nicht zu überschreiten und es  nach und nach dann doch tat. Dennoch begann ich mich irgendwann zu fragen, wem und was man eigentlich glauben soll. Das begann mit dem Live-Ticker des ÖR, der unter jeder einzelnen Meldung darauf verwies, dass es sich um nicht verifizierbare Meldungen handele. Warum schreibt Ihr die Scheiße dann auf, wenn Ihr gar nicht wisst, ob das alles überhaupt so stimmt?? Das begann mit den Aussagen, dass "die aus dem Osten sowieso Putin-Freunde sind, begründet aus der Historie in der DDR-Ära". Und Aussagen, dass es ja Nazis seien, die aktuell hinter Putin stünden. Das begann mit den Aussagen, dass die Ukraine zu den Ländern mit der höchsten Korruption in Europa gehört. (Kann man auch nachlesen unter https://www.laenderdaten.info/korruption.php) Das begann mit den Aussagen Selenskyis, dass die NATO-Länder mit schuld seien am Tod ihrer Frauen, Männer und Kinder, weil sie die Flugverbotszone ablehnte. Mit seinen Aussagen, dass sie dort auch für uns sterben würden. Dass sie die Bewohner Kiews nicht gehen lassen wollten, weil sie befürchteten, dass die Russen Kiew dann gnadenlos bombardieren und zerstören würden. (Und wenn man diesen Gedanken zu Ende denkt... sind dann die Zivilisten dort für Selenskyi das lebende Schutzschild?) Darf, sollte ein Staatschef so polemisch denken und reden? Was passiert mit den Millionen Unterstützungsgeldern, die nicht nur aus Deutschland fließen? Kommen sie wirklich da an, wofür sie gedacht sind - oder versickert das ganze in irgendwelchen Kanälen, von denen wir hier gar keine Ahnung haben, aber mit Geld erstmal unser Gewissen beruhigen?

Heute Abend, ein Abend, an dem ich eigentlich bei der Mama am Küchentisch sitzen wollte, sie hatte an mich drücken wollen, da saß ich stattdessen mit dem Mann und einem gemeinsamen Freund in einem unserer Lieblingslokale beim Kaffee - und ich fragte, wann das alles begonnen hätte. Meinem Empfinden nach kommt der Deutsche aus seinem Eskalier- und Katastrophenmodus nicht mehr heraus. Und in diesem Modus gibt es nur noch Schwarz und Weiß, nur noch Pro oder Contra - und Contra ist immer ablehnens- und verachtenswert und vor allem braun. Immer öfter hatte ich gelesen oder gehört: "Natürlich darfst du deine eigene Meinung haben, aber du musst auch die Reaktion vertragen." Was aber, wenn die Reaktion nicht in einem - von mir aus auch leidenschaftlich geführten - Diskurs endet, sondern in die Einstufung von Gruppen, Bewegungen, in die man gar nicht gehört und damit auch in die berufliche Existenz eingreift? So wie zum Beispiel beim Amtsarzt des Gesundheitsamtes Aichach-Friedberg - und noch anderen? Warum ist man ein Querdenker, wenn man Wege zu hinterfragen oder auch zu kritisieren begann, die sich als nicht wirksam und zielführend erwiesen und die trotzdem fortgeführt wurden? Warum ist man ein Putin-Freund oder gleich auch ein Nazi, wenn man ab irgendeinem Punkt begann zu hinterfragen, warum es so weit kommen konnte? Wie es zu diesem irrsinnigen Krieg führen konnte? Wieso Obama einen Friedensnobelpreis bekommen hatte bzw. behalten durfte, obwohl unter seiner Präsidentschaft bisher am längsten Krieg in verschiedenen Ländern geführt wurde? Weil er einfach Pech mit seinem politischen Erbe hatte? Ist das tatsächlich so.. einfach? Wieso es zuvor keine solche Welle an Friedensbekundungen, Solidarität und zugleich Verurteilung der Kriegführenden gegeben hatte? Warum sind die Amis immer die Guten, obwohl die Amerikaner bisher auf fast jedem Kontinent einen Krieg geführt haben mit dem Ziel, diese Länder zu destabilisieren? Wann ist er wieder aufgelebt, dieser kalte Krieg - und warum? Wars nicht der Altkanzler Schmidt, der einst sagte, es gäbe keinen Frieden in Europa ohne Russland? Wer war das, der Russland zum Feind erklärte, lange vor diesem irrsinnigen Krieg?

Ich sags nochmal: Ich habe von alldem nicht wirklich Ahnung und sollte deshalb auch keine Meinung zu all dem vertreten. Was ich habe, ist letztendlich nur ein Gefühl, von dem ich nicht mal weiß, ob es richtig oder falsch ist. Was ich habe, ist Angst. Ich hab Angst oder eher Sorge um meine Jungen. Und was ich auch habe, sind die Hoffnung und die Zuversicht, dass "sie das irgendwie wieder hinbekommen, diplomatisch und bitte ganz schnell". Weil ich Furcht davor habe, dass es am Ende keinen Sieger geben wird, nur Verlierer.

