Dienstag, 12. Januar 2016

Am Ende der Gedankenschleife

Vor kurzem schrieb ich, dass ich noch nie Vorsätze für ein neues Jahr gefasst hatte - und dass ich auch jetzt nicht gedachte, damit anzufangen.
Genau genommen denke ich auch jetzt nicht daran. Jedenfalls nicht als Vorsatz, nur weil ein neues, noch taufrisches Jahr begonnen hat. Eins, von dem ich doch recht erschrocken feststellte, dass so einige Blogger 2016 bereits jetzt abhaken und unter der Kategorie "Next, please" ablegen möchten.

Vor kurzem gab es Streit im Blauen Ziggenheim. Und mir fiel eines dabei auf. Stellt Herr Blau mir die Frage "Darf ich dich mal was fragen?", dann denke ich nicht mehr wie früher ein unbekümmertes "Nu freilisch, du darfst mich alles fragen!", sondern ich denke inzwischen: "Was habe ich jetzt wieder falsch gemacht?"
Beim Nachgrübeln in den stillen Momenten des Tages oder in den schlaflosen Momenten einer Nacht gelangte ich irgendwann an den Punkt der Selbstreflexion, dass sich diese negative Tendenz meiner Grundhaltung nicht nur auf meine Beziehung zu Herrn Blau erstreckt.
Wenn Chef am Telefon sagt: "Ich hab mir da meine Gedanken gemacht während der Weihnachtstage, aber lass uns reden, wenn du da bist", dann denke ich (inzwischen) nicht mehr: "Cool! Mal sehen, was für Gedanken - vielleicht noch einen Tag Urlaub mehr?" (Wir haben uns nämlich im vergangenen Jahr von 24 auf 25 Tage Urlaub erhöht - ja, da geht noch was. Denken wir. Also das Personal.) Sondern ich denke: "Bedeutet das Änderung der Jobkonstellation mit Sohn? Und wenn ja, was bedeutet das dann für mich? Was macht das dann mit mir?"
Wenn ich an die Operation am Mittwoch denke, dann denke ich nicht mehr automatisch: "Ich würde ja fast schwören, dass der Schmerz im Körper tatsächlich was mit der Nadel im Fuß zu tun hat - also kanns anschließend nur besser werden!", sondern ich habe die Befürchtung, dass ich zum einen während der OP erwachen könnte (Anästhesist: "Wir versuchens erst mal mit ner kleinen Narkose, das schont Ihren Kreislauf", was mir beinah sofort Bilder vor den Augen entstehen lässt, in denen ich mittendrin erwache und schreie: "Aaaaaaaahhhh Finger weg, das tut vielleicht mal weh!") - beziehungsweise habe ich die Befürchtung, dass danach alles noch mehr schmerzt im Körper, zumindest seit ich ich darüber belehrt wurde, was man da alles kaputtmachen kann.
Wenn jemand anderen eine glückliche Ehe wünscht, die unbedingt so kommen muss, weil diese anderen so ein tolles Paar sind, sie so eine tolle Frau, dann vermag ich nicht zu trennen, dass man anderen etwas wünschen kann, das man selber nicht auch leben muss und trotzdem glücklich sein kann - auf die eigene Weise. Sondern dann frage ich mich, ob ich lediglich die Interimslösung bin.
Wenn ich sehe, dass ich innerhalb von nur drei oder vier Wochen ganze sechs Leser verliere, dann denke ich nicht mehr wie früher: "Hui!", sondern frage nicht nur Herrn Blau, ob er das Leben mit mir möglicherweise langweilig findet, sondern auch mich, ob ich selbst langweilig (geworden) bin.
Es ist die Summe all dessen, wo ich mich vor wenigen Tagen abends fragte, wann das angefangen hat, dass ich diese negative Einstellung zu mir selbst eingenommen habe - und vor allem, warum.
Ich erinnerte mich zugleich daran, dass jemand vor Jahren zu mir gesagt hatte: "Du bist der positivste Mensch, den ich kenne" - und ich frage mich, ob dieser das heute auch noch so sagen würde.

