Montag, 20. Januar 2020

Die Sendung mit der Maus

..na ja oder besser gesagt: Der Fragebogen der Brüllmaus :)
Fragebögen an sich fand ich nicht zwingend interessant, bis mich mal jemand darauf aufmerksam machte, dass man - je nachdem, wie man antwortet - auch auf diesem Weg eine ganze Menge von sich erzählen kann. Ich weiß zwar nicht, ob ich sie mir alle mitnehmen möchte, aber.. Wenn man bei der einen oder anderen spontan Antworten auf der Zunge zu liegen hat, dann kann man sie ja auch rauslassen?

Schläfst Du mit geschlossener oder geöffneter Tür?
Ich gestehe - und das weiß aber auch eigentlich jeder: Ich habe Angst im Dunkeln. Die hatte ich schon immer, vor dem Monster unter dem Bett, das nach nackten Füßen greift oder das seinen zottligen Kopf durch die offene Tür steckt. Offene Türen konnte ich nur ertragen, wenn im Nebenzimmer jemand war. So wie ganz früher die Großmutter, die immer mit einem Latschen in der Tür dafür sorgte, dass die Tür niemals zufiel. Und ich beschützt und beruhigt wurde mit dem schwachen Schein ihrer Nachttischlampe. Natürlich wollte ich das auch zu Hause genießen, bei den Eltern - und rief mitten in der Nacht: "Papa, kannst du den Latschen in die Tür stellen?"
Und er rief zurück: "Ich kann dir mit dem Latschen auf den Arsch hauen!"
Und damit war das Thema durch.
Die Großmutter war eben doch die Beste.

Magst Du es, Post-Its zu benutzen?
Au ja!!! Sie dürfen nur nicht zu groß und nicht zu klein sein. Am liebsten habe ich die in 5 x 5 cm.
Und in verschiedenen Farben ;) So einen Post-It klebe ich manchmal an den Spiegel, bevor ich auf Reisen gehe - oder verstecke sie, damit der Mann sie erst findet, wenn ich schon weg bin. Oder male ein großes rotes Herz drauf und lege es in den Einkaufskorb. Letzteres aber nur ganz selten, denn meistens gehen wir gemeinsam einkaufen. Einer muss die ganze Scheiße ja schließlich tragen und ich bin es nicht.

Hast Du Sommersprossen?
Als Kind hatte ich die, später nicht mehr. Dafür hat meine Mama ganz viele, auf dem ganzen Körper verteilt. Sie ist ja auch eine Natur-Amazone mit echtem roten Haar und blauen Kulleraugen. So hätte ich mich auch geliebt.

Lachst Du immer auf Bildern?
Eigentlich nur auf Schnappschüssen. Wenn ich weiß, dass ich fotografiert werde, verkrampfe ich und dann wird jedes Bild Scheiße. Und mir ist aufgefallen, wenn ich verkrampft lächle, geht immer ein Mundwinkel nach unten. Was schade ist, denn Mundwinkel nach oben sehen immer schöner aus. Aber das klappt nur selten. Wenn der Kopf aus ist.

Was ist die größte Sache, die Du nicht abkannst?
Ungerechtigkeit. Wirklich, da fahre ich aus der Haut und sämtliche Krallen aus. Das kann ich auf den Tod nicht ab. Wenn der vermeintlich Stärkere auf den vermeintlich Schwächeren verbal einprügelt, schlimmstenfalls noch mehrere gegen einen. Und Gewalt gegen andere.
Wie soll ich mich hier für eine Sache entscheiden?? Ich finde das alles so richtig zum aus-der-Haut-fahren.
Eine Freundin hat mir "dabei" mal zugesehen, sich auf ihren Stuhl geworfen, begeistert auf die Schenkel geklatscht und gerufen: "So kenn ich dich gar nicht! Ich kenn dich nur sanft! Aber es steht dir gut!" :)

Zählst Du manchmal die Schritte beim Gehen?
Äh.. Ne. Ich wüsste nicht, wozu. So langweilig ist es mir bislang noch nie gewesen. Ich brauch auch keinen Schrittzähler, der mir abends sagt "Frollein, da GEHT aber noch was!" oder so n Quark.

Tanzt Du manchmal, auch wenn keine Musik läuft?
Ja! JA! JAA! Natürlich! Wer keine Musik liebt, ist eigentlich schon tot. Aber noch eher und noch lieber singe ich. Das bedeutet nicht, dass ich es kann - aber ich liebe es zu singen. Singen ist auch Ausdruck von Lebensfreude, und ich habe die immer noch. Ganz sehr.

Kaust Du auf Deinen Stiften?
Nein. Niemals. Als Kind habe ich mal auf meinem Füllfederhalter rumgekaut und irgendwann hatte ich die Tinte im und am Mund. Seitdem nie wieder. (Brüllmaus, das habe ich wirklich geschrieben, bevor ich Deinen Post dazu las, ich schwörs :))

Wie groß ist Dein Bett?
Es kann nicht groß genug sein. Ich liebe Spielwiesen und auch das Gefühl, Platz zu haben. Raum für mich zu haben. Die Wahl zu haben, ganz nah ineinander verschlungen zu liegen oder doch herrlich ausgebreitet für mich selbst.

Was ist Dein Song der Woche?
"Lullaby" von Emmit Fenn. Hatte ich grad erst gepostet. Ein Zufallsfund, den ich nicht immer hören kann, aber derzeit ziemlich oft. Aber wer mich kennt, weiß auch: Frag mich jede Woche und ich habe jede Woche einen neuen Lieblingssong.

Findest Du es okay, wenn Jungs pink tragen?
Ja. Definitiv. Es muss nur zum Typ passen. Es kann nicht jeder alles tragen.

Schaust Du immer noch Zeichentrickfilme?
JA JA JA! Zuletzt "Coco". Ein sehr berührender Film darüber, dass man wirklich erst dann gestorben ist, wenn man vergessen wurde. Ein Film für fast alle Sinne.. Eine wundervolle Farbgewalt. Erst zweimal mit dem Mann gesehen, dann einmal mit den Jungs. Der Große wollte erst überhaupt nicht ran. Den hab ich fast dazu gebettelt. Dann beim Schauen war er ganz still und ganz gebannt. Danach hat er eine Zigarette geholt und auf dem Weg zur Terrasse hat er gesagt "Ich hoffe nur, dass es das so nicht wirklich gibt."
"Was meinst du? Dass uns unsere Liebsten noch sehen können, wenn sie schon gestorben sind?"
"Ja genau."
"Warum wäre das ein Problem für dich?"
Er mochte nicht antworten.
"Was sollten sie denn anderes sehen als einen jungen Mann, von dem sich ganz viele Menschen ordentlich was abschneiden könnten?"
Er bedachte mich mit einem denkwürdigen Blick und ging wortlos vor die Tür.

Was ist Dein allerliebster Film?
Ich bin da nicht festgelegt. Hey, ich bin ein Zwilling - der braucht viel Inspiration und findet auch immer wieder was Neues, das ihm gefällt :) Das bedeutet zwar nicht, dass ich "vergesse", was mir mal gefiel, aber die Bandbreite ist halt.. zu groß, um sich auf eins festzulegen.

Was trinkst Du zum Abendessen?
Ich würde jetzt am liebsten antworten "Na was wohl!" Immerhin kann ich Käffchen zu jeder Tages- und Nachtzeit trinken, ohne dass das irgendeinen Einfluss auf mein Schlafverhalten hätte. Ich kann trotzdem immer schlafen. Aber es wär halt nicht die Wahrheit. Öfter trinke ich auch mal eine Soja-Kakaomilch. Was ich nie so dazutrinke, ist Wasser. Das ist mir zu plürrig.

Was ist Dein Lieblingsessen?
Siehe Film :) Es fällt mir schwer, mich festzulegen. "Deshalb kriegt man dich auch so schwer zu greifen", wurde mir schon einige Male gesagt. Aber okay, das ist wohl wieder ein anderes Thema ;)

Life is for Living, My Old Friend



Heute Morgen verließ ich das Haus, die Notebooktasche eilig um die Schulter geworfen, die Handtasche noch darüber geschlenkert, der Mantel offen so wie das Haar. So wie früher, wenn Du vor meiner Haustür standst und auf mich gewartet hast. So wie Du auch oft auf mich gewartet hast, wenn ich Dich vor Deiner Haustür eingesammelt hatte. (Bestimmt hast Du mich ganz oft verflucht, grad in den Wintermonaten, weil ich es einfach niemals pünktlich auf die Minute geschafft habe - aber gesagt hast Du mir zumindest nie etwas.)

Kaum hatte ich heute Morgen den kleinen Schwarzen gestartet, erklang schon meine Lieblingsmusik, und kaum hatte ich begonnen, mitzusingen, musste ich mit einem Mal so heftig daran denken, wie das mit Dir war: Unser Musikgeschmack teils sehr ähnlich. Ich habe immer gesungen, immer, jeden Morgen, und Du hast entweder manchmal mitgebrummt oder Dich in den Sitz gefläzt und die Saiten Deiner Luftgitarre schwingen lassen.

In Deiner Arbeit warst Du nie der Gründlichste, Du hast Dinge übersehen, die manchmal richtig Geld und vor allem Nerven gekostet haben. Trotzdem hätte ich Dich niemals hergeben mögen. Dein unfassbar trockener Mutterwitz ist einer der besten, den ich jemals kennenlernen durfte. Mit Dir gab es einfach immer Spaß. Und wenn es Ärger gab, hast Du nie etwas gesagt, Du hast es runtergeschluckt und bist zurück in Dein Büro gegangen. Ob Du Dich zu Hause ausgekotzt hast, weiß ich nicht. Meistens bist Du dann vor die Tür gegangen und hast Dein "Pfeifchen" geraucht.

Irgendwann hast Du beschlossen: Bis zur Rente arbeite ich nicht. Ich will noch was vom Leben haben - und von meinen kleinen Enkelchen. Lieber hast Du finanzielle Abstriche in Kauf genommen - aber Leben... Man lebt nur ein einziges Mal, leider Gottes.
Seither haben Du und ich uns nicht mehr wiedergesehen. Nur ab und an hörte ich, Du arbeitest jetzt auf Baustellen unserer Konkurrenz. Aushilfsweise sollte das sein, aber es wurde wohl länger als gedacht. Unser Chef hat Dir das nie verziehen, ich aber konnte Dich verstehen. Bei uns kann man nicht nur "mal ein bisschen mitmachen". Bei uns ist man hundertprozentig dabei - oder gar nicht. Dazwischen gibt es nichts - und das weiß jeder, der schon mal in unserem Unternehmen beschäftigt war. Und genau das wolltest Du eben nicht.
"Nur mal ein bisschen nebenbei", und vielleicht hatte ja die Rente auch nicht wirklich ausgereicht.

Und jetzt gibt es Dich nicht mehr. Vor vier Tagen hast Du Dich auf Deinen letzten Weg gemacht, so vollkommen überraschend und nach nur so kurzer Zeit nach der Lungenkrebsdiagnose. Ich war völlig geschockt, ich wollte es nicht glauben, und mir sind die Tränen regelrecht in die Augen gesprungen. So wie ganz unvermittelt heute Morgen, als ich zur Musik mitzusingen begann - und mir so urplötzlich bewusst wurde: "Das ist wie früher mit dir, und hey, wo bleibt der Einsatz der Luftgitarre?"

Scheiß doch auf Wimperntusche und Lidstrich.

Spiel auf da oben, mein Freund, lass die Saiten erklingen. Ich kann vor mir sehen, welches Bild das gibt.
Ich vermisse Dich, my old friend, ich vermisse Dich wirklich. Und Deinen einzigartigen Mutterwitz.

Freitag, 17. Januar 2020

Thank God Its Friday



Morgen geht es auf nach L. Ich freu mich arg drauf, auf meine Söhne, sogar auf das Office. Bastel derzeit an einer neuen kleinen, feinen Playlist und werde genießen, dass sich der neben mir auf dem Beifahrersitz angeschnallte Teddy nie darüber beklagt, dass es zu laut ist oder zu oft dieselben Titel wiederholt werden. Oder dass er ab und an mal meinen Kaffeebecher halten muss, aber nie von kosten kann. Nur schnuppern, nicht anfassen - oder so :)

So langsam schüttel ich auch mehr und mehr die Enttäuschung von mir ab, dass es bei Sohn I mit dem anderen Job nicht geklappt hat. Es gibt tatsächlich Schlimmeres, niemandes Leben hängt davon ab. Alles andere werden wir, wie so oft, irgendwie hinbekommen. Damit erde ich mich immer wieder, auch in eigener Sache.
Dafür hat Sohn II seine schriftlichen Prüfungen bestanden, mit 1,6, der Streber ;) Jetzt fehlt noch die alles entscheidende letzte praktische Prüfung im Februar - und dann hat die Welt ein wachsames Auge mehr.

Den restlichen Tag heute werde ich ein bisschen vertrödeln mit Musik, Sachen packen für die Woche in L, noch ein Paket für den Mann von der Post abholen und ein bisschen bügeln.

