Sonntag, 1. März 2026
Die Milch ist für die Kälbchen
Dienstag, 10. Februar 2026
Circle of Life
Es war im Mai 2023, als es unser erstes Enkelchen im 8. Schwangerschaftsmonat nicht lebend auf diese Welt geschafft hat. Was dem folgte, war eine Zeit voller Schmerz und Trauer. Und selbst, wenn man schon eigene Kinder hat, wird man den tiefen Schmerz der Eltern, die ihr Kind verlieren, nur im Ansatz nachempfinden können. Vermutlich wird man niemals so wirklich begreifen. Ein Schmerz, der sich intensiviert insbesondere dann, wenn in der darauffolgenden Zeit Monat für Monat ein weiterer Schwangerschaftstest negativ bleibt.
Es war im letzten Dezember auf dem Weihnachtsmarkt, als ich sie anschaute und dachte: "...Irgendwas... ist anders an ihr." Was es war, vermochte ich da noch gar nicht in Worte zu fassen oder zu beschreiben. Im Nachhinein würde ich sagen, es war... das Leuchten. Ihr Leuchten. Und nur einige Tage später folgte ein Schwangerschaftstest, diesmal mit den zwei ersehnten Streifen. Vor wenigen Tagen haben wir erfahren: Dieses Mal wird es ein Junge. Uns alle, selbst die werdende Mama, eint ein gleiches Gefühl der Zuversicht und der Hoffnung. Dieses Mal wird alles gut gehen.
Vor etwa einer Woche träumte ich von meinen Eltern. Mein Vater schaute mich ernst an und sagte: "Wenn deine Mutter stirbt, sterbe ich auch." Ich bin aufgewacht davon.
Zwei Tage später rief ich wieder meine Mama an. Im letzten Sommer war mir ihre rechte Hand aufgefallen. So etwas hatte ich bis dahin noch nie gesehen. Sie war gestürzt, sagte sie, und hatte sich mit der rechten Hand aufgestützt. Ihre Hand, die Handinnenfläche, die Finger, die Handoberfläche, der Unterarm - alles war blau. Wirklich richtig blau - ohne eine einzige freie Stelle, und sei sie noch so klein. Ich fand das sehr ungewöhnlich und irgendwie auch bedenklich. "Mir gehts gut", winkte die Mama ab. "Das heilt schon wieder."
Im November waren mir ihre blauen Flecken aufgefallen. Von denen sie nicht wirklich wusste, wie sie zu denen gekommen war. "Bitte lass das untersuchen. Im Sommer die Hand, jetzt die blauen Flecken. Das ist nicht normal."
Sie ist dann beim Arzt gewesen und nach dem ersten Bluttest umgehend in die Hämatologie überwiesen worden. Die Bluttransfusion wurde noch vor Heiligabend verabreicht, die Werte im Januar etwas unter dem Normbereich. Die Werte Ende Januar wieder unmittelbar vor dem kritischen Bereich. Was dem folgte, war keine erneute Bluttransfusion, sondern eine Chemo. Die Diagnose: MDS. Was das bedeutet, musste ich googeln. Ein Begriff, den ich mir nicht merken kann. Myelodysplatisches Syndrom. Eine Form von Blutkrebs, in ihrem Alter nicht mehr heilbar. "Ich mach mich jetzt nicht verrückt", hör ich sie noch immer sagen, "mir gehts gut soweit und ich mach mich da jetzt einfach nicht verrückt."
Ich selbst.. hab den Rest des Wochenendes nur geweint. Und trag noch immer ganz schwer an dieser Diagnose und der Prognose. Kann nicht darüber sprechen, ohne ins Stocken zu geraten, ohne mit den Tränen zu kämpfen. Liebes Universum, ich bin noch nicht soweit. Man ist niemals bereit für einen Abschied dieser Art, aber bitte..
Man sagt, alles steht und fällt mit der Mama.
Und ich glaube, darin steckt einfach immens viel Wahrheit.
