Sonntag, 12. August 2018

Momente für das Glas

Erst vor kurzem stellte ich einmal mehr fest, dass ein Blog - wenn man ihn wie eine Art Tagebuch führt - eine herrliche Fülle an Erinnerungen birgt, durch die ich manchmal stöber und dann schmunzle oder die Augenbrauen hochziehe und denke "Uff... War DAS ne Zeit!"
In diesem Zusammenhang erinnerte ich mich an jenes krebskranke Mädchen, das jeden ihrer Glücksmomente auf kleine Zettelchen schrieb und sie in einem Glas aufbewahrte - um sie immer dann hervorzuholen und sich daran wieder aufzurichten, wann immer sie glaubte, dass alles nur noch schwer und bedrückend war. Ich fand diese Idee richtig schön und hatte mir so, so oft vorgenommen, das auch zu tun - und dabei war es geblieben.

Vielleicht.. benutze ich ja einfach meinen Blog dafür und erschaffe hierfür extra ein neues Label ;)
Wobei.. Eigentlich gehören ja alle Momente irgendwie in das "Glas", weil.. Gerade mit Blick auf meine vergangenen 16, 17 Jahre denke ich, dass Du niemals um dieses Glücksgefühl weißt, hoch oben auf dem Gipfel zu stehen, die Augen zu schließen, die Arme auszubreiten - wenn Du nicht schon tief unten im Tal gestanden hast.. Und das, so meine ich, macht das Glücksgefühl umso tiefer, bewusster und wertvoller.

Und was gab es nun in dieser Woche?

Entdeckt..


Die Band HAEVN, ein Duo aus Holland, die sich mit ihren wundervoll melodischen, zumeist streichelzarten Indie-Songs direkt unter meine Haut spielten. Mir gefällt nicht alles von denen - das tuts ja nie - aber das Geschenkguthaben bei iTunes ist nun aufgebraucht. Und es wird wieder arscheng auf meinem Telefon ;)

Gestaunt..

..wie ein Mensch es schafft, ein und dieselbe Sache innerhalb kürzester Zeit vollkommen zu verdrehen und in das Gegenteil zu verkehren - wobei leider nicht immer etwas Positives dabei herauskommt. Oder doch, vielleicht doch: Man bekommt ein konkreteres Gespür dafür, wem man trauen kann und wem nicht.

Gewundert..

..über die Aussage eines Vegetariers, man sei dies aus ethischen Überzeugungen - und bestellt sich im nächsten Atemzug irgendwas mit Lachs. Wie nun? Ein Lachs hat doch auch Augen, ein Herz, ist ein Lebewesen, das atmet - wieso fällt der Fisch dann durch das Veggie-Raster? Versteh ich nicht..
Dafür aber versteh ich die Aussage, dass es weitaus weniger Fleischesser geben würde, müsste derjenige sein Essen selbst jagen, erlegen und zerlegen. Ich gebe zu: Dann wäre ich selbst ab sofort Vegetarier.

Gelesen..

"Morgen kommt ein neuer Himmel" - gekauft auf Empfehlung, kann mich mit dem Buch jedoch nicht recht anfreunden. Eine ziemlich verkrampft konstruierte Geschichte, wie ich finde, die phasenweise nicht nur surreal, sondern regelrecht unrealistisch daherkommt. Ein ganz schöner Schmonz!
..aber die Idee an sich zu diesem Buch finde ich schön. Erinnert ein wenig an den Film "P. S. Ich liebe dich" - den ich wiederum inzwischen wohl um die 15 Mal gesehen habe - und immer noch sehr mag.

Getestet..

..diese Woche die neue A-Klasse - rein optisch fand ich die toll. Aber ich bin froh gewesen, sie wieder abstellen zu dürfen. Mein Herz schlägt für Audi - und dabei bleibe ich wohl auch. Selbst der kleinste seiner Klasse liegt herrlich ruhig auf der Straße, auch noch bei 180 kmh (ab 205 kmh bekam ich Angst vor mir selber und bremste ab, Knautschzone hat er ja nun nicht wirklich).
Außerdem.. Ich brauche ne richtig echte Handbremse, nicht nur so einen blöden Knopf, den man wahlweise drückt oder zieht. Macht sich am Berg beschissen - wenns auch sicher nur eine Frage der Gewohnheit ist. Wie in vielen Dingen ;)
Und außerdem - rückwärts einparken (ich kann irgendwie nur rückwärts) ist echt ein Kunststück - bei der A-Klasse siehst du nix nach hinten raus. Viel zu hoch und viel zu verbaut das Ganze.

Gelacht..

..als ich gebeten wurde, im Netz nach etwas aus dem Arbeitsrecht zu recherchieren - und dabei über die Verlinkung stolperte, ab wann und wie ein Vorgesetzter für das Wohlbefinden seiner Mitarbeiter sorgen muss, wenn im Büro die Temperaturen auf 33 Grad klettern. Nach Hause schicken ist durchaus eine Option, haben wir gelernt. Hat er aber nicht gemacht - dafür eisgekühlte Cola gekauft ;)

Sehr gefreut..

..über ein unverhofftes Wiedersehen bei Milchkaffee und Donut - die Zeit verging viel zu schnell!!

..über die Reaktion meiner herzliebsten Freundin zu meinem Geburtstagspost für sie - indem sie mir schrieb, ich möge bitte niemals vor ihr ins Gras beißen - das gäbe Saures.

..über die Gänsehautmomente des Mannes, dem ich in diesem Jahr vermutlich genau das Richtige zu seinem Geburtstag ausgewählt hatte.

Berührt gewesen..

..dass das große Kind sich dieses Mal aus der Begrüßungsumarmung gar nicht lösen mochte. Weiß gar nicht, ob das überhaupt schon jemals so war, seit er kein Kind mehr ist.

..vom wiederentdeckten Video aus dem Jahr 2002. Leider noch nicht die richtige Software zum Schneiden gefunden. Mit der einen sieht man kein Bild und bekommt auch nicht das vollständige Video "rein", mit der anderen konnte ich nur einmal schneiden und nie wieder.


Und jetzt öffne ich die Flasche und schenke mir ein Glas Sekt ein. Einfach so. Und proste dem Leben zu. Einfach so.

Samstag, 11. August 2018

Eulen und Lerchen

„Früh ins Bett und frühes Aufstehen macht gesund, wohlhabend und klug.“ — Benjamin Franklin
 „Glaubt nicht an den Nutzen des frühen Aufstehens, wie es der betörende Franklin propagiert...“ — Mark Twain



Der Mann hat manchmal so komische Anwandlungen. Dann kommt er auf die Idee, frühmorgens 5 Uhr aufzustehen und joggen zu gehen. Oder bei 37 Grad unbedingt JETZT Tischtennis im Park zu spielen, weil "Wir sollten die Dinge gleich machen, sonst vergessen wir es oder schieben es so lange auf, bis wir sie doch nicht mehr machen."
Ich verstehe seine Gedanken, ich stelle mich aber trotzdem nicht bei 37 Grad in den Park und jage einem weißen Ball hinterher. Ich bin doch nicht bekloppt. Und auch nicht lebensmüde.
"Dann gehen wir eben abends, wenn die Temperaturen sinken", feilscht er und ich beginne zu lachen: "Wahrscheinlich hältst du es für eine Ausrede, aber ehrlich: Wenn wir um 22 Uhr immer noch 32 Grad haben, ist es mir immer noch zu warm, vor allem aber sehe ich dann schon gar keinen Ball mehr. Ich gehe lieber baden."
Ich glaube, er weiß auch überhaupt nicht, wie man AUSSCHLAFEN überhaupt buchstabiert. Weil er es einfach nicht kennt. Ausschlafen bedeutet für ihn irgendwas nach 7 Uhr, ja, auch am Wochenende. Seit das Unternehmen, in dem er angestellt ist, Räumlichkeiten zusammengelegt und aus vielen Einzelbüros mit maximal 3 Personen mehrere Großraumbüros gemacht hat mit dem Motto: Wer zuerst kommt, nimmt sich den besten Platz, hat er sich dazu entschlossen, das Haus nicht mehr 8 Uhr, sondern spätestens 7 Uhr zu verlassen. Was bedeutet, dass ich mir meinen guten-Morgen-Kaffee allein schmecken lassen muss - etwa so gegen neun Uhr. Und was ihn prinzipiell daran gewöhnt, jetzt immer so zeitig aufzustehen und sich nix draus zu machen.

Hach, was waren das noch für entspannte Zeiten, als ich an Wochenenden bis zehn Uhr schlief, im Bett frühstückte, Zeitung oder Blogs las, ehe ich mich irgendwann weit nach Mittag oder so aus den Kissen wand und beschloss, den Tag so allmählich begrüßen zu wollen.
Genießen? Kann ich! Kann ich beinah bis zum Exzess.
Menschen, die morgens kurz nach 4 im Bademantel auf Balkonen hocken und ihre Tasse Kaffee in den Händen halten, sind immer noch meine Herzliebsten (ja, wenn Du das hier liest - Dich meinte ich ;)) - aber sie sind mir auch auf immer und ewig suspekt. Ich kann ja auch nichts für das, was bei denen offensichtlich schiefgegangen ist *kreisch* - aber so sehr der Mann auch lockt und versucht: Er wird aus mir keine Lerche machen. Nicht in diesem Leben - und über das nächste verhandeln wir, wenn es soweit ist.

Natürlich kann man sagen, wer früh aufsteht, hat mehr vom Tag. Stimmt ja aber genau genommen nicht wirklich: Wer früh aufsteht, wird zeitiger müde und muss dann schlafen gehen, wenn ich tanzen gehen will. Oder schläft neben mir im Kino ein. Und was wird dann mit diesen wunderbaren Sommerabenden, diese herrlich sinnliche Zeit zwischen Abend und Nacht, die man sich in Bars gegenübersitzen und in die Augen schauen kann, die Wangen erhitzt vom Reden, Lachen und vom Gleichklang der Seele? Was ist mit den Sommernächten, in denen man auf der Wiese liegt, gemeinsam aus einer Flasche Wein trinkt und die Sternschnuppen zählt? Was ist mit den herrlich warmen Nächten, in denen man sich nackt in die Wellen des Meeres wirft und ausgelassen herumtobt, bis man mit klopfendem Herzen zurück in den Sand fällt? Was ist mit den Nächten, in denen man auf dem Nachhauseweg barfuß auf der Straße tanzt und die Sandalen in den Händen schlenkert?

Tagsüber ist all das doch gar nicht möglich! Auch wenn es zehn gute Gründe geben mag, die der Autor unter oben genanntem Link sich aus den Fingern gesaugt hatte, um das Hohelied auf die Lerche zu singen. Da halte ich es mit dem einleitenden Zitat des Artikelverfassers:

"Lasst mich aber zuerst eines sagen; wenn ihr zu den Nachteulen gehört und ihr euch gut damit zurechtfindet, dann ist das eine tolle Sache. Es gibt keinen Grund euren Lebensstil zu ändern, vor allem dann nicht, wenn ihr glücklich seid."

Thats it. Ich BIN glücklich. ;)

Freitag, 10. August 2018

An die herzliebste Freundin




In dem Jahr, in dem wir uns das letzte Mal gesehen haben, habe ich Dir zu Deinem Geburtstag eine Fahrradklingel gekauft. Du weißt schon, so eine Ding-Dong-Klingel - passend zu Deinem antiken Rad und inzwischen passend zu Deinem historischen Alter :*
In dem Jahr, in dem wir uns das letzte Mal sahen, bekam ich nicht mehr die Gelegenheit, sie Dir auch in die Hände zu legen - und seither ruhte sie in der obersten Schublade meiner Lieblingskommode. Ab und an strich ich mit den Fingerspitzen darüber, manchmal nahm ich sie nachdenklich in die Hand, nur um sie dann doch wieder in die Kommode zurückzulegen.
Ich konnte mich dennoch nie von ihr trennen, so wie ich mich auch nie wirklich von Dir lösen konnte.

