Montag, 25. November 2019

Irgendwas ist ja immer

Quelle: https://xn--sprche-ffchen-hfb96a.com/lustige-sprueche/
Vor einer Weile schon haben der Mann und ich festgestellt, dass mit unserem Zusammenziehen vor nunmehr fünf Jahren noch weitere Gesellen mit eingezogen sind. Die da heißen "War ich nicht", "weiß ich doch nicht" und vor allem "Immer".
Nicht selten denken wir: Hat schon alles so seine Vor- und Nachteile.
Zum Beispiel nachts, wenn Du - grad die letzte Folge von Medical Detectives abgeschaltet und ins Bett gelegt - vom Rumoren auf dem Balkon aufschreckst, kerzengerade sitzt im Bett und der Mann unwillig knurrt "Du guckst zuviel Krimis!"
Ich hab nachgeguckt, aber nix gesehen. Und gedacht, na gut, egal wie, ich bin ja nicht alleine.
Das sind Vorteile.
Nachteile sind, dass Du für alles verantwortlich gemacht wirst, von dem der andere überzeugt ist, keinen Anteil dran zu haben. Zum Beispiel, dass im Fliesenboden im Badezimmer irgendwo wieder eine winzige Ecke abgebrochen ist.
"Weil du immer was fallenlässt", sagt der Mann.
"Wie bitte? Das wüsste ich aber!" empöre ich mich jedesmal.
Und Du kannst drauf wetten, fällt Dir wirklich mal was runter, ne Haarbürste, der Nagellackentferner oder sowas, dann steht flugs wirklich immer einer in der Tür: "AHA! Aber DIR fällt ja NIE was runter!"
Könnteste ausrasten, manchmal :)

An manchen Dingen aber bin ich tatsächlich schuld. Da hatte ich mich doch grad noch gefreut, dass der Premiumdienst meinen neuen kleinen Laptop anstandslos (und höchstwahrscheinlich erfolgreich, wenn auch erst im 2. Anlauf) repariert hatte - da fragt mich doch gestern Abend der Mann "Entscheide dich: Alkoholfreier Abend oder nicht." Ähm. Ich trinke ja so gut wie gar keinen Alkohol. Ich mach mir da einfach nix draus. Maximal ein Glas Weißwein, lieber noch als Schorle. (Vor allem, seit wir rausgefunden haben, dass Johannisbeerschorle ähnliche Effekte wie Alkohol hervorruft bei mir ;)) Gestern Abend aber kredenzte er mir ein Glas Eiswein.
Nach dem halben, scheiße leckeren Glas lächelte ich bereits selig und meinte "Ich glaub, ich bin betrunken." Und beim leicht unkoordinierten Griff nach dem Glas kippte dieses um und ergoss sich.. wohin.. na klar.. auf die Tastatur des Laptops.
"Umdrehen!" rief der Mann sofort. "Dreh das scheiß Gerät um!!"
In gemeinschaftlicher Arbeit (er schraubte, ich schaute zu) öffneten wir das Gerät und tupften trocken, was wir erreichen konnten.
Ihr glaubt gar nicht, wie froh, erleichtert und dankbar ich heute Morgen war, als ich das Gerät startete und betete, es möge alles funktionieren - und mein Morgengebet auch erhört wurde. Die sonst im anderen Falle entstandene Missstimmung hätte zwar zu einem Montag gepasst, hätte ich jetzt aber nicht wirklich gebraucht. Meine guten-Morgen-Tasse Kaffee jedenfalls steht jetzt immer hübsch in ausreichender Entfernung zum Gerät. Sicher ist sicher! Schließlich nehme ich auch kein Handy mehr mit in die Badewanne :)

Sonntag, 24. November 2019

Die Kunst, im rechten Moment von der heißen Herdplatte zu springen



Ich weiß, dass ich mit dem Mann nicht über all die Dinge sprechen kann, die mich beschäftigen, die mich bewegen. "Mit was du dich alles so befasst", knurrt er manchmal unwillig, "hast du nicht schon genug mit dir selbst zu tun?" Hätte ich vielleicht. Ich finde es aber nicht schlimm, den Blickwinkel auch (viel) weit(er) weg zu lenken, anstatt immer nur um sich selbst zu kreiseln.
Unlängst liefen wir abends durch die Stadt, waren auf dem Weg nach Hause, meine Hand ruhte in seiner, meine Finger waren zärtlich um seine geschlungen. Und ich überlegte, ein Thema anzuschneiden, bei dem er mich dann unterbrach: "Erzähl mir nichts davon. Ich will das nicht hören."
"Okay. Gut. Schade. Weil, ich will dir ja auch mal Dinge erzählen können."
"Ich weiß. Ich will aber nicht, dass Probleme anderer unsere Beziehung belasten."
"Tun sie doch gar nicht?" wunderte ich mich.
"Doch, tun sie. Ich will lieber die schönen Dinge mit dir erleben. Und wenn du mir von Problemen anderer erzählst, springt sofort mein Kopfkino an. Dann fange ich an, mir Gedanken zu machen, wie man diese Probleme lösen könnte."
"Ich will Probleme anderer nicht lösen", wunderte ich mich noch immer, "ich will mich nur mit dir darüber austauschen."
"Ich weiß. Aber ich bin da anders als du. Ich will dann sofort immer alles lösen."

Im gestrigen Austausch über ein neues, anderes Thema fielen mir seine Worte wieder ein. Auch weil er bei diesem Thema die Auffassung begrüßte, dass man sich auf seine Ziele fokussieren sollte, sie in Angriff nehmen und diesen Berg hinauf bis ans Ziel auch bewältigen sollte. Dass man auch in schwierigen Momenten die Zähne zusammenbeißt, durchhält, weitermacht. Solange weitermacht, bis man sich das Zielband um den Bauch gewickelt hat, die Siegerflasche köpft und auf das Ziel anstößt, sofern man nicht vorher erschöpft in die Knie gegangen ist.. Was, wenn Du Dein Ziel erreicht hast, Dir die Siegerflasche dann jedoch aus der Hand fällt?

Grundlegend finde ich die Herangehensweise richtig: Wenn ich Ziele habe, Wünsche habe, muss ich selbst mich darum kümmern. Dann muss ich schauen, wie ich erreichen kann, das für mich wichtig ist. Jedoch empfinde ich es als gefährlich, sich auf diesem Weg nicht auch Inseln schaffen zu dürfen, zu können, auf denen man ausruht. Es gibt wenig klare Wege, die geradewegs von A nach B führen. Viele Wege sind mit Umwegen, Abkürzungen, Stopp-Schildern, Umleitungsschildern, Hemmnissen, Stau verbunden. Das kostet mitunter arg viel Energie. Doch was für mein Empfinden sehr unterschätzt wird, ist die eigene (mentale) Belastbarkeit eines Einzelnen. Und dass jeder einzelne Schritt nicht nur körperliche, sondern insbesondere auch mentale Energie benötigt, auch dann, wenn man sich das nicht ein- bzw. nicht zugestehen will.

Vor genau elf Jahren bin ich, nur in Unterwäsche bekleidet, vor einem Neurologen auf und ab gelaufen, während er mir pausenlos Fragen stellte. Wie ich meinen Alltag bewältige. Wie ich mich um die Söhne kümmere, den Job, den belastenden Scheidungsprozess, mit der schwierigen oder nicht vorhandenen Beziehung umgehe. Und in dem geforderten Seiltänzergang (damals konnte ich ihn wenigstens noch) schaute ich ab und an verwundert über meine Schulter zu ihm: "Ich verstehe Ihre Frage nicht. Was meinen Sie mit "Wie"? Ich mach einfach?"
"Wieso machen Sie einfach?"
"Weil ich es muss?" wunderte ich mich aufrichtig. Weil ja sonst keiner (für mich oder mit mir) machte. Augenscheinlich hatte ich es einmal zu oft geantwortet, denn als er mir die letzte Frage stellte, antwortete er, bevor ich es tat: "Ja komm, sagen Sies mir nochmal: Weil Sie es müssen."
Und ich weiß noch, dass ich lächelte: "Ich versteh Sie wirklich nicht. Wer solls denn sonst machen? Ist doch keiner da."
Doch draußen vor der Tür, da kämpfte ich mit den Tränen und sagte zur Begleitung: "Eines Tages werden meine Baustellen mich umbringen."
Der damalige Neurologe schrieb einen mehrseitigen Befundbericht und innerhalb kürzester Zeit fand ich mich erstmals in einer Klinik für Schmerzpatienten wieder. Und verblieb dort mit einmaliger Verlängerung ganze acht Wochen. Nach einem Jahr das Ganze noch einmal, nur diesmal in einer Reha-Klinik. Was habe ich vor allem mitgenommen? Das Bewusstsein, dass ich eben nicht immer muss. Dass ich anhalten darf. Dass ich sagen darf "Nein, jetzt nicht." Dass ich sagen und auch umsetzen darf: "Nein, ich muss Pause machen, sonst geht mir die Puste aus." Dass ich mich abgrenzen und auch mal nur für mich sorgen darf. Und muss.
Auch kam mir bei der gestern aufgeworfenen Thematik die Geschichte des Frosches wieder in den Sinn. Dem Frosch, der auf der Herdplatte liegt und zwar merkt, dass sie sich langsam erwärmt. Wäre sie heiß beim Betreten, würde er sofort zur Seite springen. Liegt er aber drauf und sie erwärmt sich nach und nach, gewöhnt er sich an die Wärme und bemerkt (vielleicht) zu spät, dass diese Wärme seinen Tod bedeuten kann.

In unserer heutigen, immer weiter kultivierten Leistungsgesellschaft sind Praxen, Kliniken voll von Menschen, die sich permanent dem Druck ausgesetzt fühlten, funktionieren zu müssen, bis sie nicht mehr (mithalten) konnten. Dabei ist völlig unerheblich, ob dieser Druck von anderen ausgeübt wird oder man sich "nur" selbst diesem aussetzt, eben weil man meint, funktionieren zu müssen. Weil es doch ein Ziel gibt! Wie lange das gut geht, bestimmt jedoch die eigene individuelle Belastungsgrenze. Niemand kann Dir sagen, wie weit Du noch zu gehen hast und an welcher Station Du Rast machen kannst.
"Ich wünschte, ich hätte deine Gelassenheit", sagt der Mann öfter in letzter Zeit. "Und ich wünschte, ich hätte deine Entspannung. Wenn ich was auf dem Plan habe, dann mache ich das erst und dann ruhe ich mich aus. Du kannst dich schon ausruhen, obwohl du noch gar nicht angefangen hast."
"Stimmt", amüsiere ich mich dann, "ich ruhe mich aus, weil ich müde bin vom Wandern davor."

Ich habe ein Problem mit Menschen, die durch ihr Leben dümpeln, von Veränderungen sprechen und sie doch nicht angehen. Die sich viel eher daran gewöhnen, wie es gerade ist und damit arrangieren.
"Du bist noch viel zu jung, um dich durchs Leben zu schleichen", habe ich erst vor einer Weile zu jemandem gesagt, "wenn du weißt, dass du anders leben möchtest, dann fang es auch an."
Es ist jedoch ein Unterschied, ob jemand keinen Bock hat oder ob er (gerade) nicht mehr kann.
Es wird vielleicht auch nicht jeder so klar artikulieren können oder wollen. Hier finde ich Zwischentöne ganz wichtig. Unterscheiden zu können, wann jemand einen Ansporn oder tatsächlich Unterstützung, Hilfe braucht. Vor allem, wenn Du in derartigen Schuhen selbst auch schon gelaufen bist.