Ich habe mich gefragt, ob es das jetzt sein soll, dieser berühmte Kreislauf des Lebens.
Gestern, im Ergebnis des MRTs von vor zwei Wochen, hat mir meine Ärztin mitgeteilt, dass in meinem Fuß mehrere Verletzungen stecken, mehr als ich bis vor kurzem gewusst habe. Morgen habe ich einen weiteren Termin mit einem Chirurgen, der festlegen soll, wie es weitergehen wird. Doch was immer er mir auch sagen wird: Am Sonntag werden mein Ältester und ich uns auf den Weg zur Mama machen. Wir werden eine Woche lang Zeit mit der Mama haben. Zeit, Kaffee zu trinken. Karten zu spielen. Mensch-ärger-dich-nicht zu spielen. Krimis zu schauen. Bis dahin muss ich mich sammeln und wappnen. Möglichst jetzt alle Tränen leerweinen, damit ich nachher, wenn ich bei ihr bin, keine mehr habe - und sie mit meinen eigenen Sorgen nicht belaste. Sie wird dieselben Dinge gelesen haben wie ich. Wie fühlt sie sich damit? Wie geht es ihr damit? Kann sie nachts schlafen? Empfindet sie wirklich diese Ruhe, die sie nach außen ausstrahlt?
Dieser Tage erinnerte ich mich an meine Großeltern. Zeit ihres Lebens, so lange ich mich erinnern kann, haben die beiden gezankt, waren sie wie Hund und Katze und konnten dennoch nicht ohne einander sein. Meine Großmutter starb im September 1989. Der Großvater folgte ihr im März 1990.
Ich denke an meinen Traum von vor ein paar Tagen. Und daran, dass man jeden Tag glaubt, man hätte noch so viel Zeit. Bis man eben keine mehr hat.
Sonntag, 8. Februar 2026
36
Manchmal, spätestens aber an Tagen wie diesen, bin ich erschrocken, wie irre schnell die Zeit vergeht. Kinder sind unser Indikator für unser eigenes Alter. Dann, wenn wir dem Spiegel nicht trauen mögen oder die Zahl im Pass ignorieren wollen.
Heute ist Dein 36. Geburtstag.
Sechsunddreißig.
Unglaublich. Eine Zahl, die Du selber gar nicht (mehr) hören möchtest - und die Dich auch immer weiter entfernt von einer Zeit, in der Du Dich gut und ein Stück weit auch unbeschwert gefühlt hast. Vor allem eng verbunden mit Deinem Bruder, der Dir in Eurer schwierigsten Zeit vermutlich der einzige war, der genau wusste, wie Du Dich fühlst - und mit dem Du auch vorbehaltlos alles besprechen konntest. Dich mitteilen konntest. Allen, auch Dir, war immer klar: Das wird nicht so bleiben. Eines Tages wird jeder seiner Wege gehen. Du hast nur nicht damit gerechnet, dass dieser Moment so früh eintreten würde - und haderst bis heute damit, dass Dir genau dafür Dein ganz persönlicher Abschluss fehlt. Auch wenn Du irgendwann realisiert hast, dass genau dieser Abschluss vermutlich schon vor einigen Jahren vollzogen wurde, ohne dass Euch beiden das so wirklich bewusst gewesen wäre.
Du warst vom ersten Tag an ein besonderes Kind - und das empfinde ich und meine ich in jeder Beziehung positiv. Du warst ein kleiner Goldschatz, ausgesprochen wissbegierig, neugierig, entdeckerfreudig und so beweglich im Geist, dass Du den Kindern in Deinem Alter in einigem weit voraus warst. Im Gegenzug hast Du nie viele Freunde gehabt. Du brauchtest auch nie viele Freunde. Bei Dir ging Qualität vor Quantität. Bindungen, die Du knüpfst, die knüpfst Du für immer. Wenn sie sich verlieren, hängst Du ihnen zumindest im Inneren sehr lange nach, vielem davon bis heute.
