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Montag, 24. Juli 2017

Ich will einfach nur nach Hause - Agra, Tag 16


Als wir Agra erreichen, hab ich nichts mehr essen können, kaum trinken, denn mit jedem Versuch, mir etwas Banane oder trockenes Weißbrot beizubringen, ende ich da, wo ich kaum noch herauskommen mag: im Badezimmer.
Und mit einem Mal kann ich alles nicht mehr ertragen, den ewigen Geruch nach Dreck, nach Kloake und Fäulnis in der Stadt, in den Sachen, in den Haaren, auf der Haut, einfach überall. Dazu diese ewig währende stickige stinkige Luft, es gibt einfach nirgendwo frische Luft, keinen einzigen Atemzug, und gerade jetzt, wo die Fiebersäule der 40 entgegenklettert, geht mir das alles nur noch auf die Nerven. Die ewige Glocke aus Dunst, Hitze, Gestank, Lärm und dieses ewige Hupen der Mopeds, der Gestank aus den Färbereien oberhalb der Keller, in denen die Näher sitzen. Ja, die Näher, keine Frauen.



Die Inder sind so süß, so besorgt, aber ich will einfach nur meine Ruhe. Nicht angesprochen werden, nicht angefasst werden, ich will mich einfach nur hinlegen, ich will, dass der Anfall von Schüttelfrost wieder aufhört.
Und dabei können wir hier vom Hotel aus schon den Taj Mahal sehen.
Das kanns doch nicht sein, echt. Man fliegt doch nicht nach Indien und geht dann nicht wenigstens einmal rüber zum Taj Mahal? Aber ich schaffe es an diesem Abend nicht. Es geht einfach nichts mehr und so steigt Herr Blau auf das Dach des Hotels und versucht, von dort aus Fotos zu bekommen.
"Am schönsten ist er, wenn die Sonne aufgeht und wenn sie untergeht."
"Morgen früh gehen wir", flüstere ich, obwohl ich - ehrlich gesagt - nicht weiß, wie ich das hinkriegen soll. Aber irgendwie wirds gehen...









Es ist 6 Uhr morgens und vor dem Tor des Taj Mahal stehen schon die Besucher und warten auf den Einlass. Zweireihig. Ich muss nicht stehen und warten, ich darf mich vorn an den Eingang setzen. Vermutlich sehe ich tatsächlich im wahrsten Sinne des Wortes ausgekotzt genug aus.

Es ist schon so.... Mir gings tatsächlich hundeelend, dunkelgrünes Wasser aus allen möglichen Gängen des Körpers, Fieber ohne Ende - aber dann steht man da in diesem Park mit vor Schwäche zittrigen Beinen, man steht vor diesem irrsinnigen Monument einer längst vergangenen Liebe, eines längst vergangenen Lebens und es nimmt einen einfach gefangen.. Tatsächlich. Ich kann es kaum beschreiben. Heute weiß ich, ich hätte es bereut, mich nicht dort auf den Weg gemacht zu haben. Es liegt so eine unfassbare Ruhe in diesem Gebäude, vor diesem, nein, um dieses Gebäude, eine Kraft, die sich kaum in Worte fassen lässt. Ich saß davor auf einer Bank und schloss die Augen.
Und in mir fühlte ich nichts mehr - nur Ruhe und Stille. Den Klang einer Melodie, die nur ich hörte.

Jedoch ich war auch dankbar, dass es endlich, endlich wieder nach Delhi und von dort direkt nach Hause ging. Ich wollte nur noch heim, ich wollte frische Luft in meine Brust atmen, ich wollte den Hahn aufdrehen und klares Wasser in ein Glas füllen, um es zu trinken. Ohne dass es von jenem süßlichen Geschmack der Fäulnis begleitet wurde. Ich wollte ein Bad nehmen, mir das Haar waschen und einfach nur noch nach mir riechen und schmecken.. Auch wenn es noch ganze drei Wochen dauern sollte, ehe der Körper aufhörte zu fiebern und alles von sich zu geben..


Danke Indien, danke für diese doch sehr intensive Erfahrung, dich zu entdecken. Danke für die Erinnerung daran, wie vieles bei uns so selbstverständlich geworden ist - und was für euch einen mitunter irrsinnigen Kraftakt bedeutet. Nichts im Leben ist selbstverständlich, wir vergessen es nur zu oft und zu gern, je besser es uns selber geht...
Und ich war so sehr dankbar für diesen Schritt aus dem Flughafen in M heraus, raus in den hier bereits eisig kalten Morgen, kurz nach fünf Uhr, und ich blieb stehen, ich atmete tief ein, immer tiefer; ich war so dankbar für die Geste der Freundin, uns ein Willkommensbrot zu backen, selbst gemachten Likör, zu fühlen, man ist wieder da, man ist wieder daheim und es gibt Menschen, die tatsächlich auf einen warten und froh sind, dass man wieder da ist.. Danke dafür!

