Ich bin ja seit rund drei Jahren auch bei Instagram angekommen. Hab mir dort zwei Profile angelegt: ein öffentliches für die Malsachen und einen Ziggenheimer, wo ich aber nicht jeden reinlasse.
Jetzt kann man ja drüber streiten: Braucht man das oder kann das weg? Gibt mir das was oder stiehlt es mir nur kostbare Freizeit, die ich stattdessen mit wundervollen analogen Erlebnissen füllen könnte? Was soll ich sagen... Es ist tagesformabhängig, wie viel oder wenig ich dort unterwegs bin. Der Mann würde ja sagen "ZUVIEL!", aber seitdem ich dort bin, isser auch da :) Und hin und wieder machts ja auch irgendwie Spaß, hier und da mal was zu lesen oder auch zu entdecken. Doch, kommt da auch vor.
Früher, zu Facebook-Seiten, da gabs ja öfter mal Diskussionen, auf die ich mich einließ und wo der Mann immer mal fragte, wozu ich mir das antäte. Ob ich mit meinem eigenen Leben nicht genug zu tun hätte und so. Aber manche Themen interessieren mich. Sie reizen mich. Ich will dann mehr wissen, mehr erfahren. Über Sichtweisen, über Beweggründe. Ich will verstehen, was ja nicht immer zwangsläufig bedeutet, dass man selbst dann auch seine Ansicht ändert. Aber es ist schon öfter vorgekommen, dass ich zumindest meinen Blickwinkel neu justiert habe.
Inzwischen lasse ich mich aber auf ganz vieles auch nicht mehr ein, egal auf welcher Plattform. Es gibt Themen, die sind so hoch emotional beladen - das führt zu nichts außer einem Krampf im Kopf. Doch was mir zuweilen auffällt, ist, wie ich-bezogen unsere Gesellschaft sich für mich anfühlt. Wir Ossis waren früher nicht so. Na klar hatten wir auch genauso Ego-Schweine. Aber im Allgemeinen hatten wir einen Zusammenhalt. Den vermisse ich heute. So wie ich es vermisse, dass die Leute Bitte und Danke sagen. Dass sie, wenn sie in einem Lokal Platz genommen haben, der Bedienung verdammt noch mal ins Gesicht schauen und in ganzen Sätzen formulieren können, wonach ihr Begehr ist. Dass Jüngere aufstehen, wenn Ältere die Bahn oder den Bus betreten. Ich sage nicht, dass wir das nicht mehr haben. Aber für mich fühlt es sich so an, als seien genau das die besonderen Momente geworden, über die man in bunten Bildchen und Filmchen bei Insta & Co. fabuliert - aber die Realität immer weiter davon entfernt ist. Wo ist sie hin, die Empathie? Wenigstens so ein kleines bisschen?
So ganz hab ich die Algorithmen bei Insta noch nicht kapiert, warum mir da verschiedene Stories vorgespielt werden. Seit einiger Zeit bekomme ich beispielsweise Takes eingespielt, in denen Frauen von ihren Fehlgeburten erzählen. Man realisiert ja nicht immer sofort und gleich, was da jetzt kommt - und vermutlich, wenn man da mal so drei, vier Sekunden geschaut hat, hängt man schon in der Schleife.
Jedenfalls war da eine junge Frau, die hat, glaube ich, bereits ein oder zwei Kinder, und hat nun Bilder und Texte von ihrer aktuellen Fehlgeburt, die sie in ihrem Badezimmer erlitten hatte, ins Netz gestellt. Da stockte mir schon für einen Moment der Atem, ich war auf dieses Bild nicht vorbereitet. Einen ganz kurzen Moment lang dachte ich: "Oh je... Muss das wirklich ins Netz?" Aber genau so schnell dachte ich: "Jeder verarbeitet auf seine Weise." So denke ich zumindest grundsätzlich. Dann schrieb aber eine andere junge Frau - und ich muss sagen, sie schrieb sehr freundlich, höflich, zurückhaltend - dass sie selber gerade eine Fehlgeburt erlitten hätte und sie sich gewünscht hätte, es wäre eine Triggerwarnung vor dem Beitrag oder das Foto erst im zweiten Slide. Bei ihr würde nun der Schmerz wieder aufbrechen, so von jetzt auf gleich, und ob es da nicht einen schonenderen Weg gegeben hätte? Was mich wirklich irritiert und irgendwie auch erschüttert hat, war die Reaktion der Kommentierenden und auch der Besitzerin der Fotos: Ihr Kind brauche keine Triggerwarnung, und überhaupt wäre es an der Zeit, an Tabuthemen zu rütteln. Sichtbar zu machen, was Frauen widerfährt, damit keine Frau mehr denken müsse, sie sei allein damit.