Übrigens, Marburg nimmt keine Patienten mehr an, die außerhalb des kardiologischen Bereiches liegen. So haben sies dem Doc heute mitgeteilt, ich saß daneben, ich habs gehört.
So bleibt wohl L als tatsächlich bessere und nunmehr einzige Wahl, denn M will der Doc mir nicht zumuten. "Wir brauchen ja nicht noch einen, der Ihnen was einreden will." Seine Worte.
Warum ich da den heutigen Titel ausgewählt hab, weiß ich gar nicht, der passt nämlich gar nicht. Aber ich mag den Song trotzdem ;)
Kommt gut ins Wochenende, genießt die Sonne und hört auf zu jammern von wegen "Der Januar darf das nicht." Wir machen so vieles, das wir eigentlich nicht dürften. Also. :)

Donnerstag, 16. Januar 2020

You don’t have to sing all the words if you don’t want to



Ich hatte immer Spaß am Lesen, am Schreiben. Ich hatte immer Spaß daran, allein mit Worten Welten zu erschaffen, die es tatsächlich gibt oder auch nicht. Ich konnte mich in diesen Welten einrichten, mich darin wohlfühlen - und was ich zunächst mit meinen "Auftritten" in Singleportalen und später dann mit dem eigenen Blog entdeckte: Man kann mit dem Schreiben Menschen begeistern. Man kann sie mitnehmen in diese Welt, die man zurechtbastelt, die man vor den Augen erschafft.
So habe ich vor vielen Jahren den Mann kennengelernt, irgendwann in den Weiten des Netzes las er von meiner Reise ans Meer, und er schrieb mir begeistert in seiner allerersten E-Mail, dass er es hatte vor sich sehen können.

Abgesehen von der einmaligen Pause über einige Monate, die andere Gründe hatte, unterlag ich in den Jahren nur wenig oder gar nicht einer gewissen Schreibmüdigkeit, die sich aber in den letzten ein, zwei Jahren doch etwas deutlicher herauskristallisiert. Nicht mal nur bei mir. Es gibt so einige Blogs, die ich mitunter sehr vermisse (ja Frollein, Deinen ganz zuallererst) und mir persönlich tut es leid, dass jene Schreiber entweder keine Zeit, keine Muße mehr aufbringen können oder wollen - oder schlichtweg den Portalen verfallen sind, wo ich entweder nur Bilder von mir zeige oder mit maximal zweihundert Zeichen Dinge auf den Punkt bringen muss. Wer mich kennt, weiß, dass mir zumindest letzteres deutlich schwer fällt ;) Und ich habe auch keine kleinen Kinder mehr, die einen Kalauer nach dem anderen rauslassen und die Allgemeinheit begeistern. Ich habe nur noch.. mich.
Vor vielen Jahren die Stenografie erlernt, bis heute in Anwendung - aber im Privaten, im Persönlichen.. Da bevorzuge ich Aufsätze. Und keine Stenografie der Kommunikation.
Es sei denn.. Es sei denn, es gibt Momente, in denen es einfach keiner Worte bedarf. Und die gibt es auch bei mir ganz oft.

Aber losgelöst davon: Wie soll man in einem Bild oder mit zweihundert Zeichen eine Enttäuschung ausdrücken, die zwar ab einem Punkt X zu erwarten war, aber man mit der Gewissheit erst wirklich spürt, wie groß die Hoffnung war? Über den Jahreswechsel, da hatte ich nur einen ganz besonderen Wunsch an das Universum: Es sollte meinen Jungen wählen, nicht mich.
Dass es tatsächlich daraufhin schlagartig ganz akut schlechter wurde für mich, empfand ich entsprechend als positives Zeichen. Der Mann betrachtete die auch ganz offensichtliche Entwicklung mit Sorge, ich mit Hoffnung und Zuversicht. Es war jetzt am Montag, als mir klar wurde: Der Junge wird eine Absage bekommen. Es wird nichts mit einem Wechsel, der so zu ihm gepasst hätte, der ihm viel mehr Perspektive geboten und uns beiden Entlastung bedeutet hätte. Ja hätte.
Am Dienstag bekam ich Fieber und das Schmerzlevel hatte ein Stadium erreicht, das mich an meine Worte vor einigen Jahren erinnerte: "Bis jetzt ist es nur links. Wenn es irgendwann auch rechts ist, dann gebe ich auf, dann will ich nicht mehr." Erstmals nach Jahren habe ich morgens bitterlich geweint, kaum dass der Mann das Haus verlassen hatte. Ich glaube, es war eine Kombination aus beidem. Das Gefühl, dass sie eine Absage schicken, der aktuelle Arbeitgeber sich nicht an Absprachen hält (was er tatsächlich auch nicht tat, weiß ich seit gestern) - und dass es mir anhaltend so arg schlecht ging. Das war.. Mutlosigkeit, glaube ich. Ein Stück weit.. Hoffnungslosigkeit..
Dieses Gefühl: "Du kämpfst und kämpfst und kämpfst und am Ende... alles Scheiße, deine Elli."

Aber alles Scheiße ist ja nicht. Mir ist das bewusst, auch wenn ich es dachte, fühlte und aussprach. Und ich gebe zu: Ich brösel noch immer an dieser Absage, wohl weil ich damit erst realisierte, wie groß die Hoffnung war. "Das Jahr ist doch noch nicht zuende", versuchte sich die Freundin in ihrem Trost, und ich weiß ja, dass sie recht hat. Dann wird es eben einen anderen Weg geben. Das muss es. Und das wird es auch. Grundsätzlich glaube ich auch daran, auch wenn für den Moment das Gewicht der enttäuschten Hoffnung ganz schön an den Schultern zieht.

Und im Gegenzug... Erhielt ich gestern mit der Post den zuletzt angeforderten Befundbericht der Rehaklinik, die schon vor zehn (also fünf Jahre nach "Ausbruch") Jahren schrieb "Die Aufnahmediagnosen (psychosomatische Problematik, Anm. Ziggenheimer ;)) wurden verändert, um möglicherweise vorliegender somatischer Entstehungsbedingung der Störung Rechnung zu tragen." Der Großteil mir vorliegender Berichte spricht von Psyche, es gibt nur wenige, die anders denken - aber kopiert habe ich sie alle und brachte sie zum Hausarzt. Es wird kommen, wie es kommt.
Aber der Doktor nahm auch wahr, wie arg schmerzgeplagt ich aktuell bin. Wie mies mein Gangbild aussieht. Und er sagte "Fünfzehn Jahre Schmerzkarriere ohne einen Versuch sind zu lange" - und verschrieb mir mit meiner Zustimmung Cortison. Ab heute. Erstmals nach all der Zeit.
Warum habe ich dieses Juwel nicht schon eher entdeckt? Der nicht nur kostenfrei WLAN und Kaffee bietet, sondern auch nicht angstgeierig auf seinem Budget hockt? Sondern echtes Interesse daran hat, dass es seinen Patienten gut geht?
"Eines sog i Iana: Wenn DES jetzt wiaglich hilft, dann gehn wir mit Ihrem Mann einen heben!"
Denn MUSS man lieben, oder? Ich wüsst auch schon ein lauschiges Plätzchen. :)

Ob der Mann mich dann immer noch liebt, sollte ich nicht mehr ganz in der Form bleiben wie sie jetzt ist, habe ich ihn noch nicht gefragt. Aber eine Kröte muss ich schlucken. Entweder schmerzarm und mit vernünftigem Gang, dafür vielleicht ein paar Kilo schwerer - oder normal gebaut und.. na ja gut. Ich glaub, die Antwort ist klar. Ich bin schon auch in gewissem Maße eitel, aber sooo eitel dann auch wieder nicht. Ich will ja schließlich auch einen Mann und keinen Hänfling. Wie soll das auch aussehen? Wuchtbrumme mit Hänfling? Ja also ne.

Und der Doc hat noch mehr gemacht. Er hat erreicht, dass ich mich an das Zentrum für unerforschte Erkrankungen in L wenden kann. Dass meine Unterlagen dort eingereicht werden können. In Marburg war noch niemand erreichbar, er will es immer noch parallel haben.

So. Und jetzt sagt mir mal, wie ich DAS alles in einem Bild hätte ausdrücken sollen. Oder mit maximal zweihundertfuffzig Zeichen.
Das Tippen schmerzt aktuell ganz schön saumäßig, aber ganz ehrlich? Das ist es mir wert.


I have everything I could want and more While I’m laying next to you right here on the floor So forget it all The fights and the waterfalls And I know your scared But I’ll always be here To catch you when you fall So lets dance in the rain And wash away everything And I know your scared But I’ll always be here To catch you when you fall





Donnerstag, 9. Januar 2020

Kategorie Fundstücke: Der Phobien-Workshop



Ich weiß, man soll niemals über die Schwächen anderer lachen - aber trotzdem: Bei diesem Workshop könnte ich mich scheckig lachen. Der britische Humor ist eben einfach der beste ;) Manche Engländer haben ja vielleicht auch nen Stock im Arsch (sorry), aber immerhin sind die noch nicht so humorbefreit wie inzwischen viele Deutsche.

Als ich heute morgen meine Freundin bat, mal nachzuschauen, wann ich eigentlich bei ihnen zur Osteopathie war (ich schreib ja immer noch an der Chronologie bzw. ergänze ich Puzzleteilchen, wenn mir grad wieder eins vom Himmel fällt ;)), da fügte ich auch hinzu, wofür ich das brauche - und sie fragte prompt: "Und was ist bei denen jetzt anders?"
Nun tja.
Was genau erhoffe ich mir von der ganzen Eierei?

Als meine Schmerzkarriere vor nunmehr 15 Jahren startete, wurde damals eine ganze Reihe an Untersuchungen vorgenommen. Ich meine, ich bin da nicht scharf auf die Wiederholung von so fiesen Sachen wie Nervenwasserpunktion und so'n Schiet. Aber wenigstens wurde da was gemacht, bevor man die Arme hob "Wir wissens nicht, wir sehen nichts und bei Ihrer Biografie wird es wohl psychisch sein." Also stellte ich mich auch der psychischen Behandlung - zweimal stationär, zweimal ambulant. Was hat sich bis heute verändert? Meine physische Verfassung sich nicht, jedenfalls nicht zum Guten. Aber ich mich in jedem Fall. Heute lebe ich genauso wie es mir damals nahegelegt wurde. Und ich hatte das Credo verinnerlicht "Schmerztherapie ist nicht, Schmerzen zu lindern, sondern zu lernen, damit zu leben." Das habe ich. Grad jetzt mit der Chronologie wird deutlich: 2010 war die letzte aktive Untersuchung, danach gab es nur noch die psychologische Betreuung, das Pilates - und das Ordnen meiner persönlichen Lebensumstände. Ich denke auch nicht, dass ich mir selber etwas vormache, wenn ich sage: Mir ist das gut gelungen, ich habe es gut im Griff. Trotzdem registriere ich, was der Neuro im Herbst 2018 gut auf den Punkt brachte: "Wenn man sich den Verlauf so nebeneinander legt, kann man sagen, dass es langsam, aber stetig schlechter wird." Und bei aller Liebe... Und bei aller Altersdebatte: Für so nen Scheiß fühle ich mich dann doch noch zu jung, als dass ich mich mit allem abfinde, alles akzeptiere, alles hinnehme. Kaum wirklich angeschaut werde, aber umso schneller in der Psycho-Schublade liege.

"Das kann dir aber hier jetzt auch passieren."
Hach ja. Ich liebe Dich, meine kleine Chaosnudel. Wirklich. Aber e bissl mehr Mut dürfteste mir schon zusprechen ;)

Und wenns doch alles nix bringt, kann ich ja vielleicht doch mal wieder ne Psycho-Runde drehen. Wird vielleicht ganz witzig so wie der Workshop da oben :) Dann gehts mir zwar körperlich nicht besser, aber ich habe einmal mehr gelacht. Und Lachen ist immerhin gesund.

Mittwoch, 8. Januar 2020

Big Fat Black Crow



Quelle: https://www.goodreads.com/author/quotes/

Ich weiß, dass ich vor so einigen Dingen Angst habe, schon von klein auf an. Aber ich glaube, ein Feigling war ich dennoch niemals. Und so erkläre ich die eingelegte Pause in eigener Sache, die letzten Wochen, wenigen Monate, in denen ich meine ganz persönlichen Baustellen ruhen ließ, nunmehr für beendet. Nicht mal aus einem wirklichen Anlass heraus. Vielleicht ein bisschen deshalb, weil der Mann drängt. Weil er mich sehr bewusst sieht und wahrnimmt und auch sofort registriert, wenn etwas nicht (mehr) stimmt. Überwiegend wohl aber, weil mir diese Pause gut getan hat. Mich nicht mehr zu kümmern um Befunde, Laborberichte, Verdachtsdiagnosen.
Und auch trotz der so positiven Entwicklungen im nun vergangenen Jahr weiß ich, dass ich immer noch weitergehen muss. Auch wenn ich unsicher darin bin, wo lang.
Und so habe ich heute den halben Tag damit verbracht, Akten zu sortieren, in über zehn Jahre alten Befunden zu lesen, mich wieder zu erinnern, wie das alles so war, wie es begonnen hatte, wie es weitergegangen war, wie viel Zuversicht und Hoffnung ich anfangs hatte - und wie ich später irgendwann resignierte ob der Mauern. Heute habe ich chronologisch alles aufgeschrieben, wann war was, wie war was.
Und morgen muss ich das meinem Hausarzt vorlegen und ihn bitten, dass er dies für mich einreicht. Weil ich selbst das nicht darf. Einreicht an ein Klinikum, die sich mit Fällen wie vielleicht meinem befassen. Dem Unbekannten auf der Spur.
Dieser Gedanke an sich ist nicht neu, wir haben schon vor zwei Jahren eine entsprechende Sendung im TV gesehen. Aber ich habe immer nur abgewunken, wenn der Mann mahnte "Schreib du doch auch mal an Marburg."
Nach all den Jahren und dem darin Erlebten wollte ich mir das aber nicht mehr antun.
Doch neue Hoffnung schöpfte ich nunmehr aus der Geschichte eines Mannes, der sich selbst auch dort vorgestellt hatte. Und in dieser Geschichte dieser eine Satz von ihm: "Hoffnungen oder Erwartungen hatte ich keine. Wie soll man die auch haben, wenn fünfundsiebzig Prozent deiner Akten wiedergeben, dass du ein rein psychisches Problem hättest?"
Hatte er aber nicht.
In Marburg hatten sie es ihm schließlich bestätigt.