Irgendwann hat mal jemand zu mir gesagt: "Wenn ich nichts mehr von dir höre, dann vergesse ich dich" und ich dachte in jenem Augenblick: "Dann ist es auch nicht das Richtige."
Bei mir, musst Du wissen, ist das nämlich anders: Ich kann mich sehr schnell für Menschen und Dinge begeistern, das stimmt - aber Strohfeuer erkalten auch sehr schnell wieder. Nur wer es einmal auch tief in meine Seele hinein geschafft hat, den behalte ich auch dort für all die Zeit, in der ich noch atme, denke, fühle - und hoffe. Und in meiner Seele haben bisher nur sehr, sehr wenige Menschen ihren Platz gefunden. Die, an die ich umso mehr denke, je länger ich sie nicht sah, je tiefer die Wortlosigkeit wurde, die Schweigsamkeit, von der ich manches Mal nicht einmal mehr wusste, woher sie entstanden war..
Du bist eine der sehr, sehr wenigen. Du bist die, von der ich irgendwie immer wusste: "Sie ist meine herzliebste Freundin." Du bist die, an die ich immer und immer wieder dachte, wenn ich durch den Tag oder durch die Nacht fuhr, die Musik aufdrehte, das Fenster herunterließ, um den Wind in den Haaren wühlen zu lassen - und ich mir einreden konnte: Jetzt würde ich ans Meer fahren, wir würden Cafes besuchen und uns überlegen, welches von denen eines Tages uns gehören würde. Oder wenigstens Ideen klauen, wie es sein sollte - das Cafe. Eins mit wenigen Omasesseln, kleinen Holztischen, Figuren aus Treibholz in den Fenstern, indirektem Licht - und eben dem Regal voller ausgewählter Bücher, keine neuen, keine perfekten, sondern die mit dem Charme des ewig wiederholten Gelesenen. Den Kuchen würden wir selber backen und abends, wenn die Stühle schon hochgestellt sind, würden wir eine Flasche Weißwein öffnen, die Beine hochlegen, den Haarknoten öffnen und ich würde seufzen und sagen "Gleich schlafe ich hier auf dem Stuhl ein" und du würdest sagen: "Na ICH trag DICH aber NICHT nach Hause, wir zahlen schließlich keine Erschwerniszuschläge!"

Nur manchmal habe ich geschrieben, wie sehr ich Dich vermisse.
Aber jeden Tag habe ich es gefühlt, ohne auch nur einen einzigen Millimeter erneut auf Dich zugehen zu können. Das hast Du nun getan - und wenn ich mich auch noch vorsichtig in unseren Welten bewege, zurückhaltend, so denke ich jeden einzelnen Tag, wie ganz sehr glücklich ich darüber bin.

Meine herzliebste Freundin, ich wünsche Dir von ganzem Herzen alles, alles Liebe zu Deinem Geburtstag. Ich wünsche Dir das Lachen, das Deinen Bauch schmerzen und Deine Augen mit Glückstränen füllen lässt. Ich wünsche Dir die Leichtigkeit und die Innigkeit, während Du dabei bist, Dir Deine Träume zu erfüllen, Stück für Stück. Ich wünsche Dir ein Leben voller kleiner Glücksgefühle, die die Seele so unendlich reich machen. Und wenn Du weinst, dann möchte ich mich zu Dir beugen und Dich in die Arme nehmen. Einfach nur festhalten.
Danke, dass es Dich gibt.

Mittwoch, 8. August 2018

Wenn Träume fliegen lernen

Das Kind hat einen Hang zum Minimalismus. Von mir hat er das ganz sicher nicht - ich bekenne mich zu meinem verspielt-verträumten Stil von "Landhaus meets Ikea". Oder so. Auf jeden Fall gemütlich und in warmen, hellen Farben. (Na ja gut, zumindest würde ich das gern - mal sehen, ob wir es noch schaffen werden, eine passende Bleibe zu finden, die ich dann auch gestalten darf, bevor uns Atem und Zähne ausgehen und wir ins Altenheim übersiedeln dürfen.)
Jedenfalls zeigte Sohnemann mir dieses Foto und fragte: "Das kann doch weg oder?"
"Hä was?" rief ich entgeistert. "DU willst MEIN Foto wegschmeißen??"
"Ist doch alt", stellte er vollkommen realistisch, aber herzlos fest, "siehst doch heute eh ganz anders aus."
Ich nahm das Foto an mich.
"Untersteh dich!"

Diese Momentaufnahme aus dem Jahr 1994. Ich erinner mich daran so genau, weil ich das Blumenkleid wiedererkenne, das ich mir in diesem Jahr kaufte und auch nur in diesem einen Jahr trug. Das erste schwierigste Jahr nach der Heirat. Das erste schwierige Jahr, in dem mir die ersten Gedanken gekommen waren, ob ich es vielleicht auch allein schaffen könnte - nur das Kind und ich... Und die ich wieder verwarf, als der Mann sich nach dem Tod der Mutter umso mehr an mich klammerte.
Je länger ich dieses Foto betrachtete, umso mehr Erinnerungen stiegen in mir auf.
Ich als Kind.
Ich als Girlie.
Ich als junge Frau, die völlig überstürzt heiratete.
Ich als junge Frau, die ihr erstes Kind bekam, obschon ich mir zu jenem Zeitpunkt überhaupt nicht sicher war, ob ich nicht vielleicht doch lieber noch gewartet hätte.
Ich als junge Frau mit dem Kopf voller Träume und romantischer Vorstellungen, die noch nicht völlig von der Realität bezwungen worden waren. Die aufgehört hatte mit der Malerei und auch mit dem Schreiben, mit dem Ausdenken von Geschichten über Menschen und die Liebe zueinander.. Die stattdessen versuchte, ihren Platz im Leben zu finden - einem Leben ausschließlich in Verpflichtung, in Verantwortung, als Arbeitskraft, als Hausfrau, als Mama - und die irgendwann ging, weil so viel mehr zu einem wirklich erfüllten Leben gehört.

Wenn ich Fotos von einst und von heute nebeneinander lege, dann denke ich, dass ich damals trotz allem immer noch sehr viel mehr romantische Vorstellungen als heute besaß - und dass ich heute dafür eher konkrete Träume spür. Wenn ich heute Fotos von mir, sehe ich oftmals die Müdigkeit in meinem Blick, in meinem Augen - ungeachtet der Tatsache, dass ich ja auch älter geworden bin.

Vergangenen Sonntag fand ich alte E-Mails einer Freundin an mich, geschrieben vor rund zehn Jahren. Sie beschrieb mich - wie sie mich sah, wie sie mich empfand und unwillkürlich fragte ich mich, wie sie mich eigentlich heute sieht und ob sie immer noch dasselbe von mir sagen würde?
Im Grunde.. ist es vielleicht nicht wirklich wichtig, was ein anderer über dich sagt - sondern wie du dich selber fühlst?

Wenn ich auf meine Fotos von heute schaue, stelle ich für mich fest, dass sich das Mädchen in mir.. wohl endgültig verabschiedet hat.
"Du bist erwachsen geworden", sagte mir mal jemand, dem ich nach Jahren der Kontaktlosigkeit wiederbegegnet war.
Und ich weiß noch nicht, ob ich das gut oder weniger gut finden soll. Ich denke, ich habe geglaubt, den Peter Pan in mir ein Leben lang bewahren zu können. Ich denke, ich habe geglaubt, dass ich meine Träume fliegen lassen kann, ohne dass sie sich zugleich auch davonmachen.

Und jetzt gerade in diesem Moment denke ich.. ich sollte sehr viel mehr von dem ausgraben, das mich an mich selbst erinnert - um mich selber zu bewahren. Und seien es diese alten Fotografien von mir, denen ich noch heute, 24 Jahre später ansehe, dass ich wohl körperlich anwesend war, mit meinen Gedanken jedoch.. bereits ganz woanders.

Montag, 6. August 2018

Wo ich zu Hause bin..



Am Nachmittag schickte mir der Mann ein Video und schrieb dazu "Was ich noch sagen wollte!" Eins jener whatsapp-geeigneten Videos, die an das Bewusstsein appellieren und daran, jeden Tag auszukosten - denn jeder einzelne Tag, der nicht "gelebt" wurde, ist auf immer und ewig verloren, weil man ihn nicht zurückholen kann. Verschenkte, vertane Zeit...

"Hmm".. war meine erste und zunächst einzige Reaktion darauf und späterhin fragte er, wie ich das gemeint hatte.
Ich tat mich ein wenig schwer mit der Antwort.. Manchmal fühle ich mehr als dass ich es in Worte fassen kann. Jedoch er wartete.. Also sprach ich.
"Prinzipiell stimme ich dem Gesagten zu.. Aber irgendwie.. sehe ich darin auch die Gefahr, dass man jeden Tag vollkommen auskosten möchte - mit allem, was geht. Mit wirklich allem und möglichst mit noch mehr. Mit immer noch mehr. Er birgt für mich die Gefahr, dass man verlernt, innezuhalten, den Moment zu genießen. Weil man immer und immer wieder angetrieben wird von dem Gedanken: Bloß weiter, nicht stehenbleiben, keine Zeit vergeuden, der Augenblick, der Moment, der Tag, alles ist nicht mehr rückholbar. Ich glaube, dass das unrastig machen kann. Immer auf der Überholspur stehen zu wollen, um ja nichts zu verpassen. Und damit unfähig, sich fallen zu lassen.."

Manchmal denke ich, dass wir uns unfassbar ähnlich sind.

Für mich ist nicht wichtig, was wir miteinander tun.
Für mich ist entscheidend, WIE wir miteinander sind. Und dass jeder einzelne Tag für mich ein Geschenk ist, den ich genieße. So wie er ist. Weil alles mit ihm mich erfüllt. Ganz gleich, ob wir aufgerüscht zu einem Event gehen oder ein Wochenende daheim auf dem Sofa rumliegen und dem süßen Nichtstun frönen. Oder jeder dem nachgeht, das ihn interessiert.
Home is where your heart is.. ..aber jeder kann ja auch nur immer für sich sprechen, nicht für den anderen.

Manchmal denke ich, dass wir uns unfassbar ähnlich sind.
Und manchmal denke ich, dass wir kilometerweit voneinander entfernt sind..


"Du musst ja auch mal an dich denken."

Dieser Satz eines Freundes auch im Hinblick auf mein aktuelles Arbeitsmodell und die ständigen Fahrten nach L schwebte mir im Kopf herum, als mir eine Freundin einen Beitrag zuschickte, der sich mit dem Pendeln und dessen Auswirkungen auf die Umwelt beschäftigte. Wenn ich ehrlich sein darf, habe ich den Videobeitrag bis jetzt noch nicht angeschaut, mir stattdessen aber alle Kommentare dazu durchgelesen.