Samstag, 23. November 2019

Menschen, die gerne allein sind

Als mir jüngst dieser Artikel "zugespielt" wurde, welche Merkmale Menschen besitzen, die gerne allein sind, da habe ich ihn nicht nur interessiert mitm Käffchen in der Hand gelesen, sondern auch schön geschmunzelt dabei. Und einmal mehr daran gedacht, wie sehr ich mich selbst in den letzten Jahren verändert habe. So zwischen 20 und 30, da war ich ausgesprochen gesellig, liebte den Trubel, liebte es, Gäste zu haben oder zu Gast zu sein. Auch wenn ich nicht zu denjenigen gehörte, die erst in den Morgenstunden nach Hause kamen. Also zumindest nicht fünf, sechs, sieben Uhr. Ich glaub, mein längstes Feiern ging bis halb drei oder halb vier. Ich weiß, die Partyhengste unter Euch lächeln da nur müde, bei Euch geht da die Post erst richtig ab. Nun ja. Ich war halt nie die Partymaus. Spaß haben kann man ja auch abseits davon.
Zwischen 30 und 40 kam dann die Phase des Single-Lebens. Oder soll ich sagen: die Phase der Alleinerziehenden, die ihr Single-Dasein erst noch annehmen musste?
Es war die Zeit, in der ich entdeckte, dass ich tatsächlich gerne auch allein bin. Dass ich gerne mit MIR allein bin. Dass ich genoss, Zeit für mich zu haben. Für die Dinge, die ich gerne hatte. Erstmals nach dem Ende der Ehe entdeckte ich, dass ich nicht nur eine Mama war, sondern vor allem ein Mensch, eine Frau mit Bedürfnissen, Neugier, die aber noch nicht in der Lage war zu sagen, worauf sie selber eigentlich Wert legte oder was zum Beispiel ein ihr eigener Stil war.
Immer öfter zeigte sich außerdem, dass ich viel lieber ausging als dass ich jemanden zu mir einlud. Weil ich auch schnell ermüden konnte. Weil ich schnell das Interesse verlieren konnte, am Abend, an der Person, an der Situation. Man kann aber dann nicht zu jemandem sagen: "Hey du, ist besser, du gehst jetzt, ich wäre jetzt gerne allein." Also sagen kann man das schon, aber ICH konnte es nicht.
Wenn also erste Dates mit Herrschaften anderer Städte anstanden, dann habe ich sie nie in meine Stadt eingeladen. Das war mir viel zuviel Verantwortung, gepaart mit der Furcht: Wenn mir das Ganze nicht gefällt, kann ich nicht nach fünf Minuten sagen "Ja nett, aber ich geh jetzt." Bin ich aber irgendwohin gefahren, konnte ich eben aufstehen und sagen "Ja nett, aber ich fahr dann mal nach Hause." Für mich musste jemand also keinen Aufwand betreiben, es sei denn, er wollte es selber so - und im Gegenzug musste ich kein schlechtes Gewissen haben.

Über die Jahre hinweg entwickelte ich also nicht nur das Bedürfnis nach Alleinsein, ich kultivierte es regelrecht - und genau genommen ist das bis heute so. Wenn der Mann also fragt, ob ich ein Problem damit hab, wenn er feiern geht, wenn er wandern geht, wenn er in den Winter- oder Radsport fährt oder dies auch mal zehn statt sieben Tage dauert - dann lautet die Antwort stets gleich: "Hä? Ne, wieso?" Ich lege nur Wert darauf, dass Absprachen eingehalten werden. Wenn er also zehn Tage sagt und er käme erst am elften, ohne Bescheid zu geben - dann wäre ich stinkesauer. Oder wenn er sagt "Ich bin spätestens 22 Uhr wieder da" und kommt erst um drei, dann bin ich auch stinkesauer, weil er es mir wenigstens mitteilen soll. Immerhin warte ich auf ihn - und mache mir gegebenenfalls auch Gedanken, wenn er Stunde um Stunde nicht kommt. Ich bin jetzt aber auch nicht die, die ihm dann hinterhertelefoniert oder -schreibt. Ja ne, also so tief sinke ich schon nicht. Wenn er sagt "Ich geh feiern, open end" - damit kann ich leben. Kein Problem. Aber wenn sich einer schon festlegt, dann soll er bitteschön auch Bescheid geben, wenn sich was ändert. Ja, da kann ich grillig werden.

Welche Merkmale haben Menschen denn aber nun, die gern allein sind? Ich gebs mal wieder:

1. Sie sind Menschen, die offen sind für neue Erfahrungen
Nun, das kann ich tatsächlich bestätigen. Diese Offenheit wird aber gerne auch verwechselt mit der Annahme, dass man offen für ALLES sei. Das kann ich - zumindest für mich - nicht bestätigen. Ihr werdet mich niemals die Erfahrung machen sehen, wie das ist, beispielsweise einen Kugelfisch zu essen oder das Hirn toter Tiere. Ich steh auch nicht drauf, dass man(n) beim Sex auf mich uriniert oder solch eklige Sachen. Und das weiß ich auch, ohne es ausprobiert zu haben. Es gibt Dinge und Neigungen, die überlasse ich gerne denen, die Spaß damit haben.

2. Sie sind gut zu sich selbst
Nun. Das musste ich persönlich erst lernen. Nämlich indem ich herausfand, was denn überhaupt gut für mich ist. Was sich gut für mich anfühlt. Ist es nicht erschreckend, dass man sich so arg verbiegen (lassen) kann, dass man irgendwann selber nicht mehr weiß, was einem gefällt und guttut und was nicht? Und ist es nicht erschreckend, dass genau das schon normal geworden ist?

3. Sie haben Grenzen
Oh ja. Und je älter ich werde, desto deutlicher setze ich sie. Vielleicht auch, weil ich schon in der einen oder anderen Situation feststellte, dass meine Belastbarkeit nicht mehr so strapazierfähig ist wie noch vor zehn Jahren. Meine Grenze ist heute schneller erreicht als früher, insbesondere dann, wenn es um Dinge geht, die mich triggern - oder aber, wenn es sich stetig wiederholende Dinge sind, die mich erschüttern und ermüden. Doch bevor ich die Geduld verliere und unsachlich oder unfair werden würde, ziehe ich die Reißleine und mein Schutzschild hoch.
So geht es mir auch im Dienstlichen. Ich hatte mir Montag und Dienstag Urlaub genommen, weil der Mittwoch ein Feiertag war. Der für mich gilt, auch wenn ich nicht im betroffenen Bundesland wohne. Am Montag gegen Neun rief mich ein latent genervter Chef an. Ob ich verschlafen hätte oder warum ich nicht ans Telefon ginge.
"Weil ich Urlaub hab?" erinnerte ich ihn gähnend.
Er hat sich entschuldigt - wir haben trotzdem den halben Tag vertelefoniert wegen allen möglichen, aber nicht dringlichen Sachen. Am Dienstag sah ich gegen Mittag zwei Anrufe von ihm - und ignorierte sie. Urlaub ist Urlaub - auch wenn ich mich nicht außer Landes bewege - außerdem gibt es ja noch zwei Mädels im Front Office.
Am Donnerstag morgen ergoss sich dafür ein Schwall Vorwürfe über mich. Warum ich nicht erreichbar sei, wenn man dich schon mal braucht, dass jeder nur an sich denkt und macht, was er will und so weiter und so fort. Die Laune war derart im Keller, dass mir sofort klar war: Der Wind weht eigentlich ganz woanders her und ich kriege hier nur ab, was woanders schiefgelaufen ist. Also blieb ich ruhig, gelassen, geduldig, trank mein Käffchen, während er dann doch noch erzählte von all den Dingen, die auf seiner Leber lagen - und am Ende des Tages war sein Gleichgewicht und der Friede im Office wiederhergestellt. Um 18.10 Uhr rief ich ihn dann ein letztes Mal an, um ihm ein paar Zahlen durchzugeben und auch klarzumachen: Wenn Job ist, ist Job, da diskutiere ich gar nicht über Über-Zeiten. Aber wenn Urlaub ist, ist Urlaub. Irgendwo gibt es dann auch eine Grenze. Auch für Vorgesetzte.

4. Sie sind loyal
Ich glaube es zumindest. Als mir vor einigen Tagen jemand sein Herz ausschüttete, sich ordentlich Luft machte, Sorgen und Nöte herauswarf, die mich eigentlich alle gar nichts angehen, weil wir weder verbandelt noch befreundet sind, da habe ich nur eins gemacht: Mir das alles angehört.
Und gelächelt, als mein Gegenüber sagte: "Du musst ja jetzt auch nichts dazu sagen, du bist ja seine beste Freundin und ich will auch gar nicht an deiner Loyalität rütteln. Aber vielleicht kannst du ja ein Auge auf ihn behalten. Auf dich hört er wenigstens." Letzteres bezweifel ich zwar, aber egal. Ist doch schön, wenn Menschen jemanden haben, wo sie sich mal befreien und entmüllen können.
Es ist schon ein paar Jahre her, als ich im Job ordentlich belästigt worden war. Zum Chef zu gehen, habe ich mich nicht gewagt, unser Verhältnis war damals alles andere als entspannt - und ich wusste, Chef ist mit demjenigen nicht nur dienstlich befreundet. Ich hab versucht, mir den anderen vom Hals zu halten und bin auf Liebesschwüre und Jobangebote nicht eingegangen. Erst als er mir irgendwann drohte, was ich denn glaube, wer ich sei und was ich wohl glaube, was schwerer wiegen würde - meine Position als Angestellte oder seine Position im Geschäftsleben, da ging ich auf den Chef zu. Auch weil ich wusste, dass der Chef meine damalige private Handynummer an jene Person herausgegeben hatte. Ohne es mir zu sagen, geschweige denn, mich gefragt zu haben.
Seit jener Zeit achte ich sehr darauf, wer meine private Handynummer bekommt, welchen Kontakt ich zulasse, welchen nicht. Ich betrachte Menschen, lasse sie, ihr Tun, ihre Worte auf mich wirken und entscheide für mich, ob und wie weit ich mitgehen bzw. mitgenommen werden möchte.
Und ich achte heute mehr denn je darauf, niemandem wehzutun, dessen Herz an mir hängt. Weil das die tiefsten Wunden sind, die man sich selber damit zufügen kann. Klingt vielleicht paradox, ist aber zumindest meiner Erfahrung nach so.

5. Sie haben alles im Kopf
Ähm. Fragt den Mann. Der wird Euch sofort mindestens zehn Dinge aufsagen, die ich wiederholt vergessen habe. Warum die Nagelschere nicht an ihrem Platz liegt und wo sie denn dann liegt.
Na gut, okay, darum gings bei dieser Aussage nicht. "Ihre Nachdenklichkeit gibt ihnen ein großes Selbstwertgefühl, das ihnen erlaubt zu wissen, wer sie wirklich sind und was sie vom Leben wollen. Darüber hinaus ist Alleinsein auch eine Möglichkeit, sich selbst abzulenken, wenn es den Anschein hat, dass die Welt im Begriff ist, einen zu überwältigen."
Ja. Dem ist auch nach meiner Erfahrung so. Spontan dachte ich daran, wie ich mich früher wiederholt für Monate von Facebook abgemeldet hatte. Sogar den Blog mal für ein paar Monate ruhen ließ (was ich nie gedacht hätte, dass ich mal so tief falle). Wie oft ich mich für Wochen von Freunden und gar Familie zurückgezogen hatte, weil mir alles zu laut und zuviel geworden war. Und mir das Gefühl fehlte, nicht in meine Mitte zurückkehren zu können, weil mich zu vieles von mir selber ablenkte.
Dass die Welt mir oftmals zu laut, zu schnell, zu oberflächlich ist, empfinde ich auch heute öfter so - aber inzwischen gehe ich anders damit um. Stichwort Grenzen setzen. Da hätten wirs wieder.