Noch vor zwei Tagen hatte ich gedacht und gehofft, all dem für ein paar Tage entfliehen zu können. Meine Jungen einzusammeln und mit ihnen an die Küste fahren zu können, nach Hause fahren zu können. Nach all der Zeit, all den Jahren ist es immer noch ein nach Hause kommen für mich. Mein Ruhepol da oben am Fuße des Meeres. Noch immer ist es ein Gefühl für mich wie in einer völlig anderen Welt zu sein. Einer besseren Welt... Daraus ist nun nichts geworden, das hat mir der Papa gestern am Telefon gesagt und dann hat er angefangen zu weinen. Er und die Mama sind vor ungefähr drei Wochen an Corona erkrankt. Während er, der all die Zeit über immer die größte Angst von allen hatte, recht schnell wieder auf den Beinen war, hat es die Mama so richtig umgehauen. So sehr, dass ich anfangs nachts kaum noch schlafen konnte vor Sorge, mich entweder ruhelos hin und her wälzte im Bett - oder auch gleich ganz aufblieb und mir reihenweise irgendwelche Filmchen reinzog, nur um nicht denken zu müssen. Sie ist noch immer nicht gesund und vor allem immer noch positiv. Zwar sind meine Jungen auch geboostert, aber der Papa sagte: "Das sind deine Mutter und ich auch, und jetzt siehst du ja die Scheiße. Ich würde mir das niemals verzeihen, wenn ihr wegen uns krank werdet."

Den Urlaub haben wir jetzt also verschoben. Leicht ist uns allen das nicht gefallen. Gerade auch für meinen Ältesten wäre dieser Urlaub jetzt wichtig gewesen. Wichtig für seine Seele, denn die hängt im Moment so richtig durch, und ich kann kaum oder eher gar nichts dagegen tun. Dieses Jahr ist kaum drei Monate alt - und in all dieser Zeit fühlt sich kaum etwas darin richtig oder unbeschwert oder einfach nur zufrieden an. Eher ist es gefüllt mit Sorge um Menschen, an denen ich so sehr hänge. An Menschen, die ihre Sachen ordnen und regeln, damit sie sich in Ruhe von dieser Welt verabschieden können, wenn sie es müssten. An Menschen, die mir auf meine Worte, dass ich so vieles von ihnen gelernt hätte und noch würde lernen können, antworten, dass wir uns dann aber beeilen müssen, weil ihnen möglicherweise weniger als ein Jahr bleibt. Es ist gefüllt mit den Worten einer Freundin, die mich fragt, ob wir uns noch mal wiedersehen, damit sie mich umarmen kann, bevor es vielleicht überhaupt niemals mehr geht, weil irgendein Irrer auf den falschen Knopf gedrückt hat. Es ist gefüllt mit den Worten meines Jungen, der in einer Lagebesprechung erfährt, dass in der Nacht zuvor ein 17jähriger auf einen 19jährigen in der Straßenbahn einstach und ihn tödlich verletzte. Und wie normal solche Vorfälle geworden sind.. Wann ist das passiert? Wie konnte es so weit kommen, dass das normal geworden ist? Früher hat man sich was aufs Maul gehauen und der Kodex besagte: Wenn jemand am Boden liegt, hört man auf - während heute so lange zugetreten wird, bis der, der am Boden liegt, entweder tot oder für immer geschädigt bleibt? Oder eben gleich ein Messer gezogen wird? Ist das die Welt, in der ich Kinder haben wollte? Ist das die Welt, die ich meinen Kindern geben wollte? Ist das die Welt mit solchen Besserschissern wie diesen Kackvogel Böhmermann (den ich noch nie ausstehen konnte, gebe ich zu), der sich hinstellt und rumtönt, wir sollten uns doch alle nicht so haben, schließlich seien steigende Spritpreise das Letzte, woran die Ukrainer in ihren Kellern denken würden. Das ist zwar grundsätzlich richtig - aber richtig ist auch, dass - trotzdem die Ukrainer in ihren Kellern sitzen und hoffen, dass sie diesen scheiß Krieg überleben - hierzulande erwartet wird, dass jeder weiterhin seiner Arbeit nachgeht. Und er diesen Gang zur Arbeit auch finanzieren können muss, ganz egal, ob er im Minijob oder auf Mindestlohnbasis arbeitet. Und ihn keiner fragt, wie er das macht. Sondern ganz im Gegenteil das Wetterfähnchen Lindner klarstellt: "Der Staat kann all das nicht auffangen, das ist auch nicht seine Aufgabe. Der Staat verdient da auch nichts dran, weil sich die Ausgaben lediglich verschieben: Wenn der Mensch mehr für Benzin ausgeben muss, spart er an anderer Stelle und damit hat der Staat weniger Mehrwertsteuereinnahmen." (Frankreich und Polen übrigens haben ihre Steuerbelastung auf Kraftstoffe gesenkt. Nur mal so.) Was im Grunde nur heißt: Das Staatssäckchen füllst du schon noch, egal auf welche Weise. Ob du selber von deinem Lohn noch was hast oder auch nicht. Wie kannst du auch ans Lebensniveau denken, während andere in Kellern sitzen? (Warum eigentlich hat sich diese Frage so nicht gestellt, als die Wahnsinnigen Krieg beispielsweise in Syrien geführt hatten? Weils weit weg genug war?) Und meiner Meinung nach ist es Russland scheißegal, ob du in deiner Wohnung hockst und aus Solidarität frierst, utopische Summen an den Tankstellen zahlst oder du immer weniger im Einkaufskorb für eine doppelt hohe Rechnung hast und nicht mehr weißt, wie du dein Leben bezahlen sollst. Das durchschnittliche Jahreseinkommen des Deutschen wird mit rund 41.000 Euro beziffert - und mit diesem Einkommen muss man aktuell noch vermutlich weder frieren noch bei jedem Einkauf genau abwägen, was jetzt noch darf oder eher nicht mehr. Dieses Einkommen jedoch geht für wohl die meisten von uns hier in Deutschland gründlich an der Realität vorbei. 

