Dienstag, 28. Februar 2017

Erfahrungsresistent



Als ich noch allein wohnte, habe ich ganze Abende und Nächte damit verbracht, auf youtube herumzusurfen, fand und hörte so vieles, das ich nie im Radio zu hören bekam (was ja aber auch nicht schwierig ist, vor der Entdeckung von Sputnik Insomnia war ich einfach kein Radio-Fan).
Songs entdecken war aber manchmal auch schwierig für mich. Mit nur einem einzigen Titel, einer einzigen Zeile konnte sich die Stimmung komplett ins Gegenteil verkehren.
Ein Klang, ein Wort, das war manchmal zum Verrücktwerden mit den darauffolgenden schlaflosen Nächten.

Vor einigen Tagen erlebte ich selbiges mit einem fremden Blogpost, der Erinnerungen hochkommen ließ. Bilder. Worte. Man kann da ja eigentlich nicht wirklich etwas dagegen tun, du hörst etwas, du siehst oder liest etwas und - pling - springt sofort das Kopfkino an.
Die letzten drei Posts entstammen meinen Aufzeichnungen, die ich zeitweise in echt geführt und in einem anderen Zusammenhang wiederum woanders aufgeschrieben hatte.
Meine ureigenste Büchse der Pandora hatte sich mit dem Lesen jenes Blogposts geöffnet und ich mit dem Verschließen einen Ticken zu langsam reagiert.
Ich war, offen gestanden, dieses Mal etwas überrascht, was das mit mir machte. Wenn ich meinen Traum aus 2005 lese, überkommt mich die Beklemmung von einst - und doch ist es anders.
Es ist, als würde ich mich mehr und mehr von dieser Zeit lösen, auch von der Zeit davor. So dass ich mich beinah fragen müsste, ob ich das wirklich erlebt hätte oder doch jemand anderes? Jemand anderes, dem ich zusah, zuhörte. Als würden die eigenen Erlebnisse überhaupt nicht mehr zu mir gehören - aber als hätte ich dennoch all das, was mir an Erfahrungen und Erkenntnissen beigebracht worden war, daraus mitgenommen.
Was ich sagen will: Es tut mir heut nicht mehr weh. Ich kann davon erzählen, ohne dass mir übel wird oder ich heulen muss. Manchmal zitter ich oder mir wird kalt, aber es tut mir nicht mehr weh.
Ich kann das, was aus der Box gekrochen kommt, in die Hand nehmen, betrachten und auch wieder zurücklegen. Und ich glaube, erst jetzt wird mir so richtig bewusst, was jene Therapeutin damals vor 7 Jahren gemeint hatte: "Sie müssen sich eine Holzkiste vorstellen, groß oder klein, wie Sie es brauchen. Da hinein legen Sie all Ihr Erlebtes, all das, was weh tut und Sie verletzt hat. Dann verschließen Sie diese Kiste und hängen ein Schloss dran. Oder auch mehrere. Und immer, wenn Sie merken, dass da was aus der Holzkiste kommen will, dann legen Sie es wieder zurück und schließen sie sorgfältig ab." Und sie hatte gesagt: "Für manches ist es einfach noch zu früh. Das müssen Sie erst bearbeiten, bevor Sie es in die Kiste legen können."
Damals hätte ich gerne gewusst, wie das so funktioniert mit dem in die Hand nehmen, mit dem Betrachten und vor allem mit dem wieder zurücklegen. Sie sagte: "Dafür ist die Zeit hier zu kurz."