6. Sie wissen, wie man seiner eigenen Zeit und der anderer den richtigen Wert gibt
Nun, ich denke, ich kann auch heute - oder vielleicht heute besonders - meine eigene Zeit verschwenden. Wenn ich daran denke, was ich alles machen wollte, als mir das letzte Wochenende und noch die drei angehängten freien Tage ins Haus standen... Und am Donnerstagmorgen der Kolleginfreundin gegenüber resümierte "Ich habe genau genommen.. gar nichts gemacht. Und trotzdem war es gut so." Und sie antwortete "Ganz ehrlich? Das hört man dir auch an."
Ich habe viel geschlafen, viel gelesen, ein bisschen Knots gezockt und wir haben uns die neue 5. Staffel The Affair reingezogen. Zufällig entdeckt, dass es überhaupt ne Fortsetzung gibt - und angeschaut. Es gab Tage, da bin ich bis abends in meiner dunkelkarierten flanelligen Schlafhose und barfuß in der Wohnung herumgelaufen, nur einen Pullover noch übergestreift, ungeschminkt, die Haare zusammengebunden oder nicht - und es ging mir gut. Genauso wie es war. Ohne Ereignisse, ohne Erlebnisse (bis auf die Pathologie!), aber eine Zeit, die endlich auch das zärtliche Miteinander wieder mehr in den Fokus richtete.
"Ich glaube, dir gehts grad gut mit diesen freien Tagen", merkte der Mann letztens an und ich lächelte "Ohhh ja."
Und vielleicht gehört ja auch diese Form der Erkenntnis dazu: dass es eben nicht immer irgendwelcher doller Erlebnisse, Erfahrungen oder sonstiger großartiger Dinge bedarf, um sich selbst (und dem anderen) etwas Gutes zu tun. Ich denke, das hat doch einen Wert, messbar oder nicht.

7. Sie sind sehr intelligent
Öhm. Welchen meinen die jetzt? IQ oder EQ? ;)
IQ hab ich übrigens mal getestet, der lag bei irgendwas um 129, glaub ich. Worin ich vermutlich ganz schwach war, waren diese logischen Zahlenfolgendingens oder die mit den Mustern: Führe fort nach Algorithmus-schlag-mich-tot. Aarrggh, das magsch gar nicht. Da habens wohl andere Bereiche wieder "rausgeholt". ;)
Gibt es eigentlich EQ-Tests? 
"Viel über die Dinge nachzudenken bedeutet auch, sie kritisch zu analysieren, weise zu unterscheiden, was man für das Richtige für sein Leben hält."
Ja, ich denke heute viel mehr nach, das liegt vermutlich in der Natur des Menschen. Mit 20 interessieren einen viele Dinge einfach (noch) nicht, vielleicht auch, weil man (oder ich) zu der Zeit zu vieles noch gar nicht weiß. Die Erfahrungen, die Freundinnen mit 15, 16, 18 machten, kamen bei mir ja auch alle erst viel später. (Insofern betrachte ich auch die Entwicklung von Sohn I entsprechend gelassen; der wird sein Ding schon machen, genauso wie ich auch.)
Was man für richtig oder falsch hält, kann sowieso nur jeder für sich entscheiden. Und ob man für sich weise ent- oder unterschieden hat, zeigt sich auch zumeist später.
Aber analysieren.. Ich denke schon, dass es für mich immer wichtig ist, eine Situation auch zu verstehen. Zu verstehen, warum ist dies und jenes jetzt so passiert, wie konnte es so weit kommen, warum hat diese oder jener so agiert. Denn wenn ich verstehe, dann kann ich auch loslassen. Und zwar nachhaltig. Dauert lange bei mir - aber wenn einmal wirklich losgelassen, dann gibt es auch kein Zurück mehr.

Mein Fazit? Früher fand ich Alleinsein langweilig, heute liebe ich es. Aber ich liebe es sicherlich auch deshalb, weil ich weiß, ich bin nicht wirklich allein.

Freitag, 22. November 2019

Na Mahlzeit


Als der Mann vor einiger Zeit sagte "Halte dir den 18.11. frei, egal, was kommt, da MUSST du zu Hause sein" und er eine Überraschung versprach, mich auch zum Raten aufforderte, da dachte ich freilich an alles Mögliche. Von so "üblichen" Dingen wie Krimi-Dinner, Konzertkarten, Comedy-Show oder so passte aber nichts davon. (Ich hatte auch noch mehr geheime Ideen, die ich aber nicht ausgesprochen hatte und auch niemals werde.) Ihn hats amüsiert und nur ein einziges Mal war er kurz davor, die Spannung aufzulösen. Sein Wanderfreund, mit dem wir an jenem Abend ausgegangen waren, hielt ihn davon schlussendlich ab. "Es ist wirklich eine tolle Überraschung, die wird ihr gefallen, machs also nicht kaputt." Ich hatte gelächelt, einen Schluck Kaffee genommen - und nun noch weniger gewusst, was ich denken sollte.

"Siebzehn Uhr bin ich da, dann gehts los", schrieb mir der Mann am Montagnachmittag, und da ich eh Urlaub genommen hatte, die Freundin mir zum Mittagessen absagen musste, da hatte ich eigentlich nur noch ein Problem: Was ziehe ich an? Es ist ja nicht so, dass ich nix hätte  - aber von sportlich bis lässig bis schick ist halt alles dabei - und wenn man nicht weiß, welches Event man besucht, dann weiß man auch nicht, welches Outfit passt?
Also entschied ich mich für ein schwarzes Kleid mit weißen Mille Fleur-Dekor - und Stiefelchen mit Absatz. Etwas, das ich später bereuen würde.

Auch die U-Bahn-Station, bis zu der ich lösen musste, sagte mir gar nichts, aber als ich registrierte, dass wir uns zielstrebig auf ein Klinikum zubewegten, da dämmerte mir etwas.
"Ist es eine Lesung? Mit dem.. mit dem.. verdammt, ich komm nicht drauf. Na du weißt schon, der mit der Brille, den sie manchmal einblenden bei Medical Detectives." (Mark Benecke übrigens, Anm. der Redaktion ;))
Irgendwo hatte ich mal gelesen, dass der ja quer durchs Land tourt dann und wann und Lesungen und so vornimmt. Von seiner Arbeit erzählt. Von der Aussagekraft von Blutspuren.
Als Krimi-Mimi, die ich ja nun bin, weiß der Mann, dass mich alles rund um die Forensik interessiert, aber niemals im Leben wäre ich auf die Idee gekommen, dass er von sich aus die Teilnahme an einer solchen Veranstaltung initiiert. Nie! (Ich habe auch erst im Nachhinein erfahren, dass er auf einen heilenden Schockmoment hoffte, der mich dazu brächte, auf die zumeist nächtens flimmernden Sendungen zu verzichten und lieber mit ihm zu Bett zu gehen.)

Vielleicht hatte ich an jenem Montag tagsüber zu wenig gegessen, zu wenig getrunken - und dann noch die hohen Schuhe, die Zick-Zack-Suche von U-Bahn zum Klinikum und der hastige Run über den endlosen, menschenleeren Klinikgang, weil "die fangen sonst ohne uns an" - und dann stand ich da im Kellergeschoss der Pathologie, umringt von allen möglichen Teilen eines menschlichen Körpers.. Da machte ich schlapp. Ist mir so noch nicht passiert. Obwohl ja alles geruchsfrei hinter Glas und in entsprechenden Lösungen liegt, hängt, steht - ich konnt nicht mehr. Musste mich, kaum dass es begonnen hatte, abseits auf die Treppenstufen setzen und erst mal tief durchatmen. Gerettet hat mich dann tatsächlich der Minz-Kaugummi, den der Mann aus den Tiefen meiner eigenen Tasche zutage förderte.
"Hatte ich mal vorsorglich mit eingepackt", schmunzelte er.

Erkrankte innere Organe, das kennt man, das sah ich nicht zum ersten Mal. Überdimensional große oder vom Korsett abgeschnürte Lebern, okay, aber abgerissene Hände eines Betrunkenen, der auf ein U-Bahn-Gleis gefallen war, schwarz gewordene Hände und Füße, vollständig erhaltene Miss- und Fehlgeburten, vollständig präparierte innere Geschlechtsorgane der Frau...
"Na toll", flüsterte der Mann hinter mir, "ich weiß jetzt nicht, ob jemals wieder Sex haben kann."

Geführt wurden wir vom Präparator Albert Riepertinger, der uns nicht nur von seinen Büchern erzählte (von denen wir auch eins kauften), sondern auch andere Dinge vor Augen führte.
Wie wenig zum Beispiel die Medizin heute daran interessiert ist zu lernen, zu forschen. Und das eben nicht im Labor mit Ratten, Mäusen und anderen Tieren, sondern am Menschen. Natürlich hilft es demjenigen nicht mehr, der dort liegt und seziert wird. Aber ich ließ mich problemlos davon überzeugen, wie wichtig eine Sektion für das Lernen ist.
Früher mussten Medizinstudenten das ganze 1. Jahr lang nur an Sektionen teilnehmen oder selber mit vornehmen.
"Früher gab es hier bis zu tausend Sektionen im Jahr. Heute gibt es nur noch um die dreißig. Stattdessen werden hier Filme gedreht, Tatort, Polizeiruf und andere. Früher wollten die Ärzte wissen, ob sie mit ihrer Diagnose recht behalten hatten. Heute interessiert das keinen mehr. Tot ist eben tot."
"Warum ist das so?" fragte der Mann und er wurde angelächelt: "Es geht nur noch um Kosten."

Auch in seinem Buch las ich, dass kurz vor der Wende in Görlitz ein Jahr lang eine Studie betrieben wurde: Beinah jeder Tote wurde obduziert, was einer Sektionsrate von ca. 97 % entsprach. Dabei stellte sich heraus, dass Diagnosen bis zu 60 % falsch gestellt wurden. Das finde ich erschütternd, wenn man bedenkt, wie weit die Medizin inzwischen ist oder sein kann - und dass man heute weniger lernen und (er)forschen will als damals, nur weil es Geld kostet.
Er erzählte von einem Patienten, dem anhand eines Leber-CTs ein Leberkarzinom diagnostiziert wurde. Nach seinem Tod wurde festgestellt: An der Leber war nix. Gar nix. Die war intakt und vollkommen gesund.
"Das kann nicht sein", hatte die damals behandelnde Ärztin angezweifelt und Riepertinger hatte geantwortet: "Dann haben wir hier entweder die falsche Leiche oder das CT war falsch (oder falsch interpretiert)."
Nun. Es war letzteres. Wie so etwas gehen kann, blieb offen, zumindest für uns bei der Führung.
"Aber an irgendwas ist er ja gestorben", hatte eine Bloggerin, mit der ich mich bei FB austauschte, gemeint. Ja, an irgendwas in jedem Fall, aber nicht aufgrund der gestellten Diagnose. Offen blieb bei der Führung auch, woran er wirklich gestorben war und ob er zu retten gewesen wäre, wenn.
Er erzählte auch von einem Aids-Patienten, bei dem mit der Obduktion festgestellt wurde, dass der nicht an der Erkrankung selbst verstorben war, sondern an dem Medikament, das ihm aufgrund der Erkrankung verabreicht wurde.
"Die Pharma-Industrie ist an Sektionen nicht interessiert, weil sie dann sehr viel öfter zugeben müsste, dass von ihren Medikamente welche entweder wirkungslos oder gar tödlich sein können."

