Mittwoch, 8. September 2021

Zeit der Sehnsucht

 

Es gab Tage, da hatte ich angenommen, der Sommer sei in diesem Jahr schon vorüber. Angekündigt mit den letzten herbstlich angehauchten nasskalten, trüben Tagen, die bei mir nicht auf die Stimmung drücken, sondern eher ein Gefühl des Aufatmens vermitteln. Befreit von der Hitze der Tage und der Nächte, die einen mehrmals am Tag das bisschen Stoff herunterreißen und unter einer kühlen Dusche aufatmen lassen.
Vorbei aber auch die Tage am Meer. Da, wo die Seele atmet.Ich weiß, ich hab das schon tausendfach gesagt und wiederhole mich immer und immer wieder - aber.. In Tagen wie diesen blättere ich mich durch die Vielzahl der Fotos, mit denen wir in diesem Sommer die Tage am Meer eingefangen haben. Sie sind in meinem Kopf, aber es hat nochmal eine andere Dimension, wenn ich sie mir anschauen kann, Stück für Stück. Die gefühlte Sorglosigkeit betrachte, mit der ich mich durch diese Tage treiben ließ.

"Veränderungen machen mir Angst", gestand der Mann mir vor einiger Zeit. Ich habe darauf nicht geantwortet, weil ich es schon seit Jahren weiß. Und dieses Jahr fühlt sich so an, als warteten mehrere Veränderungen auf ihn, auf mich, auf uns alle - und überwiegend jene, die ich kenne, betrachten diese Zeit mit Argwohn, mit Furcht, aber auch mit Hoffnung und immer noch Zuversicht. Kann es nur noch besser werden und nicht schlimmer? Was wartet auf uns, was erwartet uns?

Vor wenigen Tagen rief ich eine Freundin an, um ihr zum Geburtstag zu gratulieren. Wir hatten uns länger nicht gehört, sie bei mir nichts lesen können, dafür ich bei ihr. Und sie hatte in einem ihrer letzten Posts ein Gefühl in einem Satz zusammengefasst: Wenn ich auf das Jahr zurückschaue, ist da nichts..
Nichts wirklich, kein Ereignis, an das man sich zurückerinnert und noch nach Jahren noch weiß, wann da etwas gewesen ist. Schon das letzte und auch dieses Jahr fühlt sich eher diffus als erlebt an - und mittlerweile fühlt es sich auch so an, als warte man nur noch darauf, dass dieser Schleier zerreißt und alles wieder klar und wirklich wird. Zum Anfassen wirklich..

Vor ein paar Tagen war Laschet in Erfurt. Dort oben auf der Tribüne stand er und ließ zu, dass jemand ganz ungeplant zu ihm auf die Bühne sprang. Ganz nah. Zu nah? Es war Herr Lauterbach, der umgehend twitterte, das bisschen Abstand zwischen den beiden sei in Zeiten wie diesen einfach unverantwortlich.
Wo ich darüber las, weiß ich nicht mehr, ich habe meinen Twitteraccount schon vor langer Zeit gelöscht. Aber ich las es und das erste, was ich dachte, war: "Dein Ernst jetzt, Karl? Hast du echt nichts anderes zu sagen, als auf einen Abstand hinzuweisen?"
Es ist Wahlkampf, na klar. Da wird jeder mit jedem möglichen Dreck beworfen, und sei der Haufen noch so klein. Hauptsache, er trifft. 
Dennoch. Ich fragte mich: Wo werden wir hinkommen? Wohin soll diese Reise gehen, wenn das erste, woran wir bei einer Begegnung denken, nicht mehr der Gedanke ist: "Ich freu mich so, dich zu sehen", sondern "Oh Gott, hoffentlich geimpft, hoffentlich nicht zu nah"?
Wenn ich jemanden nicht mehr herzlich umarmen darf, mir stattdessen ein Fuß oder ein Ellenbogen hingehalten wird? Wenn die unterschwellige Angst immer und immer wieder befeuert wird, niemanden mehr wirklich an sich heranzulassen? Wenn die, die sich wenigstens ein bisschen Nähe und Herzlichkeit bewahren wollen, als verantwortungslos angesehen werden?

Ich bin ungeimpft, nach wie vor. Und wenn mich jetzt hier wieder jemand mit Verbalscheiße bewerfen will - bitte sehr. 
Mit dem Mann habe ich mich immer wieder mal lange über das Thema unterhalten. Er hatte sich in einem Impfzentrum angemeldet. Eine Anmeldung, die nach einiger Zeit verfiel, weil er keinen Termin vereinbarte. Er beliest sich wie ich. Er hat weniger Furcht als ich und kann sich dennoch auch nicht dafür entscheiden. Und er versteht die meine.
Sechzehn Jahre. Fast siebzehn Jahre. 
Sechzehn Jahre Kampf gegen einen Schmerz im Körper, der mich so oft nicht schlafen ließ, nicht lange sitzen, nicht lange stehen, manchmal nicht atmen ließ. So lange, bis irgendwann neurologische Auffälligkeiten eintraten. Ein Leben wie mit Watte im Kopf. Wie untergetaucht unter Wasser, Geräusche nur von irgendwoher, alles ganz diffus. Ein Gangbild, als hätte ich schon morgens 3-8 im Tee. 
Und niemand, wirklich niemand, der Dir helfen kann. Was man bisher nur von anderen kennt, erfährt man selber: Dass da viel mehr Ignoranz und Gleichgültigkeit ist als Hilfe. Ein ewiger Kampf gegen Windmühlen, den man manchmal aufgeben möchte, weil man nicht mehr kann und nicht mehr will.
Da hilft Dir einfach niemand raus - stattdessen wird Dir immer wieder gesagt, Du hättest ja vielleicht doch ein psychisches Problem. Stressbedingt. Sozialbedingt. Was-weiß-ich-bedingt.
Als wär das nicht auch normal, dass man jenseits der 30 oder 40 einen Rucksack mit sich herumträgt, in dem nicht nur Schokoladenkekse liegen. 
Nach all dieser Zeit habe ich jetzt zwei Ärzte, die mich behandeln, und das erfolgreich. Ich bin fast wieder die Alte. Ich bin fast wieder die, die ich vor dem ganzen Irrsinn war. Und ja, ich habe verdammt nochmal Furcht davor, dass ich mir das wieder kaputtmache. Mit etwas, das weder erprobt noch erforscht noch hinsichtlich einer Langzeitwirkung bekannt ist. Da brauche ich nicht mal irgendwelche alternativen oder gar dubiosen Kanäle zu bedienen - sondern einfach nur den Mainstream-Medien zuzuhören. Nicht mal täglich, aber kontinuierlich. 
BTW: Ich lese bis heute nicht auf alternativen oder fragwürdigen Kanälen. 
Aber ich hinterfrage - bis heute. 
Und viel zu oft bleiben Fragen ohne Antworten.
Aber vielleicht will ich ja manches auch wieder zu genau wissen?
Ich weiß nur eins: Wenns schiefgeht, hilft mir kein Schwein. Kein einziges. Dann steh ich wieder ganz am Anfang, fange ganz von vorne an zu kämpfen. Nicht nur um Gesundheit, sondern auch um Akzeptanz. Noch mal sechzehn, siebzehn Jahre? Oder mehr oder weniger? 

An dieser Stelle hier hatte ich ein paar Zeilen mit meinen Gedanken zur aktuellen Situation geschrieben - und sie gerade alle wieder gelöscht. Es ist mir zu müßig und genau genommen ist es auch egal. Es ist egal, was ich denke - oder was andere Menschen denken. Wir ändern es nicht - auch nicht mit fragwürdigen Demos. Was (für mich) fehlt, ist der allgemeine Zusammenhalt. 
Menschen interessieren sich nicht dafür, warum sich jemand für die Impfung und der andere dagegen entscheidet. Alle wollen sie nur eins: raus aus dieser Situation. Und der eine macht den jeweils anderen dafür verantwortlich, dass das nicht geschieht. Es liegt aber nicht an Dir oder mir, wie lange wir in dieser Starre hängen. 
Die Stadt Rosenheim führte Ende August aufgrund ihrer Inzidenz eine Kontaktbeschränkung ein - ohne Rücksicht auf geimpft oder genesen. Sie zählten alle mit rein. Dieser Beschluss wurde dann eine Woche später wieder gekippt - mit Vorliegen der aktuellen Bayrischen Infektionsschutzmaßnahmenverordnung.
Und Jens Spahn äußerte vor kurzem im Hinblick auf das Testen folgendes: 

„Am Ende messen wir dann Inzidenzen von geschützten Menschen, die keinen Aussagewert haben, mit denen wir aber dann nie aus dieser Pandemie kommen. Außerdem muss Impfen ja auch noch einen Unterschied machen. Warum soll ich mich impfen lassen, wenn sich trotz Schutz um mich herum nichts verändert?“
Wenn man da mal zwischen den Zeilen liest.... Und eben nicht nur da. 

Fun Fact: Ich wollte heute Abend mal die aktuelle Inzidenz von M nachlesen. Auf der offiziellen Seite von M fand ich den Wert 56,4 - cool: Vor fünf Tagen lag er noch bei 70. Auf ner anderen Seite fand ich den Wert 79,5 und dazu die Aussage, die Inzidenz in M würde einen gewaltigen Sprung nach oben gemacht haben. Tja nun. Zwei Seiten mit zwei Werten für ein und denselben Kalendertag. Kann ich mir jetzt den aussuchen, der mir besser gefällt? Meine Freundin meinte: "Mach doch Schnick-Schnack-Schnuck" und ich antwortete "Ich glaub, das haben schon andere für mich gemacht." 

Vor etwa drei Wochen war ich bei meinem Rheumadoc. Er überlegte, ob er zusätzlich zu den Spritzen doch wieder vorübergehend Cortison in niedrigerer Dosis hinzufügt. Und sagte: "Ich geh doch mal davon aus, Sie sind inzwischen durchgeimpft."
Und ich antwortete: "Nein, das bin ich nicht. Ich konnte mich noch nicht dazu durchringen."
Meine Entscheidung versteht er nicht und ich hab noch immer im Ohr, wie er sagte: "Eins sag ich Ihnen: Sie als Rheumatikerin kommen nicht so einfach davon, wenn Sie sich infizieren."
Natürlich gibt mir das zu denken. Allein wissen tut er es nicht. Er vermutet es. Aber er weiß es genauso wenig wie er nicht sagen kann, ob und welche Wirkung die Impfung auf meinen Körper hat. 
Hinzu kommt aber auch, was irgendwie ganz oft unter den Tisch fällt: In 1,6 Jahren Infektionsgeschehen haben der Mann und ich uns verhalten wie sonst auch in Erkältungszeiten: Hygiene, kein Umarmen Dritter, wenn mindestens einer von beiden erkältet ist. Man hört doch nicht mit Umsicht, Vorsicht und auch Rücksicht auf, nur weil man sich gegen eine Impfung entscheidet?
Konsequenz jedenfalls ist, dass der Doc Cortison nicht dazugibt. Weil Cortison das Immunsystem unterdrückt und meinen Körper damit zu einem offenen Tor für alle möglichen Erreger macht.
Das verstehe ich. Und das akzeptiere ich. Kann ich, weil ich noch die Spritzen habe, die das alles wesentlich erträglicher und besser machen als ohne. 

Der Mann und ich haben in diesem Jahr schon gewählt, per Briefwahl. Es wird sich zeigen, wie es ausgeht. Und was dem dann folgt. Ich denke, da kommt eine Menge Veränderung auf uns zu. 
Da sind eine Menge Ideen von verschiedenen Leuten, auch viele Ideen, von denen man sich fragt, wer das alles bezahlen soll - und eigentlich weiß man die Antwort darauf schon. 
Für alles aber brauchts vor allem eins: eine florierende Wirtschaft. 

Der Mann hat Angst vor Veränderungen.
Ich manchmal auch. 

Ich hab Sehnsucht. Sehnsucht nach Meer. Ich wär jetzt gerne wieder dort. Einfach so. Dastehen. Am Ufer. Augen schließen. Für einen Moment einmal mehr aus dem Gedankenkarrussel aussteigen. Die Augen wieder öffnen. Durchatmen. Weitermachen. 

Mittwoch, 11. August 2021

....denn manche Bindungen sind für immer.