Wenn Ihr mich fragt, ich konnte irgendwie beide Standpunkte nachvollziehen. Aber letztlich bin ich doch mehr Team "Frau Überrumpelt". Ist es wirklich so schwierig, Rücksicht auf die Gefühle anderer Menschen zu nehmen? Zu bedenken, dass andere Frauen gerade genau dasselbe durchmachen müssen, dies jedoch nicht so offen vor sich her tragen können - und auch vorbereitet werden wollen, bevor sie ungefragt mit Bildern konfrontiert werden, die alle Wunden wieder aufreißen? Stichwort Algorithmus! Zu bedenken, dass jeder Mensch auf seine Weise mit dieser Erfahrung umgeht - und vielleicht nicht so souverän von dem Erlebten berichten kann? Was wäre so schlimm daran, ihre Fotos erst ab dem zweiten Bild zu zeigen? Und vorangestellt ein Text, den man lesen und für sich entscheiden kann: "Okay, das geht" oder "Oh nein, das kann ich grad nicht"? Es kamen dann tatsächlich gehäuft Kommentare wie "Dann geh halt nicht ins Netz, wenn du das nicht aushalten kannst" oder "Ich zeig das jetzt hier, weil ich das nur so verarbeiten kann" und so weiter und so weiter. Warum konnte sie nicht einfach sagen "Hey, es tut mir leid, hab ich nicht bedacht, dass das jemandem anderen so weh tun könnte"? Warum wird stattdessen betont, wie richtig das eigene Verhalten ist und dass "die anderen dann eben halt Insta deinstallieren sollten, wenn sie damit nicht umgehen können"? Es hinterließ mich sprachlos, muss ich gestehen.
Und einen Moment lang dachte ich: "Wenn wir von irgendeinem Produkt schreiben, müssen wir *Werbung* vorn dranklemmen. Vielleicht sollte es ja auch eine Anweisung hierfür geben?" Aber dann dachte ich.. Wie traurig ist diese Welt geworden, wenn wir ihr jetzt schon per Gesetz mitgeben müssten, wie sich Rücksicht und Miteinander gestalten, nur weils den Menschen an Empathie mangelt? Weil sie sich sehen, ihre Bedürftigkeit, ihren Schmerz - und nicht das des anderen neben sich?
Manchmal kann ich irgendwie verstehen, dass mein Papa bevorzugt nur noch Natur-Dokus schaut..
9 Kommentare:
Meine Mutter sagte mal zu mir "Das eigene Päckchen ist immer das größte." und genau so erlebe ich es immer wieder. Hilft mir aber auch, wenn ich mich mal wieder zu sehr um mich selbst drehe.
Instagram hab ich zwar auch einen Account, aber da geht schon lange nix mehr rein. Im moment hab ich es deaktiviert. Es gibt aber ein paar Accounts die besuche ich öfters weil die gut für mich sind wegen Gesundheit und Essen, ja und dann bleib ich auch ab und hängen und zappe mich so durch und danke ich wieder wenn so ein Kinderfoto veröffentlicht wurde muss das sein in der heutigen Zeit. Finde es auch gut, dass Themen veröffentlicht werden, die mehr oder weniger Tabu sind. Manchmal hinterlasse ich einen Kommentar, aber eher selten, denke mir meinen Teil.
Und ja Naturdoko schauen wäre manchmal besser vor allem in den letzten Tagen.
Liebe Grüße
Ursula
Von den Sachen, die du vermisst, kann ich bei den allermeisten wirklich nur mit dem Kopf nicken - gutes Benehmen scheint verpönt zu sein. Wenn ich fahre, egal wo, kann ich immer den Zahnbefund anderer Leute begutachten, weil sich kaum noch jemand die Hand vor den Mund hält, wenn man müde ist und gähnt.
Beim Platz anbieten kann ich immer öfter feststellen, dass das überwiegend ausländische junge Männer machen, wahrscheinlich Türken. Andere deutsche junge Männer motzen ja schon rum, wenn ich sie im ihren Platz bitte, weil sie auf einem gekennzeichneten Platz für Alte, Kranke, Schwangere sitzen. - Irgendwie ist es in den letzten Jahren nicht unbedingt besser geworden. - Gruß, lieben, an dich
Hat der den letzten Kommentar schon unter meinen Namen gesetzt?