Ich dachte an meine eigenen Erlebnisse und Erfahrungen  mit Ärzten, zuletzt mit dem Oberarzt im Herbst 2018 hier in einem anderen Klinikum: "Ja, es könnte durchaus was Genetisches bei Ihnen sein. Aber man muss ja nicht gleich mit dem Teuersten anfangen."
Und riet mir zu einer psychotherapeutischen Behandlung. Trotzdem ich ihm sagte, dass ich auch diese Station bereits mehrfach durchlaufen hatte, stationär und ambulant über einen Zeitraum von mehreren Jahren, ohne Ergebnis, was die körperliche Verfassung betrifft, aber mit einem aufgeräumten Rucksack und einem freien Kopf.
"Aber irgendwas muss da ja noch sein", hatte auch eine andere Ärztin letztes Jahr gesagt und ich hatte geantwortet, dass ich mich nicht dafür entschuldigen werde, ihr nicht damit dienen zu können.
Überhaupt ist mir aufgefallen, wie arg schnell man in eine psychosomatische Schublade gesteckt wird - und dass aber oftmals auch der Aspekt darüber entscheidet, in welcher Kasse man ist.
Sohn I und ich sind pflichtversichert. Der Mann ist privat versichert, Sohn II in einer Beamtenkasse. Es ist wirklich deutlich zu sehen, wie unterschiedlich Sohn I und ich und im Gegenzug der Mann und Sohn II von Ärzten angenommen werden. Sohn II ging es mal nicht so gut, fühlte sich schlapp und müde, hatte aber keine besonderen Infektzeichen. Er wurde erstmal eine Woche krank geschrieben, Blut wurde untersucht und er wurde zum Internisten geschickt. Ergebnis: keins. Es war wohl ein normaler Infekt.
Sohn I hingegen hat seit Monaten eine auf Hühnereigröße angeschwollene Lymphdrüse am Unterkiefer. Nach 5 Minuten wurde er ergebnis- und ereignislos wieder weggeschickt: "Sie arbeiten ja täglich mit Patienten, da werden Sie sich wohl mal angesteckt haben."
Hä? "Da werden Sie sich wohl mal angesteckt haben"? 
Sollte man das nicht wenigstens herausfinden wollen, wenn das Lymphsystem schon so deutlich und vor allem so anhaltend zeigt, dass es mit etwas kämpft?
Er hat ihn nicht nur einmal weggeschickt, sondern insgesamt dreimal mit den Worten "Kommen Sie wieder, wenn es nicht besser wird", dann hatte der Junge keinen Bock mehr und ich nahm ihn mit zu meiner Heilpraktikerin. Die hat sich wenigstens das Blut angeschaut. Ergebnis: Pfeiffersches Drüsenfieber.

Und nun stand ich da in diesem großen, weißgekachelten Sektionsraum und dachte: "Wir können ja aber nicht alle erst sterben und aufgeschnitten werden, um zu sehen, was mit uns los war."
Nur das Tragische ist: Selbst wenn wir gestorben sind, interessiert es inzwischen keine Sau, was mit uns los war. Für uns ist es eh zu spät - aber vielleicht könnte man ja lernen für andere, ähnliche Fälle??

In der DDR hatte es bis zur Wende deutlich mehr Sektionen gegeben - und Riepertinger bedauert es bis heute sehr, dass diese Vorgehensweise der Einigung zum Opfer fiel. Wie so einige andere Dinge, die sich bis heute aber wieder durchgesetzt haben. "Vielleicht kommt die allgemeine Sektion dann auch wieder", schmunzelte er, "so wie es aktuell auch in Österreich, in Schweden und in Holland üblich ist. Aber wenn das kommt, fangen wir ganz von Null wieder an, weil wir bis dahin niemanden mehr mit Erfahrung haben."

"Früher hätte ich nie gewollt, dass man mich oder andere aufschneidet", resümierte der Mann am Abend. "Jetzt denke ich anders darüber. Jetzt würde ich immer zustimmen."
Man kann sich auch der Medizin nach seinem Tod zur Verfügung stellen. Früher war das kostenlos - und manche habens gemacht, um Beerdigungskosten zu sparen. Aus diesem Grund kostet es heute etwa um 800 Euro, wenn man sich der Medizin übergibt. Schon irre. Absolut irre.
Jedenfalls ich konnte seither keine Wurst und kein Fleisch mehr essen. Hatte ich vorher schon viel weniger, aber jetzt geht gar nix mehr.
Allerdings würgte ich auch etwas an der Stulle mit Spinat-Brotaufstrich. Weil ich irritiert zur Kenntnis nahm, dass der Belag mich irgendwie daran erinnerte, wie der Magen eines Menschen aussieht, der sich mit Salzsäure umgebracht hatte. 

Übrigens, vom Krimi-gucken-wollen bin ich immer noch nicht geheilt. Aber ich habe eine kleine Pause eingelegt. Das Leben ist ja irgendwie auch.. Krimi genug. Bon Appetit.

Montag, 18. November 2019

Ein Armutszeugnis

Wenn ich meinen Blog jetzt nacheinander lesen könnte, könnte ich mir durchaus Schöneres vorstellen, als nach dem "Brief" an meinen Jungen jetzt und hier einen anderen zu schreiben. Doch es schnürt mir die Luft ab, den Hals zu und belastet meine Seele, wenn ich das, was ich gerade denke und fühle, nicht herausschrei(b)en kann.

Quelle:
https://staging.mizanticaret.com/ein-kind-das-von-seinen-eltern-schlecht-
behandelt-wird-hort-nicht-auf-sie-zu-lieben-es-hort-auf-sich-selbst-zu-lieben-
gleiches-gilt-fur-erwachsene-mit-ihrem-partner/
Nach dem Telefonat mit Dir wurde ich das dringende Bedürfnis nicht los, mich zu duschen, stundenlang am liebsten, mir die Haut zu schrubben, um jedes Deiner einzelnen Worte und vor allem die Gedanken dahinter wieder loswerden zu können.
Wir haben seit ewigen Zeiten kein Wort mehr miteinander gesprochen, weil wir es einfach nicht mussten und nicht brauchten. Aber das Ding ist eben.. Wenn man Kinder miteinander hat, dann bleibt man verbunden, in gewisser Weise. Eine Verbindung, die einfach nichts Gutes mit sich bringt.
Für mich bist Du der lebende Beweis dafür, dass ein Vater nicht der Mann ist, der ein Kind zeugt, sondern der, der sich kümmert von dem Moment an, wo es entstanden ist.
Aber das hast Du nicht, und wenn ich heute auf all die Jahre zurückschaue, selbst die ersten, dann weiß ich heute: Gekümmert hast Du Dich nicht. Du wolltest nur, dass alles funktioniert. Ein Kind als Statussymbol und den Beweis, dass Du alles hast und alles kannst. Ein Beweis an Deinen eigenen Vater. So wie es die Autos sein sollten, die Du gefahren bist. Die Frau es war, die Du geheiratet hast. Alle sollten Dich beneiden, alle sollten Dich toll finden und Dich bewundern. Und so sollte es auch mit den Kindern sein.
Nach unserer Trennung hast Du Dich vom ersten Tag an bereichert, auf meine Kosten und später auf Kosten Deines Sohnes. In Deinem Umfeld weiß niemand etwas davon. Alle finden Dich toll, stark und super, weil Du mich finanziell unterstützt und im Gegenzug auf Geld von mir verzichtet hättest, obwohl ich ja diejenige war, die die Scheidung und ein anderes Leben wollte. Dass es in Wahrheit genau andersherum war, weiß nicht einmal Deine heutige Frau. Selbst der Junge wollte es nicht wahrhaben, "Du sagst es so, der Vater sagt es anders, und wem soll ich jetzt glauben?" an jenem Sonntagmorgen in meiner damaligen Küche, an dem ich ihm den Bund Kontoauszüge auf den Tisch legte. In jedem Monat las er den Betrag X von mir an Dich mit der Beschreibung "Unterhalt für.." oder "Beitrag für Ferienlager" und so weiter. Kein einziger Geldeingang von Dir, natürlich nicht. Niemals werde ich seinen Blick vergessen, wie er dasaß, die Hände im Schoß, dem Glauben beraubt, dass man dem eigenen Vater nicht vertrauen konnte, weil man von vorn bis hinten belogen worden war. Menschen in Deinem Umfeld ist sowas egal, die würden höchstens mit den Schultern zucken. Für den Jungen jedoch wog das sehr viel schwerer, und das hast Du bis heute nicht begriffen. Du hast so vieles einfach nicht begriffen.
Dein Kind hast Du damals zu einer Therapeutin gebracht, dabei warst Du es, der Hilfe gebraucht hätte. Du hast es so lange hingefahren, bis sie erstmals Bedenken äußerte, ob nicht vor allem auch Du einen nicht unerheblichen Anteil an der damaligen Situation beigetragen hast und ob es nicht eher daran wäre, sich mit Dir zu beschäftigen. Von da an bist Du dort nicht mehr hingefahren und hast natürlich auch dem Jungen die Möglichkeit genommen, die Trennung und vor allem die Ereignisse daraus zu verarbeiten. Kritik an Dir konntest Du nicht ertragen, nicht einmal konstruktive. Das Gefühl, selbst Fehler zu machen, gemacht zu haben, kannst Du nicht ertragen. Bis heute nicht. Bei Dir waren es immer alle anderen, und so ist es bis heute.

Du kannst niemanden lieben um seiner selbst willen. Ich weiß nicht einmal mehr, ob Du überhaupt dann Liebe empfinden könntest, wenn man sich Dir beweisen würde. Was Du brauchst und immer gesucht hast, ist Anerkennung. Liebe. Deine Mama hat Dich abgöttisch geliebt und Du sie. Aber sie ist früh gestorben. Deinem Vater aber konntest Du es nie recht machen. Das, was Du mit Deinem Vater erlebt hast, spiegelt sich von früh an im Umgang mit mir und Deinen Kindern wider. Es wiederholt sich alles, und ich finde es ganz schlimm, dass grad Du das nicht erkennen kannst oder willst.