Am tiefsten ist bis heute das Band zu Deinem Bruder, und mir ist bewusst, warum. Auch weil er die einzige Konstante war in Deinem Leben, als die Familie auseinanderbrach. Er war jemand, der Dir Halt gab. Dinge, Relikte aus dieser Zeit trägst Du bis heute bei Dir. Wie zum Beispiel zwei kleine Stofftiere. Die Augen habe ich x-mal schon wieder angenäht, Risse gestopft. Man kann sie kaum noch anfassen, ohne zu befürchten, sie fielen auseinander. Aber Du hängst an ihnen, so, wie Du an der einstigen Zeit hängst, die für Dich Sicherheit und Stabilität bedeutete. Als Deine Welt noch in Ordnung war - zumindest von außen betrachtet.
So beweglich Du in Deinem Geist jedoch warst und bist, so sehr hängst Du im Leben an Struktur und Gewohnheit. Es fällt Dir nicht so leicht, Dich auf neue Situationen einzustellen. So war das schon als Kind. Du hast Dich schwer getan mit Planänderungen. Hast immer und immer wieder hinterfragt, warum wir dies und jenes doch nicht so, sondern anders machen.
Was das bedeutet, wissen wir alle. Nicht umsonst bist Du einer der vermutlich größten Fans der Figur von Sheldon Cooper. Kannst die Texte mittlerweile auswendig und soufflierst sie, bevor sie über den Bildschirm flimmern.
Aber Du bist auch in anderer Hinsicht ein ganz besonderer Mensch: Ich kenne wirklich niemanden, der so aufrichtig ist wie Du. Der so mitfühlend ist wie Du. So hilfsbereit. So respektvoll und zuvorkommend Dritten gegenüber. Auch wenn wir zu Hause diese Seite an Dir immer wieder mal vermissen ;) Zu Hause, so denke ich mir, fühlst Du Dich sicher. Zu Hause kannst Du sein, wer Du bist. Kannst zeigen, wer Du bist. Wenn Du verletzt bist, verstellst Du Dich nicht. Wenn Du scheißwütend bist, bekommt das jeder zu spüren. Zu Hause bist Du pur und unverfälscht, mein großer stachliger Igel mit dem weichen Kern im Inneren, den er nicht mehr oft zeigt. Das zeigt Selbstschutz und es zeigt mir Resignation.
Was Dir fehlt, habe ich schon vor langer Zeit verstanden. Was Dich bewegt, ebenfalls. Auch, warum Du in Situationen so reagierst, wie Du eben reagierst: ruppig. Es braucht lange und Du brauchst auch das Gefühl, dass die Zeit dafür da ist. Aber wenn, dann öffnest Du Dich. Erzählst. Lässt die Dinge raus, die Dich belasten, beschäftigen, die Dich wütend machen. Über die Du lange nicht sprichst und Dich dann in dieser Zeit festhängst in eine Gedankenspirale, aus der Du dann nicht mehr herausfindest. Oder auch nicht herauskommen magst. Gedanken, Einstellungen manifestieren sich - und dann wird es schwierig..
Meine Reaktion, meine Antworten sind für Dein Empfinden oft nicht das, was Du hättest hören wollen. Dann fühlst Du Dich missverstanden. Aber glaub mir.. Ich kann Dich wahnsinnig gut verstehen und sehr, sehr vieles auch nachempfinden. Es gibt jedoch - wie bei so vielem im Leben - immer eine zweite Seite. Es ist diese Seite der Medaille, die ich versuche, Dir dann aufzuzeigen.
Ich glaube, ein großer Fehler, den Menschen begehen können, ist, eine Erwartungshaltung gegenüber anderen aufzubauen. Man muss doch dann zwangsläufig enttäuscht werden - weil der andere entweder gar nichts davon weiß; er aber schlichtweg auch gar nicht in der Verpflichtung ist, diese Erwartung zu erfüllen. Zu befriedigen. Zufriedenheit.. mein Hase.. ruht in einem selbst. Jeder Mensch ist für sich selbst verantwortlich, zuallererst. Jeder Mensch muss für sich selbst dafür sorgen, dass sein Leben so ist, dass er sich wohl darin fühlt - und sich auch glücklich darin fühlt. Dann erst, und daran glaube ich persönlich wirklich, ist auch wirklich erst Platz darin für einen anderen Menschen.