Mir ist bewusst, dass ich scheitern kann. Dass mein Fall nicht interessant genug ist. Oder dass der Fehler in meinem ganz persönlichen System nicht gefunden werden kann. Das werde ich aber auch nur herausfinden, wenn ich es versuche. Ich weiß nur noch nicht, wohin ich mich wenden soll. Denn es gibt nicht nur Marburg. Solche Zentren gibt es auch hier in M und selbst in L. Aber ist M wirklich eine gute Wahl? Wenn die lesen, wo ich hier schon überall hingeschickt wurde? Eine Krähe und so weiter? Wäre dann L die bessere Wahl - oder doch direkt Marburg?
Mal schauen, was der Doc morgen dazu sagt.

Ich weiß nur, dass ich noch lange nicht aufgegeben habe. Also nicht wirklich.


When the sun goes down
And the band won't play
I'll always remember us this way
Oh yeah
I don't wanna be just a memory, baby..

Montag, 6. Januar 2020

Vor- und Nachteile

Es hat durchaus Vorteile, wenn man sich innerhalb seines Bürozimmers gut versteht und sogar auch angefreundet hat. Eine eingeschworene Gemeinschaft ist, sozusagen. Die drei Musketiere des Königs quasi. Eine für alle, alle für eine.

Auch die Vorzüge des Home Offices genieße ich seit nunmehr fünfeinhalb Jahren - und weiß diese mehr als zu schätzen.

Dass diese Kombination aber auch durchaus Nachteile hat, erfahre ich immer dann, wenn ich entweder erkrankt bin, so richtig arbeitsunfähig erkrankt (was wirklich selten vorkommt) oder Urlaub oder sonstwie frei genommen habe.
Sich arbeitsunfähig schreiben zu lassen, macht im Grunde nur Sinn, wenn mir wirklich schon Kopf und/ oder Hände abgefallen sind. Denn so oft, wie dann trotzdem das Handy klingelt und es heißt "Mach doch mal schnell" oder "Guck mal nach" oder "Errechne mal schnell das Honorar" - da hab ich am Ende eines Tages genauso wie immer gearbeitet, obwohl ich ja eigentlich... ach, geschenkt. Man ist halt zu Hause, da wird man ja wohl mal den Rechner aufklappen können, sooo schlecht gehts einem ja schon nicht.
Also verzichte ich - wenn ich es denn bräuchte - auf gelbe Scheine, weil die mir sowieso nix bringen.
Ähnliches denke ich inzwischen über "Stunden absetzen". Bringt mir nix, solange ich gedenke, zu Hause zu bleiben und dem süßen Nichtstun zu frönen. Weil, süßes Nichtstun ist eben nicht.
Und Urlaub.. Ja, mit dem Urlaub isses genauso. Urlaub genieße ich tatsächlich nur, wenn entweder die ganze Firma Urlaub hat (obwohl.. ne... hat über Weihnachten/ Neujahr ja auch nicht funktioniert, und da wurde der Mann an meiner Seite dann doch etwas stinkig) - oder wenn man schlicht und einfach wegfährt. Aber! Ich kann ja nicht in jedem Urlaub wegfahren müssen, nur um mal Ruhe zu haben? Wer soll das bezahlen? Vielleicht ja doch mal nach einer Gehaltserhöhung fragen, mit der ich dann gedenke, meine Kurzurlaube zu finanzieren? Ich muss mir das mal durch den Kopf gehen lassen. Ein paar Tage habe ich ja jetzt noch Zeit. Sieben, um genau zu sein ;)

(Kollegial, wie ich bin, habe ich D'Artagnan das Ausgabeprotokoll natürlich gleich noch per Mail geschickt ;))

Sonntag, 5. Januar 2020

Eine Frage der Authentizität, sprach das Chamäleon



Heute habe ich endlich meine Freundin angerufen und ihr zum Geburtstag gratuliert. Einen Tag zu spät, wie es mir fast immer passiert - und ich bin da echt nicht stolz drauf. Gleichwohl nahm sie es - wie auch mich - wie immer mit gelassenem Humor und meinte, heute sei eh besser als gestern; gestern hätten wir eh kaum ein Zeitfenster erhascht. Schon gar nicht so eines, das uns ein so ausgedehntes Gespräch ermöglichte. Für mich ist es in der Tat etwas Besonderes, denn Telefonieren liegt mir so gar nicht. Ich bin die, die Schreiben oder maximal Sprachnachrichten bevorzugt.
Doch ich sagte mir: Wenn du schon ihren Geburtstag versemmelt hast, dann nimm wenigstens jetzt das Telefon in die Hand und sprich mit ihr.

Ein sehr entspanntes, thematisch unfassbar weit gefächertes Telefonat. Ein weit gespanntes Gespräch, wie das im allgemeinen immer so bei uns ist. "Auf einen Kaffee", darin waren wir uns einig, schaffen wir es nie. Das Beisammensein, die Gespräche, leicht und fröhlich, nachdenklich und tiefgehend, bunt gefächert, dehnen sich immer endlos. Sie ist eine der Freundinnen, die ich nur selten sehe, nur wenig lese und noch weniger höre - die aber gefühlt immer da sind. Immer bei mir sind, mit mir. Sie ist eine derjenigen wenigen, von denen ich mich "begleitet" fühle. Die ich zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen könnte - sie wäre immer da. Eine wunderbare, für mich sehr wertvolle Freundschaft.

Wir erzählten einander von Filmen, die wir zuletzt geschaut hatten, und wir beide hatten diesen Film gesehen. Ich muss gestehen, ich bin kein Fan von Lady Gaga, nie gewesen, auch ihre Musik mochte ich nicht. Die mag ich auch jetzt noch nicht. Jedoch hat dieser Film mit dem eher kitschigen Titel mir den Menschen dahinter näher gebracht.
"Zu Beginn des Films hat sie mir am besten gefallen", sagte ich; die Freundin stimmte mir zu.
"Irgendwie dachte ich ja immer, dass die Kunstfigur Gaga ihr eigentliches Ich verstecken soll. Dass sie damit versucht hat, sich vom Mainstream abzutrennen. Und was mir wirklich gut gefallen hat, was ich erst nach dem Film über sie las: Dass sie dem Film nur zugestimmt hat unter der Bedingung, dass die Musikszenen live und vor echtem Publikum gespielt werden. Aber sonst muss ich sagen... Habe ich ihr die Rolle in so manchen Szenen nicht so abgenommen.. Wie zum Beispiel, als er sie das erste Mal auf die Bühne 'zwang'. Die Überwindung dessen habe ich ihr nicht so ganz abgenommen. Ich finde, man hat ihr eher angemerkt, dass sie dieses Geschäft zu gut kennt und schon zuviel Routine darin hat."
"Tja nun", sagte die Freundin, "man wird sich wohl entscheiden müssen, was man will: entweder eine sehr gute Sängerin oder einen sehr guten Schauspieler. Beides zusammen bekommt man eher selten."
Auch eingedenk anderer Themen musste ich lachen: "Ich weiß, ich hab da irgendwie einen Flitz, was die Authentizität betrifft. Warum das so ist, weiß ich gar nicht."

Darüber habe ich auch nach unserem Telefonat noch nachgedacht. Wäre es nicht eher langweilig, wenn wir alles voneinander wüssten? Wenn im anderen zu lesen wäre wie in einem offenen Buch? Und ist es das, was Authentizität für mich ausmacht? Dass alles offen liegt?
Nein, ich denke nicht. Ich will gar nicht alles vom anderen wissen. Ich will entdecken können, immer wieder neu. Ohne mich selbst jedoch auch völlig bloßzulegen. Es gibt niemanden, der alles von mir weiß. Und ich frage mich: War denn ich selbst auch immer ehrlich dem anderen gegenüber?
"Du bist der geradlinigste Mensch, den ich kenne", hat vor vielen Jahren mal jemand zu mir gesagt - und ich empfand das als ziemlich bemerkenswert, weil gerade derjenige gewusst haben sollte, dass ich eben nicht immer geradlinig agierte. Schon gar nicht in unserer damaligen Situation.
Heute denke ich, dass genau hierin aber der Ursprung liegt: Das Leben im Verborgenen, im Versteckten, das Leben auf einer Lüge hat mir eine ganze Menge abverlangt. Die Unruhe im Kopf, die Unruhe in der Seele, die Befangenheit eines zweifelhaften Glücksgefühls, die Ungewissheit der Zukunft.. Das bin nicht ich. Das kann ich nicht. Das will ich nicht. Die Frage nach der Entscheidung muss gestellt und sie muss beantwortet werden. Nur für mich ganz allein. So wie ich sie damals auch für mich ganz allein traf und nicht für einen anderen Mann. Er konnte mich weiter begleiten oder sich zurückziehen - und er entschloss sich natürlich für den Rückzug. Ich kenne nur sehr wenige Menschen und sehr wenige Geschichten, wo Verantwortung übernommen worden war.
Jedoch damals schwor ich mir: Ich möchte niemals wieder so leben. Ich möchte niemals wieder meinem Spiegelbild begegnen und mich fragen, wer ich eigentlich bin.

So wie in den folgenden Jahren, in denen ich monatelang auf Singleseiten auf Entdeckungsreisen ging - oder mich auch wochenlang davon zurückzog. Nicht wusste, was ich glauben sollte, nicht wusste, was ich denken sollte, welches Ziel ich hatte, was ich denn eigentlich überhaupt wollte - und wie ich mich geben wollte. Wollte ich charmant sein, mit Esprit, witzig, lustig - oder wollte ich eher nachdenklich sein, im virtuellen Steinbruch nach Gold schürfen?
"Du wirkst auf mich wie jemand, der sich seine zweite Haut so zu eigen gemacht hat, dass er heute selber nicht mehr weiß, ist es meine eigene oder doch die andere? Und ist es nur eine zweite Haut oder sind da noch mehr?" schrieb mir vor vielen Jahren jemand.
Die Wahrheit ist jedoch.. Ich bin nicht nur das eine oder andere. Zwillinge-Geborene, Menschen mit zwei Gesichtern, sagt man und meint das nicht positiv. Hingegen ich empfinde es inzwischen durchaus positiv.
"Ich denke immer, ich kenne dich und kann dich berechnen. Und genau dann machst du irgendwas, wo ich denke, ich kenne dich doch nicht", hatte einst der Ex-Mann zu mir gesagt.
Der heutige Mann äußert sich manchmal ähnlich, aber der heutige Mann.. kennt mich inzwischen tatsächlich gut.
Ich möchte mein Wort geben und dazu stehen können.
Ich äußere mich nicht zu allem und auch nicht über alles und jeden - jedoch das, was ich sage, meine ich auch genau so. Und ich möchte nicht, dass man sich bei meinen Ausführungen fragen muss, ob sie denn überhaupt wahr seien.

Im Gegenzug möchte auch ich vertrauen dürfen. Ich möchte glauben können, was man mir sagt und erzählt. Und ich weiß, wie sehr schwer mir das fällt. Es ist kein so gutes Gefühl, sich selbst einzugestehen, dass man niemandem glaubt und auch niemandem traut. Aber es ist meine Tatsache.
Die Unbefangenheit von einst, die habe ich nicht mehr. Wenn ich heute meinen Ältesten betrachte, dann ist es wie ein Spiegel, in den ich schaue. Er glaubt und vertraut beinah bedingungslos, auch wenn er sehr genau darauf achtet, wem er sich öffnet und wann und wie sehr er das tut. Aus dem kleinen zutraulichen Kerl von einst ist heute ein beinah zwei Meter großer junger Mann geworden, der sich noch immer nicht vorstellen kann, dass man ihm Böses wollte. Auch dafür liebe ich ihn. Für sein Wesen, aber auch für die Erinnerung an mein eigenes Ich.
Er macht mich sanfter, er macht mich nachsichtiger, so wie er mich manchmal auch in den Wahnsinn treibt mit dem ausgeprägten Hang zur Prokrastination aus der inneren Überzeugung heraus: Wird schon alles seinen Weg gehen.

"Vielleicht sollte ich ja einfach auch aufhören, immer alles zu hinterfragen", sagte ich heute zur Freundin, die mir darin zustimmte. "Und vielleicht sollte ich mit dem Anspruch aufhören, jeder Mensch müsse authentisch sein. Wenn man mir etwas vorgaukeln möchte, kann ich es vielleicht erkennen, muss es aber nicht kommentieren."
Vermutlich sind das dann die Momente, von denen der Mann heute manchmal zu mir sagt "Manchmal schaust du mich so an, da fühle ich mich nicht so wohl. Ich fühl mich da wie durchbohrt, wie auf einem Prüfstand."
Für mich selbst kann ich ja immer noch entscheiden, ob ich Dinge glaube oder nicht - aber vielleicht lebt es sich für den anderen ja einfacher, wenn er in einer bunt schillernden Seifenblasenwelt lebt, an die er selber glauben möchte.

Nur belogen werden.. Das möchte ich immer noch nicht, und das eine vom anderen zu unterscheiden, wird damit wohl zu meiner ganz persönlichen Aufgabe ;)

Dienstag, 31. Dezember 2019

Goodbye and Hello

Es ist das zweite Mal während meines ganzen bisherigen Bloggerlebens, dass ich einen Post am Handy verfasse. Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen, aber dieser Post wird dann wohl doch kein langer. Ausdauer gehört nicht wirklich zu meinen Eigenschaften.
Wobei... Vielleicht kommts auch einfach nur auf die Thematik an?