Stattdessen erzählst Du mir, dass Du Dir den 1. Weihnachtstag freihalten würdest.
"Wir sind zwar eingeladen, aber das geht ja nur ohne Kinder. Wenn die also zu mir kommen könnten, dann bleibe ich natürlich zu Hause."
Mir kommt da die Kotze. Sechs Wochen vor Weihnachten weißt Du nicht einmal, dass beide Kinder zum Dienst eingeteilt sind. Weil Du sie gar nicht gefragt hast. Sechs Wochen vor Weihnachten willst Du Dich eigentlich nur absichern, dass für die Kinder gesorgt ist, während Du Deinen eigenen Vergnügungen nachgehst. Dein Pseudo-Getue kannst Du Dir in Deine kurzgeschorenen Haare schmieren oder an Deinen Allerwertesten heften. Denn mehr ist es nicht wert. Vielleicht hätte ich nicht mal was dazu gesagt, würde ich nicht wissen, dass wir, die Kinder und ich, seit Jahren Weihnachten gemeinsam feiern, weil Du nicht ein einziges Mal gefragt hast, was sie denn eigentlich an diesen Tagen machen. Würde ich nicht wissen, dass ich bereits im September, spätestens Oktober die Planung aufnehme, wie wir es in diesem Jahr hinkriegen, gemeinsam zu feiern. Dass alles nur darauf ausgerichtet ist, dass keiner der Söhne allein ist. Warum Du einer Einladung Deiner neuen Schwiegerfamilie nicht mit Deinen Söhnen nachgehen kannst, habe ich gar nicht erst gefragt und will ich auch gar nicht wissen. Ehrlich gesagt, will ich überhaupt nichts aus Deinem Leben wissen. Weil ich dann Antworten höre, die sich mit meinen Wertvorstellungen und mit meiner Liebe zu den Kindern nicht vereinbaren lassen.

So wie Deine Auffassung, dass Deine Kinder nichts mehr von Dir geschenkt bekommen, wenn sie "denn nicht mal auf die Idee kommen, ihren Geburtstag auch mal zu feiern und uns dazu einzuladen."
Da ist es mir wirklich schlecht geworden. Zum einen frage ich mich: Wozu schenkt man? Weil man muss? Weil es sich so gehört? Weil es eben so ist?
Oder ist es nicht vielmehr so, dass man dem anderen einfach nur eine Freude bereiten möchte? Als ich unlängst von Sohn II eine Liste sah, auf die er sich notiert hatte, was so die nächsten Anschaffungen sein sollten, da habe ich mir das herausgepickt, von dem ich mir dachte "Darüber wird er sich wirklich freuen, weil er es einfach nicht erwartet."
Im Dialog mit Dir wandte ich lediglich ein: "Wofür erwartest du eine Feier und eine Einladung? Du kennst doch die Wohnung und auch die Platzverhältnisse." Mit Platz für max. 3 Personen am Küchentisch, wobei der 3. schon beengt säße. Mit einer Sitzmöglichkeit bei Sohn II im Zimmer, oder mit 2 Sitzmöglichkeiten bei Sohn I. Dass die Wohnung immer noch meine ist und ich ein Problem damit hätte, wenn Du und Deine Frau auf dem Sofa sitzen, auf dem für gewöhnlich ich schlafe, habe ich an dieser Stelle gar nicht erst geäußert, wozu auch.
"Ist doch egal", hast Du geantwortet, "sie könnten ja auch sagen: Ich bring Kuchen mit, können wir bei dir feiern?"
"Sag das doch den Jungen, nicht mir. Wenn sie die Möglichkeit angeboten bekommen, machen sie es vielleicht auch. So wissen sie nur, sie haben keinen Platz."
Und vielleicht auch weder Lust noch Muße, aber das füge ich nicht hinzu. Sicherlich sind sie inzwischen erwachsen und dass die Eltern damit noch Geburtstage für ihre Kinder ausrichten, tut man wohl nicht mehr. Aber was ist denn hier entscheidend? Dass man am Geburtstag der Kinder zusammen ist? Dass man den Tag feiert, an dem jemand geboren wurde, weil es einfach nur schön ist, dass er da ist? Dass man dem anderen doch einfach nur eine Überraschung, eine Freude bereitet? Einfach nur aus Liebe zu dem anderen - und nicht mit dem Gedanken: "Du bekommst nur etwas, wenn du mir dafür auch was zurückgibst"?
Vor fünf Jahren bin ich von L nach M gezogen. Und habe es seither immer möglich gemacht, an ihrem Geburtstag da zu sein. Auch weil ich es wusste: Fünf Jahre, in denen kein einziges Mal am Tag ihres Geburtstages von Dir die Rede war. Weil Du entweder grad im Urlaub warst oder im Dienst oder einfach nur zu Hause. Du hast höchstens angerufen, obwohl Du nur zehn Autominuten entfernt wohnst. Ich habe mich selbst so oft gefragt, wie man das hinbekommt. Wie man das emotional hinbekommt, das Kind hat Geburtstag, wohnt sozusagen ums Eck, aber ich kriege den Arsch nicht vom Sofa hoch, ein Anruf tuts ja auch.

Im Telefonat mit Dir wird vor allem klar: Nächstes Jahr wird der Sohn 30, ein besonderer Geburtstag, den der Junge gar nicht so besonders findet und auch nicht entsprechend feiern will.
Du sagst, er ist aber natürlich besonders - und erklärst mir im selben Atemzug "Ich hab da Urlaub, wir fliegen in die Türkei. Ich wollte nur fragen, ob du da bist und was du geplant hast."
"Du weißt doch, wann dein Sohn Geburtstag hast", wende ich dennoch ein.
"Ja schon. Aber ich hab irgendwie gar nicht auf den Kalender geguckt."
"Hm okay. Dazu brauchts ja eigentlich aber auch keinen Kalender."

Es ist all die Jahre nie anders gewesen. Seit der Trennung hast du darauf geachtet und aufgepasst, was ich und dass ich mache und tue. Dass ich alles einrichte, mich kümmere, bezahle. Damit Du Dich darin sonnen und sagen kannst "Ich hab mich gekümmert."
Nichts hast Du. So gar nichts hast Du. Damals nicht und heute nicht.
Karma? Soll ich aufs Karma hoffen? Vertrauen? Ach ich weiß nicht. Es wird wohl eher so sein, dass Du irgendwann in die ewigen Jagdgründe einkehrst und bis dahin die hundertprozentige Überzeugung gelebt hast, alles richtig gemacht zu haben. Und wenn was nicht richtig war, dann war irgendwer anders schuld. Nur Du nicht.

Den Mann an meiner Seite nervt manchmal, dass ich in meiner Planung der Weihnachtstage oder zu den Geburtstagen der Kinder eben vor allem meine Kinder im Sinn habe. Dass nichts geht, wenn das bedeutet, dass die Jungs allein sind. Ich weiß, dass er sich wünscht, Weihnachten mal nicht durch das Land fahren zu müssen. Entspannt zu Hause oder auch im tiefsten Winterwald sein zu können.
Ich weiß um seine Wünsche und kann sie so gut verstehen - aber ich kann nicht anders handeln. Ich kann nicht irgendwo Friede Freude Weihnachten feiern mit dem Gedanken daran, dass einer von beiden allein zu Hause ist. Weihnachten 2003, ich ganz allein. Soviel Wein konnte ich kaum trinken, bis das nicht mehr wehtat. In Erinnerung daran sie allein zu wissen, ich kanns nicht. Ich glaube, inzwischen versteht der Mann mich und kommentiert es nicht mehr, auch wenn es ihn jedes Jahr aufs Neue nervt.
Ich habe mich ein paar Tage mit der Frage gequält, ob ich ihm vom Telefonat mit Dir erzählen kann - und habe es dann verworfen. Er verachtet Dich mindestens genauso wie ich, nach allem, was vorgefallen ist in all den Jahren. Er will nichts mit Dir zu tun haben und auch gar nicht von Dir oder über Dich sprechen. Er will sich einfach nicht mit Dir befassen und ehrlich gesagt: Mir geht es genauso. Ich komme nur nicht um alles drumrum, denn es wird auch in Zukunft Anlässe geben, die uns mindestens in ein Telefonat bringen.
Hassen kann ich Dich nicht. Denn das würde bedeuten, für Dich ein - wenn auch negatives - Gefühl zu haben. Ich habe aber keins mehr für Dich. Ich verachte Dich abgrundtief, auch wenn mir zugleich durchaus bewusst ist, dass ich hierbei nur meinen eigenen, ganz persönlichen Wertvorstellungen im Fokus habe - und die ja nicht dem allgemeingültigen Zusammenleben entsprechen müssen.

Mich interessiert aber nicht, was einem allgemeingültigen Zusammenleben entspricht. Es ist mir sogar scheißegal. Mich interessiert nur eins: Ich habe zwei Kinder bekommen und das Glück dieser beiden Kinder ist das Wichtigste für mich. Egal, ob sie nun 5, 15 oder 50 sind.
An Sohn II traust Du Dich nicht wirklich an. Bei dem weißt Du, dass Du Paroli bekommst und der dann auch in Kauf nimmt, monatelang kein Wort mit Dir zu schreiben oder zu wechseln.
So wie auf Deinen Vorwurf, er würde sich nur bei Dir melden, wenn er was braucht. Auf diese Aussage hat er sehr verwundert reagiert: "Wenn ich was brauche? Bei dir? Wann denn?"
Er hat Dir den Spiegel vorgehalten und gezeigt, dass Du derjenige bist, der zum einen immer erwartet, dass sie sich bei Dir zu melden haben - oder der anruft oder schreibt, wenn er mal den Keller, die Garage oder sonstwas ausgeräumt braucht. Er hat Dir aufgezeigt, dass Du Dich seit der Trennung von uns nicht einmal gekümmert hast. Er erinnerte Dich an seine Klassenfahrt vor ein paar Jahren im Winter. Dreihundert Euro, von denen ich damals nicht wirklich wusste, wie ich das machen soll, aber unbedingt hinkriegen wollte, um den Jungen nicht davon auszuschließen. Und er Dich daraufhin um Deine Hilfe bat. Mit zehn Euro von Dir kam er nach Hause zurück. "Das ist alles, was ich kann", hast Du gesagt. Wir haben beide gelacht, der Junge und ich, er hat dann die zehn Euro in sein Taschengeld genommen. Das war wirklich sehr, sehr bezeichnend. Weil wir beide aus Deinen eigenen Erzählungen wussten, dass Du Dir einen neuen Audi größerer Klasse gekauft hattest, zweimal im Jahr mit Deiner Frau in den Urlaub fliegst und über den Jahreswechsel an die Küste fährst. Was - wie jeder weiß - ordentlich Asche kostet.
Das alles sei Dir ja gegönnt, wirklich, leb Du Dein Leben und werde glücklich damit.
Aber stell Dich bitte nicht hin und tu so, als würde Dich interessieren, was Deine Kinder machen und wie es ihnen geht. Bis heute, fünf Jahre nach meinem Weggang nach M, hast Du sie nicht ein einziges Mal gefragt, wie sie so leben und wie sie zurechtkommen. Ob sie finanziell zurechtkommen. Sonst würdest Du ja wissen, dass Dein Ältester manchmal nur noch Beträge zwischen 1 (ja, einem) und 10 Euro auf dem Konto hat, während es zum nächsten Gehaltstag noch ein paar Tage hin ist. Mir erzählt der Junge das auch nicht von selbst. Ich erfahre das nur, wenn ich ihn frage. Glücklicherweise frage ich immer rechtzeitig. Als hätte ich einen Radar, der mir sagt "Jetzt könnts grad eng werden."