Nicht immer erfüllen sich unsere Herzenswünsche. Nicht immer erfüllt sich das, wonach wir uns sehnen. Aber weißt Du.. In meinen dunkelsten, schmerzhaftesten und schwierigsten Zeiten habe ich mir immer gesagt: "Wer weiß schon, wofür das alles gut ist. Irgendwie wird es seinen Sinn haben." Und mein Hase - es hat sich bis zum heutigen Tag immer und immer wieder bestätigt: Es hat am Ende alles seinen Sinn. Manchmal dauert es nur einfach unfassbar lange, eh wir darauf kommen. Den Sinn erkennen. Den Sinn dafür, warum dies oder jenes sich nicht erfüllt hat. Daran glaube ich auch ganz sehr bei Dir. Ja, es mag sein, dass andere Menschen in Deinem Alter bereits eine Familie haben. Zweimal im Jahr in den Urlaub fahren. Arbeiten gehen. Kinder bekommen (haben). Du hast lange darunter gelitten, dass Dein Leben bis hierher ganz anders verlaufen ist. Aber.. Du sagst eben heute auch von Dir, dass es nicht das Leben ist, was DU führen möchtest. Was DICH glücklich machen würde. Und ich finde das genau richtig so. Jeder muss für sich selber entscheiden, wie er leben möchte. Womit er leben möchte. Womit er glücklich ist. Du weißt schon eine ganze Menge über Dich selbst - und auch über das Leben; selbst dann, wenn Du im Gegensatz zu anderen die meiste Zeit auf Deiner eigenen inneren Insel verbracht hast. Aber Du bist - nicht nur aus meiner Sicht - hoch intelligent, Du erfasst ungemein schnell Situationen, Schwingungen, Stimmungen und entwickelst in Bruchteilen ein unbeirrbares Gespür für Falsch und Richtig. In Dir steckt noch immer der Junge, der eigentlich nur geliebt werden möchte um seiner selbst Willen. Der fühlen möchte, dass er liebenswert ist. Einfach nur dafür, dass Du Du bist. Ohne Dich verbiegen zu müssen. Und zugleich steckt in Dir der junge Mann, der so enttäuscht und frustriert ist von dem, wie die etwa zehn letzten Jahre seines Lebens verlaufen sind.
Wir feiern heute Deinen Geburtstag - und ich bin Dir zutiefst dankbar dafür, dass Du Dich umentschieden hast und wir doch alle an Deinem Tag zusammen sein werden. Auch wenn ich weiß, dass Du es nicht aus Überzeugung, sondern eher nur mir zuliebe so entschieden hast. Ich bin trotzdem dankbar. Und ich möchte, dass Du wirklich weißt und auch wirklich verstehst, dass es noch nie, wirklich noch niemals einen Anlass gegeben hat, von Dir enttäuscht zu sein. Ganz im Gegenteil. Du hast uns so oft überrascht und zum Staunen gebracht. Bitte, bitte lass Dir niemals etwas anderes sagen oder einreden, egal, wie nah Dir diese Menschen stehen mögen, die so etwas ausdrücken.
Du warst ein besonderes Kind, und Du bist ein besonderer junger Mann, der seinen Weg finden wird. Das hast Du immer. Auch wenn die Dinge bei Dir immer (viel) später kamen als bei anderen. Aber Du wirst Deinen Weg gehen - und Du wirst das Leben führen, das Du Dir vorgestellt hast. Daran glaube ich, davon bin ich in meinem Inneren zutiefst überzeugt.
Danke, dass es Dich für uns gibt.
Deine Mama