Heute Abend im Lokal, da habe ich sie gesehen, schwangere Frauen, und irgendwie.. hat mir das einfach Mut gemacht. Mut und Hoffnung und Zuversicht. Wenn Menschen in Zeiten wie diesen Kinder bekommen, dann muss es doch auch wirklichen Raum für Hoffnung und Zuversicht geben? Hoffnung auf wieder bessere und vor allem friedliche Zeiten für uns alle? Für all die Menschen egal wo auf dieser Welt, die genauso leben, lieben, hoffen und träumen wie Du und ich? Ich möchte das glauben, ich möchte darauf hoffen und die Zuversicht nähren dürfen..

Freitag, 18. Februar 2022

Die Holzwagen mit eckigen Rädern


Endlich Wochenende.
Hinter mir liegt eine Woche, die sich irgendwie zäh anfühlte. In der irgendwie nichts wirklich rund lief, eher wie ein Holzwagen mit eckigen Rädern. 
Ich schaffe vieles, aber nicht alles das, was ich wollte.
Ich mache vieles, aber nicht alles richtig.
Warum ich da und dort einen Fehler einbaue, weiß ich nicht, aber es nervt mich. Es nervt mich, weil es nicht hätte sein müssen. Nicht dieses "Ich habs nicht besser gewusst", sondern "Zu schnell gemacht, falsch gemacht". Ich bin die einzige, die das gerade ultra nervt, aber das hilft mir jetzt auch nicht.
Soeben habe ich ein Glas Weißwein geleert, ein Prosit auf das Wochenende und darauf, dass die letzten 5 Tage vorbei sind. Neue Woche, neues Glück - vielleicht - und dazwischen liegen zwei freie Tage, von denen der eine schon einem Marathonspaziergang zum Opfer fallen soll. Jedenfalls, wenn es nach dem Mann gehen soll, und ich hab noch keinen Schimmer, ob und wie ich mich da rauslavieren kann.
Ob er meinen Muskelkater gelten lassen wird?
Seit ein paar Tagen habe ich immerhin ein paar neue Übungen in meinem Sportprogramm, und die lassen mich zumindest wissen: "Joar, da lebt noch was unterm alten Knitterkleid!"
Andererseits könntsch mich vielleicht auch mit dem Bügelberg rausreden. Wenn ich um den jetzt ne Lichterkette drumwickel, könnt er immerhin als Tannenbaum durchgehen. 
Andererseits... ist es vielleicht auch gerade gut, mir ein bisschen Wind durch die Haare wuseln zu lassen. Wobei wuseln angesichts der Wettervorhersage ja auch ziemlich optimistisch ist. 
Solange mir nicht grad das Dach vom Haus fliegt oder die Bäume vor den Fenstern einen guten Morgen auf der Terrasse wünschen, liebe ich den Wind. Ich liebe es, nachts beim geöffneten Fenster im Bett zu liegen und zuzuhören, wie es durch die Bäume rauscht, wie es um die Ecken pfeift. Dann denke ich immer, ich bin zu Hause am Meer. Statt des Sandkastens hinterm Haus ist da das Meer (und ja, Sturmfluten blende ich auch aus), die Möwen kreischen und auf der Zunge hab ich schon den salzigen Geschmack des Meeres und zupfe mir die winzig kleinen Algen von der Haut und aus den Haaren. 
Ich war ja grad erst zu Hause und war gefühlt doch wieder zu lange nicht dort. Vielleicht hab ich es auch nur nicht intensiv genug gespürt und nicht genug auf mich wirken lassen. 
Und vielleicht kann ich es beim nächsten Mal besser machen, wenn ich mit meinen beiden Jungen an die Küste fahre. Mir die Mama und den Papa schnappen, die Jungen, am Strand langlaufen, einen Milchkaffee irgendwo kaufen, glücklicherweise kann ich ja dann auch wieder in ein Cafe hineingehen. Muscheln sammeln, vielleicht Hühnergötter finden.
Übrigens haben der Mann und ich in diesem Jahr nach längerer Pause mal wieder einen Urlaub vor der Insel Venedig geplant. Darauf freu ich mich wahnsinnig, denn wir waren dort schon mal - und wovon ich restlos begeistert war, waren die Muscheln. 
"Es gibt keine Muscheln!" hat der Mann gedroht, als ich das Wort auch nur wagte, in den Mund zu nehmen, aber ich hab ihn ausgelacht: "Und ob es die gibt!" Und wenn ich mir ein kleines Schraubglas mitnehmen muss. Ein paar reichen ja. Vielleicht. Also bestimmt. Na gut, vielleicht wirds doch ein etwas größeres Glas ;)
"Wo willst du mit dem ganzen Zeug hin? Wir haben so schon keinen Platz!"
Da mag er sicherlich recht haben. Aber in meinem Kopf.. Da träume ich immer noch von einer Wohnung mit einem Zimmer mehr. Ich weiß genau, wie das aussehen soll. Da wird einer dieser Holztische stehen, so ganz einfache, die aber unter der Platte eine oder zwei Schubläden haben. Typische Künstlertische :) Damit ich mein Malzeug ausbreiten kann, ohne alles immer hin und her zu räumen, was ja die Kreativität empfindlich stört. Ist wirklich so! An einer Wand steht ein Regal voll mit unseren Büchern, unseren Schallplatten und Holzfiguren, einem alten Telefon, einer Uralt-Schreibmaschine - und eben den Muscheln... An der anderen Wand stehen Bilder auf einer Bilderleiste, die großen stehen unten an der Erde. Auf dem wunderbaren Dielenboden liegt ein weicher weißer Teppich, grad groß genug, dass ich mich darauf ausstrecken und die Arme ausbreiten kann, wenn ich Musik höre. Und dann steht da noch einer dieser alten Sessel mit der hohen Lehne und den wunderbaren, schlicht gedrechselten Holzfüßen, in dem ich sitzen und lesen oder einfach nur zum Fenster hinausschauen kann... Ja und das wars, mehr gibts da nicht in diesem Zimmer.. 