Was mich persönlich betrifft: Ich "pendle" zur Arbeit, seit ich meine Ausbildung abgeschlossen habe. Weil die Wohnung immer schon bezogen worden war, bevor ich den einen oder anderen Job annahm.
"Wieso hast du immer noch keinen Führerschein?" hatte mich eine Freundin damals gefragt. "Auto fahren können ist nicht nur praktisch, das ist vor allem auch Freiheit."
Rückblickend kann ich sagen, dass die entscheidenden Wege beruflich und privat tatsächlich erst damit möglich wurden, dass ich lernte, ein Auto zu fahren und dann auch ein eigenes zu besitzen.
Gerade beruflich: Die besten Angebote, die besten Chancen liegen viel zu selten in Greif- bzw. in sprichwörtlicher Laufnähe. Je nach Wohnsituation nicht einmal in günstiger ÖPNV-Lage. Soll man deshalb jedesmal umziehen - oder eben verzichten und nicht die Möglichkeit nutzen, sich nicht nur finanziell, sondern insbesondere auch persönlich weiterzuentwickeln? Hm. Für mich nicht vorstellbar. Was ich auch in all den Kommentaren, in all dem Pro & Contra vermisste: MUSS man denn da wohnen, wo man auch in die Arbeit geht? Betrachte ich das Arbeitsumfeld des Mannes, muss ich offen gestehen: bitte nicht. Eine öde Betonklotz-Gegend, während wir am aktuellen Wohnort absolut die Nähe zu Parks und zur Isar genießen. Fußläufig 5 min, um baden zu gehen und das Abendessen in einem der daneben gelegenen Biergärten zu genießen. Fußläufig 5 min zu Bus & Bahn, zum Supermarkt und zur Apotheke. Und - sollten wir uns für diesen entscheiden - künftig auch nur noch 5 min fußläufig zum potentiellen neuen Hausarzt. Zum Paketdienst 5 min - und wenns mal doch zur Bank oder zur Post gehen muss, sind es maximal 2 Stationen mit dem Bus. In die Innenstadt 4 - 5 Stationen mit der U-Bahn. Wenns mal quer durch die City sein muss, sinds 30 min mit der U-Bahn. Aber dann ist man tatsächlich einmal quer durch die gesamte City gefahren - mit dem Auto bekommt man da eher einen Krampf- oder wenigstens Schreianfall. Vor allem im Berufsverkehr. Was ich immer wieder erlebe, wenn ich mich nicht wöchentlich, aber in regelmäßigen Abständen zwischen 7 und 8.30 Uhr auf den Weg nach L mache. Gute 50 min brauche ich dann, bis ich auf der Autobahn ankomme. Und gute Nerven zuweilen, weil man mir entweder die Vorfahrt nimmt oder mich nicht einfädeln lässt, weil jeder Angst hat, dass er selber dann 5 min später ans eigene Ziel kommen könnte. Ein Wahnsinn, dem ich mich nie und nimmer täglich stellen wollte. Aber ich hab mal drauf geachtet: Die wenigsten führen ein heimisches Kennzeichen an ihrem Kfz spazieren.
Und: Aktuell habe ich - mehr oder weniger - die Wahl. Überwiegend arbeite ich von daheim aus (und mich hat wirklich selber überrascht, wie diszipliniert ich trotzdem bin. Hätte ich tatsächlich von mir nie gedacht ;)) Muss ich dann nach L,  kann ich selbst entscheiden, ob ich 7 Uhr oder doch lieber 11 Uhr fahre, wenn sich aller Irrsinn beruhigt hat. Ich kann mitentscheiden, an welchem Wochentag ich nach L fahre. Für jeden Weg hier innerhalb der Stadt nutze ich das wirklich sehr gut ausgebaute Netz der ÖPNV. Nur - und das ist ein Knackpunkt: Wohnt man außerhalb des U-Bahn-Netzes, sieht alles wieder völlig anders aus. In den Stoßzeiten fahren die U-Bahnen im 5-Minuten-Takt - und glaubts mir: Das ist auch wirklich notwendig bei dem allmorgendlichen Ansturm. Fällt jedoch eine S-Bahn aus, wartet man mindestens zwischen 30 und 45 Minuten auf die nächste. Für jemanden, der in die Arbeit muss, ein No Go - vor allem, da sich dieses "Schauspiel" insbesondere in den Wintermonaten immer und immer wieder wiederholt. Das macht kein Arbeitgeber mit - und man selbst auch nicht, wenn man für den Weg zur Arbeit nicht mehr 30 - 50, sondern 120 min einplanen muss. Vor allem nicht, wenn man diesen Weg täglich bewältigen soll.

Auch in L hatte ich mich im aktuellen Job für das Pendeln mit dem Auto entschieden - aus pragmatischen Gründen. Die Verbindung von meinem Wohnort bis zum Arbeitsort ist derart grottig, dass ich morgens und abends jeweils 90 bis 120 min einplanen muss. Verpasst man abends Bus oder Bahn, muss man schlappe 60 min auf die nächste Bahn warten. Das ist reine Lebenszeit, die man da verschenkt für einen Weg, den man mit dem Kfz bequem (na gut, zügig ;)) in 25 min zurücklegen kann. Vor allem, wenn man bedenkt, dass man es einfach niemals pünktlich aus dem Büro heraus schafft. Jedenfalls nicht in unserem Laden. Und sowieso nie freitags. Nie! "Freitags werden die Faulen fleißig" hieß es schon bei meinem 2. Arbeitgeber nach der Lehre - und erfuhr mit den Jahren recht grimmig, was das bedeutete: Alles, was die Woche über vertrödelt wurde, durften die braven Assistentinnen dann freitags erledigen, während die eigentlich Verantwortlichen spätestens pünktlich nach Hause gingen und dem Dolce Vita fröhnten. Was habe ich DA abgekotzt die Jahre ;) 
Und der jetzige Arbeitgeber: Als ich noch in L wohnte, bin ich in den letzten Jahren regelmäßig nicht vor 18 - 19 Uhr aus dem Büro herausgekommen. Wenn ich dann noch Minimum 90 min bis nach Hause rechnen müsste, hätte ich grad mal noch Energie, um Abendessen zuzubereiten - und das wars dann. Alles private, alles haushaltliche würde sich in das Wochenende verlagern - in die Zeit, die man eigentlich haben möchte, um irgendwas Schönes zu machen, irgendwas, wo man die Seele baumeln lassen und die eigenen Energiereserven wieder auffüllen kann. Anfangs habe ich so oft wochentags bis in die Nacht rein Ordnung gemacht, Wäsche gebügelt, Hausaufgaben kontrolliert, bei der Anfertigung von Aufsätzen.. äh.. assistiert (Sohnemann weiß noch, wie ich morgens gegen zwei Uhr, als wir endlich mit seiner Hausarbeit fertig waren, die natürlich am nächsten Tag abzugeben war, den vorletzten CD-Rohling wutentbrannt durch das Zimmer schmiss, als der Laptop kurz vor Ende des Brennvorgangs meldete "Der Datenträger kann leider nicht beschrieben werden" und meinen Sohn anraunzte "BETE, dass der letzte Rohling funktioniert!"), na ja und so weiter.


Grad die letzten Jahre vor dem Wechsel von L nach M zeigen mir rückblickend, wie ausgebrannt ich irgendwann war: Samstags habe ich ausgiebig ausgeschlafen, im Bett gefrühstückt, gelesen, nachmittags oder abends eingekauft, Wäsche gewaschen, die Wohnung in Ordnung gebracht, gebügelt, keine Verabredungen mehr angenommen oder anstehende abgebogen, ich wollte auch keinen Besuch mehr bei mir daheim haben - weil man den ja nicht einfach rauskomplimentieren kann. Ist man aber bei jemandem zu Gast, kann man aufstehen, sich für alles bedanken und gehen.
Da hatte ich nun sozusagen vor der Nase mindestens 2 Seen, aber die sah ich - wenn überhaupt - nur noch sonntags.
Das ist alles nichts Schlimmes, das ist auch nichts Tragisches, mir ist auch völlig bewusst, dass es all den Pflegern, den Krankenschwestern und überhaupt den Schichtdienstlern noch viel beschissener ging - dennoch stellte ich mir irgendwann die Frage, ob ICH das alles so wollte - und wie lange noch.
Vor dem Wechsel von L nach M bin ich an den Wochenenden auch nur noch mit Mitfahrgelegenheiten gependelt, nicht mehr allein gefahren. Nicht aus Kostengründen. Aber wer schon einmal - wie ich - am Steuer einnickte, der begreift spätestens dann, was er für einen Unsinn betreibt und was er da aufs Spiel setzt. Wer freitags todmüde das Office hinter sich zuschließt, der hat einfach keine vierhundertdreißig Kilometer mehr zu fahren. Punkt, Ende, aus.

Wenn ich heute nach L pendle und in meiner "alten" Wohnung, die ja seit 2014 meine Söhne bevölkern, übernachte, würde ich - vor allem in den Wintermonaten - ja auch am liebsten mit der Bahn pendeln. Grad mit der neuen schnellen Verbindung ist man nach gut 3,5 Stunden in L. Aber dann hätte ich immer noch das Problem mit der Verbindung vom Wohnort in die Arbeit. Und ganz ehrlich - ich binde mir keine zwei Stunden jeweils morgens und abends an die Kniescheibe, dafür ist mir die wenige Zeit mit meinen Söhnen nach der Arbeit einfach auch zu schade. Das hat sicherlich etwas mit Bequemlichkeit zu tun - für mich persönlich aber einfach etwas mit Zeitmanagement.
Fahrgemeinschaften? Nicht umsetzbar, weil ein Großteil der Kollegen im Dunstkreis des Büros arbeitet - und der Rest in L in völlig entgegengesetzter Richtung zu mir.
Denkbar für mich wäre hier eher Car-Sharing - aber solange das Netz in L nicht auch im Outback ausgebaut wird und ich immer noch zuviel Zeit verliere und obendrein "sinnlos" bezahle, weil das Fahrzeug nur vorm Büro rumsteht, bis es wieder heimwärts geht (weil mans dort nicht abgeben und abends wieder ein neues mieten kann - was für die Zeit vor der heimischen Haustür genauso gilt), nutze ich dann doch lieber das eigene Kfz.

Mir ist schon bewusst, dass man nicht jedem die perfekte, passende Lösung auf den Arsch schneidern kann. Aber solange die "perfekt ausgestatteten" ÖPNV-Netze lediglich die Innenzonen von Großstädten abdecken, ist es aus meiner Sicht zu kurz gedacht, dem größten Teil der Pendler das Befahren der Innenstadt zu verbieten oder nur noch mit der Abgasnorm 6 zuzulassen - und den Leuten glaubhaft machen zu wollen, dass damit ein wichtiger Schritt zur Reduzierung der Stickstoffbelastung in den Städten gemacht worden sei.

Dienstag, 24. Juli 2018

Unsere Schachtel Bonbons


"Meine Seele hat einen Hut.
Ich habe meine Jahre gezählt und festgestellt, dass ich weniger Zeit habe, zu leben, als ich bisher gelebt habe.
Ich fühle mich wie dieses Kind, das eine Schachtel Bonbons gewonnen hat: Die ersten isst es mit Vergnügen, aber als es merkt, dass nur noch wenig übrig war, begann es sie intensiv zu schmecken.
 
Ich habe keine Zeit für endlose Treffen, bei denen die Statuten, Regeln, Verfahren und internen Vorschriften besprochen werden, in dem Wissen, dass nichts getan wird.
Ich habe keine Zeit mehr, absurde Menschen zu unterstützen, die trotz ihres chronologischen Alters nicht erwachsen sind.
Meine Zeit ist zu kurz: Ich will die Essenz, meine Seele ist in Eile. Ich habe nicht mehr viel Süßigkeiten im Paket.
 Ich möchte neben Menschen leben, sehr menschliche Menschen, die über ihre Fehler lachen können und die nicht von ihren eigenen Erfolgen aufgeblasen werden und die Verantwortung für sich selbst übernehmen.
 
Auf diese Weise wird die Menschenwürde verteidigt und wir leben in Wahrheit und Ehrlichkeit. Es ist das Wesentliche, das das Leben nützlich macht.
Ich möchte mich mit Menschen umgeben, die es verstehen, die Herzen zu berühren, mit denen, die harte Striche des Lebens gelernt haben, mit süßen Berührungen der Seele zu wachsen.
 Ja, ich habe es eilig, ich habe es eilig, mit der Intensität zu leben, die nur die Reife geben kann.
Ich habe nicht vor, irgendwelche der restlichen Nachtische zu verschwenden. Ich bin mir sicher, dass sie exquisit sein werden, viel mehr als die, die bisher gegessen wurden.
Mein Ziel ist es, das Ende zufrieden und in Frieden mit meinen Lieben und meinem Gewissen zu erreichen [...]"

Mario de Andrade (San Paolo 1893-1945)
Dichter, Schriftsteller, Essayist und Musikwissenschaftler
Einer der Gründer der brasilianischen Moderne



Sonntag, 22. Juli 2018

Sag mir, wie muss es sich anfühlen?



Heute Morgen sah ich das veränderte Profilbild meines Jüngsten (ja, ich darf eins seiner Bilder zeigen, ich habe natürlich vorher gefragt ;)) und musste schmunzeln: "Das gibt einen Aufschrei in deinem Fanclub" schrieb ich und er antwortete mit einem Grinsesmiley.
Nach gut einem Jahr Beziehung hat er sich nun also positioniert und es "öffentlich" gemacht.
Er, der mich früher hin und wieder gefragt hatte: "Wie muss sie denn sein, die Liebe? Wie muss es sich anfühlen, damit ich weiß, dass es die Richtige ist?"

Ja.. Wie muss es sich denn anfühlen?
Wann weiß man, dass man dem einen Menschen begegnet ist, ohne den es am Ende auch geht - mit dem aber alles so viel wundervoller ist?

