Montag, 1. Februar 2016

Es klappert die Mühle am rauschenden Bach



Als mich am Mittwoch eine Stunde vor Beginn der Trauerfeier die Nachricht von Sohn II erreichte, es bestünde bei ihm der Verdacht auf Morbus Scheuermann und wird dieser bestätigt, dann bedeute das für ihn den Ausschluss aus allen laufenden Bewerbungen bei Polizei, Zoll und der Bundeswehr, da musste ich mich für einen Moment doch erst mal setzen.

Morbus Scheuermann, so erfuhr ich beim fixen googeln, ist eine Deformierung der Wirbelsäule. Etwas, das Sohnemann selber bereits befürchtet hatte, nachdem der Rücken im Lauf der Zeit krummer wurde.
"Mach dich jetzt nicht verrückt", antwortete ich Sohnemann, der für zwei Tage zum Eignungstest der Bundeswehr nach Erfurt gefahren war, "ich glaube nicht, dass du das hast. Bevor du mit dem Sport begonnen hast, war dein Gang schön aufrecht und dein Rücken auch sehr gerade."
Aber für einen Moment schluckt man dann schon.
Sohn I mit der bestätigten Diagnose Morbus Basedow.
Sohn II mit der noch unbestätigten Diagnose Morbus Scheuermann.
Den Gesundheitscheck bei der Wachpolizei hatte er vor 10 Tagen nicht bestanden - der Ruhepuls zu hoch und die Herzfrequenz beim Belastungs-EKG viel zu hoch. Eine Wiederholung aller Tests ist ausgeschlossen - entweder man besteht beim ersten Mal oder muss sich in einem Jahr neu bewerben. Aber er hat schon zwei Jahre "verschenkt" mit der Grundausbildung für den Erzieher, der er eben nicht mehr werden will. Hinzu das Übergangsjahr bis zur nächsten Ausbildung. Drei Jahre für lau also - aber es muss ja auch mal vorangehen?
"Siehs positiv", sagte ich dem geknickten Sohn, "so kannst du jetzt in Ruhe deinen Führerschein zuende machen und dich auch auf die Eignungstests für Polizei und Zoll vorbereiten. Perspektivisch sind diese Jobs wahrscheinlich für dich ohnehin besser, denke ich mal."
Am Mittwochabend, nach all dem übrigen Wahnsinn dieses Tages, kam die Entwarnung: Diagnose nicht bestätigt, nur ein ausgeprägter Rundrücken "dank" des - ich sag mal: falschen bzw. mit falschem Ehrgeiz betriebenen - Sportes.
"Dann weißt du ja, was du jetzt tun solltest, wenn du wieder zu Hause bist", schrieb ich, "nämlich Umstellung deines Sportprogramms, nun aber wirklich endlich mal."
Er kam dann mit mehr oder weniger fliegenden Fahnen heim: Alle Tests bestanden, Wissenstest, Gesundheitstest, Sporttest und das psychologische Gespräch. Nun kann er bedingt wählen, wohin er möchte. Bedingt deshalb, weil die Plätze dort, wo er eigentlich hin wollte, belegt sind. Eine Woche Zeit hat er, um es sich zu überlegen. Doch erst mal fährt er heute in den Norden - zum 2. und 3. und damit letzten Test (soweit ich weiß) für die Bundespolizei. Ihm (und ehrlich gesagt auch mir) wäre eine Ausbildung dort am liebsten. Auch wenn die erst am 01.09. beginnt und bis dahin noch nicht klar ist, wie die Zeit finanziell zu überbrücken ist. Zumal seine Bewerbungen bislang - sofern er denn überhaupt eine Antwort bekam - abgelehnt wurden mit der Begründung, dass man "was Längerfristiges" suche. Was ich auch verstehen kann: Wofür die Mühe, jemanden einzuarbeiten, der in wenigen Monaten eh wieder fort wäre?
Bleibt möglicherweise tatsächlich nur ein Job bei McDonalds oder so. Wollte er nie, aber danach gehts eben auch nicht immer im Leben - und am Ende wird er froh sein, wenn er überhaupt etwas hat, wo er sich ein paar "Pfennige" verdienen kann.

