Donnerstag, 9. März 2017

Es recht zu machen jedermann



...ist eine Kunst, die niemand kann.
Ich habs auch nie versucht, glaube ich, jedenfalls nicht bewusst. Früher vielleicht. Als ich noch anders war und glaubte, ich könnte nur dann geliebt werden, wenn ich ausreichend dafür getan hätte.
Früher wollte ich vor allem glücklich machen, heute will ich selber aber auch glücklich sein.
Damit erhebe ich nicht irgendwelche Ansprüche an das Leben, das Umfeld und die Menschen, die ich liebe. Vor allem tu ich selber etwas dafür. Es ist nur... irgendwie... ich weiß nicht, wie ich es nennen soll... Es ist irgendwie sonderbar, dass Menschen in meinem Umfeld nicht sehen, was sie bekommen, sie dafür aber sehr wohl sehen, was sie nicht haben.

So kommt es, dass man sich an whatsapp-Nachrichten hochzieht, die nur zum Teil von mir beantwortet worden waren. Und trete ich nach einer schlaflosen Nacht in der Firma durch die Tür, werde ich zum persönlichen Gespräch gebeten, in dem mir serviert wird, dass ich wie alle anderen nur an mich denke, nur auf meinen eigenen Vorteil bedacht bin, dass ich verantwortungslos sei und jeden in der Firma mit meiner miesen Stimmung herunterziehen würde. Dass ich ja mit niemandem mehr sprechen würde - und dass ich bitte rechtzeitig bekannt geben möge, wenn ich vorhätte, die Kündigung einzureichen - damit man zeitig genug wisse, worauf man sich einstellen müsse.
Nun ja. Miese Stimmung also. Wenn eines richtig ist, dann das, dass ich derzeit nicht ausgelassen und fröhlich durch die Räume springe. Ich glaube auch nicht, dass ich das muss. Nicht nur nicht, weil es nicht in meinem Arbeitsvertrag verankert ist. Sondern auch, weil mir mein reales Leben gerade ganz gehörig um die Ohren fliegt, der Schmerzschub einfach kein Ende nehmen will, der eine Sohn die Kündigung erhalten hat und der andere an einer Prüfung scheiterte, die er nun in vierzehn Tagen wiederholen muss, der Vater mit Blaulicht in die Klinik gebracht wurde und die Mama am Telefon mit den Tränen kämpft, während mir diese sofort aus den Augen springen.

"Du hast ganz schön abgenommen, stimmts?" fragt heute eine Kollegin. "Und du denkst, du kannst weite Klamotten anziehen und das damit verbergen."

Ich weiß nicht, ob ich die paar Kilos weniger verbergen wollte. Aber wenn ich eines nicht zeigen möchte, dann das, wie es mir tatsächlich gerade geht oder wie ich mich fühle. Ich wüsste auch nicht, wozu das gut sein sollte. Nicht nur, weil mich sowieso niemand danach fragt und sich auch niemand dafür interessiert.
Mir ist das Home Office-Modell angeboten worden, als ich im Januar 2014 meinem Chef sagte, dass ich die Kündigung zum 1. September einreichen würde - und ihm ganz weit über meine Kündigungsfrist hinaus damit Gelegenheit gab, Ersatz für mich zu finden. Den er nicht wollte - und mir daraufhin eben dieses Modell anbot. Mit zweimal zwei Tagen Anwesenheit je Monat vor Ort. Dass mir das mittlerweile regelmäßig vorgehalten würde, habe ich nie erwartet.
"Ich habe dir den Weg nach M geebnet."
"Moment. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich die Kündigung einreichen wollen, da war an Home Office überhaupt nicht zu denken. Ich wäre also in jedem Fall gegangen, so oder so."
"Es richtet sich auch immer nach dir, wann du herkommst, zum Beispiel wegen dem Geburtstag deines Sohnes."
Er hat einmal im Jahr Geburtstag, ich wusste nicht, dass das ein Problem ist. Okay, ich habe zwei Söhne - also zweimal im Jahr äußere ich diese Bitte. Habe ich aber im Gegenzug je beklagt, wie oft ich an Wochenenden und auch Feiertagen unterwegs war, nur weil es nicht anders in den Kalender des Chefs passte?
"Du ziehst jeden runter mit deiner schlechten Laune."
Wie gesagt. Ich springe derzeit nicht fröhlich durch die Räume, aber niemandem gegenüber vergreife ich mich in Ton oder Wort, bin da, höre zu, versuche zu lösen, zu regeln, lächle, bin höflich, freundlich - ich rede nur nicht über meine Sorgen und Probleme und nach herzhaftem Lachen ist mir gerade nicht wirklich. Wenn das schlechte Laune ist, dann möchte ich mal wissen, was echte schlechte Laune ist. Wobei - nein, das weiß ich doch, ich bekomm es ja oft genug zu spüren. Beruflich wie privat.

