Sonntag, 25. September 2016

Proof of Life

Ich glaube, ich habe mich noch nie so wortlos gefühlt wie in den letzten Wochen. Das ist so ein ganz merkwürdiges Gefühl - im Kopf geht so vieles durcheinander, so viele Gedanken und Worte, es gäbe so viel zu sagen und zugleich lässt es sich doch nicht fassen, nicht greifen, nicht ordnen.
Und dann, wenn der Kreisel im Kopf zur Ruhe findet, dann drehe ich die Musik auf und alles das, was ich möglicherweise noch sagen wollte, verblasst und verliert sich im Nichts.

Für Eure Kommentare, Eure Worte bin ich Euch unglaublich dankbar, und ich dachte, es wird auch mal Zeit, Euch wenigsten das mal zu sagen. Und Euch für Eure Treue zu danken!!

Wir sind noch keinen wirklichen Schritt vorangekommen, und während mir bewusst ist, dass Dinge, die sich über Jahre hinweg entwickelt haben, nicht innerhalb eines halben Jahres wegdefiniert und aufgelöst werden können, bin ich (zu) müde geworden, es immer und immer wieder zu erklären.
Zu kämpfen für Dinge, die man letztlich doch nicht in der Hand hat.
Einzustehen für Menschen, die einfach nichts "mitnehmen".

Ein starker Mensch wird zunächst immer für sich selbst eintreten können. Für sich selbst kämpfen können.
Mein Credo war und ist es, dem schwachen Menschen auf die Beine zu helfen, ihm einen Raum und eine Stimme zu geben - und die Möglichkeit, seinen Weg zu finden und zu gehen.
Es hilft auch nichts, den Umstand zu bejammern und zu beklagen, dass die breite Gesellschaft nicht dafür gemacht ist, den Schwachen aufzufangen. Die breite Gesellschaft sind sehr viele, aber es sind nicht alle. Dann gilt es, die Nadel im Heuhaufen zu finden.

Wer war ich? Wer bin ich?
Sehr viel mehr als sonst habe ich in den vergangenen 3 Monaten Fragen über Fragen in meinem Kopf und im Dialog mit anderen gewälzt.
Natürlich war ich noch vor 15 Jahren ein anderer Mensch. In meiner Grundstimmung ein ausgeglichener Mensch. Gerne fröhlich. Gerne unbekümmert. Zumeist unbedarft auch.
Ich denke, dass meine Grundstimmung heute nicht unbedingt eine andere ist. Aber ich reagiere wie jeder andere Mensch auf Einflüsse, auf das, was mich umgibt bzw. auf das, mit dem ich mich umgebe.
Dass ich nicht erwarten kann, dass Menschen meine Einstellung zum Leben und zum Miteinander teilen, ist mir völlig bewusst. Insofern überrascht es mich auch nicht, wenn ich Respekt, Toleranz und Verständnis anderen gegenüber vermisse - aber es erwischt mich immer wieder eiskalt.
Und dann frage ich mich: "Will ich wirklich dazugehören?"
Vor vier Tagen wurde ich gefragt, wie es mir geht, und weil es mir nicht möglich war, das alles in eine whatsapp zu verpacken, verschickte ich eine Sprachnachricht. Anfangs sprach ich sehr ruhig und müde, glaube ich, und endete ungewollt sehr emotional.
Ich weiß, dass ich die Gesellschaft nicht ändern kann. Das ist weder mein Ziel, noch meine Aufgabe - mal abgesehen davon, dass meine Wertvorstellungen ja auch nicht die richtigen sein müssen. Ich sie anderen also auch nicht aufzwingen kann oder darf.
Was ich aber kann und was ich auch darf: Mich selber fragen, bis wohin ich mitgehen möchte.
Und darüber selbst zu entscheiden, ob hier lang oder dort lang.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Meistens. Ein Gewohnheitstier, dem größere Veränderungen Angst machen. Angst vor dem Unbekannten. Angst vor dem Ungewissen.
Als mir vor über 14 Jahren ein Jobangebot unterbreitet wurde, interessierten mich weder Zahlen noch Fakten und ich hatte gehörigen Respekt vor dem Neuen. Dennoch war die Überlegensphase sehr kurz: Ich wollte raus aus dem bisherigen Leben. Ich wollte was Neues sehen, lernen, erfahren. Raus aus einem Trott. Mein damaliger Ehemann meinte "Mach das nicht, da fährst du dreimal so lange und verdienst aber keinen Cent mehr." Und der andere Mann damals meinte: "Warum nicht? Willst du es? Dann mach es doch."
Und ich sprang.
Bis heute weiß ich, dass es das Beste war, das ich je getan hatte und das mir je angetragen worden war.
Bis heute ist mir klar geworden:
Jeder sollte jemanden haben, der bedingungslos an einen glaubt.
Damit man springt. Damit man wagt. So oft hat das Leben gezeigt, dass sich für jede Tür, die sich schließt, eine neue öffnet.