Liebe W.W.,

ich weiß, wir hatten uns eigentlich versprochen, dass wir zurückkehren würden zu Stift und Papier. Dass wir einander wieder schreiben würden so wie schon einmal vor vielen Jahren, als ich noch Deine Handschrift bewunderte und mich fragte, wie man so schreiben kann, ohne einen halben Tag für nur einen einzigen Satz aufwenden zu müssen. 
Aber weißt Du... Dieses Versprechen ist jetzt genau 9 Monate alt. Und weißt Du, manch eine bekommt in dieser Zeit ein richtiges fertiges kleines Kind so mit allem Drum & Dran, zehn Fingern, zehn Zehen und so. Wir nicht. Wir schaffen in all der Zeit nicht mal eine einzige Zeile und auf meine kleine Grußkarte aus dem kleinen pittoresken Badeort hast Du natürlich auch nicht reagiert. Ich fürchtete irgendwie schon, Du seist mir ein weiteres Mal abhanden gekommen, ausgewandert vielleicht, ausgewildert womöglich gar - und nichtsdestotrotz packte ich vor einigen Tagen ein kleines Päckchen zusammen. Du hattest nämlich Geburtstag. Vor - ich glaube - zwei Jahren widmete ich Dir hier ganz pünktlich einen ganz persönlichen Post. Aber weißt Du, dieses Jahr ist irgendwie der Wurm drin, ich weiß ja auch nicht so recht. Dem eigenen Bruder gratuliere ich geschlagene vier Wochen zu früh, Dir zwar pünktlich, wenn auch auf die allerletzte Minute beinah - aber das kleine Überraschungspäckchen erreicht Dich dann eben trotzdem einen Tag zu spät. Ein bisschen konsterniert hatte ich ja schon auf Deine Reaktion geschaut, die sich da in meinem Sperrbildschirm breitmachte. Von wegen "Na endlich!!" und ich dachte: Watt willse? 
Mit dem Öffnen des Nachrichtenfeldes jedoch besah ich das ganze Drama und musste dann doch auch irgendwie ein bisschen lachen. Es ist ja nicht so, dass die Erklärung des neunmonatigen Schweigens nicht auch doch zu Dir passen täte, von wegen so mit zerdeppertem Handy und kein Backup und all sowas, nun ja. Im Gegenzug könnteste mir ja auch vorhalten: Du Eule, schreib einfach eher und nicht erst nach 9 Monaten. Womit Du ja irgendwie wiederum auch recht hättest - aber ich rede mich ja doch ganz gerne mal aus heiklen Situationen heraus und beteuere, dass echte Bindungen ja irgendwie auch nicht gleich bedeuten, dass man sich jeden Tag schreiben oder gar sehen muss. Die Verbindung im Herzen, nicht wahr, die gibt es ja schließlich immer noch - und Du weißt auch ziemlich gut, glaube ich, dass ich Dich genau da überall mit herumtrage, von Nord nach Süd und Ost nach West und auch wieder zurück. 
(Habe ich da jetzt eigentlich gekonnt die Kurve gekriegt?)

Immerhin ist die Überraschung jetzt bei Dir - und Du schreibst mir, Du hättest gelacht und geweint zugleich und Dich einfach nur gefreut, alles ausgepackt - nur die Karte, die musste der C. Dir vorlesen, weil Du Deine Brille nicht finden konntest (Warte mal... C.? Hieß der junge Mann echt so, der Dich zu mir auf den Weihnachtsmarkt gebracht hatte? Oder gibts da was, das ich noch nicht weiß?).
Und wieso Brille? Bist Du jetzt auch schon soweit?
Moment.. Was ist das da für ein Bild vor meinem inneren Auge? Wir in dicken, hautfarbenen Thrombosestrümpfen mit ausgeleiertem Bund (ja genau, wenn schon, denn schon), mit Zahnprothesen und wildem grauen Haar.. Wir, die mit arthritischen Fingern versuchen, ein paar Anekdoten auf das Papier zu bringen, während wir ein bisschen lachen, weil wir uns vorstellen, wie sich die andere grad mit der einen Hand verzweifelt den Wollstrumpf überm Thrombosestrumpf hochzuziehen versucht, (frieren im Alter sei bekannt, sagt man), während sie mit der anderen Hand den Brief hält und versucht zu lesen. Was ja immer schwieriger wird, nicht wahr, Arthritis und Schönschrift, eine unglückliche Beziehung ohne Happy End - ganz im Gegensatz zum wahren Leben ihrer Besitzer..
Und denke mal  nicht, ich sei schon ganz komplett auf den Kopf gefallen - denn Du antwortest auf alles, nur nicht auf die Frage nach C. - aber Frollein, so kommst Du mir nicht davon. Ich habs in den Fingern, aber nicht im Kopf! 
Warte mal.. Was schickstn Du da? Oh ein Bild! Na gugge. Du und C., im Bett auch noch (Ihr tragt jetzt Sachen beim Sex? Ist es jetzt schon soweit?), aber warte mal, ja also C. - tatsächlich, das war doch der vom Weihnachtsmarkt, ich erkenn den wieder! 
Was schreibste? Du hättest das nicht absichtlich nicht beantwortet? Okay, kann man ja auch mal vergessen, alles klar. Wer schon ne Brille braucht, dem ist auch das Vergessen nichts Neues. 
Wie? Was haste gesagt? Jawohl, ich sprech da aus ein ganz klein wenig Erfahrung. Aber wirklich nur ein mimi-bisschen. 

Weißt Du, ich bin übrigens gestern morgen mit genau diesem Song von da oben ins Office gefahren. Ach was soll ich Dir sagen, die Sonne schien, es war schon am Morgen warm und diese Musik dazu - da habe ich mich einfach wieder gesehen. Das Funkeln in den kajalumrandeten blauen Augen, das damals noch blonde Haar zusammengezwirbelt und die feinen Härchen bezwungen, die sich hier und da wieder aus dem Haargummi lösten, den Kaugummi zwischen den Zähnen und die geile Jeans vom Bruder geborgt, weil, Du weißt ja, Kind des Ostens, die Eltern wenig Geld, ach na ja und überhaupt das ganze Gedöns von Planwirtschaft, die irgendwie nie recht in die Pötte kamen und eifrig hässliche Jeans imitierten, während sich der Geschmack der Jugend schon längst wieder in eine ganz andere Richtung gedreht hatte.
Und kennst Du noch diese Kassettenrecorder, wo wir immer und immer wieder zu unserem Lieblingslied zurückspulten, bis das Band irgendwann nicht mehr wollte und irgendwo hängenblieb und wir den Bleistift herauskramten - weil nichts die Stimmung trüben durfte, wenn man sich des Nachts in das wilde Getümmel warf und froh war, aus dem Alter raus zu sein, wo man sanft, aber bestimmt um Mitternacht vor die Tür geschoben wurde. Jugendschutz und so, na ja. 
("Hauptsache, du bist nicht erst Mitternacht zu Hause." Natürlich nicht Mitternacht. Ich Revoluzzer, es zwar zwei Uhr morgens und alles war dunkel im Haus und ich dachte, ich könnte mich unerkannt in mein Bett schleichen - aber denkste. Da saß die Mama in der guten Stube auf dem Sofa bei einer kleinen Kerze und rauchte eine nach der anderen, bis das Frollein Tochter ganz vorsichtig die Klinke herunterdrückte - ja und da gabs dann eben auch erstmal ordentlich Schmorze.)
Früher wurde ja überhaupt auch viel geraucht, irgendwie hat mir das damals gar nichts ausgemacht, jedenfalls nicht aufm Tanzboden - auch wenn ich selber nie einen solchen Stengel zwischen den Lippen hatte. Man hat sich einfach in das Getümmel geworfen, die Wangen gerötet vom Glas Stimmungswein, das man daheim noch schnell leergetrunken hatte, beschwingt von der Musik, die so verdammt Lust auf Nacht und Begegnungen machte. Überall Gesichter, Menschen, die tanzten, versuchten zu reden oder einfach nur einander die Zungen in den Hals steckten. Viele Blicke sind mir nicht gefolgt, ich war niemand, der auffiel, jedenfalls nicht auf den ersten Blick. Ich denke, ich bin auch heute immer noch die für den zweiten oder auch dritten Blick; irgendwann bleibt er halt hängen, wenn dann kein anderer mehr da ist. Aber der eine oder andere ist mir eben doch gefolgt - und hängengeblieben. Ach Gott ne, wie aufgeregt man da war. Und ich, ich war ja damals auch wie so ein offenes Buch, nicht wahr, alles konnteste mir im Gesicht ablesen - einfach! alles! 

Fast komme ich mir vor wie so ein altes Frollein, das allein mit ihren Katzen lebt, ein bisschen wundersam geworden, bunte Kleider, bunte Haargummis, bunte Murmeln im Kopp - die auf ihr Leben zurückschaut, in Erinnerungen schwelgt, als wär mein Leben schon fast vorbei; die ab und an mit sich selber spricht und auch immer noch über sich selber lacht.
Vielleicht werde ich ja mal so, vielleicht wird aber alles auch ganz anders - und wer weiß, wenn wir unsere Männer überleben sollten (also meiner wünscht sich das, dass er vor mir gehen darf, damit die ganze Scheiße des Bestattens und Betrauerns an mir hängenbleibt), aber dann hauen wir vielleicht erst nochmal richtig auf die Pauke? Und kaufen uns vom Erbe *kreisch* das heißgeliebte Cafe, zanken ein bisschen über die Einrichtung, weil Du wieder alles perfekt haben musst, während ich noch immer die Meisterin des Improvisierens geblieben bin - aber am Ende wird doch alles so, wie wir uns das vorgestellt und in den bisher ungeschriebenen Briefen (neun Monate, Frollein, ich wollts nur nochmal gesagt haben!) wieder und wieder ausgemalt hatten. 

Nur um eins bitte ich Dich: Schleppe mich bitte niemals an den See, in den Du Dich da so verliebt hast. Ich gönn Dir ja von Herzen Deine Liebeleien, aber weißt Du, es gibt nur eine einzige Leidenschaft - und die gehört dem Meer. Jedenfalls meine. Dem Mann habe ich es erst letztens wieder angedroht geschworen: Ich bleibe nicht für immer in M., ich geh sonst auch alleine wieder weg. 
Also egal, was Du Dir ausguckst, gucks Dir nicht an so einem See an, der noch weiter vom Meer weg ist als ich es jetzt schon bin. Ich war doch grad erst wieder dort, ich habe es gefühlt, ich habe es geschmeckt, ich habe es genossen, diese abertausenden Prickelperlen der Schaumkronen auf meiner nackten Haut; ich habe es geliebt, mich in die Wellen zu werfen, ungeachtet des Lidstrichs, der mich hernach aussehen ließ wie der leibhaftige Küstenpanda. Es gibt einfach nichts Vergleichbares, einfach gar nichts, glaub mir. Noch heute, nach all den Jahren ist es immer noch ein Nachhausekommen, ein ich-öffne-die-knarrende-Tür-und-bin-wieder-angekommen. Der Korb mit den Äpfeln auf dem Steingutboden, der Geruch nach frischer Wäsche und vielleicht nach ein bisschen Zimt und Vanille von Gebackenem. Die weißgetünchten Wände mit den Fotos von glücklichen Gesichtern der vergangenen Jahre - und wenn ich in den Spiegel schaue, dann will ich nicht eines dieser glattgezerrten, glattgespritzten Einheitsgesichter sehen. Nein, dann will ich es sehen, dieses Funkeln von einst in den immer noch blauen Augen, die inzwischen eingebettet sind in all den Runzeln, die ihre Geschichte erzählen. Die meine Geschichte erzählen von einem gelebten Leben voller Glück und voller Liebe, auch von den Nächten, in denen man voneinander abgewandt und voller Groll gelegen hat, bis man irgendwann darüber einschlief, weil es manchmal so arg schwer ist, nur die Hand auszustrecken und zu sagen "Sei einfach wieder gut"... Von den Zweifeln, die man an manchen Tagen zwischen den Zähnen hin und her zerreibt wie ein zähes Stück Fleisch, ob das jetzt wirklich alles so das Richtige ist, was man da so macht und getan hat - und dann doch morgens die Augen öffnet und in das geliebte Gesicht schaut und denkt: Das ist genau das, was ich sehen möchte, wenn ich die Augen öffne...
Ich wollte noch niemals, dass etwas perfekt ist - weil ich es langweilig finde. Weil Perfektionismus nichts ist, an das man sich reiben und auch wieder aufrichten kann. 

Es gibt nichts Faszinierenderes als das Unperfekte, das man immer wieder neu entdeckt. 

Du hattest einen glücklichen Geburts-Tag - das ist genau das, was ich Dir von Herzen gewünscht hatte. Es freut mich wirklich ganz sehr - und es freut mich ganz eigennützig noch mehr, dass Du mir nicht abhanden gekommen bist ♥️

Dienstag, 29. Juni 2021

Unbekannt verzogen

In diesem Jahr hatte der Mann partout keine Idee, mit was er mir zu meinem Geburtstag eine Freude machen könnte.
"Du kaufst dir ja eh alles, was du brauchst", meinte er und ich lächelte: "Zum Geburtstag würde ich mir auch nie was wünschen, was ich brauche." 

Er und auch Freundinnen mögen meine Ideen, sie zu überraschen.

Aber ich bin auch genauso schon seit vielen Jahren nicht nur in meiner Familie dafür bekannt, dass ich zwar an Geburtstage denke, auch pünktlich sogar - aber das Gratulieren meistens auf den Abend verschiebe, wenn man dann Ruhe hätte zu telefonieren - und den einen oder anderen dann doch vergesse. Ja, dafür schäm ich mich und ja, daran arbeite ich. Jedes Jahr und mit jedem Geburtstag neu!