Manchmal denke ich, ich zerreiße mich ständig zwischen den Welten in L und M und meiner Liebe und Verantwortung für die Söhne - und finde dabei interessant, dass sich mein Umfeld beklagt, nicht ich mich.
Über mein Auftreten in der Firma.
Über zum Beispiel die nur halb beantwortete whatsapp-Nachricht.
Ich undankbare, egoistische, schlecht gelaunte Zumutung. Ich sollte wirklich dankbar sein, wenn man es mit so jemandem wie mir länger als drei Tage aushalten will.
Ihr könnt mich alle mal, aber sowas von.

Darauf trinke ich gleich auch einen. Aber erst rufe ich meinen Vater an, um zu hören, wie es ihm geht.

P. S. Ja ich weiß, mein Blog las sich mal wesentlich entspannter und fröhlicher. Kann ich jetzt aber auch nix für. Man muss ihn ja nicht lesen.


Kommentare:

Anna hat gesagt…

Pass auf dich auf, Frau Z. Und alles Gute für euch. Für dich u. die Jungs u. natürlich besonders für deinen Vater.

(Sorry, Kommentar ist eigentlich unangemessen kurz für so einen pers. Post, aber ich bin gerade wortkarg.)

Anonym hat gesagt…

Ich glaube, ich kann Dich verstehen. Wir sind bei keinen Diensten und haben unseren Anrufbeantworter abgestellt, Kommunikation mit mir gibt es direkt oder mit Telefon. Die Zeit mit irgendwelchen blöden Mitteilungen oder Selfies und Essensfotos zu verbringen ist mir zu wenig. So brauche ich nur sagen, dass ich nicht ereichbar bin.
Dein Chef schätzt Deine Arbeit, und vielleicht sind die Kollegen eifersüchtig. Die private Abgrenzung bietet ihnen keinen Anlass inhaltlich über Dich zu reden, aber du kannst wie jede entscheiden, was Du von Dir sagen möchtest.
Ich wünsche Dir Kraft für diese schwere Phase, und Zeit den Sonnenschein der nächsten Tage etwas zu geniessen. Manchmal ist Leben ein "trotz- alledem".

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Anna, nicht immer kommt es auf die Länge an ;) Danke für Deine Worte. Ich bin grad unendlich müde.

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe/r Anonym, diese Vorwürfe kamen alle vom Chef. Ich höre das seit 1 1/2 Jahren, aber im Moment machts mich einfach nur noch kaputt.
Gibt es Sonnenschein die Tage? Echt? Ich hatte noch gar keine Nachrichten bzw Wettermeldungen gehört, aber wenn, wär das echt schön.
Ich danke auch Dir sehr für Deine Worte.

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

P.S. Der Papa hat gesagt, ihm gehts beschissen. Er liegt nun verkabelt in der Klinik und bringt nun einen Untersuchungsmarathon hinter sich. Er hat einen 5fachen Bypass, da wollen sie jetzt alles ganz genau checken.

