Dienstag, 15. November 2016

Allein mir fehlt der Glaube

Manchmal denk ich, ich lese zuviel oder höre zuviel - und pflege dann insgeheim Ängste, anstatt mich unbeschwert(er) dem Jetzt und Hier zu widmen.
Irgendwelche Thriller, Krimis, aber auch Berichte über Totgeglaubte, die dann doch noch rechtzeitig der Pathologie erwachten, sind zum Beispiel schuld daran, dass ich schon seit Jahren damit hadere, ob ich zum Beispiel irgendwann mal begraben werden möchte. (Doch, ich finde schon, dass man sich auch über sowas Gedanken machen sollte - man weiß ja nie!)
Scherzhaft erwähne ich im Zusammenhang mit diesem Thema dabei immer dasselbe: "Legt mir eine Kanne Kaffee, eine Taschenlampe und eine Schaufel mit in den Kasten, damit ich mich, falls ich doch noch nicht tot bin, notfalls freischaufeln kann."

Als ich vor nunmehr über zwei Jahren nach M zog und mich auf dem Bürgeramt ummeldete, habe ich zwei Blanko Ausweise für die Organspende in mein Portemonnaie gelegt. Und seit eben dieser Zeit ruhen sie unberührt in der Schublade meines Schreibtisches und manchmal, wenn ich diese Lade öffne und diese Kärtchen sehe, dann komme ich wieder ins Grübeln...
Ich denk schon, dass sich jeder Mensch bewusst ist, dass auch er eines Tages in die Notsituation kommen kann, in der das eigene Überleben davon abhängt, ob jemand einverstanden war, nach seinem Tod etwas von sich abzugeben oder nicht. Das will man sich auch nicht vorstellen, aber das Leben fragt ja nicht danach.
Ich denk aber auch, dass nahezu jeder Mensch die Auffassung vertritt: "Das wird mich schon nicht treffen."
Da gab es doch mal diesen Film "Fleisch". Damals war ich noch klein und der Überzeugung: "Sowas gibt es nur im Film!" Damals war meine Welt noch in Ordnung, weil ich an Märchen glaubte, an Prinzen und Prinzessinnen und daran, dass das Gute immer über das Böse siegen würde. Damals hatte ich noch gar keine Ahnung vom Leben, von der Welt, von Gier nach Macht, Besitz und Geld - und wie sehr diese Gier das Leben der Menschen dominiert. Ich hatte so gar keine Ahnung davon, wozu Menschen bereit und in der Lage sind, sobald es um Macht und Geld geht.
Und ich gestehe: Ich kann bis heute den Spendenausweis nicht ausfüllen, weil noch die Befürchtung überwiegt, dass man nicht wirklich alles für mich tut - im Fall eines Falles. Dass ich als "Ersatzteillager" angesehen werde, weil anderswo jemand richtig viel Geld dafür bezahlt, dass er Wartelisten ignorieren und bevorzugt mit einem dringend benötigten Organ versorgt wird, das vielleicht mich das Leben kostet.

Heute las ich hier, dass der Bundestag bereits das Gesetz verabschiedete, dass an Patienten, die nicht (mehr) in der Lage sind, eigene Entscheidungen treffen zu können, Medikamentenversuche unternommen werden dürfen.
Ich war nicht nur überrascht darüber, dass bereits beschlossen wurde, was vor kurzem eher als Randnotiz in Funk & Fernsehen zu vernehmen war. Ich war vor allem schockiert.
Was sich so kühl "Gesetzesänderung zur klinischen Forschung" liest, empfinde ich als Mensch als einen unfassbaren Eingriff in die Persönlichkeit, in das Leben des Betroffenen.
Nur weil ich selbst dazu nicht mehr in der Lage bin, Nein zu sagen, darf man mir Pillen verabreichen, die in der Zukunft möglicherweise anderen Patienten helfen - vermutlich viel eher aber dazu angelegt sind, der Pharmaindustrie weitere Einnahmequellen zu ermöglichen? Die Risiken und Nebenwirkungen billigend in Kauf nehmen, weil aus Sicht des Denkers und Akteurs ohnehin keine oder kaum Lebensqualität vorhanden ist? Ist doch nicht so schlimm, wenn der Patient im schlimmsten Fall daran kaputtgeht? Weil, tut er ja früher oder später sowieso?
Und ich lese, dass dieses Austesten längst schon so praktiziert wird, mit oder ohne Gesetzesänderung.

Wenn ich ehrlich sein soll: Ich bin hin und her gerissen. Einerseits wünsch ich mir Entwicklung. Wie viel Gutes hat der Mensch erschaffen - und wie viel leichter ist das Leben von damals zu heute damit geworden?
Allein dadurch, dass der Mensch neugierig war, dass er wissen wollte, dass er etwas ändern wollte.
Entwicklung geht nicht ohne Ausprobieren. Ausprobieren geht nicht ohne Finanzieren.
Das ist selbst mir, der man eine gewisse Pippi-Langstrumpf-Mentalität ("Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt.") nachsagt, bewusst.
Jedoch... Licht und Schatten. Nutzen und Missbrauch.
Der Mensch ist so gierig geworden und hat längst alle Schranken der Ethik heruntergerissen.
Wenn er etwas entwickelt, dann fragt er nicht, was er damit bewirken, sondern wie viel er damit verdienen kann.