Liebe Helma,
ach ja, Instagram, da bin ich vor gut einem Jahr weg und sonst auch nirgendwo, weil es mir pauschal erklärt, nicht gutgetan hat.
Diese Fehlgeburtsgeschichte ist interessant,
ACHTUNG TRIGGER!!!!
weil ich wie viele Frauen übrigens auch eine hatte. Ich formuliere es stets mit den etwas rauen, aber insgesamt richtigen Worten: Eine von drei Schwangerschaften ist mir ins Klo gefallen.
Das alles war lang vor social media und im Nachhinein bin ich so dankbar, dass mir damals dementsprechend auch niemand erklärt hat, wie ich mich zu fühlen hätte. Etwaige Hashtags?#Sternenkind #Tränen #Trauer #unvergessen #immerbeidir #overtherainbow #liebe usw. usf.
Ich habe seinerzeit auch kurz geheult, natürlich, aber mal ehrlich, ich wusste, dass das nichts Ungewöhnliches ist, habe meinem Körper (der wird das schon ganz richtig entschieden haben) vertraut und hatte natürlich das große Privileg (!!!), problemlos schwanger werden zu können. Wenn ich mir nur vorstelle, labilere Frauen als ich hören nicht in sich sondern auf das, was andere gefühlt haben oder fühlen, finde ich das gruselig. Das ist so ein Leben aus zweiter Hand und viele kapieren das noch nicht einmal.
Insgesamt gebe ich dir unbedingt recht, doch, man sollte Rücksicht nehmen und ja, es schadet nicht, Dinge unter anderen Aspekten als den eigenen zu betrachten. Nicht nur im www.
Herzliche Grüße
Marie
Ja, das Gefühl kenn ich... Ich glaub, es ist auch okay, ab und zu mal um seinen eigenen Kosmos zu kreiseln - wenn man sich auch immer wieder erden lässt. Was mich eher erschreckte, war die Vehemenz, die eigene Ansicht alternativlos zu vertreten, ganz gleich, wem man wie sehr damit wehtat. Ich empfand es als so unsensibel.. So rücksichtslos.
Es stimmt schon - am Ende wird man ganz schön überflutet mit Eindrücken, die man nicht wirklich braucht. Aber ich hab eben dort auch schon einiges an Inspiration fürs Malen gefunden - oder ein paar lustige Clips zum Kopf abschalten ;) Grundsätzlich denke ich auch - wenn man über Tabu-Themen nicht offen sprechen kann oder darf, dann bleiben sie auch Tabu-Themen. Aber muss das so ohne jede Rücksicht passieren?
Hat er nicht - aber ich erkenne Dich an einem bestimmten Schreibstil :)
Liebe Marie, vor zig Jahren war FB mein erster Schritt in die sozialen Medien - und neben meinem Blog war das auch mein einziger Internetauftritt. Na gut, ich hatte/ hab nicht nur den einen Blog ;) Instagram hat mich viele Jahre gar nicht interessiert. Eine kurze Zeit lang war ich mal bei Twitter - aber ich bin eher jemand mit vielen Worten. Kurz und knackig kann ich zwar auch - aber will ich nicht immer.
Aber bei FB hatte ich mich über die Jahre hinweg mehrfach deaktiviert, weil es mir einfach auch nicht guttat. Manchmal war ich fast ein Jahr lang weg. Irgendwann kam ich wieder und blieb dann dort. Hab, glaub ich, meine Einstellung zu den Dingen verändert. Nix erwarten, nix wollen - einfach nur mal gucken und ein bisschen was schreiben. Inzwischen gefällt mir FB fast gar nicht mehr. Es ist so viel Scheiß dort, so viele Fake Accounts, die irgendwelche Fake Stories posten, die keinen interessieren und die noch mieser sind als diese Real Stories im TV.
Aber jetzt wär ich fast vom Thema abgekommen :D
Wahrscheinlich werden viele Themen dadurch "normalisiert", je mehr man drüber spricht. Grundsätzlich bin ich auch dafür - ich wünschte mir halt nur Rücksicht auf andere Menschen. Wir sind ja nicht allein auf der Welt und wir sind auch nicht der Nabel der Welt. Was für den einen richtig ist, muss es aber für den anderen nicht sein. Ein bisschen (mehr) Empathie hat noch niemandem geschadet.
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