Glaub mir eins: Beweihräuchern will ich mich nicht, darum geht es mir gar nicht. Ich habe auch Fehler gemacht und es gibt Dinge, die schmerzen mich bis heute abgrundtief, weil ich sie nicht mehr ungeschehen machen kann. Doch selbst wenn ich die Umstände betrachte, die letztendlich zur Trennung geführt haben: Das tut mir nicht leid. Früher habe ich immer gesagt "Ich würde mich immer noch für die Trennung entscheiden, auch wenn es mir für die Kinder wahnsinnig leid tut. Aber ich wünschte mir heute, ich wäre anders gegangen." Ich dachte auch Deinetwegen so - aber das ist lange vorbei. Nach allem, was ich bis heute mit Dir erlebte, tut es mir nicht mehr leid. Was mir heute lediglich leid tut, ist, dass ich ausgerechnet mit Dir eine Familie gegründet habe. Denn wie gesagt: Ein Vater bist Du für mich nicht. Das bist Du auch nie wirklich gewesen. Schon zu Ehezeiten hatte ich zu Dir gesagt "Vielleicht hättest du kein Kind haben sollen, sondern dir besser einen Hund gekauft, den kannst du dann dressieren, bis er aufs Wort hört."

Seit fünf Jahren leben die beiden Brüder in einer WG in meiner Wohnung. Mal geht es besser, mal geht es nicht so reibungslos - aber unterm Strich funktioniert es noch. Was ich aber am Großen mehr und mehr feststelle, auch wenn es erstmal nur ein Gefühl ist: Er nabelt sich von Dir ab, in leisen, feinen Schritten, aber er tut es offenbar. Denn im letzten Telefonat mit Dir wurde mir auch bewusst: Du weißt nicht mehr alles, was aktuell in seinem Leben geschieht. Er erzählt Dir nicht mehr alles, wohl weil er auch weiß, wie Du reagieren würdest. Und dass diese Reaktion ihm nicht guttun würde.
So wie im Februar oder März dieses Jahres, als Du ihn so derart runtergezogen hast, dass es schon einige Mühe brauchte, ihn wieder aufzubauen. Anschließend sagte ich zu ihm: "Mein Hase, du musst dich ja nicht mit ihm streiten. Aber wenn die Diskussionen anfangen und du merkst, dass es in eine Richtung geht, die dir nicht guttut, dann sag es ihm doch. Ganz ruhig. Man kann doch sagen *Vater, bitte lass das jetzt, mir wird das zuviel. Hör auf damit, oder ich fahr jetzt nach Hause.* Und wenn er nicht aufhört, dann sag *Okay, ich fahr dann mal nach Hause.* Und dann steh auf und geh. Deswegen wird er den Kontakt zu dir nicht abbrechen oder nicht mehr mit dir sprechen. Aber grenz dich endlich ein bisschen ab."
Und offensichtlich tut er das inzwischen. Indem er Dir manches gar nicht mehr erzählt, von dem er mir erzählt. Natürlich wird er auch mir nicht alles sagen - aber das muss er ja auch nicht. Doch die wichtigen grundlegenden Dinge, mit denen kommt er zu mir oder beantwortet es, wenn ich danach frage. Wusstest Du eigentlich, dass er vor kurzem vier Glückssteine gekauft hat? Einen für sich, einen für seinen Bruder, einen für die Freundin seines Bruders - und einen für mich. Er hat sie alle fotografiert und mir geschickt. Erst später wurde mir bewusst: Für Dich war keiner dabei.
Ich empfand das als ein Achtungszeichen.

Die Kinder werden Dich immer lieben, und dahinein werde ich mich auch niemals einmischen. Das habe ich damals nicht und werde ich auch heute nicht. Sie empfinden Dich als ihren Vater, aber sie wissen ja auch nicht, wie es anders sein kann. Doch wenn sie Dich so wahrnehmen wie Du auch wirklich bist, wenn sie sich abgrenzen können und trotzdem glücklich in ihrem eigenen Leben sein können, dann wäre das das Größte für mich. Wenn sie all das, was Du und ich falsch gemacht haben, hinter sich lassen und ein eigenes, glückliches Leben aufbauen können, dann ist das das einzige, das zählt. Das ist mein persönliches Lebensziel.
Was Du machst oder nicht machst, ob Karma oder nicht Karma, wie es Dir geht oder nicht - das ist für mich gleichgültig. Du bist Mitte 50 und willst jedem erzählen, wie er sein Leben führen soll, weil es eben alle so sagen und alle so machen. Dabei bist Du Mitte 50 und hast bis heute nicht verstanden, worum es wirklich geht und dass Du selbst eine ganze Menge aufzuarbeiten hättest. Früher wünschte ich Dir, die Chance in der Trennung wahrzunehmen. Heute habe ich nur einen einzigen Wunsch: dass Du die Jungs in Ruhe lässt und Deine eigenen Minderwertigkeitskomplexe mit Dir selber auslebst.

Und mir wünsche ich, dass ich mit diesem Post endlich dieses Telefonat mit Dir aus meiner Seele kippen und meinen Kopf wieder frei machen kann. Ich bin da ziemlich zuversichtlich.

Mittwoch, 6. November 2019

24

Ja mein Schmunzelhase, nun ist es wieder soweit. Ein Jahr weiter, ein Jahr älter, ob Du nun magst oder nicht :) Als ich so alt war wie Du, warst Du noch gar nicht auf der Welt, dafür hatte ich mit Deinem Bruder schon gut zu tun. Ein Schreikind, drei ganze lange Jahre jede Nacht, wofür es nie eine Erklärung gab. Genauso wenig dafür, dass es von einer Nacht zur nächsten einfach aufhörte, unmittelbar vor seinem 3. Geburtstag.
Man vergisst so schnell und das war auch gut so - denn Du warst mein ausgesprochenes Wunschkind. Ich weiß noch genau, was ich dachte, als ich Dich das allererste Mal sah: "Der hat ja einen kleinen Entenschnabel!" :) Diese Schnute konntest Du auch als Kleinkind immer noch gut und keiner, wirklich keiner konnte Dir widerstehen. Du hast uns alle um Deine kleinen Finger gewickelt, sogar Deinen großen Bruder. Der kam in das Klinikzimmer gestürmt, noch in Winterjacke und Mütze, sah Dich in dem kleinen Glasbettchen an meinem Bett und flehte: "Den nehmen wir mit nach Hause! Versprich mir, dass wir den mit nach Hause nehmen!"
"Natürlich!" hatte ich mich gewundert. "Wo sollen wir ihn denn sonst lassen?"
Ob er das später vielleicht nicht doch mal bereut hat, kann man nur vermuten, denn fast sechs Jahre lang hatte sich alles nur um ihn gedreht und nun musste er Liebe, Aufmerksamkeit und Zuwendung mit Dir teilen. Was er aber immer gerne mit Dir geteilt hat und auch freiwillig, das war das Spielzeug. Ihr habt es in Nullkommanichts geschafft, ein derartiges Chaos im Zimmer zu veranstalten, dass man nirgendwo mehr auftreten konnte, ohne Schaden zu nehmen oder Schaden anzurichten.
Alles, das Ihr nicht zum Spielen hattet, habt Ihr Euch aufgemalt und ausgeschnitten und dann damit gespielt. Was habe ich oft geflucht über die gefühlt tausend Schnipselchen. Vorzugsweise irgendwelche Panzer und TNT-Boxen.
Nie niemals werde ich vergessen, wie Dein Opa kurz vor Deinem 4. Geburtstag mit Dir Mittagsschlaf machen wollte. Irgendwann kam er aus dem Schlafzimmer, jappste vor Lachen und winkte ab: "Kümmer du dich, dass der schläft, ich kann nicht mehr!"
Er hatte Dich müde quatschen wollen - und Dich gefragt, was Du Dir zum Geburtstag wünscht.
"Opa, ich will ein Messer haben."
"Ach Quatsch, min Jung, was willst du mitm Messer, du schneidst dir nur in die Finger."
"Okay, dann will ich eine Pistole haben."
"Ach was willst du mit ner Pistole, da tust du dir noch selber weh."
"Opa, also wenn ich kein Messer und keine Pistole kriege, dann will ich eine Bombe haben!"

"Gib ihm noch ein paar Jahre", hatte der Opa damals prophezeit. "Auf den müsst Ihr aufpassen!"

Aber über die Jahre mit Dir kann ich wirklich gar nichts Schlechtes sagen. Du warst von Anfang an ein Sonnenkind, Du hast viel und gerne gelacht, immer gut geschlafen und gegessen, mit Dir wurde vieles einfacher, obwohl Ihr nun zwei Kinder wart. Der Große war immer auf Dich fixiert, kaum etwas ging ohne Dich, und manchmal hat er Dir abends vorgelesen statt ich Euch.
Manchmal hat er Dich sogar geduscht, weil ich noch damit beschäftigt war, eine neu gekaufte Kommode für Euer Zimmer zusammenschrauben. Und Du hast herumgealbert und rumgedallert und Dein Bruder hat wütend den Zeigefinger gehoben: "Und das eine sag ich dir, das mach ich nicht für dich, das mach ich nur für die Mutti!"

Hach, es gibt so viele Momente, an die ich so gerne zurückdenke und über die wir heute noch lachen können. Mit diesen Momenten möchte ich die Erinnerung an andere Zeiten überdecken, die nicht gut waren, die nicht schön waren, vor allem nicht für Euch. Wenn Eltern sich trennen, ist es am allerschlimmsten für die Kinder, und das ist es vor allem dann, wenn die Eltern sich nicht im Guten trennen. Ich habe die Entscheidung nicht bereut und ich würde sie auch immer wieder so treffen - aber ich würde heute vieles ganz anders machen. Um Euch beide viel besser hätte schützen zu können. Dich, vor allem aber auch Deinen Bruder. Dass ich das nicht konnte, ist bis heute mein allergrößter Schmerz.
Wenn ich bis heute darum bemüht bin, dass es Euch gut geht, dann werde ich schon hin und wieder gefragt "Machst du das, um das Früher zu kompensieren?"
Nein, kann ich darauf ganz sicher antworten. Ich mache nichts, um ein Früher zu kompensieren. Mein Credo war immer ein liberales Erziehungsprinzip - auch wenn ich früher vermutlich viel autoritärer aufgetreten bin als heute. Aber was mir damals wie heute wichtig war und ist, ist Euer Glück. Dass Ihr Euren Weg findet, mit dem Ihr leben könnt und der Euch glücklich macht.
Als Du entschieden hast, Erzieher zu werden, fand ich das richtig toll. Als Du aber unmittelbar nach Beginn der Ausbildung feststelltest, dass es doch nicht der richtige Weg ist für Dich, da sagte ich zu Dir: "Wenn du es wirklich willst und nicht bummelst, wenn du alles für diesen Weg tun willst, dann werde ich dich auch unterstützen, mit allem, wie ich es kann."
Du hast Wort gehalten - und ich habe Wort gehalten.
Glaub mir, es ist mir wahnsinnig schwer gefallen, Dich schon mit 18 in unserer Wohnung zurückzulassen und so weit fortzugehen. Du hast Dich nie beklagt, Du hast es immer verstanden und diese Entscheidung immer mitgetragen. Aber ich wusste auch immer, dass Du mich gerne noch etwas länger bei Dir gehabt hättest, wenigstens in der Nähe - und glaub mir, das ging mir ganz genauso. Im Grunde geht mir das bis heute so. Es ist etwas Wundervolles, Eure Entwicklung zu sehen, mitzuerleben, wie Ihr erwachsen geworden seid, welche wunderbaren Menschen aus Euch beiden geworden sind. Von Deinem Bruder sagst Du immer, er hätte ein Herz aus Gold. Das stimmt. Aber mein Hase, das gilt auch für Dich! Du kannst es nicht ertragen, wenn es irgendwo Streit gibt, Du möchtest immer, dass alle sich vertragen und gut miteinander sind. Du schlichtest gern und Du reagierst selbst dann gelassen, wenn Dein Bruder aufdreht in seinem Zorn und Worte sagt, von denen ich nicht glaube, dass er sie wirklich ernst meint. Zumindest bleibst Du äußerlich gelassen und wenn ich dann sage "Ich sprech später mal mit ihm", lächelst du und sagst "Alles gut."
Und kaum eine Woche später schickst Du mir ein Foto, wo Dein Bruder neben Dir ratzt, nachdem Ihr bis morgens Horrorfilme geschaut habt. Zumindest sagte Dein Bruder das auf meine Frage, ob Ihr wirklich bis morgens gezockt habt :)
An Dir liebe ich wirklich unendlich, dass Du so in Dir ruhst, dass Du sehr wohl darauf bedacht bist, dass es den Menschen um Dich herum gut geht, Du aber auch darauf achtest, dass es DIR gut geht.
Ich vergesse nie den Sonntagmorgen vor einigen Jahren, als wir Drei am Frühstückstisch saßen. Worum es ging, weiß ich nicht mehr, aber ich erinner mich an Deine Worte, als wäre es gestern gewesen: "[Der Bruder] und du, ihr seid total gleich. Ihr denkt immer erst an die anderen und dann an euch. Der Vater und ich sind da ganz anders. Wir denken zuerst an uns."
Das stimmt vermutlich - und wir waren uns alle lange einig, dass Du nicht nur optisch nach Deinem Vater kommst, sondern auch dem Wesen nach. Inzwischen aber kann ich Dir eines sagen: Nein, dem Wesen nach kommst Du nicht nach ihm. Du bist Dein eigenes Wesen. Ein Mix aus beiden, aber immer noch Du selbst, und es ist genau richtig und gut so. Du achtest auf Dich, aber Du hast ein fröhliches, liebevolles Wesen, auch wenn Du gerne piesacken kannst.
Weißt Du noch, wie ich mir vor Jahren mal morgens die Zähne im Bad putzte, über das Waschbecken gebeugt? Du kamst dazu, legtest mir Deine Hand auf meinen nun wirklich klitzekleinen Bauch (harhar) und sagtest: "Na was hamwa denn da?"
Skorpion eben ;) Ehrlich, auch wenns weh tut :D