Die letzten Tage des Jahres, so hatten wir uns kurz entschlossen, werden wir nicht daheim verbringen. Nicht dort, wo Bars hoffnungslos überfüllt sind oder mir wieder eine Rakete ins Gesicht fliegen kann. (Ich gestehe, die um sich greifenden Verbote, zumindest in Stadtzentren für diese sowieso blöde Böllerei, findet bei mir schon seine leise Anerkennung.)
Nicht dort, wo man krampfhaft versucht, nicht vor Zwölf einzunicken und auch nicht zum Millionsten Mal dem besoffenen Diener zuzuschauen, wie er Runde um Runde übers Tigerfell steigt. Tradition hin oder her - irgendwann ist jeder Klamauk schal wie ne Dose Brause, die zu lange offen stand.
Jedenfalls für mich. 

Das Jahr 2019.. Wenn ich so zurückschaue, empfinde ich all die Belastung darin, um die eigene physische Gesundheit zu kämpfen. Aus jeder Niederlage wieder neu aufstehen und weitermachen zu können. Sich zu fokussieren auf die so positiven Tendenzen, die sich nicht wegstänkern lassen.
Der Kampf um die physische wie psychische Gesundheit des Sohnes - und dieses so unfassbare Glücksgefühl zu sehen, dass das eine oder andere tatsächlich Früchte zu tragen beginnt.. 
Die im Jahr 2019 mehr geführten Auseinandersetzungen mit Freunden, Familie und im Job.. Ein oft zerriebenes Bindeglied zwischen den Fronten.. 
Die Auseinandersetzungen mit mir selbst, geführt in manch schlaflosen Nächten und viel mehr auf den zahllosen Fahrten, stundenlanges Treiben auf dem Highway, in dem es nur mich gab - und die Musik. Je lauter, desto besser. Und die nachhaltig gewonnenen Erkenntnisse.. Die Wege, die sich auftun, während man feststellt, dass man längst losgelaufen ist..

Insgesamt.. für mich persönlich ein anstrengendes Jahr. Ein Jahr voller Arbeit, sowohl als auch - aber auch der Grundstein für immer neue Hoffnung.. Getreu der schon vor langer Zeit in privaten Mails eingebundenen Signatur „Egal, wie dunkel der Raum auch ist - Liebe und Hoffnung sind immer möglich.“
Von wem diese Worte stammen und wo ich sie las - ich weiß es nicht mehr. Aber eingebrannt seit jeher, weil dieser Satz am ehesten mein Lebensprinzip beschreibt.

Und so haben wir beschlossen, in diesen kleinen Ort irgendwo in Oberbayern zu verreisen.. Das Jahr hinter uns zu lassen, es wesentlich entspannter ausklingen zu lassen
als es sich angefühlt hatte. Nur wenige Tage, in denen wir uns um nichts kümmern müssen außer uns selbst.
Endlich das Buch gelesen, das schon lange auf dem Hocker neben meinem Bett lag.
„Der Gesang der Flusskrebse“ - ein sehr berührendes Buch mit einem aufwühlenden Ende..
Nur wenige Tage, die gefüllt werden mit Ruhe im Kopf und in der Seele, mit Liebe und Geduld, mit Schwimmen, Massagen und mit Infrarotsauna, mit Durchstöbern der nahegelegenen Steinbrüche, wo das Jagdfieber wieder glühend erwachte. Hier zum Beispiel könnte ich stundenlang graben, Steine umwenden, immer auf der Suche.. Wo nur leider das größte Fossil von allen schon nach nur wenigen Minuten miese Laune bekam und zum Gehen drängte. Irgendwann muss ich nochmal hierher, vielleicht im Frühjahr und dann vielleicht mit einer Freundin, die dem selben Jagdfieber unterliegt..

Das Jahr 2019 neigt sich nun endgültig dem Ende zu - und ich atme auf. Ich atme frei und tief bis in den letzten Winkel meines Seins hinein. Ich bin sehr dankbar, heute hier so zu stehen. Ich bin sehr dankbar für das, was ich habe.
Kann man bedingungslos lieben?
Ja, das kann man.
Ich habe keine Erwartungen an niemanden - und ich liebe nicht für die Dinge, die jemand tut. Dieses Gefühl, sich erfüllt zu fühlen, das kann Dir niemand vermitteln, indem er Dinge für Dich regelt oder bezahlt. Was mich erfüllt, ist das Gefühl, begleitet zu werden. Dass jemand da ist, der mit mir geht, ohne mir zu sagen, wohin ich gehen soll. Der mich so sein lässt wie ich bin. Der nicht an mir herumzerrt und auch nicht versucht, mich in das Bild zu biegen, das er von mir hat. 
Dass jemand mit mir lacht und weint, mit mir ernst und albern sein kann. Der mich herausfordert und zugleich meine Grenzen respektiert.
Sind das Bedingungen? 
Bedeutet Bedingungslosigkeit denn, keine eigenen Vorstellungen, Wünsche und Träume in sich zu tragen? Ich denke: Nein, das bedeutet es nicht. Nicht der Verstand entscheidet, wen wir lieben. Unser Verstand wird uns lediglich sagen, ob wir gehen oder bleiben (können) - oder wie lange.
Ich habe nicht die Vorstellung, dass es an einem anderen Menschen liegt, mich glücklich zu machen. Ich bin es, die sich selbst genug sein will. Die sich glücklich macht und fühlt. Und wenn ich das mit jemandem teilen kann, ist es das Größte. Dafür muss und soll sich niemand ändern oder meinen Vorstellungen entsprechen. Entweder passt es oder es passt nicht. Das ist keine Bedingung. Das ist unser Leben. Denn nicht mit jedem, den Du liebst, kannst Du auch glücklich sein. Aber jeder, den Du liebst, wird immer bei Dir sein, ganz gleich, wo man ist und mit wem..

Ich weiß gar nicht.. Habe ich jetzt doch mehr geschrieben als ich wollte? Habe ich jetzt doch mehr zu sagen gehabt als ich dachte?
Ich weiß nur, dass ich heute Nacht das neue Jahr begrüßen werde - und genau jetzt und hier sein möchte. Was das neue Jahr bringt, werden wir an allen kommenden 365 Tagen sehen - und ich wünsche Euch wirklich von Herzen, dass es ein gutes Jahr wird. Dass Dinge sich fügen und erfüllen, auf die Ihr schon so lange voller Sehnsucht gewartet habt. 
Habt es schön - und macht es Euch schön ♥️


Sonntag, 22. Dezember 2019

Make Yourself A Merry Little Christmas

Es ist diese Zeit des Jahres, in der die Wünsche wieder vor allem virtuell hin und her geschickt werden - und in der vor allem viele Geschenke gewünscht werden. Ich persönlich.. Ich lege keinen Wert darauf, dass da viel geschenkt wird. Für mich sind es die "kleinen" Dinge im Leben, oder besser gesagt, die kleinen großen Dinge. Die, die von Herzen kommen. Die, die mit Liebe gegeben werden.
So wie diese wunderbare dunkelrote Kaffeetasse mit den kleinen weißen Punkten..
Ich hatte es nur ein einziges Mal beschämt gestehen müssen, dass diese ins Nirvana übergewandert war. Und nun, nach diesem Wiedersehen nach über fünf Jahren, in denen wir uns nicht gesehen, kaum gelesen hatten, da lagen wir einander in den Armen, hielten einander ganz sehr fest - und dann hatte sie noch diese eine Überraschung für mich. Diese neue Tasse, bei der mir derart die Hände zitterten, dass ich fürchtete: Gleich stürzt die auch ab und dann wars das.
Ist sie aber nicht. Sie hat den feuchtfröhlichen Glühweinabend genauso überstanden wie der Freundinnen-Mantel, den ich ihr dieses Mal nicht mit Senf vollkleckerte. Nach fünf Tassen Glühwein wusste ich dann auch nicht mehr, von was mir die Augen blitzten - vom Alkohol, vom Schalk, von der Wiedersehensglückseligkeit - oder der irren Freude über diese kleine Tasse. So dass ich glatt in die falsche Bahn gestiegen wäre, würde sie mich nicht zurückgehalten und auf die Anzeigentafel hingewiesen haben.
"Du musst auf die andere Seite."
"Nein! Das weiß ich ganz genau, ich bin immer von dieser Seite aus gefahren!"
"Aber nach [Hause] kommst du hier nicht, du musst da rüber."
"Wir können ja mal fragen."
Also habe ich eine ältere Dame gefragt, die musste es ja wissen. Und die sagte "Sie müssen auf die andere Seite."
"Versteh ich nicht", glühweinte ich stur wie ein Fischkopp, "ich bin IMMER von der Seite gefahren."
"Nein nein, Sie müssen da rüber."
"Jetzt steig halt einfach ein", sagte die Freundin, eigentlich schob sie mich mehr in die Bahn als dass ich freiwillig dort eingestiegen wäre - aber ich hab es dann tatsächlich noch nach Hause geschafft.

Habe auch die letzten anstrengenden Tage im Büro zuende geführt, alle to do's des Jahres abgehakt und mich am gestrigen Samstag um die letzten noch zu erledigenden Dinge gekümmert. Bis ich am Abend, als die Jugend komplett ausgeflogen war, einfach einschlief, statt dem freien Abend zu frönen.
Dafür gehört der heutige Sonntag fast ausschließlich mir, denn die Jugend verabschiedet sich nachher nochmals, während ich es mir hier daheim gemütlich mache, verpacke die letzten kleinen Überraschungen, bügle die letzte Wäsche.. und freue mich auf die Weihnachtstage. Auch wenn es in diesem Jahr keinen Schnee an Weihnachten gibt. Mir als Autofahrer ist das - ehrlich gesagt - ganz recht so. Was soll ich mit Schneegestöber auf dem Highway? Mich stresst das. Und ich brauch das nicht. Schneien darf es also nur an Tagen, an denen ich nicht mit dem Auto unterwegs sein muss.

Mit diesem Jahr und all den Ereignissen darin habe ich längst meinen Frieden gemacht, finde ich langsam wieder zu meiner Gelassenheit zurück. Manchmal auch - und das war mir ehrlich nicht bewusst - auf Kosten anderer.
"Ist dir bewusst, dass du mir gestern meine Energie rausgesaugt hast?"
"Oh Gott, nein!"
"Doch, hast du. Ich hatte ein Gefühl wie Betonfüße danach, und ich mag dieses Gefühl gar nicht."
"Das tut mir ehrlich leid, wirklich, ich entschuldige mich dafür."
"Es muss dir nicht leid tun. Weil du nicht nur nimmst. Du gibst auch. Die meisten nehmen nur."

Dennoch habe ich mir für das kommende Jahr mehr Achtsamkeit vorgenommen. Nicht als Vorsatz für ein neues Jahr. Nicht einer jener Vorsätze wie Diät und solchen Blödsinn, den man sowieso nicht einhält. Man ist wie man ist - und entweder man gefällt sich so oder man tut was. Am Freitag gab es eine kleine Ausstandsparty eines Kollegen, der uns nunmehr verlässt - und dazu gabs auch Torte. Von der zwei Stücke über blieben, die keiner mehr wollte.
"Gebts der Helma, die isst die in jedem Fall", lästerte der Chef, "bleibt dann halt alles auf ihren Hüften."
"Weißt du", entgegnete ich, während ich mir genüßlich einen Gabelbissen dieser herrlichen Zitronentorte in den Mund schob, "das Gute ist, dass ich DIR auch nicht gefallen will."
Er lachte: "Mir gefällt deine große Klappe, das reicht mir auch schon."

Von meinen beiden Mädels im Büro habe ich mich mit einer kleinen Aufmerksamkeit verabschiedet und ihnen für dieses Jahr gedankt - für das wirklich angenehme und entspannte Miteinander. Dass sich einer immer auf den anderen verlassen kann. Dass es keine Ränke und keine Häme unter uns Dreien gibt. Das Büro habe ich am Freitagabend mit einem guten Gefühl verlassen. Mit dem guten Gefühl, alles gesagt und getan zu haben.

Das Gefühl, alles gesagt und getan zu haben, durchzieht auch das Private. Was daraus wird, wird sich im kommenden Jahr zeigen. Ich fühle mich gefestigt in dem, was ich wünsche, brauche und was ich geben kann. Von mir abgeben kann. Selten habe ich mich so im Reinen mit mir selbst gefühlt wie in dieser Zeit. Und auch, wenn das grad sehr nach Ich-bezogen klingt... Es fängt alles erst mit einem selbst an.

Machts Euch schön, so gut das möglich ist. Genießt, so gut das möglich ist. Das wünsche ich Euch sehr.

Donnerstag, 12. Dezember 2019

Keep Bleeding



Wie ich in den Raum gekommen bin, weiß ich nicht, aber ich fand mich dort wieder: weiß gekachelte Wände, eine Liege, verschiedene Instrumente. Was auf mich zukommt, weiß ich nicht, ich bin nicht einmal sicher, warum ich überhaupt hier bin.
Eigentlich denke ich überhaupt nichts - bis ich stürze und irgendetwas an meinem linken Arm aufreißt. So tief und so heftig, dass mit jedem Herzschlag immer mehr Blut aus meinem Körper pulsiert und ich innerhalb kürzester Zeit barfuß in meinem eigenen Blut stehe. Und ich weiß, wenn ich jetzt nicht gehe und Hilfe hole, dann werde ich hier sterben.
Also gehe ich los, hinterlasse tiefrote Spuren meiner nackten Füße auf dem weißen Fußboden, betrete den langen, schmalen und wahnsinnig hellen Gang, an dessen Ende irgendein Weißkittel um die Ecke kommt.
Ich sehe ihn - und alles, was ich dann erlebe, geschieht wie in Zeitlupe: dass ich zu Boden falle, mein Kopf auf dem Boden aufschlägt und ich weiß, dass es das jetzt war.
Es ist der Mann, der mich vom Boden aufheben will, der mich in seine Arme nimmt, und obschon ich ihn nicht wirklich sehen kann, fühle ich, dass er da ist. Bei mir. Und vor meinen Augen wird alles immer heller, immer lichter, immer leichter, verschwimmen alle Konturen.
"Es wird ja alles ganz hell", lächle ich ihn beruhigend an, und als er zu weinen beginnt, erwache ich.

