Dienstag, 2. Juni 2026

Long Time No See

 Ich hab ziemlich lange nichts geschrieben. Jedenfalls "lange nicht" für mein Verständnis. Manchmal denke ich darüber nach, wie viel mir das Schreiben früher bedeutet und auch gegeben hat - und wie gut ich ganz oft mit dem Schreiben meine Gedanken sortieren konnte.

Ich hab lange nicht geschrieben, weil mich einer der letzten Kommentare irgendwie verunsicherte. Für mich persönlich ist hängengeblieben: "Was du schreibst, klingt beschwerlich. Was du schreibst, klingt wie jammern. Was du schreibst, klingt wie unglücklich. Was du schreibst, klingt wie 'halt mich und nimm mir alles ab.'"

Öhm. 

Ich weiß nicht, aber.. eigentlich dachte ich eher nicht, ich würde jammern oder Lebensumstände beklagen oder bejammern oder wie auch immer. Wie mein Vater immer zu sagen pflegt: "Es wird nicht gejammert und es wird nicht gebettelt." Genau. Aber vielleicht war das so auch gar nicht gemeint - verunsichert hat es mich dennoch. 

Doch je länger ich darüber nachdachte, desto mehr kam mir der Gedanke auf, ob dieser Eindruck vielleicht deshalb entstanden ist, weil ich immer seltener schreibe? Und nur noch dann, wenn der Platz im Kopf zu eng wird? Wenn die Gedanken raus und geordnet werden wollen? Ach ich weiß auch nicht. Ich weiß nur, dass ich ganz oft in den letzten Wochen "den Stift in der Hand hatte und dann doch wieder beiseite legte". Keine Zeit. Keine Muße. Keinen Kopf. Dann habe ich lieber den Malstift in die Hand genommen und neue Postkarten gepinselt. "Du bist eine Maschine", hat eine Freundin neulich gesagt, "du bringst einen Knaller nach dem anderen." Das sehe ich tatsächlich absolut anders - vielleicht hab ich Ideen, aber die Umsetzung entspricht in den seltensten Fällen dem Bild, das ich in meinem Kopf hab. Vermutlich alles eine Frage der Übung, aber irgendwie... Mit dem Malen ist es halt auch oft so wie mit dem Schreiben: keine Zeit, keine Muße, keinen Kopf. Wenn ich dagegen ihre Kunstwerke sehe, werde ich blass. Dann BIN ich blass. In meinem Office an der Pinnwand hinter mir habe ich ein paar meiner Karten aufgehangen. Ein paar freche Sprüche fürs Office darauf, verschiedene Stile. Dazwischen hängt eine einzige Karte meiner Freundin. Die, die auch mit in unserem Office arbeitet, auch wenn sie schon seit mindestens einem Jahr um ihre Entlassung bettelt (ja, sowas gibts auch; wir wollen sie aber nicht hergeben und noch hat sie nix anderes gefunden). Ein Kollege stand heute Abend in der Tür, sein Blick verweilte auf der Pinnwand und er fragte: "Hast du das alles gemalt? Die sind ja cool!" Und ich antwortete: "Nein, nicht alles, die hier ist von K." 

"Von K.? Unserer K.?"

"Ja genau."

"Wow, das ist ja krass. Das ist ja mega, das hätte ich ja nie gedacht."

Mehr muss man dazu ja auch nicht sagen, oder? :) Aber sie glaubt mir ja nicht, wenn ich sage: "Verkaufe deine Kunst - ich bin die erste, die dir was abkauft. Du wirst sehen, du musst nie mehr arbeiten." Aber na ja. Wahrscheinlich zeichnet echte Künstler aus, dass die eine Ladehemmung nach der anderen "fahren", nicht an sich glauben und auch nix verkaufen, weil sie dann malen "müssen". Und dann geht ja eh nix. 

Und sonst.. Ja was soll ich sagen.. Ich schlafe schlecht. Zu wenig und die Nächte von Pausen durchlöchert. Am Abend bin ich müde, doch wenn ich mich schlafenlege, beginnt mein Herz zu rasen. Dann wälze ich mich hin und her, höre dem Mann beim friedlichen Schnarchen zu, manchmal stehe ich auch wieder auf und schaue bis tief in die Nacht irgendwelche Sendungen. Tagsüber bin ich durch den Job gut abgelenkt. Beende ich die Arbeit, möchte ich mich am liebsten irgendwo verkriechen, wo ich niemanden hören und sehen muss. Wo ich nicht zuhören und nicht reden muss. Wo ich in Ruhe gelassen werde. 