Seit 2 Tagen kenne ich eine weitere Diagnose meines Sohnes. Ich habe mich darüber belesen und bin von beiden dazu "eingeladen", dazu mit der behandelnden Ärztin zu sprechen.
Momentan bin ich bestärkt in dem, was ich all die Monate, all die ganze Zeit über dachte und fühlte: dass er Rückhalt braucht, Verständnis - und Zeit. Dass ich für ihn da bin, mich selbst aber nicht aufgeben darf. Dass ich ab und zu auch an mich denken darf und ihn trotzdem nicht vernachlässige. Dass er nicht an die Hand genommen werden muss. Dass ihm vor allem eins fehlt: Anerkennung. Akzeptanz.
So oft dachte ich in den letzten Wochen an die Worte meiner Therapeutin vor 7 Jahren: "Der Mensch neigt immer dazu, auf das zu schauen, was er nicht hat und was er nicht kann. Anstatt sich auf das zu konzentrieren, was gut ist, was er kann und was positiv ist."

Die vergangenen Wochen haben mir auch gezeigt: Ich muss auch mehr mit mir arbeiten, für mich arbeiten. Traumatherapie, hat der Osteopath vor etwa zehn Tagen angeraten, dem in seiner Praxis zu viele Patienten begegnen, die unnötig mit Wunden und Narben in ihrem Leben kämpfen und trotzdem nicht vorankommen. Dass man lösungsorientiert agieren muss. "Ich glaube, ich kann Ihnen wohl doch nicht helfen", sagte er, der anfangs so euphorisch an mein Schmerzproblem herangegangen war.

Ich weiß nicht, ob es vermessen ist oder gar falsch, wenn ich schon glaube, dass ich lösungsorientiert arbeite. Mit mir, mit meinem Sohn. Was war, kann ich nicht mehr ändern, so sehr mich das auch quält - und möglicherweise könnten wir aber heute mehr tun. Nur möglicherweise anderes als bisher. Die Energie in die richtigen Richtungen kanalisieren. Das gilt es noch herauszufinden.
Weil mir eins klar geworden ist: Wirklich frei fühlen kann ich mich erst, wenn es meinem Sohn wieder gut geht.
Freitagabend haben wir zu dritt beim Italiener gesessen, Sohnemann, ich und noch jemand. Und ich sehe sie noch vor mir, wie sie die Serviette sorgsam faltete, darauf starrte und sagte: "Man kann alles im Leben überstehen, egal wie schwer es ist. Nur eins nicht: wenn man sein eigenes Kind verliert."
Ich habe sie angestarrt, weil das eigentlich immer meine Worte waren, meine Gedanken, die sie nicht kannte.

"We move forward" - mit diesem Titel hatte ich mich im Juni zunächst verabschiedet.
Wenn Ihr mich also heute fragt, kann ich nur sagen, dass wir noch nicht wesentlich weitergekommen sind. Weil man in manchen Dingen mit dem Brecheisen auch nicht weiterkommen kann.
Aber ich kann zumindest sagen: Alles ist in Bewegung geraten. Mehr denn je.

Kommentare:

Goldi hat gesagt…

Fühl Dich umarmt. Ihr werdet den richtigen Weg finden :-*

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Es gibt schon einen Weg, Goldi. Es ist nur noch nicht sicher, wie dieser gangbar ist. Ich hoffe und ich wünsche so sehr, dass es gelingt.