Eigentlich wollte ich anlässlich Deines Geburtstagsposts das Video von Dir und mir reinstellen. Du warst damals 6, hattest eine Maltafel geschenkt bekommen und warst im Dino-Fieber. Die mehrfach aufgemalten musstest Du mir unbedingt am Abendbrottisch zeigen, aber ich bestand darauf, dass Du die Tafel zur Seite legst und erstmal isst, bevor alles kalt wird. Ich duldete keine Widerworte, kein "aber guck mal" oder "nur noch das hier", ich sagte "Leg sie weg, sonst mach ich es!"
Wir haben uns so köstlich amüsiert beim Anschauen des Videos vor nunmehr 18 Jahren - und wie Du nach einer wütenden Antwort gesucht hast, damit Du mir irgendwas vor die Füße schleudern konntest, das zwar zünden, aber mich nicht wirklich verletzen sollte.
"Du bist so gemein!... du... du... Hammerhai!" hast Du damals ausgerufen - daraufhin musste erst ich lachen, dann hast Du mitgelacht und alles war wieder gut zwischen uns.
Ich bekam das Video aber nicht geschnitten, nicht so, wie ich es brauchte. Vielleicht gelingt es mir ja noch, denn das müssen wir uns wirklich bewahren :)

Und auch das liebe ich so an Dir. Dass Du einem nichts nachträgst. Dass Du Dich streiten und gleich wieder vertragen kannst. Dass Du eine Meinung hast, zu der Du stehst und die Du auch verteidigen kannst. Dass Du Deine Familie so liebst und Dir immer wichtig ist, dass es uns allen gut geht. Dass Du immer argwöhnst, ob es auch mir wirklich gut geht, vor allem gesundheitlich, und Du darauf bestehst, alles wissen zu wollen. Du aber gleichzeitig den Gedanken nicht ertragen kannst, dass es mal anders sein könnte. Als ich Dir vor einem Jahr einen Zettel gab mit all meinen Daten für Konten etc., da sagtest Du "Ich darf da gar nicht dran denken, ich will das gar nicht."
Natürlich werde ich 104 Jahre alt, was denn sonst? :)
An Dir liebe ich auch, dass Du nie große Worte machst, aber sehr wohl siehst und schätzt, was Du bekommst und wer Dir etwas ermöglicht. Dass Du dankbar bist. Dass Du mich auch heute noch in die Arme nimmst zur Begrüßung - oder auch einfach nur mal so. Dass Du im Streit zwar gerne deeskalierend auftrittst, aber auch nicht davor scheust, offene Worte an Dein Gegenüber zu richten. Auch dann, wenn es bedeutet, den anderen danach ein paar Monate nicht mehr zu sehen.
Du hast ein sehr gutes Rechts- bzw. Gerechtigkeitsempfinden und stehst so lange dazu, wie Du daran glaubst oder bis man Dir das Gegenteil beweist. Darin sind wir beide uns ultra ähnlich.

Ich bin sehr froh, sehr stolz und sehr dankbar, dass es Dich gibt, was Du aus Dir gemacht hast - und wenn ich sehe, wie gerade und aufrecht Du auf der Straße gehst, dann denke ich: "Dieser gerade, aufrechte Gang, der steht genau dafür, wie du dich fühlst und wie es dir geht."
Das ist das beste Gefühl, das eine Mama haben kann.
Dafür danke ich Dir.

Alles, alles Liebe zu Deinem Geburtstag, mein Schmunzelhase.
Und hey, vergiss nicht: Wir werden niemals älter - wir sammeln nur Erfahrungen. In unserem Herzen bleiben wir aber immer jung. Immer. Das verspreche ich Dir! :*

Dienstag, 5. November 2019

The Good in Goodbye



Als ich am heutigen späten Abend diesen alternativen Song fand, der mir so unfassbar viel besser gefällt als die Original-Version, und der so unfassbar viel an Erinnerung heraufbeschwört, da konnte ich gar nicht aufhören, Gänsehaut zu haben.
In Erinnerung an Abschiede, die mich bis heute beschäftigen.
In Erinnerung an all diesen Schmerz, bei dem sich jeder wünscht, ihn nicht fühlen zu müssen. Nicht fühlen zu können.
In Erinnerung an all die schlaflosen, durchweinten Nächte, in denen ich Kissen zerbiss, damit die Kinder mich nicht hörten. Und all die ewig wiederkehrenden Fragen, die niemand beantwortete.
Die Frage nach dem Alleinsein. Warum ich nicht die lieben konnte, die gut für mich waren. Warum ich stattdessen die liebte, die nur Schmerz bedeuteten. Warum da in langen Zeiten einfach auch niemand war, weil bedeutungsloser Sex nicht die Stille und nicht die Leere in deinem Kopf füllt, sondern dir das alles nur noch umso bewusster macht.

Früher, bei all dem Scheiß, den ich erlebte, ob nun selbst verschuldet oder nicht, wurde ich tatsächlich oft gefragt, wie ich es machen würde, immer noch und trotz allem so gerne und so bewusst zu leben. Das Leben zu lieben, keinen Tag weniger als gestern und als ich es morgen tun werde.
Meine ganz persönliche Antwort entstand mit den Jahren. In diesen Jahren.
Ich für mich habe gelernt, dass wirklich alles seinen Sinn gemacht hat. Dass nichts anders kommen konnte als es gekommen ist.
Hieraus habe ich irgendwann begonnen, meine Zuversicht zu nehmen: Alles, was du erlebst, macht dich zu dem, der du jeden einzelnen Tag bist. (Ob das gut ist oder nicht, werte ich an dieser Stelle nicht.) Es sind die Untiefen, in denen du das meiste über dich selbst lernst. Wie du den Untiefen begegnest. Welcher Mittel du dich bedienst, um da herauszufinden. Du lernst aber auch zu verstehen. Warum Menschen so und nicht anders agierten. Du lernst, Klänge, Zwischenklänge, Misstöne, falsche Töne voneinander zu unterscheiden. Du lernst zu unterscheiden, wer es wirklich ehrlich meint und für wen du nur ein Mittel zum Zweck gewesen bist. Du lernst, wer wirklich zu Dir steht und wer aber auch nicht. Du lernst zu sehen, ob du selbst Ellenbogen gebrauchst oder liebe Umwege in Kauf nimmst, ob und wieviel Skrupel du besitzt und wie wichtig dir an dir selbst und am anderen Authentizität ist. Du lernst viel mehr, wer du wirklich bist - und dass du gar nicht die bist, die du zu sein glaubtest. Dass du dich viel zu sehr angepasst hattest und irgendwann vergessen hast, wie es war, dich selbst zu spüren. Wieder zu erfahren, wie sie ist, deine Intuition. Dass du aufgehört hast, auf dein Bauchgefühl zu hören, schlimmstenfalls ihm zu misstrauen.
Es hat Situationen gegeben, in denen ich diesem Gefühl entgegen gehandelt habe - und immer, wirklich IMMER damit auf den Arsch gefallen bin.

Heute denke ich.. Es ist irgendwie zweitrangig, ob du gerade in einer Beziehung bist oder Single. In einer Beziehung zu sein, bedeutet noch lange nicht, auch glücklich (miteinander) zu sein.
Denn so platt das auch immer klingen mag: Am Ende beginnt alles ganz bei Dir selbst.
So war das auch für mich.
Wirklich begonnen hat es erst, nachdem ich aufgehört habe, neben mir zu stehen.
Wirklich begonnen hat es erst, nachdem ich aufgehört habe, Angst zu haben. Angst davor, allein zu sein und allein bleiben zu müssen. Weil ich gelernt hatte, allein leben zu können. Genossen habe ich das erst auf den allerletzten Metern, aber missen... möchte ich nichts von dem, das das Gute in mir hervorgebracht hat in den letzten Jahren. Das Schlechte in mir bekommt man gratis dazu ;)

Bei Gott, ich liebe, liebe, liebe diesen Song. Mit allem vergangenen Schmerz und aller alten und neuen Zuversicht.

Montag, 4. November 2019

Hui-iui

Die letzten Tage habe ich im wahrsten Sinne des Wortes flachgelegen. Nichts wollte mehr gehen.
"Was ist mit dir?" wurde ich gefragt, nur beantworten konnte ich es nicht wirklich.
"Es fühlt sich an wie Grippe, aber es ist keine", antwortete ich lediglich.
Überhaupt war mir Schreiben oder gar Telefonieren viel zu viel, selbst der Gang ins Badezimmer glich einem Kraftakt. Meist las ich nur ein bisschen hier und da und dann schlief ich einfach wieder ein.
Vier Tage frei, die man eigentlich hätte ganz anders nutzen können. Aber eben.. Nix ging.
"Du solltest doch besser zum Hausarzt gehen und dir ein Antibiotikum verschreiben lassen", empfahl mir meine HP - doch genau hierin lag die Crux: Warum sollte er es mir verschreiben?

