Montag, 22. Januar 2018

Der Fischer und seine Frau


Als ich vor exakt 15 Jahren (gerade erschrecke ich selber, wie viel Zeit tatsächlich vergangen ist - fünfzehn Jahre... Das ist eine so wahnsinnig lange Zeit und irgendwie doch.. wie gestern. Oder letzte Woche) auszog und die Ehe für beendet erklärte, begab ich mich aus dem gleichmütigen Fluss des bisherigen Lebens in den Strudel von Ereignissen, von denen mich nicht selten das Gefühl überkam, in einer kleinen Nussschale liegend auf dem offenen Meer zu treiben, mal mehr, mal weniger heftig bewegt. Heute, rückblickend, würde ich sagen: Mir passierte einfach.. das Leben. Das, was ich noch nicht kannte, als ich mit gerade neunzehn Jahren vollkommen überstürzt heiratete. Nur raus, nur weg. Das war keine Entscheidung aus Liebe, das war keine Ehe mit Liebe - das war eine Ehe mit unfassbar viel Unsicherheit auf beiden Seiten, mit ganz viel Druck und Enge - und nicht zuletzt Gewalt. Ein Ende der Ehe mit der Erkenntnis: Wen Du wirklich vor Dir hast, verstehst Du erst, wenn Du gehst.

Wenn ich heute zurückschaue, dann immer nur aus einem Grund: um zu sehen, wie weit ich gekommen bin. Bis heute. Bis hierher.
Und ich sehe keinen Stillstand.
Aus Gründen drehe und wende ich es am Tag, zerwühle nachts schlaflos die Kissen, drehe und wende die Gedanken, halte mir den Spiegel vor:
Ja, ich bin immer noch Schmerzpatientin, aber inzwischen mit einem überwiegend deutlich erträglicheren Level als zuvor. Ich laboriere nicht mehr mit ständigen, wiederkehrenden Problemen des Magen-Darm-Traktes, der Atemwege, nachts schlafe ich bedeutend erholsamer und auch in meiner Haut.. fühle ich mich im wahrsten Sinne des Wortes wohler. Beruflich habe ich mir einen Status und eine Anerkennung erarbeitet, die mir nicht immer Freude bereitete, aber dem Haushaltseinkommen gut tat. Auch jetzt, über die Entfernung hinweg immer noch - denn gehen lassen möchte der Chef mich nach wie vor nicht. "Wir brauchen dich", sagte er erst zu Beginn des neuen Jahres. Also verwerfe ich keine Pläne, ganz im Gegenteil - aber ich ändere meine Strategie.
Ich sehe immer noch keinen Stillstand.


"Alles passiert, wie es passieren muss."

Unter Druck reagiere ich fast immer anders als man es beabsichtigt.
Wenn man zuviel will, hat man am Ende.. gar nichts.

Kommentare:

Herr MiM hat gesagt…

Wenn man zuviel will, hat man am Ende gar nichts.

Mmmhh... warum sollte man sich mit weniger zufrieden geben, als man haben kann? Warum nicht ein Risiko eingehen, als nur im gefühlten Mittelmaß zu bleiben?

gretel hat gesagt…

Eindeutig typisch Mann, Herr MiM. Ich denke mal, Männer sind da immer noch schmerzfreier, mutiger, risikofreudiger.
Das ist manchmal gut und manchmal schlecht.
Ich glaube eher, das ganze Leben ist ein einziger (scheiß) Kompromiss. Und manchmal ist es furchtbar schwer, das Maß zu finden.
Gut, dass du es rauslässt. Wahrscheinlich ist das ein eher längerer Prozess bis man merkt, so will (kann) ich nicht mehr.
Liebe Grüße

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Herr MiM, weil es in meinem konkreten Fall bedeutet, mich einerseits komplett abhängig zu machen und zugleich auch auf einen wichtigen Teil meines Lebens zu verzichten, wozu ich zwar grundsätzlich bereit bin, jedoch gerne die Zeit haben möchte, die ICH brauche, um mich gut damit zu fühlen. Und auch die Freiheit, dass Pläne manchmal einer Anpassung bedürfen..
Insofern verharre ich nicht im Mittelmaß, jedoch weiß ich das bislang Erreichte zu schätzen.

Ja Gretel, genau so ist es: Das ganze Leben ist ein einziger scheiß Kompromiss.

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

P.S. Komplett abhängig meint aber nicht, dass ich bereit bin, bin finanziell komplett abhängig zu machen. Das fällt für mich aus.

Herr MiM hat gesagt…

Der Aufwand und Nutzenrechnung kann ich folgen, wenn der Preis ein Umstand ist, den man vermeiden möchte. Ja, da bin ich absolut bei Ihnen. Die Frage des Preises... das ist oftmals der Knackpunkt.

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Und genau der Knackpunkt wird es entscheiden. Bzw. die Kompromissfähigkeit für eben diesen.

Anna hat gesagt…

Eine Erkenntnis, die nicht nur für eine Ehe gilt: Wen Du wirklich vor Dir hast, verstehst Du erst, wenn Du gehst (Ergänzung: Oder wenn es schwierig wird).

waage0310 hat gesagt…

Auch wenn mit die politischen Ergüße von Campino öfters Brechreiz verursachen, seine privaten Balladen sind richtig gut, auf den Punkt, emotional stimmig..ist halt doch ein verkappter Romantiker...:-))))

Anonym hat gesagt…

Frau Gretel,Ich glaube nicht,das das Leben ein einziger Kompromiss ist.Das Leben ist nur voller Entscheidungen.

Nur welche ist die richtige???

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Ja, unser ganzes Leben ist voller Entscheidungen. Jedoch wenn es nicht nur schwarz und weiß gibt (geben darf), dann bleibt auch die Entscheidung zum Kompromiss ein Kompromiss. Weil man sich dafür entscheidet, sich auf halbem Weg entgegenzukommen, so, dass es immer noch (hoffentlich) für beide Seiten passt...
Ob man richtige Entscheidungen getroffen hat oder nicht... Man wird das wissen, eines Tages. Was mich persönlich betrifft: Ich habe noch keine einzige Entscheidung bereut, die ich aus meinem tiefsten Ich heraus getroffen habe. Bereut habe ich nur die, zu denen ich mich gedrängt fühlte, die aber nicht meiner Überzeugung entsprachen. Gerade darum achte ich heute so arg darauf, bei mir selbst bleiben zu können. Und da wären wir wieder beim Kompromiss..