Goldi hat gesagt…

Weißt Du, wenn Du selber den Druck raus nimmst, dass Du das Ende schon vor dem ersten Schritt haben magst (ich weiß, Du verstehst was ich meine) dann wird das und selbst, wenn der gedachte Weg so nicht funktioniert, dann werden die Steine, der Schutt weggeräumt oder eben eine Umleitung genommen.

Ja, es kostet Kraft, ja, es wird nicht leicht, aber das Paket "leichter Weg" war auch bei Dir in der Sonderausstattung nicht dabei ;).

Dafür hast Du in der Sonderausstattung das Paket "herzensgute, wundervolle, tolle Mutter" und das ist tausendmal, ach was millionenmal mehr Wert als ein leichtes Leben.

:-*

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Danke für Deine Worte! :* Und ja, ich weiß, was Du meinst.
Ich glaub, man muss nur aufhören, Angst vor neuen Wegen zu haben. Dann wären wir jetzt wahrscheinlich schon ein Stück weiter.
Aber egal. Hauptsache, es geht voran. Dann von mir aus auch in kleinen Schritten.

Ricci hat gesagt…

Dein Sohn kann sich glücklich schätzen, so eine Löwenmutter zu haben. Ich wünsche Dir, nein Euch, viel Kraft, Ausdauer und Durchhaltevermögen.

amorsolalex hat gesagt…

Wo Bewegung ist, ist Leben und ist der Willen Wege zu suchen und zu gehen. Ich hoffe das Beste für deinen Sohn (neue Diagnose?) und für dich. Ihr schafft das, zusammen. Fühl dich umarmt!

gretel hat gesagt…

Kann das alles nachvollziehen. Nicht viel haut mich um, aber Sorgen ums Kind machen - das schon! Egal wie alt es ist, es bleibt das Kind.
Bisher hatte ich mehr Glück als du. Aber mittlerweile weiß ich auch ansatzweise, was Schmerzen anstellen mit dem Körper und der Seele.
Meiner Meinung nach gehst du mit den Paketen, die du zu tragen hast souverän um. Das würde nicht jeder so schaffen.
Und dass man mit zunehmenden Alter nicht mehr ganz so locker neue Pfade begeht, halte ich für normal.
Es wird, gibt ja keine Alternative zu diesem Leben.
Liebe Grüße

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Ricci - danke!

Keine neue Diagnose, Amorsolalex, eine weitere. Eine, die mir etwas schwerer im Magen liegt als die andere. Aber darüber will ich erst noch mal mit seiner Ärztin sprechen, dazu war noch nicht ausreichend Zeit genug. Sohn und Ärztin waren sich einig darüber, dass ich das darf :)

Liebe Gretel, genau, es muss werden, weil es keine andere Alternative gibt.
Gestern wurde ich gefragt, warum mich das alles so runterziehen würde, bestimmte Aktionen und Reaktionen wären ja nicht neu. Das stimmt zwar. Wenn aber mal eine Zeitlang Ruhe war, möchte man gerne glauben, dass "es wird". Dann zu erkennen, dass es eben "doch nicht so geworden ist", darf mich schon auch mal ein bisschen aus dem Takt bringen. Finde ich.
Was mit mir selber ist, kann ich inzwischen gut aushalten und auch ganz gut damit umgehen. Aber wenn es das Kind betrifft...
Wege formen sich grad. Und momentan überwiegt meine Zuversicht, dass sich diese Wege eines Tages noch als Glücksfall herausstellen werden. Es ist nicht nur, dass ich daran glauben will. Es ist auch, dass ich grundlegend eine gute Portion Zuversicht in meinem Rucksack drin hab. Auch dann, wenn ich, so wie aktuell, ziemlich müde bin.

Anonym hat gesagt…

Ich habe Gänsehaut... Ich wünsche euch viel Kraft und sende euch die Sonne. *drück* Summer

~ Clara Pippilotta ~ hat gesagt…

Liebe Helma, schön, hier ein Lebenszeichen von Dir zu finden :)

Eine weitere Diagnose, das hört sich ja nicht so toll an. Ich hoffe, es ist gut behandelbar und alles renkt sich dann nach einer Weile wieder ein.