Hätte man mich dies vor 17 Jahren gefragt, so hätte ich diese Frage nicht beantworten können. Eine Tatsache, die für mich umso schwerer wiegt, wenn ich daran denke, dass ich zu diesem Zeitpunkt verheiratet war und zwei Kinder auf diese Welt gebracht hatte. Eine Tatsache auch, die für mich doppelt schwer wiegt, wenn ich daran denke, dass die Ehe nicht durch Liebe geprägt und das Ja-Wort auch nicht aus der unbedingten Liebe zueinander heraus ausgesprochen worden war. Ich habe Ja gesagt in dem Vertrauen darauf, dass es gut und richtig war - oder es gut und richtig werden würde, eines Tages.
Das wurde es jedoch nicht, es wurde mit den Jahren immer schwieriger, umso mehr, je mehr ich begann, über die Ehe, das Leben und überhaupt nachzudenken. Immer öfter ertappte ich mich bei dem Gedanken: "Ist es das jetzt gewesen? Ist es so, das Leben? Ist sie so, die Liebe? Ist das überhaupt Liebe? Ist es nicht eher Besitzdenken? Besitzanspruch? Gewohnheit? Und die Furcht vor der finanziellen Konsquenz?" Über die Jahre hinweg entwickelte ich nicht nur eine gewisse Furcht vor dem Mann, ich entwickelte aber zugleich auch eine gewisse Müdigkeit: Jeder Tag aneinandergereiht wie an einer Perlenschnur, kein Raum für Entwicklung, kein Raum.. für die Liebe. Irgendwann bin ich morgens erwacht und wusste, wie jeder einzelne Tag dieses Lebens werden würde. Jeder Montag, Dienstag, Freitag. Tag für Tag, Woche um Woche, Jahr für Jahr. Ich war gerade dreißig Jahre alt geworden und dachte: "Es wird mindestens die nächsten dreißig Jahre ganz genauso weitergehen."
Ich fühlte mich zu jung dafür, für nichts gut genug zu sein.
Ich fühlte mich zu jung dafür, in Panik zu geraten, wenn mir etwas misslang, und seien es nur diese scheiß blöden Kohlrouladen.
Ich fühlte mich zu jung dafür, ein Leben ohne diese eine Liebe zu verbringen, von der ich nicht mal wusste, wie sie überhaupt sein sollte.
Sie überraschte mich etwa ein Jahr später - und sie überraschte mich umso mehr, als dass ich weder danach gesucht noch darauf gewartet hätte. Sie ist mir passiert - und danach wusste ich: Es gibt kein Zurück mehr. Ich kann nicht mehr zurück, ich will auch nicht mehr zurück. Lieber möchte ich allein leben als in dem Leben zuvor.
Und ich hatte Angst. Ich schwörs, ich hatte echt richtig Angst vor dem, was kommen sollte. Vor einem Morgen ohne die Sicherheit einer Familie. Vor einem Leben, in dem alles nur noch an mir lag. In dem es darauf ankam, ob ich die richtigen Entscheidungen traf. Ob ich allein überleben konnte. All das hatte ich nie zuvor kennen gelernt, ich hab es nie zuvor erfahren. Jedoch die Angst, in das Leben zuvor zurückkehren zu müssen, wieder so leben zu müssen, als sei mir diese eine Liebe nie passiert, war noch größer. Also habe ich mir ein Herz gefasst und bin losgegangen. Wohnung gesucht, Mietvertrag unterschrieben, ausgezogen. Und was hat mir das Herz geklopft, damals in meinem neuen Lebensraum, nur die Musikanlage, das Sofa einer Freundin und das übergroße Bild mit dem übergroßen Herz auf dem Holzfußboden - und ich saß davor, ich starrte auf dieses Bild, ich spürte den Herzschlag bis hinauf in den Hals - und ich spürte... MICH!
Ich habe mich noch immer gefragt, ob ich das alles tun durfte - denn wir hatten doch die Kinder und wir haben diese Verantwortung. Zugleich sagte ich mir aber auch: Wir haben die Verantwortung dafür, dass es den Kindern gut geht und sie glücklich sind. Sie sind nicht glücklich damit, wenn man ihnen alles kauft, das sie sich wünschen. Oder ob sie Markenklamotten tragen oder solchen Kram. Sie sind glücklich, wenn sie geliebt werden und man an sie glaubt. Sie sind glücklich, wenn es ihre Eltern sind. Und du kannst niemanden glücklich machen, wenn du es selber nicht bist.
Ich hatte mir nicht ausgerechnet, ob ich alles allein bezahlen konnte - und vielleicht war das auch besser so? Geld habe ich nie welches vom Ex-Mann genommen oder bekommen, ich habe nur bezahlt die ersten Jahre. Preisgeld, wenn man so will. Aber das war es mir sowas von wert.

Die ersten Monate waren schwer. Die waren richtig scheiß schwer. Und mittendrin in all diesem Chaos begegnet Dir irgendwann ein Mensch, nach dem Du zwar irgendwie gesucht, aber auf den Du irgendwie zugleich trotzdem nicht gewartet hast. Bei dem Du an nichts mehr davon denkst. Der all die unschöne Vergangenheit von Dir abfallen lässt, als sei sie so gar nicht da gewesen. Dem Du in die Augen schaust und das Gefühl hast, Du würdest gleich ganz tief hinunter in seine Seele schauen.
Der Dir nur einen Kuss auf die Wange gibt und schon beginnt es tief in Dir zu vibrieren. Du sitzt ein paar Stunden neben ihm, Du hörst auf den Klang seiner Stimme, die Dir vom Ohr in den Bauch und von dort direkt in die Knie geht. Du hörst auf das, was er Dir erzählt - und alles, woran Du selber denken kannst, ist die Frage: "Wann küssen wir uns endlich?" Du erlebst diese eine wundervolle Zärtlichkeit, diese wunderbare Sehnsucht nacheinander, zärtliche, leise Worte am Telefon, die sich in das Unendliche steigern.. Du erlebst diese allumfassenden Gedanken an den anderen, die Dich so erfüllen bei all dem, das Du tust - und sei es das schnöde Bedienen der Kaffeemaschine.
Alles macht auf einmal wieder Spaß. Alles fühlt sich mit einem Mal wieder so wunderbar leicht an.
Du singst schon frühmorgens auf dem Weg in das Büro.
Du singst abends, wenn Du das Essen für die Kinder zubereitest, Ordnung in der Wohnung schaffst, die Waschmaschine im Badezimmer leise vor sich hin rumort. Alltag? Was ist noch mal Alltag?
Du erlebst diese eine Leidenschaft, die Dir den Atem nimmt und Dich Dinge tun lässt, um die man Dich nicht bitten oder auffordern muss, was Du sowieso für Dich ablehnst, aber jetzt tust Du Dinge, die Du bis hierher gar nicht kanntest - weil er in Dir dieses Verlangen und die Neugier weckt, es ausprobieren zu wollen...
Nachts liegst Du ganz nah bei ihm, Du lauscht auf das ruhige, entspannte Atmen und legst Deinen Kopf an seinen Rücken.. An Deinem Ohr spürst Du seinen kraftvollen Herzschlag.. Und in genau diesem Moment begreifst Du die Endlichkeit des Seins - und die Unendlichkeit des Liebens...

..einen Weg verfolge ich so lange, wie ich selbst daran glaube. Erst wenn ich damit aufgehört habe, ist es Zeit, einen neuen Weg zu gehen. Das ist man sich selbst und aber auch dem anderen schuldig.
Irgendwann, in vielleicht zwanzig, dreißig, hundert Jahren, möchte ich auf mein Leben zurückschauen, ich möchte dabei lächeln und mir sagen: DAS ist es, was ich mir für mein Leben gewünscht habe. Danke, dass ich es erlebt habe. Danke, dass ich es gefühlt habe. Danke, dass ich bis zum Schluss glücklich gewesen bin. Ganz egal, wo und mit wem.. Aber eben.. glücklich.

Samstag, 21. Juli 2018

Wege



Dieser Tage las ich über einen jungen Mann in NRW, der seit vier Jahren einen Rechtsstreit mit dem Land führte, weil man ihn falsch begutachtet und der Intelligenz minderbemittelt eingestuft hatte.
Was zur Folge hatte, dass er sieben Jahre lang (wenn ich es noch recht erinnere) eine entsprechende Beschulung erhielt.
Wenn man sich so vor Augen führt, wie weit Mensch, Technik und Medizin entwickelt ist, dann fragt man sich doch - auf irgendeine Weise beklommen - wie so etwas heutzutage noch möglich sein kann? Dass allein die Beurteilung durch einen Gutachter ausreicht, Dir den Weg abzuschneiden? Oder zumindest umzuleiten - vorausgesetzt, Du hast die Energie und die Mittel, Dich diesem Kampf zu stellen?
Als ich darüber las, dachte ich an meinen eigenen Jungen - und daran, wie man ihm im Alter von drei Jahren eine Form der Epilepsie bescheinigte, die einige Jahre später im Uniklinikum als "frühkindliche Anomalien, die hat jedes zweite, dritte Kind, würden wir sie alle untersuchen" revidiert wurde und ein umgehendes stufenweises Absetzen der beiden Medikamente einleitete.
Ich dachte daran, wie man den Jungen im Alter von sechs Jahren einiger Tests unterzog, von der mir im Vorfeld nicht erklärt wurde, was das für Tests waren, wozu sie da waren und worauf sie in letzter Instanz abzielten. Man stellte lediglich die Frage, wann ich wöchentlich mit dem Kind in die Praxis kommen könne. Mit dem Kind, das wenige Wochen zuvor eingeschult worden war, mit einem Chef im Nacken, der mir jeden Tag das Leben schwer machte - also sagte ich "Wenns Ihnen nichts ausmacht, vier Uhr könnten wir da sein."
Mir war zuvor nicht bekannt, dass man ihm unter diesen Umständen teils knifflige und logische Denkaufgaben vorlegte - mit der Endkonsequenz: "Die Intelligenz Ihres Kindes liegt im unterdurchschnittlichen Bereich, Sie müssen ihn sofort ausschulen."
Ich seh mich heut noch dort auf diesem Stuhl sitzen, wie angeleimt, nur langsam begreifend, was man da von mir wollte. Stand auf, nahm mein Kind an die Hand und fuhr heim. Keine Frage, ich habe Rotz und Wasser geheult. Dieser kleine aufgeweckte Junge, der alles wissen und alles entdecken wollte, der so viele Fragen stellte und viel schneller dachte als er zu sprechen vermochte - der sollte nicht mehr die reguläre Schule besuchen dürfen?
"Nie im Leben", bestärkte mich meine Mum, die Erzieherin, die den Jungen jedes Jahr im Sommer wochenlang zu sich holte, am Telefon, "das hätte ich gemerkt."
Auch die beiden Lehrerinnen bescheinigten ihm eine große Wissbegier, einen großen Ehrgeiz - er träume nur zuviel. "Das hat er von mir", habe ich gelächelt.
Und so wechselte er nicht die Schule, aber wir den Arzt und gingen auch aufgrund anderer Vorfälle ab diesem Zeitpunkt direkt in die Kinder-Uniklinik. In der Folge bekam der Junge einen guten Realschulabschluss, zwei abgeschlossene Ausbildungen und heute sagt er von sich: "Wär ich damals nicht so verspielt und faul gewesen, dann hätte ich heute was ganz anderes machen können."
Und wenn ich an den Beitrag des jungen Mannes aus NRW denke, der inzwischen seinen Hauptschulabschluss nachgeholt hat und einen Ausbildungsplatz sucht, dann frage ich mich, wie unfassbar schnell und einfach es geht, einen Weg vollkommen zu verändern.. Und ich frage mich, wie oft das wohl schon passiert ist?

..daran dachte ich auch, als ich mich am Abend in das world wide web einloggte und dem Doktor, den ich am vergangenen Dienstag aufsuchen sollte zur Borreliosebehandlung, eine Absage für den Folgetermin schrieb. Mit der Begründung, dass ich mich entschieden hatte, die Behandlung am Klinikum in L fortzusetzen. Nur ganz kurz, für die Flüchtigkeit eines Gedanken, hatte ich erwogen, noch mehr hineinzuschreiben. Dass mir die Art des Nichtzuhörens zu denken gegeben hatte, ebenso wie die lapidare Aussage "Die Borrelien können Sie vergessen, das wird doch sowieso nichts mehr, ist doch viel zu lange her" und insbesondere auch sein Umgang mit der (übrigens wirklich sehr netten, zuvorkommenden) Sprechstundenhilfe. Er mochte hochintelligent sein, er mochte von mir aus zehn Diplome an der Wand haben - jedoch die Art und Weise, wie jemand mit Menschen umgeht, sagt soviel mehr über denjenigen selbst aus als über alle anderen.

Ich habe jedenfalls beschlossen, mir nicht den Weg abschneiden zu lassen.

Und natürlich habe ich diesen Zusatz nicht mit hineingeschrieben. Es würde ihn ohnehin nicht interessieren und auch nichts an den Gegebenheiten ändern.