So ein Zimmer würde mir völlig genügen, um Tage wie diese von mir wieder abfallen lassen zu können. Um wieder zurückzufinden in meine Mitte. In meine Leichtigkeit. Weg von der Müdigkeit derzeit, die an meinen Armen und Beinen zerrt, trotzdem ich mehr als genug schlafe. Weg von dem Gefühl derzeit, als würde irgendetwas fehlen, ohne dass ich sagen könnte, was. Weg von diesem bleiernden Gefühl, das mich gerade irgendwie lähmt, und ich weiß nicht wieso. 
Aber na ja, solche Tage muss es eben auch geben. Glücklicherweise kommen immer wieder neue und bessere, an denen die Holzwägen wieder auf runden Rädern gleichmäßig rollen.

Drum prüfe, wer sich ewig bindet

Schon seit vielen Jahren vertrete ich allein aus meiner eigenen Erfahrung heraus die Auffassung, dass man einen Menschen erst dann wirklich kennenlernt, wenn man sich von ihm trennt. Was dann viel zu oft zum Vorschein kommt, hat mich schon oft vor die Frage gestellt: Hat man es einfach nicht gesehen oder wollte man das einfach auch nicht sehen?

Als ich mich von meinem Ehemann trennte und auch unmittelbar danach auszog, da habe ich mir eine Liste aufgestellt: Wer verdient was, wieviel Guthaben haben wir, wer braucht was?
Als ich gegangen bin, ging ich nur mit den Klamotten, einem Kleiderschrank & einem Bett aus dem Kinderzimmer. Vom Guthaben nahm ich mir 700 Euro, die restlichen Tausenden Euros sagte ich ihm zu, dass er damit die Familienkutsche bezahlen sollte, die wir noch weit vor der Trennung gekauft hatten und auf die noch eine Restschuldsumme von 6.000 Euro stand. 
Ich ging davon aus: Jeder hat einen Job, jeder hat ein Auto, jeder ein Kind (weil der Große anfangs beim Vater bleiben wollte), ich zahle an den Ex einen Ausgleich, damit jeder dasselbe Netto hatte (dass ich allein aufs Erzählen vertraute und nie einen Lohnzettel sah, verstehe ich allerdings heute auch nicht mehr) - und ich dachte, damit hätte jeder genügend Rüstzeug, um sein Leben nochmal neu und mit dem dann hoffentlich richtigen Partner zu beginnen. 
Was ich allerdings in den Jahren ab der Trennung erlebte, habe ich tatsächlich im Traum nicht gedacht. Wollte ich nicht sehen, wer er war? 
Irgendwann im Lauf dieser Zeit begann ich mich zu fragen: "Habe ich ihn eigentlich überhaupt jemals geliebt?"
Heute weiß ich: Nein. Liebe war das nicht. Ich war fasziniert von seinem selbstsicheren Auftreten (und realisierte erst viele Jahre später, dass es genau gegenteilig war), sicherlich auch angezogen von seinem Äußeren - aber Liebe.. Nein, Liebe war das nicht. Wir haben nach nicht mal einem Jahr geheiratet, weil er der Meinung war: "Wenn du in meine Stadt ziehst, will ich auch, dass du meine Frau bist. Sonst lernst du vielleicht noch einen anderen kennen und rennst dann weg."
Ich war 20, was soll ich sagen... Von nichts eine Ahnung. Vom Leben nicht und von der Liebe gleich gar nicht. 