Leider habe ich die Quelle zu
dieser wundervollen Grafik nicht :(
Empfinde ich es zu negativ? Sehe ich es zu schwarz?
Gedankenverloren drehe ich den Spendenausweis zwischen meinen Fingern.
Wäre ich nicht unendlich dankbar, wenn ich im Fall eines Falles überleben kann?
Würde ich mich fragen, ob der Mensch tatsächlich keine Chance auf Leben mehr hatte - oder bin ich einfach nur froh, dass ich überleben durfte?
Ich denke an den Großvater, wie oft er zuletzt verzweifelt war, weil er ob der Demenz zwar wusste, was er sagen wollte, aber nicht mehr wusste, wie er es sagen konnte. Der zuletzt auf sein Essen starrte und nicht mehr wusste, was er damit anfangen sollte. Der vergaß, ob er gegessen und getrunken hatte. Der sich auf Fotos notierte, wer die Menschen darauf waren und die eigenen Kinder nicht mehr erkannte.
Ob er dankbar gewesen wäre für ein Medikament, das diesen Prozess aufhalten oder zumindest die Auswirkungen spürbar mildern würde? Ob er dankbar dafür gewesen wäre, dass die Forschung sich dieser Erkrankung annimmt? Ob er sich darauf eingelassen hätte, so ein Medikament auszuprobieren, weil es schlimmer sowieso nicht mehr hätte kommen können?
Warum hüten und beschützen wir das Leben und die Gesundheit unserer Kinder, die noch keine eigene Sprache besitzen - und warum setzen wir uns über das Leben und die Gesundheit unserer alten Menschen hinweg, die keine eigene Sprache mehr besitzen? Warum ist ein Leben "mehr wert", geschützt zu werden als das andere? Was für einen Aufschrei gäbe es, würde man an Kindern Medikamente testen? Warum gibt es keinen Aufschrei, wenn wir unsere alten Menschen benutzen, die sich nicht mehr wehren können? Warum nicht die Patienten fragen, die darüber noch selbst bestimmen können? Über Ja oder Nein - über sich selbst? Warum aus einem Demenzerkrankten eine "Lebendware" machen?

Ich weiß, ich würde mich gerne auf das Licht einlassen und den Schatten ausblenden.
Ich weiß, ich würde mich gerne für die Entwicklung entscheiden und mögliche Gewinnspannen ausblenden.
Aber ich weiß auch, dass mir das Vertrauen fehlt, dass es tatsächlich um den Menschen geht.
Ich bin entsetzt darüber, wie schnell tatsächlich Gesetze verabschiedet werden können, sobald es um Gewinn geht.
Ich bin trotz allem immer wieder schockiert darüber, wie weit sich die Politik inzwischen von Ethik und Moral und Mensch verabschiedet hat.
Und dann wundern sie sich, dass Amerika Trump und Deutschland einen verhältnismäßig hohen Anteil AfD gewählt hat? Ich persönlich bin ja der Überzeugung: Die Menschen wollen weder Trump noch die AfD. Was sie aber wollen, ist eine Veränderung. Eine Veränderung, die sich FÜR den Menschen interessiert und für ihn agiert. Und ihn nicht auf eine tumbe Masse reduziert, die keines eigenen klaren Gedankens fähig ist.

Die Pippi Langstrumpf in mir möchte einfach immer noch glauben, dass alles gut wird.
Die Pippi Langstrumpf in mir verhindert, Politblogs zu lesen, die ausgesprochen gut sind - aber mit dem ausschließlichen Finger in der einzigen Wunde verhindern, noch an das Gute glauben zu können.
Die Pippi Langstrumpf lasse ich oft und gern auf ihre Blümchenwiese zurückziehen, weil ich nicht möchte, dass die Realität alles zerstört, das mich an die Liebe glauben lässt und mir Hoffnung macht.

Macht brauchst du nur,
wenn du etwas Böses vorhast.
Für alles andere reicht Liebe,
um es zu erledigen.

Charlie Chaplin

Kommentare:

gretel hat gesagt…

Also ich möchte gerne verbrannt werden und dann ab ins Meer, da gehöre ich hin und meine Kinder müssen sich nicht mit Gräbern rumschlagen.
Eine Alternative ist vielleicht, den Organspendeausweis bei einem Liebsten zu hinterlegen. Die Ärzte fragen ja meist bei den engsten Angehörigen nach, ob man spenden möchte oder nicht. Diese Nachfrage kommt dann doch erst, wenn nicht mehr zu helfen ist. Beim Ausweis in der Tasche wird das evtl. schon im Krankenwagen diskutiert - hätte ich vielleicht auch bedenken.
Das neue Gesetz unterstütze ich persönlich absolut. Soweit ich weiß, müssen Patienten schon mit klarem Kopf zugestimmt haben. Vielleicht ist es zynisch, aber das Leben ist zynisch. Es hilft, dass diese Krankheit mal überwunden werden kann, bei den Betroffenen ist es leider zu spät. Bei mir dürfen sie alles machen!
Liebe Grüße