Glücklicherweise gibts ja in digitalen Zeiten auch Medien, die uns daran erinnern. Mein Kalender im Handy beispielsweise ist gut bestückt. Offensichtlich rutscht aber auch da mal was durch - denn es war Facebook, das mich gestern doppelt daran erinnerte, dass mein kleiner Bruder Geburtstag hat.
Ich fragte den Mann per whatsapp, ob ich bis abends warte und wir dann gemeinsam gratulieren.
"Ja gerne!"
Am Abend erinnerte mich der Mann dann auch noch mal dran.
Für gewöhnlich rufe ich dann auch immer an. Innerhalb der Familie fände ich es schändlich, nur zu schreiben.
Gestern Abend - und das haben wir beim Bruder noch nie gemacht - entschlossen wir uns aber zu einem Videocall und dazu, ihm ein Ständchen vorzusingen. 
Als des Bruders Antlitz auf dem Bildschirm erschien, begannen wir zu singen und fast sofort hörten wir seine Frau, wie die im Hintergrund anfing zu schrei-lachen. Wir haben trotzdem tapfer bis zuende gesungen, während er die ganze Zeit schmunzelte und dann arschtrocken meinte:
"Gut gesungen - aber Ihr wisst schon, dass ich erst in vier Wochen Geburtstag hab?"
In diesem Moment wusste ich, warum ich den ganzen Tag irgendwie irritiert gewesen war.
"Facebook hat da was durcheinander gebracht, mir gratulieren schon den ganzen Tag alle möglichen Leute", erzählte er, nachdem wir alle ein bisschen gelacht hatten und der Mann mich beschuldigte, nicht mal zu wissen, wann mein Bruder Geburtstag hätte - und dass wir jetzt auswandern müssten.

"Umziehen reicht bestimmt auch", gackerte ich, "unbekannt verzogen!" 

"Aber macht euch nix draus, [die jüngere Tochter] hat mich auch schon angerufen, um zu gratulieren! Und die müsste es ja nun auch wirklich wissen."

Und was sagt uns das? Dass Facebook schuld ist? Ne.
Analog zu sein ist auch in modernen Zeiten wie diesen nicht immer das Rückständigste.

Freitag, 25. Juni 2021

Und da ist sie...

 ...die Million.

Nicht auf meinem Konto - leider! :) - aber hier in den Leserzahlen, hab es grad gesehen.

Ich danke Euch allen wirklich ganz von Herzen, die mir all die Jahre "die Treue hielten", die hier mitlesen und mitgelesen haben, die teilgenommen haben (mehr oder weniger ;)) - dafür, dass ich Euch habe. 

Jetzt könntsch irgendwie doch wieder e bissl wie heulen, aber wie gesagt: Der Lidstrich ist noch relativ frisch und ordentlich, und das sollte schon noch so bleiben. Bis heut Abend wenigstens, bis zum Abschminken. 

Danke, Ihr Lieben ♥️

Talk to Me


Einer der Gründe, warum ich es in meiner Ehe nicht mehr aushielt, waren die immer wiederkehrenden verbalen Ausfälle. Am Anfang hat es immer nur geschmerzt, in der anschließenden Phase verteidigte ich mich - und in der Schlussphase zuckte ich nur noch die Achseln. Das war eine meiner Erkenntnisse aus jener Zeit: Wenn dir etwas nicht mehr weh tut, dann bist du spätestens dann damit durch und hast abgeschlossen. 

Mit Worten ist es - wie ich finde - wie mit der Musik: Sie können alle deine Wunden heilen - und sie auch alle wieder aufreißen. 
Und wieder und wieder stelle ich fest, dass manche Menschen sich der Kraft ihrer Worte nicht bewusst sind. Sicherlich ist das auch abhängig von der eigenen Felldicke. Jedoch wenn Jahr für Jahr immer und immer wieder auf dieselbe Stelle eingehauen wird, dann wird an dieser Stelle das Fell dünn. Sehr dünn. Und eines Tages kann ich Verbalausfälle nicht mehr tolerieren - und muss es auch nicht. 

Ich überlege, wie ich es so formulieren kann, dass Beteiligte geschützt bleiben - und versuche es so: 

Person A trägt eine Forderung an dich heran und du übernimmst sie, weil sachlich und faktisch alles zusammenpasst, einen Sinn ergibt. Du erinnerst dich zwar, dass da doch noch etwas war, du lächelst auch und schmunzelst in dich hinein - aber du hinterfragst es nicht bei Person A. Musst du eigentlich auch nicht - weil wie gesagt, es passt alles - und außerdem hast du ja die Forderung von Person A erhalten.
Im Nachhinein jedoch stellt sich heraus, dass Person A etwas übersehen hat, etwas ganz Gravierendes. Was dann passiert, kann man sich kaum vorstellen.
Du weißt seit vielen Jahren, dass Person A nur nach außen so selbstsicher tut und wirkt  und es in ihrem Inneren völlig anders aussieht. Du kennst das alles, du hast das in deiner eigenen Ehe bis zum buchstäblichen Erbrechen erlebt und erfahren - in all seinen negativen Facetten. 
Insofern überrascht dich der Anruf an jenem Abend nicht - aber was du dir in diesem Telefonat alles sagen lassen musst, was in dieser halben Stunde über dich ausgegossen wird... Auch das erkennst du wieder, du kennst diese Muster, dass schwache Menschen jegliche Verantwortung für ihr eigenes Fehlverhalten nicht übernehmen können und wollen - allein das Wissen hilft dir jetzt auch nicht. 
Du weißt nur, dass, egal, was du jetzt sagst, alles nur noch schlimmer werden würde. Also bleibst du ruhig und still, sagst nur ganz wenig oder gar nichts - und hörst dir die ganze Scheiße von A bis Z an.
Es vergehen nur wenige Tage, in denen es unfassbar in dir arbeitet. Du schläfst schon seit Wochen schlecht, kannst nicht mehr wirklich abschalten - und kaum hatte sich dieser Umstand etwas beruhigt, genügt ein erster Anruf, um alles wieder aufzureißen.
Und die Kreise ziehen sich, weiten sich aus - und letzte Nacht stehst du irgendwann gegen ein Uhr auf und schreibst eine E-Mail an Person A. Kurz und knapp - aber unmissverständlich. Du stellst dich damit auch vor Person B, weil die am allerwenigsten dafür kann. 
Eine E-Mail deshalb, weil du derzeit nur die Möglichkeit zu telefonieren hättest, um Person A zu erreichen - und weil du weißt, dass dir entweder das Wort abgeschnitten oder einfach aufgelegt wird. 
Also schreibst du nachts mit zitternden Händen ein ganz kurzes, klares Statement - und schließt ab, während du dich wieder in dein Bett legst und versuchst, für den Rest der Nacht wenigstens noch ein bisschen Ruhe zu finden. Erst im Gespräch mit Person B bröckelt deine nach außen ruhige Fassade, und als du aufgelegt hast, weinst du so lange, bis du aufstehst und dir einen Lidstrich ziehst: Ab jetzt keine einzige Träne mehr, sonst verläuft ja alles. 

In den vergangenen Wochen habe ich mich hin und wieder gefragt, woran es liegt, dass die Haut so dünn geworden ist. Liegt es am fortschreitenden Alter - oder einfach daran, dass es Dinge gibt, die nicht sein können und auch nicht sein dürfen, und dich ein gewisses Maß an Lebenserfahrung deine eigenen Grenzen neu stecken lässt? Auch fragte ich mich: Wie viele Spritzen soll ich mir setzen, wie viele Medikamente soll ich nehmen, wie viel Sport soll ich machen, um gut über den Tag zu kommen, wenn dir an einer Stelle wieder und wieder deine Energie abgesaugt wird? Für Dinge, für die du mitunter nicht mal wirklich etwas kannst.. An denen du selber oft nicht mal beteiligt bist? Ich habe mittlerweile die offizielle  medizinische Bestätigung, dass die körperlichen Beschwerden keine psychische Ursache haben - aber mir ist durchaus bewusst, dass dieser Druck im Kopf das Ganze nicht besser macht und auch nicht positiv beeinflusst. 

Ich habe durch Person A eine ganze Menge erfahren, für die ich ihr wirklich sehr dankbar bin.
Dieser Umstand hat mich über so einige Jahre "gerettet", in denen ich mich längst lösen wollte. 
An dieser Dankbarkeit würde auch ein finaler Bruch nichts ändern. Nur wenn ich nicht nur an mir selbst feststelle, dass Person A mich nach und nach in meinem eigenen Inneren zerstört, dann müssen Konsequenzen über dieser Dankbarkeit stehen. 
Wie sagt Person B immer so schön? "Dafür ist mir meine Lebenszeit zu schade."

Vor 18 Jahren habe ich mich von meinem Ehemann getrennt, damit ich nicht aufhörte zu existieren.
Es hat viel Arbeit gebraucht, um mich von diesen Jahren zu lösen, die Schale aufzubrechen und hervorkommen zu lassen, was und wer ich wirklich bin.
Und ich habe keine Lust, mir das alles systematisch wieder zerstören zu lassen. 

Letztens sagte jemand zu mir: "Ich hätte schon vor zehn Jahren mein Leben ändern sollen."
Ich antwortete darauf: "Das kannst du jetzt nicht mehr ändern. Aber sei doch froh, dass du dein Leben jetzt geändert hast. Stell dir vor, du wärst am Lebensende angekommen und müsstest dir sagen: Hätte ich doch nur. Aber jetzt kannst du genießen, was du hast."
Und dasselbe habe ich aber auch vor. 

Donnerstag, 17. Juni 2021

you were good to me



Irgendwo hatte ich mal gelesen: "Musik heilt deine Wunden, und reißt sie alle wieder auf."
Aktuell ist es so, dass sie meine Seele heilt. Wenn es noch ein bisschen dauert, bis ich wieder am Ufer des Meeres stehen kann, die Augen schließe, den Kopf in den Nacken lege, die Arme ausbreite, um ganz tief einzuatmen - dann muss es jetzt für den Moment die Musik sein.. 

..ich freu mich so, so sehr auf das Meer, ich freu mich so, so sehr auf die Tage dort. Ich freu mich unfassbar sehr auf diese Auszeit, ich mag barfuß durch den Sand laufen, die Sandalen in den Händen schlenkern, mir den Wind in den Haaren wuseln lassen. Hier und da einen Crepe essen vielleicht, ein Käffchen trinken sowieso, ich mag liebgewordene Plätze besuchen und neue erkunden. 
Ich mag eintauchen in das Meer, die unendliche Weite erahnen, mit kraftvollen Bewegungen durch das Wasser gleiten, nichts tun müssen, aber wollen.. mich treiben lassen und mir abends den Sand aus den Haaren waschen.. Ich liebe den Geruch frischer Haut und frischer Wäsche.. Ich liebe es, beim Autofahren das Fenster herunterzulassen und den Wind durch die gespreizten Finger fegen zu lassen, die Musik aufzudrehen, mitzusingen.. Am liebsten sind mir die Momente, in denen wir beide mitsingen.. 

Gut eine Woche war ich jetzt hier in L, nachher werde ich in aller Ruhe meine Sachen zusammenpacken, noch einmal überall ein wenig Ordnung machen, bevor ich morgen früh das Haus verlasse. An der Situation der letzten Wochen hat sich nichts verändert, alles ist nach wie vor noch genauso belastend, anstrengend, bedrückend, doch meine Seele erholt sich grad wieder. So ist es irgendwie immer gewesen: Ich kann eine ganze Menge ab, bevor es mich dann doch in die Knie zwingt, - aber für gewöhnlich dauert es nicht wirklich lange, bis sich mein inneres Ich wieder ordnet und sortiert und mit neuer Kraft wieder aufsteht. Wenn ich wenigstens ein was in den letzten Jahren gelernt habe, dann, dass ich meine Grenzen respektiere. Dass ich mich mit mir selbst beschäftige, in mich hineinhöre im Sinne von "Was braucht es jetzt, um wieder aufzustehen?" und das dann aber auch so mache. 

Wenn ich morgen nach Hause komme, gehören der Rest des Tages, der Abend und die Nacht mir ganz allein - und darauf freu ich mich. Ich bin gerne mal allein. Für mich selbst. Nicht gefordert werden, nicht sprechen müssen, nichts tun müssen. Mich wie früher auf dem Holzfußboden ausstrecken, die Augen schließen und die Vibration jedes einzelnen Klanges aufnehmen. Spüren, wie die Klänge auf der Haut tanzen, die Härchen sich aufrichten. In solchen Momenten kann ich überall dort sein, wo ich gerade sein will. Ich kann mich überall hindenken, hinfühlen - und zurückkommen und noch immer ganz beseelt sein von den Bildern, die in meinem Kopf wohnen. Es sind diese Bilder, aus denen ich  meine Energie ziehen kann, die mich tragen, für heute, für morgen. Diese ganz privaten, persönlichen Rettungsinseln, für die ich nichts brauche.. außer Zeit mit mir selbst.. und Ruhe um mich herum.. 
Ich empfinde das als meinen ganz persönlichen Reichtum, der mir nicht genommen werden kann.

Donnerstag, 10. Juni 2021

Die Summe aller Dinge


Durch das Lesen verschiedener Postings hab ich auch immer wieder in meinen eigenen Blog geschaut und schon auch registriert, dass ich ein Weilchen nichts mehr geschrieben hab. Sicherlich gabs Momente, in denen ich dachte, ich müsste das jetzt mal aufschreiben - und am Ende eines Tages war ich dann doch irgendwie zu müde, innen wie außen.