Goldi hat gesagt…

Dem Papa sind die Daumen gedrückt. Dem Chef würde ich gerne was anderes, woanders hin drücken - der ARSCH der Blöde - upps ;)

Den Söhnen wird es gelingen, wenn auch mal wieder nicht auf dem geraden Weg, aber hei was erwartest Du denn, sie können nicht die guten Charaktereigenschaften von Dir haben, das super Sozialverhalten und die Liebe, die Du ihnen gibst ohne ein paar Einschränkungen und die sind eben : es braucht Umwege.

Dich umärmel ich feste, Du schaffst das, auch wenn Du gerade am Stock gehst oder doch schon nur noch krabbelst. Tritt dem Chef in den A... indem Du Dir was neues suchst, und dann fristgerecht, keinen Tag zu früh kündigst. Und sicher hast Du dann auch noch Urlaub...

Pass auf Dich auf und ja am Wochenende scheint die Sonne, Sonntag werden es 17 C bei Euch da unten, also erwarte ich von Dir *höhöhö* das Du mindestens in die Sonne gehst und irgendwo eine Latte trinkst und vielleicht das erste Eis lutschst, während ich am Zwischenmeer spazieren gehe ;)

Herr MiM hat gesagt…

Ich sage immer gerne, ich bin nicht auf der Welt um einen Beliebtheitswettbewerb zu gewinnen.

amorsolalex hat gesagt…

Wenn man dir nur einen Teil deiner Last nehmen könnte... :( Aber die musst du leider zu einem großen, großen Teil selbst tragen, den körperlichen Schmerz, den seelischen, die Ungewissheiten und die ungerechten und ungerechtfertigten Forderungen und Erwartungen deines Arbeitsumfeldes. Ich hoffe, du findest zumindest seelische Unterstützung bei Herrn Blau und Freundinnen. Schlimm, dass nun auch noch deine Eltern gerade so gebeutelt werden, dir nicht helfen können und du dich zusätzlich sorgst. Ich hoffe, deinem Papa geht es bald wieder deutlich besser!

Bei deinen Schilderungen zu deiner Arbeitssituation bleibt mir die Luft weg. Das ist so...so... man möchte schreien (und weinen)! Konntest du einiges davon deinem Chef so sagen, wie es hier steht? Aber ach... wahrscheinlich würde er es gar nicht begreifen (wollen). Man soll funktionieren, und zwar bitteschön so wie alle anderen es gewöhnt sind und für gut befinden.

Ich drück dich und hoffe, du kannst dich bald losmachen von all dem. Und für deine Jungs wünsche ich ganz bald festen Boden unter den halberwachsenen Füßen. Die packen das!

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Ja Goldi, aufgeben war noch nie eine Option. Mir ist aber auch bewusst geworden, dass man nicht alles immer nur aus eigener Kraft erreichen kann. Manchmal braucht es einfach Glück oder die Unterstützung des Umfeldes. Ich glaube, das ist alles ziemlich normal. Dass mir genau das aber immer wieder vorgehalten wird, erinnert mich einmal mehr daran, warum ich niemanden um Hilfe bitten mag.

Eben, Herr MiM, ich sehe das ganz genauso.

Ja Amorsolalex, genauso habe ich ihm das alles auch gesagt. Was bekam ich als Antwort?
"Du siehst das alles falsch."

Nelly aus Sachsen hat gesagt…

Kaum einer versteht chronische Schmerzen. Ich wünsche Dir viel Kraft und niemand, wirklich niemand, darf Deine Gefühle als falsch oder unangebracht ansehen

Moya hat gesagt…

Oh je, so viele Baustellen :(

Ich wuensche vor allem mal Deinem Vater alles Gute und Dir ein baldiges Ende des Schmerzschubes.

Und fuer die Arbeit ein dickes Fell.