Man sagt, dass man vergangene Zeiten immer verklärt betrachtet. Dass man ab irgendeinem Tag nur noch die positiven Dinge sieht, jedoch nicht, was einen getrennt hat.
Das kann ich für mich nicht bestätigen: Ich kann mich einfach nicht an positive Dinge erinnern, tatsächlich nicht. Obwohl es sie sicherlich gegeben hat. Und wenn ich heute Fotos von ihm sehe, ist er ein fremder Mensch für mich geworden. Unvorstellbar, mit ihm irgendwann mal zusammen gelebt zu haben. Nicht nachvollziehbar, dass ich das einst selbst so gewollt hatte. 
Wenn Außenstehende ihn sehen, finden sie ihn attraktiv und vermutlich ist er das auch.
Vermutlich kann ich ihn nur nicht objektiv betrachten. Vermutlich sehe ich all die Jahre nach der Trennung in seinem Gesicht, verbinde all diese Erfahrungen mit diesem Gesicht - und sehe demnach nicht, was andere sehen. 

Wie ich darauf komme?
Gestern entdeckte ich bei FB eine Nachricht im persönlichen Bereich. Ich bin ja fast nur noch mit dem Handy online, und leider wird mir dann da nicht angezeigt, dass eine Nachricht eingegangen ist.
Sie war von einer Frau, die ich schon sehr lange kenne, aber unser Kontakt ist in all den Jahren eher lose geblieben. Eine Frau, die sich immer schon, so lange, wie ich sie kenne, ein Kind, eine richtige Familie gewünscht hatte. Irgendwann hatte sie sich diesen Traum dann doch noch erfüllt: Mann, Haus, Kinder. 
Und wie sie mir gestern schrieb, ist der schon vor über einem Jahr ausgezogen, lebt jetzt mit seiner Affäre zusammen, das Haus ist verkauft, doch statt dass er ihr ihren Anteil auszahlt, werden die Finanzen so getürkt und gedreht, dass jetzt für ihn ein Anspruch von ein paar Tausend Euros entsteht, die sie ihm zahlen soll. Nicht er muss ihr beweisen, dass alles getürkt ist - nein, sie muss es IHM nachweisen.. Eine junge Mama mit zwei kleineren Kindern, voll berufstätig wieder - aber er hält die Hand auf, obwohl ER es ist, der zu Hause auf seinem Geldsack hockt.. Und ER eigentlich daran interessiert sein sollte, dass es vor allem seinen Kindern gut geht. Und gehts den Eltern gut, geht es auch den Kindern gut... Ist jedenfalls meine Denkweise.. (Aber vielleicht hatte ich es ja mit dieser Einstellung auch deshalb nie zu etwas gebracht.)

Der Mann und ich werden heiraten in diesem Jahr. 
(Ja, so hab ich auch geguckt ;))

Dass er einen Ehevertrag will, stört mich nicht, war auch nie ein Problem für mich.
"Ich will dich aus Liebe, dein Geld interessiert mich nicht", habe ich gesagt und stehe auch dazu.
Bis mir eines Tages in einem eigentlich belanglosen Gespräch aufging: Der will nicht sich absichern, der will MICH mit diesem Vertrag absichern. Weil es auch in seinem früheren Leben Dinge gibt, die mir eventuell das Leben schwer machen könnten, sollte ihm eines Tages etwas passieren. 
Ich wusste schon immer, dass er für mich der Richtige ist, auch dann, wenn wir gerade kein Paar waren. Dass wir eines Tages sogar Mann & Frau in echt werden würden, dachte ich allerdings nicht.
Doch spätestens nach diesem Gespräch wusste ich einmal mehr: Dieses Mal habe ich es wirklich richtig gemacht.

Donnerstag, 17. Februar 2022

32

 Ja Hase, die Zeit schreitet voran. Wie schon bei Deinem Bruder habe ich auch bei Dir dieses Mal nicht den punktgenauen Geburtstagsgruß setzen können - aber dafür war ich ja an Deinem Tag auch bei Dir :) Überhaupt: Grad warst Du noch der kleine Wissbegierige, der auf und unter die Tische und um die Autos herum kroch, der alles wissen und erkunden wollte, der kaum aufhörte, Fragen zu stellen und sich nicht damit zufrieden gab, wenn er nicht alles beantwortet fand.
Und jetzt bist Du einen Meter vierundneunzig groß, schaust auf mich herunter, meist mit einem schiefen Lächeln, manchmal unsicher, manchmal abwartend, meistens genervt, und alles, das nicht zu Deinen Interessen zählt, muss man Dir mindestens zweimal sagen. Gerne auch mal dreimal ;) 
Und ganz oft kann ich drauf wetten, dass Du beschwörst, nie nicht auch nur ein einziges Wort vom Gesagten gehört zu haben, wenn man Dich dann nochmal an etwas erinnert. 
Für jemanden wie Dich ist es ein Segen, dass wir im digitalen Zeitalter leben: Es gibt kaum etwas Wichtiges, das sich nicht digital und damit ohne großen Aufwand erledigen lässt, gerne auch von mir in Deinem Namen. Sei es die Steuererklärung, seien es einst die Bewerbungen gewesen oder die An- und wieder Abmeldungen beim Amt. Ich weiß, dass ich Dir da zuviel abnehme. Manchmal überrascht Du mich dann aber auch. So wie im vergangenen Jahr, als Dein 1. Jahr Befristung sich dem Ende neigte und ich Dich fragte, ob Du bei Deinem Arbeitgeber nicht mal nachfragen könntest oder so. Und Du winktest ab: "Ach Mutsch, hab ich doch alles schon geklärt, schon vor zwei Monaten." 
Es ist ja nicht so, dass ich Dir das nicht zutraue. Ich weiß, dass Du alles allein machen kannst.
Mich hat nur vor allem überrascht, dass Du ganz von allein dran gedacht und alles geregelt hattest. Denn so verpeilt Du oft bist, so sehr lebst Du ganz oft auch in Deiner eigenen Welt. Und so schnöde Alltagsgeschichten gehören da vermutlich nicht wirklich rein ;) Ach wenn Du wüsstest, wie sehr ich mich in Dir wiederkenne... So wie Du heute bist, haargenau so war ich, bevor Du und Dein Bruder auf die Welt gekommen sind. Genau genommen habe ich erst mit Euch und vor allem mit Dir begonnen, das Leben in die Hand zu nehmen. 
Mich mit Ämtern, Behörden und Ärzten auseinanderzusetzen, mich manchmal auch mit ihnen zu streiten. Nicht alles einfach so hinzunehmen. 
Mit Euch habe ich gelernt, mich im Leben durchzusetzen - und ich kann Dir sagen: Das war ein langer Weg!