Ich bin kein Traumdeuter, aber diesen begreife sogar ich.

Blut als Symbol des Lebens. Der Lebensenergie.

Es ist eine Freundin, die mir auf meinen gestrigen Post heute Morgen einige Nachrichten schreibt und Sprachnachrichten schickt und deren Pling mich davor rettet, den Tag zu spät zu beginnen. Die nachfragt, was da gerade los ist, die mir ihre Sorge darüber mitteilt - und die mich in meinem Bauchgefühl nur bestätigt: Ich kann gerade nichts tun, nicht an jener Stelle aktiv werden und keinen Schutz bieten. Man kann das nicht, wenn der andere es nicht (wahrhaben) will. Ihm im Gegenzug die Tür verschließen, das werde ich nicht. Aber ich habe für mich erneut eine Linie gezogen, in den heutigen frühen Morgenstunden. Einmal mehr, denn eine ähnlich hilflose Situation, die in einer Katastrophe endete, durchlebte ich vor Jahren schon ein Mal. Seither bin ich viel vorsichtiger geworden. Wen ich in mein Leben hineinlasse und wie sehr.

"...Es ist die Fülle an negativer Einflüssen, die im Moment von mehreren Seiten kommt, und mit dem im Gegensatz zu wenig Positiven ist ein Ungleichgewicht entstanden. Eins, mit dem ich mich nicht gut fühle", fasse ich der Freundin gegenüber im Lauf des Tages, nachdem ich mir den zweiten Kaffee des Tages zubereitet und ihre letzten Sprachnachrichten abgehört habe, zusammen.
Gestern, nur einen Tag nach der zuletzt geführten heftigen Auseinandersetzung, die mich kaum mehr als verzweifelte Hilflosigkeit fühlen ließ, habe ich den ganzen Abend lang nur noch Musik gehört.
Manchmal brauche ich das genau so. So wie ich mir manchmal auch triviale Sendungen reinziehe, während ich auf dem Sofa lümmle und an nichts mehr denke. So wie ich nicht jeden Tag Nachrichten schaue und auch nicht lese. So wie ich mir nicht alle möglichen "Hast du das schon gehört?"-Nachrichten von Freunden, Familie oder Kollegen anhören mag oder Videos ungesehen lösche. Das Leben geschieht sowieso, ob ich mir nun alles mit anschaue oder nicht.

Ich will mir aber nicht mehr alles mit anschauen. Es gibt nur ganz wenige Menschen in meinem Leben, für die ich mein Blut hergebe. Über alles andere entscheide ich jeden Tag neu. Dafür oder dagegen. Ich muss darüber jeden Tag neu entscheiden. Die wesentlichen Dinge übersiehst du sowieso nicht.



The Long Day Is Over






Zeit, mich schlafen zu legen.. Die Tage sind oft zu lang, die Nächte oft zu kurz. Doch nachdem ich mir Stück für Stück die Seele frei schreibe, mich damit frei mache von Dingen, die sich nicht gut anfühlen, kehrt auch dank der streichelsanften Musik die Ruhe in meinem Kopf wieder zurück.
Ein Album, das ich so sehr liebe.
Ihr schönstes Album von allen.
Mir ist es längst kalt geworden, nachdem ich eine gefühlte Ewigkeit wie selbstvergessen auf dem Holzfußboden gelegen und in die Nacht geschaut habe... Während die letzten Kerzen herunterbrannten und der Titel in der Endlosschleife nicht müde wird, mich daran zu erinnern, wie viel Schönes es trotz allem im Leben gibt.
Wenn dieses Jahr herum ist, werde ich aufatmen. Und mich im kommenden Jahr wieder mehr auf mich selbst und die Musik in mir konzentrieren.

"Du kannst sie nicht alle retten", mahnt der Mann öfter, aber das versuche ich auch gar nicht. Das wäre Anmaßung. Nur.. Menschen sind mir nicht egal, und je näher sie mir sind, desto wichtiger ist es mir, dass es ihnen gut geht. Aber mir ist auch bewusst, dass jeder Mensch sein eigenes Leben hat, führt und leben muss. Ganz gleich, ob ich es gut und richtig finde oder auch nicht. Es gehört nicht mir, es gehört euch. Macht etwas Schönes damit...

Mittwoch, 11. Dezember 2019

Grenzenlos


Im Grunde genommen, wenn wir allein sind, dann hoffen und wünschen wir - mehr oder weniger - ab irgendeinem Punkt in unserem Leben mit jeder Begegnung, dass es nunmehr die eine Begegnung sein möge. Die uns eröffne, wie wertvoll, wie schön und wie begehrenswert wir seien. Und sei es wenigstens für diesen einen anderen Menschen.

Je jünger wir sind, desto weniger zerstört fühlen wir uns. Ganz im Gegenteil, wir haben den Kopf noch voller bunter Träume, voller bunter Seifenblasen, wir tanzen durch die Straßen und glauben, die Welt gehöre uns. Wir glauben, dass irgendwie alles möglich sei, wenn wir selber nur genug daran festhalten würden.

Ich weiß gar nicht, wie oft mein Vater zu mir sagte: "Mein Gott, Mädchen, sei doch nicht so naiv, glaub doch nicht immer alles!" Damals, als ich fünfzehn, sechzehn Jahre alt war und zum ersten Mal verliebt.
Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass es auch nur irgendein Mensch nicht gut (mit mir) meinen könnte, wenn man dem anderen doch gar keinen Anlass dafür geboten hatte. Vermutlich lebte ich nicht nur im sprichwörtlichen Sinne auf einer Insel, vermutlich lebte ich auch in meinem Kopf auf einer Insel, in meiner mir eigenen Welt, in der alles bunt und schön und voller Musik war. Ja, damals schon.
Diese Zeit ist lange her, und möglicherweise, ja wohl sicher habe ich einen Teil meiner Unbeschwertheit in diesen Jahren zurückgelassen, aufgegeben. Hergegeben an den Erlebnissen und Erfahrungen, wobei ich von den meisten immer noch sage: Da habe ich wirklich noch richtig, richtig Glück gehabt, das hätte ganz anders enden können.
Heute bezeichne ich mich noch immer als ein Glückskind, dem zwar nicht alles in den Schoß gefallen ist, ganz im Gegenteil - aber dennoch hatte ich vor allem.. eine wahnsinnige Menge Glück.

Beschissen, belogen, betrogen wird, seit es Menschen gibt. Und ich glaube, dass die Dimension eines Schmerzes keine andere ist als seit jeher. Nur die Mittel und die Methoden ändern sich. Und inzwischen ist es möglich, dass Menschen einander begegnen, ohne sich je real gesehen, gehört, gefühlt, geschmeckt haben. Dass es dennoch möglich ist, Verbindungen aufzubauen, wider jeder Vernunft. Wider jeden Verstandes und jeder Logik. Und dieser Tage wurde mir schmerzhaft bewusst, wie es sich anfühlt, diese vollkommene Hilflosigkeit angesichts eines unglaublichen Betrugs.

Stell dir vor.... Du kennst jemanden, mit dem führst du eine reine Fickbeziehung. Sorry. Ich könnte es jetzt auch modern als "Freundschaft Plus" bezeichnen, gleichwohl fällt mir genau das inzwischen sehr schwer, denn auch ohne dem Plus setzt das Wort Freundschaft etwas voraus, das in meinen Augen an dieser Stelle einfach nicht existiert.. Jedenfalls.. dieser jemand hat Freunde. Wie viele, weißt du nicht, ist eigentlich auch völlig wurscht. Manche dieser Freunde nehmen Kontakt zu dir auf. Und zwar ausschließlich über das Handy deiner Fickbeziehung.
Warum sie alle nur Kontakt über dieses Handy aufnehmen, hinterfragst du nicht. Du kennst ihn ja, seit mindestens zwei Jahren, ihr habt geilen, aufregenden Sex, und dass er dich auch an manche "Freunde" ausleiht, ist für dich okay, denn für eine monogame Beziehung bist du sowieso nicht gemacht. Sagst du.
Sie schreiben dir, aber sprechen nie mit dir. Rufen nie an, treffen dich nie. Was bedeutet: Du kennst niemanden wirklich. Du weißt nicht, wen du da vor dir hast und wer sich da eigentlich tatsächlich mit dir schreibt. Doch was du registrierst, sind die Komplimente, die bei dir ankommen. Wie wunderbar du seist, eine wunderbare Frau, ein noch ungeschliffener Diamant, aber überaus wertvoll. Glauben kannst du das gar nicht, denn du kennst es nicht, dass dir jemand so etwas sagt, dass jemand überhaupt so von dir denkt. Denn kennengelernt hast du das völlige Gegenteil. In der Familie, in der Schule, im Job. So jung und trotzdem schon so kaputt, dass du dich wochen-, monatelang zu Hause verkriechst, eine Krankschreibung nach der anderen einreichst und dich schließlich in stationäre Hilfe begibst. Und dann kommt jemand, der dich allein durch die Kraft seiner Worte wieder aufrichtet. Der dir das gibt, das deine zerrüttete Seele so sehr braucht, das dein nicht vorhandenes Selbstwertgefühl streichelt und dir ein so viel besseres Gefühl als je zuvor vermittelt. DAS muss es sein. DER muss es sein. Von ihm kennst du nicht viel. Du hast nur drei Fotos. Eins von ihm im Pool - mit Sonnenbrille. Eins von seinem Oberkörper - und eins von seinen Augen. Von dem Augenfoto bist du fasziniert, du bist verliebt in dieses Foto. Du zeigst es herum und verstehst die Reaktionen gar nicht. Willst auch die Stimmen nicht hören, die da erneut Zweifel anmelden: Die Fotos passen doch gar nicht zueinander?
Irgendwann zeigst du dieses Foto deiner F-Beziehung, und der bestätigt dir: Das ist zu 100 % der, der dir inzwischen fast täglich schreibt. Der sich im Sommer von seiner Freundin trennt (!) und sich auf den Weg macht, um das Wochenende mit dir zu verbringen. Und du freust dich wie blöd, auch weil du den ewigen Zweiflern und Miesmachern in deinem Umfeld beweisen kannst: Ich hatte recht, es gibt ihn wirklich und er will wirklich mich.
Nur.. Er kommt nie an. Natürlich nicht. Natürlich vermutest du sofort, dass nur etwas Schlimmes passiert sein kann. Immerhin hat es viele Unfälle an diesem Wochenende auf dieser Strecke gegeben. Ihm kann nur etwas Schlimmes passiert sein - und Tage später überbringt deine F-Beziehung dir diese Botschaft: Pool-Boy hatte einen schweren Unfall und liegt nun weit entfernt in seiner Heimatstadt auf der Intensivstation.
"Fahr doch zu ihm", rät dir dein Umfeld, aber du weißt ja nicht, wo er wirklich liegt - und jene andere Stadt ist zu groß, um alles abzusuchen. Die einzige Verbindung, nämlich der Arbeitskollege vom Pool-Boy, dessen Freundin wiederum mit deiner F-Beziehung befreundet ist, ist just zur selben Zeit gekappt, weil man sich gerade getrennt hat. Welch Zufall!
Und nun beginnt die Zeit des Wartens und der Ungewissheit. Du weißt nicht, wie es Pool-Boy geht und mit F-Boy hast du dich überworfen, weil er entgegen eurer Abmachung andere Frauen gevögelt hat, ohne es mit dir abzusprechen. Den einzigen Kontakt von F-Boy, den du zulässt, ist die Nachfrage, ob es was Neues vom Pool-Boy gibt, aber F-Boy weiß noch weniger als du. Er kennt niemanden aus Pool-Boys Stadt, außer jene Freundin, aber die weiß ja nun auch nichts mehr.
Du schreibst Nachrichten auf das Handy vom Pool-Boy in der Hoffnung, er möge dir eines Tages antworten - und eines Tages kommen tatsächlich Antworten. "Seine Mutter hat sich gemeldet", erklärst du deinem Umfeld - und dass die total crazy drauf sei. Ihr habt Euch über Beziehungen, Sex und alle möglichen Konstellationen ausgetauscht. Rein schriftlich. Alles über whatsapp und über das Handy von Pool-Boy. Die deutlicher werdenden Zweifel deines Umfeldes nerven dich, machen dich aggressiv. "Es regt mich so auf, dass ihr alle glaubt, ich sei so naiv." Du bekommst ein Foto von der Mutter zugeschickt, das leitest du deinem Umfeld weiter. "Hier bitte. Eure Zweifel machen mich kaputt."
Zwar ist niemandem in deinem Umfeld klar, wie eine Mutter das Handy ihres Sohnes bedienen kann, das heutzutage höchstwahrscheinlich mit einem Zugriffs-Pin geschützt, mindestens aber eine Sim-Pin besitzt - und der Akku inzwischen ja mehr als leer gewesen sein durfte. Es ist auch niemandem klar, warum eine wildfremde Frau, deren Sohn auf der Intensivstation liegen soll, einem wildfremden Mädel sexuelle Dinge schreibt - aber möglicherweise ist dein Umfeld ja nicht nur blöd, sondern auch noch gnadenlos verklemmt.
Also schweigt dein Umfeld und wartet mit dir. Bis du eines Tages völlig aufgelöst schreibst: Dieses Dreckschwein! Dieses Arschloch! F-Boy hat wieder ein anderes Mädel gevögelt - und Pool-Boys Mutter hat via Live-Chat zugesehen.
Es ist dieser Moment, wo dein Umfeld gedanklich aussteigt und dich fragt, ob du allen Ernstes immer noch glaubst, dass an dieser Geschichte auch nur irgendwas Wahres dran sein kann. Ob du nicht sehen kannst oder sehen willst, dass alle Fäden am Ende immer wieder bei F-Boy zusammenlaufen. Und wie es überhaupt möglich ist, dass F-Boy mit einem Mal die Nummer von Pool-Boys Mutter haben kann. Wieso die derart telefonieren, videochatten, whatever.
Jedoch.. Für Logik bist du nicht offen. Für (berechtigte) Zweifel bist du nicht offen. Du willst es nicht wahrhaben und vermutlich kannst du es nicht wahrhaben. Denn wenn das alles nicht wahr gewesen ist - dann bedeutet es einen freien Fall für dich in das Bodenlose. Weil es dann nichts mehr gibt, was du hast, das dich zur wunderbaren, einzigartigen Frau machst, die niemand verdient. Weil du dann nichts mehr hast, für das es sich lohnen soll, morgens überhaupt nur die Augen zu öffnen, geschweige denn aufzustehen. Du willst dich daran klammern und vermutlich musst du es sogar - für dein eigenes Überleben. Niemand vermag daran zu denken, was passieren würde, würdest du eines Tages die Wahrheit erfahren.
Doch das Karussell dreht sich weiter. Pool-Boy geht es besser, er soll auf die Normalstation verlegt werden - und dann darfst du ihn besuchen kommen. Natürlich kommt es nicht dazu. Jedem in deinem Umfeld ist klar: Irgendetwas muss passieren, Pool-Boy muss weg. Also stirbt Pool-Boy in der Nacht vor dem Tag, an dem du zu ihm kommen solltest. Timing ist schließlich alles.
Du bist derart am Boden zerstört, dass dein Umfeld nur hilflos zusehen kann. Und hofft, dass du diese Zeit irgendwie überstehst.
"Besuch sein Grab, wenn du soweit bist", rät man dir. Aber ach - ein Grab wird es ja gar nicht geben. Natürlich nicht. Pool-Boys Asche wird im Meer versenkt - zu einer Zeit, in der du dich geplant im Ausland befinden wirst.
Und so gehen die Tage und Wochen ins Land, es kehrt etwas Ruhe ein. Du hast wieder Kontakt zu F-Boy aufgenommen, denn "ihn verlieren kann ich nicht auch noch". Du teilst dich immer weniger mit, dir glaubt ja sowieso niemand. Bis eines Tages jemand aus deinem Umfeld über Pool-Boys Foto im Netz stolpert. Ein Foto auf stock free Seiten sowie auch auf Seiten, die Werbung für Pools, Freibäder, Hotels selbst in der Dominikanischen machen. Selbst die AfD nutzt dieses Foto - und du antwortest darauf "Denen traue ich zu, dass die das Foto eines Toten klauen." Du willst die Mutter von Pool-Boy danach fragen und auch nochmal F-Boy. Und dann schreibst du "Seine Mutter weiß bescheid, das Foto liegt beim Anwalt. Und F-Boy hat mir zu 100 % bestätigt, dass das Pool-Boy ist."
Dein Umfeld fällt aus allen Wolken. Du glaubst diese ganze abstruse Story noch immer?
"Das Foto kann gar nicht beim Anwalt liegen. Es ist ein stock free Foto, begreifst du das nicht? Das kann jeder nutzen wie er will. Das wäre genauso, als würde man einen Raucher dafür anklagen wollen, dass er sich Zigaretten gekauft hat." Und dein Umfeld fragt nach "Hast du seine Mutter mal angerufen?"
"Nein, wir haben geschrieben."
Natürlich. Weil du ja nicht gerne telefonierst, wie du betonst. Komisch nur, dass du dein Umfeld immer mal anrufst und auch darum bittest, mal telefonieren zu können.