Heute, neun Monate nach unserer Reise, vermag ich noch immer kein indisches Essen zu riechen oder gar zu schmecken. Aber inzwischen kann ich mir vorstellen, dieses Land noch einmal zu bereisen, eine andere Ecke dieser unfassbaren Weite zu entdecken. Sehr sogar.
Denn wenn ich eines mitgenommen habe neben all den Eindrücken, dann ist es diese wunderbare innere Ruhe..

"12 Frauen, 12 Probleme" - Jaipur, Tag 14

Frühstück ist die einzige Mahlzeit, die wir "offiziell" nehmen. Alles andere kaufen wir an diversen Obst- und Gemüseständen oder von einer der unzähligen Küchen am Wegrand, über die Herr Blau sagt: "Eigentlich kann man das alles bedenkenlos essen, so heiß, wie das zubereitet wird. Wir müssen nur drauf achten, dass das, was wir wollen, auch vor unseren Augen zubereitet wird."
Und so schauen wir an jeder Station, wo wir halten, zu, wie Backwerk, Fleisch, Gemüse im siedenden Öl der Pfannen oder der aus Stein gemauerten Herde gegart wird und während wir uns niederlassen, wundert sich Herr Blau immer wieder: "Dass du alles so verträgst und essen kannst, das wundert mich wirklich." Mich - offen gestanden - auch ;)



Das letzte Frühstück in Deogarh, meine geliebten Pancakes, frisches Obst und Omelett und Herr Blaus Blick: "Du wirst gleich platzen." "Das ist egal."
Dass die Fahrt nach Jaipur mit etwa 280 km den halben Tag andauern wird, ahnen wir noch nicht, als wir in einen Zug steigen und durch einen Teil der Gebirgswelt Rajasthans fahren.




Mir ist, ehrlich gesagt, nicht so wirklich wohl dabei. Ich denke an selbst zusammengezimmerte fahrbare Dinger draußen auf dem Land. Ein Satz Reifen, ein paar Bretter und irgendwo da drinnen noch ein Motor, woher auch immer - und das Ding läuft. TÜV in dem Sinne gibt es nicht, man holt sich einmal einen Stempel ab und hat dann 10 bis 15 Jahre Ruhe. Und wenn einer sich selbst was zusammenbaute und damit fährt, interessiert es auch nur niemanden. Er fährt halt.
Nun ist die indische Bahn freilich kein selbstzusammengezimmertes Ding, aber... na ja, das Kopfkino erinnert sich zu gern an den einen oder anderen Beitrag, den man irgendwann mal gelesen hat - und insbesondere angesichts meiner Höhenangst schlug ich innerlich dennoch drei Kreuze an die imaginäre Wand, dass wir heil ein- und auch wieder ausgestiegen waren.
Dafür begeistern mich die Affen mit ihren wundervoll samtigen Händen, Fingern, die nach einem greifen und nachsehen wollen, ob man etwas in den Händen hat.
Ein Inder drückt mir Kekse in die Hand und bedeutet mir, diese weiterzugeben, aber dazu komm ich gar nicht - der Affe greift schon zu, er kennt das. Man kennt sich ;)
"Cookies are not good for their health", sagt der Inder und ich schaue verwundert: "So why you gave me cookies?" Er lacht, hebt die Schultern "Just for fun. Its funny!"
Wir blöden Touristenesel, ne.

Und dann kommen wir nach Jaipur... The pink city. Die Stadt, in der nicht nur die Häuser pink bemalt sind ;)
"Die indischen Männer und Frauen bewundern helle Haut und helle Haare. Das wollen sie auch. Sie wollen auch blonde Haare - aber sie bekommen ihre Haare maximal in Rot gefärbt. Heller bekommen sie sie nicht."
Und wir Europäer legen uns in die Sonne und färben uns die Haare dunkel, wir Frauen beneiden die Inderinnen um ihr tiefschwarzes, zumeist kräftiges Haar und ihren wunderbar milchkaffeebraunen Teint... So wollen wiederum wir Europäerinnen aussehen. Wir sind schon komisch, wir Menschen!