Es war.. irgendwie zuviel.
Und es war zuletzt keine gute Zeit. 
Erst gestern Abend debattierte ich mit einer Freundin und merkte an, dass sie  - für mein Empfinden - irgendwie nur noch damit beschäftigt sei, zu allen möglichen Ärzten zu gehen. Hier ist was, dort ist was, im Blut eine Abweichung, dort ein Normwert latent überschritten. Manche Dinge sind vielleicht aber auch wie sie sind, ohne dass deshalb auch gleich irgendwelche Erkrankungen dahinterstecken müssen. So wie eben der eine große Ohren, der andere kleine Ohren hat. 
Sie meinte daraufhin, sich jahrelang nicht um sich gekümmert zu haben - aber eben jetzt.
Was mich zur spontanen Frage bewegte, ob das "sich um sich selbst zu kümmern" tatsächlich meint, permanent in sich selbst hineinzuhorchen und alles und jedes zu hinterfragen? 
"Wäre es nicht eher Zeit, loszulassen und sich mehr auf das Leben zu konzentrieren?" fragte ich sie - und ich fragte das auch mich. 

In den letzten Wochen hab ich eine ganze Menge einstecken müssen. Dass es dabei fast niemals um mich ging, hat mir vermutlich geholfen, das überhaupt so lange Zeit aufnehmen und irgendwie "wegstecken" zu können. Aber eines Tages war dann der Punkt erreicht, an dem ich eben nichts mehr aufnehmen konnte. Ein Zeitpunkt, an dem dann auch mir Fehler unterliefen. Keine gravierenden, keine, die Geld oder Ansehen oder überhaupt irgendetwas kosteten - aber Fehler, die an mir nagen, weil sie vermeidbar wären, würde mein Kopf sich nur ein bisschen freier fühlen. Und Fehler, die das Gegenüber vergessen lassen, was man an den anderen 362 Tagen leistet. Ganz gleich, ob es sich um dienstliche Belange oder mentalen Beistand handelt. 
Man ist einfach nichts mehr, wenn man nicht an 365 Tagen seine einhundert Prozent perfekt abliefert. 
Es ist nicht so, dass ich das nicht kenne - aber derzeit werden meine Grenzen wohl neu gesteckt. 
Das waren Tage, an denen ich noch vor sieben Uhr zu Bett ging, völlig hinüber und innen wie außen erschöpft, ich mich gar nicht so selten in den Schlaf weinte und mich dann ab etwa drei oder vier Uhr ruhelos hin und her wälzte. 
Ich konnte mich zu nichts mehr aufraffen, kein Buch lesen, kein Spiel zocken, keine Musik hören, keine neuen Steine bemalen - nichts. Nichts, das mir irgendwie inneren Frieden verschaffen konnte. Das Miteinander mit dem Mann - ein stilles Miteinander, in dem er respektierte, dass die Zeit grad keine gute Zeit war. Ein Miteinander, in dem er sich dann und wann sorgte und sich vermutlich fragte, wann ein Zuviel auch tatsächlich zuviel war. Ein Miteinander, in dem er sich durchaus zurücknehmen konnte, andererseits aber auch spüren wollte, dass ich ihn immer noch wahrnehme. Als Mensch, als Partner - und als Mann. 

Es waren Wochen, in denen ich spürte, wie dünnhäutig ich sein kann.
Auf die Nachricht, dass mein Kollege ganz überraschend in der Reha verstorben ist, reagierte ich, indem ich einen ganzen Tag lang weinte. Das Leben im Office geht weiter, als wär nix passiert, während ich ihn immer noch vor mir sehen kann, mit dem breiten Grinsen und seiner Zahnlücke. 
Ich spüre, was es mit mir macht, wenn über Mitmenschen gelästert wird, wenn regelrecht schlecht über Mitmenschen gesprochen wird - und ich ertrage es nicht mehr. Nicht die Art und Weise, nicht die Wortwahl. Es widert mich an.
Wenn man ein Problem mit jemandem hat, geht man hin und sagt ihm das - oder man lässt es und hält einfach sein Maul. 
Ich ertrage es nicht mehr, wenn Menschen, die alles haben, sich über andere erheben, die nicht soviel haben, oder sich einfach für einen anderen Weg entschieden hatten. Es muss nicht jeder alles können.
Ich ertrage es nicht mehr, wenn Menschen Verantwortung übernehmen - und sich genau darüber tagtäglich beklagen und auslassen. 
Kann man nicht einfach nur mal dankbar sein, verdammt?

"Wäre es nicht eher Zeit, loszulassen und sich mehr auf das Leben zu konzentrieren?" habe ich gestern Abend meine Freundin gefragt - und ich beziehe diese Frage auch auf mich, wenn auch aus anderen Gründen. Vielleicht gelingt mir nicht immer der Spagat zwischen Zuhören und Abgrenzen. Aber mein Akku ist leer, verdammt leer. Leergesaugt von Menschen, die das nicht achten, nicht zu schätzen wissen.

Am Samstag fährt der Mann für ein paar Tage weg und ich hab mich entschieden, nach L zu fahren. Ohne ihn fühl ich mich hier irgendwie.. verloren.. ängstlich beinah - ein komisches Gefühl. In meiner Wohnung in L geht mir das kurioserweise gar nicht so - hier schon. 
Und im Juli fahren wir ans Meer. Endlich, endlich wieder ans Meer. Wie sehr ich eine Auszeit brauche, spürte ich vor etwa zehn Tagen, als ich morgens erwachte und am ganzen Körper zitterte - und das auch den ganzen Tag lang so blieb.
"Ich möchte dann bitte auch wirklich Urlaub haben", sagte ich zur Kolleginfreundin. Was bedeutet: nur Anrufe, wenn sie wirklich unumgänglich sind. 

Vor wenigen Tagen hatte ich Geburtstag. Wieso ich das dachte, kann ich nicht mal beantworten, aber ich sagte mir: "Wenn es kein schöner Geburtstag werden sollte, dann werde ich mich einfach umschauen, ob ich irgendwo ein paar Tage ans Meer fahren kann - und dann mache ich das auch, ganz alleine." Auf der Rückbank in der Tasche nur ein paar Kleidchen, Sandalen, Bücher und meine Musik. Und dann hätte ich in diesen paar Tagen niemanden hören, niemanden sehen wollen, sondern einfach nur mal an mich gedacht - und es mir gut gehen lassen.
Während ich das hier grad so aufschreibe, überkommt mich grad so eine Ahnung, warum ich im Moment so denke und fühle: weil ich so müde bin. So unfassbar müde, dass ich mich kaum über etwas richtig freuen kann. Ich lächle, ich lache, ich umarme - aber in mir drin.. ist Müdigkeit. Und das muss ich ändern. Wenigstens kann ich jetzt schon wieder Musik ertragen. 

Freitag, 30. April 2021

Anekdötchen zum Freitag

Auf dem Geschäftskonto befindet sich eine Abbuchung der Pinkfarbenen, die niemand wirklich zuordnen kann, weil die Rechnung dazu fehlt. (Stimmen meinen ja, der Chef hat sie bloß verbummelt, weil er der einzige ist, der sich erinnern kann, sie mal gesehen zu haben. Aber gut.)

Also nehme ich mir den Kontoauszug, hänge mich in die Leitung und bin nach sage und schreibe zwei Minuten am Bearbeiter dran. Von wegen Früher war alles besser! :)
Er prüft, wundert sich, verspricht mir eine Umstellung von Papier- auf PDF-Versand (der treue Leser erinnert sich vielleicht, was das vor Jahren für eine scheiß Verrenkung war, weil sich das online partout nie einrichten lassen wollte) und die Nachsendung einer entsprechenden Kopie.

Er: "Haben Sie sonst noch irgendwelche Wünsche zu dieser Rufnummer?"

Ich: "Nein, vielen Dank, sonst passt alles."

Er: "Weil, ich kann ja mal gucken... Warten Sie mal... Ach Gott, bloß ne Sechstausender Leitung... Das kann man doch optimieren."

Ich: "Ne, kann man nicht, das geht dort in dem Ortsteil nicht, das wird erst noch ausgebaut, das Netz."

Er: "Na ja, aber ehrlich, sechstausend.. Normal geht unter Minimum Sechzehn nix mehr."

Ich: "Ja das stimmt, mit Sechs fange ich auch gar nicht erst an."

Stille.

Er räuspert sich, ich kriege einen roten Kopf. Wenigstens sieht er den nicht!

Freitag, 23. April 2021

Stand By Me


Wisst Ihr, was das Geilste am heutigen Freitag war? Nicht nur, dass Wochenende ist. Nicht nur, dass ich wieder zu Hause mit dem Liebsten bin. Nicht nur, dass es allen, die ich liebe, gut geht - einschließlich meiner Eltern, die erst am Montag geimpft worden waren und bis auf eine schmerzende Einstichstelle zunächst keine weiteren "Blessuren" davongetragen hatten. Auch nicht nur deshalb, weil mein Vater mir unbedingt von einer gestrigen Erkenntnis berichten wollte: "Wusstest du eigentlich, dass ihr Frauen auch eine Prostata habt? Die liegt über der.. über der.. wie heißt die noch mal.. Kliotiris?" 
Ich habe so herzhaft lachen müssen, dass der Mann wortlos die Terrasse verließ und sich in das Innere der Wohnung zurückbegab, um dort in Ruhe ungestört weiter surfen zu können. 
Und ich dachte, ich schreib das jetzt lieber gleich mal auf, bevor ich seine neueste Wortschöpfung wieder vergesse :)

Aber nein: Das Geilste am heutigen Freitag war, in den drei komma fünf Stunden der Heimfahrt zu sehen und zu genießen, wie rechts und links des Highways die Natur komplett aufbricht, alles neu erblüht - und alles wieder genau so herrlich farbenfroh wird wie ich genau das am Frühling so wahnsinnig liebe.
Ja und dann noch dazu so eine Mucke, die ich seit der Zeit, als ich begann, in Diskotheken zu gehen, einfach liebe, weil sie mir ein so unglaublich beschwingtes Lebensgefühl vermittelt. 

Eigentlich dürfte ich genau DAS jetzt nicht so aufschreiben, weil es dann maximal nur drei Tage dauert, bis sich dieses Lebensgefühl wieder in das Gegenteil verkehrt. Und bei diesem Gedanken muss ich gleich wieder an meinen Jungen denken, der sich für heute in die Nachtschicht in der Klinik eintragen ließ und morgen aber auch für die Frühschicht. Eine Frühschicht mit Krankenfahrdienst über Land. Ich weiß, dass er dem Wesen nach eine Eule ist (das hat er von seiner Mutter, ganz klar), aber wenn ihm Nachtschichten damit auch nicht so viel ausmachen wie vielleicht anderen, so braucht auch eine Eule ihre Ruhephasen (...) - und die hat er sich ja nun selber genommen. Das bedeutet, er wird rund 18 Stunden am Stück arbeiten. Ärzte, Pfleger werden drüber lachen, für die sind das kleine Fische, die kennen sowas zur Genüge. Und wäre er nur am Klinikstandort, würde ich das evtl. genau so sehen. Immerhin schlief sein Kollege letzte Nacht ja auch den Schlaf der Gerechten im Pausenraum, während der Junge einen Auftrag nach dem anderen abarbeitete, weil man eben besagten Kollegen nicht erreichen konnte. Und in der Nachtschicht sind sie halt auch nur zu zweit. Und dass so ein Power-Nap kleine Wunder bewirken kann, habe ich selbst schon mehrfach erfolgreich getestet.
Aber die Tagschicht bedeutet: ständig mit dem Krankenfahrzeug unterwegs, keine Pause; wenn er Pech hat, nicht mal zum Essen - und dann irgendwann noch ca. 45 Minuten lang nach Hause fahren. Da mache ich mir schon so meine Gedanken. Ob er dann noch aufmerksam genug ist, auf den Straßenverkehr zu achten. Ob ihm hoffentlich nichts passiert. Ob er hoffentlich niemandem anderen schadet. Heute Morgen hab ich nur zum Abschied gesagt: "Kannst du die Schicht denn nicht noch tauschen?" 
"Ne, will ich so kurzfristig nicht, war ja mein Versehen."
"Ok. Aber pass bitte gut auf dich auf."
Ist ja nicht so, dass ich ihm nicht zutraue, er könnts nicht schaffen. Es ist nur, dass ich mich bei sowas um ihn sorge, grad weil er ja auch so ein Mensch ist, die Gedanken hier, die Gedanken da, nicht immer da, wo sie grad sein sollten (wieso nur kommt mir das auch so bekannt vor? ;)), na ja und dann passiert eben schnell auch mal was. 
Aber okay, ich habs jetzt hier aufgeschrieben, damit bekomm ich es ein Stück weit aus meinem Kopf raus und morgen Abend werde ich ja sehen, ob und dass er hoffentlich in seinem Bett liegt und sich ausschläft. Kann er wenigstens nicht rauchen in der Zeit, hat also auch sein Gutes. 