Betrachte ich insbesondere mein Jahr 2015, dann empfinde ich vor allem die Sorge, die Belastung und den immensen Druck, der mir gemacht wurde und den ich mir in verschiedensten Situationen selber mache. Ob das dann irgenwie auch normal ist, dass der Himmel nicht nur wolkenlos und rosarot ist und mir dauerhaft die Sonne aus der Rückfront scheint?
Ob das dann normal ist, dass meine Seele Zeit braucht (und ich Geduld)?
Zweifel in mir sind nicht da, weil ich sie will oder suche. Sie sind da, weil ich immer wieder über etwas stolpere und darüber stürze.
Manchmal entwickle ich globale Fluchtgedanken - und erkenne zugleich: "Ich kann ja letztlich gar nicht vor mir selber abhauen." Mein Ich nähme ich ja mit. Was aber, wenn genau im Ich die Antwort auf vieles liegt? Warum lerne ich so langsam und warum reagiere ich so langsam? Eine Zeitlang wusste ich, dass ich nur zu Entscheidungen, die aus dem eigenen Lernprozess resultieren, auch konsequent stehen kann. Meine Scheidung zum Beispiel. Neun ganze Jahre dauerte dieser innere Prozess, dann ging alles verhältnismäßig schnell. Ich hadere nicht damit, dass es neun Jahre gedauert hat. Aber ich erkenne, dass Mechanismen in mir verhinderten, diesen Prozess zu beschleunigen - und dass diese Mechanismen offensichtlich heute noch funktionieren. Mehr oder weniger.
Beruflich und privat habe ich Menschen kennengelernt, die demgegenüber immer in Bewegung sein müssen. Die immer etwas bewegen wollen und müssen; die Gründe hierin mögen verschiedentlich sein.
Manchmal betrachte ich diese Menschen und denke: "Wann überholen sie sich selbst?"
Manchmal betrachte ich andere Menschen und denke: "Warum liegt ihr Augenmerk auf den Dingen, die sie (noch) nicht (erreicht) haben - und nicht mit Freude darauf, was sie (erreicht) haben?"
Warum glaube ich an das Glück der anderen, nur dem eigenen vertraue ich nicht? Wenn ein bisschen Neid gesund ist, wieso empfinde ich dann keinen, sondern freue mich vorbehaltlos?

Für 2016 habe ich immer noch keinen Vorsatz gefasst.
Aber am Ende der Gedankenschleife ist mir bewusst geworden, dass ich Negatives zu sehr an mich heranlasse  - und dass mich auch zuviel Negatives umgibt.
Mir ist auch bewusst, dass ich nicht das ewige Mädchen mit ihrem verträumten Blick sein kann.
Aber ich will mir einen Teil dessen bewahren. Ich habe das Kind in mir vernachlässigt und ein Stück meiner Unbeschwertheit aufgegeben. Verloren. Ein Verlust, den ich schon früher wahrgenommen habe, aber der erst jetzt beginnt, richtig zu schmerzen.
Und das ist es, was ich mir für mich selbst vorgenommen habe: mich selbst wieder viel mehr auf das Positive konzentrieren. Loslassen, was mich herunterzieht. Mich abwenden von dem, das mich "vergiftet".
Oder um es so zu formulieren: mich NOCH MEHR auf Positives konzentrieren. Eigene negative Gedankenströme wegzulenken und auf das Positive zu richten. Ich glaub, dass das auch für mich, der im Grunde der geborene Optimist ist, momentan nicht mehr so einfach ist. Aber immer noch bin ich mir selber wichtig genug, mich nicht völlig aufzugeben. Mich nicht völlig zu verlieren.