"Ihr seid so krank", bekommt das Umfeld stattdessen von dir zu hören. "Wie krank ist das zu glauben, das alles würde sich jemand ausdenken? Sich den Tod eines Menschen ausdenken? Ich weiß, woran ich glaube. Und dass ihr denkt, ich sei ja nur naiv, zieht mich nur runter, vielen Dank. Ich will mich jetzt nicht weiter damit befassen. Ich glaube seiner Mutter und F-Boy."

Das Umfeld schluckt. Und schweigt still. Und realisiert: Hier kann es nicht weiter reagieren. Hier kann es nichts mehr sagen und nichts mehr tun, denn es wird dich nicht erreichen. Dem Umfeld wird klar, es ist machtlos gegen deine emotionale Abhängigkeit von F-Boy, der letztlich die Hauptfigur in diesem schlechten Spiel darstellt. Ein Mensch, der sich in sozialen Netzwerken mit einem Phantasienamen aus einem Videogame ausstattet, dem man nachsagt: "...zieht er es vor, aus der Nähe zu sein und sein Ziel persönlich zu töten, indem er eine Mischung aus Heimlichkeit, Schusswaffen, Nahkampf und biotischen Fähigkeiten einsetzt." Um dein Leben fürchtet dein Umfeld weniger, sehr wohl aber um deine seelische Gesundheit. Was es am Ende mit dir persönlich machen wird.
Warum jemand so ein scheiß Spiel mit dir spielen soll? Weil die Welt voll ist von gestörten Kreaturen, die darauf scheißen, wie du dich fühlst, wie es dir geht und was aus dir wird. Die sich ihrer Macht über dich bewusst sind und diese Macht auch auskosten. Vielleicht, weil sie nie wirklich was bewiesen haben im Leben und bisherige Vorhaben gescheitert sind - was man übrigens auch im Netz nachlesen kann. Vielleicht, weil ihre eigene "Größe" lediglich darin besteht, andere zu erniedrigen?

Du bist nicht die erste, die auf einen Typen reingefallen ist - und du bist auch nicht die letzte. Es sind deine unfassbare Liebebedürftigkeit und dein unbedingter Wunsch nach Anerkennung, nach Wertschätzung, die dich so verletzlich, so angreifbar machen. Wie bei so unendlich vielen anderen Frauen auch.

Es ist die Dimension, die das Ganze mittlerweile erreicht hat, die einen fassungslos macht. Wie gesagt, belogen und betrogen wurden die Menschen, seit es sie gibt. Aber vermutlich war es noch nie so einfach wie heute. Was zurückbleibt, ist ein bitterer Geschmack und das endlose Gefühl von Hilflosigkeit. Während du in der Tagesklinik sitzt und versuchst, irgendwie klarzukommen im Leben - und trotzdem weiter an all dem festhältst. Weil du nicht völlig ins Bodenlose fallen willst und darfst, weil du weiterhin glauben musst, dass du etwas Besonderes bist.
Das bist du auch. Auf deine dir ganz eigene Weise. Doch du hast dich an jemanden gehangen, der das nicht schätzt. Und jetzt kommst du davon nicht mehr los. Weil du den Schmerz kennst, ganz allein zu sein - und das schaffst du nicht mehr. Den willst du nicht mehr. Was auch immer geschieht.

Samstag, 7. Dezember 2019

Was stimmt nicht mit mir?






Manchmal wundere ich mich über Menschen. Eigentlich jeder, den ich kenne, hat eine genaue Vorstellung von seinem Leben. Vom Lieben. Vom Job und vom Miteinander. Aber die wenigsten, die ich kenne, leben das, wovon sie eine Vorstellung haben.
Die meisten beklagen die Dinge, die sie nicht in ihrem Leben haben. Fühlen sich betrogen vom Leben, vom Lieben, vom Job und vom Miteinander. Beklagen Dinge, die ihrer Meinung nach von anderen so nicht gesagt oder nicht so hätten getan werden dürfen. Und wenn man es bei Tage besieht.. Ist es nicht eher die nicht erfüllte eigene Erwartungshaltung, die da beklagt wird?

Das Jahr neigt sich langsam, aber endgültig dem Ende zu und ehrlich gesagt: Irgendwie atme ich auf, dass es vorüber ist. Es war ein.. zähes Jahr. Eins, das irgendwie klebrig an den Schuhsohlen haftete und mir das Gefühl vermittelte, nicht von der Stelle kommen zu können. Als würden zu beschwerliche Dinge an mir haften, an mir kleben, mich belasten, die mich daran hinderten, einen Schritt nach dem anderen zu tun.
Schaue ich auf das Jahr zurück, überkommt mich einmal mehr das Gefühl, dass in genau diesem Jahr viel mehr in meinem Kopf und in meiner Seele herumgetobt hat, das mit meinem eigenen Leben genau genommen.. nicht viel zu tun hat. Es war das Jahr des Zuhörens, des Schlichtens, des Sortierens und Ordnens, des Auf- und Abfangens aller möglichen Stimmungen und Schwingungen - und am Ende dieses Jahres habe ich das Gefühl, selbst ein wenig zu kurz gekommen zu sein. Das ist aber nur ein Gefühl, vermutlich ist das nicht die Wahrheit.
Vielleicht, weil ich zuviele Probleme, die nicht meine sind, in meinen Kopf, in meine Seele und in meinen Rucksack genommen habe?

Ob man das zugeben mag oder nicht: Am Ende möchte niemand von uns allein sein und allein sterben. Jeder ist irgendwie auf der Suche nach einem Menschen, der das eigene Leben bereichert allein dadurch, dass er da ist. Der eine verkrampft bei der Suche, der andere hat bereits aufgegeben in der unerfüllten Beziehung - und hofft auf ein Wunder. Oder jemanden, der ihn rettet. Der Dritte fürchtet die Konsequenz seines Tuns und kann trotzdem nicht anders handeln, weil er vielleicht trotz allem hofft, ihm würde die Entscheidung abgenommen. Der Vierte beginnt ein neues Leben, obschon das alte nicht wirklich abgeschlossen ist. Fürchtet zwar keine Konsequenzen und ist doch erstaunt über menschliche Reaktionen. Irgendwie haben sie alle eine Erwartungshaltung an ihr Gegenüber - ohne selbst wirklich aktiv zu werden.
Der eine beklagt seit langem seine Gewichtsentwicklung der letzten Jahre - und lebt weiter wie bisher.
Der andere beklagt das Beziehungsverhalten - und zieht keine Konsequenzen.
Der Dritte führt ein gutes Leben - und beklagt unzufrieden die Dinge, die ihm fehlen.
Der Vierte führt das Leben seiner Wahl - und kann das Glück und den Erfolg anderer trotzdem nicht ertragen.
Ich schaue zu, ich höre zu - und wundere mich immer öfter.

Doch was mich am allermeisten daran irritiert: was es mit mir selber macht.
Wie oft ich denke "Und worüber genau regt er/ sie sich jetzt eigentlich genau auf - und vor allem: warum?"
Wie oft ich innerlich die Schultern zucke und denke: "Ja nun... Gibt Schlimmeres..."
Und ich frage mich.. Ist diese Gelassenheit dem Alter geschuldet? Diese Gelassenheit, die Ruhe in sich selbst. Oder verwechsle ich da etwas und es ist schon nicht mehr Gelassenheit, sondern eher Gleichmut? Und ist der nicht eher negativ als positiv? Ist der nicht eher auch gefährlich?
Bis wohin ist es ein Schutzschild für das eigene Gemüt, das eigene Wohlbefinden - und ab wann ist es tatsächlich auch Gleichgültigkeit?

Am Montagabend traf ich meine Freundin aus L, die kurzzeitig in M verweilte. Aus der geplanten Kaffeestunde wurden über vier Stunden. Irgendwann sagte sie zu mir: "Du siehst wirklich viel besser aus. Eigentlich siehst du genauso aus wie damals, als ich dich kennen gelernt habe."
Damals, das war vor dreizehn Jahren.
Mich haben ihre Worte beschäftigt. Weil ich die Situationen verglich, die damals vor dreizehn Jahren - und die heute. Dazwischen liegen Jahre, die wirklich nicht so einfach waren. Die Jahre 2015 bis 2017 waren die emotional schwierigsten - anschließend kämpfte ich umso mehr mit dem Körper.
Nach und nach erhole ich mich, schüttle von mir ab und irgendwo auf diesem Weg muss ich wohl beschlossen haben, nicht alles mehr an mich so heranzulassen. Und bemerke stattdessen, dass für mein Empfinden viel zu wenig gelacht, viel zu wenig getanzt, viel zu wenig geliebt und geküsst, viel zu wenig gestreichelt wird.
Es wird viel zu viel gestritten und Zeit damit verschenkt, sich an Kleinigkeiten aufzureiben, sich das Leben gegenseitig unnötig schwer zu machen, anstatt zu genießen, dass man einander hat.

Und je öfter ich daran denke, desto öfter entwickle ich tatsächlich dieses Gefühl von... Gleichmut.. Ich nehme hin, ich akzeptiere, vielleicht einmal zu oft, ich bin mir da nicht sicher.
Frage mich, ob mit meinem Kopf alles stimmt oder ob ich da irgendwelche Enzyme zuviel oder zu wenig habe, dass ich so oft so entspannt auf mein Umfeld reagiere.

An der Stelle dann musste ich aber lachen und fragte mich, wie krank das eigentlich ist, dass man eine Störung in sich selbst vermutet, nur weil man beschlossen hat, bei dem ganzen bekloppten Irrsinn nicht mehr mitzumachen.