Eigentlich dachte ich, ich würde mich heut Abend wieder hersetzen und Steine bemalen. Aber erstens guckte der Mann schon etwas konsterniert, weil ich mich an den Schreibtisch statt zu ihm setzte (aber hey, wenn ER am iPad rumgurkelt, dann kann ich ja auch bloggen, oder? :)) und zweitens hat er mir den letzten Rosé eingeschenkt, der noch im Kühlschrank stand. Und jetzt? Hab ich ein Gesicht, als hättsch zu lange in der Sonne gelegen; ich fühl mich außerdem, als sei ich auf Speed und eigentlich.. hab ich heut fürs Malen, glaub ich, keine innere Ruhe mehr. Morgen. Vielleicht. Oder Sonntag. Sonntag dürfte auch ein guter Tag zum Steinebemalen werden. Immerhin hat erst gestern eine Kollegin den einen bewundert, den ich schon eine ganze Weile mit mir herumtrage, weil ich es einfach nicht schaffe, ihn der herzliebsten Freundin zu schicken - und sie fragte mich dann im dritten Anlauf, ob sie sich auch einen aussuchen dürfte. Natürlich darf sie das! Mich freut das wirklich richtig sehr, dass die Steine gefallen und dass die auch sogar jemand haben möchte, so von sich aus. 

So und jetzt geh ich zu meinem Mann und schaue mal nach, wo wir.. ach nun ja.. ;)

Mittwoch, 21. April 2021

Das Netz in Pink

Ich habs grad mal gegoogelt: Onlinedating gibt es schon seit 1995. Mich selbst gab es dort erstmals im Frühjahr 2003. Und das auch nur, weil mir meine damalige Freundin immer wieder und sehr eindringlich dazu riet: Nach dem schwierigen Ehe-Aus und einer schmerzhaften Trennung meinte sie, es sei unbedingt gut für mich, etwas Ablenkung zu finden. Ganz egal, was dabei rauskommen würde - Hauptsache, ich käme mal auf andere Gedanken. 
Also habe ich das irgendwann einfach gemacht. Von nix ne Ahnung gehabt, einfach gestartet und auf mich wirken lassen. Und klar hatte ich Zweifel. Ich glaubte ernsthaft, alle Männer in dem von mir bevorzugten Alter *kreisch* seien sowieso alle (glücklich) vergeben, mir bliebe jetzt nur noch ein Jungbrunnen oder ein Opa. 

Worauf ich damals schon nicht eingestellt war (Stichwort: von nix ne Ahnung!), war die Tatsache, dass solche Art Plattformen eben auch ideale Plattformen waren und sind für all diese verkrachten Menschen: Männer geben sich als Frauen aus, Frauen sich als Männer, Ehepartner geben sich als Singles aus oder als getrennt (wovon die bessere Hälfte übrigens gar nix wusste) - kurz, man kann im Netz sein, wer man will, die Anonymität machts leicht. (Man kann das in der Realität natürlich genauso, also jedenfalls Single sein; der Rest würde freilich schwierig ;)) 

Was die Anonymität im Netz genauso einfach macht, erlebe ich seit 2008, seit ich zum Beispiel auch bei FB herumschwirre, immer wieder - und trotz allem Wissens erschüttert es mich auch immer wieder: Die Art und Weise, wie Menschen miteinander umgehen, und je anonymer Du Dich selbst dort hältst, desto rauher wird der Ton. Zumindest war es vor wenigen Jahren noch so. Zwischenzeitlich gehen die Leute "offen" auf andere los, beschimpfen, beschmutzen, was das Zeug hält - und man muss sich mittlerweile wirklich gut überlegen, ob man sich überhaupt noch an einer Diskussion beteiligt oder es besser lässt. So für den eigenen Seelenfrieden und die eigenen Nerven und so. 
Aber ist es nicht auch wirklich erschütternd, dass es kaum noch ein Thema gibt, bei dem es sowas wie eine Diskussionskultur gibt? Ich habs schon öfter gefragt, aber ich frage mich das in der Tat auch immer öfter selbst: Was ist nur mit uns Menschen los?

Selbiges dachte ich auch beim Thema der pinkfarbenen Handschuhe für die Entsorgung der monatlich benötigten Hygieneartikel der Frau. Wirklich rein zufällig haben der Mann und ich diesen Abschnitt der Sendung mit den Löwen gesehen. Ich weiß noch, dass der Mann zu mir meinte: "Na ja, aber da kannste auch deine kleinen Tütchen für nehmen, brauchste nicht extra nen Handschuh." Gemeinschaftlich befanden wir außerdem: Drei Euro für zehn Torpedos und zehn pinkfarbene Handschuhe zum Entsorgen sind zu teuer. Und überhaupt schon wieder Plastikmüll, ach na ja ne.
Und irgendwie war das Thema für uns dann auch erledigt.
Umso überraschter war ich, was im Anschluss an diese Sendung im Netz lostobte. 
Vor allem nach der Kritik der beiden Erfinderinnen der Periodenunterwäsche. Zwei Frauen, die vor zwei Jahren auch bei den Löwen waren - und ohne einen Deal wieder von dannen ziehen mussten. 
Und jetzt mokieren sie sich und empfinden es als einen Angriff auf die Frau, weil ein Mann etwas erfindet und dafür auch noch belohnt wird, während die Frau etwas für sich selbst erfindet und nix bekommt?
Ich sags mal so: Neu ist diese Erfindung des Handschuhs an sich sicherlich nicht - und ob der Handschuh nun pink sein musste oder nicht, ach Gottchen, na ja, also wisster. Mir persönlich isses scheißegal, ob nun blau oder grün oder pink oder schwarz. Und vielleicht ist das Ganze auch nach vier Jahren Nachdenkzeit noch nicht ausgereift gewesen, wenn zwar der Handschuh recyclingfähig ist, aber er ja zusammen mit einem Torpedo im Müll landet - und dann sieht die Recyclingfähigkeit schon wieder etwas diffiziler aus. 
Den Grundgedanken an sich aber fand ich persönlich jetzt trotzdem nicht so verkehrt: Je nach Intensität einer Erdbeerwoche kann ja auch das Entfernen in eine Sauerei ausarten. Wenn man dann das Ganze gleich noch in eine Hülle auffangen kann - wieso nicht? Und ich bin auch eine Frau, die sich für ihre Erdbeerwoche nicht schämt oder so n Scheiß, ich hab da auch keine Komplexe und der Mann auch kein Problem - aber ich hab es trotzdem gerne sauber und diskret und will obendrein auch nicht irgendwelche durchgesibschten Teile in meinem Müll wiedersehen, wann immer ich den Deckel öffne. An guten Tagen können da gerne auch mal zehn Stück zusammenkommen. Was ist mit Euch Frauen los, die der Meinung sind, sowas muss man nicht tabuisieren, das gehört nun mal zur Frau dazu und soll ruhig jeder sehen? Na klar gehört das dazu - aber deswegen ist das trotzdem immer noch nix Schönes, das ich mir immer wieder angucken muss?! Ihr kackt doch auch nicht anderen vor die Tür und hebt dann die Schultern "Ja sorry, konntsch nicht mehr halten, aber is ja auch was ganz Natürliches und mit der Zeit sogar biologisch abbaubar!"
Und ja, auch die Frauenartikel können riechen - und wenns um Gerüche geht, gleich welcher Art, da bin ich empfindlich. Ich muss das nicht haben und bin da für jede Idee, jede Lösung offen.
Und ich bin eine Frau, die im Gegenzug mit so nem Erdbeerschlüpper nix anfangen kann und auch nicht will. Mir persönlich ist das viel zu unhygienisch, ähnlich wie das Tragen von Binden - auch wenn die Schlüpper vermutlich das ökologisch Nachhaltigste sind. 
Ich mags trotzdem nicht haben. 
Meiner Meinung nach reguliert sowas einfach auch der Markt: Entweder wird ein Produkt angenommen - oder es wird nicht angenommen. Und mir persönlich ist das sowas von egal, ob da ein Mann für die Frau erfunden hat oder die Frau für die Frau. Das Produkt muss gut sein - der Rest ist doch wurscht!? Die Pille hat übrigens auch ein Mann erfunden - sollen die Frauen die jetzt auch nicht nehmen, bloß weil da ein Mann seine Griffel im Spiel hatte? Und die Pillen, wenn ich mich recht erinnere, waren früher auch pink bis  rosa. Hat auch bloß niemanden interessiert und das beste ist: An der Farbe is auch niemand kaputtgegangen, die hat doch tatsächlich niemandem geschadet.

Beim Anschauen des Kritikvideos der Schlüppershopgründerinnen auf Instagram jedoch überkam mich vor allem ein Gedanke: Ey, eure Kritik klingt vor allem nach Neid, nur weil die zwei Typen nen Deal bekommen haben und ihr nicht. Vielleicht war Euer Produkt aber auch einfach nicht so der Brüller?
Mit über 3 Millionen Klicks haben sie außerdem nebenbei gleich noch n bisschen Werbung für sich und ihr Produkt gemacht, kann ja auch nicht schaden, nicht wahr? Man macht ja genau genommen schon Werbung in der Löwen-Sendung, ganz egal, ob man mit nem Deal da rausspaziert oder nicht. Wenn was wirklich gut ist, setzt sichs auch anschließend durch. Ob die zwei Schnaken genau davor möglicherweise Angst hatten?

Wirklich erschüttert aber war ich dann heute Abend, als ich las, wie es den beiden Männern und ihrem Handschuh inzwischen ergangen ist: 

"Die Gründer schreiben in ihrem Statement auch über das Ausmaß der Kritik: 'Was uns nachhaltig sehr trifft, ist die Tatsache, dass wir einer heftigen Welle an Hass, Mobbing und Gewaltandrohungen bis hin zu Morddrohungen ausgesetzt sind. Wir werden auf offener Straße attackiert und beschimpft.'“ 

Echt jetzt? So weit ist das Ganze gegangen? Wegen nem Handschuh in Pink?? So sehr haben sich die Frauen im Netz gegenseitig selber hochgeschaukelt, teils anonym und dann ganz in echt auf offener Straße?? Seid Ihr noch zu retten?? Ob das auch so ausgeartet wäre, hätten da nicht zwei Männer, sondern zwei Frauen gestanden? Man darf es tatsächlich bezweifeln.
Da möchte man doch sagen: Schämt Euch, Ihr zwei Weiber von Instagram, für das, was Ihr da losgetreten habt und Euch vermutlich immer noch im Recht damit fühlt. Ob das dem Feminismus wirklich gutgetan hat oder Ihr beide genau den Grund dafür liefert, warum Feministinnen bis heute so belächelt und so wenig ernst genommen werden, da bin ich mir echt auch nicht mehr sicher. 
Und ich bin wirklich eine Frau, manche von Euch konnten sich davon auch schon live überzeugen.

Ich persönlich finde es jedenfalls einfach nur noch traurig, in welche Richtung sich unsere Gesellschaft mit jedem Jahr weiterentwickelt. 

Ich bin übrigens auch eine Frau mit mehr Freundinnen als Freunden - und als solche zeigte ich gestern bei FB dieses Foto mit der Frage, die ich dem Mann zuvor gestellt hatte: "Sach ma... schlägst du mich manchmal nachts heimlich?"
Denn dieser blaue Fleck war am Abend zuvor noch nicht da, gestoßen hatte ich mich auch nicht - aber nachdem ich mich morgens am Schreibtisch niedergelassen hatte, stellte ich eine leichte Verfärbung fest, die im Laufe des Tages immer deutlicher wurde. 
Was soll ich sagen... Kommentiert hatten nur Freundinnen - und alle waren für den Mann und alle gegen mich. Pffff. Sind wahrscheinlich alles keine Feministinnen ;) 

Dienstag, 13. April 2021

Still ruht der See

 


Als ich dieses Video zufällig bei FB fand, konnte ich einfach nicht aufhören zu lachen: Nicht nur, dass ich rein optisch vom Hals abwärts der linken Protagonistin sehr ähnlich bin, nein, auch die Mimik (köstlich!!!) und diese Erkenntnis: Einmal hingucken reicht, um zu verstehen, dass die eigene Grenze bereits vor dem allerersten Versuch erreicht war - und stattdessen dem Dolce Vita zu frönen... Herrlichst!!!

Der Mann hat zwar auch gelacht, noch mehr aber freilich die rechte Protagonistin bewundert - und natürlich durftsch mir gleich wieder n Vortrag anhören über Disziplin, Kontinuität und so weiter. Kenn ich alles, habe ich mindestens schon hundertfünfzig Mal gehört, so dass ich spätestens ab dem dritten Satz abschalte und intuitiv nur noch an den richtigen Stellen verstehend nicke, während ich gedanklich längst schon wieder sonstwohin abgeschweift bin. 

Nicht falsch verstehen: Natürlich steckt auch in meinem Fleisch ein Stachel Eitelkeit, aber gefallen will ich in allererster Linie vor allem mir selbst. Weder bin ich besessen von Idealen, die andere für sich selber stecken, noch bin ich erfüllt von einem falschen Ehrgeiz, der mich nur dann zufrieden sein lässt, wenn alles ganz nach Plan abgearbeitet ist und läuft. Ich bin einfach nicht dafür gemacht, unrealistischen Zielen nachzulaufen und mir selber das kleine bisschen Leben zu vermiesen.