Dienstag, 17. Juli 2018

Du und Dein Meer

Irgendwo las ich die Tage, dass Menschen ab und an auf große Gewässer starren müssten, sie würden sonst komisch. Und gerade jetzt würde mir das so richtig, richtig gut tun. Gerade jetzt würde es meiner Seele so richtig wirklich gut tun, bevor sie mich doch noch klein kriegen oder in die Knie zwingen.
Ich mag nicht auf Berge steigen, nicht mal ansatzweise, ist mir viel zu öde und anstrengend - aber am Meer kann ich stundenlang entlanglaufen, mich hin und wieder in den Sand legen, aufstehen, weiterlaufen, Steine auflesen, Muscheln finden, die ich ganz sicher ganz bestimmt noch nicht habe, um sie daheim ins Glas zu füllen. Weiterlaufen. Immer weiter. Einen Weg verfolgen, den es so gar nicht gibt. Jemandem, der Berge über alles liebt, wird man vermutlich die tiefe Leidenschaft für das Meer nicht wirklich erklären können.
"Du schon", hat der Mann vor zwei Tagen gesagt, "denn genau mit deiner Schreiberei übers Meer im Internet damals hast du mich eingefangen. So hab ich dich gefunden."
Früher dachte ich immer, ich sei überall da zu Hause, wo ich mich spontan wohl fühlte. Früher glaubte ich immer, ich sei ein Zugvogel, der nie wirklich irgendwo sesshaft würde. Der es nur eine begrenzte Zeit irgendwo aushielte und der dann eines Tages wieder weiter müsste. An einen neuen Ort, der mich für sich einnehmen würde.
Kennt Ihr das Gefühl, einen Platz, einen Ort, eine Stadt zu betreten - und Ihr fühlt Euch sofort wohl und könntet Euch spontan vorstellen, dort zu leben, zu lieben, zu lachen, in Cafes die nackten Beine ausstrecken und ein Buch lesen, die Tasse heißen Kaffees vor einem, ab und zu den Blick heben und über die Menschen schweifen lassen, sich nirgendwo festhalten lassend, um diesen dann wieder zu senken und weiterzulesen...
So habe ich mich in Amsterdam gefühlt. Oh Gott, ist das lange her, seit ich dort war. Fünfzehn Jahre, um genau zu sein. Diese Wohnungen direkt über den Grachten, die mit den riesengroßen Fenstern und den Fensterbänken, auf denen man in der Sonne sitzen, lesen, Gras rauchen oder einfach nur dabei sein sein konnte, ohne mittendrin zu sein.
So habe ich mich in Scheveningen gefühlt. Dieser Ort am Meer, an dem ich zwar kaum Muscheln fand, aber mich sofort in die wundervolle Atmosphäre verliebte, die der Strandbars, aneinandergereiht wie an einer Perlenkette, die Musik von überall her, die goldene Abendsonne über dem Meer, barfuß im Sand, die kleine Flasche Wein in der Hand, das Haar offen und das Herz ganz weit...
Heute weiß ich, ich bin wirklich nur am Meer zu Hause - wo auch immer das Wasser ans Ufer heranrollt. Alles andere wird bis dahin ein Zwischenstopp bleiben - wo auch immer das gerade ist.

"Du und Dein Meer", wurde ich vor einer Weile augenrollend belächelt. Dann lache ich immer nur und denke still, aber glücklich: Ach, ihr Unwissenden ;)

Gerade klopft mein Herz ganz sehr, weil ich es allein nur durch das Aufschreiben wieder fühlen, sehen, hören kann, weil all meine Sinne die Erinnerung an das Meer erfassen - und alles fällt von mir ab..

Montag, 16. Juli 2018

..am Ende des Tages





So come on and get up
'cause I love what we've got.



Alles Liebe zum Geburtstag! 
♥️

Freitag, 13. Juli 2018

Sehnsucht




Los! Schlaf jetzt! schreibt der Mann vor wenigen Minuten - aber ich kann nicht... Ich kann einfach nicht einschlafen, ich kann keine Ruhe finden, alles in mir vibriert, ist erfüllt von Sehnsucht. Ich will bleiben, ich will gehen, ich will mich kümmern und dennoch.. hinausfliegen in die Welt..
Ich möchte irgendwohin ans Meer, da, wo es warm ist, da, wo ich die nackten Füße im Sand vergraben kann, wo er zwischen den Zähnen knirscht, weil ich nicht aufhören kann zu lachen, die Flasche Weißwein zwischen dir und mir hin und her zu reichen und einen Schluck zu nehmen, das Kleid aufzuknöpfen, der Wäsche zu entsteigen und mich hineinzuwerfen in das Meer... Das Prickeln auf der Haut zu fühlen, einzutauchen, die unfassbare Tiefe zu ahnen und die wunderbare Weite des Meeres zu spüren.. Frei sein, so wunderbar frei fühlen, nur für diesen Augenblick wenigstens völlig losgelöst zu sein von Alltag, von Gedanken.. Dich an den Händen zu greifen und mich doch wieder loszumachen und wieder einzutauchen in das Wasser, wieder und wieder, bis es einem schwindlig wird.. So lange, bis wir frieren und an das Ufer zurückkehren, uns einhüllen in dickes flauschiges Tuch..
Abende, die wir barfuß irgendwo sitzen, frisches Brot zerkrümeln, uns einen Weißwein einschenken und uns erzählen, was uns gerade in den Sinn kommt... Vergangenes, Kindheitserinnerungen, Ängste, Freude, Herzglücksklopfen und die Augen glänzen... Während unsere Haut noch immer nach dem Salz des Meeres schmeckt und atmet und aus den Haaren immer noch ein wenig Sand rieselt... Während wir übereinander beugen und dieses eine Funkeln in den Augen des anderen wahrnehmen...

Schon zu Beginn des Jahres habe ich gespürt, dass sich etwas in mir verändert. Ich bin ruhiger geworden, gelassener - aber bewusster. Zugleich achte ich genauer auf Klangfarben um mich herum, in mir. Manchmal denke ich, ich lebe in meiner ganz eigenen, zurechtgebastelten Welt - und vielleicht ist das hin und wieder tatsächlich so. Eine Welt, in die ich mich dann und wann zurückziehe, wenn ich es draußen nicht aushalte, wenn nichts davon zu dem Klang in mir selbst passt.
Es gibt niemanden, der alles von mir weiß, und ich möchte ebenso nicht alles vom anderen wissen. Ich möchte mich selbst fühlen können, ohne dass mich das Außen beeinflusst und meine Wahrnehmung irritiert, und ich möchte die Bandbreite fühlen zwischen mir und dem anderen. Eine Bandbreite, die vieles erahnen lässt ohne die Gewissheit, ob es je so sein wird. Eine Neugier, die nie gestillt wird. Eine Freude auf den anderen, die nicht versiegt, selbst wenn er zum abertausendsten Mal durch die Tür tritt.
Mir ist bewusst, dass sich die Realität nicht aussperren lässt - aber ich selbst... ich verliere mich, wenn ich den Klang in mir nicht höre, nicht fühle. Dann blende ich alles aus, dann sperre ich sie aus, diese Nachrichtensendungen; diese Kommentare, in denen Menschen übereinander herfallen, die sich überhaupt nicht kennen, aber verbal unbedingt aufeinander einhauen möchten; diese Posts, in denen das eigentlich Wunderbare zwischen zwei Menschen hoffnungslos reduziert wird - und ich mich frage, ob sich so die Zerrissenheit eines Menschen offenbart, der zum einen bewusst leben möchte und zugleich erschreckend wenig Wertschätzung zeigen kann..
Ich lese Gedanken anderer, die eigenes Durchlebtes widerspiegeln und weitaus mehr Erinnerungen wachrufen als die Tatsache, dass ich mir jedes Jahr errechne "Jetzt wäre es 13, 14, 15 Jahre alt".
Ich tauche ein in Beziehungen anderer und frage mich, ob ich selber so leben wollte. Oder könnte.
Jeder Mensch führt das Leben, das er sich ausgesucht hat - und es möge mir niemand sagen, er käme da nicht heraus. Nicht zu können meint zu oft nicht zu wollen - und die Gründe sind so vielfältig wie es eben Menschen gibt. Manchmal bin ich überrascht und auch ein Stück weit erschüttert, wenn ich bemerke, wie sehr man sich aus Angst an etwas klammert, das einem in Wahrheit längst nicht mehr guttut. Ich möchte da sein, ich möchte zuhören, aber ich muss gestehen, ich kann es nicht immer aushalten - und bevor die dünne Haut zerreißt, ziehe ich mich zurück in meine ureigene Klangfarbenwelt..
Dann fühle ich mich wieder, dann fühl ich wieder diese wunderbare Sehnsucht in mir, die alles um mich herum wieder an die richtige Stelle rückt.

Eigentlich haben wir uns vorgenommen, lieber öfter zu reisen und dafür nicht lange an einem Ort zu verweilen. Im Moment bin ich mir aber gar nicht so sicher, ob wir das so rum richtig machen.. Von hier aus, von L aus ist es nicht so arg weit bis zum Meer, aber von da, von M, das ist so unfassbar weit, zu weit für ein zwei Tage und Nächte - und dabei wünsch ich mir das so sehr...
Morgen komme ich nach Hause zurück und dann müssen wir noch mal darüber sprechen..

Donnerstag, 12. Juli 2018

"Why Stop Dreaming When You Wake Up?"


Eines Tages bin ich wieder da - ganz für immer.
Ich schwör.

Update:
Erst am heutigen Sonnentag realisiere ich, dass jene Dame gar nicht auf einem Felsen im Meer steht - sondern über den Nebelwolken.
Nachtblind bin ich also auch noch ;)

Mittwoch, 11. Juli 2018

The Trip







Wenn ich morgen alles schaffe, das ich schaffen soll - dann beginnt morgen Abend schon für mich das Wochenende - und das dann auch gleich für ganze vier Tage.
Und so summe ich vor mich hin, lege die ersten Sachen in die Reisetasche zurück und freue mich für die Kroaten :)

Dienstag, 10. Juli 2018

Szenen einer Partnerschaft: Puls? Fünftausend!



Dem Mann zuliebe begleite ich ihn am Wochenende auf eine Party, verlasse diese aber eher als er. Eher meint: Ich gehe gegen Mitternacht ins Hotel und denke "Auch nicht schlecht, dass er noch bleibt, kann ich noch ein bisschen Krimi schauen."
Krimi meint um diese Uhrzeit "Ungeklärte Mordfälle" und so.
Schlafe irgendwann darüber ein und schrecke hoch, als sich jemand an der Eingangstür zu schaffen macht.
Herzrasen!
Puls irgendwo bei Fünftausend!
Zweimal rufe ich den Namen des Mannes.
Keine Antwort.
Natürlich nicht.
Ein Einbrecher wird sowieso nicht sagen "Ne sorry meine Liebe, ich bin der Heinz Gustav und hol mir jetzt dein Zahngold!" - "Ich habe doch gar kein Zahngold!" - "Na gut, dann gib mir dein Geld und dein Handy, und dann hol ich mir dein Leben!" - "Wir sind hier aber nicht bei Super Mario - ich hab doch nur das eine!"
Also war ich versucht, um Hilfe zu schreien - aber zugleich war mir auch klar: Da kommt nix aus der Kehle außer n klägliches Fiepen. Und das Rumoren am Türschloss bleibt hartnäckig.
Also ich raus aus dem Bett und rein ins Bad.
Schlechteste Idee ever - ich hab nämlich das Handy neben dem Bett liegenlassen. Da komm ich nie wieder lebend raus!
Und da öffnet sich auch schon die Eingangstür.
Und ne, das ist kein Alptraum.
Und ja, da steht der Mann, hält sich an der Tür fest, schaut mich selig an mit gefühlten fünf Promille und grinst entschuldigend:
"S war e bisssssl schwiersch mitm Schlosssss."
Eins ist jedenfalls klar: Es gibt nie wieder "Ungeklärte Mordfälle - Dem Täter auf der Spur" bis drei Uhr morgens, wenn ich allein zu Hause oder irgendwo im Hotel bin. Nie wieder!


Übrigens - ebenfalls am Wochenende angetan: das Konzert der Bananafishbones. Ich muss sagen - neben Snow Patrol das einzige Konzert, bei dems mir einfach nicht langweilig wurde und wo fast jeder Song meinen Nerv traf. Sehr, sehr geil - auch und grad beim Autofahren. Habe ich mich heut auf dem Weg nach L von überzeugt ;)
Das fetzt! Das geht ab! Krieg ich auch fast nen fünftausender Puls vom Rumspringen und so ;)


Samstag, 7. Juli 2018

Stell dir vor, es ist Wochenende...