Montag, 25. November 2019

Irgendwas ist ja immer

Quelle: https://xn--sprche-ffchen-hfb96a.com/lustige-sprueche/
Vor einer Weile schon haben der Mann und ich festgestellt, dass mit unserem Zusammenziehen vor nunmehr fünf Jahren noch weitere Gesellen mit eingezogen sind. Die da heißen "War ich nicht", "weiß ich doch nicht" und vor allem "Immer".
Nicht selten denken wir: Hat schon alles so seine Vor- und Nachteile.
Zum Beispiel nachts, wenn Du - grad die letzte Folge von Medical Detectives abgeschaltet und ins Bett gelegt - vom Rumoren auf dem Balkon aufschreckst, kerzengerade sitzt im Bett und der Mann unwillig knurrt "Du guckst zuviel Krimis!"
Ich hab nachgeguckt, aber nix gesehen. Und gedacht, na gut, egal wie, ich bin ja nicht alleine.
Das sind Vorteile.
Nachteile sind, dass Du für alles verantwortlich gemacht wirst, von dem der andere überzeugt ist, keinen Anteil dran zu haben. Zum Beispiel, dass im Fliesenboden im Badezimmer irgendwo wieder eine winzige Ecke abgebrochen ist.
"Weil du immer was fallenlässt", sagt der Mann.
"Wie bitte? Das wüsste ich aber!" empöre ich mich jedesmal.
Und Du kannst drauf wetten, fällt Dir wirklich mal was runter, ne Haarbürste, der Nagellackentferner oder sowas, dann steht flugs wirklich immer einer in der Tür: "AHA! Aber DIR fällt ja NIE was runter!"
Könnteste ausrasten, manchmal :)

An manchen Dingen aber bin ich tatsächlich schuld. Da hatte ich mich doch grad noch gefreut, dass der Premiumdienst meinen neuen kleinen Laptop anstandslos (und höchstwahrscheinlich erfolgreich, wenn auch erst im 2. Anlauf) repariert hatte - da fragt mich doch gestern Abend der Mann "Entscheide dich: Alkoholfreier Abend oder nicht." Ähm. Ich trinke ja so gut wie gar keinen Alkohol. Ich mach mir da einfach nix draus. Maximal ein Glas Weißwein, lieber noch als Schorle. (Vor allem, seit wir rausgefunden haben, dass Johannisbeerschorle ähnliche Effekte wie Alkohol hervorruft bei mir ;)) Gestern Abend aber kredenzte er mir ein Glas Eiswein.
Nach dem halben, scheiße leckeren Glas lächelte ich bereits selig und meinte "Ich glaub, ich bin betrunken." Und beim leicht unkoordinierten Griff nach dem Glas kippte dieses um und ergoss sich.. wohin.. na klar.. auf die Tastatur des Laptops.
"Umdrehen!" rief der Mann sofort. "Dreh das scheiß Gerät um!!"
In gemeinschaftlicher Arbeit (er schraubte, ich schaute zu) öffneten wir das Gerät und tupften trocken, was wir erreichen konnten.
Ihr glaubt gar nicht, wie froh, erleichtert und dankbar ich heute Morgen war, als ich das Gerät startete und betete, es möge alles funktionieren - und mein Morgengebet auch erhört wurde. Die sonst im anderen Falle entstandene Missstimmung hätte zwar zu einem Montag gepasst, hätte ich jetzt aber nicht wirklich gebraucht. Meine guten-Morgen-Tasse Kaffee jedenfalls steht jetzt immer hübsch in ausreichender Entfernung zum Gerät. Sicher ist sicher! Schließlich nehme ich auch kein Handy mehr mit in die Badewanne :)

Sonntag, 24. November 2019

Die Kunst, im rechten Moment von der heißen Herdplatte zu springen



Ich weiß, dass ich mit dem Mann nicht über all die Dinge sprechen kann, die mich beschäftigen, die mich bewegen. "Mit was du dich alles so befasst", knurrt er manchmal unwillig, "hast du nicht schon genug mit dir selbst zu tun?" Hätte ich vielleicht. Ich finde es aber nicht schlimm, den Blickwinkel auch (viel) weit(er) weg zu lenken, anstatt immer nur um sich selbst zu kreiseln.
Unlängst liefen wir abends durch die Stadt, waren auf dem Weg nach Hause, meine Hand ruhte in seiner, meine Finger waren zärtlich um seine geschlungen. Und ich überlegte, ein Thema anzuschneiden, bei dem er mich dann unterbrach: "Erzähl mir nichts davon. Ich will das nicht hören."
"Okay. Gut. Schade. Weil, ich will dir ja auch mal Dinge erzählen können."
"Ich weiß. Ich will aber nicht, dass Probleme anderer unsere Beziehung belasten."
"Tun sie doch gar nicht?" wunderte ich mich.
"Doch, tun sie. Ich will lieber die schönen Dinge mit dir erleben. Und wenn du mir von Problemen anderer erzählst, springt sofort mein Kopfkino an. Dann fange ich an, mir Gedanken zu machen, wie man diese Probleme lösen könnte."
"Ich will Probleme anderer nicht lösen", wunderte ich mich noch immer, "ich will mich nur mit dir darüber austauschen."
"Ich weiß. Aber ich bin da anders als du. Ich will dann sofort immer alles lösen."

Im gestrigen Austausch über ein neues, anderes Thema fielen mir seine Worte wieder ein. Auch weil er bei diesem Thema die Auffassung begrüßte, dass man sich auf seine Ziele fokussieren sollte, sie in Angriff nehmen und diesen Berg hinauf bis ans Ziel auch bewältigen sollte. Dass man auch in schwierigen Momenten die Zähne zusammenbeißt, durchhält, weitermacht. Solange weitermacht, bis man sich das Zielband um den Bauch gewickelt hat, die Siegerflasche köpft und auf das Ziel anstößt, sofern man nicht vorher erschöpft in die Knie gegangen ist.. Was, wenn Du Dein Ziel erreicht hast, Dir die Siegerflasche dann jedoch aus der Hand fällt?

Grundlegend finde ich die Herangehensweise richtig: Wenn ich Ziele habe, Wünsche habe, muss ich selbst mich darum kümmern. Dann muss ich schauen, wie ich erreichen kann, das für mich wichtig ist. Jedoch empfinde ich es als gefährlich, sich auf diesem Weg nicht auch Inseln schaffen zu dürfen, zu können, auf denen man ausruht. Es gibt wenig klare Wege, die geradewegs von A nach B führen. Viele Wege sind mit Umwegen, Abkürzungen, Stopp-Schildern, Umleitungsschildern, Hemmnissen, Stau verbunden. Das kostet mitunter arg viel Energie. Doch was für mein Empfinden sehr unterschätzt wird, ist die eigene (mentale) Belastbarkeit eines Einzelnen. Und dass jeder einzelne Schritt nicht nur körperliche, sondern insbesondere auch mentale Energie benötigt, auch dann, wenn man sich das nicht ein- bzw. nicht zugestehen will.

Vor genau elf Jahren bin ich, nur in Unterwäsche bekleidet, vor einem Neurologen auf und ab gelaufen, während er mir pausenlos Fragen stellte. Wie ich meinen Alltag bewältige. Wie ich mich um die Söhne kümmere, den Job, den belastenden Scheidungsprozess, mit der schwierigen oder nicht vorhandenen Beziehung umgehe. Und in dem geforderten Seiltänzergang (damals konnte ich ihn wenigstens noch) schaute ich ab und an verwundert über meine Schulter zu ihm: "Ich verstehe Ihre Frage nicht. Was meinen Sie mit "Wie"? Ich mach einfach?"
"Wieso machen Sie einfach?"
"Weil ich es muss?" wunderte ich mich aufrichtig. Weil ja sonst keiner (für mich oder mit mir) machte. Augenscheinlich hatte ich es einmal zu oft geantwortet, denn als er mir die letzte Frage stellte, antwortete er, bevor ich es tat: "Ja komm, sagen Sies mir nochmal: Weil Sie es müssen."
Und ich weiß noch, dass ich lächelte: "Ich versteh Sie wirklich nicht. Wer solls denn sonst machen? Ist doch keiner da."
Doch draußen vor der Tür, da kämpfte ich mit den Tränen und sagte zur Begleitung: "Eines Tages werden meine Baustellen mich umbringen."
Der damalige Neurologe schrieb einen mehrseitigen Befundbericht und innerhalb kürzester Zeit fand ich mich erstmals in einer Klinik für Schmerzpatienten wieder. Und verblieb dort mit einmaliger Verlängerung ganze acht Wochen. Nach einem Jahr das Ganze noch einmal, nur diesmal in einer Reha-Klinik. Was habe ich vor allem mitgenommen? Das Bewusstsein, dass ich eben nicht immer muss. Dass ich anhalten darf. Dass ich sagen darf "Nein, jetzt nicht." Dass ich sagen und auch umsetzen darf: "Nein, ich muss Pause machen, sonst geht mir die Puste aus." Dass ich mich abgrenzen und auch mal nur für mich sorgen darf. Und muss.
Auch kam mir bei der gestern aufgeworfenen Thematik die Geschichte des Frosches wieder in den Sinn. Dem Frosch, der auf der Herdplatte liegt und zwar merkt, dass sie sich langsam erwärmt. Wäre sie heiß beim Betreten, würde er sofort zur Seite springen. Liegt er aber drauf und sie erwärmt sich nach und nach, gewöhnt er sich an die Wärme und bemerkt (vielleicht) zu spät, dass diese Wärme seinen Tod bedeuten kann.

In unserer heutigen, immer weiter kultivierten Leistungsgesellschaft sind Praxen, Kliniken voll von Menschen, die sich permanent dem Druck ausgesetzt fühlten, funktionieren zu müssen, bis sie nicht mehr (mithalten) konnten. Dabei ist völlig unerheblich, ob dieser Druck von anderen ausgeübt wird oder man sich "nur" selbst diesem aussetzt, eben weil man meint, funktionieren zu müssen. Weil es doch ein Ziel gibt! Wie lange das gut geht, bestimmt jedoch die eigene individuelle Belastungsgrenze. Niemand kann Dir sagen, wie weit Du noch zu gehen hast und an welcher Station Du Rast machen kannst.
"Ich wünschte, ich hätte deine Gelassenheit", sagt der Mann öfter in letzter Zeit. "Und ich wünschte, ich hätte deine Entspannung. Wenn ich was auf dem Plan habe, dann mache ich das erst und dann ruhe ich mich aus. Du kannst dich schon ausruhen, obwohl du noch gar nicht angefangen hast."
"Stimmt", amüsiere ich mich dann, "ich ruhe mich aus, weil ich müde bin vom Wandern davor."

Ich habe ein Problem mit Menschen, die durch ihr Leben dümpeln, von Veränderungen sprechen und sie doch nicht angehen. Die sich viel eher daran gewöhnen, wie es gerade ist und damit arrangieren.
"Du bist noch viel zu jung, um dich durchs Leben zu schleichen", habe ich erst vor einer Weile zu jemandem gesagt, "wenn du weißt, dass du anders leben möchtest, dann fang es auch an."
Es ist jedoch ein Unterschied, ob jemand keinen Bock hat oder ob er (gerade) nicht mehr kann.
Es wird vielleicht auch nicht jeder so klar artikulieren können oder wollen. Hier finde ich Zwischentöne ganz wichtig. Unterscheiden zu können, wann jemand einen Ansporn oder tatsächlich Unterstützung, Hilfe braucht. Vor allem, wenn Du in derartigen Schuhen selbst auch schon gelaufen bist.

Samstag, 23. November 2019

Menschen, die gerne allein sind

Als mir jüngst dieser Artikel "zugespielt" wurde, welche Merkmale Menschen besitzen, die gerne allein sind, da habe ich ihn nicht nur interessiert mitm Käffchen in der Hand gelesen, sondern auch schön geschmunzelt dabei. Und einmal mehr daran gedacht, wie sehr ich mich selbst in den letzten Jahren verändert habe. So zwischen 20 und 30, da war ich ausgesprochen gesellig, liebte den Trubel, liebte es, Gäste zu haben oder zu Gast zu sein. Auch wenn ich nicht zu denjenigen gehörte, die erst in den Morgenstunden nach Hause kamen. Also zumindest nicht fünf, sechs, sieben Uhr. Ich glaub, mein längstes Feiern ging bis halb drei oder halb vier. Ich weiß, die Partyhengste unter Euch lächeln da nur müde, bei Euch geht da die Post erst richtig ab. Nun ja. Ich war halt nie die Partymaus. Spaß haben kann man ja auch abseits davon.
Zwischen 30 und 40 kam dann die Phase des Single-Lebens. Oder soll ich sagen: die Phase der Alleinerziehenden, die ihr Single-Dasein erst noch annehmen musste?
Es war die Zeit, in der ich entdeckte, dass ich tatsächlich gerne auch allein bin. Dass ich gerne mit MIR allein bin. Dass ich genoss, Zeit für mich zu haben. Für die Dinge, die ich gerne hatte. Erstmals nach dem Ende der Ehe entdeckte ich, dass ich nicht nur eine Mama war, sondern vor allem ein Mensch, eine Frau mit Bedürfnissen, Neugier, die aber noch nicht in der Lage war zu sagen, worauf sie selber eigentlich Wert legte oder was zum Beispiel ein ihr eigener Stil war.
Immer öfter zeigte sich außerdem, dass ich viel lieber ausging als dass ich jemanden zu mir einlud. Weil ich auch schnell ermüden konnte. Weil ich schnell das Interesse verlieren konnte, am Abend, an der Person, an der Situation. Man kann aber dann nicht zu jemandem sagen: "Hey du, ist besser, du gehst jetzt, ich wäre jetzt gerne allein." Also sagen kann man das schon, aber ICH konnte es nicht.
Wenn also erste Dates mit Herrschaften anderer Städte anstanden, dann habe ich sie nie in meine Stadt eingeladen. Das war mir viel zuviel Verantwortung, gepaart mit der Furcht: Wenn mir das Ganze nicht gefällt, kann ich nicht nach fünf Minuten sagen "Ja nett, aber ich geh jetzt." Bin ich aber irgendwohin gefahren, konnte ich eben aufstehen und sagen "Ja nett, aber ich fahr dann mal nach Hause." Für mich musste jemand also keinen Aufwand betreiben, es sei denn, er wollte es selber so - und im Gegenzug musste ich kein schlechtes Gewissen haben.