Sohn I rief mich heute Morgen um kurz nach sieben Uhr an. Er sollte sich heute melden für einen Termin zu einem psychologischen Gespräch. Insgeheim hoffte ich, dass es nicht soooo lange dauern würde bis dahin. Und er sagte: "Am Freitag soll ich hinkommen." Hui. Dafür, dass das Ganze sich so lange hingezogen hatte, geht es jetzt doch recht fix.
Ich kenne die Ärztin, zu der er geht. Sie hat mich eineinhalb Jahre im Rahmen der Schmerzbehandlung betreut - und ich mochte ihre zupackende Art mit dem Herzen auf dem rechten Fleck. Sie war mir noch sympathischer, als ich erfuhr, dass sie wie ich aus dem Norden stammt :)
Mir haben diese eineinhalb Jahre eine ganze Menge gebracht und genau dasselbe wünsche ich mir auch für meinen Jungen. Denn die körperliche Verfassung ist das eine - die mentale eine andere.

Und so mahlen die Mühlen weiter und weiter und immer weiter.
Was durchaus etwas Positives hat, finde ich.
Auch wenn in mir noch immer ein dumpfes Gefühl vorherrscht. Ein bisschen wie ausgebrannt. Ein bisschen wie leer. Natürlich tue ich mir ab und an auch selber mal ein bisschen leid - ich finde das auch nicht schlimm. Schlimmer wärs, aufzugeben. Hinfallen und liegenbleiben oder so.
Aber darüber denke ich gar nicht nach.

Kommentare:

Goldi hat gesagt…

Der Doc, der die Verdachtsdiagnose bei ihm gestellt hat gehört leicht erschlagen. Dazu ist er ja nun wirklich im falschen alter.

Glückwunsch zu den bestandenen Tests, zum Therapieplatz und zum selber Leid tun, das ist nämlich wichtig und gehört zu "ich achte auf mich" dazu. :-*

ganga-salamander.blogspot.co.at hat gesagt…

Ach Helma, momentan kommt es ganz schön dick für dich und deine Liebsten. Was für Sorgen und dann kommt auch noch dieser viele Druck von rundherum daher. Zum Glück kannst du das auch mit Abstand sehen, was da bei den anderen los ist. So was.
Zum Glück hat sich die Diagnose beim Sohnemann nicht bewahrheitet und es kann mit der Bewerbung und der Ausbildung weitergehen.
Mach dir trotz und gerade wegen diesen immer wieder auftauchenden Irritationen schöne und wohltuende Zeiten. Bleib dran und wie du schreibst, immer wieder aufstehen und nicht liegen bleiben, auch wenn's mal knüppeldick daher kommt. Es wird besser, dass ist eine Gesetzmäßigkeit.

Herzliche Grüße
Barbara

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Goldi, ich hatte mich nur flüchtig zum Thema Morbus Scheuermann belesen, weil ich zum einen ja nicht die Zeit hatte am Tag der Trauerfeier und Beisetzung, zum anderen es aber eben auch Entwarnung gab. Aber Morbus Scheuermann entwickelt sich im Jugendalter, bis es irgenwann "stillsteht", oder? So hab ichs irgendwie in Erinnerung. Zunächst war meine Befürchtung, dass Sohnemann mit diesem Kraftsport, mit dem er mit 17 begonnen hat, sich selbst entsprechend geschädigt hat. Hat er ja letztlich auch - aber glücklicherweise nicht diese Erkrankung provoziert. Alles andere dürfte hoffentlich mehr oder weniger "reparabel" sein; er hatte ja schon im Sommer letztes Jahr begonnen, seinen Trainingsplan umzustellen, sonst wäre der Rücken heut noch runder. Ein bisschen "begradigt" hat er sich nämlich schon :)
Ich bin Dir sehr dankbar fürs Mutmachen und überhaupt!