Im Moment genieße ich noch immer die Zeit, wenn ich nach L komme, in unsere "alte" Wohnung. 
Ich liebe es, für Euch etwas Schönes zu essen zuzubereiten, die Wäsche zu sortieren, hin und wieder etwas zu backen und vor allem Dir morgens ein Fresspaket mit auf den Weg zu geben, von dem Ihr anfangs immer etwas geschmunzelt habt: "Sollen wir auswandern?"
Überhaupt denke ich in letzter Zeit oft an die früheren Jahre. Wir drei in unserer kleinen Wohnung, in der es manchmal ganz ordentlich zuging, wenn Ihr Euch mit Matchbox’ beworfen oder Euch wenigstens verbal um die Ohren gehauen habt, dass die Heide nur so rauchte. (An dieser Stelle lobe ich mir auch dieses Tagebuch hier, so kann ich immer mal das eine oder andere nachlesen, lachen und mich sagen hören: "Ach ja, stimmt, so war das, hattsch schon ganz vergessen!") 
Wir drei, wie wir morgens in der kleinen Küche an dem Holztisch saßen und über alles mögliche sprachen. So hatte ich mir das immer gewünscht: eine gemütliche Küche, an der alle sitzen, essen, trinken, erzählen...
Ich erinnere mich auch, dass ich manchmal ziemlich unnachgiebig sein konnte. Wie zum Beispiel an dem Tag, als es Lachs mit Nudeln gab und Du sagtest: "Äh ne, das mag ich nicht, das schmeckt mir nicht." Eigentlich ist das tatsächlich nicht weiter wild, denn aus Dir war schon längst ein guter Esser geworden - Sorgen musste ich mir da also nicht machen. Warum ich trotzdem darauf bestand, dass wenigstens probiert und was gegessen wurde, kann ich heute nicht mal sagen. Aber ich bestand darauf - und die Konsequenz ist, dass Du Fisch bis heute zutiefst verabscheust. Schon aus Prinzip vermutlich 😌
Wusstest Du eigentlich, dass Deine Oma mit mir mal genau dasselbe gemacht hat, als ich so um die elf, zwölf Jahre alt war? Damals sollte ich gefüllte Paprikaschoten essen - und ich mochte die gekochte Paprika überhaupt nicht. Oma ließ mich bis zum Nachmittag am Küchentisch sitzen, längst war natürlich alles kalt geworden (Mikrowellen gabs damals noch nicht), natürlich waren alle anderen schon vom Tisch aufgestanden, nur ich musste da sitzen und schob missmutig das Essen mit der Gabel auf dem Teller hin und her. Schob alles immer so zusammen, dass es aussah, als hätte ich was davon gegessen - aber natürlich hatte ich keinen einzigen Bissen davon runterbekommen. Irgendwann gab Oma auf und meinte: "Na los, steh auf."
Ich glaub, so ähnlich hatte ich das mit Dir auch gemacht - aber ich schwöre: Das war wirklich keine Absicht! Mir ist erst viel später mal aufgegangen, wie viel man aus der Kindheit heute doch macht, obwohl man sich einst geschworen hatte: "Wenn ICH mal Kinder hab, wird ALLES anders!"
Ha ha, ja ne! Wirds natürlich nicht :)