Über die Jahre hinweg entwickelte ich also nicht nur das Bedürfnis nach Alleinsein, ich kultivierte es regelrecht - und genau genommen ist das bis heute so. Wenn der Mann also fragt, ob ich ein Problem damit hab, wenn er feiern geht, wenn er wandern geht, wenn er in den Winter- oder Radsport fährt oder dies auch mal zehn statt sieben Tage dauert - dann lautet die Antwort stets gleich: "Hä? Ne, wieso?" Ich lege nur Wert darauf, dass Absprachen eingehalten werden. Wenn er also zehn Tage sagt und er käme erst am elften, ohne Bescheid zu geben - dann wäre ich stinkesauer. Oder wenn er sagt "Ich bin spätestens 22 Uhr wieder da" und kommt erst um drei, dann bin ich auch stinkesauer, weil er es mir wenigstens mitteilen soll. Immerhin warte ich auf ihn - und mache mir gegebenenfalls auch Gedanken, wenn er Stunde um Stunde nicht kommt. Ich bin jetzt aber auch nicht die, die ihm dann hinterhertelefoniert oder -schreibt. Ja ne, also so tief sinke ich schon nicht. Wenn er sagt "Ich geh feiern, open end" - damit kann ich leben. Kein Problem. Aber wenn sich einer schon festlegt, dann soll er bitteschön auch Bescheid geben, wenn sich was ändert. Ja, da kann ich grillig werden.

Welche Merkmale haben Menschen denn aber nun, die gern allein sind? Ich gebs mal wieder:

1. Sie sind Menschen, die offen sind für neue Erfahrungen
Nun, das kann ich tatsächlich bestätigen. Diese Offenheit wird aber gerne auch verwechselt mit der Annahme, dass man offen für ALLES sei. Das kann ich - zumindest für mich - nicht bestätigen. Ihr werdet mich niemals die Erfahrung machen sehen, wie das ist, beispielsweise einen Kugelfisch zu essen oder das Hirn toter Tiere. Ich steh auch nicht drauf, dass man(n) beim Sex auf mich uriniert oder solch eklige Sachen. Und das weiß ich auch, ohne es ausprobiert zu haben. Es gibt Dinge und Neigungen, die überlasse ich gerne denen, die Spaß damit haben.

2. Sie sind gut zu sich selbst
Nun. Das musste ich persönlich erst lernen. Nämlich indem ich herausfand, was denn überhaupt gut für mich ist. Was sich gut für mich anfühlt. Ist es nicht erschreckend, dass man sich so arg verbiegen (lassen) kann, dass man irgendwann selber nicht mehr weiß, was einem gefällt und guttut und was nicht? Und ist es nicht erschreckend, dass genau das schon normal geworden ist?

3. Sie haben Grenzen
Oh ja. Und je älter ich werde, desto deutlicher setze ich sie. Vielleicht auch, weil ich schon in der einen oder anderen Situation feststellte, dass meine Belastbarkeit nicht mehr so strapazierfähig ist wie noch vor zehn Jahren. Meine Grenze ist heute schneller erreicht als früher, insbesondere dann, wenn es um Dinge geht, die mich triggern - oder aber, wenn es sich stetig wiederholende Dinge sind, die mich erschüttern und ermüden. Doch bevor ich die Geduld verliere und unsachlich oder unfair werden würde, ziehe ich die Reißleine und mein Schutzschild hoch.
So geht es mir auch im Dienstlichen. Ich hatte mir Montag und Dienstag Urlaub genommen, weil der Mittwoch ein Feiertag war. Der für mich gilt, auch wenn ich nicht im betroffenen Bundesland wohne. Am Montag gegen Neun rief mich ein latent genervter Chef an. Ob ich verschlafen hätte oder warum ich nicht ans Telefon ginge.
"Weil ich Urlaub hab?" erinnerte ich ihn gähnend.
Er hat sich entschuldigt - wir haben trotzdem den halben Tag vertelefoniert wegen allen möglichen, aber nicht dringlichen Sachen. Am Dienstag sah ich gegen Mittag zwei Anrufe von ihm - und ignorierte sie. Urlaub ist Urlaub - auch wenn ich mich nicht außer Landes bewege - außerdem gibt es ja noch zwei Mädels im Front Office.
Am Donnerstag morgen ergoss sich dafür ein Schwall Vorwürfe über mich. Warum ich nicht erreichbar sei, wenn man dich schon mal braucht, dass jeder nur an sich denkt und macht, was er will und so weiter und so fort. Die Laune war derart im Keller, dass mir sofort klar war: Der Wind weht eigentlich ganz woanders her und ich kriege hier nur ab, was woanders schiefgelaufen ist. Also blieb ich ruhig, gelassen, geduldig, trank mein Käffchen, während er dann doch noch erzählte von all den Dingen, die auf seiner Leber lagen - und am Ende des Tages war sein Gleichgewicht und der Friede im Office wiederhergestellt. Um 18.10 Uhr rief ich ihn dann ein letztes Mal an, um ihm ein paar Zahlen durchzugeben und auch klarzumachen: Wenn Job ist, ist Job, da diskutiere ich gar nicht über Über-Zeiten. Aber wenn Urlaub ist, ist Urlaub. Irgendwo gibt es dann auch eine Grenze. Auch für Vorgesetzte.

4. Sie sind loyal
Ich glaube es zumindest. Als mir vor einigen Tagen jemand sein Herz ausschüttete, sich ordentlich Luft machte, Sorgen und Nöte herauswarf, die mich eigentlich alle gar nichts angehen, weil wir weder verbandelt noch befreundet sind, da habe ich nur eins gemacht: Mir das alles angehört.
Und gelächelt, als mein Gegenüber sagte: "Du musst ja jetzt auch nichts dazu sagen, du bist ja seine beste Freundin und ich will auch gar nicht an deiner Loyalität rütteln. Aber vielleicht kannst du ja ein Auge auf ihn behalten. Auf dich hört er wenigstens." Letzteres bezweifel ich zwar, aber egal. Ist doch schön, wenn Menschen jemanden haben, wo sie sich mal befreien und entmüllen können.
Es ist schon ein paar Jahre her, als ich im Job ordentlich belästigt worden war. Zum Chef zu gehen, habe ich mich nicht gewagt, unser Verhältnis war damals alles andere als entspannt - und ich wusste, Chef ist mit demjenigen nicht nur dienstlich befreundet. Ich hab versucht, mir den anderen vom Hals zu halten und bin auf Liebesschwüre und Jobangebote nicht eingegangen. Erst als er mir irgendwann drohte, was ich denn glaube, wer ich sei und was ich wohl glaube, was schwerer wiegen würde - meine Position als Angestellte oder seine Position im Geschäftsleben, da ging ich auf den Chef zu. Auch weil ich wusste, dass der Chef meine damalige private Handynummer an jene Person herausgegeben hatte. Ohne es mir zu sagen, geschweige denn, mich gefragt zu haben.
Seit jener Zeit achte ich sehr darauf, wer meine private Handynummer bekommt, welchen Kontakt ich zulasse, welchen nicht. Ich betrachte Menschen, lasse sie, ihr Tun, ihre Worte auf mich wirken und entscheide für mich, ob und wie weit ich mitgehen bzw. mitgenommen werden möchte.
Und ich achte heute mehr denn je darauf, niemandem wehzutun, dessen Herz an mir hängt. Weil das die tiefsten Wunden sind, die man sich selber damit zufügen kann. Klingt vielleicht paradox, ist aber zumindest meiner Erfahrung nach so.

5. Sie haben alles im Kopf
Ähm. Fragt den Mann. Der wird Euch sofort mindestens zehn Dinge aufsagen, die ich wiederholt vergessen habe. Warum die Nagelschere nicht an ihrem Platz liegt und wo sie denn dann liegt.
Na gut, okay, darum gings bei dieser Aussage nicht. "Ihre Nachdenklichkeit gibt ihnen ein großes Selbstwertgefühl, das ihnen erlaubt zu wissen, wer sie wirklich sind und was sie vom Leben wollen. Darüber hinaus ist Alleinsein auch eine Möglichkeit, sich selbst abzulenken, wenn es den Anschein hat, dass die Welt im Begriff ist, einen zu überwältigen."
Ja. Dem ist auch nach meiner Erfahrung so. Spontan dachte ich daran, wie ich mich früher wiederholt für Monate von Facebook abgemeldet hatte. Sogar den Blog mal für ein paar Monate ruhen ließ (was ich nie gedacht hätte, dass ich mal so tief falle). Wie oft ich mich für Wochen von Freunden und gar Familie zurückgezogen hatte, weil mir alles zu laut und zuviel geworden war. Und mir das Gefühl fehlte, nicht in meine Mitte zurückkehren zu können, weil mich zu vieles von mir selber ablenkte.
Dass die Welt mir oftmals zu laut, zu schnell, zu oberflächlich ist, empfinde ich auch heute öfter so - aber inzwischen gehe ich anders damit um. Stichwort Grenzen setzen. Da hätten wirs wieder.

6. Sie wissen, wie man seiner eigenen Zeit und der anderer den richtigen Wert gibt
Nun, ich denke, ich kann auch heute - oder vielleicht heute besonders - meine eigene Zeit verschwenden. Wenn ich daran denke, was ich alles machen wollte, als mir das letzte Wochenende und noch die drei angehängten freien Tage ins Haus standen... Und am Donnerstagmorgen der Kolleginfreundin gegenüber resümierte "Ich habe genau genommen.. gar nichts gemacht. Und trotzdem war es gut so." Und sie antwortete "Ganz ehrlich? Das hört man dir auch an."
Ich habe viel geschlafen, viel gelesen, ein bisschen Knots gezockt und wir haben uns die neue 5. Staffel The Affair reingezogen. Zufällig entdeckt, dass es überhaupt ne Fortsetzung gibt - und angeschaut. Es gab Tage, da bin ich bis abends in meiner dunkelkarierten flanelligen Schlafhose und barfuß in der Wohnung herumgelaufen, nur einen Pullover noch übergestreift, ungeschminkt, die Haare zusammengebunden oder nicht - und es ging mir gut. Genauso wie es war. Ohne Ereignisse, ohne Erlebnisse (bis auf die Pathologie!), aber eine Zeit, die endlich auch das zärtliche Miteinander wieder mehr in den Fokus richtete.
"Ich glaube, dir gehts grad gut mit diesen freien Tagen", merkte der Mann letztens an und ich lächelte "Ohhh ja."
Und vielleicht gehört ja auch diese Form der Erkenntnis dazu: dass es eben nicht immer irgendwelcher doller Erlebnisse, Erfahrungen oder sonstiger großartiger Dinge bedarf, um sich selbst (und dem anderen) etwas Gutes zu tun. Ich denke, das hat doch einen Wert, messbar oder nicht.

7. Sie sind sehr intelligent
Öhm. Welchen meinen die jetzt? IQ oder EQ? ;)
IQ hab ich übrigens mal getestet, der lag bei irgendwas um 129, glaub ich. Worin ich vermutlich ganz schwach war, waren diese logischen Zahlenfolgendingens oder die mit den Mustern: Führe fort nach Algorithmus-schlag-mich-tot. Aarrggh, das magsch gar nicht. Da habens wohl andere Bereiche wieder "rausgeholt". ;)
Gibt es eigentlich EQ-Tests? 
"Viel über die Dinge nachzudenken bedeutet auch, sie kritisch zu analysieren, weise zu unterscheiden, was man für das Richtige für sein Leben hält."
Ja, ich denke heute viel mehr nach, das liegt vermutlich in der Natur des Menschen. Mit 20 interessieren einen viele Dinge einfach (noch) nicht, vielleicht auch, weil man (oder ich) zu der Zeit zu vieles noch gar nicht weiß. Die Erfahrungen, die Freundinnen mit 15, 16, 18 machten, kamen bei mir ja auch alle erst viel später. (Insofern betrachte ich auch die Entwicklung von Sohn I entsprechend gelassen; der wird sein Ding schon machen, genauso wie ich auch.)
Was man für richtig oder falsch hält, kann sowieso nur jeder für sich entscheiden. Und ob man für sich weise ent- oder unterschieden hat, zeigt sich auch zumeist später.
Aber analysieren.. Ich denke schon, dass es für mich immer wichtig ist, eine Situation auch zu verstehen. Zu verstehen, warum ist dies und jenes jetzt so passiert, wie konnte es so weit kommen, warum hat diese oder jener so agiert. Denn wenn ich verstehe, dann kann ich auch loslassen. Und zwar nachhaltig. Dauert lange bei mir - aber wenn einmal wirklich losgelassen, dann gibt es auch kein Zurück mehr.

Mein Fazit? Früher fand ich Alleinsein langweilig, heute liebe ich es. Aber ich liebe es sicherlich auch deshalb, weil ich weiß, ich bin nicht wirklich allein.