Morgen ist die OP und inzwischen denke ich: "Labert nicht soviel, macht einfach euer Ding und holt die Nadelstücke raus, aber macht es gut. Wird schon werden!" Und die Hoffnung auf Besserung in jeder Hinsicht überwiegt auch wieder.
Meinen Ring habe ich schon vor 2016 konsequent abgelegt, weil er nicht hält, was er verspricht - und weil ich mich mit etwas, vor dem ich Pseudo setzen müsste, nicht zufrieden gebe. Ganzes, nichts Halbes. Kein Ja-nein-vielleicht-mal sehen. Dann gar nicht, und das endgültig.
Seit gestern begleitet mich eine Leserin mehr. Eine andere schrieb mir vor kurzem, dass sie schon länger hier mitlesen würde und dies so gerne täte. (Darauf habe ich noch nicht geantwortet, Mitzi, es aber sehr wohl gelesen :)) Wordpress-Feeds werden bei Blogger nicht erfasst, darum sehe ich das nicht - aber natürlich finde ich es schön, mich woanders wiederzufinden. Denn ich schreibe ja eben hier und nicht zu Hause im Buch mit Schloss davor. Ich mag dieses Gefühl, einen anderen Menschen "erreichen" zu können, mehr oder weniger. Ich mag es, mich in Gedanken anderer wiederzufinden - oder dieselbe Sache auch aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten. Ich mag es, teilhaben zu lassen - und das Gefühl, dass "genommen" werden möchte.
Mein Facebook-Konto bleibt geschlossen. Was dort vermutlich nach wie vor abgeht, kann ich mir vorstellen - und das will ich mir einfach nicht antun. Was in Köln passiert ist, entzieht sich meinem völligen Verständnis, ebenso aber auch bin ich der Meinung, dass es falsch ist, jetzt allein der Polizei die Schuld an allem zu geben. Zur Demo nach den Ereignissen der Silvesternacht wurden 1.700 Polizisten der Bundespolizei eingesetzt. 1.700. Das muss man sich erst mal vorstellen. Ob man Verständnis dafür gehabt hätte, wenn bereits zu Silvester "vorsorglich" 1.700 Polizisten eingesetzt hätte? Wo überall hätte man sie dann noch einsetzen müssen - vorsorglich? Aber ist das wirklich der Punkt? Worum geht es hier wirklich?  Wie konnte es überhaupt so weit kommen - und warum ist es so gekommen? Ich lese keine Berichterstattungen mehr. Weil es nicht um Berichterstattung geht. Seit ich ein Kind war, habe ich Angst im Dunkeln; Angst davor, allein auf der Straße und im Dunkeln unterwegs zu sein. Weil ich Angst davor habe, noch mal "ausgeliefert" zu sein. Wehrlos zu sein. Gegen einen, erst recht gegen mehrere. Deren Herkunft spielt überhaupt keine Rolle - hört doch bitte auf, so zu tun, als gäbe es keine oder nur wenige deutsche Straftäter!
Ich mag schwarze Kleidung, weil sie zu mir passt. Eine Zeitlang herrschten Schwarz und Grau in meinem Kleiderschrank vor - einfach nur, weil diese Farben zu mir passten. Nicht weil sie etwas ausdrücken sollten. Im letzten Frühjahr und Sommer habe ich mir bunte Sommerkleider gekauft, beinah so, als wolle ich trotzig demonstrieren, dass meine Gedanken und Gefühle farbenfroher seien.
Wir haben Winter, die Zeit der dunklen Farben. Eigentlich. Und ich stelle fest, dass ich helle Farben bevorzuge. Helle Jeans. Helle Blusen. Zartere Stoffe statt dicker Winterwäsche. Kleinigkeiten, die es mir aber ermöglichen, mich wieder als eine Frau zu fühlen, die es mag, sich zurechtzumachen und die das Leben liebt.
Denn das tue ich. Immer noch und ungebrochen.

Kommentare:

~ Clara Pippilotta ~ hat gesagt…

Liebe Helma, es gibt vieles in Deinem Posting, das mich berührt. Die eigenen Abwehrmechanismen zu durchschauen, warum man für bestimmte Dinge "so lange" braucht, ist auch immer eine Kunst. Für mich war es lange Zeit die Angst vor Veränderung, aber auch vor dem, was dann kommt - wenn man sich weiterentwickelt, verändert man sich und die Welt um einen herum auch irgendwie. Eine sehr lange Zeit bin ich sehr schnell voran gekommen und die Veränderungen, die damit zusammen einhergingen, waren oft auch überfordernd. Trotzdem bin ich dankbar, dass ich das so gepackt habe. Heute geht es langsamer, jedenfalls gefühlt, aber dafür habe ich mehr Zeit zum durchatmen. Das tut mir auch gut.

Negative Gedanken sind Gift für die Seele. Ich denke, sie werden auch oft von der Angst gespeist, die wir in uns tragen. Die Angst vor allen möglichen schlimmen Dingen, die sein könnten. Ich glaube nicht, dass man einfach nur positiver denken sollte. Diese Angst kommt ja irgendwoher und vielleicht ist es gar nicht verkehrt, dem Übel mal bis an die Wurzel zu gehen, notfalls mit Hilfe. Letztendlich ist das alles ein Prozess, den man da durchmacht und der auch irgendwohin führt. Sich den trüben Gedanken nicht zu sehr zu überlassen und auch mal bewusst auf das Schöne zu fokussieren, ist da sicher auch wichtig.