Und wenn Du nicht willst, dann willst Du auch nicht - und das ist echt richtig schwer, Dich von etwas anderem zu überzeugen. Ich habe, glaube ich, auch noch niemals erlebt, dass Du entgegen Deiner Überzeugung handelst. Wenn Du an einen Weg oder an eine Sache nicht glaubst, wenn Du diesem nicht vertraust oder gar weißt, dass es falsch wäre, dann machst Du es auch nicht. 
Allerdings ist es auch relativ leicht, Dich zu verunsichern, leider, und dann wirds richtig schwierig.
So wie in der vergangenen Woche, als klar war, dass die Reparatur Deines kleinen Flitzers mehr kosten sollte als er noch wert ist - und wir uns nach Alternativen umgeschaut hatten. Ein denkbar schwieriger Zeitpunkt aktuell, aber manchmal lässt einem die Realität kaum eine oder auch gar keine Wahl.
Und wenn Dir jemand sagt, dass man ein Auto deutscher Marke nicht mit einem Kilometerstand von 90.000 kauft,  auch dann nicht, wenn man den Verkäufer kennt, dann bekommt man Dich auch nicht mit guten Argumenten überzeugt. Allerdings, wenn das Budget nur begrenzt ist, solange man nicht in Ratenzahlung verfallen will, dann kann man zwar Vorstellungen haben, aber die Realität ist einem dann doch um einige Schritte voraus. 
Probefahrten haben wir dennoch gemacht, Du warst vom einen oder anderen auch ganz angetan, aber die Randbedingungen stimmten letztlich nicht. 
Bezeichnend der Moment: Der Verkäufer steigt ins Auto und will es zurück auf den Hof fahren, da fängt es an zu piepen. Ich kenne dieses Geräusch inzwischen und weiß, dass sich hier die Batterie verabschiedet hat. Du jedoch drehst Dich erschrocken um und rufst ihm zu: "Oh! Hab ich da jetzt was kaputtgemacht?" Ich schaue Dich entsetzt mit großen Augen an WAS REDEST DU DENN DA??, doch der Verkäufer winkt schon ab: "Ja ne, das liegt an der Sitzheizung, die zieht immer den Strom weg. Ist nicht Ihre Schuld!"
Und Du lächelst entspannt: "Na Gott sei Dank, ich fürchtete schon!"
"Wieso denkst du immer gleich, dass der Fehler bei dir lag?" frage ich Dich und Du sagst: "Na hätte doch sein können." Und ich sage: "Im Gegenteil, da siehst du mal, was für eine Möhre das ist und wie unvorbereitet der Verkäufer war!" Du jedoch siehst das anders, für Dich ist es Pech, keine Absicht - und ich hole tief Luft, dann sage ich: "Weißt du, was ich wirklich an dir liebe? Dass du immer an das Gute in den Menschen glaubst. Aber manchmal wollen sie einen tatsächlich einfach nur über den Tisch ziehen."

Manchmal betrachte ich Dich, wenn Du auf Deinem Bett liegst und surfst oder auf dem Balkon hockst und eine rauchst. Du vergisst IMMER, die Tür hinter Dir zu schließen. Das sind Dinge, die Dich eher nicht interessieren, auch wenn Du nicht IN der Wohnung rauchen wollen würdest. Der Gestank zieht dann trotzdem jedesmal bis überall hin, also mahne ich jedesmal neu: "Mach! Die! Tür! zu!"
Wie die neue Waschmaschine und auch der neue Trockner (ja, manchmal kommen wirklich ALLE Dinge auf einmal) funktionieren, interessiert Dich bis heute nicht. Machen ja Dein Bruder und ich. 
Dafür bist Du jemand, auf den man sich tausendprozentig verlassen kann. 
Wenn man Dich um Hilfe bittet, sagst Du niemals nein. Du bist ein Mensch, den man nachts anrufen könnte - Du würdest kommen und helfen. Du bist ein Mensch, der niemals seine Hilfe verweigern würde. Du bist ein Mensch, der mit allen mitfühlt, der überhaupt sehr feine Antennen besitzt - auch wenn Du diese zu Hause mittlerweile unter einer sehr stachlichen Hülle verbirgst. Du bist schon oft enttäuscht worden und heute.. glaubst Du an nichts mehr. Aber Du hast begonnen, Dich zu schützen. 
Dich und Dein - wie Dein Bruder auch heute immer noch sagt - goldenes Herz.

Ich betrachte Dich und dann denke ich wirklich jedesmal, wie sehr ich Dir wünsche, dass Du eines Tages endlich ankommst. Dass Du genau die Freundin findest, die Du brauchst, um Dich glücklich zu fühlen. Die vielleicht auch mit Dir auf der Konsole zockt, die mit Dir einkaufen geht und Dich beim Shoppen berät. Die einfach DICH sieht, mit all dem Wunderbaren, das Dich ausmacht. Und die mit Dir genauso glücklich ist wie Du mit ihr ♥️

Ich wünsche Dir das so sehr und ganz von Herzen - und auch, wenn Du selbst diesen Gedanken längst losgelassen hast, ich selbst glaube wirklich daran, dass es Dir eines Tages gelingt. Es kann doch gar nicht sein, dass so ein wunderbarer Mensch wie Du allein bleiben soll.

Ich lieb Dich wirklich sehr,
Deine Mama 



Mittwoch, 2. Februar 2022

...manchmal ist es einfach und manchmal nicht.


Vor einigen Tagen stand ich in meiner Küche und überlegte, was ich für das Abendessen zubereiten wollen würde. Ab und an wandte ich den Blick nach draußen, nur um dabei zuzusehen, wie das Wetter sich nicht zu entscheiden vermochte, ob es lieber regnen oder schneien wollte. 
Kalt war es wieder geworden, eisig kalt, doch hier drinnen hatte ich es warm und behaglich. Mein Wohlfühlort, meine kleine Insel für alle Zeit, wenn es mir draußen zu wild, zu durcheinander, zu fremd geworden war. 
Und die Musik und ich. Eine Symbiose bis in alle Ewigkeit. Ich spüre, wie sich die bevorzugte Songliste verändert. Mal ist sie lebendig, mal eher melancholisch.. Und im Moment fühlt sie sich eher melancholisch an. Sanfte melodische Titel, in denen ich mich wiegen kann, in die ich mich einhüllen kann wie in eine liebevolle Umarmung..