Überhaupt auch frage ich mich manchmal, ob irgendwas mit mir nicht (mehr) stimmt. Ob ich irgendwo vielleicht doch ne Überproduktion von Serotonin oder Oxytocin oder was weiß ich hab? Vor gut zehn Jahren vermutete ja die Schmerzärztin schon mal sowas in der Art, allerdings im Hinblick einer negativen Auswirkung auf meinen Körper, und als ich fragte, ob man das denn nicht messen könne, antwortete sie spontan: "Ja, aber erst, wenn Sie tot sind." Nun ja. E bissl kontraproduktiv, wenn Ihr mich fragt. 
Aber.. Es ist ja nun nicht so, dass mich nichts mehr berührt oder Negatives mich nicht mehr tangiert oder nicht auch verrückt machen würde. Aber wie ich letztens schon erzählte, stelle ich doch immer öfter an mir fest, wie gelassen ich auf vieles reagiere. Ich erinnerte mich auch an eine Schmerztherapeutin, die mich fragte, wie ich Frust und Ärger rausließe. Und ich erklärte, dass ich immer Musik hören würde, wenn mir was zuviel würde. Und sie meinte, das sei ja gut und schön, aber ich müsse es doch auch mal rauslassen. Mach ich doch! Zwar singe ich nicht mit, wenn ich frustriert bin, und abtanzen tu ich dann auch nicht - aber wenn alle vier Wände erzittern ob der Klänge (okay, meist sind es nicht die vier Wände zu Hause, sondern eher der kleine Schwarze auf dem Highway), dann dauert es meist auch nicht lange, bis der Bass auch den allerletzten Funken Frust aus meinen Körper rausgedrumt hat. 

Oder funktioniert das mit der Malerei doch besser als ich dachte? Dass ich noch besser dabei abschalten und runterfahren kann, so dass es einiges mehr bräuchte, um mich aus dem Meer der Glückseligkeit wieder rauszuziehen? 

Wat weet ick. 

Vielleicht ist es ja auch die Gelassenheit des Alters, die mehr und mehr nach mir greift. Wobei.. Gelassenheit des Alters... Der Mann is ja noch n Stück älter als ich und von Gelassenheit kann man bei ihm eigentlich nicht sprechen. Ich meine, wir wissen beide, dass er.. nun sagen wir.. zum Beispiel kein einfacher Beifahrer ist. 
Warum fährst du immer so weit links?
Warum fährst du immer so weit rechts?
Fahr nicht so dicht auf!
Du hast aber schon gesehen, dass hier nur 120 sind?
Wieviel fahrn mer denn... aaaaaah ja....
Du kannst hier gleich links abbiegen.. Links! LINKS! (Mein Navi meinte ja geradeaus, aber was weiß die schon!)

Sein Lieblingsspruch ist dann oft: "Lass mich hier raus, da lauf ich lieber heim!"
Das hat er auch schon auf der Autobahn gebracht, wo ich dann abbremste und fragte: "Jetzt gleich? Hier?" und wir dann natürlich doch gemeinsam weiter nach Hause gefahren sind.
Außer letzten Freitag.
Da waren wir zwar nicht auf der Autobahn, aber mitten im besten Feierabendverkehr mitten in M.
Als sein Blut in Nullkommanix hochwallte und er begehrte, aussteigen zu wollen, hielt ich auch sofort an, er sprang raus, knallte die Tür zu und ich fuhr zackig weiter, ohne mich auch nur einmal umzudrehen, drehte dafür meine Musik auf Wohlfühllautstärke hoch und hangelte mich durch besagten Berufsverkehr nach Hause. Weder ließ ich mich von seiner Laune noch von seinem Spontanfrust runterziehen, ach iwo, die Sonne schien, die Mucke stimmte, ich sang vergnügt mit und war natürlich noch vor ihm daheim. Ob er tatsächlich heimlaufen musste, weil er eventuell die Bahncard nicht dabei hatte, das habe ich auch später nicht gefragt. Gut möglich, dass er laufen musste, denn als er daheim ankam, war seine explosive Stimmung wieder verraucht (Sport macht den Kopf frei, hab ich mir mal sagen lassen) und es konnte die allererste Bratwurst vom niegelnagelneuen Grill in beiderseitiger friedlicher Abend-Stimmung verspeist werden. 

Manchmal denke ich ja, dass wir uns beide sehr, sehr ähnlich sind und genau unsere Eigenheiten uns am anderen nerven. Aber worans auch immer liegen mag - an der nordischen Herkunft, an der Malerei, am Alter oder auch der Kombi aus allem... Ist es nicht doch irgendwie auch eigenartig, dass ich mich überhaupt frage, ob mit mir was nicht stimmt, nur weil ich genüßlich in meinem inneren stillen See ruhe? Denn genau genommen ist es doch eigentlich nix Negatives, wenn man weiß, wo die eigenen Grenzen liegen, man nicht von falschem Ehrgeiz zerfressen wird und auch nicht ständig danach strebt, irgendwas zu sein, das man gar nicht ist? Dass ich zwar meine Ziele habe, aber auch genießen kann, was ich schon erreicht hab, ohne mich ständig neu anzutreiben und nie wirklich zur Ruhe zu finden. Ich mach mir ja wirklich nicht viel aus Alkohol - aber lieber greife ich dann doch zum Weinchen als dass ich mich stressen ließe. 
Wie heißt es doch so schön? "Das Leben ist viel zu kurz für Knäckebrot." Eben! ;)

Freitag, 5. März 2021

Its always good to have a little Bauchspeck


Letztens rollten der Mann und ich das Thema "Zukunft" wieder auf - und die damit verknüpften Gedanken, Ideen, Pläne. Nach der anfänglichen Euphorie seinerseits hatte nun seine Phase des Hinterfragens, Zweifelns, Abwägens begonnen. Ich kenne das schon, ich hatte es erwartet und mich auch darauf vorbereitet: Ein Schritt vor, zwei zurück. Wir kamen auch nicht wirklich zu einem Ergebnis, auch wenn, wie ich finde, meine Argumente ziemlich gut waren und sind *kreisch*

Das einzige, woran ich ihn mit Nachdruck erinnerte: Für immer werde ich nicht in M bleiben; wenn es sein muss, gehe ich auch allein weg. Mir gefällt schon die Stadt inzwischen, mir gefällt auch die Nähe zum Fluss. Ihn reizt außerdem, dass er so fix in den Bergen ist zum Wandern. Aber das Meer.. Das Meer ist für mich entschieden zu weit weg - und außerdem, das hatten wir ja erst: die sagenhaften Mietpreise. 
Irgendwann, und das war eben immer klar, würde ich wieder am Meer wohnen wollen. 
Der Gedanke, wie es sich anfühlt, das Fenster weit zu öffnen, die frische salzige Luft zu atmen und zu schmecken, das Murmeln der Wellen, das Kreischen der Möwen. Endlose Spaziergänge am Ufer, Muscheln sammeln, Hühnergötter. Die endlose Freiheit fühlen bis in jeden Winkel meines Seins...
Ich hab in meinem Leben einige Träume begraben - diesen einen aber kann ich nicht hergeben. Das wäre, als wenn ich etwas von mir selbst abtrennen und aufgeben müsste..

Dass das jetzt noch nicht geht, hat seine Gründe - aber ich wäre auch mit einer Zwischenlösung in Mittelerde zufrieden. In der Nähe meiner Söhne, klar, und in der Nähe der Familie des Mannes - auch klar. Wir hätten beide in etwa denselben Weg, wann immer der eine in die Berge und die andere ans Meer wollte. Ich fände das ideal.

Gestern morgen, als ich mich in die U-Bahn schwang, meine Musik in den Ohren, zwar sehr deutlich schmerzgeplagt, aber zuversichtlich auf dem Weg zum Rheumadoc, und als er mich empfing mit den Worten: "Ich sehs Ihnen schon an, und ich sehs auch an Ihren Händen", die er auch gleich nahm und die Finger behutsam abtastete, da dachte ich... DAS aufzugeben, ist aber auch nicht wirklich leicht. 
Im zweiten Versuch habe ich hier einen schon sehr bemühten Hausarzt gefunden und im zweiten Anlauf auch einen Neurologen und Rheumatologen, die sich der Sache zumindest annehmen, ohne mich in auch nur irgendeine Schublade stecken zu wollen.
Ich meine, ich hab ja schon von Natur aus typische Klavierspielerhände: lang und schmal. Wenn die mal anschwellen, mag das für andere "Normalbreite" sein und weniger auffallen. Ich selbst spürs vor allem, wenn ich die Finger nicht mehr wirklich beugen kann und auch kein Ring mehr passt. 
Vermutlich fühlt er sich ein wenig überfragt, weil ich immer noch in kein Schema passe: Blutwerte, die nicht passen sollten, sind deutlich im grünen Bereich, und die, die passen sollten, bewegen sich nach oben in den bzw. im roten Bereich. Das Blut zeigt keinerlei Entzündungszeichen, aber im Ultraschall kann er diese ganz deutlich lokalisieren. So deutlich, dass er mir gleich noch in der Praxis eine Spritze gab. 
Das Cortison, seit 4 Wochen auf eine Langzeitdosis runterregerelt, tut da keinen Dienst, überall sind Entzündungen im Körper wieder aufgeflammt, warum auch immer. 
Das bedeutet, dass das Cortison erstmal wieder heraufgesetzt wird und ich mir zusätzlich nun jede Woche selber eine Spritze MTX setzen muss.
"Ich? Mir selber? Und Sie glauben, ich kann mir selber weh tun?"
Der Doc hat gelacht. Ich nicht!
Er versprach mir einen Pen, den man nur auf die Haut setzt, zweimal Klick und alles wär vergessen. 
Ha. Wärs mal nur so. Was ich in der Apotheke erhielt, waren ganz normale Fertigspritzen.
Ich sags Euch, das ist ne Überwindung. Mir haben gestern ordentlich die Hände gezittert. Klar hätte ich das auch den Mann machen lassen können, aber ja ne, besser nicht. Wenn bei diesem Akt alle unterschwelligen Frustrationen rauskommen, habe ich die Arschkarte und absolut nix zu lachen ;) 
Ob es egal ist, wohin man sich das Ding setzt, und ob ich dafür auch das bisschen Bauchspeck nutzen dürfte, hatte ich gefragt. Denn da tut es bekanntlich am wenigsten weh. 
Und gestern morgen war ich dann auch ganz erleichtert, dass ich da ja auch so bisschen Bauchspeck habe, das ich nutzen kann. Im dritten Überwindungsanlauf hab ich die Kanüle senkrecht aufgesetzt, die Augen zugekniffen und sicherheitshalber auch noch den Kopf weggedreht. Bis auf den Einstich in die oberste Hautschicht merkt man aber wirklich nix, auch nicht das Einspritzen des Serums. 
Gott, was war ICH erleichtert. 
Ein Junkie aber jedenfalls wird aus mir wohl nie.
Und das Thema "Tattoo ja nein vielleicht" im Nacken oder am Handgelenk innen hat sich damit dann auch erledigt :)

Gibt man eine gute Arztbetreuung wirklich auf? Wenn man ganz zufrieden ist damit, dass überhaupt etwas passiert und getan wird? Aber vielleicht muss ich wirklich nur abwarten, bis die endgültige Diagnose steht - und die kann ich ja dann auch überall mit hinnehmen, oder? 

Donnerstag, 18. Februar 2021

Stille Zeiten

 Ich habe den Mann letztens gefragt, ob er eigentlich seiner Mama den Tipp gab, mir zu meinem letzten Geburtstag Acrylstifte zum Bemalen von Steinen zu schenken. 
"Da antworte ich nicht drauf", schmunzelte er.
Eigentlich ist es ja auch egal, andererseits: Wenn er es war, hat er es vielleicht inzwischen auch schon wieder bereut. Denn diese Stifte waren der Grundstein. Ich habe sehr schnell festgestellt, dass es wesentlich mehr an Stiften bedarf. Nicht allein der Farbpalette wegen, sondern auch, um Konturen zeichnen zu können, Schattierungen bzw. den Rest des Steines auszumalen - und habe mir nach und nach entsprechende Utensilien nachgekauft. 
Ich hab dabei eine solche Leidenschaft entwickelt, dass ich nun beinah jeden Abend an meinem Schreibtisch sitze, manchmal mit Musik in den Ohren, in letzter Zeit immer öfter auch ohne (denn dann kann man sich ab und an immer noch unterhalten), weil der Mann nun beklagt: "Wir machen ja überhaupt nichts mehr! Entweder malst du oder spielst an deinem iPad Solitär! Und schlafen kommst du erst irgendwann morgens um zwei oder um drei! Das Zusammenleben stelle ich mir anders vor!"