Liebe Barbara, im Moment bin ich - zugegeben - ziemlich müde. So von innen. Wenigstens kann ich mich immer noch selber neu motivieren, auch wenn ich mal zwei Tage nacheinander innerlich nur noch weine. Aber solche Nachrichten wie zum bestandenen Bewerbungsverfahren - die zaubern mir auch gleich wieder Lächeln und Zuversicht ins Gesicht und ins Gemüt. Dann wieder denke ich, dass es anderen Menschen noch sehr viel schlechter geht. Ich wünschte mir eben auch nur, dass man mir nicht permanent (noch mehr) Druck macht, sondern einfach mal zu dem steht, was man versprach - oder es auch lässt, mich dann aber auch in Ruhe lässt.

Goldi hat gesagt…

Beginnt mit dem ersten Schub der Pubertät und endet mit dem Ende des Wachstums und da dürfte er ja nun schon etwas länger raus sein oder? Trauerfeier, ich drück Dich noch mal :-*

Die Körperhaltung sieht man bei den jungen "Bodybuildern" oft, ist mir eben so durch den Kopf gegangen als ich das Bild von Deinem (Dir auch äußerlich gut geratenem Sohn) angeschaut habe. Wenn Du so schon siehst, dass es sich gebessert hat, dann geht da sicher noch etwas. Ich frage mich nur ob in den Studios kein Fachpersonal ist, das entsprechend gegenwirkt...seufz

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Goldi, danke :*
Ja, ich hoffe schon auch, dass da noch einiges mehr geht - er muss nur einsehen, dass er zu einseitig trainiert hat. Da "ackere" ich schon lange, weil ich es früher wirklich auffällig und eben schön fand, wie gerade und aufrecht der Junge ging. Nicht so gebeutelt wie zum Beispiel seine Mum ;)
Fachpersonal? Vergiss es... Alles "nur" Personal auf geringfügig Beschäftigten-Basis - da interessiert niemanden, wer da kommt. Da wird offenbar mehr Wert auf Quantität gelegt. Der Nachteil dieser "Sportketten".

Clara Himmelhoch hat gesagt…

Hallo, liebe Helma, wie schon einmal gesagt, ich möchte nicht die Hälfte deiner Probleme haben, wünsche dir dafür die doppelte Kraft, um alles gut zu managen.
Da mein Exmann Morbus Scheuermann hatte - und das auch schon mit Anfang 20, als ich ihn kennenlernte, habe ich gleich noch mal gegoogelt und gelesen, dass es eine Krankheit ist, die sich in der Jugend ausbildet.
Hoffentlich findet dein Sohn bei der Polizei wirklich das, was er sucht.
Alles Liebe und Gute für dich!

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Clara, ich hab letzten Mittwoch zum allerersten Mal was von Morbus Scheuermann gehört. Und glücklicherweise hat sich der Verdacht nicht bestätigt: Ob er bei der Polizei wirklich das findet, wonach er sucht, wünsche ich ihm sehr. Noch vor zweieinhalb Jahren, mit Beginn der "Grundausbildung" zum Erzieher, hätte ich gar nicht gedacht, dass das was für ihn wäre - und war entsprechend überrascht. Gleichwohl muss ich zugeben: Seine Entwicklung in den vergangenen zwei Jahren wiederum verfolge ich ziemlich gespannt und denke inzwischen schon auch, dass das vermutlich das Beste für ihn ist. Am Ende muss er ja seinen Weg finden und damit glücklich werden - und das, was ich dazu tun kann, tue ich.
Ich warte schon ziemlich auf den Frühling, übrigens, denn wann immer ich Dich lese oder bei Dir lese, stelle ich uns bereits in einem Café vor, ratschend in der Sonne und mit ausgestreckten Beinen :) Ich habs nicht vergessen! Werde das mal mit einem Besuch in L verbinden und ein Wochenende dranhängen, um nach B zu kommen :)

Clara Himmelhoch hat gesagt…

Freue mich, freue mich - besonders auf die in der Sonne ausgestreckten Beine - beide genüsslich einen Kaffee (schlürfend) trinkend!!