Quelle: Found on Instagram

Ich dachte an die vergangenen Tage und Wochen und wie sehr mir die Worte, die Sprache ausgegangen waren. Wie wortlos ich mich fühlte, wie leer und doch.. wie zugleich auch irgendwie erfüllt von dem Leben und von der Hoffnung und der Zuversicht. Gedanken so durcheinander wie die Schneeflocken vor dem Fenster. 
Und unvermittelt begann ich zu tanzen.. Ganz sanft, nur leicht und zurückhaltend - und dann schloss ich die Augen und drehte mich hin und her auf diesen wenigen Metern Fläche.. Wiegte mich selbst im Takt der Musik, hob die nackten Füße auf die Zehenspitzen und verlor mich in Raum & Zeit...
In der Hand hielt ich ein Glas mit dem letzten Rest eines Rotweins, von dem der Mann mich daran erinnerte, dass wir genau diesen auch in unserer allerersten gemeinsame Nacht miteinander geleert hatten. Grundgütiger, wie lange das her ist. Ein halbes Leben, eine halbe Ewigkeit und doch scheint es mir noch immer, als sei es gar nicht so lange her, als wären wir uns erst im letzten Jahr begegnet..
All das Erlebte, die schönen und auch die traurigen, die einsamen Momente und Erfahrungen, die scheinen so weit weggerückt. Und noch weiter das Leben, das ich führte, bevor wir einander begegneten..
Unlängst schaute ich auf den Kalender, überlegte, wie lang das alles schon her war - und wunderte mich. Weil, ich fühle mich genau genommen kein Jahr älter seit unserer Begegnung. Für mich fühlt auch er sich immer noch so an wie damals, vor vielen Jahren im September. Im Netz hatte ich erzählt von meiner letzten Reise im Sommer an das Meer, von meinen Eindrücken, von  meiner Liebe zum Meer. Er hatte es gelesen und mir geschrieben. Eine dieser ersten E-Mails besitzen wir noch, wir haben sie ausgedruckt, auf Papier gebannt, bevor sie im Nirvana versinken würden..
Ich liebe an ihm, dass wir streiten können, ohne einander zu verletzen. (Okay, auch wenn ich dann und wann anschließend erwog, auszuziehen und fortzugehen, aber das war eher den Themen geschuldet, die unüberbrückbare Differenzen anmuten ließen.)
Ich liebe an ihm, wie er mich anschaut, wenn wir über das Leben philosophieren und er es nicht immer  ausspricht, mich aber für ein bisschen weltfremd hält.
Ich liebe an ihm, dass er mich und meine Empfindungen respektiert, auch wenn sie ihm selbst fremd sein mögen. 
Ich liebe an ihm, dass er immer spürt, wie ich mich fühle, auch wenn ich sogar hunderte Kilometer von ihm entfernt bin. 
Ich liebe sein Lächeln und seine Faxen. (So wie jetzt gerade, als wir etwa zwei Meter voneinander entfernt sitzen und uns einander die dunkelblauen Rotweinzungen herausstrecken, so weit der Muskel reicht ;))
Ich liebe an ihm, dass er noch immer ein Junge ist und doch ein ganzer Mann. 
Ich liebe es, wenn wir gemeinsam in alten Songs herumkramen und mitsingen, so weit die Texterinnerung reicht. 
Ich liebe ihn dafür, dass er - im Gegensatz zu mir - alle meine Bilder mag, die ich male, und dass er an mich glaubt. Viel mehr als ich das tue, denn wenn ich sehe, was andere zu malen vermögen, fühle ich mich viel mehr als klein. 
Ich liebe an ihm, dass ich seinetwegen mit Liebe Essen zubereiten und Kuchen backen mag. 
Ich spüre, wie er mich verändert und wie er sich durch mich verändert. 
Dank ihm besitze ich heute ein Aktienkonto, von dem ich maximal weiß, wie ich Anteile verkaufen und auf mein Konto schieben kann. Allerdings hör ich auch nicht wirklich zu, wenn er mir die Dinge zeigen und erklären will. Ich tue dann sehr interessiert, darin kann ich tatsächlich überzeugend sein, aber wenn ich ehrlich sein soll, ist mir doch wurscht, was DAX & Co. tun, solange der Mann nicht sagt: "Ich denke, du solltest hier und da was verkaufen." Zugegeben, ich verlass mich da ganz auf ihn. Kann ich auch, denn das Referenzkonto ist meins. Abhauen mit meiner Kohle kann er also nicht. Lohnt aber auch nicht *harhar*. Noch nicht! :)

Wenn ich daran denke, wie viel Zeit es gebraucht hat, bis heute hier an diesen Punkt zu kommen, dann denke ich manchmal: "Das hätten wir beide eigentlich auch einfacher haben können."
Aber.. Was ist schon einfach?
Und.. Am Ende habe ich immer noch die Musik und das Meer. Und den Reichtum in meiner Seele.