Es ist diese Lücke neben dem Mülleimer, wo ein Mensch lag und vermutlich schlief. Denn als ich sagte: "Lasst uns noch mal zurückkehren, da lag doch jemand?", da war er schon wieder fort.
"Ich hoffe, dass er nur geschlafen hat", sage ich zu Herrn Blau und er und der Inder wechseln einen Blick. Hier interessiert es einfach niemanden, ob da jemand zusammenbricht und stirbt. Er bleibt halt liegen, bis ihn jemand "wegräumt".
Und dabei ist, wie ich erfahre, die medizinische Versorgung geregelt: Jeder kann einen Arzt aufsuchen, niemand muss extra dafür bezahlen. Es gibt tatsächlich auch eine Schwangerenvorsorge. Was für uns selbstverständlich ist, ist es anderswo eben nicht, erst recht nicht in einem Land wie diesem.

Es ist das Amber Fort in Jaipur, das mir Herr Blau am nächsten Morgen unbedingt zeigen möchte. Wo er vor neun Jahren stand und sich wünschte, er wäre gemeinsam mit mir dort...
Man kann den Weg auf den Berg hinauf auf einem Elefanten reiten, aber ich lehne ab. Es ist 9.30 Uhr morgens und bereits 34 Grad heiß - für mich ist das Tierquälerei. Außerdem brauche ich keine typischen Touri-Fotos auf oder neben einem Elefanten, einem Kamel oder was auch immer. Wenn es nach mir ginge, brauchten wir auch keine Zoos und keine Zirkusmanegen. Wer fremde Tierarten entdecken will, soll entweder bei Google nachschlagen oder in das Land seiner Wünsche reisen. Aber das ist nur meine ganz persönliche Meinung.



Wir betreten das Amber Fort, in dem früher ein Maharadscha mit 12 Frauen lebte.
"12 Frauen - 12 Probleme. Heute haben wir 1 Frau und 12 Probleme", schmunzelt der Inder und Herr Blau grinst.











"Wir Hindis glauben daran, dass ein unvollendetes Leben, in dem sich nicht alles erfüllt hat, nicht zuende ist. Man kommt wieder, um sich dann seine Träume zu erfüllen", sagt der Inder zu mir, während wir im Innenraum des Forts stehen und auf Herrn Blau warten, der überall herumwieselt, um Fotos zu machen.
Ich schaue ihn an. "Ich weiß nicht, woran ich glauben soll und was nach dem Tod kommen könnte. Aber trotzdem... glaube ich irgendwie, dass mit dem Tod nicht alles endet."
Und nun schaut er mich an, er lächelt und dann sagt er leise, aber nachdrücklich: "Das tut es auch nicht. Wir bleiben da."
Das ist ein Satz, der sich mir unter die Haut brannte und von dem ich auch heute, neun Monate danach, immer noch Gänsehaut bekomme.
"Wir bleiben da."

Als wir am Abend zurückkehren, lege ich mich müde, aber irgendwie glücklich in dieses wundervolle Bett. Bis ich in der Nacht deutlich zu spüren bekomme: Mist, jetzt hat es auch mich erwischt. Alles Essen & Trinken will auf allen möglichen Wegen wieder heraus aus meinem Körper.
Und es sind nur noch zwei Tage bis zum Abflug.





Donnerstag, 2. März 2017

Eine Nummer zu groß - Deogarh, Tag 12








In Indien kann man sich daran gewöhnen, dass man für eine Strecke von rund 120 Kilometern mindestens zwei Stunden mit einem Auto unterwegs ist. Gemessen an den vergangenen Tagen, an denen wir auch mal vier oder sechs Stunden unterwegs sind, finde ich das einen Klacks.
Aber ich beginne zu verstehen, warum der eine oder andere Inder davon träumt, mal in Europa über Autobahnen ohne Geschwindigkeitsbegrenzungen düsen zu dürfen.