...und Du könntest ausschlafen! Hachz! Gibt es etwas Schöneres als entspannt auszuschlafen und das erste Käffchen zu genießen, während sich die leichte Decke um den Körper windet und die Beine wohlig ausgestreckt sind?

...aber Beziehung ist, wenn der Mann Dich bereits Tage zuvor auf ein Fulltime-Wochenend-Programm vorbereitet, während Du grad noch dabei warst, ganz andere Pläne zu haben ;)
In diesem Sinne - genießt die freie Zeit, Sommer, Sonne, na ja und überhaupt - ich muss dann mal los ;)

Freitag, 6. Juli 2018

Everybody's Changing and I Don't Feel The Same



Dieser Song war meine ganz persönliche Entdeckung im Herbst 2004. Eine denkbar schlechte Zeit für mich, zuviel Ungutes, Schwieriges, Zerbrechendes lag hinter mir und kaum Nährboden für die Zuversicht.
Und dennoch.. Ich erinner mich noch so sehr genau an jenen Nachmittag, so ein wundervoller sonniger Herbsttag mitten auf dem Marktplatz in L, ich in diesem irren Cordmantel, die mit den Kopfhörern in den Ohren, die diesen Song hörte und in der sich mit jedem einzelnen Takt immer größere Hoffnung und Zuversicht in mir ausbreitete gleichsam mit der Bewegung, mit der ich die Augen schloss und die Arme ausbreitete. Es war mir völlig egal, ob mir jemand dabei zusah, was er von mir dachte oder ob er dasselbe haben wollte, das ich doch gar nicht geraucht hatte (ich habe nie in meinem Leben geraucht, übrigens, aber wer weiß, vielleicht hätte ich das ab und an ja mal tun sollen, so Gräser halt ;)). Das war ein Gefühl, wie wenn Du in einem dunklen Raum stehst und nach und nach eine weitere Lichtquelle mehr entzündest - und dieses Licht wird heller und heller und dann.. strahlst du ganz einfach selbst aus dir heraus.. und tief in dir fühlst du: JETZT wird alles gut, irgendwie...

Und genau genommen.. ist es ja auch so gekommen, auch wenn meine Geduld, die ich eigentlich kaum besitze (also nur in den wenigsten Dingen, und in jedem Fall nicht in Herzensdingen) ordentlich auf die Probe gestellt wurde.
Dennoch denke ich, dass mir in meinem ganzen Leben fast ausschließlich die richtigen Menschen begegnet sind. Dass ich unfassbar viel Glück in meinem Leben gehabt habe - auch mit diesen Menschen und auch dann, wenn sie arg viel Veränderungen bedeuteten, deren Sinn sich erst Jahre später erkennen ließ.
Ich bin dankbar. Oh ja, ich bin extrem dankbar. Für beinah jede Begegnung. Ich bin irrsinnig dankbar dafür, heute hier zu stehen, mein Herz klopfen zu fühlen, MICH zu fühlen und mir bewusst zu machen, dass dieses Lebensgefühl mit diesem Song aus dem Herbst 2004.. mich tatsächlich nicht getäuscht hat. Dass die Hoffnung sich erfüllte und die Zuversicht recht behielt...

Und weil ich sowieso nicht an Zufälle glaube (ok, ich glaube allerdings auch nicht an Schicksal und auch nicht an Vorherbestimmung - aber ich glaube daran, dass es so sehr viel mehr zwischen Himmel & Erde gibt, das sich nicht logisch erklären lässt - und es gibt es trotzdem), denke ich, dass es ganz gut passt, wenn ich heute Abend über diesen Song "stolpere" - und mich beinah genauso fühle wie 2004 auf jenem Marktplatz in L.
Ich liebe mein Leben. Ich liebe es so sehr zu leben.
Insofern stimmt die Aussage des Songs nicht ganz (der ja eigentlich auch sonst nicht passt, von daher kann ich nicht erklären, warum gerade der so arg viel in mir bewirkte und immer noch bewirkt. Vielleicht, weil das Album "Hopes && Fears" heißt?): Ich fühle noch immer dieselbe Zuversicht wie die Jahre zuvor. Manches bleibt für immer, für das ganze Leben lang - und das ist glücklicherweise so.

Donnerstag, 5. Juli 2018

No Good at Saying Sorry


Seit dem Abend steht das Ergebnis fest.
Noch nachdem wir längst aufgelegt haben, schaue ich irgendwie ungläubig auf das Telefon in meiner Hand, schwirren mir die Diagnosen durch den Kopf und frage mich...
Ich frage mich, wie man so etwas übersehen konnte?
Wie konnte die Lösung so naheliegend sein und dennoch übersehen werden?
Von dem einen Arzt.
Von dem anderen Arzt.
Und schlussendlich von der Klinik. Die, die mir erst vor Tagen schwarz auf weiß bescheinigte, dass ich wieder völlig gesund sei und die Symptome sich jetzt "psychisch manifestiert hätten" und ich nun in die Psychotherapie gehen sollte, um "Schlimmeres zu verhindern". Ehrlich gesagt - so leicht hat sich das bislang noch kein Arzt gemacht - außer ein einziger in L, aber was zählt der schon in all den Jahren... Was ich ansonsten an Bandbreite der Abklärungsmöglichkeiten in L erlebt hatte, war nicht immer angenehm - aber manchmal aufschlussreich. Seit ich in M wohne, ist nicht mal ein Drittel dessen unternommen worden.
Dass man mir hinsichtlich des Schmerzes nicht mehr helfen konnte, habe ich hingenommen. Irgendwann. Akezptiert. Angenommen. Mir bleibt ja eh nix anderes.
Jedoch auch hier spürte ich: "Ne Leute, da macht mal die Augen auf, da schaut mal genauer, das ist was anderes."
Und so ging ich natürlich nicht zur Therapie, sondern wechselte den Fachbereich und ging letzte Woche nach L zurück.

Und so wie ich mich seit über einem Jahr und nun spätestens seit diesem Ostern fühlte, das wollte ich nicht auch hinnehmen müssen. Nicht so einfach. Nicht kampflos - auch wenn der Mann mich dessen zuweilen verdächtigte.
"Am liebsten würde ich als erstes gleich noch in diese Klinik fahren und ihnen aufs Maul hauen", sage ich zum Mann.
"Und was bringt dir das?"
"Vermutlich ne Anzeige", kicher ich in mich rein und laut sage ich "Nix. Außer meinen Seelenfrieden. Vielleicht."

Im Termin, dem ich mich letzte Woche völlig entspannt, weil völlig erwartungsfrei stellte, wurde bereits nach einer guten halben Stunde der Verdacht geäußert: "Ich bin mir ziemlich sicher, dass es sich hier um eine Infektion mit Borrelien handelt."
Seit heute liegen die Werte vor, zweifelsfrei bestätigt, und sie hat so ziemlich einiges in Bewegung gesetzt, um mich erreichen zu können - dank meines verschusselten Zahlendrehers bei der Angabe meiner Handynummer.
"Ich schick Ihnen das gleich zu und bitte wenden Sie sich umgehend an Ihren Hausarzt, wenn Sie ihm vertrauen. Das muss sofort behandelt werden."
Vertrauen.
Ein ziemlich großes Wort.
Nein, ihm vertraue ich nicht. Schon länger nicht mehr - aber ich kann sie ja nicht alle "durchprobieren". Insgesamt dreimal hat er mein Blut untersucht. Und DAS ist ihm untergegangen? Das ist auch dem Neurologen entgangen? Und dann noch der Klinik?
Der Neurologe, der sagte "Wenn wir im Kopf-Scan nichts sehen, ist es harmlos. Dann ist es vermutlich psychisch."
Ich möcht noch jetzt auf den Tisch kotzen.
Die Klinik, die gesagt hatte: "Labor und EKG unauffällig" - nur dass sie weder das eine noch das andere gemacht haben - und ich erst draußen vor der Tür und im Telefonat mit meiner Freundin mit den Tränen kämpfte ob der Fassungslosigkeit vor so viel... ja ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll.
Dafür gibts für mich auch keine Entschuldigung.
Denn einen Menschen mit Respekt zu behandeln, ihn nicht abzufertigen - vor allem nicht als Arzt, das ist eine Lebenseinstellung. Und entweder man hat sie oder man hat sie nicht.

Nur eins ist natürlich.. äh.. schade. Das Herzrasen, Liebster, verursachst wohl dann eben doch nicht Du ;)

Kategorie: Fundstücke

Quelle: https://www.finanzamt.bayern.de/Noerdlingen/Ueber_uns/Humor/default.php?f=Noerdlingen&c=n&d=x&t=x
Wie es der Zufall wollte, kam ich irgendwie auf die Seite des Finanzamtes. Und dann auch noch auf eins, das mich eigentlich gar nix angeht. Wie und warum, das tut ja nix zur Sache - aber Finanzamt... Da denkt doch jeder gleich an knorrige, verstaubte, bucklige Beamte mit kleinen Brillen und großen gierigen Händen. Ich glaube, niemand denkt im Zusammenhang mit Finanzamt an Humor - da gibts ja zumeist auch nix zu lachen, jedenfalls nicht als Steuerzahler.
Umso erstaunter und belustigter war ich jedoch, als ich unter obigem Link den Button "Humor" las und ganz interessiert und spontan draufklickte.
Das auf ner offiziellen Homepage eines Finanzamtes... Hach, das war mir doch ein versüßter Morgen!

In dieser Stimmung bekam ich just von der Kollegin ein Foto geschickt - der Fund des Tages auf einer unserer aktuellen Aktionswiesen:



"Soll ein Pferd gewesen sein, sagt L." schreibt sie.
Ich nehme einen weiteren Schluck Kaffee und begutachte das Foto erneut.
Für ein Pferd fehlen da aber zwei Beine.
Was ich sehe: Lange Beine, dicke Knie und krummer Rücken.
Sorry, Mädel, aber das bin ICH! In zweihundert Jahren *kreisch*

Übrigens - wegen gestern: Nein, der Junge hat sich noch nicht wieder zurückgemeldet - obwohl ers versprochen hatte. Ich schiebs auf  "die Jugend! *augenroll*" und darauf, dass man um 4.43 Uhr Wichtigeres zu tun hat als an die Mama zu denken. Denn zwischen 2 und 5 Uhr sollte er in L ankommen und die Stalker-Mama hat gesehen, dass der Junge um 4.43 Uhr zuletzt online war. Ich finde das durchaus beruhigend, weil ich mir sage: "Ey der pennt sich jetzt erst mal richtig aus."

Mittwoch, 4. Juli 2018

Von Null auf Irgendwas

...gingen mir gestern Abend Blutdruck und Puls.
Meine Söhne hatten vor rund drei Wochen einen Disput. Also ich sage Disput, der Große hingegen hatte verlauten lassen: "Bei allem Respekt, das ist kein Streit, ab jetzt herrscht hier Krieg!!!" Das aus seinem Mund zu hören ist umso verwunderlicher, wenn man zum einen weiß, was für ein Seelchen er ist (und wie viel es demnach braucht, um ihn derart hochzukochen) und wie sehr er andererseits an seinem "kleinen" Bruder hängt. Ich denke schon, dass er am allermeisten von uns seinen Bruder liebt.
Früher, wenn es Zoff gab, haben sie sich maximal mit irgendwas in Greifnähe Befindlichem beworfen, geprügelt aber glücklicherweise nie. Insofern habe ich mich auch zumeist aus ihren Streitigkeiten herausgehalten und mir gesagt "Sie werdens schon regeln miteinander."
Dieses Mal jedoch schien das Zerwürfnis tiefgreifender und wenn ich mir im Gegenzug die Streitursache vor Augen führte, dann tat es mir doppelt leid um diesen Riss.
Und so ließ ich mich hinreißen zu der Aussage, sie mögen sich bitte nicht so derart zerstreiten, schon gar nicht wegen einem Stück Papier, das sei es einfach nicht wert.
"Denkt nur mal, es geht morgens einer aus dem Haus, verunglückt und kommt nicht wieder - das wär das Allerschlimmste."
Ich hatte dies nicht nur so dahergesagt, auch wenn ich prinzipiell der Meinung bin: Was raus muss, muss raus und muss auch gesagt werden dürfen, man muss sich auch raufen können - aber anschließend sollte man wieder aufeinander zugehen können.