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Das mit dem Meer möchte mein Vater auch - und ich überlege seither öfter, ob das nicht auch was für mich wäre ;)
Ja wir haben zumindest erst mal eine Patientenverfügung und eine Vollmacht für den jeweils anderen ausgestellt. Die Ärzte werden immer fragen, ganz egal, ob ein Ausweis vorliegt oder nicht. Unabhängig davon glaube ich aber auch, dass sie durchaus schon Organe entnommen haben, ohne zu fragen. Wer kann oder wollte sowas auch kontrollieren? Doch ja: Mit so einem Ausweis in der Tasche hätte ich eben die Befürchtung, mich damit zu schnell verkauft zu haben..

Soweit ich es gelesen habe, muss der Patient vorher eben nicht zugestimmt haben. Das ist es ja, was mich so schockiert. Tatsächlich soll die Zusage des Bevollmächtigten ausreichen - und dies ist ja nicht immer der Partner oder das Kind, sondern ein amtlich bestellter Vormund, dem Du als Mensch im schlimmsten Falle auch egal bist.

Manchmal frage ich mich schon, was das Leben mit all dem Schatten darin mit mir gemacht hat - und ich kann nicht sagen, dass mir diese Entwicklung an mir gefällt :(

gretel hat gesagt…

Das letzte, was ich dazu gelesen hatte, war das hier:
http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/demenzkranke-duerfen-medikamente-an-ihnen-getestet-werden-a-1120068.html
Ich verstehe das so, dass eine schriftliche Zustimmung des Patienten vorliegen muss und zwar, wenn er noch geistig fähig ist.
Unter diesen Voraussetzungen hätte ich kein Problem. Missbrauch gibt es immer und überall, deshalb stelle ich nicht alles infrage.
Sollte aber echt gar keine Zustimmung nötig sein, wäre ich auch dagegen.
Meine Entwicklung geht wohl gerade in die andere Richtung, ich nehme alles lockerer.
Aber Tod und Krankheit sind für mich eigentlich so Tabu-Themen, mit denen ich mich nicht gerne beschäftigte. Also genauer gesagt das Sterben - wie und unter welchen Umständen. Der Tod macht mir keine Angst - dann ist es ja vorbei. Mit extrem negativen Dingen setze ich mich meist nur auseinander, wenn sie eingetroffen und unvermeidbar sind.
Lieben Gruß

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Gretel, prinzipiell gebe ich Dir recht.
Es gibt aber eben auch Themen, mit denen wir uns tatsächlich schon jetzt befassen müssen, weil wir einfach nicht wissen können, wann bei jedem der Tag X eintreten wird, so oder so.
Natürlich wünscht sich ein jeder, er möge einen friedvollen Lebensabend erleben und irgendwann genauso friedlich gehen dürfen. Das Leben aber zeigt ja eben, dass sich das bei weitem nicht für alle erfüllt. Und dann muss man nicht nur für die, die zurückbleiben, die Dinge geregelt haben, dann muss man auch wissen: Was will ich für die Eventualität, wenn ich noch nicht gehen, aber auch nicht mehr wirklich leben kann?

Der andere Punkt ist der, dass ich über diese Thematik gestolpert bin und mich eher fassungslos macht, dass hier im allgemeinen an jedem Patienten erprobt werden darf. Ob er will oder nicht?
In dem von Dir zitierten Link sind für mein persönliches Empfinden die ethischen Werte zu sehr im Konjunktiv bzw. zu schwammig verfasst. Bisher braucht man die Zustimmung zu Zeiten, als der Betroffene dazu in der Lage war. Künftig MÜSSTE man eine Zustimmung haben, als er noch in der Lage dazu war. MÜSSTE der Betreuer zustimmen. Eine fremde Person vielleicht, die möglicherweise zu einem selbst kaum oder gar keinen Bezug hat? Natürlich ist das ein worst case Szenario - aber wie viel Realität steckt schon jetzt darin?
Der Gesetzestext an sich - ich habe ihn noch nicht gefunden, wie es denn nun tatsächlich abgefasst ist - aber bei aller Forschung und Weiterentwicklung: Der Mensch darf nicht zur Selbstbedienungsware werden. Und diese Befürchtung hab ich aber. Ohne gleich alles in Frage zu stellen, denn grundlegend bliebe ich dabei: Entweder jemand stimmt zu Lebzeiten und bei "klarem" Verstand der Organspende bzw. dem Medikamentenversuch zu - oder er bleibt zeitlebens davon unberührt. Ich persönlich finde schon, dass wir über unseren Körper immer noch selbst bestimmen sollten - schließlich leben auch nur wir in und mit diesem Körper. Und nur wir müssten dann mit Nebenwirkungen zurechtkommen, die uns ein Dritter aufgedrängt hat, ob wir das wollten oder nicht.