In einer ehemaligen Palastanlage eines Maharadschas, dem Deogarh Mahal, beziehen wir ein Zimmer, das mir spontan gut gefällt. Herrn Blau weniger, und ich glaube, er ist fast erleichtert, dass die dortige Klimaanlage keine kalte Luft, dafür aber ein ungutes elektrisches Zischen und einen verdächtigen Geruch nach Kabelbrand von sich gibt. Was für uns bedeutet: umziehen in ein anderes Gemach. Ich schreibe bewusst "Gemach", denn was sie uns als Entschädigung anbieten, ist das ehemalige Schlafzimmer jenes Maharadschas. Und mir ist das viel zu groß. Ich fühle mich darin absolut verloren und mit diesen komischen kleinen Viechern, die laufen wie Echsen, aber Flügel haben und entsprechend durch die Luft flattern, erst recht nicht wohl. Das ist wie Mäuse oder Spinnen im Zimmer haben: Kriege ich raus, das Getier im Zimmer mithockt oder rumflitzt, gebe ich so lange keine Ruhe, bis das vor die Tür gesetzt wurde. Natürlich von Herrn Blau, nicht von mir, das ist ja klar.
Da bin ich ganz Mädchen!
So wie ich auch darauf bestehe, dass in der Nacht ein kleines Lämpchen brennen bleiben muss.
Erstens muss ich doch sehen, ob da noch so ein Tier gerannt oder geflogen kommt - und das kleine Nachtlicht hilft mir, mich nicht mehr ganz so verloren zu fühlen.

An diesem Nachmittag suchen wir uns in der Stadt, die etwa um die 700 Einwohner zählt (was in Indien vermutlich auch unter "Kleindorf" fallen dürfte), lediglich einen Stand mit Obst und Wasser. Melonen oder Pfirsiche oder so was in der Art suche ich allerdings vergeblich. Das Angebot beschränkt sich in mehr oder weniger allen Orten auf Äpfel, Bananen in Hülle und Fülle. Mit Glück kann man mal eine Melone oder eine Ananas oder auch Mandarinen erhaschen, aber wie gesagt: mit Glück.
"Wir verkaufen, was wir gerade ernten können", erklärt uns ein Inder und mich erinnert das an ganz früher, an meine Kindheit in der DDR. An die endlosen Auslagen mit den übergroßen Holzkisten, in denen lose die geernteten Äpfel und Birnen lagen. Und Kohl, Weißkohl. Im Sommer gabs noch Erdbeeren und Kirschen für die, die schnell genug waren und keinen eigenen Garten hatten, das wars dann.
Apfelsinen und Bananen gab es oft nur zu Weihnachten und dann ewig lange Schlangen am Obst- und Gemüsestand und rationierte Zuteilung. Gibt's ja auch genug Witze drüber ;) Tatsächlich aber finde ich schon bemerkenswert, dass wir früher im Osten weitaus weniger mit Allergien zu tun hatten. Weiß grad gar nicht, wie ich auf diese Assoziation komme.
An die frühe Zeit im Osten denke ich auch, wenn ich die Kinder in Indien sehe. Gerade am frühen Abend, als wir uns noch mal auf den Weg machen, eine Tempelanlage zu besuchen, sehen wir sie mit ihren Eltern auf den Feldern, Tomaten pflücken oder gießen oder einfach mit Freunden spielen. Und ich denke daran, wie das früher bei uns war und wie genügsam wir damals waren. Wie wir in der Modder spielten oder Räuber und Gendarm mit abgebrochenen Zweigen. Heute gibst Du Deinen Kindern ein Ersatz-Smartphone, weil das eigentliche in der Reparatur ist - und dann beklagen sie sich noch, weil der Ersatz ein viel zu kleines Display hat und sie "nicht richtig" spielen können :)
Dieses ausgelassene, unbedarfte Herumtoben fehlt mir heutzutage irgendwie im Gegensatz zu den Knirpsen, die noch im Sportwagen sitzen und schon mit Handy oder Tablet spielen und genau wissen, was sie wo drücken müssen. Auch wenn ich es andererseits wiederum gut finde, dass Kinder heutzutage die Möglichkeit haben, mit Computer & Co. aufzuwachsen, sich das verinnerlichen und das für später dann kein Problem mehr ist. Immerhin geht ja in der heutigen digitalen Welt kaum noch was analog.
Aber ich schweife schon wieder ab.

