Lieber M.,
irgendwann einmal, vor vielen Jahren, in einem ganz anderen Leben, da sind wir uns beruflich bedingt über den Weg gelaufen. Wenn sich dann und wann die Gelegenheit ergab, dann hast Du mich auf einen Kaffee in Dein Büro eingeladen. Und dann saß ich da, betrachtete Dich, Deinen Arbeitsplatz, genoss die Gespräche über Gott und die Welt - und diese freundliche, zurückhaltende Leichtigkeit. Nicht sehr lange vielleicht, nicht sehr ergiebig vielleicht - aber doch so, dass der eine dem anderen im Gedächtnis blieb, auch wenn man sich eines Tages für viele folgenden Jahre aus den Augen verlor.
Menschen miteinander zu verbinden, zu vernetzen, das war womöglich einst die Grundidee von Social Media, und tatsächlich war es dieses Medium, das uns nach all den Jahren wieder zueinander führte. Hast Du mich wiedergefunden oder ich Dich? Ich weiß es heute nicht mehr. Du ja. Du wüsstest es noch. Du wüsstest alles noch immer ganz genau, und ich kann es gerade vor mir sehen, wie Du lächeln und den Kopf schütteln würdest.
Und dann waren sie wieder da, diese Gespräche über Gott und die Welt.
Da war es wieder, dieses Eintauchen in die Farben Deiner Gedanken, so unendlich tief wie das Meer, das Du so liebtest. Ich mochte es, wie Du die Welt siehst, mit welchem Bewusstsein Du auf die Menschen und die Situationen schaust. In jedem Wort, in jedem Satz steckte eine besondere Wertschätzung, wie ich sie kaum bei jemandem anderen je so erfahren habe.
"Die Milch ist für die Kälbchen."
Für immer wird mir dieser Satz in meiner Erinnerung bleiben. Ausgesprochen von Dir als jemand, der aus genau diesem Prinzip heraus keine Kuhmilch trank. Ich kann Dir nicht einmal sagen, warum mich das so berührte. Vermutlich, weil Du mir damit jene Seite von mir vor Augen führtest, die ich an mir eher nicht so mag. Dieser Hang zur Oberflächlichkeit, dann und wann, weil, aber eigentlich kann man ja auch nicht immer nur in die Tiefe gehen, oder? Das würde doch auch zu anstrengend auf Dauer, oder?
Nur... Du warst für mich niemals anstrengend. Im Gegenteil. Ich hab einiges von Dir gelernt, und ich bin so dankbar dafür.
Vor gut vier Jahren betrat ich eine kleine Dorfkirche. Eher aus Neugier, eher aus unbefangener Neugier.
Ich trat ein und kaum durch die Tür getreten, war es da: Dieser Geruch. Dieser Zauber. Eine Erinnerung an die frühe Kindheit bei meiner Großmutter. Die, bei der ich beinah all meine Ferien verbrachte. Die in Ermangelung eines Badezimmers die alte Zinkwanne auf den Küchentisch stellte, um mich darin zu baden. Und ich weiß noch heute, wie ich den Schaum auf meinen Beinen verteilte, zusah, wie er langsam an den Beinen herunterglitt in das Wasser. Und ich betrachtete meine Beine und konnte und konnte mich einfach nicht darauf besinnen, dass das Wort "Haare" hieß - und sagte zu meiner Großmutter: "Oma, meine Federn werden ganz nass."
Die Großmutter, bei der ich das Nähen von Puppenkleidern lernte. Auf deren Sofa ich schlief, während sie immer einen Latschen in der Tür zum Schlafzimmer stellte, damit ich den schwachen Schein ihrer Nachttischlampe sah und mich beruhigt, wohl und geborgen fühlte.
Ich hab Dir erzählt von diesem Moment in der kleinen Dorfkirche. Von diesem besonderen Zauber, der mich mit einem Mal umgeben hatte. Du hörtest mir sehr genau zu und dann fragtest Du mich nach dem Ort dieser kleinen Dorfkirche. Dann hast Du genickt und gesagt: "Es ist genau diese Kirche, in der ich auch war. Und in dieser Kirche wusste ich zum ersten Mal, dass etwas mit mir nicht stimmt."
Dann hast Du mir erzählt, von Deiner Krankheit, von dem, was es für Dich und für Deine Familie bedeutet. Es hat mich zutiefst erschüttert, doch zugleich auch mit Zuversicht erfüllt: Diese Krankheit bringt nicht die schlechteste Prognose mit sich - und was wären wir Menschen denn ohne Hoffnung?
Das ist jetzt drei Jahre her.
Vor den Weihnachtstagen schrieb ich Dir. Es erschienen irgendwann auch zwei blaue Häkchen - doch die Antwort blieb aus. Zu Deinem Geburtstag im Januar schrieb ich Dir erneut; auch hier erschienen zwei blaue Häkchen, jedoch die Antwort blieb erneut aus.
In der vergangenen Woche habe ich sieben Tage am Meer und mit meinen Eltern verbracht. Sieben Tage an einem Ort, der einmal mein Zuhause war. Der sich noch immer als ein Zuhause anfühlt, und von dem ich mich heute frage: Wie kann sich dieses Zuhause eines Tages noch wie mein Zuhause anfühlen, wenn ich meine Eltern nicht mehr habe?
Ich weiß, wie sehr Du diese Insel und das Meer liebtest, und ich wollte Dir erneut schreiben, wollte Dich teilhaben lassen an dem Moment, dort zu stehen, die eisigkalte Luft tief einzuatmen, auf das Meer zu schauen, dessen gefrorene Oberfläche bis weit an den Horizont reichte. Aber da.. da war irgendetwas, das mir sagte: "Schau erstmal nach.."
Und das hab ich getan.
Wer auch immer meine letzten Nachrichten an Dich gelesen hast - Du warst es nicht.
Lieber M., Du hast Dich schon vor einer ganzen Weile von dieser Welt verabschiedet. Du bist nicht mehr da - aber ganz viel von Dir ist immer noch hier. Bei Deinen Liebsten, bei Deiner Familie - und bei mir.
Danke, dass ich Dich kennenlernen durfte.
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