Ich glaube auch, dass jeder Mensch jemanden haben sollte, der bedingungslos an einen glaubt. Du bist für Deine Kinder da und mit Sicherheit bist Du für sie die eine Person, die an sie glaubt und sie bedingungslos liebt.

Dir wünsche ich weiterhin viel Kraft und dass sich die Dinge bald entspannen und so gestalten, wie ihr alle es braucht und es euch gut tut.

Liebe Grüsse
Clara

Inch hat gesagt…

Erst Mal freue ich mich auch,von Dir zu hören. Die melancholische Grundstimmung, um nicht zu sagen, pessimistische, beunruhigt mich dann doch etwas. Allerdings, Du klingst sehr reflektiert, also bin ich Deiner Stärke sicher. Für Dich und andere.

Einen Satz allerdings muss ich verneinen. Wieso glaubst Du, dass Du die Welt nicht ändern kannst? Ich glaube fest daran. Du, ich, jeder. Nur wenn wir glauben, nichts ändern zu können, ändert sich nichts.

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Danke Summer!

Liebe Clara, fast alles ist heutzutage inzwischen behandelbar - aber im Gegensatz zu einigen bestimmten anderen Meinungen liegt es nicht immer nur in einem selbst. Manchmal ist die Akzeptanz von außen genauso wichtig, um gesund werden und ein erfülltes Leben führen zu können. Das Schlimmste sind sicherlich das Wegbrechen sozialer Kontakte, der Rückzug von Freunden und Familie. Aber eine nicht zu unterschätzende Bedeutung haben auch die Einflüsse von außen. Je weniger Positives einem widerfährt oder begegnet, desto schwieriger wird es für den Betroffenen werden, sich selbst positiv aufzurichten, an sich zu glauben und seinen Weg zu gehen.
Unterstützung von außen ist - aus meiner Sicht - immer elementar, nicht alles kann die Familie beitragen. Ich erlebe ja selber immer wieder, wie langwierig es ist, jemanden aufzubauen und aufzurichten - aber wie schnell im Gegenzug alles wieder eingerissen und zunichte gemacht wird.

Und das - liebe Inch - ist das, was mich derzeit ziemlich bedrückt. Pessimistisch? Ich weiß nicht, so weit würde ich derzeit eher nicht gehen wollen. Melancholisch eher. Weil mir jeder sagt, ich würde wie eine Löwin um und für meine Söhne kämpfen - aber ich selbst habe im Moment das Gefühl, dass ich allein nicht wirklich etwas bewirken kann bzw. nichts Wirkliches bewirkt habe. Ich kann sie auffangen, sie unterstützen, aber ob sie welche Wege gehen können, das liegt nicht allein in meiner und auch nicht immer in der Macht meiner Söhne.
Das ist ganz normal, klar. Aber es ist eben doch ein Unterschied, ob ein Mensch aus dem EffEff funktioniert und den Erwartungen des Umfeldes entspricht - oder eben nicht (aus welchen Gründen jetzt auch immer, das meine ich allgemein und nicht nur auf meine Söhne bezogen). Und dann ist dieser Mensch im Grunde genommen "abhängig" vom Umfeld, wie es auf ihn einwirkt - oder eben auch nicht. Es ist dieser Punkt, an dem ich mir so oft mehr Akzeptanz und Anerkennung vom Umfeld gewünscht hätte - um den Schwachen zu stärken und ihn nicht noch mehr zu schwächen, indem ich ihm immer und immer wieder seine Defizite aufzeige oder ihn auch ganz wegschicke. Das wünschte ich mir für alle Betroffenen, insgesamt.

rollringelpiez hat gesagt…

Liebe Helma,
da war ich so mit meinen eigenen Baustellen beschäftigt und lese erst jetzt ... eine weitere Diagnose ... der arme, arme Kerl! Und auch: Du Arme! Ich fühle mit euch ...
Alles Liebe
RRP