Pause jedenfalls machen wir auf unserem Weg an einem versteckt wirkenden Tempel, äußerlich gar nicht als solcher erkennbar; er wirkt eher wie eine Höhle, die in einen Fels geschlagen wurde. Es ist entsprechend duster darin. Und als der Inder eine Taschenlampe einschaltet, entdecke ich mein persönliches Grauen: die Decke über mir voller Fledermäuse, so weit das Auge reicht.
In meiner Phantasie, die tatsächlich grenzenlos sein kann, wenn sie will, tummeln sich innerhalb von Sekunden mehrere dieser Tierchen auf meiner Haarpracht, die ich an diesem Abend auch nicht zusammengebunden habe. Außerdem darf man jeden Tempel nur barfuß betreten, auch diesen hier - und gibt es für eine Frau ein größeres Grauen als Achtbeiner??
"Sorry, I have to leave!" und da bin ich auch weder umzustimmen noch aufzuhalten.
Mir doch egal, dass irgendwo tiefer drinnen in einer Schlucht noch eine Guru-Schlafstätte zu besichtigen wäre. Was interessiert mich, wo da jemand in die Decken pupst?? Und ganz echt mal: In Indien kann dir im Grunde jeder als Guru angepriesen werden und du als Tourist weißt sowieso nicht, ist das nun ein "echter" oder nicht.
Da warte ich lieber draußen in der Abendsonne, genieße die letzten Sonnenstrahlen - und offenbar sind wir inzwischen weit genug weg von der Wüste: Ist die Sonne weg, wird es spürbar kühler. So kühl, dass wir auf der Rückfahrt im offenen Jeep sogar frösteln. Dafür sehe ich zum ersten Mal in meinem Leben echte Flughunde aus relativer Nähe, die im Schwarm über uns hinwegziehen.
Die machen mir keine Angst - aber die sind auch hoch genug bzw. weit genug weg von mir ;)

Und hier ist auch dieser See, an dem wir auf eine unfassbar ruhige Wasseroberfläche schauen, tatsächlich zuschauen können, wie die Sonne untergeht, während Herr Blau sich Masala-Tee und ich mir meinen obligatorischen Kaffee genehmige, ich Kulturbanause.
Es ist ein so herrlicher Ort der Stille und Ruhe, dass wir stundenlang so da sitzen und einfach nur nichts tun könnten. Nicht reden, dafür schweigen, den eigenen Gedanken nachhängen und spüren, wie auch tief in uns drinnen alles zur Ruhe kommt. Hier denke und fühle ich nichts mehr außer dieser wunderbaren Stille und Ruhe in mir und um mich.
Bis wir mit einem recht jungen Inder ins Gespräch geraten und uns angeregt unterhalten. Einmal mehr stelle ich begeistert fest, dass ich tatsächlich englisch reden kann, wenn ich einmal meine Scheu abgelegt hab. Da kann ich beinah ins Erzählen geraten...
"Ah, you are divorced?" fragt er überrascht nach und während ich nach einer Erklärung suche von wegen viel zu früh geheiratet oder sowas, winkt Herr Blau ab und sagt auf deutsch zu mir: "Das ist hier auch nicht anders."
Des Inders Blicke wechseln zwischen Herrn Blau und mir, eher nur erstaunt und fragend, trotzdem: Irgendwie fühle ich mich mit einem Mal total unwohl und ich schaue weg und sage ebenfalls auf deutsch zu Herrn Blau: "Ich sollte einfach überhaupt nichts über uns erzählen." - "Ja besser ist das."

Montag, 20. Februar 2017

My husband has the money - Udaipur, Tag 11





An das indische Frühstück kann ich mich echt gewöhnen. Fast jeden Morgen bekomme ich kleine, frische Pancakes, frisch geschnittene Melonen- und Ananasstückchen und extra für mich zubereitetes Rührei. Eine Zusammenstellung, die vermutlich so gar nicht zusammenpasst, aber danach darf man bei mir sowieso nicht gehen. Ich esse alles durcheinander, wie ich es gerade mag und worauf ich gerade Lust habe. Auch gebe ich zu, dass dies keine typisch indische Mahlzeit ist, wenn man berücksichtigt, dass ich mich immer nur für "blankes" Rührei entscheide, weil mir die indische Würzung einfach zu scharf ist. Überhaupt stelle ich mit Freuden an jedem weiteren Tag in Indien fest, dass nicht jede Mahlzeit gnadenlos scharf gewürzt ist (auch wenn es sich nicht um eine Süßspeise handelt).
Angesichts der Temperaturen von bis zu 38 Grad genügt eine solche Mahlzeit auch vollkommen, um bis zur eigentlichen Kaffeezeit gar keinen Appetit oder gar Hunger auf Weiteres zu verspüren. Und uns damit anschließend auf die meist zwei- bis vierstündige Weiterreise über Land zu machen.

Hier werden Autobahnen gebaut, indem eine Baggerschaufel alten Asphalt wegkratzt, Frauen die Brocken in Metallschüsseln tun, sich diese auf den Kopf setzen und wegtragen. Dann werden die Wege geebnet, aufgeschüttet, glattgezogen und mit Asphalt überzogen. Alles, was irgendwie möglich ist, wird mit reiner Menschenkraft gebaut, Maschinen sehen wir sonst keine. Ich starre aus dem Fenster, auf die Menschen, auf die zusammengekratzten Asphalthaufen, sehe die aus Holz, Blech und Steinen notdürftig zusammengebauten Häuschen am Straßenrand, die Unterkünfte für die "Bauarbeiter"...
Denke daran, in welch technisierter Welt wir selbst leben und wie schnell wir jammern, wenn uns etwas zu schwer wird.