Wenn ich heute manchmal aus meinem Leben erzähle, dann höre ich öfter "Wie hast du das geschafft?" und dann muss ich gestehen: "Ich weiß es gar nicht so genau. Ich hab einfach immer weitergemacht, weil aufhören keine Option war und zurückgehen erst recht nicht. Niemals nicht."
Und wenn ich ehrlich sein soll: Heute nach all dem K(r)ampf verstehe ich  Menschen, wenn sie lieber in ihrer Beziehung bleiben, auch wenn sie sie nicht mehr glücklich macht.
Andererseits aber... Ich könnte gut auf all die scheiß Erfahrungen verzichten, frage mich aber auch: Habe ich am Ende nicht gerade dadurch gelernt?
Mein Vater hat damals im Zuge der Trennung von meinem Ex zu mir gesagt: "Komm mir jetzt bloß nicht mit Ich muss mich finden und so n Scheiß!" und ich dachte damals "Was will er von mir?"
Wenn man sich das aber mal bei Tag besieht... Ich hatte das nicht vor, ich wollte einfach nur ein anderes Leben. Ein richtiges. Ein einfach.. richtiges. Vielleicht hatte ich das auch nicht wirklich vor, weil ich oftmals gar nicht über den nächsten Schritt nachdachte. Ich hab einfach gemacht. Obs nun gut war oder einfach nur ein gottverdammter Fehlschritt. Und ich muss auch zugeben: Das Lernen aus Erfahrungen... Ich kann das, doch wirklich, ich kann das. Es ist nur... Es dauert bei mir alles ein wenig länger. (Wenn man meinem Sohn das vorwirft, er hats von mir. Ganz klar.) Stand sicherlich auch nicht umsonst irgendwann mal in einem meiner Zeugnisse, dass es mir schwerfällt, Gelerntes auch anzuwenden. Zwar bezog sich das damals eher auf die Mathematik, aber auch mein Leben hats mir gezeigt: Drei mal ordentlich gegen dieselbe Wand rennen, dann begreife endlich auch ich, dass es da nicht durchgeht.. Ja okay, dann geht es halt woanders lang.

"I know a place
  I know a place 
  we can run"

Und als ich jenen fremden Post las, anschließend meine eigenen alten Aufzeichnungen in die Hand nahm und diese Erinnerungen betrachtete mit allem, was damit verknüpft war, da dachte ich: "Gucks dir an und legs mal schön wieder zurück." Heute Abend, jetzt hier beim Schreiben, fällt mir auf, wie leicht mir das Zurücklegen inzwischen fällt.
Ich bin, ohne dass ich es je vorgehabt hätte, viel näher an mich selbst herangekommen - und noch einen Schritt weitergekommen, ohne dass ich es aber auch in den letzten Monaten oder vielleicht Jahren bewusst registriert hätte. Und bei all dem, das mich aktuell quält und belastet, ist das etwas ausgesprochen Positives, das mir Mut macht. Ganz so.. erfahrungsresistent bin ich dann vielleicht doch nicht.

Kommentare:

amorsolalex hat gesagt…

Ganz viel von deinem Gefühl kann ich nachfühlen und als ich vor ein paar Tagen sagte, diese eine Geschichte käme mir vor wie ein Traum und kaum noch wie meine ureigene Realität, so ist es genau das was auch du beschreibst, als hätte sie jemand anderer erlebt. Und Helma, wenn man es genau betrachtet, so hat sie auch jemand anderer erlebt. Wir waren zu jenen Zeiten noch andere. Die persönliche Entwicklung seither ist enorm! Ich kann mir das Geschehene jetzt betrachten, ohne dass sich sofort das Herz verkrampfen will, ich habe rationale Gedanken dazu, ohne dass diese von Schmerz überlagert würden. Ich habe es, und auch du hast es, zu einem großen Teil be- und verarbeitet. Wir haben, nicht nur zeitlichen Abstand gewonnen. Das ist gut. :)

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Genau das ging mir dieser Tage auch durch den Kopf: Habe ich nur Abstand gewonnen? Nein, ich denke auch, ich habe nicht "nur" das. Auch wenn der Zeitfaktor mit Sicherheit eine große Rolle spielt. Ebenso wichtig halte ich auch, was man selber im Nachhinein mit seiner eigenen "Pandora-Box" gemacht hat. Einfach nur zugedeckelt und drauf sitzenbleiben, damit sie ja nicht wieder aufgeht, oder eben.. damit arbeiten.
Heute bin ich froh drum, dass ich mir damals weniger Gedanken gemacht und "einfach" (was ist schon einfach) losgegangen bin. Sonst hätte ich es vielleicht nicht gewagt. Und es muss auch nicht auf jedes Lebenskonzept passen. Für mich war es unterm Strich trotzdem das Richtige. Auch wenn ich heute einige entscheidende Dinge anders lösen würde.

Nelly aus Sachsen hat gesagt…

ja, verarbeiten und verdrängen...meist in Teilen verarbeitet, den Rest verdrängt. Aber ich halte ein gewisses Maß an Verdrängung für gesund. Sonst explodiert das Hirn