An all das dachte ich gestern Abend, als ich dem Jüngsten schrieb "Ist alles okay bei Dir? Du bist so still." Natürlich wusste ich, dass die Truppe auf Rückreise aus dem Urlaub war und dass bis dahin alles gut war.
"Es gab einen Unfall mit dem Bus, das Dach ist fort", schrieb der Junge.
In diesem Moment schossen mir Blutdruck und Puls auf irgendwas, jedoch blieb ich ansonsten ruhig: Solange er mir schreiben und antworten kann, ist es nicht so schlimm, dass ich mir ernsthaft Sorgen machen muss.
"Kann ich dich anrufen?" schrieb ich und er antwortete: "Grad blöd. Mein Akku ist gleich weg."
Er schrieb mir noch, dass er ne leichte Schnittverletzung hätte, Kopfschmerzen und einen Schock.
Das war das letzte, was ich bis dato hörte.
"Haben die keine Lademöglichkeit im Bus?" fragte der Mann.
"Es gibt keinen Bus mehr", antwortete ich konsterniert.
Die Nacht schlief ich etwas unruhig und mit dem Handy in Greifnähe. Wäre es nicht so arg weit weg, ich hätte mich selbst ins Auto gesetzt und den Jungen nach Hause geholt.

Ich bin dankbar, dass ihm und auch den anderen Urlaubern offensichtlich nichts Schlimmes passiert ist - auch wenn ich immer noch unruhig und wie auf Kohlen sitze, solange ich nichts von dem Jungen höre.
Und ich bin froh, dass die Jungs sich zusammenrauften, bevor der Jüngere in den Urlaub fuhr. Der eine hatte dem anderen einfach einen Versöhnungs-Döner mitgebracht und dann hatte man gemeinsam Fußball geschaut. So lösen das Männer ;)

Montag, 2. Juli 2018

Erkenntnisse, Teil 2



Meine Lieblingsorte sind das Meer und die Badewanne - und ich bin trotzdem kein Fisch. Ans Meer möchte ich am liebsten schon jetzt zurück - auf meine Insel aber frühestens, wenn meine Hauptbeschäftigung nur noch aus Malen und Schreiben besteht ;)


Wenn ich zur Bedienung sage "Ich hätte gern einen Milchkaffee, bitte", schaue sie dabei an und lächle, lächeln sie ganz oft zurück - und ich mag das sehr! Wenn man " nen Milchkaffee" hinrotzt, bekommt man den zumeist auch lustlos hingestellt. Recht so.


Je größer die Zahl in meinem Pass wird, desto älter werde ich. Sakra!


Je älter ich werde, desto mehr Angst habe ich um meine Söhne und zugleich wird auch meine Liebe zu ihnen tiefer. Und dieses Gefühl liebe ich auch.


"Wer uns ausm Norden zum Freund hat, der hat uns für ein Leben lang", pflegt mein Papa zu sagen. Recht hat er! Ich bin da nicht so schnell mit - aber an wen ich einmal mein Herz hänge, der hat es für ganz immer, sofern ers nicht missbraucht. Rette sich also, wer noch kann. (Nein, Miss P., Du warst leider zu langsam. I'm so very sorry. ;))


An meinem Ehrgeiz könnte ich bestimmt noch bisschen arbeiten. Dafür weiß ich ziemlich sehr genau, was ich nicht (mehr) will. Ich finde, das ist durchaus ein Fortschritt.
Ich muss nicht permanent höher, schneller, weiter. Ein gutes Buch, eine schöne Tasse (ja, das Auge trinkt mit!) guten Kaffee und dann ganz entspannt ein weiteres Etappenziel erreichen tun es auch.


Die Praxen von Therapeuten sind voller Menschen, die keine Therapie brauchen. Aber voll mit denen, an denen es ausgelassen wird.


Wenn ich etwas soll, tue ich es erst recht nicht. Wenn ich etwas nicht will, dann will ich auch nicht. Kannst du auf und niederspringen, s wird nix.


Ich kann mich ganz sehr für andere freuen.


Hass ist mir fremd. So viel negative Energie besitze ich nicht. Aber ich kann verachten, abgrundtief.



Freitag, 29. Juni 2018

Das Leichteste der Welt



Bevor ich mich morgen in aller Herrgottsfrühe auf den weiten Weg zurück nach Hause begebe, liege ich hier entspannt auf dem Bett, es geht mir gut, ich fühl mich wohl. Ich fühl mich beinah wie früher, als dieses Zimmer noch mir gehörte. Dieses Zimmer, dessen Wände noch immer mit meinen Farben bestrichen sind.
Dieses Zimmer, in das ich mich so oft verkrochen, zurückgezogen habe, wenn ich mich allein fühlte, zurückgelassen, stehengelassen, nicht abgeholt..
Dieses Zimmer, in dem ich so herzlich lachte und so bitter weinte.
In dem ich sprach, schwieg, schrieb, malte und den Blick so oft hinaus in den blauen Himmel geführt hatte.
Dieses Zimmer, das meine Musik von den Wänden abperlen und den Holzfußboden vibrieren ließ.
Dieses Zimmer, das das andere Zimmer vergessen ließ, in dem ich Deine Zeilen las, die mir die Wände jeden Tag neu entgegenschrien. Die Zeilen, in der Du schriebst, wie gut es Dir gerade ging - mit ihr.
Mir war immer klar: Nach uns würde ich mit Dir nicht befreundet sein können. Nach uns würde mir nur ein klarer, konsequenter Schnitt helfen. Einer, der es unmöglich macht, einander erreichen zu können. Einer, mit dem wir niemals wieder ein Wort miteinander wechseln oder voneinander lesen könnten. Einer, der mich das Ende nur aushalten ließe, solange ich nichts mehr von Dir hören oder sehen würde. Der mich nichts von Deinem Glück und Deinen erfüllten Träumen erfahren ließe.
Ich glaube, dass man nach dem Ende einer Beziehung nur dann mit jemandem befreundet bleiben kann, wenn man tatsächlich aufgehört hat, einander zu lieben, als Mann und als Frau.

Mit Dir könnte ich niemals "nur so" befreundet sein. Weil ich Dich immer lieben werde. So lange, bis ich eines Tages, irgendwann in fünfzig Jahren, die Augen schließe und aufhöre zu atmen.

Dienstag, 26. Juni 2018

The Weight of the World



“I was trying to say that, really, a man and a woman, can't understand each other because we are a man and a woman. And if we could actually swap each other's roles, if we could actually be in each other's place for a while, I think we'd both be very surprised!"
Kate Bush 


"Manchmal verstehe ich dich nicht", beklagt hin und wieder der Mann. Meist lächle ich dann, hin und wieder ziehe ich ratlos die Schultern hoch - und antworte nicht. Manchmal denke ich "Ich dich auch nicht immer, jedoch das macht nichts."
In den Tagen, die mir zu laut, zu schnell und zu brachial werden, ziehe ich mich in mich selbst zurück. Dann bin ich immer noch da - in Wahrheit jedoch sind mein Kopf, meine Sinne und meine Empfindungen ganz woanders. Ich glaube, ich muss das tun, um mich zu schützen, mich zu retten - mich mit all dem, das mich ausmacht. Vor dem Alleinsein habe ich keine Angst, Stille um mich herum empfinde ich nicht als bedrückend - weil ich die Worte in mir aushalten kann und will. Und weil ich die Stille in mir mit Musik füllen kann, wenn ich es brauche.

Es ist gut zehn Jahre her, als mir etliche Elektroden an den Körper geschnallt wurden, um irgendwelche Kurven aufzuzeichnen, die durch meinen Körper strömen.
"Ich lasse Sie jetzt für ein paar Minuten allein und Sie versuchen für diesen Moment, mal an nichts zu denken. Sich einfach herunterzufahren."
Mir war nicht klar, ob ich tatsächlich nichts denken würde können, mir war nicht klar, ob ich tatsächlich nichts würde fühlen können, das die Kurven ansteigen ließe.
Er verließ den Raum und überließ mich mir selbst. So wie er die Tür hinter sich schloss, lehnte ich mich zurück und schloss die Augen. Eine Melodie kam mir in den Sinn, eine dieser wundervollen streichelzarten Melodien, die ich nur in bestimmten Momenten auflege.
Sie kam mir mit einer derartigen Nachhaltigkeit in den Sinn, dass ich glaubte, diese Melodie tatsächlich hören zu können. Und so lag ich in diesem Stuhl, völlig mir selbst überlassen mit dieser Melodie, die nur in meinem Kopf existierte, so laut und zugleich so zart, und doch vermochte nur ich sie zu hören. In diesem Augenblick gehörte ich nur mir ganz allein, mir mit dieser Melodie.. und ich fühlte mich.. frei.. Ich fühlte mich so wunderbar frei und losgelöst, an nichts denken zu wollen, an nichts denken zu müssen, nichts fühlen zu müssen - und zugleich so... so dermaßen erfüllt zu sein..
(Später wird man ganz erstaunt sein über meine Biokurven, dass es in der Tat erstaunlich sei, wie sehr und wie weit ich mich "herunterfahren" könne. Und ich lächelte und sagte: "Ich habe immer gesagt, dass ich es kann und weiß, wie es geht.")
Da waren diese Bilder in meinem Kopf.. Wie ich barfuß über den Holzfußboden laufe, hinüber zum Fenster, mich auf die Fensterbank kuscheln, hinausschauen, eine Tasse heißen Kakao in der Hand, während vor dem Fenster kalter Regen die gelben Blätter vor sich hertrieb... Auf meinem Schoß ein Buch, der Raum erfüllt vom süßen Duft der Vanillekekse.
Wie ich barfuß die ausgetretenen Steinstufen hinauf zur Holztür steige, mit einer Bewegung schwungvoll die Tür aufstoße, den Geruch im Inneren des Hauses wahrnehme, den Geruch nach kühlem Steingutboden, nach frischen Baumwolltüchern, reifen Äpfeln und eingekochter Johannisbeermarmelade..
(Letzte Nacht bin ich aufgewacht und das Herz klopfte mir zum Hals. Im Traum war ich meiner Großmutter wiederbegegnet, ich habe mit ihr gesprochen, habe mit ihr die Küche betreten, in der sie die Johannisbeeren putzte und einkochte. Ich bin aufgewacht und fragte mich, ob wohl das Haus noch existierte, in dem sie gelebt hatte und in dem ich auf der Fensterbank las, malte, spielte, tagein, tagaus, jeden Tag meiner Sommerferien. Ich fragte mich, ob ich mir das Haus noch einmal anschauen dürfte, so von innen - oder ob ich mir viel lieber die Erinnerungen von früher bewahren sollte?)

Der Mann teilt meine Wünsche, er teilt meine Träume - und von diesem Moment an hat er beschlossen, einen Plan zu haben und diesen auch umzusetzen. Und er hat gewünscht, dass ich diesen Plan des Weges teile, mit ihm gehe und genauso wie er daran arbeite. Und er hat recht damit.
Nur.. Ich bin so nicht.. So ähnlich wir uns sein mögen, so verschieden sind wir zugleich.. Er weiß, dass es ohne einen Plan, ohne eine konsequente Strategie nicht geht.
Ich weiß das alles.. Und dennoch.. kann ich nicht so vorgehen wie er. Über die vier Jahre, die wir unser Leben miteinander teilen, ist mir klar geworden, dass ich niemals so sein und niemals so vorgehen kann wie er und auch nicht so, wie er es wünscht. Auch nicht so, wie ich es sein müsste, wenn ich eines Tages meinen Traum leben möchte.
Vielleicht muss das so sein - er der Realist, der Stratege auf der einen Seite - und auf der anderen Seite ich, die mit dem Kopf voller Träume, Sehnsucht und einer nicht rational zu begründenden Zuversicht auf die Dinge, die da kommen werden...
"Davon lässt sich dein Traum vom Später nicht bezahlen", merkt der Mann an.
"Das ist mir bewusst.. Dann wird die Erfüllung nicht so, sondern anders aussehen.. Wünsche haben Farben, Gesichter, sie sind nicht starr und auch nicht vorgezeichnet, sie leben, so wie ich.."
Dann schüttelt er den Kopf, resigniert zuweilen, zuweilen auch enttäuscht und wütend in dem Glauben, dass er all das begraben müsse, wovon wir einst sprachen. Dass sich nichts von dem erfüllen würde, von dem wir träumten.
Hingegen ich.. verstehe diese.. Aufregung nicht..