Auf seine Worte habe ich erstmal nicht reagiert, aber natürlich beschäftigen sie mich. 
Er hat ja irgendwie auch recht. 
Das Zusammenleben beschränkt sich aktuell tatsächlich eher auf Essen, Schlafen, Arbeiten und hier und da einen Film gemeinsam schauen. Doch während er meist gegen 21 oder 22 Uhr schlafmüde wird, bin ich noch munter und würde mich nur ruhlos im Bett hin und her wälzen, ohne in den Schlaf zu finden. 
Also bleibe ich eben auf, male oder schaue die Sendungen, die ich in seinem Beisein halt nicht schauen "darf". Mit "Crime Storys" oder "Medical Detectives" beispielsweise kann und will er einfach nix anfangen. Das akzeptiere ich, aber mich interessiert es trotzdem. 
Ich musste aber dann doch ein bisschen in mich hineinlachen: Ich hab wohl wirklich ziemlich viel von meiner Mama. Die malt zwar nicht, "versumpft" aber genauso beinah jeden Abend, jede Nacht entweder vor dem iPad oder zappt sich durch die Krimiserien, während der Papa schon zeitig zu Bett geht. 

Um nach einem Tag im Home Office wenigstens ein bisschen "Auslauf" zu bekommen, aber auch, um ein paar Momente miteinander zu haben, sind wir dazu übergegangen, dass ich ihn nunmehr beinah täglich von irgendeiner U-Bahn-Station abhole und dann laufen wir gemeinsam Hand in Hand nach Hause. Meistens spricht er über die Arbeit oder ich erzähle von meiner oder wir reden von Dingen, die wir gehört, gelesen haben oder die uns aktuell beschäftigen. Ich finde das wirklich schön und genieße das sehr. Und als ich gestern Abend las, wie wundervoll mild es die kommenden Tage werden soll, da blitzten doch die Augen und lachte das Herz. 
Überhaupt freue ich mich sehr auf den Frühling! Wenn alle Farben wieder erwachen, wenn die Knospen sich ausstrecken und alles wieder bunt und vor allem sattgrün wird. Das liebe ich so sehr und gibt so unfassbar viel an gutem Lebensgefühl! Irgendwie erhoffe ich mir davon auch, dass die Beschwerlichkeit der letzten Wochen von uns allen abfällt. Dass die Gereiztheit der Menschen wieder nachlässt, auch wenn ich absolut nachvollziehen kann, woher sie kommt. Dass ich selber immer noch relativ entspannt bleibe, liegt sicherlich an meinem friedfertigen Gemüt *kreisch*, aber vermutlich vor allem daran, dass ich selber wirklich wenig "auszustehen" habe. Und meist kann ich Stimmungen anderer recht gut abfangen, aber immer und vor allem auf Dauer gelingt mir das auch nicht. Vor allem, wenn es dann von allen Seiten kommt, dienstlich wie privat. Das sind dann aber vor allem die Momente, in denen ich mich in mich selbst zurückziehe, die Kopfhörer aufsetze und in der Musik versinke und mich auf das Malen konzentriere. So kann ich immer noch am allerbesten abschalten und "runterfahren", während der Mann am liebsten jeden Tag 20 Kilometer laufen wollen würde. 

Ich bin jetzt auch wetterbedingt seit Mitte Januar nicht mehr in L gewesen.
"Man muss es ja nicht provozieren, dass dir was passiert", hat der Chef gesagt und ich hab das wirklich begrüßt. Und den Fotos und Videos der Jungen nach zu urteilen, ist dort eine Menge Schnee runtergekommen. Bis heute (!) ist der auf sämtlichen Nebenstraßen nicht mal wenigstens geschoben worden. Es ist das erste Mal, dass ich den Winterdienst so versagen sehen habe. Aus den Parklücken rein wie raus haben es die Jungen nur mit Hilfe anderer Leute geschafft. Ne, das muss ich auch nicht haben. 
Am Anfang hat es den Mann doch irgendwie gestört, auch er liebt die Ruhe eines Home Office und "würde auch gerne mal wieder". Ein ziemlich ungutes Gefühl, wenn du für dich selber feststellst, dass du - egal wo - irgendwie auf Dauer zuviel bist und du selbst kein Zuhause hast, wo du vor allem den Raum für dich hast, den du brauchst und wo niemand dir vermittelt: "Wär schon schön, wenn du mal nicht da wärst."
Dieses Gefühl beruhte sowohl auf einer Aussage in L als auch auf einer Auseinandersetzung hier in M und vielleicht wirklich auf einem Missverständnis - aber es hat an mir genagt in den letzten Wochen. 
"Ich kann doch nichts dafür, dass die Wohnung zu klein ist auf Dauer und nur ein Zimmer mehr gleich zweitausend Euro Miete bedeutet", hatte ich dem Mann geantwortet, während er das ewig "arbeitende" Thema wieder aufbrachte, dass ich ja auch einen Job in M annehmen könnte, dann könne man auch über eine andere Wohnung sprechen. Wenn man aber grundsätzlich nicht bereit ist, soviel Geld für eine Mietwohnung auszugeben (und darin sind wir uns beide einig), dann ist dies aber auch kein wirklich gutes Argument ;)
Insgesamt aber war er wieder da..  Der Gedanke, irgendwo in irgendeiner Stadt eine kleine Wohnung ganz für mich allein zu haben. Vielleicht nur ein Zimmer mit Küche und Badezimmer, aber.. klein und vor allem mein. Klein, aber wundervoll. Meine ganz persönliche Rückzugsinsel, mein ganz persönliches Paradies, aus dem mich niemand vertreiben könnte - und wo mir niemand das Gefühl vermittelte, zuviel zu sein. In Gedanken richtete ich mich ein, ich wusste genau, wie es aussehen würde und beinah schon war ich versucht, mich auch nach einem solchen Kleinod umzuschauen.
Zurück hielt mich letztlich die Tatsache, dass ein solches Unterfangen hier in M aussichtslos ist. Man bezahlt so viel, dass man dann wirklich auch eine Zweitausendeuromietwohnung nehmen könnte.
Und aus M wegzugehen.. wieder eine Fernbeziehung zu führen.. Das würde auf Dauer nicht mehr gut gehen, das ist mir bewusst. Vor sechs Jahren wusste ich: Einer muss jetzt zum anderen ziehen, egal, wer zu wem, denn nach sieben Jahren Pendeln war uns irgendwie die Puste ausgegangen. 

Möglicherweise summiert sich auch grad einiges und im Frühjahr, im Sommer wird es wieder entspannter, leichter.. So allgemein und auch überhaupt..

Freitag, 12. Februar 2021

Ihre Ausreise! ...ach ne... Ihre Haare!



Da habe ich mich doch gestern Abend schon recht amüsiert, als ich obiges Sprachmemo zugeschickt bekam. Über whatsapp leider, der Urheber ist mir - wie meist bei solchen Sachen - nicht bekannt. Es ist jedenfalls nicht auf meinem Mist gewachsen (schade eigentlich, aber so kreativ bin ich dann doch nicht.) Ist ja schon erstaunlich genug, wie schnell sich jemand so etwas einfallen lässt.
(Übrigens, wenn ich noch an die - für mich - legendäre Original-Balkonszene denke, dann bekomme ich wirklich, wirklich bis heute Gänsehaut bei dem Aufschrei der Menschen.)

Die ersten Kunden hatten sich auch schon Termine gesichert - wohl dem, der Funk- oder gar private Nummern vom Friesemeister seines Vertrauens besitzt. Ich selber weiß nicht mal, ob meine (angestellte) Friseuse überhaupt noch da ist, aber ich hoffe es sehr. 

Insgesamt, wenn man so die Meldungen in den verschiedenen Gazetten und Kanälen verfolgt, dann ist wohl eher Kritik als Erleichterung vorherrschend - und ich kann die Kritik verstehen. Irgendwie kann ich schon auch nachvollziehen, dass man bei den Mutationen, von denen man bisher zumindest annimmt, dass sie sich wesentlich schneller verbreiten würden, vorsichtig sein möchte mit Lockerungen. Ich verstehe aber, wenn die Menschen langsam, aber offenbar immer nachhaltiger frustriert und genervt sind. Ich persönlich habe auch keinen Bock mehr, wenngleich mein Atem entschieden länger ist als der bei Familien und Selbständigen. Ich weiß, dass ich zu den Privilegierten gehöre (darf man das eigentlich überhaupt sagen? Heutzutage muss man sich ja wirklich jedes Wort überlegen.), die vom Ausmaß der ganzen Beschränkungen weniger betroffen sind. Wenn ich nicht verreisen darf, dann ist es eben so. Wenn ich nicht ins Kino oder ins Lieblingslokal darf, ist es eben so. Da kann ich warten. 
Aber ich habe meinen Job, ich bekomme mein Gehalt und muss mich nicht fragen, wovon ich nicht erst morgen, sondern schon heute die Kosten bestreiten soll. Was das für ein Gefühl ist, kenne ich noch sehr, sehr gut aus früheren Jahren - und das ist etwas, das einen zerstören kann. 
Da kann man von Geduld und Verständnis reden wie man will - wenn man all die gut frisierten, entspannten Politiker in der gestrigen Bundestagsdebatte so sieht und hört (wie sie da gelangweilt auf ihren Smartphones rumwischen, während ein anderer spricht - oder auch gleich mal ganz einpennen), da fragt man sich schon, ob die eigentlich wirklich wissen, wovon sie da sprechen in ihren Elfenbeintürmen - und ob sie wirklich wissen, was es bedeutet, wenn den Menschen das Geld ausgeht, noch mehr Schulden aufgebaut werden müssen und zugesagte Novemberhilfen auch vier Monate später noch nicht zur Auszahlung gekommen sind. Ob sie wissen, wie es sich anfühlt, wenn sich nicht nur die Rechnungen stapeln, sondern auch Lebenswerke zerstört werden. Derzeit pendle ich nur - wenn überhaupt - zwischen M und L und arbeite in G, aber in allen drei Städten sehe ich Läden mit Schildern "Es tut uns leid, wir geben auf, vielen Dank unseren Kunden". 

Und ich sehe und höre, was in Familien abgeht, die ich kenne. Wo die Nerven mittlerweile tatsächlich blank liegen. Wo Grundschulkinder den Anschluss verlieren in Fächern, die eigentlich ihr Lieblingsfach waren. Was regelmäßig zu Ausbrüchen und Aggressionen führt. Und ich frage mich schon auch: Wenn die Grundlagen nicht richtig vermittelt werden - was wird das dann für die Zukunft? Vor allem für die Kinder?
Meine Cousine überlegt, ihre Tochter ein Jahr zurückzustellen, die Kleine das zweite Schuljahr wiederholen zu lassen. In der Hoffnung natürlich, dass sich die Gesamtsituation endlich beruhigt und wenigstens die Kinder vernünftig unterrichtet werden. Ich würde mir vermutlich dasselbe überlegen, wären meine Kinder heute in dem Alter. 
Oder dass ein achtjähriges Kind droht, abzuhauen - vorher aber noch dem Elternteil "die Fresse polieren will", und das nicht nur, weil es mit Home Schooling und Online-Unterricht überfordert ist. Von daher finde ich es wirklich gut, dass wenigstens die Grundschulen wieder geöffnet werden und auch künftige Schulabgänger wieder unterrichtet werden sollen. 

Solche Dinge haben für mich doch noch ein anderes Gewicht, als wenn man "davon nur" in den Nachrichten hört. Oder an einem goldenen Schreibtisch irgendwo etwas beschließt, das die Realität vieler Menschen nicht mal ansatzweise einfängt.

Der Mann hat übrigens gleich heute Morgen versucht, einen Friesemeistertermin zu ergattern. Wir sollen uns kommende Woche wieder melden, Terminvergabe erfolgt erst ab Montag. Einen Zopf kann er jedenfalls noch nicht flechten und meine Haare können ja wachsen wie se wolln. 
Über meinen Ältesten musste ich schon etwas erschrocken lachen, als ich im Videoanruf sah, wie er sich vor kurzem das Haar im Nullkommairgendwasbereich geschoren hatte. 
Es gibt schon einige Bereiche, wo man sich eine Zeitlang auch selber helfen kann. Mit Notlösungen und Provisorien leben kann. Aber das funktioniert eben nicht auf Dauer. 
Und wenn bisher immer die magische Grenze einer 50er Inzidenz gesetzt wurde und dies jetzt auf 35 runtergesetzt wurde, während dieser Möchtegernkanzler Söder schon beginnt, von einer 10er Inzidenz zu reden, dann frage ich mich aber wirklich einmal mehr, wo das Ganze noch hingeführt werden soll. Und was das dann mit den Menschen macht. Ich für mich denke, da gehts nicht nur um Perspektive für die Menschen, sondern vor allem um Verlässlichkeit... 

Montag, 8. Februar 2021

31

 


Ja Hase, in diesem Jahr habe ich irgendwie den Zeitpunkt verpasst, Dir rechtzeitig um 0 Uhr diesen Geburtstagsgruß zu schreiben. Da waren wir die letzten zwei Tage doch mehr auf die Wetterlage fokussiert und darauf, ob ich nun zu Euch kommen kann oder nicht - und nun sitze ich hier mit meiner ersten Tasse schönen heißen Kaffee (kennst mich ja :)) und schreibe Dir diesen Brief. Denn da sein kann ich in diesem Jahr nun nicht, aber glücklicherweise gibt es heutzutage viel mehr Möglichkeiten, den anderen zu erreichen. DICH zu erreichen.