Begonnen hatte alles mit einem auffälligen Laborbefund im September. Ein vierfach erhöhter Wert für eine bakterielle Infektion, die man am allerehesten bekommt, wenn man.. ich sags mal so.. sexuell ein wenig umtriebig ist. Der Laborwert konnte sich allerdings nicht entscheiden, ob er für eine bakterielle Belagerung des Intimbereichs oder der Lunge stimmen sollte. Was man selber macht oder nicht macht, weiß man ja, aber der Mann selbst reagierte ausgesprochen gelassen auf diese Information und meinte, ich solle das einfach mal richtig untersuchen lassen. Denn das Bakterium für die Lunge wiederum kann man jederzeit überall bekommen - allein schon durch die Tatsache, dass neben Dir jemand steht und hustet. Und davon gabs in den letzten Wochen ja etliche.
Der Termin bei der Gynäkologin.. Ich weiß noch immer nicht so recht, was ich davon halten soll, andererseits spiegelt er genau die Problematik wider, die mir, seit ich regelmäßig zur Heilpraktikerin gehe, ständig widerfährt: die Problematik der Akzeptanz.
Derzeit geistert ja ohnehin schon eine Art Anti-Heilpraktik-Kampagne durch das Land. Ich hatte es ja schon mal geschrieben: Heilpraktik ist weitaus mehr als nur völlig überteuerte Zuckerkügelchen zu kaufen und mit der ich-weiß-nicht-was-für-eine-Wünschelrute um ein imaginäres Feuerchen zu tanzen. Die Heilpraktik, so wie ich sie zumindest erfahren habe, macht im Grunde genommen gar nichts anderes als die Schulmedizin auch: Man wird untersucht, Symptome werden notiert, Medikamente verschrieben, die jedoch den Körper nicht mit Chemie vermüllen, sondern wesentlich sanfter und natürlicher ansetzen. Was zwar in der Praxis einen längeren Heilungsprozess bedeutet, aber eben schonender für zum Beispiel mich ist.
Oder nehmen wir die Bluttherapie. Das bisher einzig wirksame Mittel gegen meine Gleichgewichtsstörung. Sie ist bis heute nicht weg, aber ohne sie würde ich heute deutlich beeinträchtigter laufen, gehen, leben. Dafür bin ich extrem dankbar. Ein Schulmediziner kann und darf das genauso, und nach der Spahn'schen Gesetzgebung darfs bald auch nur noch der. Nur - der bietet es eben nicht an. Nicht mal die Möglichkeit dessen. Bei der Heilpraktikerin bin ich fast immer eine Stunde - und sie betreut auch viele Patienten. Beim Schulmediziner maximal 5 Minuten.
Aber gut, ne, ich verlier mich schon wieder.
Was ich eigentlich erzählen wollte: Die Gynäkologin schaute auf den Blutbefund, verdrehte die Augen und sagte "In Ihrem Alter zahlt die Kasse den Test nicht. Entweder Sie bringen mir Ihren Morgenurin, das ist etwas billiger. Oder wir machen einen Abstrich, dann müssen Sie auch meine Leistungen bezahlen."
Was im Grunde völliger Blödsinn ist. Dass die Kasse den Test nicht zahlt, stimmt so nicht. Sie zahlt die routinemäßige Vorsorge und darin eingeschlossen ist auch dieser Test, allerdings nur in einer bestimmten Altersgruppe. Vermutlich geht der Gesetzgeber davon aus, dass man nur im Alter von 20 bis 30 sexuell aktiv ist - und alle anderen in die Kategorien "desinteressiert" oder "in monogamer Beziehung" fallen. Wenn aber die Ärztin einen (begründeten) Verdacht auf eine Infektion hat oder diesen zumindest ausspricht, dann zahlt die Kasse den Test auch "für alle anderen".
Ich hab mit ihr früher schon derartige Tänzchen gehabt, da gings zum Beispiel um die Ultraschalluntersuchung der Brust. Wenn man einen Knoten ertastet, dann zahlt die Kasse die Untersuchung nämlich auch. Nur wenn man sie sich vorsorglich "schallen" lässt, ohne Anhaltspunkt, dann zahle ich dafür um die 50 Euro.
Lange Rede, ich habe den Test selber gezahlt und Montag kam das Ergebnis: Negativ.
Darüber war ich extrem erleichtert, und wie sehr, das wurde mir eigentlich erst in den Folgetagen bewusst. Körperlich gings mir immer schlechter, die Ohren "massiv entzündet", der Hals entzündet, die Lymphdrüsen geschwollen, trockener Husten - und eben ein extremes Schlappheitsgefühl. Dazu weiße Flecken auf meinem Rücken, die sich relativ rasch immer weiter ausbreiteten.
Natürlich verschrieb der Hausarzt kein Antibiotikum, für den hatte ich mir wie vermutlich jeder Zweite um mich herum einen Infekt eingefangen, den es einfach nur auszukurieren galt - und den Laborbefund habe ich dieses Mal auch gar nicht erst mit vorgelegt.
Als die HP fragte, wie es mir ging, schlug sie mir daraufhin eine erneute Bluttherapie vor.
Aber ich zweifle. Die Bluttherapie war gut und wichtig für die Gleichgewichtsgeschichte - aber alles andere konnte sie irgendwie nicht wirksam reparieren. Fast alle Werte, die mit der Therapie wieder im grünen Bereich waren, pendeln sich nach und nach da wieder ein, wo sie vor der Behandlung waren. Wozu das dann? Wozu der ganze Aufwand, die immensen Kosten, wenn nicht alles damit wirksam bekämpft werden kann. Wenn man nicht mal genau weiß, gegen wen man eigentlich kämpfen soll?
Irgendwie.. überkam mich dieser Tage ein Gefühl der Erschöpfung: Man kämpft und kämpft, läuft sich die Hacken ab, erfährt eine Nichtakzeptanz nach der anderen, investiert aus diesem Grund viel Geld und Zeit in alternative Wege - und tritt doch letztendlich irgendwie auf der Stelle. Ja vielleicht nicht ganz - aber so fühlte ich mich. Irgendwie mochte ich nicht mehr. Irgendwie wollte ich nicht mehr.
Vielleicht sollte ich mir stattdessen einfach mehr Ruhe gönnen, sagte ich mir. Vielleicht sollte ich meinem Körper einfach mal wieder mehr Ruhe gönnen. Ihn nicht weiter permanent mit allem Möglichen belasten, sondern ihn einfach mal wieder zu sich selbst finden lassen.
An die Therapiemöglichkeiten und -wege der Heilpraktikerin glaube ich immer noch. Ihr vertraue ich immer noch am ehesten, aber ich bin zu müde. Zu müde nach eineinhalb Jahren der wöchentlichen bis vierzehntägigen Sitzungen, Behandlungsversuche, die nur das Ziel haben, mir zu helfen. Sie selbst verdient entgegen der allgemeinen (meist von Nicht-Betroffenen) Meinung gar nicht viel dran. Denn das meiste muss ich selber in der Apotheke kaufen, selbst die Seren für die Injektionen. Die Medikamente sowieso. Und für die Termine bei ihr zahle ich - dank Vertrag - zwischenzeitlich nur noch 11 Euro im Monat.
Ich vertraue ihr auch deshalb, weil sie die Auffassung vertritt, Schulmedizin und Naturmedizin können und sollen sich ergänzen, es solle nicht nur das eine oder nur das andere geben. Eine Kombination aus beidem findet sie richtig - und ich auch.

In den letzten freien Tagen war das einzige, zu dem ich mich aufraffen konnte, die Erledigung der Steuer für 2017 und 2018. All die Medikamentenrezepte habe ich nun in den Müll entsorgt. Viel Geld ausgegeben - aber das kann ich erst ab einem dreistelligen Betrag geltend machen. Schöner Anschiss.
Lediglich die Arztkosten kann ich absetzen, aber das wird erst für 2019 richtig interessant.
Jedoch das bestärkte irgendwie meinen Zweifel: Viel Zeit und Geld und am Ende... Vertrau deinem Bauchgefühl und mach ne Pause.

Gestern habe ich nochmal viel geschlafen, bis der Mann mich irgendwann weckte: "Sonst schläfst du die Nacht wieder nicht." Ich hab trotzdem nachts wunderbar geschlafen, lange, tief und fest.
Hab sogar auch wieder Appetit auf was zu essen und Kaffee. Ein sehr gutes Zeichen ;)
Damit positiver und wieder zuversichtlicher eingestellt, begann ich die neue Woche - aber irgendwie.. ist es wohl einer der typischen Montage, die man gerne als "Deckel drauf, abwarten, der Dienstag naht!" abtun möchte.

Eine neue Runde in der Beziehungs-Bruch-Konstellation, die da vor meinen Augen abläuft. Viel, viel Ungutes, aber ich denke, da entlädt sich grad noch ganz viel anderes, das sich in all den Jahren ordentlich angestaut hatte. Und jetzt, wo alle Karten aufgedeckt sind... Ja, ich kann mir vorstellen, dass da Erkenntnisse zutage treten, die das einst positive Bild vom anderen nachhaltig beschädigen - und dass man davor Furcht hat. Dass die eigenen (erwachsenen) Kinder dem einen raten, auszuziehen, solange, bis der andere selber seine Sachen gepackt hat und geht. Dass die Kinder Partei ergreifen - und das nicht immer gut für einen selber sein muss. Dass man Bindungen zerreißt, von denen man bis dato glaubte, sie seien unkaputtbar.
Ja, man verliert sehr viel, nicht nur finanziell. Man gewinnt aber auch sehr viel - aber ob eine Entscheidung die richtige ist oder nicht, kann nur jeder selbst für sich beantworten.
Es ist wirklich erschütternd, was Trennungen hervorbringen können.
Es ist aber auch genauso erschütternd, wie viele Bindungen nicht mehr aus Liebe bestehen.
So ein Leben kann ich mir für mich einfach nicht mehr vorstellen. Dann möchte ich lieber alleine leben.

Ein neues Video vom AfD-Kollegen - und ich schicke einen müden Smiley "Ein Klick nur..." und schicke ihm den Link zum Original-Video, das nicht - wie behauptet - eine "Horde Afrikaner wütend und randalierend in Münchens Innenstadt vor zwei Tagen" zeigt mit "sowas kommt natürlich nicht in unseren Nachrichten", sondern Ereignisse von vor zwei Jahren in Florenz.
Das macht es nicht besser, weiß Gott nicht - aber es zeigt einmal mehr, wie Hetze funktioniert. Wie billig und zugleich arg leicht widerlegbar - wenn man sich denn für die Wahrheit interessieren würde.
Sowas in der Art antworte ich ihm - aber irgendwann kommt nur ein Satz zurück "Bin im Rettungswagen". Er hatte am Morgen einen Unfall, selbst verschuldet, aber glücklicherweise ist niemandem etwas passiert, niemand geschädigt - und materielle Dinge sind ersetzbar.
Der Chef sieht das anders, der tobt am Telefon und fragt gar nicht erst, ob jemandem was passiert ist. Wenn einer anrufen kann, scheints ja nicht so schlimm zu sein.. Hmpf.
"Nimms dir nicht zu Herzen", beschwichtige ich, als er mich zurückruft, "der Chef kämpft grad auf anderen Brandherden, da warst du zur falschen Zeit am falschen Ort."
"Wie immer", lacht er schief, "aber ich hatte wirklich saumäßig Glück. Alle Airbags sind aufgegangen, wirklich alle, auch die an der Seite, ich war butterweich gebettet."

Manchmal.. wünschte ich mir im Leben irgendwie.. ein paar mehr Airbags. Für die einen oder anderen Lebenslagen.