Das Nahen bewohnter Gebiete kündigt sich wie gewohnt mit der Anhäufung von Plastikmüll an. Ich lasse Landschaften, Städte an mir vorüberziehen, den Kopf in die Hand gestützt oder angelehnt. Sehe um die Mittagszeit die Schulkinder auf dem Heimweg, den sie oft zu Fuß zurücklegen, hin und wieder von Familien abgeholt werden oder auch, wenn es die Familie sich leisten kann, mit dem Bus fahren. So entdecke ich auch das Hinweisschild "German Bakery", gleich darunter ein Hinweisschild für ein italienisches Lokal und der amüsierte Inder erklärt uns, dass in Indien sehr gerne etwas als "deutsche Backwaren" oder "italienische Spezialitäten" angepriesen wird, es aber nicht wirklich etwas mit dieser Esskultur zu tun habe.
Herr Blau möchte mir unbedingt einen Tempel zeigen, den er zuletzt vor sechs Jahren besichtigt hatte (und von dem ich grad kein Foto finden kann). Und nun ist er einmal mehr enttäuscht, wie viel sich verändert hat. Nicht nur, dass man nicht mehr alles frei fotografieren darf, man darf auch nicht mehr alles betreten.
"Frauen mit Menstruation ist es verboten zu betreten. Bei indischen Frauen weiß man, dass die sich daran halten. Bei allen anderen ist man sich nicht sicher, darum wurde es verboten."
Dafür laufen zwei Gurus eifrig herum, segnen einen ungefragt und ungeduldig innerhalb von drei Sekunden, drücken einem anschließend den roten Punkt auf die Stirn und halten sofort die andere Hand mit der Geldschale hin.
An einem mannshohen Elefanten aus Marmor machen wir Pause und beobachten amüsiert eine Engländerin, die den Guru abzuwehren versucht: "Sorry, my husband has the money!"
Die Hartnäckigkeit der Gurus kennt keine Grenzen. Sie bleiben der Frau so lange an den Fersen, bis diese entnervt auf ihren Mann trifft und der einige Münzen auf dem Geldteller zurücklässt.
"Das gabs früher alles gar nicht", zeigt sich Herr Blau verblüfft und enttäuscht, während ich mit dem nackten Fuß in Taubenkacke trete.

Irgendwann erreichen wir Udaipur, eine beliebte Stadt mit mehreren Seen. Hier wurden Filme wie "Octopussi" und "Der indische Ring" gedreht; auch soll  der "Tiger von Eschnapur" gedreht worden sein, auf einer kleinen Insel im Pichhola-See, die nicht größer ist als das Hotelanwesen selbst - und die wir von unserem kleinen Fenster aus sehen können. Die wir später mit einem Boot auch etwas mehr aus der Nähe betrachten - doch all zu nah darf man an diese Insel nicht heran.

Dafür besichtigen wir das Schloss - 300 Meter lang, 100 Meter breit und 32 Meter hoch. Geführt werden wir von einem deutsch sprechenden Guide, der in Reichenbach im Vogtland gelebt und später auch in Dresden studiert hat. Die Welt ist ein Dorf :)
Auch den "Garten der Ehrendamen" schauen wir uns an, lümmeln auf der Bank im angenehmen Schatten nahe des Springbrunnens. Ein Garten mit Swimmingpool, den sich eine Prinzessin von ihrem Vater gewünscht hatte. Tja nun. Mein Vater ist "nur" gelernter Ofensetzer. Ein schöner Kachelofen wäre das einzige Denkmal, das er mir setzen könnte :)



Dienstag, 24. Januar 2017

Die Flut an Farben, Gerüchen und Eindrücken - Jodhpur, Tag 9



Jodhpur ist, glaube ich, eine Stadt, die die Klischees von Indien erfüllt: laut, bunt, schmutzig; es ist heiß, es ist unfassbar staubig, und dennoch überrollt mich die Flut an Gerüchen und Farben, und immer wieder fällt mir auf: Das Bunte an Indien sind vor allem die Frauen. Sie kombinieren die verrücktesten, leuchtendsten Farben, die ich je gesehen habe, ihre Arme sind voller Reifen, kaum eine Frau, die nicht auch weiteren Schmuck an den Ohren, in der Nase, um den Hals und an den Händen trägt. Und es steht ihnen! Ich selbst bevorzuge Schlichtheit, aber wenn ich all diese Frauen sehe mit ihren bunten Kleidern und ihrem Körper voll Schmuck, dann bin ich fast versucht, auch so aussehen zu wollen - und das einzige, das mich zurückhält, ist das Bewusstsein, wie ein Christbaum auszusehen. Es passt einfach nicht zu uns Europäern, finde ich. 
Und dann denke ich: Es ist gut wie es ist. Würden wir alle gleich aussehen, wäre es ja langweilig.