Köln. Das ist so ein Thema für sich. Mit Sorge beobachte ich, was in diesem Land geschieht. Ich kann die Ängste und Bedenken der Mesnchen verstehen, dieses verbale draufschlagen auf die Polizei finde ich aber furchtbar und letztendlich sind es nicht nur ausser Kontrolle geratene Asylanten, die mir Sorge bereiten. Noch viel mehr Angst habe ich vor der braunen Meute, die sich rasant ausbreitet und der Aggressivität von unberechenbaren sogenannten "besorgten Bürgern", die nicht mehr reflektieren sondern gleich zur Hetzjagdt aufrufen.

Derzeit bleibe ich aufmerksam, aber ich konzentriere mich auch auf mein Leben und meine Ziele. Ich glaube, man darf einfach vor lauter schlechtem, was geschieht, den Blick nie für die eigenen Ziele und auch für die schönen Seiten des Lebens verlieren. Man sollte vielleicht aufmerksam sein für das was vor sich geht, aber den Fokus nicht völlig drauf legen. Leichter gesagt, als getan.

Ich wünsche Dir jedenfalls, dass Du diese negative Gedankenspirale für Dich durchbrichst und das Jahr 2016 doch zu einem schönen für Dich wird.

Für morgen wünsche ich Dir, dass alles gut geht (was es sicher wird) und Du danach am besten sogar Deine Schmerzen ganz los wirst. Auf alle Fälle aber schonmal gute Besserung und das schnell :)

Liebe Grüsse
Clara

Clara Himmelhoch hat gesagt…

Liebe Helma,ich denke, wenn die Op vorbei ist und absolut positiv gelaufen ist, dann wird auch dein Denken wieder positiver. Ich drücke dir für morgen ganz doll beide Daumen, damit sie nicht zu viel schneiden müssen, sonst kannst du längere Zeit nicht richtig laufen.
Ich spucke dir über die Schulter. Herzlich Clara

Helga Nase hat gesagt…

Alles Gute für die OP, ich drücke die Daumen!

Ruthy hat gesagt…

Hallo Helma,

ich lese auch sehr sehr gern bei Dir und hab Dein Blog in meinem feedly-Reader, auch wenn ich Dich nicht als Leser "verfolge".
Vielleicht ist Dein angesprochener Leserschwund Blogger geschuldet. Die haben scheinbar im eigenen Blog oder sonstwo im Dashboard verlauten lassen, daß sie alle Leser, die sich nicht mit einem Google+ Account angemeldet hatten, rauswerfen. Beschwören mag ich das allerdings nicht. Weder die, die das gebloggt hatte, noch ich können gscheit Englisch ;)

Für morgen drück ich Dir die Daumen und wünsch Dir, daß Deine Schmerzen dann wirklich weniger werden oder sogar verschwinden.

Liebe Grüße
Ruthy

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Ich bin Euch sehr dankbar!
Morgen 7.00 Uhr muss ich in der Klinik sein und 7.45 Uhr bin ich dran.
Cool! Muss ich nicht so lange hungern und kann nach dem Aufwachen frühstücken! :)

Goldi hat gesagt…

Ich denke an Dich :-*

rollringelpiez hat gesagt…

toi toi toi!!!!

mama lilou hat gesagt…

Guten Morgen
wenn Du das liest, hast Du die OP wohl hinter Dir, ich hoffe, es ist alles gut gegangen!
Und als kleine Freude hab ich mich als Leserin eingetragen :-)
Einige posts habe ich zurückgelesen und mag Deinen Schreibstil, werde bald wieder kommen.
Bis dahin beste Grüße

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Ruthy, "irgendwas mit Google+" hatte ich auch mal gelesen, aber ich hab vergessen, worum genau es da ging. Auf jeden Fall um Einschränkungen, wenn man dieses blöde Profil nicht besitzt. Und ich besitze schon lange keins mehr. Ich empfinde es immer als suspekt, wenn einem Menschen etwas aufgezwungen wird, das man selber nicht will und nicht braucht.

Liebe Goldi, liebe RRP - ich danke Euch!

So wie auch Dir, liebe Mama Lilou, aber Dir hab ich ja schon im Kommentarfeld Deines Blogs geantwortet :)

mama lilou hat gesagt…

:-) und der war toll, Danke Dir und gute Besserung!