Anonym hat gesagt…

Oh liebe Helma,

Lass Dich drücken. Leider ist Sexismus in der Arbeitswelt immer noch alive and kicking, weil nichts anderes ist dieser Schmarrn von Deinem Chef. Wârst Du ein Mann, käme keine Rüge, sondern Lob, wie toll Du das Alles meisterst und die miese Laune wäre nur ein lapidares "ist halt der Stress" wert.

Somit von mir an Dich: Du machst Alles richtig, Du bist stärker als Du denkst und denk Dir einfach: Hätte ich von einem A*schloch hören wollen, hätte ich gepupst lieber Chef!

Und wenn Du wieder in L. bist, meld Dich wenn Du magst. Kaffee und ich sind bereit. :)

Lg Luna

Herr B. hat gesagt…

Ich bin immer bemüht, mein Privatleben komplett aus dem Arbeitsleben heraus zu halten. Schon deshalb, weil ich keine Lust habe, irgendwelche persönlichen Fragen zu beantworten, wenn man der Meinung ist, es gehe mir gerade nicht so gut. Ich kann auch ganz gut schauspielern, aber es gibt halt Situationen im Leben, da gelingt das nicht mehr. Solche Momente wie bei Dir gehören sicherlich dazu. Genau dann wären mir aber dämliche Kommentare, egal ob im Büro oder sonstwo, auch zuwider und ich würde ähnlich reagieren. Sollen sie sich um den eigenen Mist kümmern ...

Alles Gute und viel Kraft!

Clara Himmelhoch hat gesagt…

Liebe Helma, wenn es helfen würde, dich einfach in den Arm zu nehmen und dich zu wiegen, ich täte es glattweg machen. Nur ein Wiegenlied dürfte ich nicht singen, weil du sonst gleich Reißaus nehmen würdest.
Deinem Vater wünsche ich von Herzen alles Gute. Leider ist es so, dass das Alter mehr Probleme als schöne Dinge bereit hält, ich kann gerade auch ein Lied davon singen.
Ich weiß nicht, wie ich dem Chef gegenüber auftreten würde - dazu kenne ich die genauen Umstände zu wenig. Und du musst wissen, ob du diesen Job brauchst, das schränkt deine Möglichkeit natürlich sehr ein. Wenn nicht, würde ich ihn gewaltig anblaffen oder ihm die Kündigung auf den Tisch packen. Doch da gibt es danach ja Schwierigkeiten mit dem Arbeitslosengeld. - Deutschland ist in den letzten Jahren auch nicht menschenfreundlicher geworden.
PASS AUF DICH AUF!!! Das sagt
Clara

JULiANE hat gesagt…

Arm!

Nila hat gesagt…

Von mir auch die besten Genesungswünsche an deinen Papa. Sowie alles Gute an deine beiden Söhne und auch an die Mama.
Manchmal kommt es leider Dicke. Und alles auf einmal.
Liebe Helma
Schau auf dich! Das ist das Wichtigste.
Karma -> ich sage nur Karma. Irgendwann wird es HOFFENTLICH deinen Chef samt Mannschaft treffen.
Alles LIEBE auch von mir
Nila

ganga hat gesagt…

Liebe Helma,
ja, wenn man stimmungsmäßig und kraftmäßig gut drauf ist, steht man solchen Anwürfen einfach viel stabiler und gelassener gegenüber. Es ist nur ein Symptom für die Stimmung innerhalb der Firma. Und dass dein Chef eine schwierige Person ist mit heftigen Stimmungsschwankungen ist auch klar und dass er sich gerne an anderen abreagiert. Alles eine Symptomverschiebung. Der Typ ist einfach ein Stinkstiefel.
Wenn so Kolleginnen neidisch sind könntest du auch mal meinen, "Dann mach es halt, was hindert dich daran". Da kommt dann garantiert nichts mehr.
Ich wünsche dir viel Kraft zum Durchhalten!!
Liebe Grüße
Ganga