Je hektischer die Welt wird, desto schwerer vermag ich sie zu tragen - weil sie mir die Farbe meiner Träume und damit die Farbe meiner Seele nehmen. Diese laute schnelle Welt stiehlt mir das Leuchten, sie färbt die Träume grau und lustlos - und ich will das nicht. Ich will das einfach nicht.  Ich will mich nicht drängen lassen in etwas, das ich nicht bin. Dieser Tage bin ich nach L gefahren, verbringe den ganzen Tag lang im Büro, der Kopf voller to-dos und den Worten wie "Wir müssen noch!" und "Wir sollten noch!" und "Hast du dies und jenes schon fertig?", zwischendrin der Blick auf die Uhr und die leise Hoffnung, nicht all zu spät aus diesem Büro herauszukommen, weil da irgendwie... auch noch ich bin.
Da fällt es mir wieder ein, dieses Leben, wie es bis vor vier Jahren war. Dieses Leben aus dem Eight-to-Six-Job und den Anrufen weit nach Dienstschluss, die einen nie wirklich zur Ruhe kommen lassen.
Diese Frustration der anderen Seite, wenn ich beschließe, nach zwanzig oder einundzwanzig Uhr die Anrufe zu ignorieren, weil ich ich sein möchte - und auch Zeit für mein Ich haben möchte.
Diese Vorwürfe, weil ich mir die Zeit für mein Ich nehme, während die andere Seite noch bis abends oder nachts Manuskripte liest, Rechnungen schreibt oder das todkranke Kind betreut. Es ist wahnsinnig schwierig, dieses Leben auf der anderen Seite - und es ist ein sehr anstrengendes und inzwischen auch sehr aufreibendes Leben zwischen Angespanntheit, Stress, Sorge - und Angst.
Der Mensch auf dieser anderen Seite, der Ruhe und Stille nicht erträgt, nicht aushalten kann - schon immer nicht, egal in welcher Phase seines Lebens. Jedoch das ist eine Entscheidung, die er für sich traf - und die er zugleich versucht, auch für uns alle zu treffen.
Dagegen wehre ich mich - mehr denn je.
Ich wehre mich dagegen, völlig vereinnahmt zu werden.
Ich wehre mich dagegen, nicht mehr ich sein zu dürfen.
Beruflich wie privat.
Manchmal muss ich schmunzeln: Sobald der Mann spürt, dass ich mich in der Musik vergraben möchte, beginnt er zu reden, zu erzählen. Von diesem und jenem - Hauptsache, ich lasse die Kopfhörer liegen und schirme mich nicht von ihm ab, überlasse ihn nicht sich selbst.
Aber viel zu oft möchte ich genau das tun dürfen. Es ist die Musik, die meine Gedanken und meine Gefühlswelt belebt und zum Leuchten bringt - und es ist genau das, was mich inspiriert zum Malen und zum Schreiben.
"Warum malst du eigentlich nicht mehr? Ich habe dir doch extra die Staffelei geschenkt."
"Weil ich im Moment nicht das richtige Zeichenpapier habe."
"Dann kauf es dir doch."
"Nein, muss ich nicht. Ich habe noch welches in L liegen, das bringe ich mir mit."
Das Zeichenpapier, das ich vor Jahren geschenkt bekam und das den Anlass bot, überhaupt erst wieder einen Pinsel, einen Bleistift in die Hand zu nehmen und eine reiche Palette an Farben auszupacken.
Jedoch dieses Papier.. ist nur eine winzig kleine Begründung.
Die Wahrheit ist.. dass mir der Raum für mich selbst fehlt. Dieser Moment mit mir selbst. Mit der Musik im Einklang, mit all dem, das sie aus mir hervorbringt - und sich auf das Papier überträgt.
Entweder arbeite ich zuviel und zu lange - oder ich beuge mich dem Wunsch des Mannes, ihn nicht auszugrenzen, den Abend mit ihm zu teilen.
"Du kannst das doch alles machen, wenn ich beim Sport bin oder da oder dort."
Wie soll er auch verstehen, dass Inspiration nicht darauf wartet, in ein winzig kleines Zeitfenster im Alltag schlüpfen zu dürfen?
Manchmal erwache ich nachts, weil mir Gedanken, Worte, Wortreihen, ganze Kapitel durch den Kopf gehen, die ich aufschreiben möchte. Früher bin ich nachts aufgestanden und habe sie aufgeschrieben.
Heute tue ich es nicht, um den Mann nicht zu wecken, der immer spürt, wann ich neben ihm liege und wann nicht. Der immer spürt, wann ich mit meinen Gedanken hier bin, nah bei ihm - oder ganz woanders..

Ich muss malen.
Ich muss schreiben.
Ich muss die Musik haben.
Einfach, um die Schwere dieser Welt aushalten zu können.

Vermutlich bin ich für eine gewisse Art von Lebenspraxis.. einfach gar nicht gemacht.

Dienstag, 19. Juni 2018

Kategorie Fundstücke: Das Wort des Tages



Was trinke ich erstmal darauf? Nu freilich - was sonst!


Montag, 18. Juni 2018

Wer bist du und was hast du?

"Es ist schwer, in einer Stadt wie M zu leben", hat vor Jahren mal jemand zu mir gesagt. "M verändert die Menschen. Es ist schwer, man selbst zu bleiben."
Damals lebte ich noch nicht hier, damals war maximal der Hauch eines Gedanken daran verschwendet, in einer Stadt wie M zu leben.

Vor vier Jahren zog ich hierher - und ich denke, es ist schon etwas dran an den einstigen Worten. Es ist nicht nur so, dass man gemustert wird, so diese typischen Blicke von oben nach unten; wie siehst du aus, was hast du an und vor allem: Wie teuer ist das, was du trägst?
Es ist eher, dass man gar nicht erst wirklich wahrgenommen wird. Außer von älteren Menschen. Die lächeln dich dankbar an, wenn du ihnen Platz machst, wenn du sie selber anlächelst, einfach so, wenn ihr Blick gerade deinen erhascht.
Die jüngeren jedoch, insbesondere die weiblichen, die nehmen dich nicht wahr. Die gehen zu zweit, zu dritt, zu viert nebeneinander, die Handtasche in dieser grässlichen Manier in der Armbeuge, der Blick irgendwo, meist zu sich selbst - und so gehen sie einfach davon aus, dass du ihnen aus dem Weg zu gehen hast - und nicht sie dir. Oder gar noch die Front auseinanderzerren, na wo kommen wir denn da hin?
"Ich habe es mir angewöhnt, inzwischen gehe ich drauf zu oder latsche ihnen auch mal in die Hacken", sagt unbekümmert der Mann. Meine Art ist das so nicht und ich will das auch gar nicht erst zu meiner Methodik machen. Aber es nervt mich - diese Arroganz, davon auszugehen, dass man jemandem Platz zu machen hat oder dergleichen.

So wie es mich schon ein Stück weit betroffen und auch nachdenklich macht, wenn Vorschulkinder keine Freunde mit nach Hause einladen möchten, weil ihrer Meinung nach die Wohnung nicht groß und nicht schön genug ist, während ihre Freunde mit deren Eltern in Häusern wohnen. Platz ohne Ende. Wenn Vorschulkinder meinen, sie hätten kein schönes Spielzeug, obschon sie alles bekommen haben, das sie sich selbst wünschten.
Ich denke darüber nach und frage mich, ob das nur hier in M so ist oder anderswo nicht auch? Wie war das in L? Wie war das, als meine Kinder noch kleiner waren? Ich konnte ihnen nicht immer alle Wünsche erfüllen (auch wenn mein Jüngster das vor einer Weile anders bezeichnete, und man kann wohl kaum ein größeres Kompliment bekommen, wenn ein Kind sagt, dass es eine schöne Kindheit hatte und alles hatte, was es brauchte, und alles bekam, was es wünschte) und ich habe ihnen auch keine Klamotten gekauft, die ein bestimmtes Label spazieren führten. Ich habs nicht gemacht, weil ich es finanziell nicht konnte - und weil aber auch kein Bedarf danach entstand. Nicht alles, was teuer ist, ist schön. Oder ist es wert, dass man 200 Euro dafür ausgibt. Vor allem dann nicht, wenn, wie man inzwischen weiß, die teuren Klamotten auch nur in Billiglohnländern produziert werden.
Wir haben uns jedenfalls angezogen, was uns gefiel, fertig. Und natürlich haben die Kinder gesehen, was andere Kinder haben. Und wenn es ihnen gefiel, dann wollten sie es auch. Meistens aber, so hab ichs in Erinnerung, haben sie sich von der Werbung inspirieren lassen.
Ob sie sich für ihr Zuhause schämten? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht, weil sich diese Frage nie stellte. Weil ich persönlich der Auffassung war, dass Platz in der kleinsten Hütte ist, wenn es nur darauf ankommt, dass man sich mag und etwas zusammen machen möchte.
Ob sie sich für ihre Kleidung schämten? Ehrlich gesagt, weiß ich auch das nicht, weil auch hier sich diese Frage nie gestellt hatte. Aber klar ist es schon so, dass ich heute Fotos von früher betrachte und denke: "Hm. Das würde ich die Jungs so heute aber echt nie anziehen lassen!" Aber okay, das denkt man ja auch von sich selbst, wenn man ältere Fotos betrachtet ;)

Als ich vor Jahren in einer Zeit, in der ich noch nicht hier wohnte, meinen Sohn über das Wochenende mit nach M genommen hatte, da sagte er am Ende jener Tage zu mir: "Also die Mädels hier sehen schon richtig gut aus. Aber die gucken einen mit dem Arsch nicht an."
Damals war er 14 oder 15 und gerade erst in der Phase, seinen eigenen Stil zu finden, dies und jenes auszuprobieren.
Ich bin nicht sicher, ob es schwer geworden wäre für ihn, sich in diese Stadt einzuleben, wenn man hier nicht geboren wurde und auch die halbe Kindheit lang woanders groß geworden ist.
Ähnliches erzählt (erst heute) der Sohn des Mannes, der es in den Jahren der Schule nicht leicht hatte und späterhin vieles dann über die stattliche Größe von inzwischen rund zwei Metern richtete.
Ich glaube, dass der Mensch nicht nur hier in M, aber vor allem auch hier Statussymbole braucht - und ich frage mich: Wofür? Um etwas zu zeigen, das ich in Wahrheit gar nicht bin? Um zu zeigen, ich bin wer, ich hab was, ich bin toll? Es geht mir super, ich bin super glücklich trallala?

“Man will nicht nur glücklich sein, sondern glücklicher als die anderen. Und das ist deshalb so schwer, weil wir die anderen für glücklicher halten als sie sind.” Charles Louis de Montesquieu

An all das dachte ich, als ich letztens vom Neurologen kam und auf dem Weg zur U-Bahn dachte: "Ne, also einen Kaffee brauche ich jetzt erst mal, bevor ich in die Bahn steige." Zum Hinsetzen und Verweilen hatte ich leider keine Zeit, doch weil ich mich kenne und auf meine Gelüste meistens auch vorbereitet bin, trug ich einen jener Mehrwegbecher in meiner Tasche, die mein Ältester mir letztes Jahr zum Geburtstag schenkte.
Den reichte ich über den Tresen, als mich eine genervte Verkäuferin fragte: "Bitte?"
Ist Euch eigentlich schon mal aufgefallen, dass sich kaum noch jemand die Zeit nimmt, in vollständigen, ganzen Sätzen zu sprechen? Es ist nicht immer nur fehlendes Bitte oder Danke, es ist insbesondere auch die Art der Kommunikation. Alles muss schnell und zack-zack gehen (auch der Mann hat da so diesen Hang, aber dann werde ich nur noch entspannter: "Ich lasse mich nicht hetzen, auch nicht von dir, du Hektiker.")
Sie schaute pikiert auf meinen Becher, dann auf mich - da war er wieder, dieser taxierende Blick -  und ich begegnete ihrem Blick gerade und direkt. "Ich hätte gern einen großen Latte Macchiato, bitte" sagte ich und lächelte. Sie lächelte nicht zurück, füllte mir den Kaffeebecher ab und wechselte den 10-Euro-Schein in ein paar Münzen zurück, die sie mürrisch klirrend auf dem Teller ablegte.

Das ist nicht nur M und auch nicht jeder ist hier so. Aber es ist vor allem M.
Ich habe mich hier erstaunlicherweise besser und schneller eingelebt als damals in L. Mir ist es dort wesentlich schwerer gefallen und ich hatte deutlich länger gebraucht.
Aber ich weiß auch, dass ich hier nicht bleiben werde.
M ist einfach nicht meine Welt. Es hat ja sowieso auch kein Meer.