Ich hab Angst. Ich hab wirklich Angst. Seit einem halben Jahr laufen alle Uhren bei uns zu Hause anders - und alles ist irgendwie durchtränkt von dem Gedanken "Was soll werden, wenn ich meine Mama nicht mehr habe?" Noch immer kann ich nicht darüber nachdenken, ohne dass mir die Tränen in die Augen schießen. Es ist nicht nur die Diagnose des aggressiven Blutkrebses. Drei Bluttransfusionen hat sie in fünf Monaten gebraucht trotz der Chemo. Dass sie diese Chemo übrigens so lange machen muss, so lange sie lebt, hat sie dann doch etwas geplättet. Die Blutwerte wollen nicht wirklich besser werden und sie spürt es immer besonders dann, wenn ihre Kraft nachlässt und das Atmen anstrengend wird. Von dem Schock hatte ich mich irgendwie ein bisschen erholt; ich dachte, vielleicht hat sie ja doch noch mehr als die paar Monate, die der Onkologe einschätzte? Und dann kam vor zehn Tagen noch die Diagnose Nierenkrebs dazu. Als sie nach CT und Ultraschall zu mir sagte "Vielleicht ist es ja nur eine Art Gries oder so", dachte ich mir noch "Will sie mich damit beruhigen oder glaubt sie es selbst?" Vermutlich letzteres, denn als der Befund vorlag, hat es dann auch ihr für einen Tag die Beine weggeknickt. Ich selbst war tapfer am Telefon, wirklich. Ganz ruhig und ganz tapfer. Erst als wir auflegten, habe ich mich zum Samstag mittag in mein Bett gelegt und nur noch geweint. Wie lebt man mit solchen Diagnosen und solchen Prognosen? Wie fühlt sie sich damit? Nach außen wirkt sie ruhig und stark, aber es ist ihre ständige Betriebsamkeit, die mir zeigt: Sie will nicht zum Nachdenken kommen.

Jetzt gibt es noch einige Untersuchungen - und dann muss die betroffene Niere raus. 

"Man kann ja auch mit einer Niere genauso gut leben", hat sie drei Tage später gesagt, als sie sich wieder aufgerichtet hat. Drei Tage später, in denen zwei Beerdigungen innerhalb unserer Familie stattgefunden haben. In unserer Familie gehts grad richtig ab... Manchmal muss ich an das Horoskop denken, das den Zwillinge-Geborenen ein fulminantes, fantastisches, in jeder Hinsicht erfolgreiches und erfülltes Jahr 2026 voraus gesagt hat. Ein richtiger Knaller sollte es werden, dieses scheiß Jahr. Irgendwie warte ich da immer noch drauf. Wobei.. Geknallt hat es in diesem Jahr schon einige Male - nur eben ganz anders als vorausgesagt. Ich glaube ja eh nicht an Horoskope; es sei denn, mir gefallen die Prognosen. Aber jetzt möchte ich am liebsten doch jedem Hellseher seine verdammten Karten so tief in den Hals schieben, dass die ungesäuert und unbeschädigt unten wieder rauskommen :(

Und ja, man kann grundsätzlich gut mit einer Niere leben. Aber ein Spaziergang wird diese OP nicht - und schon gar nicht unter ihren persönlichen Voraussetzungen. Also bin ich zu meinen Chefs gegangen; ich habe ja jetzt zwei davon. Eigentlich drei, aber der dritte güldet nicht. Und beiden gesagt, dass ich ab dem Tag, wo sie wieder in die Klinik muss zur OP, mein mit dreihundertzweiundvierzig Überstunden gut gefülltes Konto in Anspruch nehmen und mich um meine Eltern kümmern möchte. Vor Ort. Ich kann auch von da aus arbeiten und ein Stück weit werde ich das auch. Aber nur so, wie es möglich ist. Das Wichtigste sind meine Eltern. Das Allerwichtigste ist jetzt die Mama. 

Insofern.. Ich jammere nicht und ich beklage mich auch nicht. Aber ich bin.. so müde grad. Von innen und von außen. "Wir sind ja alle mal dran", hat mein Jüngster gesagt, "aber wenn man das so in Zahlen sieht, ist das schon sehr bedrückend." Und deshalb hab ich Angst. Nach außen merkt man mir nichts an. Nur der Mann kann sehen, wie ich nachts durch die Wohnung laufe oder auf dem Sofa liege, die Augen groß wie Uhrengläser und dieser Blick, als käme ich gerade vom Mond, wenn er mich anspricht. 

Im Alltag funktioniere ich. Aber tief in mir drin stürze ich jeden Tag neu ab. Und stehe jeden Morgen neu wieder auf. Wenn die Mama stark ist, dann müssen wir das auch sein. 

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