Dieses Foto von Dir neben noch ein paar anderen fiel mir vor wenigen Wochen in die Hände. Wonach ich eigentlich gesucht hatte, weiß ich gar nicht mehr. Aber ich saß dann da auf dem Fußboden, schaute mir die Fotos durch und lächelte tatsächlich auch mit ein bisschen Wehmut. Wie klein und unbedarft Du da noch warst. So wissbegierig,so fröhlich. Ich weiß noch genau, wann und wo dieses Foto aufgenommen wurde. Bei Deinen Großeltern, die beide heute nicht mehr da sind, seit vielen Jahren schon nicht mehr. Die Brille, die Du da trägst, ist die Brille Deiner Großmutter. Und so klein Du damals auch warst, als sie starb - in Deiner Erinnerung ist sie nicht nur immer noch gegenwärtig, sondern Du kannst Dich auch an vieles noch erinnern. An viel mehr, als ich gedacht hätte. 

Ich schaue auf die Fotos von damals und schaue auf Dich heute. Wie groß Du geworden bist - und mit 1,95 m der größte von uns allen. Du schaust also auf uns alle hinunter - doch das aber nur körperlich. Denn in Deinem Wesen bist Du alles andere als herablassend. Im Gegenteil, Du bist zwar reserviert und zurückhaltend (geworden), aber Du bist wertschätzend (also zumindest mit Menschen ;)) und vor allem unfassbar sozial. 
Dir ist in Deinem Leben niemals etwas geschenkt worden, Du musstest Dir alles erkämpfen und für alles kämpfen. Wenn ich mir ein was im Leben wünschte, dann das, dass Du endlich ankommst, dass Du zur Ruhe kommst. 
Als Dein Bruder im letzten Jahr entschied, sein Zimmer umbauen zu müssen und dass die noch junge Wohnwand leider keinen Platz mehr finden würde und Du sagtest: "Na also DIE würdsch ooch nehmen", da war dies der Startschuss für Deinen Bruder und mich, Dir eine Grundlage zu schaffen. Wir waren uns einig: Was auch immer kommen kann und soll und wird, das fängt immer an einem grundlegenden Punkt an - und der, so meinten wir, beginnt in Deinem Zuhause. 
Dein bunt zusammengewürfeltes Zimmer aus Möbelstücken, die nicht nur alt, sondern auch abgewohnt und einfach nicht schön waren. Nichts, wo man sich wirklich gern jemanden einladen wollen würde.
Schau ich heute drauf, denke ich: JETZT kann er, wenn er es will. 
Sogar Dein Bruder sagt: "Es ist das erste Mal in den sechs Jahren, dass sein Zimmer schöner ist als meins."
Ungefähr zur selben Zeit hast Du Deinen neuen Job angetreten. Nicht, weil Dein alter Chef Dich nicht mehr wollte - ganz im Gegenteil. Zum ersten Mal in Deiner Laufbahn hast Du es erlebt, das jemand um Dich kämpfte, Dich einfach halten wollte. Er hatte Dir einiges versprochen, wenn Du dafür bleibst - und wenn Du mich fragst: Ich hatte das Gefühl, dass er es auch tatsächlich ernst meinte. 
Die Crux war eben nur: Man kann nie sagen, wie lange er sich an diese Zusagen gehalten hätte - und ob er Dir eines Tages nicht doch das eine oder andere wieder "weggenommen" hätte. Eine unkalkulierbare "Größe". Die, wo Du jetzt bist, birgt auch Unsicherheit - denn Du wirst zweimal für ein Jahr befristet. Ein normales Prozedere in Konzernen, habe ich von mehreren Seiten gehört. Es kommt also auf Dich an. Wie Du Dich machst, ob Du Dich engagierst und wie Du Dich einfügst.
Und auch hier muss ich sagen, hast Du mich ausgesprochen überrascht.
Eigentlich kenne ich Dich als einen Menschen, der seine Rituale pflegt und an seinen Gewohnheiten hängt. Veränderungen liegen Dir nicht.
Als Du zum Beispiel Dein "neues" Zimmer am Abend betratst, war das einzige, das Du sagtest: "Mutsch, du weißt doch, ich will mein Bett nicht ans Fenster!"
Und der zweite Satz war: "Wo ist meine Matratze?"
Damals musste ich wirklich lachen. Denn das alte schmale Bett war natürlich rausgeflogen und mit diesem auch die Matratze, die sich langsam, aber sicher durchlag.
"Mir egal", sagtest du, "ich hab mir meine Kuhle da reingesessen und die will ich zurück."
Natürlich gabs die nicht zurück und Du wusstest das auch. 
"Ein einfaches Danke würde mir auch reichen", habe ich gelacht und mir die schmerzenden Muskeln gerieben, während Dein Bruder nur mit den Augen rollte. 
Aber so bist Du inzwischen geworden: Harte Schale, weicher Kern. Du bist in Deinem Leben so oft verletzt worden, dass Du Dich heute schützt. Es ist gar nicht mal so schwer, durch Deine Schale zu dringen, aber manchmal denke ich, dass es Zeit wird, dass Du Dein Leben mit jemandem teilst. Nicht weil Du nicht allein sein kannst. Ganz im Gegenteil, das kannst Du sehr gut.
Aber eigentlich möchtest Du das gar nicht - auch wenn Du nicht daran glaubst, dass sich das je ändern würde. (Ich schon, wie Du weißt, und ich kann Dir wirklich ehrlich nicht sagen, woher ich dieses sichere Gefühl habe. Es ist auch keine Hoffnung, sondern tatsächlich.. ein sicheres Bauchgefühl.
Und doch stelle ich fest: Je länger Du allein lebst, desto mehr pflegst Du Deine Gewohnheiten, desto mehr kultivierst Du sie. Das bedeutet nicht, dass Du Dir damit Deinen Weg verbaust - aber Du bist ein Mensch,  den man entdecken muss, den man für sich entdecken muss. 
Wobei... Wenn ich das hier so schreibe und wenn ich darüber nachdenke... Da sind wir beide uns ja auch irgendwie ähnlich. Auch mir fiels nie wirklich schwer, Anschluss zu finden - aber ich war auch nie jemand, den man auf den ersten Blick unbedingt für sich gewinnen wollte. 
An der Stelle... denke ich dann doch wieder, dass es im Grunde egal ist, was Dein Umfeld denkt: Du machst Dein Ding. So war es immer schon. Wie oft hieß es "Das kann er nicht/ das schafft er nicht" - und Du hast allen das Gegenteil bewiesen. Ich liebe Deinen Kampfgeist, Deinen Ehrgeiz, Deine Loyalität, ich liebe vor allem Deine Persönlichkeit. Du bist unbedingt verlässlich. Gibst Du einmal Dein Wort, weichst Du davon auch nicht mehr ab. Du bist zutiefst aufrichtig. Zwar kennst Du Notlügen, aber Du magst sie nicht - und grundsätzlich Lügen lehnst Du ab. Das kommt für Dich nicht in Frage. Und ich liebe das wirklich an Dir. Weil es vor allem eins vermittelt: Auf Dich kann man bauen, auf Dich kann man sich verlassen. Du hast ein sehr starkes Wesen. Irgendwie musste ich mich bei Dir niemals sorgen, ob Du vom Weg abkommst, ob Du an falsche Freunde gerätst, ob Du Dir irgendwann mal was spritzen würdest oder gar kriminell werden könntest. Du bist einfach niemand, der alles dafür geben würde, irgendwo dazuzugehören. Du besitzt ein ausgesprochenes Gerechtigkeitsempfinden - und sobald Du spürst, dass da etwas in eine falsche Richtung geht, dann tust Du es nicht. Du würdest nie niemals jemandem schaden. 

Du glaubst nur nicht an Dich.
Dass Dein alter Chef Dich halten wollte, hieltst Du nicht für ein Kompliment an Dich, sondern sahst das ganz pragmatisch: "Ich bin ja auch der einzige, der sich jeden Dienst aufdrücken lässt."
Das sehe ich anders. Denn wenn man seinen Job nicht gut macht, dann spielt es keine Rolle, ob man in 6 Stunden oder in 10 Stunden "versagt". Und wenn man nicht gut in seinem Job ist, dann will man denjenigen auch keine 10 Stunden haben - dann ist man froh, wenn derjenige nach 6 Stunden heimgeht. Und sich über kurz oder lang was Neues sucht. 
Schon vor einem Jahr hatte Dein Chef Dich von sich aus angesprochen und Deine Entwicklung gelobt. Dass Du so weitermachen sollst und man dann über eine Gehaltserhöhung sprechen kann. 
Ob er zu dem Zeitpunkt schon wusste, dass Dir manche Kollegen das Leben richtig schwer machten? Dass sich ein Umgang eingeschlichen hatte, der sich zum Mobbing entwickelte?
Im letzten Sommer hat Dein Chef Dich darauf angesprochen und Ihr habt sehr lange miteinander gesprochen. Erst da hast Du nach und nach einiges erzählt oder bestätigt. Eigentlich musste er es Dir aus der Nase ziehen, denn Du bist ein Mensch, der die Dinge für sich selbst klären und regeln will - und nicht zum Vorgesetzten geht. So wie die eine Kollegin Dich anmaulte: "Dann geh doch zu M. und beschwer dich über mich." Und Du sagtest: "Wieso sollte ich das tun, ich will nur meine Ruhe und meine Arbeit machen. Ich will mit den Leuten auskommen."
Und das sehe ich genauso: Man muss nicht mit jedem befreundet sein. Aber wenn man schon einen ganzen Tag lang miteinander arbeitet, dann sollte man schauen, dass man miteinander auskommt. Sich Dinge sagen kann, die nicht gut laufen, aber auch nicht jeden Tag aufeinander einhacken oder sich unnötig das Leben schwer machen. 

Ich bin noch heute überrascht, wie problemlos der Wechsel für Dich im letzten Jahr war. Auf die Frage, wie es Dir im neuen Job gefällt und ob Du Dich wohlfühlst, rollst Du immer nur mit den Augen: "Wieso fragt mich das jeder?" Und ich sage dann: "Weil es uns wichtig ist zu wissen, ob es dir gut geht."
Und das ist ja auch nicht nur mir wichtig :)
Du erzählst fast nichts von Deiner neuen Arbeit. Aber eins ist mir aufgefallen: Du wirkst entspannter. Ausgeglichener. Natürlich gibt es Tage, wo Dir manches zuviel ist und Du einfach nur in Ruhe gelassen werden willst. Die haben wir alle. Aber die grundlegende Tendenz... Du fühlst Dich gut an. Und Du glaubst gar nicht, wie wahnsinnig mich das für Dich freut. 
Es gab Zeiten, da hast Du öfter mal angerufen, wenn irgendwas schiefging oder Du bei irgendwas Hilfe brauchtest. Inzwischen meldest Du Dich fast gar nicht mehr :)

Auf meinem Schreibtisch hier stehen zwei Fotos: Das da oben mit der Brille und das andere mit Deinem Bruder, das Ihr mir vor drei Jahren zu Weihnachten geschenkt habt. Dazwischen liegen rund 30 Jahre. Ich schau sie mir oft im Wechsel an und so oft denke ich: Ich wünschte mir die Zeit zurück, als Du noch so klein warst. Wie vieles würde ich heute anders machen. Die Zeit mit Dir und dann später mit Deinem Bruder würde ich heute so gern und viel mehr genießen. 
Mir tut es bis heute weh, dass ich Vergangenes nicht mehr ändern bzw. auch nicht zurückholen kann. Denn es zählt wirklich nur das Eine: dass es Dir und Deinem Bruder gut geht. Dass Ihr zufrieden seid. Dass Ihr Euch ein Leben aufbauen könnt, das Euch glücklich macht. 
Dass Du Furcht vor Enttäuschungen hast, weiß ich.
Aber vor allem weiß ich, dass Du das kannst - und dass Du in Deinem ganz eigenen Tempo gehst, auch wenn Du selbst manchmal denkst, das würde sowieso nie und überhaupt. Auch wenn Du selber manchmal ungeduldig bist.

Du hast schon früher oft gesagt: "Ist ja klar, dass du an mich glaubst, ich bin ja auch dein Kind."
Aber eins kannst Du mir glauben: Es liegt nicht daran, dass Du mein Kind bist, sondern es liegt daran, dass ich an Dich als Mensch glaube. Weil Du so bist wie Du bist. Weil Du eine Persönlichkeit hast. Und weil es viel mehr Menschen wie Dich geben sollte. Das meine ich wirklich ehrlich.
Ich weiß genau, wie Du jetzt guckst, wenn Du das liest. Augenbrauen hoch, Augen rollen, der Mund verzieht sich. Und wenn ich daran denke, schmunzle ich. 

Ich lieb Dich wirklich, mein Junge, und ich bin wahnsinnig stolz auf Dich. Für das, was Du bis hierher aus Dir gemacht hast - und für das, wie Du Dich bis heute entwickelt hast.
Und ich freu mich wirklich auf alles, was jetzt noch kommt und wie es für Dich weitergehen wird.
Und ich freu mich darauf, dabei sein zu können, selbst von hier aus. 

Alles Liebe zu Deinem Geburtstag, mein Hase.
Heute Abend werden wir dann mal videotelefonieren - denn wir hätten da noch eine Überraschung für Dich :*

Deine Mama