Wie vor jeder größeren Stadt werde ich von Herrn Blau gebrieft: "Schau ihnen nicht in die Augen, das verstehen sie als Aufforderung, als Interesse, und dann wirst du sie nicht mehr los."
Offen gestanden, mir fällt das schwer. Menschen interessieren mich und Augen faszinieren mich. 
An ihnen erkennst du einfach sofort, ob ein Mensch tatsächlich lächelt oder nur die Zahnreihen freilegt. Und ich will doch entdecken, ich will sehen, ich will hinschauen und jedem, der mir etwas anbietet, lächle ich ein "No, thanks" entgegen. Ich kann nicht einfach vorbeigehen und so tun, als nähme ich sie gar nicht wahr. Es sind immer noch Menschen, die am Abend eines Tages etwas Geld vom Verkauf mit heimbringen sollen oder müssen. 

Jodhpur, eine Stadt mit rund einer Million Menschen - und man spürt es. Sobald das Auto irgendwo hält, sind sie da, die jungen Mädchen und Frauen mit den Kindern auf dem Arm, den Babies im Arm, und immer wieder krampft sich in mir alles zusammen, wenn ich die kleinen dürren Füßchen sehe, die ausgemergelten Körper der Frauen. 
"Die Frauen wollen nur Geld für Opium", werden wir vom Inder wiederholt gewarnt, wir sollen sie nicht beachten und die ganz hartnäckigen verscheucht er mit einer energischen Handbewegung und ein paar Worten auf Hindi. Noch heute verfolgt mich dieses Geräusch der ersten drei Finger an der Hand, mit der die Frauen und halbwüchsigen Kinder an die Scheiben klopfen. Tok Tok Tok. 



Und Inder sind unglaublich beflissen. Hast du erst einmal ihren Shop betreten, fragen sie nur kurz, wonach du suchst - und dann laufen sie hin und her, erzählen im Vorbeigehen auf Englisch und breiten eines nach dem anderen vor dir aus.
"Du musst sie stoppen", sagt Herr Blau, "du musst schon sagen, wonach du suchst, sonst haben wir hier bald den ganzen Laden ausgebreitet vor uns liegen."
"Ich weiß gar nichts mehr", entgegne ich, "ich bin... komplett überfordert gerade."
Am Ende kaufen wir nichts, denn während ich auf der Suche nach bestimmten Farben und Mustern bin, die ich trotz aller Fülle nicht finden kann, ist Herr Blau ernüchtert von den Preisen, die auf seiner letzten Reise vor 6 Jahren noch ganz andere gewesen waren.
Beinah haltlos benehme ich mich dafür im Gewürzshop, in dem ich vor allem eins wahrnehme: Kardamon. Kardamon soll schmerzstillend wirken, das wussten wir schon vor unserer Reise..



Und ich mag unseren Guide. Ein sehr höflicher und wohltuend unaufdringlicher Mensch; beinah der einzige, der mir in Erinnerung geblieben ist, ohne dass ich erst in unserem Tagebuch nachschlagen muss. Man merkt ihm an, dass er ein Programm abspult, zu oft hat er vermutlich Jodhpurs Geschichte schon erzählt und die Touristen in den Forts herumgeführt.
Im Schloss eines Maharadschas sind verschiedenste historische Uhren ausgestellt, und wir erkennen wieder, was wir einst in einer Reportage gesehen haben: Historische Uhren, für deren Wartung und Reparatur die besten Uhrmacher der Welt zusammenkommen, eine kleine Gruppe in einem Tanzsaal des Palastes, der für die rund zwei Wochen in eine Art Werkstatt umfunktioniert wird. Irgendwie ein cooles Gefühl, die Dinge, die man bislang nur aus dem TV kannte, nun auch live zu sehen.

Vor dem Eingang zum "Baby Taj Mahal", einer sehr kleinen Nachbildung des Originals.