Lascincoies hat gesagt…

Liebe Helma

Während 'solchen' Zeiten hat mir der Gedanke geholfen, dass es eine Phase ist und bald alles gut wird. Wenn es einem schon keiner sagt, muss man es selbst tun.
Du schreibst viel von Veränderungen, und häufig helfen nur die grossen; Kündigen, Ausziehen, Wegziehen, Weiterbildung etc. Am schwierigsten finde ich es, dass der Regenerationsprozess so lange dauert und einem so viel Geduld abverlangt. Manchmal ist man so ausgekotzt und fühlt sich trotzdem nicht besser. Und wer sowas nicht selbst durchmacht, guckt einen ganz verständnislos an und sagt "reiss dich zusammen".
Kannst Du bald wieder ans Meer? Ich wünsche es Dir!
Liebe Grüsse
Trinicat

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Trini, die Konsequenzen sind mir bewusst...
Und ja - die Regenerationsphase ist lang. Wäre auch OK, würde dann nicht immer was Neues auf mich einprasseln und ich mit dem Ganzen ziemlich alleine. Da darf man auch mal... müde werden zwischendrin. Oder?
"Reiß dich mal zusammen" - kannst Du Dir vorstellen, wie oft ich mir das selber sage? Ich akzeptiere das aber auch nur von mir selber ;)
Momentan zieht es mich nicht mal mehr ans Meer - und das sage ausgerechnet ich. Aber vielleicht brauche ich auch nur ein bisschen Frühling um die Nase. Letztes Wochenende habe ich meinen Schrank aufgeräumt, die Sommersachen sortiert und als mir so das eine oder andere Kleidchen in die Hand fiel, überkam mich regelrecht Sehnsucht danach, das alles wieder anziehen zu können. Ich weiß, wir haben Februar - bekloppt, dass man immer schon zu dieser Zeit nach dem Frühling lechzt. Aber ich freue mich echt sehr auf die Frühlingszeit. Auf Sonne. Auf Wärme. Auf Meer. Auf mehr :)

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Clara - ja ja ja!! :)

Anna hat gesagt…

Boah, jetzt blieb mir für einen Moment das Herz stehen. Wie gut, dass diese Diagnose sich nicht bestätigt hat. Reicht ja jetzt auch langsam mal bei euch. Und ich gratuliere. Alle Tests bestanden? Großartig! Das ist doch mal eine Ansage für das neue Jahr. ;)

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Anna, ja, ich finde auch, es könnte zur Abwechslung mal wieder ein bisschen Ruhe in Heim und Seele einziehen.
Er hat alle Tests für einen möglichen Weg bei der Bundeswehr bestanden - sein Ziel ist aber eigentlich Polizei oder Zoll. Bundeswehr nur, wenn das andere nix wird :) Gestern fuhr er in den Norden und hat heute seine Tests bei der Bundespolizei. Ich weiß jetzt wieder, wie das geht, ein Telefon zu umschleichen und zu bewachen :)

Anonym hat gesagt…

Liebe Helma,

bin ich froh, dass er doch nicht an der Scheuermannschen Krankheit leidet! Wäre ja eine Katastrophe für ihn!

Was hat er denn falsch gemacht beim Sport? Ich frage nur, weil mein Sohnemann auch seit Jahren Sport macht.
Das interessiert mich jetzt wirklich. Ich werde mich nämlich auch diese Woche im Sportstudio anmelden.... Auf Buckel hab ich aber keinen Bock! ;)

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