Ein Zelt... Ein Zelt mit echtem Bad, echter Dusche und allem PiPaPo.
Sogar mit einer Klimaanlage ausgestattet, was angesichts der Temperaturen von fast 40 Grad angenehm ist,
besonders nachts.
Ich bin sehr dankbar dafür, aber die Bilder der Menschen draußen vor dem Tor gehen mir nicht aus dem Kopf.
Die Unterschiede können kaum... größer sein.


Mittwoch, 23. November 2016

TukTuk heißt: Brüste gut festhalten! - Jaisalmer, Tag 7

TukTuks sind in Indien diese kleinen motorbetriebenen Stinker, die wie ein Mittelding zwischen Moped und Auto aussehen und für gewöhnlich Platz für etwa 4 Personen bietet. In Indien aber ist dieser Platz gewöhnlich mit bis zu 10 Personen besetzt; wer keinen Sitzplatz mehr findet, der stellt sich eben außen auf eine Art Stoßstange, seitlich oder hinterrücks. Oft gesehen auch bei Bussen.
Ob mit Sport-BH ausgestattet (nein, den hatte ich nicht dabei, ich war doch im Urlaub!) oder nicht - die Straßen und Wege sind überwiegend grottenschlecht, nein, schon unterirdisch schlecht. Frauen, die nicht gerade Körbchen A besitzen, kennen das: Wenns nicht unangenehm werden soll, dann die Brüste gut festhalten! Ich habe mich damit begnügt, die Arme vor der Brust zu verschränken - das vermeidet zumindest schiefe Blicke. Auch wenn die Mehrheit Hindus und nur die Minderheit Moslems sind, auch wenn die Frauen in ihren Saris den nackten Bauch zeigen (ein dicker Bauch zählt übrigens zum guten Ton, weil der Wohlstand zeigt) - ich habe es in Indien vermieden, kurze Röcke oder kurze Hosen anzuziehen und man erzählte uns, dass das wohl auch gut so war.

Jaisalmer ist eine sehr alte Stadt aus dem 12. Jahrhundert in der Wüste, nicht so groß wie andere, bisher gesehene Städte, aber irgendwie schöner. Für mein Empfinden ist die riesige Fläche für die Armee vor den Toren der Stadt genauso groß wie die Stadt selbst. In Indien genießt der Soldat ein verhältnismäßig hohes Ansehen, allein ob der Position selbst, aber auch, weil Soldat zu sein nicht zuletzt auch ein geregeltes Einkommen bedeutet. Ich denke an meinen Jungen, der sich freiwillig zum Wehrdienst verpflichtete, sich wohler fühlt als gedacht und auch wesentlich besser zurechtkommt als er selber annahm. Noch immer wünsche ich mir aber, dass derzeit laufende Eignungstests erfolgreich verlaufen und er dann im kommenden Jahr aus dem Wehrdienst entlassen werden kann. Ich weiß, dass Sicherheit längst nicht mehr das ist, was es mal schien, egal wo man arbeitet - aber ich will ihn einfach nicht in einem sinnlosen Krieg verlieren...



In dem Türmchen unter der großen Taube war unser Zimmer - sehr goldig!!
Eines der schönsten Zimmer auf unserer Reise.

Glaubt man zwar nicht -
aber in einer indischen Wechselstube entdeckte ich das da :)



Sie baten mich, ob ich sie denn nicht fotografieren könne.
Wer kann SO einem Lachen schon widerstehen??
Entgegen den indischen Gebräuchen wollten sie auch kein Geld - sie wollten einfach nur aufs Foto :)

Kleine verschwommene Angelegenheit, ich finde grad kein schärferes Foto ;)



Wir erfuhren erst später, nachdem wir die Stadt verlassen hatten, dass deren Abwassersystem noch aus dem Mittelalter stammt, die zum Beispiel in diesem Frühjahr erst massiv aufgetretenen Regenfälle als auch alles sonstige Schmutz- und Abwasser in die Fundamente dringen und alles von unten nach oben aufweichen. Ein Inder erzählte uns, dass es demzufolge nur noch eine Frage der Zeit sei, wann die Festung wie ein Kartenhaus in sich zusammenfiele... Manches weiß man tatsächlich besser vorher nicht, so schläft man ruhiger.



Jaisalmer bei Nacht... Morgens zwischen 2 und 3 Uhr...

Bis auf die Musik ist das die übliche Geräuschkulisse.
Etwas, das mir nach gut 3 Wochen tatsächlich ordentlich auf die Nerven ging :)